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Russell Kirk lebte von 1914 bis 1994. Er studierte am Michigan State College Geschichte (1936–40) und beendete sein Studium 1941 mit einem Master an der elitären Duke University in North Carolina. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs diente er als Stabsgefreiter in Utah und nützte die ihm zur Verfügung stehende Zeit vor allem zum Studium der stoischen Philosophie. Ab 1946 war Kirk Assistenzprofessor für Geschichte der Zivilisation in Michigan, im Jahr 1952 promovierte er an der ältesten Universität Schottlands, der St. Andrews University, mit einer Arbeit über „The Conservative Mind“. Das Werk machte ihn zum intellektuellen Gründungsvater des amerikanischen Nachkriegskonservatismus und prägte fortan die durch ihn angestoßene konservative Bewegung.[i]
Von Dr. Harald Bergbauer
Herausragende Schriften der 1950er Jahre sind die 1954 erschienene Abhandlung „A Program for Conservatives“ sowie die 1957 veröffentlichte Schrift „The American Cause“. In beiden beschäftigt er sich mit der Natur konservativen Denkens und Handelns, nicht mit Objekten, die entweder im Lichte des Konservatismus oder anderer Strömungen interpretiert werden können. In die 1950er Jahre fällt auch die Gründung zweier Zeitschriften: Im Jahre 1957 entsteht die bis heute führende Zeitschrift des akademischen Konservatismus „Modern Age“, 1960 die ebenfalls heute noch vertriebene Besprechungszeitschrift „The University Bookman“ – wenngleich Letztere seit 2011 nur noch digital verfügbar ist.[ii] Die sich verdichtende Beziehung zu Annette Courtmanche führt 1964 zur Hochzeit zwischen ihnen und – nicht zufällig – zur Konversion von Kirk zum Katholizismus im selben Jahr; der Ehe entstammen vier Töchter. In den 1960er Jahren entsteht eine Studie über denjenigen Denker, dem Kirk fundamentale Grundsätze seines eigenen Denkens verdankt: „Edmund Burke“ (1967), vier Jahre später folgt eine Abhandlung über den englischen Dichter T. S.?Eliot (1971), dem Kirk ebenfalls größte Wertschätzung entgegenbringt.[iii] Im Jahre 1974 veröffentlicht Kirk eine umfassende Abhandlung über „The Roots of American Order“, in der er darlegt, daß die politische und rechtliche Ordnung der Vereinigten Staaten das Ergebnis einer 3.000 Jahre langen Entwicklung ist. Mit Fragen des Rechts und der Politik beschäftigt sich Kirk in der 1990 erschienen Aufsatzsammlung „The Conservative Constitution“ sowie in den beiden Bänden von 1993, „America’s British Culture“ und „The Politics of Prudence“.
Das Gesamtwerk von Kirk ist weit umfangreicher als aus dieser Aufzählung hervorgeht. Kirk veröffentlichte etwa 30 Sachbücher, drei Romane, drei Bücher mit Kurzgeschichten sowie etwa 2.000 Artikel, Essays und Buchbesprechungen. Er verfaßte zahlreiche Vorworte und Einleitungen für Werke anderer Wissenschaftler, schrieb für die von William Buckley gegründete Zeitschrift „National Review“ zwischen 1955 und 1980 wöchentlich eine Kolumne über Erziehung („From the Academy“) und verfaßte 13 Jahre lang die Zeitungskolumne „To the Point“. Unerwähnt sind dabei die zahlreichen öffentlichen Vorträge, die Kirk an verschiedenen Bildungseinrichtungen und Akademien gehalten hat. Nicht nur die Vielzahl seiner Veröffentlichungen ist erstaunlich, sondern auch deren inhaltliche Reichweite – seine Schriften erstrecken sich auf Geschichte, Politik, Philosophie, Religion, Literatur und Ökonomie. Zudem ist auffallend, daß Kirk, trotz seiner erheblichen Schaffenskraft, nie eine feste Anstellung an einer Universität oder sonstigen akademischen Einrichtung innehatte. Dies hat seinen Grund in Kirks expliziter Ablehnung aller diesbezüglichen Angebote, da er, zurückgezogen in seinem Haus in Mecosta (Michigan), als unabhängiger Gelehrter leben wollte. Allerdings suchte er hier sehr wohl den Kontakt anderer Menschen: Sein Haus wurde das Ziel zahlreicher Besucher sowie der Ort einer Vielzahl von Seminaren, an denen im Lauf der Jahre etwa 2.000 Studenten teilgenommen hatten.
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Kirks Hauptwerk ist „The Conservative Mind“. Der Autor widerlegt darin die in den USA lange Jahre vorherrschende Auffassung, das Land sei hauptsächlich durch die politische Philosophie des Liberalismus geprägt. Sowohl historisch als auch ideengeschichtlich gelten die USA gemeinhin als Produkt der Ideen des 18. Jahrhunderts; Kirk bestreitet diese Auffassung entschieden. Er legt in seinem Hauptwerk einen Kanon von Prinzipien vor, die als Hauptmerkmale des Konservatismus gelten, und er präsentiert eine Entwicklungsgeschichte herausragender konservativer Theoretiker und Politiker vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Zu diesen zählen unter anderen Edmund Burke, John Adams, John Randolph, James Fenimore Cooper, Orestes Brownson, Nathaniel Hawthorne, Henry Adams, Irving Babbitt, George Santayana und T. S.?Eliot. Die sechs von Kirk aufgestellten Prinzipien des Konservatismus bilden gewissermaßen das Herzstück seines Denkens und lauten im Einzelnen:
Kirk hat diesen Kanon von 1953 in zwei späteren Artikeln verändert und weiterentwickelt. In einem Artikel seines Buches „Politics of Prudence“ zählt er zehn Grundsätze konservativen Denkens auf. Zu den erwähnten sechs Prinzipien kommen hinzu: die Tugend der Klugheit im Sinne der antiken Philosophie, die Anerkennung der Mangelhaftigkeit der menschlichen Natur, die Notwendigkeit der Beschränkung der menschlichen Leidenschaften sowie die – typisch amerikanische – Wertschätzung freiwillig gegründeter Gemeinschaften, im Gegensatz zum zwangsbewehrten Kollektivismus.[ii]
Russell Kirks zentrales Anliegen ist die Aufrechterhaltung der etablierten Ordnung. Unter Ordnung versteht er dabei „die harmonische Anordnung von Klassen und Funktionen unter Berücksichtigung der Gerechtigkeit und der Herrschaft des Gesetzes, die ein sicheres Zusammenleben gewährleisten“.[iii] Ordnung steht zum Prinzip von Über- und Unterordnung unterschiedlicher Ebenen einer Gesellschaft nicht in Widerspruch, sondern setzt dieses Prinzip voraus. Und das Prinzip der Ordnung ist nur dann zu verwirklichen, wenn Menschen es anerkennen und ihren einmal erworbenen Platz innerhalb der Gesellschaft bereitwillig annehmen. Eine Bedingung für die Verwirklichung von Ordnung ist die Eingliederung der Menschen in eine stufenförmige Ordnung. Nur wenn sich Menschen als Mitglieder von Ordnungen verstehen, läßt sich diese auch institutionell verwirklichen. Ein überzogener Individualismus, der das Individuum als egoistischen Nutzenmaximierer begreift, verhindert die Etablierung von Ordnung. Im Gegensatz zur Abgrenzung und Vereinzelung der Menschen ist deren Zusammenwirken erforderlich. Kirk schreibt: „Menschen sind für die Kooperation gemacht, nicht für den Streit, und Ordnung ist […] die Verwirklichung des Plans der Vorsehung, die uns zu gegenseitigen Hütern gemacht hat.“[iv] Das Ordnungsdenken von Russell Kirk speist sich aus historischen Erfahrungen und steht im strikten Gegensatz zu den politischen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts (Liberalismus, Marxismus, Sozialismus, Anarchismus, Totalitarismus); es versteht sich als „Negation der Ideologien“[v], die nichts anderes als intellektuelle Produkte von weltfremden Metaphysikern und idealistischen Weltverbesserern sind.
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Kirks Hauptwerk trägt den Titel „The Conservative Mind. From Burke to Eliot“. Dieser Titel ist nicht zufällig gewählt. Kirks Denken ist von den beiden im Untertitel genannten Denkern stärker geprägt als von allen anderen Theoretikern. Vor allem die Auseinandersetzung mit Burke durchzieht Kirks eigenes Werk wie ein roter Faden. Dieser gilt wegen seiner 1790 erschienenen Schrift „Thoughts on the Revolution in France“ allgemein als Begründer des Konservatismus, da er in ihr eine der wortreichsten und hellsichtigsten Kritiken der ein Jahr zuvor ausgebrochenen Revolution der Öffentlichkeit präsentierte. Kirks Begründung des amerikanischen Konservatismus ist insofern originell, als Burkes Werk in den Vereinigten Staaten zuvor nie besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Kirk „transportiert“ das Gedankengut von Burke auf den amerikanischen Kontinent und macht es durch die Popularität seines eigenen Werkes bekannt und präsent.
Edmund Burke wurde 1729 in der irischen Hauptstadt Dublin geboren. 1750 wechselte er zum Studium nach London, wo er 1756 die Schrift „A Vindication of Natural Society“ und 1757 das Werk „Philosophical Enquiry into the Origins of our Ideas of the Sublime and Beautiful“ veröffentlichte. Durch beide Schriften machte sich Burke rasch einen Namen. Vor allem die Beziehungen zu dem Marquis of Rockingham, der zu den einflußreichsten Whig-Politikern der Zeit zählte, ebneten Burke den Einstieg in die Politik. Im Jahr 1765 wurde Burke in das britische Parlament gewählt, dem er bis 1794 angehörte. Seine politische Laufbahn in diesen fast drei Jahrzehnten ist durch den – politisch nicht unproblematischen – Einsatz für die amerikanischen Kolonien ebenso gekennzeichnet wie durch seine Kritik an der Indienpolitik von Warren Hastings, dem Gouverneur von Bengalen. Den Höhepunkt in Burkes Karriere bildet die schonungslose Abrechnung mit den Vorgängen in Frankreich zwischen 1789 und 1790, die auch von der Befürchtung getragen ist, die radikalen Ideen der Französischen Revolution könnten ganz Europa entzünden und in Mitleidenschaft ziehen. Ein Blick auf Burkes Leben zeigt ein Leben der Spannungen: Konfessionell steht er zwischen dem Protestantismus seines Vaters und dem Katholizismus seiner Mutter; geographisch lebt er als gebürtiger Ire in Englands Hauptstadt; im Hinblick auf das soziale Milieu ist er ein unbegüterter Bürgerlicher, der sich im Kreise reicher Adliger und Aristokraten bewegt; und seine intellektuellen Interessen positionieren ihn zwischen die Tagespolitik Englands im 18. Jahrhundert und philosophischen Überzeugungen, die Raum und Zeit oftmals übersteigen.[1]
Burke ist seit 1765 Mitglied der britischen Whigs. Diese politische Gruppierung formierte sich vor allem in den Jahren vor der „Glorious Revolution“ von 1688/89. Im Gegensatz zu den konservativen Tories treten die Whigs für politischen und wirtschaftlichen Liberalismus ein, befürworten den Freihandel und zugleich ein starkes Parlament. Die Zugehörigkeit zu den Whigs ist für den Begründer des (britischen) Konservatismus zweifellos bemerkenswert. Von Interesse ist die Frage, inwiefern sich diese Zuordnung inhaltlich Ausdruck verschafft hat. Eine der zentralen philosophischen Positionen von Burke bezieht sich auf die Rolle des Vorurteils. Versteht man darunter gewöhnlich eine ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefaßte oder übernommene Meinung, so erfährt das Vorurteil bei Burke größte Wertschätzung, da in ihm weniger individuelle Vorlieben oder Abneigungen zum Ausdruck kommen als vielmehr über Jahre und Jahrzehnte gemachte Erfahrungen von Einzelnen und ganzen Gesellschaften. Ein anderes theoretisches Kernstück von Burkes politischer Theorie bildet seine Charakterisierung der Gesellschaft und des Staates. Er bezeichnet den Staat – im Gegensatz zur Gesellschaft privater Individuen – als „eine Verbindung von ganz anderer Art und von ganz anderer Wichtigkeit. Er ist nicht bloß eine Gemeinschaft in Dingen, deren die grobe tierische Existenz des vergänglichen Teils unseres Wesens bedarf, er ist eine Gemeinschaft in allem, was wissenswürdig, in allem, was schön, in allem, was schätzbar und gut und göttlich im Menschen ist. Da die Zwecke einer solchen Verbindung nicht in einer Generation zu erreichen sind, so wird daraus eine Gemeinschaft zwischen denen, welche leben, denen, welche gelebt haben, und denen, welche noch leben sollen“.[2] Im Hinblick auf die politische Ordnung befürwortet Burke eine Mischverfassung, die im Falle Englands auf dem Gleichgewicht von Monarchie, dem House of Lords und dem House of Commons besteht. Burkes Verteidigung der Monarchie schließt dabei weder die Existenz der einzelnen Gesellschaftsklassen aus noch den grundsätzlichen Wandel und die Weiterentwicklung der politischen Ordnung. Nicht unerwähnt sei schließlich die Rolle von Friedrich Gentz, der Burkes Hauptwerk im Jahre 1793 ins Deutsche übersetzte und als politischer Berater des Fürsten von Metternich („Außerordentlicher Hofrat“) Burkes Gedankengut ins damalige Zentrum der europäischen Machtpolitik übertrug.[3]
Sucht man gezielt nach Parallelen im Werk von Edmund Burke und Russell Kirk, so ist den folgenden drei Gebieten besondere Aufmerksamkeit zu schenken:
Das Vorurteil als Erfahrungsschatz
Edmund Burke preist die Instanz des Vorurteils als Summe von Erfahrungen, die Menschen in der Vergangenheit gemacht haben; das Vorurteil ist ein konzentrierter Erfahrungsschatz, der Menschen auf ihren Wegen begleitet und ihnen intuitiv den rechten Weg weist. Das Vorurteil ist nicht nur „eine Triebfeder von schneller Anwendbarkeit in der Not“, sondern aufgrund des in ihm konzentrierten Erfahrungswissens „eine feste Bahn der Tugend und Klugheit“[4]. Sie macht den Menschen nicht nur nicht zum Spielball verschiedener und sich widersprechender Standpunkte, sondern ist ein Pfad zur tugendhaften und klugen Lebensführung. Dieser ungewöhnlichen Wertschätzung des Vorurteils durch Edmund Burke steht Russell Kirk sehr nahe. In seiner Abhandlung über „The Conservative Mind“ bezeichnet er das Vorurteil als „das halbbewußte Wissen, das den Menschen befähigt, ohne lange Diskussionen mit seinen Problemen fertig zu werden“, es bietet dem individuellen Gewissen einen festen Halt. Das Vorurteil stellt eine Grenze des Individualismus dar, da es eine „Art kollektiver Weisheit“ verkörpert, „die sich im Laufe von Tausenden von Generationen angesammelt hat“[5]. In der Schrift „A Program for Conservatives“ bezeichnet er das Vorurteil deshalb als gelehrten Traktaten oftmals überlegen.[6] Es bindet das Individuum in den historischen Strom der menschlichen Gattung ein und verbürgt damit die Fortsetzung von Tradition und Geschichte.
Der Konservatismus zwischen Erhalt und Reform
Russell Kirk ist ebenso wie Edmund Burke ein Verfechter des sogenannten Reformkonservatismus. Jede Gesellschaft ist gleichzeitig mit der Situation des Erhalts und der Reform ihrer historischen Errungenschaften konfrontiert; die beiden Elemente der Konservation und der Progression fordern Gesellschaften stets aufs Neue heraus. Obwohl Kirk dem Erhalt überlieferter Gewohnheiten und Gebräuche den Vorrang vor ihrer Veränderung einräumt, sieht und betont er die Notwendigkeit des Fortschritts: „Der Wandel ist für eine gute Gesellschaft von zentraler Bedeutung“ und: „Eine gesellschaftliche Einheit, die aufgehört hat, sich zu erneuern, hat bereits begonnen, zu sterben.“[7] Im Hinblick auf die Vereinigten Staaten läßt sich ein Fortschritt nicht bestreiten. Kirk betont, daß ein Fortschreiten der amerikanischen Gesellschaft in mehreren Hinsichten zwar völlig zutreffend sei, dass aber dieser Fortschritt in den USA ein Fortschritt innerhalb des Rahmens der Tradition gewesen sei: „Indem wir diesen Fortschritt verwirklicht haben, haben wir die moralischen und politischen Institutionen fast unberührt gelassen, mit denen unsere Republik ihren Anfang nahm.“[8] Die tragenden Prinzipien der Gründerzeit sind erhalten, es ist lediglich ihre Anwendung, die dem Wechsel unterworfen ist. Kirk verweist in seinem Werk wiederholt auf die Gründungsgeschichte der USA und deren Verfassung, in der zentrale Werte verfassungsrechtlich festgeschrieben wurden, und gleicht auch in diesem Punkt Burke, der Englands moralische Überzeugungen und politische Institutionen als Ergebnis eines jahrhundertelangen Prozesses bezeichnet.
Der Einfluß von Burke und Kirk auf nachfolgende Generationen
Zu Beginn seines Werkes über „The Conservative Mind“ nimmt Russell Kirk eine wichtige Eingrenzung seines Themas vor. Er schreibt: „Dieses Werk beschränkt sich […] auf britische und amerikanische Denker, die für Tradition und überlieferte Einrichtungen eintraten. Von allen großen Nationen sind nur England und Amerika seit 1790 von einer Revolution verschont geblieben, was den Schluß nahelegt, daß ihr Konservatismus ein kräftiges Gewächs sein muß.“ Da trotz dieser geographischen Eingrenzung eine unüberschaubare Vielzahl von Autoren als Repräsentanten des (englischen und amerikanischen) Konservatismus angeführt werden könnten, liefert Kirk für die Auswahl von Denkern für seine Darstellung ein weiteres Kriterium: Er betont, „daß dieses Buch sich auf Denker von Burkes Richtung beschränkt“.[9] Mit dieser (leicht mißverständlichen) Aussage wird nicht behauptet, daß Edmund Burke für Theoretiker wie John Adams, Alexander Hamilton, Walter Scott, John Randolph, James Fenimore Cooper, Orestes Brownson, Nathaniel Hawthorne, Benjamin Disraeli, Irving Babbitt, George Santayana u. a. das theoretische Vorbild sei; sie bewegen sich lediglich in der gleichen Richtung. An tatsächlichen Nachfolgern von Edmund Burke aber darf dennoch eine stattliche Anzahl berühmter Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts angeführt werden. Karl Ballestrem nennt erstens Liberalkonservative wie Friedrich Gentz, Ernst Brandes und August Rehberg, zweitens monarchische Legitimisten wie Louis de Bonald und Joseph de Maistre, drittens romantische Konservative wie Friedrich von Hardenberg (Novalis) und Adam Müller. Viertens ist auf William Buckley, William Lecky, John Morley und Leslie Stephen zu verweisen, die in Burke einen Empiristen und Naturrechtskritiker sowie einen Apostel politischer Klugheit sahen. Von Bedeutung war Burke schließlich in der Mitte des 20. Jahrhunderts für Francis Canavan, Gerald Chapman, Dietrich Hilger, Peter Stanlis und Leo Strauss.[10] Daß Burke für den Begründer des amerikanischen Konservatismus, Russell Kirk, ein zentraler Wegbereiter und Wegbegleiter war, erhellt sowohl aus Kirks eigenen Stellungnahmen wie aus dem Geist seines Werkes.
In ähnlicher Weise, wie Edmund Burkes Denken einen weitreichenden Einfluß auf das 19. und 20. Jahrhundert aufweist, gilt Russell Kirk als Zentralgestalt für den amerikanischen Konservatismus nach dem Zweiten Weltkrieg. So betont George Nash, daß Kirks 1953 erschienenes Werk über „The Conservative Mind“ „in dramatischer Weise das Entstehen der konservativen intellektuellen Bewegung katalysiert“[11] habe, und John P. East bezeichnet Kirk in seiner Darstellung des amerikanischen Konservatismus nach 1945 als „den hauptsächlichen intellektuellen Begründer“[12] desselben. Der amerikanische Nachkriegskonservatismus tritt in mindestens drei Gestalten in Erscheinung: erstens als „klassischer Liberalismus“ (mit Friedrich von Hayek, Ludwig von Mises, Albert Jay Nock, Frank Chodorov u. a.), zweitens als „Traditionalismus“ (mit Russell Kirk, Richard Weaver, Peter Viereck, Eric Voegelin, Leo Strauss u. a.) und drittens als „Antikommunismus“ (mit Eugene Lyons, James Burnham, Frank Meyer, Whittaker Chambers u. a.).[13] Kirk hatte mit den anderen Vertretern des Traditionalismus zum Teil engen Kontakt und begleitete durch seine zahlreichen Artikel, Bücher und öffentliche Vorträge in den Vereinigten Staaten die konservative Bewegung bis in die frühen 1990er Jahre. Die von ihm 1957 gegründete Vierteljahreszeitschrift „Modern Age“ ist Kirks Auslegung des Konservatismus bis in die Gegenwart treu und setzt sein Erbe auch im 21. Jahrhundert fort.
Russell Kirk: Lebendiges politisches Erbe. Freiheitliches Gedankengut von Burke bis Santayana (1790–1958), Erlenbach-Zürich u. a.: Eugen Rentsch Verlag, 1959 (englisches Original: The Conservative Mind)
Russell Kirk: Prospects for Conservatives, Washington, D. C.: Regnery Gateway, 1989
Russell Kirk: The Politics of Prudence, Bryn Mawr (Pennsylvania): Intercollegiate Studies Institute, 1993
Russell Kirk: America’s British Culture, New Brunswick (New Jersey) 1993
Russell Kirk: Edmund Burke. A Genius Reconsidered, Wilmington (Delaware): Intercollegiate Studies Institute, 1997
Russell Kirk: The Conservative Mind. From Burke to Eliot, 5. Aufl., Washington D. C.: Regnery Publishing, 2001
Wesley W. McDonald: Russell Kirk and the Age of Ideology, Columbia u. a.: University of Missouri Press, 2004
George Nash: The American Conservative Intellectual Movement in America since 1945, Wilmington (Delaware): Intercollegiate Studies Institute, 1998
James E. Person: Russell Kirk. A Critical Biography of a Conservative Mind, Lanham u. a.: Madison Books, 1999
Robert Zimmer: Edmund Burke zur Einführung, Hamburg: Junius, 1995
Dr. Harald Bergbauer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an der Hochschule für Politik München und an der Universität der Bundeswehr. Er promovierte mit einer Arbeit über „Eric Voegelins Kritik an der Moderne“ (2000) und beschäftigt sich seitdem schwerpunktmäßig mit den politischen Ideologien Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus, dem US-amerikanischen Konservatismus und dem sozio-ökonomischen System Deutschlands.
Veröffentlicht in dem Buch „Gegen die Krise der Zeit“.
[1] Vgl. zu Leben und Werk von Edmund Burke die kenntnisreiche Überblicksdarstellung von Robert Zimmer: Edmund Burke zur Einführung, Hamburg: Junius, 1995.
[2] Burke, Edmund: Betrachtungen über die Französische Revolution, hrsg. v. Ulrich Frank-Planitz, Zürich: Manesse Verlag, 1987, S.?195.
[3] Siehe zu Friedrich Gentz und dessen Rolle in der europäischen Politik im Einzelnen die Monographie von Golo Mann (Friedrich Gentz, Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2010).
[4] Burke, Edmund: Betrachtungen über die Französische Revolution, a. a. O., S.?179.
[5] Kirk, Russell: Lebendiges politisches Erbe, a. a. O., S.?51.
[6] Vgl. ders.: A Program for Conservatives, Chicago: Henry Regnery Company, 1962, S.?209.
[7] Kirk, Russell: Prospects, 24.
[8] Ebd., S.?27.
[9] Kirk, Russell: Lebendiges politisches Erbe, a. a. O., S.?9–10.
[10] Vgl. zu dieser Aufzählung Karl Graf Ballestrem: Edmund Burke, Betrachtungen über die Revolution in Frankreich (1790), in: Brocker, Manfred (Hrsg.): Geschichte des politischen Denkens. Ein Handbuch, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2007, S.?364–372, hier S.?370–371.
[11] Nash, George: The Conservative Intellectual Movement in America, a. a. O., S.?61 (eigene Übersetzung).
[12] East, John P.: The American Conservative Movement. The Philosophical Founders, Chicago u. a.: Regnery Books, 1968, S.?17.
[13] Nash, George: The Conservative Intellectual Movement in America, a. a. O., S.?61.
Der Beitrag wurde zuerst in dem von Daniel Führung herausgegebenen Buch „Gegen die Krise der Zeit“ veröffentlicht, in dem sich Portraits von Denkern wie Julius Evola, Ernst Jünger, Nicolas Gomez Dávila, Carl Schmitt, Robert Spaemann, Günter Maschke und anderen finden.
Daniel Führing Gegen die Krise der Zeit Konservative Denker im Portrait
280 Seiten, HC
Ares Verlag, 2013
€ 32,00