Der Krieg, den die Peloponnesier und die Athener gegeneinander geführt haben, war für die Hellenen die allergrößte Erschütterung und Umwälzung. So sagt es Thukydides (454–ca. 399 v. Chr.), der mit der Darstellung dieses Krieges seinen Ruhm als Vater der Geschichtswissenschaft begründete, zu Beginn seines Werkes.[i] Bengtson nennt diesen Krieg das größte Ereignis der griechischen Geschichte seit dem Kriegszuge des persischen Königs Xerxes gegen Griechenland und bezeichnet ihn als universalhistorisches Ereignis ersten Ranges und Wendepunkt in der Geschichte der alten Welt.[ii] Dieser Krieg dauerte 30 Jahre. An dessen Ende war Athen vernichtet. Aber nicht nur Athen. Die klassische Zeit Griechenlands war vorbei. Athen, die geistige Hauptstadt der antiken Welt, verlor seinen Glanz und wurde im Hellenismus zur einfachen Provinzstadt und unter römischer Herrschaft musealer Kurort für römische Ruheständler.[iii] Mit der Christianisierung des römischen Reiches[iv] kamen Athen und Griechenland ganz herab. Der Peloponnesische Krieg und die folgende Geschichte Griechenlands wurden so zum Zeichen der Vergänglichkeit irdischer Größe.[v] Vor allem aber wurde dieser Krieg ein Beispiel dafür, wie die griechische Hochkultur sich selbst zerstört hat.
Von Dr. Menno Aden
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Vor 1914 gewannen fünf Deutsche den Chemie-Nobelpreis (Emil Fischer, Adolf von Baeyer, Eduard Buchner, Wilhelm Ostwald und Otto Wallach), weitere fünf Deutsche gewannen den Nobelpreis für Physik (Wilhelm Konrad Röntgen, Philipp Lenard, Ferdinand Braun, Wilhelm Wien und Max von Laue), weitere vier den Nobelpreis für Medizin (Emil von Behring, Robert Koch, der Entdecker der Erreger von Milzbrand, Tuberkulose und Cholera, Paul Ehrlich und Albrecht Kossel) sowie für Literatur Theodor Mommsen, Rudolf Eucken, Paul Heyse und Gerhart Hauptmann (Thomas Mann und Hermann Hesse erhielten erst nach dem Ersten Weltkrieg ihre Literatur-Nobelpreise, Nelly Sachs, Heinrich Böll, Günter Grass und Hertha Müller erst nach dem Zweiten Weltkrieg).
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So auch das abendländische Europa. Im Jahre 1913 stand Europa auf dem Gipfel seiner Weltbedeutung. Fast die ganze Erde wurde von europäischen Mächten beherrscht. Europäer hatten ihre Gedankenwelt und ihren Lebensstil, ihre technischen Erfindungen und Vorlieben mit Sendungsbewußtsein vermischt mit rassischer Hybris bis in entlegenste Regionen auf anderen Kontinenten getragen.[i] Im Jahr darauf begann der Europäische Bürgerkrieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn. Was Thukydides über den von ihm beschriebenen Krieg sagt, gilt mutatis mutandis auch für den 1914 ausgebrochenen Krieg. Die Kriegsparteien zogen in der Vollkraft ihrer Kriegsrüstung in den Kampf, und das übrige Europa schloß sich teils sofort, teils zögernd einer der beiden Seiten an. Dieser Krieg war die gewaltigste Erschütterung, die Europa und ein Teil der außereuropäischen Länder, ja fast die ganze Menschheit erlebt hat. Als dieser ebenfalls nach 30 Jahren 1945 endete, war dieses Europa zerstört und vernichtet. Ferguson nennt sein Buch The War of the World im Untertitel zu Recht: Der Konflikt des 20. Jahrhunderts und der Niedergang des Westens.[ii]
Im Folgenden wird das Phänomen beschrieben, daß zwei Hochkulturen sich auf dem Gipfel ihrer Blüte selbst zerstörten. Weiter wird versucht, eine universalgeschichtliche Antwort auf die Frage nach dem Grund dieses merkwürdigen Phänomens zu geben.
In der Stadt Epidamnos (= heute Durrës/Albanien) war der damals in vielen griechischen Städten schwelende Streit zwischen Demokraten und Patriziern zum Ausbruch gekommen.[iii] Die Patrizier wurden verjagt. Ähnlich wie die 1789 von der Revolution vertriebenen französischen Adligen sich in Deutschland sammelten und von dort aus für den Kampf gegen die Revolution warben, so scheint es nach dem Bericht des Thukydides (I, 23 ff) damals in Epidamnos gewesen zu sein. Die Patrizier bedrohten, so berichtet Thukydides, Epidamnos mithilfe der Barbaren, zu denen sie sich geflüchtet hatten. Dagegen baten die Demokraten Korkyra[iv] um Hilfe. Die wurde versagt. Daraufhin wandten sich die Demokraten an Korinth. Korinth gewährte Hilfe und schickte eine Flotte gegen Epidamnos und Korkyra. Korkyra fand nun Athen als Verbündete gegen Korinth. Korinth war politisch und als Handelsstadt Hauptkonkurrentin von Athen. Aus einer engen Verbindung zwischen Korinth und Korkyra befürchtete Athen, von dem Handel mit den Griechenstädten in Süditalien abgeschnitten zu werden (Bengtson, S. 218). Die Korinther suchten daraufhin Hilfe in Sparta, das von jeher mit Athen in gespanntem Verhältnis stand. Zwischen beiden Städten bestand eine Art Nichtangriffspakt, der, wie es bei Verträgen, deren Grundlage sich geändert hat, oft geschieht, kontrovers ausgelegt wurde. Die Ereignisse verselbständigten sich, und der große Krieg begann.
Das waren aber nicht die wahren Gründe. Thukydides sagt nämlich (I, 23 a.E.): „Der der Wahrheit am nächsten kommende Grund (alhqestathn profasin), der freilich nie offen ausgesprochen wurde, war meines Erachtens das Hochkommen Athens, das den Lakedämoniern Angst einflößte und sie in den Krieg trieb.“ Bengtson sieht das auch so (S. 217): Die tieferen Gründe für den Krieg lagen in dem athenisch-spartanischen Dualismus. Der eigentliche Kriegsgrund waren also Eifersucht und Haß der griechischen Städte auf Athen. Der Aufruf, aufgrund dessen Sparta sich zum Kampf gegen Athen entschloß, war: „Laßt die Athener nicht zu mächtig werden.“ (I, 86)
Über die Gründe zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist so viel geschrieben worden, daß hier nur festzustellen ist, wie sehr sich die Abläufe 1914 und 431 ähneln. Die europäischen Bündnissysteme wirkten, als der Krieg in der Julikrise 1914 drohe, lähmend und kriegstreibend auf die politischen Führungen. Am 28. Juni 1914 war das österreichisch-ungarische Thronfolgerpaar in Sarajevo ermordet worden. Am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Dieses war mit dem Zarenreich zwar nicht förmlich verbündet, aber Rußland wollte es nicht hinnehmen, daß Österreich und indirekt das Deutsche Reich die stärkste Macht auf dem Balkan würden. Auf die russische Mobilmachung erfolgte die Kriegserklärung Deutschlands an Rußland. Daraufhin machte Frankreich mobil und Deutschland erklärte am 3. August den Krieg an Frankreich. Die Ereignisse verselbständigen sich, und der große Krieg begann. Das waren aber nicht die wahren Gründe. Was Thukydides zu seiner Zeit geschrieben hatte, konnte ohne weiteres auf die Lage um 1914 übertragen werden: Der eigentliche Grund, der allerdings nie offen ausgesprochen wurde, war das Hochkommen Deutschlands, das die Europäer in den Krieg trieb.
Es ist beachtlich, daß Thukydides von einem Krieg spricht, den die Peloponnesier, also Sparta und seine Verbündeten, gegen Athen führten, also viele gegen nur einen Gegner. So auch der Europäische Bürgerkrieg: Thomas Mann spricht von der „Entfesselung des Weltkrieges gegen Deutschland“.[v]
Die politische Lage Deutschlands glich der Athens. Athen hatte die Hauptlast der Perserkriege getragen und das meiste zum Sieg beigetragen. Nach dem Ende der Perserkriege begann Athen seinen Aufstieg zur kulturellen und politischen Vormacht der griechischen Staatenwelt. Es gab praktisch auf allen Gebieten den Ton an. Ähnlich Deutschland. Es hatte die Hauptlast der französischen Besetzung getragen und es hatte das meiste zum Sieg über Napoleon beigetragen. Nach dem Sieg begann ein (Wieder-)Aufstieg Deutschlands, der insbesondere nach dem militärischen Erfolg über Frankreich und der Reichseinigung von 1871 zwar bewundert wurde, aber keine Freundschaften erwarb. Deutschland hatte in allen Bereichen von Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik mit seinen Nachbarn nicht nur gleichgezogen, sondern sie oft überholt.[vi] Als Indiz dafür kann der seit 1901 vergebene Nobelpreis gelten. Bis zum Jahre 1914 ergibt sich folgende Liste der Preisverteilungen, wonach Deutschland mehr Preise gewonnen hatte als alle anderen zusammen.
Ähnlich wie bei den griechischen Städten gegen Athen hatte sich bei den Europäern seit 1870 ein Haß gegen Deutschland aufgebaut, der oft ein Gefährte des Neides ist und zumal dann entsteht, wenn ein Erfolgreicher zuvor als unterlegen wahrgenommen worden war. Reichskanzler Fürst Bülow schreibt: „Im Grunde mochten uns die anderen alle nicht. Solche Antipathie gegen uns bestand schon, bevor der Neid auf unsere von Bismarck geschaffene Macht und Wohlfahrt die Abneigung gegen uns noch erheblich verschärfte.“[vii]
Die Urteile über Deutschland verhärteten sich: In England meinte Henry Mayhew 1864, die Deutschen seien ein „unzivilisiertes, angeberisches Volk, das in einem anstößigen Zustand der Verschmutzung und Liederlichkeit“ lebe.[viii] Nach dem verlorenen Krieg entstand in Frankreich eine umfangreiche Revancheliteratur.[ix] Das war unfreundlich, aber noch nicht gehässig. Dazu wurde die Stimmung aber. Einige Beispiele:
Der Bischof von London sagte am 28.11.1915 in einer Predigt: „Everyone that puts principle above ease and life itself beyond mere living, is banded in a great crusade to kill Germans. ... to save the world, to kill the good as well as the bad, to kill those who have shown kindness to our wounded as well as the fiends.“ – „Jeder, dem Prinzipien über Bequemlichkeit und das Leben über das bloße Lebendigsein gehen, schließt sich dem großen Kreuzzug an, um Deutsche zu töten ... um die Welt zu retten, die Guten ebenso wie die Bösen zu töten, diejenigen zu töten, die unseren Verwundeten Güte erwiesen haben ebenso wie die Bösartigen.“[x]
Leon Bloy (1846–1917), Romanautor und katholischer Pamphletist, schreibt: „Hätte ich die Ehre eines militärischen Kommandos, ich würde niemals zustimmen, einen Deutschen als Soldaten anzuerkennen, und niemals hätte ich Stricke genug, um die Gefangenen aufzuhängen.“[xi]
Gebet im US-Kongreß vom 10. Januar 1918: Allmächtiger Gott! Du weißt o Herr, daß wir in einem Kampf auf Tod und Leben stehen gegen eine der gemeinsten, übelsten, gierigsten, geilsten, blutrünstigsten, sündhaftesten und habgierigsten aller Nationen, die jemals das Buch der Geschichte geschändet haben … Wir bitten dich, o Herr, entblöße deinen mächtigen Arm und schlage das große Rudel dieser hungrigen wölfischen Hunnen zurück von deren Fingern Blut und Schleim tropfen … Dir sei Lob und Preis immerdar, durch Jesus Christus, Amen.[xii]
Der französische Botschafter am Zarenhof Paléologue vermerkt am 11. August 1914 in seinem Tagebuch: „Die Gehässigkeit gegen die Deutschen gibt sich in ganz Rußland durch Gewalttaten und Plünderungen kund. Die Vorherrschaft, die Deutschland auf allen Gebieten des ökonomischen Lebens Rußlands errungen hatte, und die schon meistens einer Monopolstellung gleichkam, rechtfertigt diese heftige Auflehnung des Nationalbewußtseins nur allzu sehr.“
Sigmund Freud schreibt 1915 in „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“: „Der Krieg … ist nicht nur blutiger und verlustreicher als einer der Kriege vorher, … sondern mindestens ebenso grausam, erbittert, schonungslos wie irgendein früherer … Er brachte auch das kaum begreifliche Phänomen zum Vorscheine, daß … eine der großen Kulturnationen (gemeint: Deutschland) so allgemein mißliebig ist, daß der Versuch gewagt werden kann, sie als barbarisch von der Kulturgemeinschaft auszuschließen.“
Haß und Rache können auch die deutliche Stimme des eigenen Interesses u?berta?uben. Aber auch die Geschichte von König Krösus von Lydien scheint sich immer wieder zu ereignen (Herodot 1, 71 f): Krösus wollte sein Nachbarreich ausschalten und befragte das Orakel von Delphi nach seinen Siegesaussichten. Die Pythia antwortete: „Wenn du den Halys (=den Grenzfluß) überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.“ Krösus verstand diesen Spruch als Prophezeiung eines Sieges. Krösus verlor aber den Krieg, das große Reich, das die Pythia gemeint hatte, war sein eigenes. Das Orakel hatte die Wahrheit gesprochen. Als Großbritannien und Frankreich 1939 den Halys überschritten, um angeblich Polen zu retten und Deutschland den Krieg erklärten, setzen sie ihre eigenen Reiche zum Pfand und verloren. Die Chicago Tribune schrieb am 4. August 1945, also nach dem Sieg über Deutschland: „From now on Britain lives among the faded glories of the past. She fought to prevent the unification of Europe under German only to see the same objective under Russian leadership. – Von nun an lebt Großbritannien im verblaßten Glanz der Vergangenheit. Es kämpfte gegen die Vereinigung Europas unter deutscher Führung, nur um unter russischer Führung dasselbe Ziel zu erleben.“
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Die Eskalation vom noch beherrschbaren Konflikt bis zum (Selbst-)Vernichtungskrieg kann am Beispiel der Mehrphasenkriege gezeigt werden.[i] Die einzelnen Phasen werden von den Zeitgenossen als abgeschlossene Ereignisse erlebt. Aber in der Rückschau stellen sie sich als einheitliches Kriegsgeschehen dar.[ii] Auch die größten Kriege beginnen aus Anlässen, um die sich im Verlauf niemand mehr schert. Der brutale, allesvernichtende große Krieg ist fast nie gewollt. Er entwickelte sich aber nach dem Muster: Wer A sagt, muß auch B sagen. In der ersten Phase halten die Gegner sich noch an gewisse mäßigende Regeln des Völkerrechts. Der Besiegte wird teilentmachtet oder der Kampf bleibt unentschieden. Ihm folgt eine zweite Phase. Meistens ist es der im Wesentlichen intakt gebliebene Besiegte, der aufbegehrt. Der Kampf wird entschlossener und je nach dem Fortgang rücksichtsloser. Der Besiegte wird nun fühlbar getroffen. Kann er sich wieder aufrichten, folgt eine dritte Phase, in welcher ohne Rücksicht auf eigene oder fremde Verluste um einen Sieg gekämpft wird, der auch für den Sieger in keinem Verhältnis mehr zu den erbrachten Opfern steht. Aus alter und neuer Zeit ist eine Reihe solcher Mehrphasenkriege zu nennen. Die Friedensschlüsse oder Waffenstillstände zwischen den einzelnen Phasen mögen ernsthaft gemeint sein, aber die politischen Interessen sind so mächtig oder die in den ersten Phasen gegenseitig zugefügten Wunden so tief, daß der Kampf immer wieder aufflammt und solange geführt wird, bis eine Seite am Boden liegt und oft auch ganz aus der Geschichte verschwindet.
– Samnitenkriege (343–290 v. Chr.): Erster Krieg (343–341 v. Chr.): Die volkreiche Eidgenossenschaft der Samniten südlich von Rom steht der römischen Expansion entgegen. Zweiter Krieg (326–304): Samniten und ihre Verbündeten kämpfen für ihre immer mehr bedrohte Unabhängigkeit. Schwankender, für beide Seiten verlustreicher Krieg. Die unterliegenden Samniten werden auf ihr Kernterritorium zurückgedrängt. Dritter Krieg (298–290): Rom provoziert den Krieg. Die samnitische Eidgenossenschaft sammelt letzte Kräfte und verliert erneut. Die Samniten verschwinden fast spurlos.
– Punische Kriege: Erster Krieg (264–241 v. Chr.): Rom provoziert den Krieg. Karthago wird aus Sizilien vertrieben. Zweiter Krieg: (218–201): Karthago erhebt sich wieder. Hannibal treibt Rom in der Schlacht bei Cannae (216) an den Rand des Unterganges. Karthago wird daher am Ende umso mehr abgestraft, gedemütigt und deklassiert. Dritter Krieg (149–146): Karthago wird vernichtet und verschwindet praktisch ohne Spuren zu hinterlassen aus der Geschichte.[iii]
– Makedonische Kriege: Im ersten Krieg (215–205 v. Chr.) wird Makedonien dadurch entmachtet, daß Rom ein Bündnis der griechischen Staaten gegen Makedonien unter römischer Führung zustande bringt. Der zweite Krieg (200–197): Nach der Schlacht bei Kynoskephale geht die Hegemonie über Griechenland auf Rom über. Dritter Krieg (171–168): Rom siegt in der Schlacht bei Pydna. Makedonien und Griechenland werden römische Provinzen.
– Mithradarische Kriege: Der erste Krieg (88–84 v. Chr.) war eine Art Polizeiaktion Roms, um Mithradates in seine Grenzen zu weisen. Der zweite (83) bekräftigte das Ergebnis des ersten. Der dritte Krieg (74–64) führte zur Vernichtung des Mithradates und seines Reiches. Rom wird Herrin von Kleinasien und Armenien. Von Mithradates verliert sich die Spur.
– Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) zerfällt in drei oder vier Phasen. Den Anfang machte der Böhmisch-Pfälzische Krieg (1618–1623). Die zweite Phase war der dänisch-niedersächsische Krieg (1625–1629), in welchem Wallenstein die Protestanten fast zu Paaren trieb. Die dritte Phase war der besonders grausame Schwedische Krieg (1630–1635). In der vierten Phase (1635–1648) trat Frankreich in die Kampfbahn. Das mit dem Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 so harmlos begonnene Ringen führte nach in Europa bis dahin unerhörten Grausamkeiten praktisch zur Vernichtung des Deutschen Reiches und zur Hegemonie Frankreichs.
– Karnatische Kriege: Zeitlich parallel zu den drei Schlesischen Kriegen führten England und Frankreich drei Kriege um die Vorherrschaft in Indien. Erster Krieg (1746–1748): Der Krieg endete ohne klares Ergebnis mit Vorteil für England. Zweiter Krieg (1748–1754): Frankreich verlor den Großteil seiner Eroberungen in Indien. Dritter Krieg (1756–1763): Frankreich wird aus Indien vertrieben.
– Britische Marathenkriege um Indien: Erster Krieg (1775–1782): Im Marathenreich kam es zu Thronstreitigkeiten. Ein Usurpator wandte sich an die britische Regierung in Bombay, die ihn gegen Gebietsabtretungen unterstützte. Zweiter Krieg (1803–1805): Ein Kleinkönig des Marathenreiches suchte 1800 Hilfe bei den Briten. Diese halfen ihm, und er verlor seine Souveränität. Die Briten werden zur Vormacht in Indien. Dritter Krieg (1817–1818): Ein britischer Sieg 1817 führte zum Zerfall des Marathenbundes. Die Briten waren nun Herren in ganz Indien.
– Britische Burmakriege: Nach dem ersten Britisch-Birmanischen Krieg (1824–1826) mußte Birma u.a. Assam an die Briten abtreten. Im zweiten Krieg (1852) verlor Birma seine Küstengebiete. Nach dem dritten Krieg (1885) wurde Birma mit massiven Vernichtungszügen völlig unterworfen und Teil von Britisch-Indien.
– Seminolenkriege: Florida wurde in drei Kriegen gegen die Seminolen-Indianer ethnisch gesäubert. Der erste Seminolenkrieg dauerte von 1817–1818, der zweite von 1835–1842. Der dritte Seminolenkrieg von 1855–1858 brachte das Ende. Danach lebten, abgesehen von in die Sümpfe geflohenen Resten, keine Indianer mehr in Florida.
– Britische Burenkriege: Der erste Krieg 1880–1881 endete mit einem halben Sieg der Briten. Der zweite grausam geführte Krieg (1899–1902) führte zur Vernichtung der Burenrepubliken und ihrer Eingliederung in das britische Empire.
Nicht jedes Kriegsereignis folgt diesem Muster. Thema der Mehrphasenkriege ist in der Regel das Schicksal eines ganzen Volkes. Bürgerkriege haben zum Beispiel ein anderes Thema, etwa die Erhaltung oder Wiederherstellung staatlicher Einheit, wie der US- amerikanische Sezessionskrieg (1861–1865). Der derzeitige Ukraine-Krieg hat jedoch, jedenfalls aus russischer Sicht, große Ähnlichkeit mit den Mehrphasenkriegen.
Der 30-jährige Peloponnesische Krieg war das erste historisch klar faßbare Beispiel eines mehrphasigen Langkrieges. Darin ging es nicht um kleinliche Vorteile wie dem Nachbarn das Vieh wegzutreiben oder einen Acker zu nehmen. Das Thema des Krieges war die Hegemonie über Griechenland. Nach dem erfolgreichen Abwehrkampf gegen die Perser, bei dem Athen eine herausragende Rolle gespielt hatte, lief nach der Bildung des Attischen Seebundes (477 v. Chr.) alles auf die Gründung eines griechischen Reiches unter Athens Führung hinaus. Dagegen wehrten sich Sparta und seine Verbündeten und zwar je länger der Krieg dauerte mit auf beiden Seiten immer brutaleren Mitteln. Man unterteilt den Krieg in drei Phasen.
– Der Archidamische Krieg 431–422 v. Chr.: Schwankender Verlauf ohne klares Ergebnis. Der Krieg wurde nach zehn Jahren durch den sogenannten Nikias-Frieden (421) beendet. 50 Jahre sollte dieser dauern, denn beide Seiten hatten in wechselseitigen Siegen und Niederlagen schwer gelitten. Will man eine Parallele sehen, dann kann man an den halben Versöhnungsfrieden von Locarno (1925) denken, der bald darauf in Frage gestellt wurde und 1936 aufgrund der deutschen Kündigung ganz in sich zerfiel.
– Athens Sizilische Expedition (415–413): Der Nikias-Frieden wurde in Athen als fauler Frieden empfunden. Die athenische Bevölkerung folgte den aufreizenden Reden des Alkibiades und ließ sich, da der Krieg auf dem griechischen Festland nicht nach Wunsch verlief, zu einer Expedition nach Sizilien überreden, um, wie Thukydides offen sagt (VI, 1), diese reiche Insel zu erobern. Das Unternehmen wurde ein völliges Desaster. Einzelheiten sind hier nicht auszuführen, werden aber von Thukydides und insbesondere von Plutarch (45–125 n. Chr.) in seinen Lebensbeschreibungen des Nikias und des Alkibiades detailreich ausgeführt. Wahrscheinlich durch das Verschulden des Nikias ging die athenische Flotte vor Syrakus zugrunde. Die athenischen Mannschaften wurden niedergemetzelt oder gingen in den berüchtigten Steinbrüchen zugrunde. Der Untergang des athenischen Heers war die schwerste Katastrophe, die Athen treffen konnte. Die Bedeutung der Niederlage für den weiteren Verlauf des Großen Krieges war deutlich. Sie war – ähnlich wie die deutsche Niederlage bei Stalingrad, der Wendepunkt des Krieges und damit der erste Schritt zur Niederlage Athens.[iv]
– Dekeleischer Krieg (413 bis 404): Das verlustreiche Syrakus-Abenteuer hatte Athen in die Defensive gedrängt. Auch innenpolitisch verhärten sich die Fronten. Alkibiades übte mit vaterländischen Parolen ein fast diktatorisches Regiment in Athen. Sparta und seine Verbündeten riefen, um den Durchbruch zu erzielen, die Perser zu Hilfe. Wenn man will, kann man hier eine Parallele dazu erkennen, daß England nach dem Debakel von Dünkirchen (1940) das Bündnis mit Stalin, dem geschworenen Feind des dem Kapitalismus und Kolonialismus verschworenen Großbritannien, suchte. Trotz völlig verschiedener Gesamtumstände gilt allgemein im Kriege ein zeit- und kulturunabhängiges Gesetz der entgleitenden Rechtlichkeit. Im Kriege schweigen die Gesetze, lautet ein Sprichwort, und je länger ein Krieg dauert, desto mehr. Je größer das umkämpfte Ziel, desto länger wird darum Krieg geführt und auch desto kompromißloser und grausamer.[v] In der Schlacht bei Aigos Potamoi, den Ziegenflüssen, werden die Athener geschlagen. Wie die Athener die Einwohner von Melos niedergemetzelt hatten, so geschah es nun ihnen. 3000 Athener wurden von den rachsüchtigen Spartanern niedergehauen (Bengtson, S. 244).
Alkibiades (450–404) spielte eine zwielichtige Rolle. Er war von vornehmer Abkunft und zum Teil Liebling des Volkes. Nach dem glücklosen Verlauf der von ihm betriebenen Sizilien-Expedition wurde er wegen angeblich begangener Religionsfrevel nach Athen zurückgerufen und in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Aus Rache wandte er sich nun an Sparta und befehligte dessen Flotte gegen seine Heimatstadt Athen. Nach einem Zerwürfnis mit Sparta und einer Änderung der Volksmeinung wurde er in seine Vaterstadt zurückgerufen und mit fast diktatorischen Vollmachten Oberbefehlshaber der athenischen Flotte. Nach der Niederlage Athens mußte er befürchten, von Sparta verfolgt zu werden. Er flüchtete in den persischen Machtbereich und wurde am Ende von Spartas Abgesandten ermordet.
Es ist Konsens, daß die beiden Weltkriege in einem engen Zusammenhang stehen. In einer Radioansprache 1941 sprach de Gaulle in Erinnerung an den Krieg 1618–1648 von einem Zweiten Dreißigjährigen Krieg. Auch Churchill verwendet diesen Begriff in einem Brief an Stalin 1944. Sogar der aus Deutschland in die USA emigrierte Siegmund Neumann[vi] hat in seinem Buch diesen Begriff 1946 verwendet. Auch für Overy sind beide Kriege Etappen eines zweiten Dreißigjährigen Krieges, in dem es um die Neuordnung des Weltsystems gehe (S. 13).
Bestechend für diese Parallele ist sicherlich, daß der Zeitraum von 1914–1945 fast genau 30 Jahre bemißt. Wenn man weiter zurückgeht und den Beginn des Europäischen Bürgerkriegs bereits 1870 mit der französischen Kriegserklärung an Preußen ansetzt, ergäbe sich bis 1945 ein Drei-Phasen-Krieg von 80 Jahren. Das wäre eine Parallele zu einigen historischen Langkriegen. Es dauerte fast genau 80 Jahre vom griechischen Sieg bei Platäa 479 v. Chr., dem endgültigen Triumph über die Perser und dem Ende der Perserkriege, bis zum Ende des Peloponnesischen Krieges 404 v. Chr., mit dem Athen und Griechenland praktisch zerstört waren. Hier würde das oben dargestellte Drei-Phasen-Schema besonders gut passen. In der ersten Phase bleibt der Unterlegene (Frankreich) im Wesentlichen unbeschädigt. Er sinnt auf Rache und, anders als in den drei Punischen Kriegen, gelingt es ihm mit Hilfe starker Verbündete, den Sieger der ersten Phase niederzuringen. Im Frieden von Versailles wird das besiegte Deutschland erniedrigt, aber im Wesentlichen intakt gelassen. Dagegen erhebt sich der Besiegte in der dritten Phase. In diesem Vergleich fiele Hitler die Rolle des Hannibal zu, und dessen Sieg über die Römer bei Cannae (216 v. Chr.) fände eine Parallele in dem britischen Debakel bei Dünkirchen und Narvik (1940). Fünf Jahre später war Großbritannien mit Hilfe mächtiger Verbündeter wie der USA und der Sowjetunion Sieger im Zweiten Weltkrieg oder Sieger im Europäischen Bürgerkrieg gegen das Deutsche Reich. Dieser Sieg war allerdings teuer erkauft. Churchill hatte noch 1942 gesagt: „We mean to hold our own. I have not become the King?s First Minister in order to preside over the liquidation of the British Empire.“ Genau das aber wurde der selbsternannte Architekt des Sieges in dem von ihm erwünschten Krieg gegen Deutschland.[vii]
Mit berechtigtem Stolz sagt Diogenes Laertius (180–240): Die Griechen waren es, die nicht nur mit der Philosophie, sondern mit der Bildung des Menschengeschlechtes überhaupt den Anfang gemacht haben.[viii] Alles, was in Griechenland groß und für die nachfolgende Weltkultur von Bedeutung war, geschah in den 400 Jahren zwischen Homer (um 800 v. Chr.) und dem Ende des Peloponnesischen Krieges. Alle großen Namen der griechischen Kultur wie Thales von Milet (624/23 bis etwa 548 v. Chr.), die großen Tragiker Äschylos (526–455), Sophokles (496–405) und Euripides (480–496), die Begründung der Geschichtsschreibung durch Herodot (484–424) und Thukydides (470–400) gehören in diese Zeit, ebenso wie die Begründung der Philosophie mit Sokrates (469–399) und seinem Schüler Platon (428–348). Die Zeit von 444–429, in welcher Perikles die beherrschende Figur in Athen war, bezeichnet die Blütezeit dieser Stadt und damit die Griechenlands insgesamt. Die Zeit um 400 v. Chr. ist der Höhepunkt der antiken Geistesgeschichte, an deren Ende Aristoteles (384–322) steht. Es ist möglich, daß Neid und der Wunsch, an den kulturellen Großleistungen des Westens und der Wohlfahrt der griechischen Städte teilzuhaben, eines der Motive für den Großkönig des Persischen Reiches war, Griechenland erobern zu wollen.
Athen war es gewesen, das den Widerstand gegen die Perser als panhellenische Aufgabe erkannt und organisiert hatte. Es hatte auch die schwersten Kriegslasten getragen. Im Jahre 480 v. Chr. errang die griechische Flotte unter dem Athener Themistokles in der Seeschlacht bei Salamis einen bis heute nachhallenden Sieg über die Perser. Dieser Sieg und der im folgenden Jahr unter dem spartanischen Feldherrn Pausanias erfochtene Sieg in der Feldschlacht bei Platäa (479 v. Chr.) brachten die Entscheidung im griechischen Freiheitskampf gegen Persien.[ix] Griechenland hatte in einer großen Gemeinschaftsleistung die scheinbar unbesiegbare persische Weltmacht zurückgewiesen. In den nun folgenden 50 Jahren bis zum Ausbruch des Peloponnesischen Krieges nahm Athen seinen Aufstieg. Es wurde prächtig ausgebaut und kulturell zur wichtigsten Stadt der griechischen Welt. Sein Flottenbau machte es bald auch zur politischen Führungsmacht. In der Geistes- und Kulturgeschichte liefen die Entwicklungen auf Athen zu, das, ohne förmlich Hauptstadt Griechenlands zu sein, auch aufgrund seiner Lage in der Mitte des griechischen Sprachraums zum Vorort Griechenlands geworden war. Athen vollzog sowohl kulturell wie insbesondere auch politisch einen raschen und allseits gespürten Aufschwung. Die Gründung des Attischen Seebundes (477 v. Chr.) brachte Athen weiter auf den Weg zur Hegemonie. Wichtige Städte wie Korinth und Theben drohten an Bedeutung zu verlieren. In Sparta, das den Süden, die Peloponnes, mit zunehmender Mühe beherrschte, schaute man argwöhnisch auf das sich prächtig entwickelnde Athen. Das athenische Staatsschiff war dabei, mit vollen Segeln die anderen griechischen Städte zu überholten. Das bedeutete jedoch auch, daß ganz Griechenland sich anschickte, alle seine Nachbarn und die bekannte Welt zu überflügeln und in seinen Bann zu ziehen.
Alles, was im Abendland groß und für die Weltkultur von Bedeutung war, geschah in den 500 Jahren zwischen Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks um 1450 und dem Ende des Europäischen Bürgerkrieges, mit der Entdeckung der Atomspaltung (Otto Hahn) und der daran anschließenden Entwicklung der Atombombe. Die großen Entdeckungen von Kopernikus, Kepler und Newton haben das Verständnis von der Welt und ihrer Natur nicht nur in Europa, sondern der ganzen Erde verändert und geprägt. Die Entdeckung der Elektrizität und ihrer Nutzbarmachung hat die Lebensumstände der Weltbevölkerung so grundlegend verändert, daß eine Welt ohne diese kaum mehr vorstellbar ist. Ähnliches gilt für technische Erfindungen wie Fahrrad, Auto und Flugzeug sowie auch für den Fortschritt in der Medizin. Die Entstehung der europäischen Weltreiche aufgrund neugieriger Entdeckungslust und ungezügelter Habsucht sind Auswirkungen dieser Erfolge. Aus heutiger Sicht sind manche Entwicklungen kritisch zu sehen. Insgesamt aber ist festzustellen, daß Europa sich zur führenden Kultur der Welt aufgeschwungen und im letzten Friedensjahr 1913 den Gipfel seiner Weltbedeutung erreicht hatte.
Dann begann der Europäische Bürgerkrieg, Als dessen erste Phase 1919 endete, waren Europa und sein Ansehen in der Welt in den Grundfesten erschüttert. Die europäische Vormachtstellung auf vielen Gebieten war bereits vor dem Kriege zu einem erheblichen Teil auf den eigentlichen Sieger des Ersten Weltkrieges, die Vereinigten Staaten von Amerika übergegangen. Die zweite Phase brach nach einem Waffenstillstand von etwa 20 Jahren 1939 erneut aus. Als diese 1945 endete, hatte der Europäische Bürgerkrieg so lange gedauert wie der erste Dreißigjährigen Krieg (1618–1648). Oder der Peloponnesische Krieg. Das alte Europa und sein strahlendes Selbstbewußtsein waren zerstört und vernichtet.
Nach dem Ende des Peloponnesischen Krieges war das klassische Griechenland dahin. Dieser Krieg ist der Wendepunkt der antiken Geschichte. Mit Athen war auch Griechenland als politischer Faktor zugrunde gegangen. Beide haben sich nie wieder erholt. Sparta wurde zwar Vormacht in Griechenland und setzte in Athen die berüchtigte Herrschaft der Dreißig ein, die mit Spitzelwesen, Verbannungen und Hinrichtungen mißliebiger Bürger ein Unrechtsregime errichtete. In diesem Zusammenhang stehen auch Prozeß und Hinrichtung von Sokrates. Aber schon bald mußte Sparta die Hegemonie an das aufstrebende Theben abgeben. Die verlorene Schlacht bei Leuktra (371 v. Chr.) bedeutet praktisch das Ende von Sparta. Aber auch die Vormacht Thebens war von kurzer Dauer. In der Schlacht von Chaironeia (338) ging die Herrschaft über Griechenland auf Makedonien über.
Was nun aber folgte, ist im gewissen Sinne die Apotheose griechischen Wesens. Der Zug Alexanders bis Indien und sein unzeitiger Tod (323 v. Chr.) führten zur Epoche des Hellenismus. Der Hellenismus hat die nicht nur die antike Welt verändert und vergrößert, sondern strahlte aus auf die ganze Welt. Wenn sich in Taxila/Pakistan ein Museum mit griechischen Fundstücken befindet und eine der größten Hafenstädte am Mittelmeer Alexandria heißt, dann sind damit nur die geographischen Spätfolgen des Hellenismus bezeichnet. Umgekehrt flossen nun aus dem Osten persische, indische und sogar chinesische Einflüsse in die mittelmeerische und damit in die sich langsam entwickelnde abendländische Kultur. Gebildete Griechen sahen sich nicht mehr nur als Griechen, sondern als Weltbürger. Die Gedankenfreiheit jener Epoche wurde erst wieder in der Neuzeit erreicht. Die Ähnlichkeit der Kultur des Hellenismus mit unserer heutigen ist beeindruckend.[x] Die Nachfolgestaaten des kurzlebigen Alexanderreiches verstrickten sich freilich in ständige Kriege und wurden schließlich zur Beute des römischen Reiches.
Die Folgen des Europäischen Bürgerkrieges hatten für die Welt sehr ähnliche Auswirkungen wie die Folgen des Peloponnesischen Krieges für den antiken Kulturraum. Die europäische Selbstzerstörung bedeutete gleichsam eine „Hellenisierung“ der Welt. Was zur Kultur des Hellenismus gesagt wurde, ist mutatis mutandis heute auf den Weltmaßstab zu übertragen. Die Entzauberung oder die Blamage Europas vor den Völkern der Welt hat die Menschheit ermahnt, anstelle der Kriege das Recht zu setzen. Diesen Weg muß die Menschheit weiter gehen, wenn sie sich nicht selbst zugrunde richten will. Die europäische Kultur ist heute in einer Metamorphose zur Weltkultur geworden. Sophokles und Beethoven „gehören“ nicht mehr nur uns.
Sie sind als Teil der Weltkultur Eigentum aller geworden. Musik ist die Kunst, in der sich alle Menschen als Kinder eines Sternes erkennen sollen (Th. Storm). Es ist daher auffällig, daß die abendländische und hier insbesondere die deutsche Musik in den Kulturen Asiens eine so ungeteilte Aufnahme gefunden hat. In der Mitte von Schanghai, vom Verkehr umbrandet, hat der Verfasser ein Denkmal von Johann Sebastian Bach gesehen. Der berühmte Schlußchor „An die Freude“ aus Beethovens 9. Sinfonie ist nicht nur zur sogenannten Europahymne geworden. Er scheint auch eine Art Erkennungszeichen eines weltweiten Friedenswillens zu sein. Die weltweite Verbreitung der abendländischen Musik ist daher vielleicht das schönste Hoffnungszeichen dafür, daß die Menschheit im Grunde doch gleich gestimmt ist. Sie wartet vielleicht nur auf den Taktstock, der sie zum Gleichklang bringt. Es könnte doch sein, daß das Abendland seine Kanonen von ehedem mit einem solchen Taktstock vertauscht. Der 28. Juni 1914, der Tag des Mordes von Sarajevo, der Tag, an dem der Startschuß für den weltumspannenden Europäischen Bürgerkrieg fiel, ist das erste gemeinsame Geschichtsdatum der Menschheit. Am Ersten Weltkrieg nahmen zusammen mit den europäischen Kolonien zwei Drittel der Weltbevölkerung teil. Im Zweiten Weltkrieg waren es über 60 Staaten.[xi] Mehr als 110 Millionen Menschen trugen Waffen. Der Tag von Sarajevo war damit der erste Tag, an welchem für die ganze Welt ein gemeinsames Schicksal begann. Seither hat die Menschheit eine wirklich gemeinsame Geschichte.
Dem griechischen Philosophen Heraklit (um 500 v. Chr.) wird das Wort zugeschrieben: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Der Krieg ist vor allem ein Zerstörer, aber indem er zerstört, bereitet er Raum für Neues. Mit anderen Worten wird das mit dem Begriff der Schöpferischen Zerstörung beschrieben, den Joseph Schumpeter (1883–1950) für ökonomische Prozesse verwendet. [xii] Zerstörung ist daher kein Systemfehler, sondern notwendig, damit Neues und Besseres entstehen kann. Was Schumpeter eine industrielle Mutation nennt, ist aber nur die Anwendung eines viel allgemeineren Gedankens, der für alle lebenden Systeme gilt, wie auch für geschichtliche Prozesse. Wenn eine geschichtliche Entwicklung ihren Höhepunkt erreicht hat, geht sie nicht unter, sondern verwandelt sich oft erst aufgrund eines Gewaltaktes wie Revolution oder Krieg. Das ist auch der Grundgedanke von Oswald Spengler (1880–1936), dessen berühmtes Werk Untergang des Abendlandes eigentlich nicht vom Untergang, sondern vom Höhepunkt abendländischen Kultur und ihrer Metamorphose spricht. Unter diesem Gesichtspunkt dürfen der Peloponnesische Krieg und der Europäische Bürgerkrieg in einen anderen historischen Zusammenhang gestellt werden, nämlich als Ausgangspunkt für die Verwandlung der zugrunde liegenden Hochkulturen in etwas Anderes und Größeres. Der englische Publizist Douglas Murray hat in seinem Buch The Strange Death of Europe – Der Selbstmord Europas (2017) die Vermutung geäußert, daß die europäische Zivilisation nicht überleben werde, weil Europa das Vertrauen zu sich selbst verloren habe. Das ist nur halb richtig. Europäische Zivilisation und Kultur werden nicht als europäische überleben, aber das vom Dünkel der Überlegenheit befreite abendländische Erbe wird verwandelt als Weltkultur fortwirken.
[i] In diesem Sinne sind wohl auch die drei Wechselwirkungen gemeint, von denen Clausewitz in Vom Kriege im 1. Kapitel spricht.
[ii] Aden, Imperium, S. 44.
[iii] Das spätere römische Karthago ist eine völlige Neugründung mit römischen Bürgern.
[iv] Vgl. Bengtson S. 230 ff.
[v] Vgl. Overy S. 34 für den Ersten Weltkrieg.
[vi] 1904–1962. – The Future in Perspective, New York 1946. Siegmund Neumann oder anglisiert Sigmund Neumann. Dwight E. Lee (Political Science Quarterly 1946, S. 604) schreibt: „This is one of the wisest books that have appeared concerning the immediate backgrounds of our world today. Neumann, regards the Years since 1914 as another Thirty Years war. – Dies ist eines der klügsten Bücher, die zu den unmittelbaren Hintergründen unserer heutigen Welt erschienen sind. Neumann betrachtet die Jahre seit 1914 als einen weiteren Dreißigjährigen Krieg.“
[vii] Clarke, S. XVII.
[viii] 180–240 nach Chr. Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1998.
[ix] Bengtson, S. 173.
[x] Vgl. allgemein: Tarn, Einleitung. S. 5 ff; Carl Schneider, Kulturgeschichte des Hellenismus, C.H. Beck 1967, Einleitung.
[xi] Es gab überhaupt damals nur 67 Staaten. An der World Economic Conference am 12. Juni 1933 nahmen 66 Staaten teil; einzige Ausnahme war Panama.
[xii] Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Bern 1946, S. 137.