Archiv > Jahrgang 2025 > AL II/2025 > Rußlands Kultur- und Geistesleben im 19. Jahrhundert 

Rußlands Kultur- und Geistesleben im 19. Jahrhundert

Nicht nur Puschkin, Dostojewski und Tolstoi

Der Anfang des 19. Jahrhunderts war eine Zeit des kulturellen und geistigen Aufschwungs in Rußland. Dieser wurde durch die von Zar Alexander I. umgesetzte Politik des „aufgeklärten Absolutismus“ hervorgerufen und gefördert. Die wichtigsten historischen Ereignisse seiner Regierungszeit, die Rußlands künftige Entwicklung entscheidend prägten, waren der Vaterländische Krieg von 1812 gegen Napoleons Invasionstruppen sowie die Entstehung der revolutionären Adelsgeheimbünde der künftigen Dekabristen („Dezemberleute“), die sich nach Rußlands Sieg bildeten.

Von Wolfgang Akunow

Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799–1837) ist nicht nur der Begründer der modernen russischen Literatur, sondern auch der Begründer der modernen russischen Sprache. Die von ihm geprägte Epoche gilt als das „Goldene Zeitalter“ der russischen Literatur. – Gemälde von Orest Kiprensky
Michail Jurjewitsch Lermontow (1814–1841) ist der bedeutendste russische Vertreter der Romantik. – Gemälde von Petr Zabolotski

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurden auch die ersten russischen Universitäten in Kasan (1804), Charkow (1805), St. Petersburg (1819) und Kiew (1834) gegründet und die Geschichtswissenschaft entstand. In Zar Alexanders I. Auftrag begann der Historiker und Literat N. M. Karamsin seine Arbeit an der umfassenden „Geschichte des Russischen Staates“. Im Verlauf von 15 Jahren edierte er zwölf Bände, die dessen Geschichte von ihren sagenumwobenen Anfängen bis zur „Zeit der Wirren“ zu Beginn des 17. Jahrhunderts erfaßten.
Rußlands Literaturleben stand damals ganz im Zeichen des größten russischen Dichters und Schriftstellers A. S. Puschkin, des eigentlichen Begründers nicht nur der modernen russischen Literatur, sondern auch der modernen russischen Sprache. Alexander Puschkin wurde wahrhaftig zum Sinnbild seiner Zeit, ebenso wie seine jüngeren Zeitgenossen und literarischen Kollegen M. J. Lermontow und N. W. Gogol. Ein weiteres bedeutendes Ereignis in Rußlands Kulturleben jener Zeit war die von A. S. Gribojedow verfaßte und 1831 erstmals inszenierte Sittenkomödie „Verstand schafft Leiden“. Kennzeichnend für Zar Alexanders I. Herrschaft war das Erscheinen zahlreicher Zeitschriften, die Rußlands gesellschaftspolitisches und kulturelles Antlitz in vielerlei Hinsicht veränderten, insbesondere „Westnik Jewropy“ („Europas Bote“, 1802 von Karamsin gegründet), F. W. Bulgarins „Sewernaja Ptschela“ („Die Nordbiene“), der Dekabristen[1]-Almanach „Poljarnaja Swesda“ („Polarstern“) u.a. Ins Jahr 1823 fiel die Gründung der „Gesellschaft der Weisheitsliebenden“ (russ. „Obschtschestwo ljubomudrow“), eines philosophisch-literarischen Zirkels der Moskauer Intellektuellen. Die führenden Theoretiker dieser „Weisheitsfreunde“ waren W. F. Odojewskij und D. W. Wenewitinow. Die russische Selbstbezeichnung „Weisheitsliebende“ (russ. „Ljubomudry“) wurde von ihnen ganz bewußt gewählt, um ihren Unterschied zu den „Philosophen“, d.h. Vertretern der „kalten“ französischen Vernunft-Philosophie des Aufklärungszeitalters zu unterstreichen. Fast alle Moskauer „Weisheitsliebenden“ waren Anhänger der romantischen literarischen Schule („Romantismus“) und deren Hauptgrundsätze Volkstümlichkeit, Individualismus, Weltoffenheit. Die „Weisheitsliebenden“ glaubten, daß alle wahren Dichter stets tiefsinnige Denker waren, und hielten die Entwicklung einer selbständigen russischen Philosophie für unerläßlich. Unverkennbar romantische Züge hatte das Schaffen der russischen Dichter W. A. Shukowskij und M. J. Lermontow (letzterer machte sich auch als hervorragender Prosaschriftsteller einen Namen).

In der russischen Kunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Klassizismus der vorherrschende Stil. Besonders klar und deutlich kam er auf den Gebieten der bildenden Kunst und Architektur zum Ausdruck. Mit zu den bedeutendsten Beispielen letzterer gehörten das von A. D. Sacharow in den Jahren 1806 bis 1823 in St. Petersburg errichtete Admiralitätsgebäude, die 1801 bis 1811 ebenda von A. N. Woronichin erbaute Kathedrale der Heiligen Mutter Gottes von Kasan, die von A. Montferrand geschaffene St. Isaak-Kathedrale (1818 bis 1858) sowie die Zar-Alexander-Siegessäule auf dem Palastplatz (1829 bis 1834); die Senats- und Synodsgebäude, das Alexandrinskij-Theater und der Michajlowskij-Palast sowie der Generalstabsbogen auf dem Palastplatz von K. I. Rossi. Auf dem Gebiet der Malerei erhielt der russische Klassizismus die Bezeichnung „Akademismus“. Dessen markanteste Repräsentanten waren die Maler K. P. Brjullow („Der letzte Tag von Pompeji“ u.a.) und A. ?. Iwanow („Christus erscheint dem Volk“ u.a.).
1836 komponierte M. I. Glinka die erste russische Nationaloper „Ein Leben für den Zaren“.

 


[1]„Dekabristen“ (russ., „Dezemberleute“) wurden adelige Revolutionäre genannt, die am 14. Dezember 1825 in St Petersburg gegen Zar Nikolaus I. vergeblich putschten, um Rußland in einen Verfassungsstaat zu verwandeln. Trotz ihrer Niederlage genossen sie in liberalen gesellschaftlichen Kreisen hohes Ansehen.
Die Kathedrale der Gottesmutter von Kasan in St. Petersburg zählt zu den bedeutendsten Beispielen der russischen klassizistischen Architektur.
(Bild: Wikimedia Commons/A. Savin, CC BY-SA 3.0)

„Westler“ versus „Slawophile“

Seit Anfang der 1830er Jahre stand Rußlands Geistesleben im Zeichen des Kampfes zwischen den philosophisch-literarischen Strömungen der „Westler“ (russ. „Sapadniki“) und „Slawophilen“ (russ. „Slawjanofily“). Die „Westler“ (A. J. Tschaadajew. I. S. Turgenew, A. I. Herzen, M. A. Bakunin, Graf A. K. Tolstoj u.a.) plädierten für die Notwendigkeit von Rußlands politischer, wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung auf dem westeuropäischen Weg und nach westeuropäischem Muster. Die „Westler“ priesen den Reformer-Zaren Peter den Großen, der das in Abwege geratene Rußland in die Gemeinschaft europäischer Nationen zurückführte, der es ursprünglich angehörte, jedoch durch das mongolisch-tatarische Joch entfremdet wurde. Sie verwiesen u.a. auf die wirtschaftlichen Vorteile der freien Lohnarbeit gegenüber der herkömmlichen Fronarbeit und forderten daher die Abschaffung der Leibeigenschaft.

Die „Slawophilen“ hingegen verfochten die These von Rußlands gottgegebener Eigenart und verteidigten zum Teil die Leibeigenschaft als zeitbewährtes Mittel zum Schutz der Bauern vor Not und Elend durch die „väterliche Fürsorge“ der Grundbesitzer. Die „Slawophilen“ waren zum Teil sprachliche Puristen. Sie bemühten sich als Sprachpfleger, wie z. B. A. S. Schischkow, die russische Sprache von allen Fremdwörtern zu säubern und diese durch „nationale“ Wortschöpfungen zu ersetzen. Manche „Slawophilen“ verzichteten aus „Vaterlandsliebe“ sogar auf europäische Kleidung zugunsten „nationaler Volkstracht“. Die stark religiös geprägten „Slawophilen“ (A. S. Chomjakow, K. S. und I. S. Aksakow, I. W. Kirejewskij, J. F. Samarin) plädierten für Rußlands eigenständige Entwicklung auf dessen eigenem Weg, der sich nach ihrer Meinung vom westeuropäischen grundsätzlich unterschied. Auf diesem eigenen Weg sollte Rußland kraft seiner überlegenen orthodox geprägten Kultur die der Ketzerei und Gottlosigkeit verfallenen Völker Europas durch die „Wahrheit der Orthodoxie“ erretten. Diese Ideen fanden im Schaffen vieler russischer Literaten und Denker wie z. B. N. W. Gogol und F. M. Dostojewskij ihren Nachklang. Daraus erwuchs später der politische Panslawismus, der den Zusammenschluß aller slawischen Völker um Rußland als der größten slawischen Nation forderte und somit die unvermeidliche Konfrontation mit dem Osmanischen Reich und der Donaumonarchie, aber auch mit Preußen, aufgrund deren beachtlichen slawischen Bevölkerungsteilen zur Folge hatte.

Michail Iwanowitsch Glinka (1804–1857) gilt als der Schöpfer der eigenständischen klassischen Musik Rußlands. Seine Oper „Ein Leben für den Zaren“ war die erste auf Russisch gesungene Oper, die Klassikerstatus errang.
Iwan Sergejewitsch Turgenjew (1818–1883, oben in einem Portrait von Ilja Repin) und Anton Pawlowitsch Tschechow (1860–1904, unten hier in einem Gemälde von Osip Braz) zählen zu den im westlichen Europa bekanntesten russischen Autoren der „Westler“, die auf einen „europäischen“ Weg Rußlands setzten.
In strikter Opposition zu den „Westlern“ standen die „Slawophilen“, die einen eigenständigen, vom westlichen Europa unterschiedenen russischen Weg propagierten. Zu ihren bekanntesten Dichtern zählten Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809–1852), hier in einem Gemälde von Otto Friedrich Theodor Möller (oben), und insbesondere Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821–1881), hier in einem Gemälde von Wassili Perow (unten).
Alexander Stepanowitsch Popow (1859–1906) erfand den Funktelegrafen und zählt zu den bekanntesten russischen Naturwissenschaftlern.
Wladimir Iwanowitsch Dal (1801–1872), hier in einem Gemälde von Wassili Perow, verfaßte das umfangreichste Wörterbuch der russischen Sprache (ein vierbändiges Lexikon mit über 30.000 Einträgen) und machte sich in der Erforschung des russischen Volksschaffens verdient.
Nikolai Semjonowitsch Leskow (1831–1895), hier in einem Portrait von Valentin Serow, war der bedeutendste „antinihilistische“ Schriftsteller Rußlands, der durchaus für Reformen eintrat, jedoch revolutionäre Bewegungen jeder Art ablehnte. Der im russischen Kaiserreich verbotenen Gruppe der „Altgläubigen“ (die u. a. in Österreich Zuflucht gefunden hatten, aber auch in Sibirien florierten) galt sein besonderes Interesse. Patriotismus und Christentum sind für Leskow die wesentlichen, tragenden Werte.

Rußlands Kultur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Kultur der Reformzeit

Die Mitte des 19. Jahrhunderts unter Zar Alexander II. eingeleiteten liberalen bürgerlichen Reformen stellten neue Weichen in Rußlands sozialem und wirtschaftlichem Leben und markierten den Beginn der kapitalistischen Periode der russischen Geschichte. Diese liberalen Reformen beeinflußten viele gesellschaftliche Lebensbereiche und veränderten das Bild der russischen Bevölkerung. Die Abschaffung der Bauern-Leibeigenschaft im Jahr 1861 beseitigte die bisherigen juristischen Einschränkungen der freien Bevölkerungsbewegung innerhalb der Reichsgrenzen. Die nicht mehr rechtlich an ihre Scholle gebundenen und nun befreiten Bauern strömten massenweise den Städten zu und bildeten eine immer größere Nachschubquelle für die stetig wachsende industrielle Arbeiterschaft. Die Reformen führten zur Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Stadt und Land und förderten die Einbeziehung großer Bauernmassen in das öffentliche Leben. All diese Faktoren trugen zur Vertiefung der Kulturintegrationsprozesse innerhalb der russischen Gesellschaft bei, was wiederum die Erweiterung des nationalen Kulturraumes und des gesellschaftlich-kulturellen Milieus zur Folge hatte. Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft begab sich die russische Gesellschaft auf die Suche nach einer Umgestaltung aller herkömmlichen Systeme. Daraus ergab sich die Notwendigkeit einer immer aktiveren Einbeziehung der Masse ehemals höriger Bauern in das Bildungssystem. Die Reformierung des bisherigen Schulsystems sowie die Beseitigung des Analphabetentums avancierten zu prioritären und entscheidenden Faktoren der gesellschaftlichen Kulturentwicklung. Es entstanden nicht nur Volksschulen, sondern auch ein weitverzweigtes System technischer Lehranstalten, Fach- und Hochschulen, Lehrerseminare und Realgymnasien. In die Reformzeit fällt auch die Gründung zahlreicher Bildungsstätten, Kultur- und Forschungseinrichtungen, öffentlicher Bibliotheken, Museen, wissenschaftlicher Vereine, Kunst- und Industrie-Ausstellungen und -Messen usw. In der Reformzeit wurden erstmals auch die Voraussetzungen für die Herbeiführung zivilgesellschaftlicher Grundlagen und Verwirklichungsmöglichkeiten für die Entfaltung diverser Bürgerinteressen geschaffen, die nicht (oder nicht unbedingt) mit dem Staatsdienst und den staatlichen Aktivitäten verbunden waren (wie es vorher der Regelfall war). Da der Kapitalismus als sozialwirtschaftliches System in Russland nur eine sehr kurze Existenz hatte und trotz aller Reformen weiterhin ein erheblicher Staatseinfluß auf alle Lebensbereiche der russischen Gesellschaft bestand, konnten sich diese Ansätze leider nicht vollständig entfalten.

Kennzeichnend für die soziokulturelle Situation der Reformzeit in Rußland war das aktive Engagement breiter gesellschaftlicher Kreise in vielen Sozial- und Kulturinitiativen. Zum ersten Mal entstand eine mündige und selbstbewußte Öffentlichkeit, die die Staatsführung die öffentliche Meinung hören und berücksichtigen ließ.

Wissenschaft und Forschung

Das gesellschaftliche Klima der ersten Jahrzehnte nach den liberalen Reformen war für den wissenschaftlichen Fortschritt außerordentlich günstig. Freilich litten russische Wissenschaftler häufig an mangelnder Finanzierung und am Desinteresse staatlicher Behörden. Im Allgemeinen war jedoch der Staat bestrebt, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Erfindungen zur Lösung diverser wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Aufgaben zu nutzen, mit denen sich die Gesellschaft konfrontiert sah. Eine wichtige Form der Forschungsorganisation waren die im Rahmen des staatlichen Verwaltungssystems gebildeten Forschungsausschüsse. Sie spielten eine bedeutende Rolle bei der wissenschaftlichen Unterstützung und Versorgung der Aktivitäten von Regierungsbehörden. Die wichtigsten Forschungszentren blieben nach wie vor die Akademie der Wissenschaften, Universitäten sowie Forschungsgesellschaften und -Vereine. Letztere standen in der Regel unter der Obhut von Universitäten. Im Jahr 1872 gab es in Rußland an die zwanzig solcher Forschungsgesellschaften wie die Moskauer Mathematische Gesellschaft, die Russische Technische Gesellschaft, die Russische Historische Gesellschaft u.a.m. Besonders beeindruckend waren die Erkenntnisse auf dem Gebiet der Physiologie. Der hervorragende Feldarzt, Chirurg und Anästhesiologe N. I. Pirogow erstellte den ersten Atlanten der topographischen Anatomie. Im Jahr 1863 erschien in der Fachzeitschrift „Medizinskij westnik“ („Medizin-Bote“) I. M. Setschenows Artikel „Gehirnreflexe“. Somit wurden die Grundlagen der Physiologie und Psychologie geschaffen, die für die Entwicklung der Lehre über die höhere Nerventätigkeit von immenser Bedeutung waren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren auch Erkenntnisse auf dem Gebiet der technischen Wissenschaften, vor allem der Elektrotechnik zu verzeichnen. Der Ingenieur P. N. Jablotschkow erfand 1876 die erste Lichtbogenlampe ohne Regler („russische Kerze“) und sein Kollege A. N. Lodygin entwickelte im Jahr 1874 die Glühlampe. Die Erfindung des Funktelegraphen durch A. S. Popow im Jahr 1895 gehörte mit zu den hervorragendsten internationalen Entdeckungen. Der namhafte Luftfahrt-Theoretiker N. J. Shukowskij gründete die moderne Aerodynamik. In den 70er bis 80er Jahren arbeitete A. F. Moshajskij an der Entwicklung des ersten Flugzeugs. In den gleichen Zeitabschnitt fallen auch die Studien von K. E. Ziolkowskij, der als Vater der modernen Raumfahrt gilt, auf dem Gebiet der Aero- und Raketendynamik.

Russische Geisteswissenschaftler schufen wertvolle wissenschaftliche Abhandlungen auf historischem, linguistischem, literaturwissenschaftlichem und ökonomischem Gebiet. In den 1860er bis 1870er Jahren schrieb der Historiker S. M. Solowjow seine mehrbändige „Geschichte Rußlands“. Nicht minder wichtig war auch der wissenschaftliche Beitrag seines Kollegen W. O. Kljutchewskij. Auf sprachwissenschaftlichem Gebiet tat sich insbesondere I. I. Sresnewskij, der Gründer der Petersburger wissenschaftlichen Slawistenschule, hervor. Er schrieb zahlreiche Abhandlungen über die Geschichte der altrussischen und altslawischen Sprache sowie der altrussischen Literatur. Bedeutende Erfolge verzeichnete auch die russische Folkloristik. W. I. Dal machte sich um die Sammlung und Erforschung des russischen Volksschaffens verdient und erstellte das umfangreichste Bedeutungswörterbuch der russischen Sprache. Ein wichtiges Verbreitungszentrum wissenschaftlicher Kenntnisse war das Moskauer Polytechnische Museum, in dem zahlreiche führende Gelehrte regelmäßig Vorlesungen über aktuelle Probleme der Wissenschaft und Forschung hielten. Gerade die Fortschritte der Naturwissenschaften beeinflußten immer stärker das Kultur- und Geistesleben in Rußland.

Die Rolle der „Intelligenz“ im Kultur- und Geistesleben

In den 1830er Jahren entstand die „Intelligenzija“ als eigene Sozialgruppe. Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sie bereits einen festen Bestandteil der russischen Gesellschaft. Ihr Hauptmerkmal war die grundsätzliche Einstellung gegen die Staatsmacht. Diese fand einerseits im revolutionärem Radikalismus, anderseits im oppositionellen Liberalismus ihren Ausdruck. Ein weiteres Merkmal ihres Bewußtseins war das gesellschaftliche Entfremdungsgefühl, welches ihre soziale Isolierung widerspiegelte. Die Intelligenz litt unter ihrer Trennung vom Volk, versuchte jedoch, diese Trennung durch selbstlosen Dienst am Volk zu überbrücken. Die Überzeugung der russischen Intellektuellen, ihre Tätigkeit bringe dem Volk Nutzen, nährte ihr gesellschaftliches Engagement. Die Rolle der Intelligenzler, die sich zur Volksstimme erklärten, nahm im öffentlichen Leben ständig zu. Die rasche Entwicklung der Volksaufklärung, Bildung, Wissenschaft und Forschung war nicht allein Regierungsmaßnahmen, sondern auch dem Engagement russischer Intellektueller zu verdanken, die die Volksaufklärung als ihre moralische Pflicht und ihren historischen Auftrag betrachteten. Die besonders engagierten unter ihnen wurden daher als „Volkstümler“ (russ. „Narodniki“) bezeichnet. Andere, revolutionär gestimmte Angehörige der Intelligenz, die die bestehende Staats- und Sozialordnung in Frage stellten, wurden „Nihilisten“ genannt.

Die schöngeistige Literatur

Zu den besonderen Merkmalen der schöngeistigen Kultur und insbesondere Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten moralischer Maximalismus und Volkstümlichkeit. Es war die Blütezeit der realistischen Kunst auf allen Gebieten. Die Literatur der Reformzeit brachte eine wahre Flut großer Namen hervor. In diesen Jahren entstanden die hervorragendsten literarischen Werke vieler Schriftsteller, deren künstlerischer Weg schon vorher begonnen hatte (so z. B. I  S. Turgenew, Graf L. N. Tolstoj, F. M. Dostojewskij, N. A. Nekrassow, Graf A K. Tolstoi u.a.). Hinzu kam die junge literarische Generation, die neue Themen, Genres und Grundsätze mitbrachte. Von nun an hatten in der russischen Literatur soziale Themen und Probleme den absoluten Vorrang, eine äußerst kritische Einstellung zur Wirklichkeit wurde kennzeichnend. Als programmatisch wurde N. G. Tschernyschewskijs sozialkritischer Roman „Was tun?“ gesehen, den er in der Haft schrieb. Die von ihm geschaffenen Figuren eines Typus „neuer Mensch“ –  also junge Revolutionäre – beeinflußten maßgeblich die radikal und revolutionär gestimmten russischen Intellektuellen in deren Denken und Verhalten. Das Gegenstück dazu bildeten die in den 1860er bis 1870er Jahren im Zuge des ideologisch-literarischen Kampfes „um die Volksseele“ erschienenen „antinihilistischen“ Romane von N. S. Leskow und A. F. Pissemskij, vor allem jedoch „Die Dämonen“ von F. M. Dostojewskij, die den revolutionären Terrorismus anprangerten.

Neben derart aktuellen Werken waren die 1850er bis 1880er Jahre auch durch ein neues Aufblühen der lyrischen Poesie gekennzeichnet, die ein Bindeglied zwischen dem „goldenen“ Puschkin- und Lermontow-Zeitalter und dem literarischen „silbernen“ Zeitalter der Jahrhundertwende bildete. Die bekanntesten lyrischen Dichter der russischen Reformzeit waren F. I. Tjuttschew und A. A. Fet. Ein neues Phänomen war das Erscheinen von Dichtern nicht nur adeliger, wie vorher, sondern auch kleinbürgerlicher und bäuerlicher Herkunft (I. S. Nikitin, I. S. Surikow, S. D. Droshshin), die in die Fußstapfen ihres Vorgängers, des zum Dichter avancierten provinziellen Viehhändlersohnes A. W. Kolzow traten.

Die 1860er bis 1870er Jahre brachten den Höhepunkt des russischen klassischen Romans und der realistischen Novelle. 1859 erschien in der liberalen Zeitschrift „Sowremennik“ (russ. „Der Zeitgenosse“) I. A. Gontscharows sozialkritischer Roman „Oblomow“. Antinihilistisch war I. S. Turgenews „Väter und Söhne“ (1862). Der realistische Dichter N. A. Nekrassow, ein ausgesprochener Gegner der Leibeigenschaft, dessen Hauptgegenstand das Bauernvolk und dessen Hoffnungen bildeten, wurde von der radikalen Jugend als ihr geistiger Führer betrachtet. Den absoluten Höhepunkt der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts bildete aber das Schaffen des Grafen Tolstoi. Diesen großen Literaten und Denker beschäftigte Zeit seines Lebens das Schicksal seines Volkes und Vaterlandes, denen er in seinem historischen Roman „Krieg und Frieden“ (1863–1869) ein Denkmal setzte. Scharf sozialkritisch war Tolstois Roman „Anna Karenina“ (1873–1877), worin er das Leben so gut wie aller russischen Gesellschaftsschichten in allen Aspekten kritisierte. Tolstoi wurde auch zum geistigen Führer einer nach ihm benannten quasireligiösen Bewegung, die jede Gewaltanwendung und somit auch den Wehrdienst mit der Waffe ablehnte und mit der russischen Staatskirche in Konflikt geriet. Tolstoi breitete seine utopische Lehre in seinem Werk „Kurze Darlegung des Evangeliums“ aus, das ihn unter den Kirchenbann brachte, jedoch bei der liberalen oppositionellen Öffentlichkeit als „Spiegel der russischen Revolution“ (Lenin) noch beliebter machte.

Theater und Musik

Das Theaterleben in der Zeit nach den liberalen Reformen hatte Auswirkung auf die Kultur und spiegelte die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung wider. In Moskau wurden der Schauspielerzirkel und das erste Volkstheater gegründet. Die wichtigsten theatralischen Einrichtungen blieben nach wie vor das Kleine Theater in Moskau und das Aleksandrinskij-Theater in St. Petersburg. Doch die Anzahl von Schauspielhäusern und wandernden Theatertruppen in der Provinz nahm ständig zu. Die russische Dramaturgie wurde durch das realistische und oft sozialkritische Schaffen von A. N. Ostrowskij, später auch A. P. Tschechow und A. M. (Maxim) Gorkij entscheidend beeinflußt. Auch die Musikkultur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielt manch neue Züge und Merkmale. 1859 wurde in St. Petersburg auf D. Rubinsteins Anregung die Russische Musikalische Gesellschaft gegründet. Deren Hauptauftrag bestand in der Entwicklung der musikalischen Bildung in Rußland sowie in der allseitigen Förderung russischer Musiker. Deren Filialen in Moskau, Kiew und in anderen russischen Städten trugen maßgeblich zur Entwicklung der professionellen musikalischen Kultur bei. Die Komponisten Balakirew und Lomakin gründeten in St. Petersburg eine allgemein zugängliche kostenlose Volk-Musikschule. Eine wichtige Rolle in der Entwicklung der musikalischen Kultur spielte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die als „Balakirew-Zirkel“ bekannte Schaffensgemeinschaft russischer Komponisten (1867 in das „Mächtige Häuflein“ umbenannt und Mitte der 70er Jahre aufgelöst). Dazu gehörten der Musikkritiker W. W. Stassow, die Komponisten M. A. Balakirew, ?. P. Borodin, M. P. ?ussorgskij, N. ?. Rimskij-?orsakow u.a.).  Die schöpferische Tätigkeit des „Mächtigen Häufleins“ stellte Weichen in der Entwicklung der russischen und internationalen Musikkunst. Der Höhepunkt der russischen Musikkultur ist jedoch mit dem Namen von P. I. Tschajkowskij verbunden. Dieser weltberühmte Komponist schuf zahlreiche Opern (insbesondere „Eugen Onegin“ als neuer Operntyp mit lyrischen Episoden), Ballettstücke (darunter Meisterwerke wie „Der Schwanensee“, „Dornröschen“ und „Der Nußknacker“), Symphonien („Manfred“), Konzerte, Ouvertüren, Romanzen und Meisterwerke der Kammermusik.

Bildende Kunst und Architektur

Auf dem Gebiet der bildenden Künste war die Zeit nach den liberalen Reformen außerordentlich ergiebig. Das kritisch-realistische Schaffen des Malers W. G. Perow stand besonders stark im Einklang mit der damaligen gesellschaftlichen Atmosphäre. Perows Banner wurde durch die 1871 entstandene kreative Gemeinschaft der sogenannten „Wanderkünstler“ („Peredwischniki“, benannt nach den von ihnen organisierten Wanderausstellungen) aufgegriffen und weitergetragen. Die realistischen „Peredwischniki“ verstanden sich als Gegenstück zur staatlich geförderten, verknöcherten akademischen Künstlerschule. Zu ihnen gehörten I. N. Kramskoj, I. J. Repin, W. I. Surikow, V. M. Wassnezow, I. I. Levitan, I. I. Schischkin und andere nicht nur russische, sondern auch ukrainische, litauische und armenische Maler, die in ihrem Schaffen das gegenwärtige Leben aller Volksschichten ebenso wie die Natur schilderten, jedoch auch historische Themen behandelten.
Für die Städtebaukunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der massenhafte Bau von Theatern, Museen, Bildungseinrichtungen, Kliniken, Krankenhäusern, Kinder- und Altersheimen sowie anderen gemeinnützigen öffentlichen Gebäuden kennzeichnend.

Zu den bedeutendsten russischen Tondichtern zählen Modest Petrowitsch Mussorgski (1839–1881), hier im Bild oben und Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow (1844–1908).
Die sog. „Peredwischniki“ („Wanderkünstler“, weil sie Wanderausstellungen im ganzen russischen Reich veranstalteten) sind die bekanntesten Maler des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Rußland. Kramskoi, Repin, Surikow, Wasnezow, Lewitan, Schischkin u.a. zählen zu ihnen. Historische Themen, das Volksleben ihrer Zeit aber auch realistische Darstellungen der russischen Natur prägen ihr Werke. – Abgebildet ist das Gemälde „Morgen im Kiefernwald“ von Iwan Iwanowitsch Schischkin (1832–1898)

Schlußbetrachtungen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Formierung der modernen russischen literarischen Sprache abgeschlossen und es kamen verschiedene Besonderheiten der russischen Nationalkultur zum Ausdruck wie Humanismus, Bürgerbewußtsein und Volksverbundenheit. Die Literatur wurde zur führenden Kraft des Kulturlebens und zur wichtigen Form des gesellschaftlichen Bewußtseins. Unter den Bedingungen der Kultur-Demokratisierung, die den Hauptinhalt der kulturgeschichtlichen Entwicklung des 19. Jahrhunderts bildete, formierte sich, vor allem in der Zeit nach den liberalen Reformen, die auch aus Vertretern der unteren Volksschichten bestehende russische Intelligenz. Sie nahm immer stärker am Ausbau des Volkschulsystems und anderer Bildungsbereiche teil, die vorher hauptsächlich in kirchlicher Hand lagen.

An der Schwelle des 19. zum 20. Jahrhundert begann ein neuer Zeitabschnitt in der russischen Kulturentwicklung, der als „silbernes Zeitalter“ bekannt wurde. Dieses war zwar nicht von langer Dauer, brachte der Welt jedoch hervorragende Leistungen auf den Gebieten der Philosophie, Malerei, schöngeistigen Literatur und Theaterkunst. Zu den kennzeichnenden Merkmalen des „silbernen Zeitalters“ gehörte das geistige Phänomen des sogenannten „russischen Kosmismus“, der die Einheit von Mensch und Weltall predigte. Russische Philosophen, die sich zum „Kosmismus“ bekannten, betrachteten die Welt als „Lebewesen“, als ganzheitliches, integres, beseeltes kosmisches System und verneinten teilweise die Entstehung des Menschen als geistig-spirituelle Einheit auf evolutionärem Weg. Zur gleichen Zeit erklärten russische religiöse Philosophen und Denker wie W. S. Solowjow, W. W. Rosanow, S. N. Bulgakow, D. S. Mereshkowskij u.a. die Erkenntnis der ewigen geistigen Werte, die freie Entfaltung des religiösen Gefühls und die Sittlichkeit zu den höchsten Zielen. Um die Jahrhundertwende hielt der Jugendstil auch in Rußland Einzug (wo er als „Moderne“ bekannt wurde). Die Hauptmerkmale der russischen „Moderne“ bildeten die bewußte Abkehr vom Realismus der bisher vorherrschenden „Wanderkünstler“, das demonstrative Ignorieren sozialer Themen, Eklektik auf dem Gebiet der Architektur, der Kult der Schönheit als absoluter Höchstwert („Es gibt keine Moral, sondern nur Schönheit“) sowie das unverhohlene Streben nach einer kreativen Synthese aller Kunstarten. Eine derartige Vielfalt von „Methoden der intellektuellen Wahrheitssuche“ war, um mit dem russischen Philiosophen N. A. Berdjajew zu sprechen, eine Folge der Befreiung der geistigen Kultur vom sozialen Utilitarismus der 1860er bis 1870er Jahre.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com