Übersteigerter Nationalismus mit negativen Vorzeichen
Das ganze Mittelalter hindurch und bis weit in die Neuzeit herein sind die Deutschen ein braves und biederes Volk gewesen: fleißige Bauern und tüchtige Handwerker, die in ihren Dörfern und kleinen Städten ihrer Arbeit nachgingen, ihre Familien versorgten und kaum über die Grenzen ihrer zahlreichen Kleinstaaten hinausblickten. Zwar gab es über all den Grafschaften, Herzogtümern und freien Städten den Überbau des Heiligen Römischen Reiches, der die ganze Vielfalt überwölbte und zusammenhielt, de facto aber lebten fast alle Deutschen in sehr bescheidenen Verhältnissen und sahen keinen Grund zur Überheblichkeit.
Von Dr. Eduard Huber
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Mag sein, daß sich in der Stauferzeit zum erstenmal beim Adel ein gewisser Standesdünkel herausbildete, wie er im bekannten Preislied Walthers von der Vogelweide zum Ausdruck kommt, aber davon blieb nach dem Interregnum nicht mehr viel übrig, wo ein Teil der Ritterschaft sogar auf das Niveau von Raubrittern herabsank. Mag auch sein, daß sich mit dem Aufblühen des Städtewesens im späten Mittelalter und in der Renaissance das reich gewordenen städtische Patriziat etwas auf seine bevorzugte Existenz einbildete, aber das war doch nur eine relativ kleine Schicht. Gewiß, es gab auch bedeutende Handelsstädte wie Köln, Brügge, Gent, Leipzig, Nürnberg, Frankfurt, Augsburg, Wien und einige andere, die aufgrund ihres Reichtums und ihrer weitreichenden Handelsbeziehungen ein markantes Selbstbewußtsein entwickelten und durch Bündnisse untereinander auch politisches Gewicht gewannen, vor allem die norddeutsche Hanse, die im 13. und 14. Jahrhundert die ganze Ostsee und ihre Küsten beherrschte, aber diese Herrlichkeit ging schon im 15. Jahrhundert wieder zu Ende.
Worauf konnten die Deutschen stolz sein? Vor allem auf ihren Fleiß und ihre Tüchtigkeit. Deutsche Bauern hatten einen so guten Ruf, daß slawische wie ungarische Fürsten und Könige sie einluden, ihre Länder zu kolonisieren und wirtschaftlich voranzubringen. Ebenso breitete sich das deutsche Städtewesen weit in den Osten aus und deutsches Stadtrecht galt weithin im Baltikum und im litauisch-polnischen Reich (bis hin nach Brest und Lemberg). Wahrscheinlich entwickelten diese deutschen Bauern und Bürger im Osten ein gewisses Überlegenheitsgefühl gegenüber den rückständigeren Slawen bzw. Balten. Die typisch preußische Überheblichkeit, die sich mit dem Aufstieg Preußens zur Großmacht seit dem 17. Jahrhundert entwickelte, dürfte darauf zurückzuführen sein. Den anderen Deutschen im Altsiedelland westlich der Elbe blieb diese Mentalität jedoch weitgehend fremd. Dazu kam, daß die Deutschen das Christentum vielleicht etwas tiefer aufgenommen und besser begriffen hatten als manche ihrer Nachbarn. Sie hatten Paulus sehr wohl verstanden, der in seinem Brief an die Philipper schreibt: „Tut nichts aus Streitsucht oder eitler Ehrsucht; in Demut achte vielmehr einer den andern höher als sich selbst. Niemand sei nur auf sein Bestes bedacht, sondern auch auf das Wohl des anderen“ (Phil 2,3–4). Was Gemeinwohl bedeutet, war den Deutschen der alten Zeit immer bewußt, und Egoismus galt bei ihnen traditionell als ein Laster. Das heißt ja nicht, daß sie ohne Selbstachtung durchs Leben gegangen wären, aber jene Überheblichkeit, die sie nach der zweiten Reichsgründung entwickelten, war ihnen noch nicht eigen.
Ein spätes Zeugnis dieser altdeutschen Gesinnung findet sich noch bei Matthias Claudius (1740–1815) in seinem berühmten Abendlied, das ganz zurecht als ein Spiegelbild des deutschen Gemüts gilt. Da heißt es:
Wir stolzen Menschenkinder / sind eitel arme Sünder / und wissen gar nicht viel; wir spinnen Luftgespinste / und suchen viele Künste / und kommen weiter von dem Ziel.
Gott, lass dein Heil uns schauen,/ auf nichts Vergänglichs trauen, / nicht Eitelkeit uns freun!
Lass uns einfältig werden / und vor dir hier auf Erden / wie Kinder fromm und fröhlich sein![i]
Das wichtigste Stichwort darin ist „einfältig“, eine typisch deutsche Eigenschaft, die sowohl von Franzosen als auch von Italienern gern belächelt, wenn nicht gar als eine Art von Dummheit angesehen wird. Für die rational denkenden Franzosen sind die Deutschen mit ihrer irrationalen und romantischen Art letztlich immer unverständlich geblieben, auch wenn Madame de Staël mit ihrem Werk „De l´Allemagne“ (1803) versucht hat, ihnen einen Zugang zu verschaffen.
In den Augen der Italiener mit ihrem ausgeprägten Schönheitssinn sind die Deutschen hingegen immer noch Barbaren, auch wenn sie nicht so weit gehen würden wie Hölderlin in seiner bekannten Philippika gegen die Deutschen, die er seinem Hyperion in den Mund legt: „Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jeden Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonienlos wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin, waren meine Tröster.“[ii] Hier erreicht Hölderlin eben jenen „Grad der Übertreibung“, den er selbst den Deutschen vorwirft. Was da zum Ausdruck kommt, ist schiere Verzweiflung über den Zustand einer Nation, die das ganze Mittealter hindurch als die erste aller Nationen Europas dastand und nun in der Neuzeit durch die religiöse Spaltung seit Luther, durch den verheerenden Dreißigjährigen Krieg, die Demütigung durch die Franzosen im Pfälzischen Krieg und nun durch die Niederlagen, die ihnen die Truppen der französischen Revolutionäre und Napoleons zufügten, so tief gedemütigt war, daß sie anfing, sich selbst zu verachten.
Aber wenig später erfolgte ein wundersamer Umschwung: Von Napoleon aus ihrer traditionellen Gemütlichkeit aufgeschreckt, rafften sich die Deutschen in den Freiheitskriegen (1813–15) zu neuer Tatkraft auf und besiegten, wenn auch nur mit russischer und englischer Unterstützung, ihren alten Erbfeind. Paradoxerweise war es gerade dieser in Gestalt des großen Napoleon, der einen deutschen Nationalismus entzündete, den es vorher gar nicht gegeben hatte. Die Dichter der Freiheitskriege, Ernst Moritz Arndt (1769–1860) vor allem, daneben Theodor Körner, der 1813 im Kampf gegen Napoleon sein Leben ließ, und Max von Schenkendorf (1783–1817), riefen in ihren Liedern zum Kampf um die Freiheit und Einheit Deutschlands auf. Diese Fackel der deutschen Freiheit, welche die Freikorps vorantrugen, wurde dann von den Burschenschaften weitergetragen, wie das Wartburgfest von 1817 zeigte, und entflammte danach auch das deutsche Bürgertum.
Zwar wurde die nationale Bewegung eine Zeitlang durch die Restauration unterdrückt, brach sich aber durch die Revolutionen von 1830 und vor allem 1848 immer mehr Bahn. Auf dem Hambacher Fest 1832 verkündete der Journalist Jakob Siebenpfeiffer in einer emphatischen Rede: „Es wird kommen der Tag des edelsten Siegstolzes, wo der Deutsche vom Alpengebirge und der Nordsee, vom Rhein, der Donau und Elbe den Bruder im Bruder umarmt, wo die Zollstöcke und die Schlagbäume, wo alle Hoheitszeichen der Trennung und Hemmung und Bedrückung verschwinden samt den Konstitutiönchen, die man etlichen mürrischen Kindern der großen Familie als Spielzeug verlieh; wo freie Straßen und freie Ströme den freien Umschwung aller Nationalkräfte und Säfte bezeugen; wo die Fürsten die bunten Hermeline feudalistischer Gottstatthalterschaft mit der männlichen Toga deutscher Nationalwürde vertauschen und der Beamte, der Krieger, statt mit der Bedientenjacke des Herrn und Meisters, mit der Volksbinde sich schmückt.“[iii]
Da ging es vor allem um zwei Ziele: die deutsche Einheit und die Überwindung des Feudalismus. Die Idee der Freiheit, wie sie von der Französischen Revolution entwickelt wurde, kehrt hier in deutscher Version wieder. Aber es ist noch kein ausschließlicher deutscher Nationalismus, denn am Ende dieser Rede werden auch Polen und Franzosen als „der Deutschen Brüder“ begrüßt, sofern sie „unsere Nationalität und Selbständigkeit achten“.
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Aber dann wurde die deutsche Einheit bekanntlich nicht von unten, d.h. vom Volk, sondern von oben, d.h. von Bismarck und den deutschen Fürsten hergestellt, die mit ihm 1870 gegen Frankreich zogen und 1871 den preußischen König zum Kaiser ausriefen. Und von da an gab es kein Halten mehr und der deutsche Nationalismus steigerte sich allmählich zu jenem deutschen Größenwahn, der die Nation im Laufe eines Dreivierteljahrhunderts (1871–1945) in den Abgrund führte. Anfangs war es nur eine Emotion, eine Aufwallung der Gefühle, wie sie Julius Klaiber in einem Text über den Kriegsausbruch von 1870 beschrieben hat. „Als die Kunde von Ems mit Windeseile durch das deutsche Land flog – wer will ihn beschreiben, den Sturm, der da durch die deutschen Herzen brauste! Es war, als wäre die innerste Seele des Volkes getroffen, so groß und überwältigend stieg in der deutschen Brust das Gefühl der verletzten Würde der Nation empor. Man gedachte mit einemal all der Not und Schmach, die Frankreich in Jahrhunderten auf Deutschland gehäuft hatte.
Man erkannte in seinem jetzigen Auftreten denselben Geist des Übermuts, der jenen Ludwig XIV., jenen alten Napoleon so oft in das zerrissene Deutschland geführt hatte. Aber mit der männlichen Entrüstung über den frechen Friedensstörer, mit dem einmütigen Willen energischer Abwehr ging zugleich ein wunderbares Gefühl von der gesammelten Kraft der Nation in den Herzen auf. Und aus dem tausendstimmigen Jubel, der von allwärts dem hehren Herrscher für die würdevolle Wahrung der deutschen Ehre dankte, klang vernehmlich die beglückende Ahnung hervor, daß das deutsche Volk vor der schönen Erfüllung seiner Geschicke stehe.“[i]
Am Anfang stand also eine schöne Erfüllung der Geschicke Deutschlands, aber niemand konnte das Ende absehen. Bismarck war an der Katastrophe des Ersten Weltkrieges gewiß nicht schuld und an der von 1933 bis 1945 schon gar nicht. Zwar hatte die Reichsgründung von 1871 das Gleichgewicht der Mächte empfindlich gestört, doch wußte er durch die Klarstellung, Deutschland sei saturiert und strebe nicht nach Expansion, sowie durch eine raffinierte Bündnispolitik Europa wieder zu beruhigen; aber mit seiner Abdankung 1890 brach dieses System schnell zusammen. „Da es Bülow, Bethmann-Hollweg oder dem Kaiser an Bismarcks meisterhaftem diplomatischen Geschick fehlte, war eine Politik, die sich nur durch die unermüdliche Anstrengung eines Genies aufrechterhalten ließ, unklug und aller Wahrscheinlichkeit nach zum Scheitern verurteilt.“[ii]
Es gab noch einen anderen Faktor, der die Entwicklung bestimmte. „Aber was auch immer Bismarcks vorrangige Ziele gewesen sein mögen, sein Reich konnte in der sich nach 1870 entwickelnden Welt kaum eine saturierte Macht bleiben. Da war vor allem die treibende Kraft des Nationalismus selbst. Bismarck fing an wie Cavour und endete wie Metternich. Er hatte den deutschen Nationalismus wecken müssen, um sein Reich zu einigen, und damit war er dann fertig mit dem Neuzeichnen der europäischen Landkarte. Aber der Nationalismus war eine mächtige und unberechenbare Kraft, und es war nicht leicht, sie ,wohl temperiert‘ zu halten, damit sie den Forderungen machtpolitischer Vorstellungen entspreche.“[iii]
Der Nationalismus, der keineswegs eine deutsche Besonderheit war, sondern ebenso in Italien blühte oder in Polen, wurde in Deutschland dadurch besonders gefährlich, daß das Reich wirtschaftlich einen gewaltigen Aufschwung erlebte, Kolonien erwarb und plötzlich in der Weltpolitik mitmischte. Einerseits gab man sich noch gemäßigt, wie der berühmte Satz des Außenministers (und späteren Reichskanzlers) Bernhard von Bülow 1897 bezeugt: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne,“[iv] aber bald waren auch andere Töne zu hören, vor allem aus dem Munde Wilhelms II., der in seiner berüchtigten Hunnenrede von 1900 tönte: „Kommt Ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer Euch in die Hände fällt, sei Euch verfallen! Wie vor 1000 Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch Euch bestätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!“[v] Diese Rede war es, welches es den Engländern und Amerikanern in den Weltkriegen erlaubte, die Deutschen als „the huns“ zu verleumden. Nach einer jahrhundertelangen Demütigung durch die Franzosen stieg nicht nur dem Kaiser, sondern den Deutschen insgesamt die neue Großmachtstellung dermaßen in den Kopf, daß sie die Gefahr, in die sie dadurch gerieten, einfach übersahen. Die Idee, am deutschen Wesen müsse die Welt genesen, ließ sie gänzlich jenes Augenmaß vermissen, das in der Politik nun einmal nötig ist.
Trotz einiger Pannen wie dem Gründerkrach von 1873 herrschte in Deutschland eine allgemeine Euphorie, die auch bei Kriegsbeginn im August 1914 nicht nachließ. Die Nachgeborenen, die das Ende dieser Geschichte kennen, reiben sich die Augen, wenn sie Photographien von den Zügen mit fröhlich, ja übermütig winkenden Soldaten sehen, die damals nach Frankreich rollten. Inzwischen wissen wir, wie viele dieser jungen Burschen in den Schützengräben in Nordfrankreich elend verblutet sind. So groß die Euphorie noch 1914 gewesen war, so fürchterlich war der Schock der Niederlage von 1918. Nun verstanden die Deutschen die Welt nicht mehr, und noch weniger konnten sie es annehmen, daß sie von den Siegern die alleinige Schuld an der Katastrophe aufgebürdet bekamen. Vielleicht begriffen sie nicht einmal, warum sie ausgerechnet in Versailles diesen Vertrag unterzeichnen mußten, der in der Tat ein Diktat war. Die Franzosen dagegen begriffen es sehr wohl, denn sie hatten jenes groteske Schauspiel einer deutschen Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles nicht vergessen.
Nun folgte also auf den großen Rausch des nationalen Überschwangs der schwere Kater der nationalen Demütigung, und beides in jenem Übermaß der Übertreibung, das einst Hölderlin an seinen Deutschen gerügt hatte. Es begann eine Zeit des großen Jammers, der allerdings auch konkrete Ursachen hatte wie die Inflation von 1923, die das Geldvermögen der Deutschen pulverisierte, und die Weltwirtschaftskrise von 1929, die Millionen von Arbeitslosen zur Folge hatte. Die Erzählung von den roaring twenties in Amerika und den „goldenen Zwanzigern“ in Berlin ist eine Sage; der überwältigenden Mehrheit des Volkes ging es mehr als schlecht.
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Danach kam Hitler und versprach, die Schmach von Versailles zu tilgen und die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen; und beides gelang ihm tatsächlich. Als Menschen aus aller Welt 1936 die Olympiade in Berlin besuchten, waren sie verblüfft, in welch kurzer Zeit sich Deutschland wieder berappelt hatte und welch positive Stimmung im Lande herrschte. Ein Engländer bemerkte damals, wenn England je in eine solche Lage käme wie Deutschland 1918, wünsche er ihm einen Mann wie Hitler. Der Mann, von dem diese Einschätzung stammt, hieß übrigens Winston Churchill. (Er hat seine Meinung über Hitler dann ab 1938 gründlich geändert.)
Hitler und seine Nationalsozialisten hatten von Mussolini und dessen Faschisten gelernt, wie man die Massen begeistert. Und die Deutschen ließen sich begeistern. Der französische Schriftsteller Denis de Rougemont hat einen Auftritt des Führers am 11. März 1936 in Frankfurt miterlebt und berichtet darüber: „Ein aufleuchtender Scheinwerfer läßt einen kleinen braungekleideten Mann auf der Schwelle erscheinen, mit bloßem Haupt und ekstatischem Lächeln. 40.000 Menschen, 40.000 Arme haben sich in einer einzigen Bewegung erhoben. Der Mann schreitet sehr langsam vorwärts, grüßt unter einem betäubenden Donnern rhythmischer Heil-Rufe mit langsamer, bischöflicher Geste. (Bald höre ich nichts anderes mehr als die heißeren Schreie meiner Nachbarn vor einem Hintergrund aus Sturm und dumpfen Schlägen.) Schritt für Schritt schreitet er voran und nimmt die Huldigung entlang des schmalen Verbindungsganges entgegen, der zur Tribüne führt. Es dauert sechs Minuten, das ist sehr lang. Niemand kann bemerken, daß ich die Hände in den Taschen habe. Sie stehen aufrecht, unbeweglich und im Takt brüllend, während sie mit den Augen auf diesen leuchtenden Punkt starren, auf dieses Gesicht mit dem ekstatischen Lächeln, und ihnen im Dunkel Tränen über die Gesichter rinnen.“[i]
Am folgenden Tag, dem 12. März, notiert er: „Die Zeitung von heute morgen schreibt:
Als der Führer rief: ‚Ich kann nur leben, wenn mein gewaltiger Glaube in das deutsche Volk wieder und wieder durch den Glauben und das Vertrauen des Volkes in mich gestärkt wird‘, antwortete ihm ein einziger Schrei der Massen, die ihre Treue bekannten.
Ich werde diesen „Schrei“, dieses unmittelbare Gebrüll von 40.000 Menschen, die sich in einer einzigen Bewegung aufrichten, nicht mehr vergessen. Hier beginnt eine neue Epoche … Nein, es handelt sich nicht um Haß, es handelt sich um Liebe. Ich habe das Ächzen der Liebe aus der Seele der Massen vernommen, das dumpfe und machtvolle Ächzen einer Nation, die besessen ist von dem Mann mit dem ekstatischen Lächeln, von ihm, dem Reinen und Einfachen, dem Freund und unsichtbaren Befreier …“[ii]
Wer es nicht erlebt hat, kann es nicht verstehen. Psychologen werden erklären, es habe sich um eine Massenhysterie gehandelt, aber das ist auch nur ein Wort, und die Wirklichkeit dahinter ist etwas anderes. Baldur von Schirach, nicht nur Reichsjugendführer, sondern auch ein beachtlicher politischer Lyriker, hat es in seinem Gedicht „Hitler“ so gesehen:
„Ihr seid viel tausend hinter mir, / und ihr seid ich und ich bin ihr.
Ich habe keinen Gedanken gelebt, / der nicht in euren Herzen gebebt.
Und forme ich Worte, so weiss ich keins, / das nicht mit eurem Willen eins.
Denn ich bin ihr und ihr seid ich, / und wir alle glauben, Deutschland, an Dich!“[iii]
Hier kommt jene geradezu mystische Einheit von Führer und Volk zum Ausdruck, die so irrational ist, daß sie sich nicht vernünftig erklären läßt. Überhaupt scheinen die Deutschen jener Zeit eher hingerissen als größenwahnsinnig gewesen zu sein, auch wenn die HJ einen Liedtext von Hans Baumann verfälschte und sang:
„Wir werden weitermarschieren, / wenn alles in Scherben fällt,
Denn heute gehört uns Deutschland / und morgen die ganze Welt.“
Übrigens dachten die Nationalsozialisten nie an eine Welteroberung und Hitler selbst war davon überzeugt, daß sein System allein für das deutsche Volk von Bedeutung und deshalb nicht übertragbar sei: „Ich frage, wie soll unsere Zukunft aussehen, mich interessiert nur mein Volk, wie wird das sein in 100 Jahren, darauf kommt es an. Nicht aus Mitleid mit dem Einzelnen bin ich Sozialist, nur aus Rücksicht auf unser Volk. Ich will, daß das Volk, das uns das Leben gegeben hat, auch in der Zukunft besteht.“[iv]
Zwar glaubte Hitler schon an eine welthistorische Bedeutung seiner Revolution, aber im Gegensatz zum Sowjetkommunismus, der immer die Weltrevolution anstrebte, dachte Hitler nur im nationalen Rahmen und nannte seine Ideologie eben deshalb nationalsozialistisch. Freilich ist nicht zu leugnen, daß er auch weit über die nationalen Grenzen hinausblickte und an einen Lebensraum von zusätzlich 500.000 km2 Boden in Europa, vor allem in der Ukraine, dachte, um Deutschland wirtschaftlich autark zu machen. 1941 phantasierte er von einem Strom von Menschen, der nach Osten aufbrechen werde. Nach den Anfangserfolgen der Wehrmacht im Rußlandfeldzug schien das vorübergehend möglich, aber spätestens mit der Niederlage von Stalingrad war dieser Traum schon wieder ausgeträumt.
Es folgte jenes Unglück, das nicht nur eine deutsche, sondern eine europäische Katastrophe wurde. Nun ist hier nicht der Ort, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nachzuzeichnen, die schon allzu oft und nicht selten einseitig dargestellt worden ist, es geht vielmehr um die Folgen: England und Frankreich, die sich zu den Siegermächten zählten, verloren in den folgenden Jahrzehnten ihre riesigen Kolonialreiche, und die einzigen Gewinner waren am Ende nur zwei, wie ein deutscher Kabarettist in den ersten Nachkriegsjahren treffend formulierte: „Die großen Fünf sind in Wirklichkeit nur vier, und diese drei heißen USA und Sowjetunion.“ Das wurde schnell klar, und daß Europa seine lange Zeit führende Stellung in der Weltpolitik verloren hatte, ebenso. Wie stand es nun um Deutschland? Das Fell des erlegten Bären wurde zerschnitten und unter den Siegern aufgeteilt, wobei sich Polen als der eigentliche Nutznießer der Teilung erwies, denn es bekam 101.000 Quadratkilometer deutschen Landes von den Siegern geschenkt. 14 Millionen Deutsche wurden insgesamt aus dem Osten vertrieben und kamen in ein Land, dessen Städte weitgehend zerstört waren. Nur das platte Land und die noch weitgehend traditionelle Landwirtschaft konnten das Volk erhalten und schafften es, obwohl rund 11 Millionen Männer in Kriegsgefangenschaft geraten waren und nun der Wirtschaft fehlten. Ende der 1940er Jahre waren es vor allem die Alten, die Frauen und die Kinder, die anpacken mußten, und daß es dann in den 1950er Jahren so schnell aufwärts ging, war tatsächlich so etwas wie ein Wunder. Wohl niemand konnte 1945 dieses Wirtschaftswunder voraussehen, zumal da ja die Amerikaner zunächst ganz andere Pläne mit Deutschland hatten.
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Dann aber kam in den 1960er Jahren jene vaterlose Generation auf und zettelte 1968 ein Revolutiönchen an. Es wäre eine lächerliche Episode geblieben, wenn da nicht die RAF blutigen Ernst mit dem Versuch eines Umsturzes gemacht hätte. Aber selbst das konnte die junge Bundesrepublik nicht aus der Bahn werfen, es war vielmehr der Marsch durch die Institutionen, welcher der linken Intelligenzija gelang, die nun die totale Deutungshoheit über die deutsche Geschichte übernahm, Die in vielem bewunderungswürdige Geschichte des Heiligen Römischen Reiches wie die respektable Geschichte des zweiten Kaiserreichs wurde nun bedenkenlos auf den Misthaufen der Geschichte geworfen, und übrig blieb nichts als die kurze und verhängnisvolle Geschichte des Dritten Reichs, die (von Karl dem Großen an gerechnet) nur ein Prozent der deutschen Geschichte umfaßt, aber doch nicht nur „ein Vogelschiß“ gewesen ist, wie Alexander Gauland einmal formuliert hat, sondern ein gewaltiger Misthaufen. Trotzdem hätte man ihn nicht nachträglich zu einem Gebirge aufhäufen müssen, welches die glänzende Landschaft der altdeutschen Geschichte immer mehr in den Schatten stellte. Aber selbst das war noch nicht der Gipfel des Wahnsinns, vielmehr wurde nun eine „Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit der Naziverbrechen“ erklärt und dieses Narrativ, wie es neuerdings heißt, nicht nur zur Norm aller historischen Deutung des Dritten Reiches erklärt, sondern zu einem Dogma erhoben, dessen Ablehnung als Häresie geahndet wird.
Der amerikanische Historiker David P. Calleo hat dazu angemerkt: „Zunächst einmal wird Deutschland zu häufig als isoliertes Beispiel behandelt, als Land mit markanten Eigenschaften, wie man sie sonst nirgendwo zu finden glaubt. Viele deutsche Autoren scheinen eine Art perversen Vergnügens daran zu finden, ihrem eigenen Volk eine einzigartige Schlechtigkeit zuzuschreiben, die es von der übrigen Menschheit abhebt.“[i] Diese „einzigartige Schlechtigkeit“ der Deutschen ist nun das Mantra der Nachgeborenen und ihrer Repräsentanten, zu deren beliebtesten Übungen Bußwallfahrten nach Auschwitz oder Oradour oder ähnliche Orte deutscher Verbrechen gehören, und die sich nicht genieren, an Feiern zum Sieg über das „böse Nazideutschland“ teilzunehmen. Anscheinend ist den Deutschen nach all den Wechselfällen ihrer Geschichte, die ihnen jedes Selbstvertrauen geraubt haben, nichts anderes übriggeblieben als der fragwürdige Ruhm, die größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte zu sein. Wie widerwärtig eine solche Perversion des nationalen Größenwahns für die übrige, halbwegs normal gebliebene Menschheit sein muß, ist ihnen nicht im mindesten bewußt. Als sie der estnische Staatspräsident Lennart Meri 1993 in einer Rede im Deutschen Schauspielhaus zu Berlin davor warnte, zur „Canossarepublik“ zu werden, nahmen sie es überhaupt nicht zur Kenntnis. Sie beharren darauf, ihr Büßergewand wie einen Königsmantel zu tragen, und sind nicht bereit, ihn je wieder abzulegen. Voraussichtlich werden sie ihn bis zu ihrem bitteren Ende tragen, d.h. bis zu dem Tag, an dem es in Mitteleuropa gar kein deutsches Volk mehr gibt, sondern lediglich eine Ansammlung von „Menschen, die gut und gern in diesem Land leben“, wie Madame Merkel unseligen Angedenkens definiert hat.
Apropos Merkel: Die historische Rolle dieser Femme fatale wird immer noch weit unterschätzt, denn sie wäre durchaus mit der Hitlers vergleichbar. Im Gegensatz zu Hitler, der nur das Deutsche Reich zerstört hat, hat Madame Merkel das deutsche Volk zerstört. Und das ist schlimmer. Als Stalin am 30. April 1945 vom Tod Hitlers erfuhr, soll er gesagt haben: „Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk bleibt ewig.“ Diese Behauptung wird nach sechzehn Jahren Merkel niemand mehr aufstellen wollen, denn spätestens seit der Invasion von 2015, welche Merkel nicht nur geduldet, sondern gefördert hat, ist das deutsche Volk zum Tode verurteilt. Da müßte schon eine gewaltige Umwälzung erfolgen, wenn dieses Schicksal noch abgewendet werden sollte. Aber von den Deutschen ist eine solche Revolution nicht mehr zu erwarten. In ihrem wütenden Selbsthaß, der unter den Völkern dieser Welt wohl einmalig ist, wollen sie gar nicht erhalten werden. Als sich 1989 die Tür zur Wiedervereinigung auftat, tobten linke Horden durch Berlin und schrieen „Nie wieder Deutschland!“ und „Deutschland verrecke!“ In keinem anderen Land wäre eine solche Aufführung vorstellbar.
Da nun aber die Menschen nicht nur immer gegen, sondern auch für etwas sein wollen, haben die Verwirrten ein neues Steckenpferd entdeckt: die Rettung des Weltklimas. Und dafür sind sie nun bereit, alles, selbst ihren vielgeliebten Wohlstand zu opfern. Daß sich das Klima des Quartärs wenig um die Deutschen kümmern wird, ist diesen heillos Verrückten nicht zu erklären, denn „heute retten wir Deutschland und morgen die ganze Welt“. So steht denn der Größenwahn der modernen Deutschen immer noch in voller Blüte und wird wohl erst mit ihrem absehbaren Abtreten von
[i] David P. Calleo a. a. O. S. 18 f.