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Bruno Brehm

Bruno Brehm (1892–1974) war der Dichter der Reichsidee, der Österreich als starkes Herz Mitteleuropas betrachtete, der Sprache und Kultur nach deutsch, der Gesinnung nach abendländisch-europäisch und der Bedeutung nach universell.
Die meisten Werke Bruno Brehms sind nur mehr antiquarisch zu erhalten, den stark autobiographisch geprägten Lieblingsroman des Autors hat der Leopold Stocker Verlag bzw. der ARES Verlag allerdings neu herausgebracht:
ISBN 978-3-99081-143-6
Bruno Brehm
AUS DER REITSCHUL’
390 Seiten, 13 x 20 cm, Hardcover
€ 30,00

Die Reichsidee in der österreichischen Literatur

Im Sommer vor 50 Jahren – am 5. Juni 1974 – starb Bruno Brehm in seiner Wahlheimat Altaussee. Der einstige Erfolgsautor war zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend vergessen; nur wenigen Zeitungen war sein Tod mehr als ein paar Zeilen wert. Zu radikal unzeitgemäß war der Altösterreicher Brehm, der Autor des monumentalen Romanepos „Die Throne stürzen“, für den linksgeprägten Zeitgeist der siebziger Jahre. Als er wenige Tage später auf dem Ortsfriedhof beigesetzt wurde, erklang der Radetzkymarsch, geradezu das ultimative Symbol des konservativen Österreich.

Von Christoph v. Lattermann

Brehm selbst hat einmal beschrieben, wie Johann Strauss Vater sich von seinem Krankenbett aufraffte, als er von den Siegen des Feldherrn in Oberitalien erfuhr, und den Marsch komponierte, „diesen Kriegstanz voll Leichtigkeit und Tapferkeit, der noch heute unser Herz schneller schlagen läßt“1. Damit stellte sich Strauß sen. klar auf die Seite der Ordnung, während sein Sohn in Wien auf den Barrikaden der Revolutionäre kämpfte. Auch Bruno Brehm vertrat zeit seines Lebens die Lebensart und Haltung des alten Österreich – über verschiedene Zeiten und so manche Mißverständnisse hinweg. Er selbst hat mitunter Entwicklungen falsch bewertet, und auch er selbst ist als „ewiggestriger Nationalist“ oder „weltfremder Romantiker“ fehlgedeutet worden. Solche Etikettierungen greifen zu kurz, und sie übersehen das Wesentliche. Bruno Brehm war der Dichter der Reichsidee, der Österreich als starkes Herz Mitteleuropas betrachtete, der Sprache nach deutsch, der Gesinnung nach abendländisch-europäisch und der Bedeutung nach universell. Daß er von diesem Ideal nicht ablassen wollte – weder im kleinen Österreich noch im scheinbar großen NS-Deutschland und auch nicht im Kalten Krieg –, hat ihm einiges an Unverständnis und Feindschaft gebracht. Von solchen Anfechtungen unbeeinflußt, bekannte Brehm einmal seine Aufgabe: „Wir, die noch einen Hauch des alten Österreich mitbekommen haben, jene Generation, von der Weinheber gesagt hat: wir ham no den alten Kaiser gsehn, muß das weitergeben, was für ein kommendes Europa unentbehrlich ist und was in der gewesenen Donaumonarchie bei den Besten schon einmal da war.“2 Was einmal da war? Die Verbindung unterschiedlicher Völker, ihr Zusammenleben in einem gemeinsamen Staat, unter dem Schutz einer gerechten Verwaltung und einer treuen Armee und eines über dem Parteienhader stehenden Kaisers, der – und auch das betonte Brehm stets – sich selbst einen „deutschen Fürsten“ nannte.

Geboren im Jahr 1892 in Laibach, war Bruno Brehm ein klassisches „Tornisterkind“ – ein Offizierssohn aus deutschböhmischer Familie, der seine Jugend quer durch die Garnisonsstädte der Monarchie erlebte. Prag, Eger und später Znaim waren die Stationen seiner nach eigenem Bekunden unglücklichen Jugend vor dem Hintergrund des Nationalitätenstreits um die Jahrhundertwende. Aus kaisertreuer Familie stammend, rebellierte er gegen die Autorität des eigenen Vaters und des „Übervaters“ in der Hofburg. Nach der Matura rückte er als Einjährig-Freiwilliger in Wien ein und hatte sein Erweckungserlebnis: „Ein Gefühl unendlicher Freiheit überkam mich, als ich unter die strengen Gesetze der Pflicht getreten war. Wir haben das erlebt, wonach sich jetzt die ganze Welt sehnt: friedlich, einträchtig, brüderlich durch das Du der Kameradschaft verbunden […]. Keiner von uns hat geglaubt, daß er besser sei als der andere, weil er ein Deutscher und der andere ein Tscheche, Pole, Slowake, Ungar, Rumäne oder Italiener war.“3 Nach einem kurzen Ausflug an die Wiener Universität – das Germanistikstudium brach er bald ab – ließ sich Brehm aktivieren und wurde im Herbst 1914 in einer der ersten Schlachten des Weltkriegs schwer am Bein verwundet und gefangengenommen. In einem Lazarett in Moskau lernte er Edwin Erich Dwinger kennen, der ihn – lange, bevor Brehm selbst zu schreiben begann – in seinem Tatsachenroman „Armee hinter Stacheldraht“ literarisch verewigte. Als humpelnder Invalide ausgetauscht, hielt es Brehm nicht im Hinterland; auf eigenen Wunsch hin rückte er wieder ein, zuerst nach Mazedonien, dann an die Südtiroler Front rund um die „sieben Gemeinden“.

Wie für viele seiner Generation brach auch für ihn im November 1918 buchstäblich eine Welt zusammen. Auf der Suche nach dem tieferen Sinn des Geschehenen studierte er, beeinflußt von Oswald Spengler, Kunstgeschichte und Prähistorik an der Wiener Universität. Wie sein akademischer Lehrer Josef Strzygowski untersuchte der Kunsthistoriker Brehm den Zusammenhang zwischen europäischen und asiatischen Kulturen. Nach einem kurzen Intermezzo als Universitätsassistent trat er – frisch verheiratet mit der Tochter eines Wiener Rechtsanwalts – als Teilhaber in den Wiener Burgverlag ein, dessen wirtschaftlicher Schiffbruch ihn zu seinem ersten Roman inspirierte. „Der Sturm auf den Verlag“ erschien unter dem Pseudonym Bruno Clemens – zugleich die Taufnamen des Autors. Nach eigenem Bekunden begann Brehm zu schreiben, weil alles andere in seinem Leben fehlgeschlagen war: seine militärische Karriere ebenso wie eine wissenschaftliche Laufbahn oder sein Ausflug ins Verlagsgeschäft. In diesen Jahren schloß Brehm Freundschaft mit zwei Schriftstellern, die, so unterschiedlich sie waren, seine langjährigen Wegbegleiter wurden: einerseits Leo Perutz, Versicherungsmathematiker, Jude aus Prag, politisch linksorientiert und damals schon bekannter Autor perfekt konstruierter phantastischer Romane. Auf der anderen Seite Josef Weinheber, das Wiener Original, Autodidakt, sanguinisch, lange Zeit erfolgloser Lyriker und früher Anhänger des Nationalsozialismus. Perutz vermittelte Brehm zum Piper Verlag in München, dessen Stammautor mit hohen Auflagen er rasch wurde. Weinheber wiederum stand in einem komplexen Verhältnis aus Bewunderung und Neid zum erfolgreichen Brehm und verewigte den Freund in seinem posthum erschienenen Roman „Gold außer Kurs“ wenig schmeichelhaft als Fließbandschriftsteller „Dr. Erich Pawel“.


1) Bruno Brehm: „Die Kaiserlichen unter Feldmarschall Graf Radetzky 1848 in Italien“; in: Deutsches Soldatenjahrbuch 1973, S. 81–91.
2) Bruno Brehm: „Altösterreich – ein Vorbild des neuen Europa“; in: Berichte und Informationen vom 16. Februar 1951, S. 15.
3) Bruno Brehm: „Das große Erbe“; in: Neues Abendland 2/1958, S. 189.
Als Bruno Brehm 1974 auf dem Ortsfriedhof von Altaussee beigesetzt wurde, erklang der Radetzkymarsch, das ultimative Symbol des alten Österreich, dessen Lebensart und Haltung der Schriftsteller Zeit seines Lebens vertrat. – Parade vor Kaiser Franz Joseph anläßlich des 100. Jahrestags der Schlacht von Aspern.
Bruno Brehm gehörte zu einer großen Gruppe nationalkonservativer Intellektueller der Zwischenkriegszeit, die sich um den renommierten Historiker Heinrich Ritter von Srbik (Bild) gruppierten und von Armin Mohler als „Reichskatholiken“ bezeichnet wurden.
Zu den besten Freunden des Dichters zählten der Nationalrevolutionär Edwin Erich Dwinger (oben), der linke jüdische Prager Schriftsteller Leo Perutz (unten) und der bedeutende Lyriker und frühere Anhänger des Nationalsozialismus Josef Weinheber.
Josef Weinheber
Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg (Bild) kritisierte Bruno Brehm und Edwin Erich Dwinger als sentimentale Phantasten, weil sie für ein geeintes Europa eintraten, in dem auch die slawischen Völker des Ostens ihren selbstbestimmten Platz hatten.

Bruno Brehms eigene Form

Brehms eigentliche Schriftstellerlaufbahn begann mit den humoristisch-satirischen Romanen „Der lachende Gott“ (später als „Der fremde Gott“ neu publiziert), „Ein Graf spielt Theater“ und „Wir alle wollen zur Opernredoute“. Seinen ersten größeren Erfolg feierte er 1929 mit dem Entwicklungsroman „Susanne und Marie“, der – wie viele seiner Werke – autobiographisch inspiriert war: „Susanne“ war niemand anderes als seine Ehefrau Margarethe. Über solche Verarbeitungen des eigenen Lebenskreises und psychologisch fein gestaltete Kurzgeschichten rund um Kinder und Alltagserlebnisse fand Brehm schließlich zu der ihm eigenen Form: der literarischen Verarbeitung historischer Ereignisse und Entwicklungen, mit Spannung geschrieben und sorgfältig aus den Quellen gearbeitet. Der Franz-Ferdinand-Roman „Apis und Este“ (1931) schildert nicht nur das Attentat auf den Thronfolger, sondern auch dessen Vorgeschichte aus Sicht der Verschwörer vor dem Hintergrund des anwachsenden slawischen Nationalismus, dem die morbide Monarchie wenig entgegenzusetzen hatte. Meisterhaft verstand es Brehm, nicht nur den schwierigen Charakter des Thronfolgers darzustellen, sondern auch die Polarität zwischen ihm und seinem kaiserlichen Onkel, zwischen Belvedere und Hofburg. Schon in diesem ersten Teil seiner Trilogie „Die Throne stürzen“ plädierte Brehm für den Reichsgedanken, zeigte sich jedoch skeptisch, ob dieser in seiner alten Form noch realisierbar sei.

Voller Respekt vor dem alten Kaiser, dem „Herrscher, der auf verlorenem Posten bis zur letzten Stunde eine Haltung bewahrte, die wir ehren müssen“, sah der Autor die Feindschaft gegen die monarchische Tradition dennoch als letztlich stärkere Kraft dieser Zeit; der Erste Weltkrieg wurde zur Entscheidungsschlacht zwischen Massengesellschaft und alter Ordnung. „Die sehenden Menschen hatten das Unheil heraufziehen gesehen“, schrieb Brehm, „über das kein Strauß hinweggeigen, kein Walzer hinwegtanzen, das kein Bruckner zu trösten vermochte. Und inmitten des Verfalles und des Unglücks, das sich nicht wenden ließ, stand der Kaiser einsam und aufrecht bis zu seinem Tode“[1]. Die Deutschsprachigen in der Monarchie seien nach der Niederlage 1866 bei Königgrätz zu schwach geworden, den Staat gegen die zentrifugalen Kräfte zu stützen, ihr Niedergang also folgerichtig gewesen. Über allem schwebte Brehms Überzeugung, das alte Österreich sei „nicht ein sinnloses Völkerkonglomerat; sondern das Ergebnis einer jahrhundertealten und mühevollen Arbeit, einer deutschen Arbeit, die nicht aufgegeben werden durfte“. Brehms geistiges Lebensproblem war die Frage, wie die Reichsidee – eine in dieser Reihenfolge österreichische, deutsche und abendländische Idee – unter den geänderten Verhältnissen nach dem Zusammenbruch 1918 verwirklicht werden könne. Nicht durch eine Wiederbelebung der Monarchie – dessen war Brehm sicher, obwohl er sein Lebtag durch und durch der k.u.k. Offizier bleiben sollte. Im zweiten Teil seiner Trilogie „Das war das Ende“ (1932) machte Brehm die Fehler und Illusionen der Kriegs- und Nachkriegspolitiker sichtbar, während der 1933 erschienene dritte Teil das tragische Schicksal des gescheiterten Monarchen Karl I. aufzeigte; Karl war, wie der Titel schon ausdrückte, „Weder Kaiser noch König“. Die Kaiserreich-Trilogie wurde von Kritik und Publikum begeistert aufgenommen und erschien in einer Gesamtauflage von knapp einer Million Exemplaren.

Reichskatholik

Mit der Überzeugung, das nach 1918 plötzlich sehr kleine Österreich könne nicht das „Ende der Geschichte“ sein, stand Brehm bei weitem nicht allein: Im ganzen politischen Spektrum von den offen anschlußbereiten Sozialdemokraten bis hin zum deutschnationalen Lager war die Erste Republik der sprichwörtliche Staat, den keiner wollte. Brehm, der Altösterreicher, dem es jedes Mal einen Stich gab, wenn er auf einem Formular „Staatsangehörigkeit: tschechoslowakisch“ eintragen mußte, gehörte zur großen Gruppe der nationalkonservativen Intellektuellen der Zwischenkriegszeit, die sich um den renommierten Historiker Heinrich v. Srbik gruppierten (Armin Mohler bezeichnete diese Gruppe treffend als „Reichskatholiken“[2]). Charakteristisch für ihr Denken war einerseits die ausdrückliche Anerkennung der kulturellen und staatsbildenden Leistungen der Monarchie, gleichzeitig aber die Überzeugung, daß dies im Zeitalter der Nationalstaaten obsolet sei und einer Neuausrichtung bedürfe. Damit stand diese Richtung sowohl gegen die nostalgischen Legitimisten als auch gegen die klassischen Deutschnationalen, die schwärmend nach Berlin blickten und das alte Österreich – nicht anders als die slawischen Nationalisten – als „Völkerkerker“ abqualifizierten. Gegen diese ebenso simple wie herabwürdigende Sichtweise des österreichischen Anteils an der deutschen Geschichte hat sich Brehm immer wieder öffentlich gestellt – auch und gerade während der NS-Zeit.

Zunächst war Brehm ein entschiedener Unterstützer des „Dritten Reichs“, da er in Adolf Hitler einen ebensolchen vom alten Reich geprägten Mann zu erkennen glaubte, wie er selbst es war – ein tragischer und folgenreicher Irrtum. Vom nationalsozialistischen Herrschaftssystem, das ihn, den Altösterreicher und Sudetendeutschen, als „gesamtdeutsche“ Symbolfigur 1939 für seine Trilogie mit dem Nationalen Buchpreis auszeichnete, unterschied sich Brehms Vorstellung auf tiefgreifende Weise: Ein übernationales Reich, das unter deutscher Anleitung auch den anderen Völkern dieses Raums – Tschechen und Ungarn, Rumänen, Polen, Russen und vielen anderen – Verständnis und Toleranz entgegenbrachte, war für die NS-Größen undenkbar. Mit Schriften wie „Deutsche Haltung vor Fremden. Ein Kameradenwort an unsere Soldaten“ versuchte Brehm, bei dem anzusetzen, was seinem Herzen am nächsten lag, der soldatischen Vorbildwirkung des kaiserlichen Offiziers gegenüber anderen Kulturen: „Tröste dich nicht damit, daß die Furcht vor der Stärke deines Landes das andere Volk schon niederhalten wird, auch wenn du dich nicht zusammennimmst. Auf Furcht allein läßt sich keine Herrschaft aufbauen; ein Sieger, den man verachten kann, bleibt nicht lange im Besitze seines Sieges.“[3] Prophetische Worte – und das im siegestrunkenen Jahr 1941! Noch deutlicher wurde Brehm zwei Jahre später in einem Vortrag mit dem bezeichnenden Titel „Der Reichsstil“. Brehm, der Kunsthistoriker, zeichnete das Bild des gebauten „Kaiserstils“ rund um Prinz Eugen und Fischer von Erlach und leitete dann auf die politische Ebene über: „Ein kluges Regiment spart mit Worten und ist reich an Ausdrucksformen“, sagte Brehm. „Entweder man ist Herr, man ist ein Führer, oder man ist es nicht. Wenn man es nicht ist, dann wirkt man mit solch angemaßtem Getue nur lächerlich […]. Ein Vorbild kann aber niemals nur auf angelesenen Grundsätzen beruhen, es ist etwas Lebendiges, etwas, das vorgelebt werden muß, vorgelebt in seiner sauberen Gesinnung, in seiner Gerechtigkeit, in seinem Takt. Man möge ermessen, was es bedeutet, wenn in einer Offiziersmesse der weiland k.u.k. Armee fünf bis zehn Nationen an einem Tische saßen, Offiziere, deren Angehörige außerhalb der Armee einander in unverhohlener Feindschaft, ja in offenem Haß gegenüberstanden.“[4] Starker Tobak für ein Herrschaftssystem, das sich in unverhohlener Geringschätzung für die östlichen „Untermenschen“ übte. So verwundert es kaum, daß der NS-Ideologe Alfred Rosenberg Brehm und den diesbezüglich gleichgesinnten Dwinger als sentimentale Phantasten kritisierte.

Bei aller offen ausgesprochenen Kritik bleibt jedoch zu bemerken, daß Brehm das „Reich“ des Führers aus Braunau bis zuletzt für reformierbar hielt und kein Zurück zur Kleinstaaterei der Ersten Republik wollte. Wie Carl Gustaf Ströhm feststellte, war es „Brehms verhängnisvoller Irrtum, daß er glaubte, im Staate Hitlers der ‚Reichsidee‘, wie er sie verstand und im alten Österreich erlebte hatte – also als übernationale Gemeinschaft verschiedener Völker – irgendwie zum Durchbruch verhelfen zu können“[5].

Krieg und Nachkrieg

Im Weltkrieg als Ordonanzoffizier wieder im Kriegseinsatz in Griechenland, Afrika und Rußland, erlebte Brehm den Zusammenbruch seiner Illusion vom „gerechten Regiment“ hautnah. Im Sommer 1945 in Oberösterreich verhaftet, war Brehm ein halbes Jahr im Lager Glasenbach bei Salzburg. Als einst hochgeehrter Schriftsteller und NSDAP-Mitglied stand er unter dem pauschalen Verdacht der Kriegsverbrechen; sein Haus in Wien wurde geplündert und beschlagnahmt. Seine frühzeitige Freilassung im Februar 1946 verdankte er einem alten Freund: Leo Perutz. Ihm hatte Brehm acht Jahre zuvor bei der Emigration nach Palästina entscheidend geholfen. Nun wollte Perutz den Freundschaftsdienst erwidern. An einen (jüdischen) Freund schrieb er im April 1947: „Ich muß Sie auch noch schonend darauf vorbereiten, daß ich auch noch für einen zweiten alten Freund als Zeuge aufgetreten bin, nämlich für Dr. Bruno Brehm. Im Juni 1938, als ein solcher Besuch für einen Arier schon gefährlich werden konnte, erschien er in meiner Wohnung und bot mir seine Hilfe an. Ich kann Lumpereien eines Menschen restlos vergessen, aber ich bin nicht imstande, eine mutige, anständige und freundschaftliche Handlung einfach aus meinem Gedächtnis zu streichen […]. Dr. Brehm war ein wirklicher Freund, und darum lasse ich ihn heute, wo es ihm schlecht geht, nicht im Stich“[6].

Perutz und Brehm blieben eng verbunden. Nachdem Brehm 1949 im Salzkammergut – zuerst in Grundlsee, dann in Altaussee – eine neue Heimat gefunden hatte, besuchte ihn Perutz dort bis zu seinem Tode im Jahr 1957 regelmäßig. Gemeinsam hingen sie Erinnerungen an alte Zeiten nach, sandten sich gegenseitig Widmungsexemplare ihrer Bücher und sahen sich vereint im Schicksal des allmählichen Vergessenwerdens: „Wir waren alle etwas unvorsichtig in der Wahl unseres Jahrhunderts, obgleich ich fürchte, daß auch da nichts Besseres nachkommt“, schrieb Perutz seinem Freund einmal resignierend.[7] Nach mehreren Jahren Veröffentlichungsverbot und nun einer gänzlich neuen geopolitischen Situation ausgesetzt, reagierte Brehm mit mehreren Werken, die es schließlich niemandem recht machten: Schon in Glasenbach hatten ihm manche „alten Kameraden“ vorgeworfen, er würde zu schnell umdenken und zu viel Vergangenes kritisieren. Andererseits blieb er für die Linke ein „faschistischer“ Schriftsteller, der sich auch gegenüber den Auswüchsen und Fehlern der Sieger offene Worte erlaubte, ohne darüber gehässig zu werden: „Beschmutze dein betrübtes Herz nicht mit Rache, denn ist deine Sache gerecht, so hoffe auf dein Recht. […] Wieviel wiegt dein winziges Unglück gegen alle die Toten und gegen diese furchtbare Zerstörung. Schau zu, ob du nicht andern Menschen helfen kannst. Dann wirst du gleich deine belanglosen Schmerzen vergessen“[8].

Seine Nachkriegswerke erschienen ab 1949 im Grazer Leopold Stocker Verlag, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, verfemten Autoren eine neue Heimat zu bieten. Die großangelegten Historienwerke „Schatten der Macht“ und „Am Rande des Abgrunds“ zeigten, wie kraß schon seit Jahrtausenden der Mensch des Menschen Wolf gewesen war und sich lediglich die Technik der Vernichtung weiterentwickelt hatte. Ab 1960 versuchte Brehm ein zweites Mal, in einer großangelegten Trilogie die Vergangenheit zu deuten. „Das zwölfjährige Reich“ war ein (wohl verfrühter) Versuch, die NS-Zeit in ihren historischen Zusammenhängen zu verstehen. Auch Ehrungen wie der Peter-Rosegger-Preis des Lands Steiermark (1961) und der Sudetendeutsche Kulturpreis (1963) verhinderten das langsame Schwinden seiner dichterischen Wirkung nicht. Dessenungeachtet blieb Brehm literarisch produktiv: Sein vielleicht intensivstes erzählerisches Werk ist „Aus der Reitschul’“ (1951), in dem sich der autobiographische Erzähler Brehm mit dem Zeitzeugen und dem humorvollen Humanisten des Frühwerks in einzigartiger Weise verbindet. Im Schicksal des Offiziers und Gelehrten „Herbert Hörmann“ und seiner Familie – vom Böhmen der Jahrhundertwende bis zum Lager Glasenbach – schildert Brehm nicht nur sein eigenes Leben, sondern vieles, das in dieser Zeit vorging und zugrunde ging. Das titelgebende Kommando „Aus der Reitschul!“ heißt beim Exerzieren der Kavallerie soviel wie „Abtreten!“. Es ist Brehms altem Stammverlag Stocker bzw. dem Ares Verlag hoch anzurechnen, daß anläßlich seines 50. Todestags gerade dieses Buch – das Lieblingswerk des Autors – wieder aufgelegt wird: als Verbeugung vor dem Dichter und Menschen Bruno Brehm und als Zeichen dafür, daß er nicht vergessen ist. „Wir können uns als Österreicher keinen Verzicht auf Bruno Brehm leisten“, schrieb der Journalist Robert Hampel zu Brehms 100. Geburtstag.[9] Das mag heute mehr denn je gelten.

 


[1] Bruno Brehm: „Der alte Kaiser“; in: Der getreue Eckart 1/1938, S. 246 ff., hier S. 248.

[2] Armin Mohler u. Karlheinz Weißmann: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932. Ein Handbuch, 6., völlig überarb. u. erw. Aufl., Graz 2005, S. 359.

[3] Bruno Brehm: Deutsche Haltung vor Fremden. Ein Kameradenwort an unsere Soldaten, Berlin 1941, S. 12.

[4] Carl Gustaf Ströhm: „Der Reichsstil. Bruno Brehm zum siebzigsten Geburtstag“; in: Christ und Welt vom 20. Juli 1962, S. 2.

[5] Carl Gustaf Ströhm: „Bruno Brehm (1892–1974)“; in: Criticón 132/1992, S. 161–164, hier S. 162.

[6] Sigurd Paul Scheichl: „Judentum, Antisemitismus und Literatur in Österreich 1918–1938“; in: Hans Otto Horch et al. (Hg.): Conditio Judaica. Teil 3: Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom Ersten Weltkrieg bis 1933/38, Tübingen 1993, S. 55–91, hier S. 88.

[7] Bruno Brehm: „Zwischen Omarmoschee und Kahlenberg. Leo Perutz zum Gedächtnis“; in: Neues Abendland 4/1957, S. 366.

[8] Bruno Brehm: Schatten der Macht. Von den Pharaonen bis zu den letzten Zaren, Graz u. Stuttgart 1951, S. 52

[9] Robert Hampel: „Kein Verzicht auf Bruno Brehm“; in: Sudetenpost 17/1992, S. 9.

 
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