Manchen gilt Ernst Jünger (Heidelberg 1895–1998 Wilflingen-Riedlingen) als der bedeutendste Vertreter der deutschsprachigen Literatur im 20. Jahrhundert und überhaupt als einer der Großen unter den Schreibenden aller Zeiten.[i] Seine Texte sind nicht nur durch eigenwilligen Stil geprägt (von der Linken als „Herrenreiterprosa“ bezeichnet), sie verweisen auf ungewöhnliche Schärfe des Geistes, enorme Bildung und enthalten mitunter geradezu prophetische Voraussichten, wofür man Beispiele benennen wird; er habe das zweite Gesicht gehabt, wie es in einem Brief von Carl Schmitt erwähnt wird, der Jünger ja gut gekannt hat. Auch Jüngers Urgroßmutter soll es zu eigen gewesen sein.[ii] Daß Jünger jedenfalls ein Mann außerordentlicher Qualitäten gewesen ist, belegt neben dem schriftstellerischen Werk auch die ungewöhnliche Biographie. Daß er sich den Großteil seines langen Lebens über im Gegensatz zu seiner Zeit befindet, spricht, auch angesichts heutiger Zustände, sicherlich nicht gegen ihn.
Von Dr. Albert Pethö
Aspekte von Jüngers faszinierendem Charakter könnten von früh schon ausufernder Lektüre mitgeformt worden sein. Seine Lesewut ist von Kindertagen bis ins Sterbejahr hinein überliefert. Eine illustrierte Ausgabe von „Tausendundeine Nacht“ zählt zu den Büchern, die ihn vom neunten Lebensjahr an bis ins hohe Alter begleiten[iii] und die vielleicht jene Reisefreudigkeit und Lust an Aventiuren in ihm wachgerufen haben, über die er in „Das abenteuerliche Herz“ so treffend zu schreiben weiß, welches gewiß auch das seine gewesen ist. Und da sind dann noch weitere Reisebegleiter, die solch Wegweisung anbieten: „Mehr noch […] liebte ich den Ritter von der traurigen Gestalt. Als mir […] dieses Buch eines Mannes in die Hände fiel, dem Schwert und Feder mit tieferer Notwendigkeit beieinanderlagen, da fand ich keine Spur von Humor darin. Ich las es mit einem wirklich spanischen Ernst. […] Jedesmal, wenn das Schwert aus der Scheide fuhr oder die Lanze eingelegt wurde, um dem Gemeinen gegenüber Zeugnis zu geben für ritterliche Art, war ich auf meinen Herrn von der Mancha stolz. Aber was mir heute noch genau so gefällt wie damals, das ist, daß dieser Mensch kein Jüngling mehr war, als er die Hintergründe entdeckte, die die Welt besitzt […]. Damals glaubte ich, daß man alt sein müsse, um sich auf so große und würdige Taten zu verstehen, […] heute weiß ich, daß die alten Narren die besten sind. Allerdings ist die rechte Torheit, ebenso, wie der rechte Humor, eine sehr ernste Angelegenheit. Beide hängen eng mit dem Glauben zusammen […]. Aber wenn es einmal schwer war, sich den Glauben zu wahren, dann war es in unserer so hoch gepriesenen Zeit. […] Wohl dem, dem es gelang, den Götzendienern der Vernunft und den Scharlatanen der Wissenschaft zum Trotz den Glauben an die lebendige Fülle der Welt zu knüpfen und an das bunte, sinnvolle und schicksalhafte Spiel, das sie bewegt. […] Mögen wir […] immer bei denen sein, die eines Morgens ausziehen, fest in den Steigbügeln und mitten in die Sonne hinein, mit dem festen Glauben an sich und die Schatzkammern der Welt.“[iv]
Und also wird auch der Jugendliche (seinen literarischen Vorbildern folgend, wie er es selbst bekennt[v]) von Abenteuerlust mitgerissen. Seinem und seines nächstälteren Bruders Beitritt zum „Wandervogel“, mit dem ab 1911 erste Fahrten „durch Fluren und durch Auen“[vi] Deutschlands unternommen werden, folgt, angesichts schlechter schulischer Leistungen, der den Kennern des jüngerschen Lebenslaufes bekannte Ausflug in die Fremdenlegion. Dabei führt Jünger neben einem Revolver die Schilderungen des Afrikareisenden Henry Morton Stanley mit sich, „Die Geheimnisse des dunklen Erdteils“.[vii] Vom geschickt intervenierenden Vater findet sich der Sohn im Dezember 1913 aus dem Kasernenarrest in Französisch-Afrika zurückgeholt, nur um im Sommer 1914 dann als Freiwilliger in den Weltkrieg zu gehen. In einer „trunkenen Stimmung von Rosen und Blut“[viii] zieht der Neunzehnjährige in jene ungeheuerliche Katastrophe, die eine Zeitenwende bringt und das Ende von Europas Größe und Herrlichkeit. Er erlebt und überlebt die schweren Kämpfe an der Westfront, vielfach selbst getroffen („[…] wir werden ein wenig zu wild geboren und heilen die gärenden Fieber durch Tränke von bitterer Art“[ix]), sieht die Materialschlacht mit ihren ungeheuren Massen an Toten und Verwundeten, erlebt aber auch Heldentum und Ritterlichkeit, von welchen er in Kinder- und Jugendtagen schon in den Büchern gelesen hat und die ihm nun, „geschult an den Mythen der Antike, die den Agon, den heldenhaften Zweikampf um Ruhm und Ehre, verherrlichten“, zum zentralen Punkt der Deutung des Krieges werden. In insgesamt sechzehn Bändchen, von denen Jünger immer eines, selbst bis in die vordersten Linien, bei sich trägt, führt er Aufzeichnungen, vom Anfang („In den Kreidegräben der Champagne“) bis zum Schluß. 1920 beendet Jünger die Zusammenfassung dieser Notizen aus den Kriegsjahren, die, von isländischer Skaldendichtung angeregt, mit dem Titel „In Stahlgewittern“ herauskommen. Ein grandioser Erfolg, vielfach übersetzt; allein in der deutschsprachigen Fassung bis heute rund 300.000mal verkauft.[x] Massive und selbstverständlich auch gegenwärtig dargebotene Kritik am Werk spricht von verwerflicher „Heroisierung des Krieges“, Liebe zur Gewalt, „Selbstinszenierung“ Jüngers als Kriegsheld. Letzteres unterstellt ihm solcherart Unehrlichkeit und Angeberei und spielt herunter, daß er ja in der Tat Kriegsheld gewesen ist, was neben zahlreichen Verwundungen die Verleihung des Ordens Pour le Mérite bezeugt, der höchsten preußischen Tapferkeitsauszeichnung, welche bekanntlich nur wenige verliehen bekommen haben. Seinen Stahlhelm aus der Tankschlacht von Cambrai und den eines im Angriff gefallenen Engländers hat Jünger aufgehoben, beide stets im Blickfeld des bevorzugten Arbeitsplatzes, wie man liest; pietätvolle Erinnerung, Ehrung des Gegners wie auch Memento mori; die Kritik wertet es als „Trophäensammeln“.[xi] Die in Mitteleuropa vorherrschende öffentliche Meinung ist in Zeiten wie diesen dem Heldentum abgeneigt, schon gar, wenn es soldatischer Natur ist; sie anonymisiert und kommerzialisiert die Gewalttat und bevorzugt weniger militante Bevölkerung, die sich dann auch leichter handhaben läßt. Ein Mann, der persönlich durchkämpft und durchlitten hat, was er zu Weltliteratur hat werden lassen, ist ihr unheimlich. Eine der Widmungen beispielsweise, die Jünger diesem seinem ersten Buch gibt, daß es „an die herrlichste Armee erinnern“ soll, „die jemals Waffen trug, und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten wurde“[xii], ist heute jenseits der Denkvorgaben „politischer Korrektheit“. Da ist es reizvoll, Unerwartetes zu zitieren, so von André Gide, bekannter französischer Literat und Nobelpreisträger, wohl kein Konservativer: „‚In Stahlgewittern‘ ist unstreitig das schönste Kriegsbuch, das ich kenne; vollständig gutgläubig, wahrheitsgemäß, ehrlich.“[xiii] Daß sich ein großer Teil der Bevölkerung immer noch einen Sensus für das erhalten hat, was Jünger aus dem Weltkrieg an zeitlos Gültigem mitzunehmen vermochte, zeigen die gut besuchten Vorstellungen der entsprechenden Filme. Das Heroische ist auch im 21. Jahrhundert und selbst im dekadenten Westen noch eine den Menschen bewußte und von ihnen wenn wohl auch selten ergriffene, so doch bewunderte charakterliche Option. Wir sollten uns das nicht nehmen lassen.
Jünger wird immer wieder und in lebensvollen Details auf diesen Krieg rekurrieren, den Lesern zum Gewinn: Daß es etwa von hohem Wert ist, Menschen gekannt zu haben, Freunde wie Gegner, die auch in schwersten Umständen den Mut zum aufrechten Gang beibehalten, den aufrechten Gang, der „als Stigma das Menschentum in seiner Würde sichtbar macht“. „Bei diesem Worte muß ich des jungen Freundes gedenken, der, fast ohne militärische Ausbildung, aus dem Transportzuge heraus in einen flandrischen Nachtangriff geriet. Während die alten Soldaten um ihn herum längst Deckung genommen hatten, schritt er wie ein Kind in die unbekannte, feuersprühende Landschaft hinein, und gestand später, fast verlegen, daß ihn dabei der Gedanke beschäftigt hätte, ob denn sich hinzulegen auch statthaft sei. So schritt er voran, bis ihn ein Geschoß zu Boden warf, und noch heute, wenn ich ihn mit seiner schiefgeschossenen Schulter in die Türe treten sehe, empfinde ich ein Gefühl der Dankbarkeit – darüber, daß wir trotz allem in einer Zeit leben, in der die Träume der Kinder doch nicht ganz enttäuscht worden sind. Nein, es ist nicht wahr, daß Plutarch gelogen hat, und Ariost noch viel weniger.“[xiv] Oder über das Opfer: Jünger formuliert hier die Einsicht, daß jedes Opfer in einer Art „geheimen doppelten Buchführung“ verzeichnet ist, und daß es durch diese an anderer Stelle und zu anderer Zeit gnadenhaft zur Wirkung gebracht wird. „Die […] Erinnerung knüpft sich an Augenblicke aus dem Kriege, in denen plötzlich der Feuerschein einer Explosion die einsame Gestalt eines Postens aus dem Dunkel riß, der dort schon lange gestanden haben mußte. Ihr Brüder, durch diese unzähligen und schrecklichen Nachtwachen in der Finsternis habt ihr für Deutschland einen Schatz angesammelt, der nie aufgezehrt werden kann.“[xv] Das Opfer der vielen, das Opfer des einzelnen: „So ragt auch der echte Nationalheld in das Schicksal seines Volkes ein, in dunklen Zeiten auftretend, im Leben unerkannt, oft an den Feind verkauft und stets endend im einsamen Untergang. Immer aber wiederholen sich die Zeiten, in denen es des Beispiels und Opfers des Einzelnen bedarf, um das Maß wiederherzustellen, nach dem der Mensch gezeugt und gebildet ist.“[xvi] „In Stahlgewittern“ muß wesentlich eben so verstanden werden, daß hier unternommen wird, selbst aus Niederlage und Katastrophe das bleibend Wertvolle zu retten und weiterzugeben; dies dürfte übrigens ein zentraler Aspekt des ungewöhnlichen und bis heute dauernden Erfolges dieses Kriegstagebuches sein. „Das Gute aber bewahret“, das gilt auch in einem Weltenbrand.
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Auf die Frage, was ihm am Ersten Weltkrieg am meisten erschüttert habe, antwortet Jünger: „Daß wir ihn verloren haben.“[1] Sehr wohl also hat er für den Kaiser und das Reich gekämpft; möglicherweise kritisch-insubordinat, aber ganz offenkundig bis zum Äußersten loyal.[2] Was er dem Ancien régime entschieden übelgenommen hat, ist die Niederlage gewesen. Bis 1923 ist er Offizier in der Reichswehr, eine Heimat in der wenig überzeugenden und ungeliebten Weimarer Republik. Dann wechselt Jünger, einer seiner vielen Begabungen folgend, ins Studium der Zoologie. Zeit seines Lebens wird er ein fundiertes Interesse an den Naturwissenschaften kultivieren, ein früher Ausgleich zum politischen Engagement, welches nun einsetzt.[3] Niederlage und Zusammenbruch des Reiches drängen dazu ebenso wie die Niederträchtigkeit des Versailler „Friedens“-Diktates; die Zustände in der Innenpolitik werden von ihm als Unterwerfung unter die Maßlosigkeiten der „Sieger“ gewertet.[4] Jünger, das „Bürgerliche“ scharf ablehnend, ist gerade auch deshalb Patriot und als solcher selbstverständlich ein Mann der Rechten. So übt er sich auch durchaus nicht in Entschuldigungen und den heute so beliebt gewordenen kollektiven Selbstbezichtigungen. „Wir sind nicht gewillt, diesen Krieg aus unserem Gedächtnis zu streichen; wir sind stolz auf ihn.“ „Uns leitet […] unsere große, klare und verbindende Idee: das Vaterland […]. Dafür sind wir alle zu sterben bereit.“ „Deutschland lebt, und Deutschland soll nicht untergehen.“ Der seine Jugend geprägt habende Weltkrieg, richtig begriffen, ist ihm ein in die Zukunft weisendes Vermächtnis; aus seinen Trümmern möge ein neues und besseres Deutschland erstehen. Eine Hoffnung, der Jünger nun publizistisch Ausdruck verleiht; er wird zu einer der deutlich vernehmbaren Stimmen, einem der Herolde des national-konservativen Lagers, schreibt etwa in der zeitweise ziemlich auflagenstarken „Standarte“, einem der Organe des „Frontkämpferbundes“ („ein Sammelbecken von Modernitätsgegnern, erbitterten Antidemokraten und Militärs“), oder im „Arminius“, im „Widerstand“ und anderen mehr oder weniger rechten Zeitschriften.[5] Und sicherlich ist auch Ernst Jünger ganz und gar kein Demokrat (und wird das auch in späteren Tagen nicht werden). Europa heute demonstriert freilich, wie rasch als modern, aufgeklärt und demokratisch bezeichnete Zustände in uferlose Korruption und Zersetzung aller tragenden Strukturen einmünden können. Unserer Erfahrung dürfte auch Jüngers Erfahrung von damals entsprochen haben. Damals eben verfaßt er Sätze wie: „Wir bilden eine Einheit durch Blut, Gesinnung und Erinnerung, den Staat im Staate, den Sturmbock, um den sich die Masse schließen soll […]. Der Tag, an dem der parlamentarische Staat unter unserem Zugriff zusammenstürzt und an dem wir die nationale Diktatur ausrufen, wird unser höchster Festtag sein.“[6] Derlei wird ihm heute als „Wegbereitung des National-Sozialismus“ ausgelegt; daß das aber eine völlig legitime Kritik an einem auf massiver Ungerechtigkeit aufbauenden politischen System gewesen sein könnte, ist einer Gesellschaft, welche sich gedankenlos der Geschichtsschreibung des Liberalismus ausgeliefert hat, nicht mehr vorstellbar. Der „lucide Haß auf die polierten Fassaden“[7] wird nur der Linken als Verdienst zugeschrieben. Man verweigert sich, Ursache mit Wirkung vertauschend, der wesentlich zutreffenderen Beurteilung, daß nicht beispielsweise der publizistische Widerstand Jüngers gegen „Weimar“ dem National-Sozialismus den Weg bereitete, sondern „Versailles“ dieses bewirkt hat und die böse Saat eines Zweiten Weltkrieges gewesen ist. Jünger hat uns ohnehin in seinen Tagebüchern die wahrscheinlich gescheiteste und am deutlichsten das Phänomen erfassende Kurzanalyse zum Aufstieg Hitlers überliefert; sie wird nur zuwenig rezipiert.[8]
1932 erscheint „Der Arbeiter“; Jüngers vielleicht schwierigstes und verstiegenstes Werk. Interessanterweise ist das ein Zeitpunkt, zu welchem sich der Autor aus der aktiven Teilnahme am politischen Geschehen schon zurückgezogen hat. Es wird häufig als „faschistisches Buch“ abgetan, was aber billige Polemik ist.[9] Jüngers Ziele sind hier teils unklar geblieben: Wollte er „einen Mythos begründen, wollte er eine künftige Wirklichkeit skizzieren […] einem neuen Menschen das Feld bereiten? War seine Absicht mythologisch, prognostisch oder praktisch? Ging es um einen Alptraum, eine Utopie oder einen Schlachtplan?“[10] Komplex und widersprüchlich geschrieben, enthält es zahlreiche kryptische Passagen, die nicht nachvollziehbar sind. Immer wieder aber findet man Textstellen, die, gerade auch von einem um achtzig Jahre später gelegenen Blickpunkt her, eine schier unglaubliche Hellsichtigkeit erkennen lassen. Wenn etwa am Liberalismus „die Umwandlung aller verantwortlichen Bindungen in Vertragsverhältnisse auf Kündigung“ kritisiert wird[11] oder die Tendenz moderner Gesellschaft, „den Sinn zum Zweck und die Einheit zur Zahl“ zu degradieren[12], wenn Jünger formuliert, daß die „Schulen des Fortschritts“ in den Nihilismus münden[13], wenn er den vergangenen Weltkrieg als Beginn eines neuen Zeitalters begreift[14], wenn er den kommenden Weltkrieg vorausahnt[15].
Der Jesuitenpater Friedrich Muckermann verdeutlicht in einer an Jünger gerichteten Stellungnahme eines der Defizite des Werkes: „Der Fehler liegt nicht an dem, was Sie beobachten. Sie sehen die Symptome richtig. Sie sehen auch klar, daß es um eine neue Metaphysik geht. Aber das Wort ‚Gestalt‘ ist keine Metaphysik. Es ist ein Symbol. Nirgendwo sagen Sie, wofür es eigentlich Symbol sein soll.“[16] Jüngers rätselhafte „Gestalt des Arbeiters“ ist gemeint, Züge des Ingenieurs, Kriegers und Aristokraten tragend, Typus, nicht Individuum darstellend, in ordensähnlicher Gemeinschaft agierend, Chiffre für einen anderen als den wirklichen Menschen jedenfalls – eine neuheidnische Zukunftsvision über ein sich aus den Notwendigkeiten des Daseins herausformendes neues Menschentum und seine Herrschaft über die Welt. Hoffnung auf eine Weltenwende. Vieles am „Arbeiter“ ist fragwürdig; vieles bedenkenswert; manches hat Entwicklungen vorausbeschrieben, deren Eintreten wir bereits feststellen können. Und gewisse Passagen hat Jünger selbst sozusagen durch das eigene Leben revidiert, wie jene, die dem Romantiker zwar zubilligt, die „Unvollkommenheit der bürgerlichen Welt“ zu sehen, ihm aber vorwirft, dieser „kein anderes Mittel als die Flucht entgegenzustellen“[17]; ist doch Jüngers Leben ab der Machtergreifung des National-Sozialismus offenkundig ein einziger romantischer Rückzug aus der Unvollkommenheit der Welt[18] – ein Rückzug, der gute Früchte hervorgebracht hat.
Es ist Jüngers rechte Gesinnung, die ihn, gar nicht so rätselhaft für denjenigen, der genau hinsieht, in die Gegnerschaft zum National-Sozialismus bringt. Für die Jünger-Kritik ist an Jünger genau dieses besonders irritierend, daß er nämlich ein so überaus markanter Beleg dafür ist, daß die Gleichung, rechts sei national-sozialistisch, nicht zutrifft. Sie trifft auch bei der zentralen Kraft des deutschen Widerstandes, bei den Aristokraten und Militärs des 20. Juli, nicht zu. Abgesehen davon hat schon der österreichische Konservative Erik von Kuehnelt-Leddihn detailliert auszuführen verstanden, daß der National-Sozialismus ideengeschichtlich links und nicht rechts einzuordnen ist. Es sei der proletische Bierdunst der braunen Bewegung gewesen, der dem Offizier in seiner Junker-Attitüde nicht zugesagt habe; Jünger habe lieber im besetzten Paris mit den Kollaborateuren Champagner geschlürft, wie mitunter der Umstand seiner Verweigerung auch diesem speziellen Zeitgeist gegenüber erklärt und auf ästhetisierende Arroganz reduziert wird.[19] Andere sind allerdings zur Meinung gelangt, daß der Grund dieser Verweigerung in Jüngers Auffassung von Ritterlichkeit und in seiner charakterlichen Integrität gelegen sei.[20]
Jüngers Haltung ist konsequent; er macht nicht mit, wie schon zuvor und danach bei „Aufklärung“ und „Demokratie“. Bereits 1927 hat er eine ihm angebotene Kandidatur für den Reichstag abgelehnt; 1933 wiederholt sich das Angebot und wird erneut zurückgewiesen. Hausdurchsuchungen (1933, 1934, 1940) belegen, daß das neue Regime ihn, nachdem er vergeblich umworben worden ist, zu den Feinden zählt.[21] Zugleich scheint er nicht einschüchterbar; die Art seiner Ablehnung einer Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste ist kaum verhüllte Provokation der neuen Machthaber.[22] Der Rückzug beginnt und manifestiert sich im Abschied von Berlin und im Übersiedeln in die Provinz, Goslar – die alte Kaiserpfalz, Überlingen am Bodensee, Kirchhorst bei Hannover und – dann nach dem Krieg – Ravensburg und schließlich Wilflingen. Stationen eines Gangs in die innere Emigration. Reisen bereichert: Sommerfrische mit der Familie in Sylt; mit dem Bruder Friedrich Georg durch Dalmatien; von Oktober bis Dezember 1936 nach Brasilien, die Kanarischen Inseln, Marokko. Jünger wird bis ins hohe Alter reisen, rund um den Erdball. Die Idylle, in der man sich einrichten kann, bleibt eine auf Abruf; Jünger ist die stete Gefahr wohl bewußt: „Die Sonne schien auf die Strandkörbe. Ein Bild noch wie aus dem Jahrhundertsommer von 1911 […]. Einer kam mit der Morgenzeitung. Röhm und die Crème der Sturmabteilungen waren über Nacht verhaftet, zum Teil schon exekutiert worden […]. Eben hatten sie noch die Reichswehr schlucken wollen, nun saßen sie in der Zelle, mußten Giftpillen schlucken oder lagen schon tot auf dem Sand.“[23] Doch Jünger bleibt sich treu, wie es scheint; Rückzug und Romantik meinen also nicht Selbstaufgabe; er dürfte imstande gewesen sein, den von ihm postulierten „heroischen Realismus“ auch zu leben. 1937 nimmt er Frau und Sohn des nun inhaftierten alten publizistischen Mitstreiters Ernst Niekisch bei sich auf. „Nachmittags im Garten“, notiert Jünger am 3. April 1939: „Seine Erde gräbt sich leicht: ein Heidesand, der dunkle Humusflöze führt.“[24]40
Im Sommer dieses Jahres wird er zum Hauptmann befördert und zugleich einberufen; der Zweite Weltkrieg ist da. In diesem Jahr schreibt er sein wohl bedeutendstes Buch, ein schmales Bändchen nur: „Auf den Marmorklippen“. Die phantastische Erzählung geht auf einen Traum zurück. Das Jünger eigene berückende Erahnen von Kommendem oder Unsichtbarem tritt einem hier vielleicht am deutlichsten vor Augen.[25] Eingebettet in eine ideale Landschaft und in heitere Lebensart betreibt ein Brüderpaar erhabene Studien; ihre Rautenklause auf den Marmorklippen birgt die kostbare Bibliothek und das Herbarium, einen wunderbaren Schatz jahrhundertealten Forschens und Sammelns. Tief unter ihnen, am Wasser gelegen, „ein Kranz von kleinen Städten mit Mauern und Mauertürmen aus der Römerzeit, hoch von altersgrauen Domen und Merowinger-Schlössern überragt“. Doch das Paradies wird Schritt um Schritt zur Höllenszene; Feigheit, Torheit und Korruption öffnen dem Bösen die Tore. „Zunächst vernahm man nur Gerüchte, wie eine Seuche, die in fernen Häfen wütet, sich dunkel anzukünden pflegt. Sodann verbreiteten sich Meldungen von nahen Übergriffen und Gewaltsamkeiten, die von Mund zu Munde gingen, und endlich geschahen solche Taten ganz unverhüllt und offenbar.“ Wenige nur stellen sich gegen das Übel, denn die Aussicht auf einen Sieg schwindet: ein Patriarch und seine Hirtensippe; ein Pater vom Kloster der Maria Lunaris; ein Mitglied des Geheimbundes der Mauretanier; schließlich alter Adel, der sich die „Kenntnis des wahren und legitimen Maßes“ erhalten hat. Das Brüderpaar geht mit ihnen in den Kampf, nachdem es Köppels-Bleek gesehen: „Über dem dunklen Tore war am Giebelfelde ein Schädel festgenagelt, der dort im fahlen Lichte die Zähne bleckte und mit Grinsen zum Eintritt aufzufordern schien. Wie eine Kette im Kleinod endet, so schloß in ihm ein schmaler Giebelfries, der wie aus braunen Spinnen gebildet schien. Doch gleich errieten wir, daß er aus Menschenhänden an die Mauer geheftet war. Wir sahen das so deutlich, daß wir den kleinen Pflock erkannten, der durch den Teller einer jeden getrieben war. […] Das Innere der Scheune lag fast im Dunkel, und wir erkannten nur dicht am Eingang eine Schinderbank mit aufgespannter Haut. Dahinter schimmerten noch bleiche, schwammige Massen aus dem finstren Grund. […] So sind die Keller, darauf die stolzen Schlösser der Tyrannis sich erheben, und über denen man die Wohlgerüche ihrer Feste sich kräuseln sieht – Stankhöhlen grauenhafter Sorte, darinnen auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schändung der Menschenwürde und Menschenfreiheit schauerlich ergötzt. Dann schweigen die Musen, und die Wahrheit beginnt zu flackern wie eine Leuchte in böser Wetterluft.“[26]
Und wenn die wenigen, die es versuchen, das üble Ende nicht abzuwenden vermögen, dann folgt aller Versäumnisse und Feigheit Konsequenz – die Zerstörung: „Nun war die Tiefe des Verderbens in hohen Flammen offenbar geworden, und weithin leuchteten die alten und schönen Städte […] im Untergange auf. Sie funkelten im Feuer gleich einer Kette von Rubinen […]. Es brannten auch die Dörfer und die Weiler im weiten Lande, und aus den stolzen Schlössern und Klöstern im Tale schlug hoch die Feuersbrunst empor. […] Die schwere Glocke, die seit tausend Jahren den Belfried zierte […] stürzte endlich, den Turm zermalmend, aus ihrem Lager ab. […] Am Bergeshange sahen wir auch das Kloster der Maria Lunaris in Gluten eingehüllt […]. Das hohe Kirchenfenster an der Seite des Bildaltares war schon zersprungen, und wir sahen im leeren Rahmen den Pater […]. In seinem Rücken glomm es wie aus dem Feuerofen […]. Er stand im Prunkornate […] und langsam, halb grüßend und halb deutend, wie bei der Consecratio, hob er die Hand […].“[27] Denn auch in der Niederlage bleibt die Gewißheit, daß Widerstand immer möglich ist, „[W]ir erkannten im Wort die Zauberklinge, vor deren Stahl die Tyrannenmacht erblaßt. Dreieinig sind das Wort, die Freiheit und der Geist.“[28]
Sowohl der autobiographische Bezug auf sich und seinen Bruder Friedrich Georg ist in den „Marmorklippen“ unverkennbar als auch die Parabel auf das aktuelle politische Geschehen im Deutschland der 1930er Jahre. Auch dieses Buch wird ein Verkaufserfolg, ungeachtet heftiger Interventionen innerhalb der Partei dagegen, und es wird in Deutschland selbst wie auch im Ausland als unmißverständliches Zeichen des Widerspruchs aufgefaßt, was Zeitzeugen vielfach bestätigt haben: „Es war wie ein Signal, das plötzlich aus der Düsternis aufschießt und die Gegend erhellt. Es bot Stärkung und wirkte als Mittel der Verständigung unter denen, die gegen Bedrohung oder Versuchung der Tyrannei sich festigten. Niemand unter den Lesern, die ich kannte, hat daran gezweifelt, daß in den Visionen dieser Erzählung die Erkenntnis unserer eigenen gegenwärtigen Lage angesprochen war. In Chiffren war unseren elenden Beherrschern das Urteil gesprochen. Man rieb sich die Augen, fast unglaublich, daß derlei möglich war.“[29] Unschwer läßt sich anhand der „Marmorklippen“ das Schicksal Mitteleuropas vom politischen Umbruch in Deutschland bis zu den brennenden Städten des Jahres 1945 ablesen. „Begonnen Ende Februar 1939 in Überlingen […] beendet am 28. Juli 1939 in Kirchhorst […]. Durchgesehen im September 1939 beim Heer“, so steht es in der bei 62.000 Stück haltenden Auflage des Jahres 1941. Fast ebenso erstaunlich wie der Inhalt ist in der Tat der Umstand, daß derlei im Bereich des National-Sozialismus erscheinen kann. Sicherlich schützt eine eigene Aura den hochdekorierten und legendären Stoßtruppführer, den Autor der deutschlandweit begeistert gelesenen „Stahlgewitter“. Auch im Machtapparat hat Jünger Bewunderer, und die immer noch partiell nicht gleichgeschaltete Wehrmacht hält schirmende Hand über ihren Heldendichter. Auch wagt das Regime nicht, trotz ihrer merkbaren Opposition, gegen ein paar Mutige, die sich in großen Teilen der Bevölkerung hohes Ansehen errungen haben, direkt vorzugehen (Clemens Graf Galen, der Bischof von Münster, ist auch so ein Fall). Dennoch kommt die Veröffentlichung dieser Erzählung einem Balanceakt auf den Klippen gleich, die Jünger im Traum gesehen und im Buch beschrieben hat. Seine Beweggründe für einen derart gewagten Schritt dürfte er dem Bruder Friedrich Georg schon in einem Brief von 1934 dargelegt haben: „Das revolutionäre Stadium, in das wir eingetreten sind, kann nur durch tiefere Kräfte bestanden werden […] es prüft uns in der Substanz. Man muß jetzt das Blatt aufdecken und zeigen, wer man ist. In einem Zustand des üblen Spukes und des Betruges wird der Gedanke rein dadurch gefährlich, daß er richtig ist, und die Geister, die das rechte Maß besitzen, wirken wie Spiegel, in denen sich die Nichtigkeit der Schattenwelt enthüllt. Ein logischer Gedanke, ein reines Metron, eine edle Tat, ja selbst die Nichtbeteiligung am Niedrigen – das sind heute Dinge, die sich erheben wie drohende Waffen, die um so schärfer wirken, je weniger man sich auf die Zeit bezieht.“[30]
So weit, wie Jünger in Rücksicht auf die eigene Familie gehen konnte, war er wohl gegangen. Abgesehen aber vom zweifelsfrei gegebenen politischen Zusammenhang mit den Ereignissen damals (der zeitliche Kontext erhöht allerdings noch die Wirkung des Werkes, vertieft seinen Glanz) sind die „Marmorklippen“ ein weit darüber hinausweisendes Werk von allgemeiner Gültigkeit, in selten machtvollen Bildern die Gefahren beschwörend, die der Gefallenheit des Menschen entstammen, und ihn an seine Tugenden, seine Würde und seine Möglichkeiten zum Guten erinnernd. Es ist „ein Sprachkunstwerk von höchstem Rang […] das Helldunkel von Schönheit und Schrecken in kristallen klare Sprache verschränkend. Es ist […] Ernst Jüngers größte dichterische Leistung […] das gelungenste Exempel seiner Ästhetik des Wunderbaren.“[31]
Jünger begleitet den Westfeldzug und wird in das Kommando des Militärbefehlshabers von Frankreich inkorporiert, womit er sich in einem der Zentren der Macht befindet, im „Bauche des Leviathan“, wie er es wahrnimmt. General Carl-Heinrich von Stülpnagel, seinen zweiten Militärkommandanten (die Position umschreibt Jünger mit „Prokonsul“), charakterisiert er als vorbildlichen Feldherrn, als wirklichen Staatsmann und als Mann mit „fürstlichen Zügen“. Der General wird dann zu den Offizieren des 20. Juli zählen und, wie die meisten von ihnen, hingerichtet. Im Ersten Weltkrieg sind Heer und Nation für Jünger eine untrennbare Einheit; im Zweiten Weltkrieg ist ihm die Nation durch die Politik entfremdet, das Heer wird zur „aristokratischen Form der Emigration“.[32] Da die deutsche Politik trachtet, die Franzosen miteinzubeziehen, nicht zuletzt, um die Kosten und Komplikationen der Besatzung niedrig zu halten, intensivieren sich die Kontakte zwischen den Siegern und den Besiegten, was als Phänomen der „Kollaboration“ historisches Faktum wird (beziehungsweise dann eine politische Totschlagvokabel), mit dem die Franzosen nach dem Krieg zum Teil überaus beschämend umgehen. Jünger, Französisch beherrschend, wird auch viele der sogenannten Kollaborateure kennenlernen; sein Verhalten damals legt die Grundlage seines bis heute in Frankreich andauernden hohen Ansehens. Er liest in diesen Jahren bevorzugt die Bibel, Léon Bloy und Georges Bernanos. Und er setzt seine Tagebuchaufzeichnungen fort, die vom Frankreichfeldzug und seiner Zeit in Paris über die Monate an der Ostfront bis 1948 reichen und die, nach dem Krieg gesammelt, später um weitere Aufzeichnungen ergänzt, unter dem Titel „Strahlungen“ erscheinen werden. Seine Tagebücher des Ersten und des Zweiten Weltkrieges, seine Reisebeschreibungen und seine Tagebücher des Alters machen Jünger zum bedeutendsten Diaristen des 20. Jahrhunderts.
In Deutschland werden zu jener Zeit die Papierzuteilungen für Veröffentlichungen Jüngers verweigert, was einem Publikationsverbot gleichkommt. Allerdings publiziert die Wehrmacht Jüngers Texte. Eine seiner wesentlichen Arbeiten im Militärkommando in Paris ist die Dokumentation des unterirdischen Machtkampfes um Frankreich zwischen der Partei und der Wehrmacht. Die klandestin an Jünger herankommenden Nachrichten von deutschen Greueltaten im Osten mehren sich. 1943 stirbt der Vater. Jünger geht auf den verbliebenen Spuren seiner Kindheit zwischen den Ruinen des von den Engländern mit Brandbomben planierten altehrwürdigen Hannover.[33] In die Fronde des 20. Juli ist Jünger nur partiell eingebunden; aber offenkundig steht seine Schrift „Der Friede“, an welcher er von 1941 bis 1943 arbeitet, hier in einem strategischen Zusammenhang. In ihr begreift er den Weltkrieg als gemeinsame Schuld der Menschheit, Folge des in der Moderne eingetretenen Glaubensverlustes und Nihilismus, die man, in Rückbesinnung auf die Religion, gemeinsam überwinden müsse. Von den Plänen zur Militärerhebung weiß Jünger; er sympathisiert, ist aber skeptisch, was die Erfolgsaussichten anbelangt; man bräuchte einen Sulla. Daß er den Liquidationen nach dem Scheitern des Anschlages auf Hitler entgeht, dürfte auf die Umsicht der Verschwörer und ihre Verschwiegenheit in den Verhören zurückzuführen gewesen sein. Einige haben auch mit seiner Exekution gerechnet. Jünger notiert später zu den Ereignissen: „Wie gerne hätten wir mit Blut heruntergewaschen, was uns seit Jahren bedrückt“; Freunde und Bekannte sind unter den „Gesäuberten“.[34] Trotz des Scheiterns haben die Opfer ihre Bedeutung gehabt, meint er, haben als moralisches Gegengewicht verhütet, daß die Nation als Gesamtes in die „entsetzlichen Tiefen des Schicksals“ gefallen ist. Die sich der Tyrannis entgegenstellen, sind die Gerechten, von denen die Bibel kündet, sie milderten das göttliche Strafgericht.[35] Klar erkennt Jünger nun auch den Rang der Kirche. In Europa hat sie „nur Gegner, die verneinen und die sie überdauern wird, denn immer noch ist sie das stärkste der alten Bänder […]. Auch faßt sie in ihrem Schoß die größte Summe von Glauben, die noch lebendig geblieben ist. Sie zeigte sich in den Feuerwelten und in den Malstromwirbeln des Nihilismus als Macht, die noch das Heil von Millionen beschirmte, nicht nur von ihren Kanzeln und Altären, sondern auch in den Geistesdomen ihrer Lehre und in der Aura, die den Gläubigen umgibt und die ihn auch in den Stunden des Todes nicht verläßt. Es zeugten neue Märtyrer für sie“.[36]
Im Jänner 1944 sind Jüngers Sohn Ernst und auch dessen engster Kamerad, beide schon beim Militär, verhaftet worden; ein Denunziant hat ein „politisch unkorrektes“ Gespräch der Freunde mitgehört und verraten. Persönlicher Einsatz und Nimbus des Vaters verhindern das Todesurteil, obwohl beim Angeklagten „auch nicht die Spur einer Einsicht, geschweige denn Reue“ zu merken ist, wie die Begründung des Urteils ausführt, das auf „Frontbewährung“ lautet. Im November fällt er in den Kämpfen in den Apuanischen Alpen bei Carrara. „Ernstl ist tot, gefallen, mein gutes Kind […]. Der gute Junge. Von Kind auf war es sein Bestreben, es dem Vater nachzutun. Nun hat er es gleich beim ersten Male besser gemacht, ging so unendlich über ihn hinaus […]. Der Schlaf tut gut, doch gleich nach dem Erwachen stellt der Schmerz sich wieder ein […]. Der Tod des Sohnes fügt eines der Daten, einen der Angel- und Wendepunkte in mein Leben ein. Die Dinge, die Gedanken, die Taten vorher und nachher unterscheiden sich.“[37] Jünger überlebt den Krieg, aber er wird nicht von ihm verschont. Dessen Ende kommt für den mittlerweile von der Wehrmacht zum Volkssturm Transferierten im April 1945 in Kirchhorst, durch das die amerikanischen Panzer rollen.[38]
Im Jänner 1948 notiert Jünger in sein Tagebuch, nicht unamüsiert, daß ein junger Philosophieprofessor aus der Ostzone seinen Kopf fordere.[39] Es ist nicht die erste Anfeindung seit Kriegsende und wird nicht die letzte bleiben in den kommenden Jahrzehnten. Besonders niedrig und beleidigend äußert sich auch Thomas Mann, der, als Emigrant weitgehend ohne Kenntnis der Sachverhalte, Jünger vollmundig den „Belasteten“ zuordnet. Wesentlich fairer sieht das Carl Zuckmayer.[40] In der nun dem besetzten Deutschland von den Amerikanern verordneten „kollektiven Gesinnungsüberprüfung“ verweigert Jünger seinerseits öffentliche Rechtfertigung, Hinweise auf Widerstandsleistungen oder Distanzierungen zum vergangenen Jahrzwölft. Er lehnt es ab, sich der Zumutung des Ausfüllens des „Fragebogens“ zu unterziehen, der (in englischer und deutscher Sprache) das Maß der „Verstrickung“ jedes besiegten Deutschen in den National-Sozialismus enthüllen soll. Vom rasch zur abgegriffenen Polit-Vokabel herabgesunkenen „Widerstand“ wird nicht mehr gesprochen, der Gebrauch des Begriffes, wie Jünger anmerkt, ist ihm dubios geworden; Widerstand wird geleistet, nicht im Jahr danach oder gar 60 Jahre später, wenn lange alles vorüber ist, sondern im Hier und Jetzt – in diesem Fall gegen das Diktat, „die eigene Vergangenheit den Normen der Sieger zu unterwerfen“. Die britischen Besatzungsbehörden erteilen Jünger daraufhin Publikationsverbot. (Ernst von Salomon, auch ein alter Rechter, wird das Ausfüllen zu einem 670seitigen „Bestseller“ gestalten.)[41] Die Liebe zum Vaterland aber bleibt, unabhängig von den politischen Verhältnissen, denen es unterworfen ist.[42] Den Atombombenabwurf über Japan kommentiert Jünger ebenso wutentbrannt wie scharfsinnig. Er schreibt über „Pyrotechniker der Macht“: „Unbekannt mit dem griechischen Mythos, der christlichen Ethik, den französischen Moralisten, der deutschen Metaphysik, der Dichtung in aller Welt. Zwerge an wahrem Leben, technische Goliathe – daher auch riesengroß in der Zerstörung, in der, ihnen verborgen, ihr Auftrag liegt. Von ungemeiner Klarheit und Präzision in allen mechanischen Zusammenhängen; verwachsen, verkümmert, verschwommen in allem, was Schönheit und Liebe betrifft. Einäugige Titanen, Geister der Finsternis, Leugner und Feinde aller schöpferischen Kräfte – sie, die Millionen Jahre ihrer Anstrengung summieren könnten, ohne ein Werk zu hinterlassen, das einen Grashalm, ein Weizenkorn, einen Mückenflügel aufwöge. Fern dem Gedicht, dem Wein, dem Traum, den Spielen und hoffnungslos verstrickt in Irrlehren überheblicher Schulmeister.“[43]
Die Publikationssperre hält nicht; auch wenn Jünger in der „Literaturkritik“ zusehends als „umstrittener Autor“ firmiert und die Engländer stur bleiben. Ein kleiner katholischer Verlag unter Leitung eines Jesuitenpaters druckt etwa die Friedensschrift Jüngers „illegal“, die davon abgesehen auch in zahlreichen Privatkopien zirkuliert. Ein englischer Offizier arbeitet an einer Übersetzung der „Marmorklippen“, die dann auch in London erscheinen. Jünger wird in Holland wie in der Schweiz verlegt. Und Jünger zieht schließlich einfach wieder um, nach Ravensburg in die französische Zone. Dort erteilen die Franzosen die entsprechenden Bewilligungen, zumal sie ihrerseits schon während der Okkupation Jünger übersetzt haben und er seither in Frankreich gedruckt wird.[44] „Heliopolis“ wird veröffentlicht, ein beeindruckender utopischer Roman über den Staat. Und, Jünger stets begleitend, die Beanstandung: keine Rede von Demokratie sei darin enthalten und irgendwie zuviel Christliches; Hinwendungen zum Christentum sind rasch wieder verdächtig geworden, wer literarischen Erfolg haben möchte in der beginnenden Bundesrepublik, muß die Gegenrichtung einschlagen. Immer wieder kommt es zu Treffen mit Lesern, so Albert Hoffmann aus der Schweiz, dem Erfinder der LSD-Droge; Jüngers Publikum hat erheblichen Anteil an Diskussion und Verbreitung seiner Texte.[45] In Wilflingen schließlich wird das letzte der Domizile bezogen, in der stauffenbergschen Oberförsterei, einem Barockbau von 1728 mit elf Zimmern und großem Garten. Jüngers damaliger Sekretär, Armin Mohler, hat eine bemerkenswerte Schilderung von Jüngers dortigem Heim hinterlassen: „Das Arbeitszimmer und die Bibliothek sind mit Regalen gefüllt […]. Lexika, Wörterbücher und die Standardwerke der Käferkunde […] die alte Kemptener Ausgabe der Kirchenväter […]. Das Mikroskop ist in Reichweite […] viel antike Literatur, Franzosen und Russen, von den Deutschen hauptsächlich die Alten von Grimmelshausen bis Jeremias Gotthelf, auffallend wenig Zeitgenössisches […] bei den Reisetagebüchern ist eine besondere Ecke Büchern über Schiffbrüche eingeräumt […]. Auf dem […] Korridor die übrigen Sammlungen. Ein großer Schrank enthält in verglasten Schubladen die Tausende von selbstgesammelten Käfern […].“[46] Die Käfer zählen zu Jüngers großen Passionen, er liebt Katzen, und er ist ein Sammler von Sanduhren. Von diesen ist das „Sanduhrbuch“ inspiriert, und den Käfern widmen sich „Subtile Jagden“ (1967). Jünger ist international bekannter und angesehener Naturkundler, nach dem zahlreiche Arten benannt sind; er ist ein tiefgründiger und bezaubernder Deuter der Dinge und der Natur in ihren vielfältigen Erscheinungen.[47]
Viel von Jüngers andauernder Skepsis gegenüber den sich neu formierenden Verhältnissen findet sich in „Der Waldgang“ wieder (1951), in dem der „Einzelne zum Widerstand gegen den Technokratismus und die Scheinfreiheit der plebiszitären Demokratie“ ermutigt wird.[48] „Zu den nihilistischen Symptomen der Gegenwart“ zählt Jünger die „Übermacht des Technischen und den Verlust der Metaphysik.“ Jünger kennt das Faszinosum der Technik; nun aber widmet er sich der anderen Seite der Medaille, der brillanten Technikkritik seines Bruders Friedrich Georg folgend („Die Perfektion der Technik“, 1946). Beide Brüder konstatieren „die Entzauberung der Welt“, in der statt eines technologisch sinnvoll durchstrukturierten Staates, der von vergeistigter Aristokratie zu lichten Höhen geführt wird (die Vision aus dem „Arbeiter“), eine „Schwundstufe menschlichen Lebens“ entsteht, mit dem Planeten als „einzige große und entkultivierte Deponie“.[49]
1960 stirbt Frau Gretha, 1961 erfolgt der Bau der Berliner Mauer, 1962 heiratet er Frau Liselotte.[50] Jorge Luis Borges kommt zu Besuch, einer der bedeutendsten Autoren Lateinamerikas zu einem der bedeutendsten Autoren Europas; Kulturpreise stellen sich ein; „Ehrungen und Entehrungen“ finden statt; die Bundesrepublik trachtet, ungeachtet linken Protestes, sich mit dem Autor, dessen Ansehen nie völlig ruiniert werden konnte, zu arrangieren; der deutsche Kanzler Kohl, ein Leser, wie auch der französische Staatspräsident Mitterrand suchen mehrfach Kontakt mit Jünger, obwohl dieser von den Vertretern des Fortschritts zu einem der „Großmeister der Gegenaufklärung“ ernannt ist (was man auch als Kompliment werten kann). Einer der Weggefährten hingegen, Mohler, kritisiert, daß der ständig an seinen Schriften feilende, auch schon gedruckte Texte neu formulierende Autor manch Scharfes aus frühen Tagen „ad usum democratorum“ umfrisiert habe. Das wiederum kann nicht so schlimm gewesen sein: abgesehen von den historisch eindeutigen Hinweisen, daß Jünger eher nicht zu den Anpassungsfreudigen gezählt hat, stellt noch der alte Herr unbeirrt vom Zeitgeist fest, „daß den Deutschen, wie überhaupt den germanischen Völkern, die Monarchie angemessener ist“. Oder auch: „Wir leben in einem Interregnum […]. Vorher war es besser, nachher wird’s besser sein.“[51] Und Jünger hat sich noch eine „unkorrekte“ Schlußpointe für seine mit vielen solchen Pointen durchzogene Biographie ausgedacht: Im 101. Lebensjahr wird er Katholik; Konsequenz eines langen Annäherungsprozesses, der ihn vom Rationalismus des Vaters zu den Traditionen der mütterlichen Linie der Familie zurückgeführt hat, und Konsequenz seiner steten Opposition gegen die vorherrschenden Tendenzen des 20. Jahrhunderts.[52]
Jünger stirbt im Alter von fast 103 Jahren. „Für seine Bewunderer, aber auch für viele seiner Kritiker war er längst zum Mythos geworden […]. Seine Gewißheit, daß das Leben ein Geheimniszustand sei und der Mensch ein wunderbares Wesen in einer durchaus wunderbaren Welt, dieser romantische Grundzug seines Denkens schloß ihn weitgehend von einer Gegenwart aus, die an der Banalisierung unserer Existenz tagaus tagein geschäftig arbeitet.“[53] Was ist von Ernst Jünger geblieben? Soweit wir es beurteilen können, ein überreiches Erbe; uns zur Stärkung und zum Trost. Und das Vorbild seines Lebens.
[1] Zit. n. Jürgen Busche: „Schriftliches Selbstgespräch“; in: Focus 30/1997.
[2] Insofern sei hier Kiesels Einschätzung widersprochen: Kiesel: Biographie, S. 127 f., 132 u. 140, Mohler: Ravensburger Tagebuch, S. 31 (Jünger hat nur den Fahneneid auf Wilhelm II. als legitim empfunden und ernst genommen).
[3] Noack: Biographie, S. 55.
[4] Beschrieben etwa in Ernst Jünger: „Der Arbeiter“; in: ders.: Sämtliche Werke, Bd. VIII, Stuttgart 1982, S. 30, 167 f. u. 200 f.
[5] Noack: Biographie, S. 55, 58 f., 64 u. 86 f.
[6] Ebd., S. 62 u. 336, Anm. 10 (zit. n. Gerda Liebchen: Ernst Jünger. Seine literarischen Arbeiten in den zwanziger Jahren, Bonn 1977).
[7] Ebd., S. 72 (Zitat Carl Einsteins über den Maler George Grosz und dessen bekannte zynische Darstellung der „bürgerlichen Gesellschaft“).
[8] Jünger: „Strahlungen II“, S. 608 ff. (Kirchhorst, 29. März 1946).
[9] Noack: Biographie, S. 110 f.
[10] Ebd.
[11] Jünger: „Der Arbeiter“, S. 27.
[12] Ebd., S. 71.
[13] Ebd., S. 50.
[14] Ebd., S. 61 u. 209.
[15] Ebd., S. 61 u. 203.
[16] Noack: Biographie, S. 119 f. (Zitat Muckermann), Kiesel: Biographie, S. 395.
[17] Jünger: „Der Arbeiter“, S. 57–60.
[18] Noack: Biographie, S. 290.
[19] Österreichischer Rundfunk: „Salzburger Nachtstudio“ vom 29. März 1995 zum hundersten Geburtstag von Ernst Jünger.
[20] Noack: Biographie, S. 82 (Der ehemalige Kommunist Rudolf Schlichter 1930: „Ich verkehre viel mit den sogenannten neuen Nationalisten, besonders mit Ernst Jünger, den ich auch gemalt habe. Das sind erstaunlich anständige Menschen; ich habe links nie diese unzweideutige Gradheit menschlicher Gesinnung gefunden wie dort.“), Schwilk: Biographie, S. 439.
[21] Noack: Biographie, S. 122 ff.
[22] Ebd., S. 136 f.
[23] Ebd., S. 126 u. 290 (einige der späten Reisen), Schwilk: Leben und Werk, S. 308.
[24] Noack: Biographie, S. 125–128, 138, 140 f., 153 u. 155, Jünger: „Strahlungen II“, S. 610 f.
[25] Noack: Biographie, S. 144, Jünger: „Strahlungen II“, S. 615.
[26] Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen, Hamburg 1941, S. 38, 105 u. 94 ff.
[27] Ebd., S. 142 f. u. 150 f.
[28] Ebd.
[29] Heimo Schwilk: „Nachwort“; in: Jünger: Auf den Marmorklippen, München 2001, S. 149 (ein Zeitzeuge wird zitiert), ders.: Leben und Werk, S. 307.
[30] Schwilk: „Nachwort“, S. 144.
[31] Ebd.
[32] Noack: Biographie, S. 158, 165, 175, 179 u. 187 (Zitat über das Heer nach Gottfried Benn); Jünger: „Strahlungen II“, S. 548–554 (Jünger über Stülpnagel).
[33] Noack: Biographie, S. 158, 165, 171, 175 f. u. 179, Schwilk: Jahrhundertleben, S. 388 u. 392, Schwilk: Leben und Werk, S. 305 ff., Jünger: „Strahlungen II“, S. 424.
[34] Jünger: „Strahlungen II“, S. 580 f., Schwilk: Jahrhundertleben, S. 402 ff., 422 u. 437 f., Noack: Biographie, S. 195 f.
[35] Noack: Biographie, S. 192 f. u. 195, Schwilk: Jahrhundertleben, S. 382 f., 389, 392, 408 f., 418 u. 420, Jünger: „Strahlungen II“, S. 332.
[36] Ernst Jünger: „Der Friede“; in: ders.: Sämtliche Werke, Bd. VII, Stuttgart 1982, S. 232.
[37] Schwilk: Jahrhundertleben, S. 397 f., Jünger: „Strahlungen II“, S. 360 f.
[38] Jünger: „Strahlungen II“, S. 399.
[39] Ebd., S. 646.
[40] Schwilk: Jahrhundertleben, S. 433 f., Noack: Biographie, S. 211, Jünger: „Strahlungen II“, S. 603.
[41] Schwilk: Jahrhundertleben, S. 434, ders.: Leben und Werk, S. 308, Jünger: „Strahlungen II“, S. 529 (Kirchhorst, 3. September 1945); Ernst von Salomon: Der Fragebogen, Reinbek b. Hamburg 1951.
[42] Jünger: „Strahlungen II“, S. 616.
[43] Schwilk: Jahrhundertleben, S. 435 f., Jünger: „Strahlungen II“, S. 503 f. (Kirchhorst, 10. August 1945).
[44] Schwilk: Jahrhundertleben, S. 222 ff., 278 u. 446 f., Jünger: „Strahlungen II“, S. 47 u. 557.
[45] Schwilk: Jahrhundertleben, S. 441 u. 456 f., Mohler: Ravensburger Tagebuch, S. 8 f.
[46] Schwilk: Jahrhundertleben, S. 458 f.
[47] Schwilk: Leben und Werk, S. 230, 239, 241 u. 288 (Karikatur Jüngers als Käfer im „Rheinischen Merkur“).
[48] Ebd., S. 463.
[49] Schwilk: Jahrhundertleben, S. 463 f., Kiesel: Biographie, S. 641.
[50] Schwilk: Leben und Werk, S. 243 u. 246.
[51] Ebd., S. 278, ders.: Jahrhundertleben, S. 21, Noack: Biographie, S. 271–292 u. 276, Kiesel: Biographie, S. 653 ff.
[52] Vgl. Schwilk: Jahrhundertleben, S. 20–23, Müller: „Heimfahrt“.
[53] Schwilk: Jahrhundertleben, S. 15 f.