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Zielscheibe der Geringschätzung

Ludwig XVIII. (1755–1824) war 1814–1824 König von Frankreich. Der jüngere Bruder Ludwigs XVI. bestieg nach dem Sturz von Napoleon Bonaparte den französischen Thron. Nach seinem Tod folgte ihm sein jüngerer Bruder Karl X. nach, der durch die Julirevolution von 1830 gestürzt wurde.
Ludwig XVII. (1785–1795) war nach dem Tod seines älteren Bruders ab 1789 der französische Kronprinz, regierte jedoch nie. 1793 wurde er im Alter von nur acht Jahren von den französischen Revolutionären – vergeblich – gefoltert, um Aussagen gegen seine eigene Mutter zu erpressen. Nach der Hinrichtung seiner Eltern wurde er einem jakobinischen Schuster zur „Erziehung“ übergeben, der das Kind weiter quälte, bis er selbst am selben Tag wie Robespierre guillotiniert wurde. Sein letztes Lebensjahr verbrachte der Knabe dann in einem Gefängnis der französischen Revolutionäre, bis er im Juni 1795 im Alter von zehn Jahren verstarb.
Joseph Fouché (1759–1820) ist der Inbegriff des Wendehalses. 1792 in den Konvent gewählt, schloß er sich den Jakobinern an und unterstützte die radikalatheistische Linie Jacques-René Héberts. Als sich die Regierung der französischen Revolutionäre nach der Hinrichtung Robespierres mäßigte, verbündete er sich mit dem sozialistischen Agitator Gracchus Babeuf, der im März 1795 einen linksradikalen frühkommunistischen Aufstand anführte und nach dessen Scheitern hingerichtet wurde. Sein Hintermann Fouché entging diesem Schicksal. Unter Napoleon Bonaparte wurde er Polizeiminister, verriet diesen jedoch 1814 und schloß sich den Bourbonen an, verbündete sich nach dessen Rückkehr wieder mit Napoleon, um erneut das Polizeiministerium zu erlangen, nur um diesen nach kurzem erneut zu verraten und sich mit dem zurückgekehrten Ludwig XVIII. zu verbinden. Erneut wurde er Polizeiminister, bis ihn Ludwig XVIII. 1816 verbannte. Mit Billigung Metternichs ließ er sich in Prag, später in Linz und schließlich in Triest nieder, wo er 1820 verstarb, nicht ohne seinen Kindern ein gewaltiges Vermögen zu hinterlassen.
François-René de Chateaubriand (1768–1848) war einer der bedeutendsten Gegner der Französischen Revolution und gilt als Begründer der literarischen Romantik in Frankreich.
Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754–1838) war ursprünglich ein französischer Bischof, der schon 1788 in die Generalstände gewählt wurde. Er sprach sich für die Verstaatlichung von Kirchengut aus, um damit die Staatsschulden zu begleichen. Als Anhänger einer konstitutionellen Monarchie verließ er 1792, am Vorabend der Schreckensherrschaft der Revolution, Frankreich und kehrte 1796 zurück, um 1799 Außenminister unter Napoleon Bonaparte zu werden. Dessen Kriegsplänen trat er konsequent entgegen und trat schon nach dem Frieden von Tilsit mit Preußen im Jahr 1807 als Außenminister zurück. 1815 wurde er Außenminister unter Ludwig XVIII. und vertrat Frankreich auf dem Wiener Kongreß, wo er es vermochte, für sein Land so günstige Bedingungen auszuhandeln, daß Frankreich keine Gebietsverluste erleiden mußte, sondern in den Grenzen von 1792 wiederhergestellt wurde.
Élie Decazes, Herzog von Decazes und Glücksberg (1780–1860), wurde unter Ludwig XVIII. sogar Premierminister und verfolgte eine liberale Politik des Ausgleichs mit den ehemaligen Revolutionären, die von den ultraroyalistischen Kreisen bekämpft wurde. Schon 1820 trat er zurück.

Karl X. (1757–1836) war der letzte Bourbone auf dem französischen Königsthron, jüngerer Bruder von Ludwig XVI. und Ludwig XVIII. Sein auf royalistische Kreise gestützter Versuch, das Gottesgnadentum seiner Herrschaft erneut zu begründen und die Wirkung der Französischen Revolution ungeschehen zu machen, scheiterte in der Revolution von 1830, die ihn erneut ins Exil zwang, das er zunächst in England und später in Prag verbrachte, um 1836 im Alter von 79 Jahren in Görz an der Cholera zu versterben.

Zum 200. Todestag König Ludwigs XVIII. von Frankreich

François-René de Chateaubriand, der „Vater“ der literarischen Romantik in Frankreich, ein glühender Gegner der Revolution und Napoleons, doch auch Politiker und Diplomat, schrieb wenige Tage nach dem Tod König Ludwigs XVIII. (16. September 1824), dieser habe seine Ära verstanden und sei ein Mann seiner Zeit gewesen. Dieses Urteil mutet nur wenig nachvollziehbar an – hatte doch der Bruder des am 21. Januar 1793 guillotinierten Königs Ludwig XVI. zu viele Jahre im Exil verbringen müssen und war 1814 quasi als lebender Anachronismus in ein Land zurückgekehrt, in dem kaum noch etwas so war wie bei seiner Flucht im Juni 1791. Doch war das Zeitalter, in dem er lebte, generell eine Zeit von Widersprüchen und Umbrüchen, und so glich auch Ludwigs XVIII. Vita einer doppelgesichtigen Janusgestalt.

Von Dr. Mario Kandil

Der nachmalige König Ludwig XVIII. erblickte am 17. November 1755 das Licht der Welt und erhielt erst sechs Jahre danach den Namen Louis Stanislas Xavier. Das lag im Sinne einer alten Tradition im Hause Bourbon, wonach die Kinder in den ersten fünf Lebensjahren ohne offiziellen Namen blieben. Sein Vater – und der seiner beiden Brüder, der späteren Könige Ludwig XVI. und Karl X. – war der Dauphin (Thronfolger) Louis Ferdinand, der jedoch noch vor seinem Vater, König Ludwig XV., starb (1765). Die Mutter von Louis Stanislas Xavier war Maria Josepha von Sachsen, und sein Urgroßvater war kein Geringerer als der polnische König Stanislaus I. Leszczy?ski. Auf ihn verweist der zweite Taufname von Louis Stanislas Xavier, der ab dem siebten Lebensjahr gemeinsam mit seinen Brüdern von dem Herzog von Vauguyon und dem Bischof von Limoges erzogen wurde, wobei er sich als der talentierteste der drei Prinzen erwies.

Im April 1771 bekam der Comte de Provence – so lautete seit seiner Geburt sein Titel – einen eigenen Haushalt und einen Monat darauf auch eine Ehefrau, Louise Marie Joséphine von Savoyen, Tochter von König Victor Amadeus von Sardinien. Dieses war der irreversible Eintritt in die höfische Gesellschaft, deren Leben Ludwigs Jahre bis zum Tode seines Großvaters, König Ludwigs XV., 1774 erfüllte. Politischen Einfluß oder Macht hatte der Prinz, von dem es bereits 1777 hieß, er sei dick wie eine Tonne, nicht. Seine Beleibtheit hinderte ihn auch daran, wie die meisten Bourbonen der Jagd zu frönen. Mit dem Regierungsantritt Ludwigs XVI., seines älteren Bruders, des bisherigen Herzogs von Berry, am 10. Mai 1774 wurde auch das Leben von Louis Stanislas Xavier und seiner Gattin – beide wurden nun Monsieur und Madame genannt – politisch tangiert. Die von ihm erhoffte Mitgliedschaft im Ministerrat erlangte er nicht, durfte aber bei der Wiederzulassung der Parlamente, der ersten sehr wichtigen Entscheidung des neuen Königs, mitreden. Daß die Ehe des Comte de Provence nach zwei Fehlgeburten kinderlos blieb, schwächte seine Position bei Hof weiter, und so blieb ihm angesichts der Aussichtslosigkeit seiner politischen Ambitionen lediglich der neidvolle Blick auf die Macht, die der ältere Bruder (noch) besaß. Zu ihm unterhielt er ein distanziertes Verhältnis voller Abneigung und war zudem noch in Temperament und Esprit ganz anders geartet. So war er, bei dem die religiösen Lehren eine tiefe Wirkung hinterließen, sein Leben lang ein gläubiger und praktizierender Katholik.

Revolution und Emigration

Finanz- und Staatskrise des Ancien régime sowie die Pré-révolution boten dem Comte de Provence die ersehnte Gelegenheit, eine politische Rolle zu spielen und in den Staatsrat einzuziehen. Trotzdem konnte er davon nicht profitieren, denn weil die politische Lage in Frankreich sich rasch radikalisierte und im Land eine scharfe Polarisierung erzeugte, erlangte Monsieur kaum Einfluß in der Politik. Dazu kam, daß er in den ersten Jahren der Französischen Revolution immer wieder seine Meinung und auch seine taktische Einstellung änderte. Doch hiermit nicht genug, er blieb auch – all seinen Bemühungen zum Trotz – eine auf dem politischen Parkett unbedeutende Gestalt, sowohl aus Unfähigkeit als auch aufgrund der obwaltenden Umstände.

So blieb Louis Stanislas Xavier bloß noch der Rückzug in sein Hofleben, das rüde durch eine Demonstration vor dem Palais Luxembourg gestört wurde (22. Februar 1791): Eine erzürnte Menge warf ihm vor, an der Vorbereitung der Flucht von Ludwig XVI. mitgewirkt zu haben. Doch gelang es dem Bruder des Königs, die Menge durch die Zusicherung zu beschwichtigen, er stehe loyal zu König und Verfassung – was alles reine Täuschung war. Denn bereits im Juni 1791 floh er wie Ludwig XVI., hatte jedoch mit seiner Flucht mehr Fortune als der glücklose Monarch und gelangte über die Österreichischen Niederlande bald nach Koblenz, dem Zentrum der französischen Emigranten und der Konspiration gegen das revolutionäre Regime, das sich in der Heimat etablierte. Es begannen die Jahre des Exils, des Wechsels von einem Unterschlupf zum nächsten, wobei von dem früheren Glanz nicht mehr viel übrigblieb. Der Bruder des entmachteten Königs überschritt damit die Grenze zwischen der Welt der Revolution und jener der Gegenrevolution. Ende Juni 1791 traf Louis Stanislas Xavier in Brüssel mit seinem ebenso aus Frankreich geflohenen Bruder Charles, dem Comte d’Artois, zusammen und sah sich genötigt, sich dessen politischen Positionen anzuschließen.

Nun mußte Louis spüren, daß inzwischen die Energie, das Selbstbewußtsein und die Überzeugungskraft seines jüngeren Bruders Charles wichtiger waren als seine eigene Würde, Mäßigung und Bildung. Bei politischen Verhandlungen – wie der Zusammenkunft mit dem römisch-deutschen Kaiser Leopold II. und dem preußischen König Friedrich Wilhelm II., die zu der Deklaration von Pillnitz (27. August 1791) führten – sah sich Louis gegenüber seinem Bruder Charles stets im Hintertreffen. Dennoch gingen die beiden Brüder in Koblenz gegenüber Ludwig XVI., der seinem Land und der ihm aufgezwungenen Verfassung treu bleiben wollte (besser gesagt: mußte, weil er de facto ein Gefangener der Revolutionäre war), auf Distanz. Sie hielten an traditionellen Vorstellungen von monarchischer Herrschaft und ihrer Legitimation als von Gott selbst gewollt unbeirrt fest. Daß sie damit ihren königlichen Bruder seinem Ende immer näher brachten, wollten sie nicht erkennen. Jedenfalls zeigten sie mit ihren recht martialischen Aussagen wenig Rücksicht gegenüber dem in arger Not befindlichen König.

Nach der französischen Kriegserklärung an den „König von Ungarn und Böhmen“ – de facto an den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, Franz II. – am 20. April 1792 ging es für den Comte de Provence mit einer von ihm angeführten Truppe von 6000 Soldaten gegen das revolutionäre Frankreich ins Feld. Doch nach der Kanonade von Valmy (20. September 1792), nach der die preußischen Heerführer übereilt den Rückzug anordneten, mußten er und sein Bruder Charles sich den Preußen anschließen. Besonders peinlich war, daß Louis Stanislas Xavier hierbei viele seiner Papiere verlor, die später im Prozeß gegen Ludwig XVI. als wichtige Beweisstücke verwendet wurden. Ende 1792 angelangt in Hamm, wo ihnen Preußens König Asyl gewährte, mußten Louis und Charles schon bald die Nachricht von der Hinrichtung ihres Bruders zur Kenntnis nehmen. Als erster lebender Bruder rief Louis den Sohn des guillotinierten Königs als Ludwig XVII. zum neuen König aus und ernannte sich selbst zum Regenten Frankreichs. Doch das war eine Groteske, denn realiter hatte er gar nichts zu bestimmen und mußte statt dessen in den nächsten Jahren, die voller Isolation, Geldnot und Demütigungen waren, bei diversen Regierungen um Aufnahme ersuchen. Nur der dynastische Stolz hielt Louis in den tristen Jahren des Exils aufrecht, aber in erster Linie natürlich die monarchische Solidarität der europäischen Fürstenhöfe – in politisch-kultureller wie auch in finanzieller Hinsicht.

Im Exil zählte es für Louis zu seinen wichtigsten Beschäftigungen, sich auf die neuen Zeiten einzustellen, indem er ein politisches Programm erarbeitete, das nach seiner von ihm nie aufgegebenen Rückkehr nach Frankreich Richtschnur seines Handelns werden sollte. Die Erklärung von Verona, die er im Juli 1795 veröffentlichen ließ, war gegenüber seiner Erklärung von Hamm (Januar 1793) bereits ein deutlicher Fortschritt. Hatte er in dem ersten Manifest die Revolution noch insgesamt verurteilt und in seiner Verbitterung über die Hinrichtung seines Bruders jegliche Reformmaßnahmen abgelehnt, so versprach er in dem zweiten Dokument dies: Anerkennung der Gleichheit vor dem Gesetz sowie des Rechts auf freien Zugang zu allen Ämtern. Einzig den Königsmördern drohte er mit Vergeltung, doch sollte er – einmal zurück auf dem Thron – in diesem Punkt nicht ganz konsequent handeln. Nach dem Tod des unglücklichen Ludwig XVII. 1795 erklärte sich der Comte de Provence in Verona selbst als Ludwig XVIII. zum König. Nach dem Ende der royalistischen Erhebung in der Vendée 1793, nach dem Desaster der Landung von Emigrantentruppen bei Quiberon sowie der blutigen Niederschlagung des Royalistenaufstands in Paris (beides 1795) konnte der Monarch ohne Land nur noch darauf hoffen, auf friedlichem Wege an die Macht zu gelangen.

Der Siegeszug Bonapartes in Italien zwang Ludwig XVIII. wiederholt zu einem Ortswechsel. Eine Offerte des seit November 1799 als Erster Konsul in der französischen Republik herrschenden Generals, ihm für den Verzicht auf den Thron Frankreichs ein Gebiet zu überlassen (1803), lehnte der Bourbone als unehrenhaft ab: „Wir haben alles verloren, außer unserer Ehre.“[1] Sein Protest gegen die Selbstkrönung Napoleons zum Kaiser der Franzosen (2. Dezember 1804) – diesen verschickte er von Warschau aus an alle europäischen Fürsten – verklang jedoch ungehört, denn ernst wurde Ludwig zu jener Zeit von fast keinem unter diesen mehr genommen. Napoleons militärische Erfolge und Expansionen trieben Ludwig immer weiter von Frankreich weg, und der Friede von Tilsit im Juli 1807 nötigte ihn dazu, auch sein Exil in Mitau (Kurland, das zu Rußland gehörte) aufzugeben. Die britische Regierung erlaubte ihm, auf Schloß Hartwell (bei Oxford) Aufenthalt zu nehmen, falls er nicht als König von Frankreich aufträte. So residierte Ludwig dort ab November 1807 und mußte ebenda 1810 den Tod seiner Gemahlin erleben, 1813 den seines engsten Vertrauten, des Herzogs von Avaray. Immer korpulenter und von Krankheiten geplagt, war er oftmals an den Rollstuhl gefesselt.

Erste Restauration

Die militärischen Niederlagen Napoleons und der Vormarsch der Alliierten 1813 sowie die unter den Franzosen immer mehr anwachsende Ablehnung des Empire – begleitet von diversen Manifestationen royalistischer Überzeugung – brachten Ludwig XVIII. und mit ihm die Bourbonen wieder zurück auf Frankreichs Thron. Es war allerdings bezeichnend, daß sein Bruder Charles mit seinen Söhnen am 3. Februar 1814 auf britischen Kriegsschiffen in die Heimat zurückkehrte und daß sie alle mit nur wenig Begeisterung empfangen wurden: Da war nichts zu spüren von Ludwigs kühner Behauptung, die Restauration beruhe auf dem Willen der gesamten französischen Nation. Nach der Einnahme von Paris durch die Alliierten am 31. März 1814 sowie der Bildung einer provisorischen Regierung unter dem Wendehals Talleyrand, Napoleons früherem Außenminister, proklamierte am 7. April 1814 der von Napoleon abgefallene Senat Louis Stanislas Xavier zum König der Franzosen. Dieser sollte sich bereit erklären, die Verfassung zu akzeptieren – eine Schöpfung des Senats, der sich eine liberale Monarchie wünschte. Das alles bedeutete eine Rückkehr zur Verfassung der Monarchie von 1791/92, zu einem Herrschaftsvertrag zwischen König und souveränem Volk. Rußlands Zar Alexander I. und Talleyrand traten für diese Konstitution ein. Nun hing alles von Ludwig XVIII. ab.

Als dieser wegen seiner Gicht erst am 24. April 1814 Frankreich wieder betrat, war Napoleon – diesen hatten seine Marschälle am 4. April 1814 zur Abdankung gezwungen – bereits zu der Insel Elba aufgebrochen. Ludwig wollte König von Gottes Gnaden sein, sah im Senat bloß Komplizen der früheren Taten Napoleons und wollte von einer Verfassung nichts wissen. Daraufhin erarbeitete eine Verfassungskommission aus Vertretern des Senats, der gesetzgebenden Körperschaft und Vertrauten Ludwigs einen Entwurf, der eine Versöhnung der beiden Teile Frankreichs herbeiführen sollte. Als am 4. Juni 1814 der Text veröffentlicht wurde, war nur noch von einer Verfassungsurkunde, der „Charte constitutionelle“, die der König erließ, die Rede. Um sich von der Revolution zu distanzieren, lenkte Ludwig bei der Legitimation aus göttlichem Recht nicht ein. Jedoch berücksichtigte er die politischen, juristischen, administrativen und sozialen Veränderungen, die Revolution und Empire bewirkt hatten.

Die ersten Artikel der „Charte“ zum öffentlichen Recht der Franzosen bekräftigen die Prinzipien bürgerlicher Gleichheit und Freiheit, erkannten den Verkauf von Nationalgütern an und sagten ebenso Nachsicht für Abstimmungsverhalten während der Revolution zu. Der König hatte die Exekutivgewalt und das Recht inne, die Abgeordnetenkammer aufzulösen bzw. die Pairskammer zu ergänzen – es gab mithin zwei Parlamentskammern, die die legislative Gewalt besaßen. Die Minister waren dem König gegenüber verantwortlich, aber sie konnten aus den Reihen der beiden Kammern kommen, was die Tendenz zur Parlamentarisierung von Entscheidungen förderte. Das wichtigste Recht der Kammern war das Recht zur Entscheidung über den Haushalt.

Die Mäßigung bei den personalpolitischen Säuberungen, die den Regimewechsel begleiteten, zeugte ebenfalls vom Willen zum Ausgleich. Die Majorität der Präfekten blieb im Amt, und innerhalb der organisatorisch veränderten Polizei sahen sich nur die entlassen, die sich besonders kompromittiert hatten. Es kam zur Entlassung des obersten Staatsanwalts, während die bonapartistischen Mitglieder des Staatsrats mittels einer institutionellen Umbildung so ausgeschaltet wurden, daß man sie nicht auf förmliche Art entlassen mußte. Nach einem Ausspruch Chateaubriands war die Politik der Mäßigung und des Vergessens daran orientiert, diejenigen, die dem König gedient hatten, nicht von denjenigen zu trennen, die der Nation gedient hatten. Es blieben die dezidierten Gegenrevolutionäre unzufrieden, ebenso die Armee auf der Seite Napoleons. Das liberale Bürgertum orientierte sich hingegen an der „Charte“ und nicht an der gerade herrschenden Dynastie.

Schon sehr bald wurde die fragile Grundlage der Versöhnungspolitik durch das Verhalten der royalistischen Anhänger Ludwigs XVIII. in Frage gestellt, denn diese wollten nicht vergessen, was in der Zeit der Revolution und des Empire geschehen war. Die rasch wachsende Verbitterung über die Bestimmungen des Ersten Pariser Friedens vom 30. Mai 1814, der das unter Napoleon stark ausgedehnte und mächtige Frankreich in die Grenzen von 1792 zurückversetzte und zu der Rückgabe zahlreicher Festungen und von Kriegsgerät zwang, tat Weiteres dazu, die national gesinnten Franzosen in die Arme Napoleons zu treiben. Ebenso spielten die Entlassung bzw. Zurückstufung zahlreicher napoleonischer Offiziere sowie deren Ersetzung durch Offiziere aus dem Lager der Royalisten eine große Rolle. Den Ton jener Zeit traf der General Chouart, ein früherer Kürassierwachtmeister, der mit Blick auf den wirklich fettleibigen König ganz unverschämt anmerkte: „Mir ist alles Wurst, Hauptsache, das dicke Schwein verschwindet.“[2] Der so beleidigend titulierte König war viel zu wenig energisch und überzeugend, um diese kritische Lage überwinden zu können. Vielmehr tat Ludwig alles, um die Ambitionen der zurückgekehrten Emigranten, die die Uhr zurückdrehen wollten, zu befriedigen.

„Hundert Tage“ und zweite Restauration

Dies alles veranlaßte den in seinem Exil auf der Mittelmeerinsel Elba festsitzenden Napoleon ebenso zu Rückkehrplänen wie das Zerwürfnis der Siegermächte auf dem Wiener Kongreß und deren Plan, ihn auf eine noch weiter entfernte Insel zu bringen. Der preußische Staatskanzler Hardenberg erwähnte in diesem Kontext Sankt Helena. Unter strengster Geheimhaltung traf der Korse seine Vorbereitungen für die Rückkehr nach Frankreich. Am Abend des 26. Februar 1815 stach er in Begleitung von 1500 Anhängern sowie vier Geschützen in See. Alles verlief für ihn günstig, denn mit seiner kleinen Flotte entging er im Mittelmeer den englischen Schiffen. Um seine Gefährten zu ermutigen, sagte er: „Ich werde nach Paris kommen, ohne einen Schuß abzufeuern!“[3] Damit sprach er, ohne es zu wissen, die Wahrheit aus, denn für die Rückgewinnung „seines“ Throns sollte er kein Blut vergießen müssen.

Bereits am 20. März 1815 war Napoleon in Paris und wieder an der Macht. Ludwig hingegen war in der Nacht vom 18. auf den 19. März Hals über Kopf aus der Hauptstadt geflohen und wollte zuerst geradewegs nach Hartwell zurück, machte aber schließlich in Ostende Halt. Trotz aller Begeisterung über die triumphale Rückkehr des Kaisers hatte ein größerer Teil der Franzosen genug vom Empire und von den militärischen Belastungen, die die Rückkehr Napoleons erneut mit sich brachte: Denn die Mächte, die ihn 1814 besiegt hatten, wollten von seinem Verbleib an der Macht und damit von Frieden mit ihm nichts wissen. Mithin mußte wieder marschiert werden. Im Süden, Westen und Teilen des Nordens Frankreichs stieß Napoleon auf z.T. große Ablehnung. Es mehrten sich royalistische Aufrufe, und Anfang Mai 1815 kam es im Westen zu offener Revolte. Der Aufstand band wichtige Truppenteile, die Napoleon auf dem Feldzug gegen die alliierten Streitkräfte in Belgien schmerzlich vermißte. Nach gerade vier Tagen war er völlig besiegt, und seine einzigartige Laufbahn war mit der Niederlage bei Waterloo am 18. Juni 1815 beendet.

Fouché, den Napoleon wieder zum Polizeiminister gemacht hatte und der ihn nach Waterloo gleich erneut verriet, tat alles, um Ludwig XVIII. als Herrscher wiedereinzusetzen. Für die meisten Franzosen war er bloß der „Unvermeidbare“, doch trotz heftiger Bedenken wegen seiner persönlichen Schwächen verkörperte er in den Augen der in Europa dominierenden Mächte die Legitimität, und so brachten ihn die Sieger über Napoleon ein weiteres Mal im Gefolge ihrer Armeen auf den Thron. Am Abend des 6. Juli 1815 traf Ludwig, aus seinem vorübergehenden Exil in Gent kommend, in Saint-Denis mit Talleyrand und Fouché zwei Männer mit „Vergangenheit“ oder – wie Chateaubriand es ganz boshaft formulierte – „das Laster auf den Arm des Verbrechens gestützt“[4]. Die „Hundert Tage“ hatten den Versuch einer Versöhnung (und des eigenen Machterhalts) noch schwerer gemacht, welchen die beiden Exminister Napoleons im Bündnis mit dem König erstrebten. Jetzt belastete eine doppelte Erinnerung den Neubeginn, was Chateaubriand in einem berühmt gewordenen Bild wie folgt ausdrückte: „Der getreue Königsmörder [Fouché] legte die Hände, die den Kopf Ludwigs XVI. hatten rollen lassen, in die Hände des Bruders des Märtyrerkönigs; der abtrünnige Bischof [Talleyrand] war Bürge des Eides.“[5]

Die nunmehr einsetzende zweite Restauration hatte Elend und Schrecken im Gefolge, denn die Okkupation und Ausplünderung Frankreichs durch alliierte Truppen konnten in einer Atmosphäre von aufgewühlten nationalen Emotionen dem zurückgekehrten Monarchen zur Last gelegt werden. Für das Volk war Ludwig mit dem Fouragewagen der ausländischen Soldaten gekommen – ein großer Makel, den er nicht abschütteln konnte. Und für Ludwig war die Erfahrung, daß seine eigenen Verbündeten Frankreich wie ein feindliches Gebiet traktierten, ein schwerer Schlag. Durch die „Hundert Tage“ mit dem Abfall der eigenen Armee und eines großen Teils des französischen Volks war Ludwigs XVIII. politisches Gewicht enorm gesunken.

Auch deshalb schaffte er es nicht, die nach Rache rufenden Ultraroyalisten zurückzuhalten. Zwar hatte der König – um solches zu verhindern – ein Kabinett mit Talleyrand als Premier- und mit Fouché als Polizeiminister eingesetzt, doch bei den Parlamentswahlen vom August 1815 kam es nicht zur von Ludwig erhofften liberalen Mehrheit. Ganz im Gegenteil, die Aussage der ultraroyalistischen Organisation der „Glaubensritter“, die Kandidaten der Regierung seien nicht die wirkliche Wahl des Königs, löste eine Flutwelle des Ultraroyalismus aus, die bewirkte, daß fast nur Royalisten gewählt wurden: Das war die „unvergleichliche Kammer“ (Chambre introuvable), wie Ludwig XVIII. das neue royalistische Parlament nannte. Es ließ den Rachegelüsten seiner Anhänger fast freien Lauf: Namhafte Heerführer Napoleons wurden vor Gericht gestellt und zu längeren Haftstrafen, manche auch zum Tode verurteilt – so z.B. Marschall Michel Ney. Er hatte 1814 zusammen mit anderen Marschällen Napoleon zur Abdankung genötigt und 1815 als Marschall des Königs versprochen, er werde ihm den aus Elba zurückgekehrten Korsen in einem eisernen Käfig gefangen bringen. Aber von all seinen Soldaten, die zu Napoleon überliefen, verlassen, war auch Ney zu seinem alten Dienstherrn zurückgekehrt. Und genau diesen erneuten Frontwechsel verziehen ihm die Ultraroyalisten nicht. So wurde der „Tapferste der Tapferen“, wie der Kaiser ihn einst genannt hatte, am 7. Dezember 1815 in Paris füsiliert.

Daneben wütete speziell im Süden Frankreichs der „Weiße Terror“: Es kam zu Massakern, in denen alte Rechnungen aus der Zeit der Revolution blutig beglichen wurden. Auch die Verwaltung wurde gesäubert: 38 Präfekten und 115 Unterpräfekten sahen sich entlassen, und mit ihnen oft auch ihre Bediensteten. Betroffen waren davon insgesamt rund 50.000 Personen. Die öffentlichen Kampagnen gegen die Königsmörder zwangen sogar Fouché, diesen Genius des Bösen, zum Rückzug aus der Politik und ins Exil. Auch Talleyrand, der so viele Regimewechsel überdauert hatte, nahm am 19. September 1815 seinen Hut. Das politische Frankreich spaltete sich in zwei verfeindete Lager. Ihr Antagonismus war derart heftig, daß er am Ende in die Revolution vom Juli 1830 münden sollte.

Ludwig XVIII. stand dem „Weißen Terror“ hilflos gegenüber, bemühte sich jedoch weiter um Ausgleich. So berief er am 24. September 1815 eine neue Regierung unter Richelieu, einem Nachfahren des berühmten Kardinals. Doch der Gegensatz zwischen seiner Regierung und der durch die Ultraroyalisten dominierten Kammer war unüberbrückbar, und so konnte diese im Oktober 1815 mit einem Gesetz über allgemeine Sicherheit die persönliche Freiheit zeitweise aufheben, bald darauf ein Gesetz gegen umstürzlerische Schriften sowie die Bildung von Sondergerichten beschließen. Dies alles war Ludwigs XVIII. Bedürfnis nach Ruhe im politischen wie im privaten Leben zutiefst zuwider. Er achtete die Verfassung, umging den drohenden Bürgerkrieg und spielte mit Erfolg die Rolle eines konstitutionellen Monarchen, indem er dem von ihm berufenen und ihm verantwortlichen Ministerium die politische Initiative überließ. Wenn auch die Politik sein Leben beherrschte, war doch der Einfluß, den er auf die politische Sphäre nahm, eher diskret. Als aber ein Weiterregieren gegen die rebellische Kammer nicht länger möglich erschien, löste der König sie – u.a. von seinem Lieblingsminister Elie Decazes ermuntert – auf und schrieb Neuwahlen aus.

Die liberale Phase

Bei diesen gewannen die Kandidaten der Regierung erheblich an Sitzen dazu, so daß sie am Ende in der Kammer auf 110 bis 130 Abgeordnete zählen konnte, während die Ultras mit 80 bis 90 Männern in ihr vertreten waren. Hierdurch vermochte Ludwig, seine Politik der „mittleren Linie“ fortzusetzen und mit den Gemäßigten – sie bildeten sich allmählich als die konstitutionelle Partei heraus – eine Politik der Integration zu verfolgen, die dem Bürgertum entgegenkam. Dies war auch der Sinn des im Februar 1817 erlassenen neuen Wahlgesetzes, das der Bourgeoisie gegenüber der ländlichen Aristokratie einen Vorteil einbrachte. Da es aber wieder die jährliche Rotation eines Fünftels der Abgeordneten einführte, schwächte es die Stabilität im Politikbetrieb, die dem König überaus wichtig war. Ein Militärgesetz der Regierung und ein neues Konkordat bildeten die Streitpunkte zwischen der konstitutionellen Partei und den Ultraroyalisten.

Indes erzielte Richelieu einen großen außenpolitischen Erfolg, als er nach Zahlung der letzten Rate der Kriegsentschädigung von  265 Millionen Francs, die Frankreich für sein letztes Abenteuer mit Napoleon auferlegt worden war, auf dem Kongreß von Aachen am 9. Oktober 1818 die vorzeitige und komplette Räumung Frankreichs von alliierten Truppen erreichte. Dennoch wurde Richelieu bei seiner Rückkehr statt mit Beifall vielmehr mit einer der schwersten politischen Krisen in der Ägide Ludwigs XVIII. „belohnt“. Die Details würden hier vom eigentlichen Thema wegführen, doch es sei angemerkt, daß Decazes – er besaß nicht bloß die Gunst des Königs, sondern auch großes Talent in der politischen Intrige – Richelieu aus dem Amt des Premierministers drängen konnte (26. Dezember 1818).
Zwar stand das neue Kabinett nicht unter der Leitung des königlichen Günstlings Decazes, dieser war aber immerhin zum Innen- und Polizeiminister avanciert und übte immensen Einfluß aus. Die von ihm betriebene Politik wies weiter nach links, was die Ultras natürlich erzürnte. Von François Guizot, einem zum Generaldirektor der Verwaltung der Departements ernannten Wortführer des Liberalismus, unterstützt, ließ Decazes eine Vielzahl von Präfekten und Unterpräfekten, die zu den Ultraroyalisten tendierten, entfernen und durch Liberale ersetzen. Ludwig teilte diesen Kurs zwar nicht, ließ aber den eifrigen Decazes gewähren, weil er meinte, dessen Maßnahmen seien geeignet, Frankreichs politische Probleme zu lösen.

Einige Zeit sah es ganz danach aus, und Decazes erlangte am 20. November 1819 auch noch das von ihm so begehrte Amt des Premierministers. Nun bewegte sich die Regierung politisch wieder mehr nach rechts, und auch Richelieu sollte erneut zum Eintritt in das Kabinett bewogen werden, lehnte aber angesichts der früheren Intrigen gegen ihn ab. Ein neues Wahlgesetz wurde vorbereitet, das sogar der „reaktionäre“ Bruder des Königs, Charles, der Graf von Artois, unterstützte. Dennoch fand das liberale Experiment ein jähes Ende, als am 14. Februar 1820 der Herzog von Berry, ein Sohn von Charles, auf den Stufen der Pariser Oper von dem Sattlergesellen Louvel ermordet wurde. Dieser hatte mit diesem Mord die Dynastie der Bourbonen auslöschen wollen, doch die Herzogin von Berry war bereits in Umständen und gebar später mit dem Herzog von Bordeaux „das Kind des Wunders“ – was den Fortbestand des Hauses Bourbon sicherte. Für das Attentat wurde speziell von royalistischer Seite die liberale Politik von Decazes verantwortlich gemacht, und so konnte Ludwig seinen Liebling nicht länger als Premierminister halten. Dessen Rücktritt am 20. Februar 1820 bedeutete den Fehlschlag einer Versöhnungspolitik unter den Auspizien des monarchischen Prinzips.

Dritte Restauration

Der Mord am Herzog von Berry markierte den Beginn einer Phase großer politischer Gewalttätigkeit und einer illiberalen Politik der Obrigkeit. Doch am Ende sollte sich zeigen, daß dieser Illiberalismus für die Monarchie gefährlicher war als der Liberalismus von Decazes. Nachdem er diesen schweren Herzens hatte opfern müssen, konnte Ludwig Richelieu überreden, nochmals Premierminister zu werden. Richelieu wurde jetzt sogar von den gemäßigten Anführern der Ultras, Villèle und Corbière, unterstützt, wurde aber dadurch immer mehr zu ihrem „Gefangenen“, da er in der Auseinandersetzung mit den Linken auf die Ultraroyalisten angewiesen war.

Auch die gemäßigte Politik Richelieus scheiterte, weil er immer weiter in die Zange der politischen Gegensätze geriet. Am 13. Dezember 1821 trat er erneut zurück – eine große Zäsur in Ludwigs XVIII. Regierung. Die neue Regierung unter Villèle, der im Zeitraum 1822–1828 Frankreichs politisches Leben dominierte, war sicherlich die stärkste und im Sinne des Königtums auch die zuverlässigste von allen. Nach den Wahlen vom November 1822 hatte Villèle eine stabile parlamentarische Mehrheit, und 1823 ernannte der König für die Pairskammer 27 neue Mitglieder, die sämtlich aus dem politisch „rechten“ Lager stammten. Unter ihnen befand sich auch de Bonald, der Chefdenker der Gegenrevolution. Auf dieser Basis beschnitt Villèle die Pressefreiheit ganz enorm, ließ Schulen schließen, Vorlesungen, die Liberale wie Guizot hielten, aussetzen und sich von Eiferern wie Chateaubriand Ende Januar 1823 sogar zu einer militärischen Intervention in Spanien überreden, mit der das Ansehen Frankreichs als Militärmacht wiederhergestellt werden sollte. Der Erfolg dieser Expedition brachte nach erneuter Auflösung der Kammer (24. Dezember 1823) bei den Neuwahlen im März 1824 einen großen Sieg der „rechten“ Kräfte. Ludwig XVIII. nannte das neue Parlament deshalb die „wiedergefundene Kammer“. Sofort machte sich die Regierung daran, den Erfolg durch ein neues Wahlgesetz zu befestigen, durch das die Legislaturperiode nun auf sieben Jahre ausgedehnt und die jährliche Erneuerung eines Fünftels der Kammer aufgehoben wurde. Ungeachtet dessen blieb Ludwig XVIII. König der zwei Frankreichs. Den labilen Triumph der Monarchie sollte sein Bruder und Thronnachfolger mit seiner unklugen Politik schon bald aufs Spiel setzen.

In seinem letzten Regierungsjahr war Ludwig XVIII. von seiner Krankheit in immer höherem Maße gezeichnet, und niemandem konnte sein Siechtum verborgen bleiben. Als er am 24. März 1824 bei der Eröffnung der Kammer seine Rede hielt, schlief er mittendrin ein. Seine letzte Amtshandlung war im August 1824 eine Umbildung des Ministeriums, bevor er am 16. September 1824 starb. Wenn der Bourbone auch als Person einen Gegensatz zu dem dynamischen, energischen, immer aktiven Machtmenschen Napoleon Bonaparte darstellte, hat Ludwig XVIII. doch ab einem gewissen Zeitpunkt die Rückkehr zum Ancien régime immer zu verhindern gesucht. Trotz einer Verhärtung, die schließlich stattfand, war sein Regime so gemäßigt, daß in der Notabelngesellschaft die Dynastie der Bourbonen und die „Charte“ eine relativ breite Zustimmung fanden. Aber mit Ludwigs Tod gab es für die Ultras in ihrem Bestreben, die Uhr zurückzudrehen, keinerlei Hindernis mehr. „Das Werk der Royalisten ist nicht beendet; es beginnt.“[6] So kommentierte eine ihrer Zeitungen das Ende Ludwigs XVIII. und dessen Nachfolge durch den Grafen von Artois, der von nun an König Karl X. war.

Epilog: Karl X. und erneuter Umsturz

Sein Name steht für den endgültigen Untergang einer Welt und für ihre Widersprüche. Nicht bloß in puncto höfische Eleganz und Ritterlichkeit war Karl X. ein Inbegriff – und so das Gegenteil seines in äußerlicher Beziehung von Fettleibigkeit und Plumpheit geprägten Bruders Ludwig XVIII. Der neue König war auch politischer Anführer der „Rechten“, die Verkörperung der Restauration als Gegenpart zur Revolution. Doch nach dem Scheitern seiner Politik in der Julirevolution von 1830 mußte einer der dezidiertesten Befürworter der Restauration, Chateaubriand, schreiben: „Als Kämpfer für das alte Königtum beraubte mich gerade dieses Königtum meiner Waffen und überließ mich nackt und bloß meinen Feinden.“[7]

Unter dem am 29. Mai 1825 nach altem Ritus in Reims gekrönten Karl X. spielte der Klerus wieder seine alte Rolle, und so wurde z.B. Gotteslästerung ein Strafdelikt. Die Entschädigung der Exbesitzer von Nationalgütern wurde zur Bühne für eine prinzipielle Auseinandersetzung zwischen der Revolution und der Restauration. Der König ließ 1827 die Pressefreiheit wieder einengen, nachdem er die Zensur zunächst aufgehoben hatte. Als in Paris bereits am 19./20. November 1827 bei Barrikadenkämpfen Blut geflossen war, spitzte sich unter dem streng klerikalen, ultraroyalistischen Kabinett des Grafen Polignac (ab August 1829) die Lage weiter zu. Der oppositionelle Liberalismus sah sich verstärkt von den Notabeln unterstützt, die Polignac und zuletzt dessen verfassungsändernde Ordonnanzen (Verordnungen) vom 26. Juli 1830 als offene Kriegserklärung an die politische Nation auslegten. Hinter den Verordnungen stand der König selbst.

Karl X. erließ die Ordonnanzen, ohne daß er für Paris hinreichend Truppen bereitstellen ließ. Daß die Mehrheit des Bürgertums durch den neuen Wahlzensus keine Wahlberechtigung mehr besaß, ließ in Paris Demonstrationen und erneute Barrikadenkämpfe stattfinden. Am 29. Juli war Paris in den Händen der Aufständischen, doch der in Saint-Cloud befindliche König wollte nicht aufgeben. Da schuf die Ernennung Louis-Philippes, des von den führenden Liberalen nun favorisierten Herzogs von Orléans, zum neuen König am 31. Juli 1830 vollendete Tatsachen. Louis-Philippe wollte sich nur auf die Legitimation durch die Volksvertreter berufen und keine Investitur durch Karl akzeptieren, der ihm in einem allerletzten Schachzug die Regentschaft für seinen Enkel, den Herzog von Bordeaux, hatte anbieten wollen. Karl mußte wieder fliehen, wieder nach England. Die dortige Regierung ließ ihn aber nur als Privatmann im Lande leben, wo er es bis 1836 aushielt. Dann begab er sich erneut aufs Festland, infizierte sich jedoch auf der Reise mit Cholera. An dieser verstarb er im österreichischen Görz am 6. November 1836. Mit Karl X. hatte nicht bloß das Haus Bourbon in Frankreich endgültig ausgespielt, sondern es war auch für Frankreichs Ancien régime für immer der Vorhang gefallen. Karls Versuch, die Uhr der Geschichte zurückzudrehen und Anachronistisches mit Gewalt am Leben zu erhalten, war gescheitert.

Ein neues Zeitalter hatte begonnen: Mit dem „Bürgerkönig“ Louis-Philippe, der am 7. August 1830 auch vom Parlament zum König der Franzosen proklamiert wurde, dominierten nicht länger die Interessen von Aristokratie und Klerus das Land, sondern vielmehr diejenigen des Großbürgertums, d.h. insbesondere der Bankiers und der Großgrundbesitzer. Und Louis-Philippe ließ 1840 (mit britischer Zustimmung) auch die sterblichen Überreste Kaiser Napoleons I. von Sankt Helena nach Paris bringen und dort im Invalidendom überaus prachtvoll beisetzen. Louis-Philippe war ergo am Entfachen der jetzt vehement einsetzenden Napoleonbegeisterung nicht unwesentlich beteiligt und bereitete hiermit – ungewollt – der am 10. Dezember 1848 erfolgenden Machtübernahme durch Napoleons Neffen Louis-Napoléon den Boden. Und gerade einmal drei Jahre hiernach kehrte das Kaiserreich zurück – um 1870 im Deutsch-Französischen Krieg ebenfalls endgültig den Untergang zu finden.

 

[1] Ludwig XVIII. an den Ersten Konsul Napoleon Bonaparte, ohne Ort und ohne Datum zit. bei: Hans-Ulrich Thamer: „Ludwig XVIII. (1814–1824); in: Peter C. Hartmann (Hg.): Französische Könige und Kaiser der Neuzeit. Von Ludwig XII. bis Napoleon III. 1498–1870, München 1994, S. 367–388, hier S. 377.

[2] Zit. n. Friedrich Sieburg: Napoleon. Die hundert Tage, Stuttgart 1981, S. 181.

[3] Zit. n. ebd., S. 96.

[4] Zit. n. Thamer: „Ludwig XVIII.“, S. 381.

[5] Zit. n. ebd.

[6] Zit. n. ebd.

[7] Hans-Ulrich Thamer: „Karl X. (1824–1830)“; in: Hartmann (Hg.): Könige und Kaiser, S. 389–401, hier S. 390.

 
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