![]() |
Um das Jahr 1900 hatte Europa den Gipfel seiner Macht erreicht. Fast die ganze Erde wurde von den Europäern beherrscht. Europäische Kultur war zur globalen Leitkultur geworden und bis in die entlegensten Dörfer auf anderen Kontinenten vorgedrungen. 20 Jahre später hatte Europa sich im Ersten Weltkrieg selbst zerstört. Europa stand erschrocken vor einem politischen Schutthaufen und fragt sich bis heute, was da eigentlich passiert war. Oswald Spenglers Werk „Der Untergang des Abendlandes“ (1918) scheint darauf die Antwort zu geben. Selten hat ein Buch die westliche Welt in Ablehnung oder Zustimmung so bewegt wie dieses. Sein Titel führt aber zu der Frage, was mit „Abendland“ eigentlich gemeint ist.1 Theodor Heuß, der erste deutsche Bundespräsident, sagte 1950: „Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Kapitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt.“ Das hatte hundert Jahre zuvor Ferdinand Gregorovius ganz ähnlich gesagt: In Jerusalem nahm der kosmopolitische Gedanke des Christentums seinen Anfang. Das Reich der Griechen beruht in der allgemeinen Bildung des freien, die Welt durchdringenden Geistes. Rom aber ist der Mythos der weltumfassenden Ordnungsmacht.2 Das Abendland ist nicht untergegangen, es lebt in anderer Gestalt weiter. Das soll hier in drei Teilen entwickelt werden.
Von Dr. Menno Aden
Europäisches Gemeinschaftsgefühl: Europa als geographischer Begriff hatte von Anfang an eine politische Tönung. Herodot (um 450 v.Chr.) verwendete ihn zur Abgrenzung gegen Asien und Afrika/Ägypten. Platon erkannte Europa als eine Art Einheit, wenn er schrieb, daß der Perserkönig die Hellenen und fast alle Bewohner Europas angriff.[i] Der antike Geograph Strabo (ca. 60 v.Chr. – 20 n.Chr.) meinte mit Europa schon fast alle Landschaften und Völker, die auch wir heute dazu rechnen.
Europa bezeichnete anscheinend schon den Weltteil, dessen Völker bei aller Verschiedenheit etwas Gemeinsames hatten. Vielleicht hatten diese europäischen Völker niemals ganz vergessen, daß sie – wie Franz Bopp (1791–1867) mit der Entdeckung der indogermanischen Sprachverwandtschaft 1816 zeigte – ursprünglich gleicher Herkunft, Sprache, Religion und Gebräuche waren. Friedrich Schiller nannte die europäische Völkergemeinschaft eine große Familie. Michail Gorbatschow sprach vom gemeinsamen „europäischen Haus“. Dieses Bild hatte Äneas Piccolomini (Papst Pius II., 1458–1564) 1554 auf dem Frankfurter Reichstag[ii] in seiner „Oratio de Constantinopolitana clade“ („Rede über die Niederlage von Konstantinopel“) benutzt, als er sagte: „Wir wurden [durch diese Niederlage] in Europa, das heißt im Vaterland, im eigenen Haus, erschüttert und verwundet.“
Germanen und das Abendland: Die weltgeschichtliche Bedeutung der für die Germanen siegreichen Varus- oder Hermannsschlacht im Jahre 9 liegt darin, daß die Germanen nicht romanisiert wurden. Während die von Rom unterworfenen Iberer, Gallier und linksrheinischen Germanenstämme romanisiert wurden und die römische Einheitskultur annahmen, konnte die damals und noch lange danach rückständige germanische Kultur rechts des Rheins sich in Anpassung und Abwehr römischer Lebensformen entwickeln. Die Durchmischung von germanischem Wesen und antiker Hochkultur schuf zusammen mit dem Christentum die Grundlagen des Abendlands.
Zur Zeit Karls des Großen, also etwa um 800, hatten sich die Grundlagen dieser neuen Kultur herausgebildet. Fast alles, was Europa prägt, ist in einer Ellipse mit einem Radius von etwa 600 km um die Brennpunkte Basel und Amsterdam geschehen. Im Norden werden Canterbury und Bremen umschlossen, im Westen Paris, im Osten noch Berlin, Prag und Wien, im Süden Florenz und Rom. Das gilt auch für die Geburtsorte vieler für die abendländische Kultur wichtiger Persönlichkeiten. Carl Benz, der Erfinder des Autos, Philipp Reis, der des Telefons, Justus Liebig, der Erfinder des Kunstdüngers, Goethe und Beethoven, die großen niederländischen Maler u.v.a.m. wurden entlang dieser römisch-germanischen Kulturtrasse geboren. Aus der einst römischen Garnisonsstadt Mainz kam die Jahrtausenderfindung des Buchdrucks; auch Franz Bopp kam in Mainz zur Welt. Karl Marx und Cusanus stammten aus dem Gebiet. Dort liegen heute auch die wichtigsten Einrichtungen der Europäischen Union, und zwar auffälligerweise unmittelbar auf der romanisch-germanischen Sprachgrenze in Straßburg, Luxemburg und Brüssel. Das Hauptdurchmischungsgebiet von Germanisch und Römisch entlang des Rheins, der alten Grenze zwischen dem römischen Reich und Germania magna oder libera, erweist sich daher als Rückgrat des Abendlands.
Eifersucht und Wettbewerb der Europäer: Es gehört zu den Grundüberzeugungen des Abendlands, daß Wettbewerb verborgene Kräfte und Werte hervorbringe. Immanuel Kant schrieb: „Dank sei der Natur für die mißgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben oder auch zum Herrschen. Ohne diese würden alle trefflichen Naturanlagen in der Menschheit ewig unentwickelt schlummern.“[iii] Wettbewerb findet innerhalb des jeweiligen Neidbereichs in bezug auf charakteristische Gemeinsamkeiten der Wettbewerber statt. Unbeschadet der Verschiedenheit ihrer nationalen Kulturen und Geschichtsabläufe sind die abendländischen Völker einander in bezug auf viele Parameter, die letztlich auf die drei genannten Hügel zurückgehen, sehr ähnlich. Das zeigt sich in scheinbaren Kleinigkeiten, wie der Tatsache, daß bei uns die Kinder auf Namen getauft werden, die oft europaweit verbreitet sind: Heinrich/Enrique, Konrad/Corrado, Wilhelm/Guglielmo usw. Von Nichteuropäern werden wir Abendländer daher als Einheit gesehen. Innerhalb dieser Einheit aber herrschen Eifersucht, Eitelkeiten und Wettbewerb um den ersten Rang. Es ist eine in anderen Kulturkreisen offenbar nicht in dieser Form anzutreffende Sitte, den Schöpfer einer bedeutenden Leistung in Kunst und Wissenschaft namentlich hervorzuheben und die Leistung seiner Nation zuzuordnen. Der deutsche Niklas Koppernigk wird daher gegen den Polen Miko?aj Kopernik, der Franzose Louis Pasteur gegen den Deutschen Robert Koch und der Engländer Newton gegen den deutschen Leibniz ausgespielt. Europäer kannten einander und nahmen aneinander Maß. Es entstand Wettbewerb. Offenbar trug dieser zu der Dynamik bei, welche die wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen bei uns hervorbrachte.
Wo liegt das Abendland? Das Abendland ist ein Ideengebilde aus drei Europa überwölbenden Schichten. Die tragende Schicht ist aus Golgatha erwachsen. Sie liegt dort, wo die Kirchen und Klöster stehen – von Monreale auf Sizilien bis Drondheim, von der Kathedrale in Chartres bis zur Marienkirche in Danzig, vom Straßburger Münster bis zum Stephansdom in Wien. Die zweite Schicht stammt aus der Akropolis in Athen. Abendland ist dort, wo Wissenschaften und Universitäten entstehen. Die Gründungsurkunde der Wiener Universität vom 12. März 1365 sagt, wozu diese dienen sollen: daß „gemain guot, rechte gerichte, menschlich vernunft und beschaidenhait aufneme und wachse […] und daz ein yeglich weiser mensch vernünftiger und ain unweiser zuo menschlicher vernunft in rechte erkantnüsse mit goetlicher lerung bracht und geczogen werde.“ Europäische Universitäten entstanden ab 1100 erst in Bologna und Oxford. 1257 folgte Paris mit der Sorbonne, 1348 Prag, damals die Residenz des deutschen Kaisers, 1365 Wien, und viele weitere folgten in Europa. Heute gibt es wohl keine bedeutende Stadt auf der Welt ohne Universität. Das wäre nicht der geringste Beitrag des Abendlands zum Fortschritt der Menschheit. Die dritte Schicht ist aus dem römischen Kapitol hervorgegangen. Abendland ist dort, wo das Recht herrscht. Die Reichweite des Römischen Rechts und die u.a. mit der Hanse nach Osteuropa getragenen mittelalterlichen Stadtrechte umgrenzen das Abendland. Die UN-Charta zum Schutz der Menschenrechte (1948), der Internationale Strafgerichtshof (1998) und viele weitere übernationale Einrichtungen entspringen dieser Quelle. Zwar wird der Rechtsbegriff oft verbogen und mißbraucht, aber die Huldigung, die jeder Staat dem Rechtsbegriff (wenigstens den Worten nach) leistet, beweist, daß das Recht universal als über uns stehend anerkannt wird.[iv]
![]() |
Golgatha: Am Beginn des Abendlands steht Kaiser Konstantin der Große (reg. 306–337, ab 323 als alleiniger Augustus). Mit ihm begann ein neues Zeitalter, das des christlichen Europa, des Abendlands. Konstantin war zwar noch kein Christ. Er wies aber den Weg. [i] Die wichtigste Großtat des Kaisers war wohl die Einberufung des Konzils von Nicäa (325), das die Geschichte des Christentums bis heute prägt. Die von Konstantin der Kirche eingeräumte Sonderstellung erlaubte die Abhaltung von Synoden, auf denen mit Mehrheit über kirchliche Fragen entschieden wurde. Diese parlamentarische Einrichtung begründete die kirchliche Autonomie, die mit dem Zerfall der staatlichen Macht im Westen der Kirche die Eigenverantwortlichkeit in ihren eigenen, aber bald auch Mitsprache in staatlichen Angelegenheiten verschaffte. Damit war die Grundlage für eine Entwicklung des im Abendland entwickelten Parlamentarismus gegeben, aber auch für die abendländische Singularität der übernationalen Doppelspitze Kaiser/Papst über dem christlichen Volk Europas. Im Osten, dem späteren byzantinischen Kaiserreich, gelang es den Kaisern, die Hoheit über die Kirche zu behalten, so daß Staat und Kirche eine verfassungsrechtliche Einheit bildeten, wie im russischen Zarenreich bis 1917.[ii]
Mönche: Das christliche Mönchswesen entstand um 300 n.Chr. in Ägypten. In Monte Cassino, südlich von Rom, entstand mit der Gründung des Benediktinerordens ein völlig anderes Verständnis vom mönchischen Leben, dessen Kurzformel Ora et labora („Bete und arbeite“) mehr als irgend etwas anderes den Geist des Abendlands bezeichnet. In dieser ist der Hauptunterschied zum morgenländischen oder asiatischen Mönchswesen zusammengefaßt. Die von der Benediktinerabtei Cluny in Burgund, hart an der germanisch-romanischen Grenze, ausgehende Klosterreform führte zu einer das ganze Abendland prägenden Neubesinnung auf dessen christliche Grundlagen und wurde über die geistliche Wirkung hinaus zu einem der wichtigsten Grundbausteine unseres Kulturkontinents.
Dome: Auch andere Kulturen und Religionen haben bedeutende Sakralbauten geschaffen. Es gibt aber doch wohl nichts, was den großen europäischen Kirchenbauten an die Seite gestellt werden könnte. Der Kontinent ist davon übersät. Die Kathedralen in Nordfrankreich oder England, in Spanien oder Italien, der Kölner Dom, das Straßburger Münster sind nur Beispiele einer unglaublichen Fülle. Spengler sah in den gotischen Domen ein eigenes abendländisches Raumgefühl, als er von einem steingewordenen Ausdruck einer faustischen Idee schrieb, die mit Urgewalt empor und in die Ferne ziehe, als sollten ihre in den Himmel ragenden Türme Gott zu uns herabzwingen.
Kirchenregiment: Für das Abendland charakteristisch ist die straff auf den Bischof von Rom (= Papst) ausgerichtete, staatsgleiche Anstalt der römischen Kirche. In keiner anderen bekannten Kultur hat es dergleichen gegeben. Die Kirche hat Europa beherrscht und so sehr im Bann gehalten, daß auch ihre als zweifelhaft oder sogar als unwahr erkannten Grundlagen (z.B. die Konstantinische Schenkung) fraglos hingenommen wurden. Der Kampf zwischen Staat und Kirche um den Vorrang, der das gesamte Mittelalter nicht nur im alten Deutschen Reich bestimmte, ist ein typisch abendländisches Phänomen. Aber diese oft unsichtbare Macht reizte Menschen, sich dagegen aufzulehnen, und dürfte ein wichtiger Antrieb für den Aufstieg des Abendlands gewesen sein. Es gab immer wieder Männer, die den Mut zu außerordentlichen und daher von der Kirche verbotenen Gedanken fanden. Das führte immer wieder zu Fragen und Einsichten, die in anderen Weltkulturen nicht in dieser Klarheit behandelt wurden. Bei der Naturbetrachtung führte dieses Denken zu Entdeckungen und Erfindungen, welche die Welt revolutionierten.
![]() |
Kunst und Dichtung: Es gibt kaum einen Gedanken in Wissenschaft, Kunst oder Politik, dessen Wurzel nicht im antiken Griechenland liegt. Das zeigt schon die Menge von griechischen Bezeichnungen und Begriffen in den Wissenschaften (z.B. Physik, Geographie, Theologie, Ökonomie, Kardiologie, Philosophie, Euthanasie, Anthropologie, Philanthropie u.v.a.m.). Die griechische Mythologie und die klassische griechische Literatur sind aus der abendländischen Geisteswelt nicht wegzudenken. Geradezu unzählige Dichtwerke und darin enthaltene Anspielungen behandeln griechische Themen. Über die europäische kulturelle Ausstrahlung in die Welt sind diese auch in außereuropäische Kulturen getragen worden. Das Antigone-Thema des Sophokles, um nur dieses statt vieler zu nennen, wurde dutzende Male gerade auch von außereuropäischen Autoren bearbeitet.[i]
Philosophie: Unser wesentlich auf Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) zurückgehendes Griechenbild („edle Einfalt und stille Größe“) übersieht zwar oft die unschönen Facetten der griechischen Kultur, wie Sklaverei, Entartung der Demokratie, die unentwegten Kriege der Griechen gegeneinander bis hin zum Selbstmord des klassischen Griechenland im Peloponnesischen Krieg (431–404). Aber es überwiegen doch die vielen Gedanken, welche auch der modernen Welt immer wieder die Fragen Immanuel Kants vorlegen: Was ist der Mensch? Was können wir wissen? Was die Griechen vor allem auszeichnete und das Abendland bis heute prägt, ist ihre Philosophie. Themen, welche bereits Platon und dessen Zeitgenossen stellten, durchziehen die abendländische Philosophie bis heute. Von der Stoa gingen die wichtigsten Impulse zur Lebensbewältigung aus. Das gilt auch für den Stoiker auf dem römischen Kaiserthron, Marc Aurel. Dessen im Feldlager bei Wien geschriebene Betrachtungen gehören zu den eindrucksvollsten Werken der Weltliteratur und werden in allen Kultursprachen laufend neu aufgelegt.
Staat und Verfassung: Die Grundzüge des abendländischen Verfassungsverständnisses stammen aus dem klassischen Athen. Wer freilich die Praxis der athenischen Demokratie betrachtet, muß seinen Widerwillen gegenüber dieser Art von Demokratie zügeln. Bösartige Umtriebe neidischer Stimmbürger verfolgten durch das anonyme Scherbengericht (Ostrakismos) immer wieder Männer, die sich um das Vaterland verdient gemacht hatten. Der Prozeß gegen Sokrates ist wohl das berühmteste Beispiel für das in einer Demokratie mögliche Unwesen. Und dennoch! Die athenische Demokratie, in welcher das Volk, d.h. die allein stimmberechtigten Männer, sich der Macht und Arroganz einzelner Menschen entgegenstellt, ist bis heute zum Beispiel für die Welt geworden. Die Grundzüge dieser Demokratie wurden in der berühmten Rede des Perikles auf die Gefallenen des Peloponnesischen Kriegs dargelegt. Diese von Thukydides nachgestaltete Rede ist eines der schönsten Zeugnisse, die aus der Antike auf uns gekommen sind (II, 35 ff.[ii]): „Wir leben in einer Demokratie. Vor dem Gesetz sind alle Bürger gleich. […] Wir gehorchen den jeweiligen Behörden und den Gesetzen, und zwar am treuesten denjenigen, die zum Schutz der ungerecht Behandelten gegeben sind […]. Auch zur Erholung des Geistes von der Arbeit haben wir die besten Vorkehrungen getroffen […]. Unsere Stadt ist jedermann offen […]. Wir lieben die Schönheit und bleiben doch einfach; wir lieben die Weisheit und werden doch nicht weichlich […].“
![]() |
Römischer Imperialismus: Rom ist der dritte Hügel, auf dem nach Theodor Heuß das Abendland ruht. Rom war ein Machtstaat, der vom Beginn seiner uns bekannten Geschichte bis zum Ende praktisch ohne Unterbrechung äußere und Bürgerkriege geführt hat, und zwar mit einer schon die damaligen Zeitgenossen erschreckenden Brutalität. Die drei zur Vernichtung Karthagos geführten Punischen Kriege sind eines der in der Geschichte seltenen Beispiele für mehrere Generationen übergreifende Gehässigkeit, Hinterlist und Vernichtungswillen. Die Eroberung von Gallien kostete etwa eine Million Menschen das Leben, ein Drittel der Bevölkerung. Die Zerstörung der Stadt Korinth im Jahre 146 v.Chr. war militärisch ebenso sinnlos und grausam wie die Zerstörung Dresdens 1945 und hat die damaligen Zeitgenossen ebenso entsetzt. Die Zielstrebigkeit und Härte, mit welcher Rom sein Imperium Romanum aufbaute, findet in der Geschichte kaum eine Parallele.
Das Ergebnis dieser Kriege und Grausamkeiten, das schließlich den ganzen Mittelmeerraum umspannende Römische Reich, wurde dann aber von den Zeitgenossen und der Nachwelt bewundert und geschichtstheologisch überhöht. Rom war das Gefäß, in welches Gott die Botschaft seines Sohns Jesus Christus einfließen ließ. In weltlicher Sicht war Rom die Vollendung der Kultur des Altertums. Rom hat das Abendland in den Bann geschlagen und politisch geprägt – bis zu den Römischen Verträgen (1957), den Gründungsverträgen der europäischen Einigung. Als Vorbild einer endzeitlichen, weltumspannenden Rechts- und Friedensordnung hat es dem Abendland als Rechtfertigung gedient, in die Welt auszugreifen und weltweite Imperien zu bilden.
Römisches Recht: Ein wesentlicher Grund für die fortdauernde Hochachtung vor Rom liegt in dem unter Kaiser Justinian um 525 im „Corpus Iuris Civilis“ (um 525) gesammelten römischen Recht. Um 800 entstand unter Karl dem Großen die Theorie der Translatio imperii, also der Fortexistenz des antiken Imperium Romanum im Kaiserreich des Westens. Dieser Gedanke wurde im 10. Jahrhundert von Kaiser Otto I. dem Großen aufgegriffen und im 12. Jahrhundert von Kaiser Friedrich I. Barabarossa kräftig befördert. Dem römischen Gesetzeswerk wurde, wie zahlreiche Aussprüche belegen, unbedingte Weltgeltung zugesprochen. Der berühmte niederländische Pandektist Johannes Voet schrieb 1723: „Das von Iustinian und Ulpian gelehrte Recht ist das, was die Natur alle Geschöpfe lehrt.“ Der letzte große deutsche Pandektist Heinrich Dernburg sah 1902 im Römischen Recht eines der Grundelemente der Rechtswissenschaft und der menschlichen Kultur.
Auf der Grundlage dieses römischen Reichsrechts steht auch das Werk des Hugo Grotius (1583–1645), „De Iure Belli et Pacis“, aus dem sich das moderne Völkerrecht entwickelte. Das nach 1871 geschaffene und 1900 in Kraft getretene deutsche BGB wurde vom Römischen Recht entscheidend geprägt und ist ein gutes Beispiel für die germanisch-römische Mischkultur. Der Inhalt des BGB ist deutsch, aber die systematische Aufbereitung des Rechtsstoffs ist römisch. Das war offenbar der Grund dafür, daß Japan und China um 1900 die Neuordnung ihres Rechts am deutschen BGB ausrichteten. Fast alle Kodifikationen des Privatrechts nach 1900 folgten dem BGB, und ab 1990 auch die Nachfolgestaaten der Sowjetunion und Rußland selbst.
Schießpulver und Feuerrohr: Europa war um 1300 in fast jeder Hinsicht dem hochzivilisierten Kaiserreich China unterlegen. Seinen Aufstieg verdankt es daher weniger seiner überlegenen Kultur als den in Süddeutschland erfundenen Feuerwaffen. Gegen Kanone und Gewehr waren die Völker in Amerika, Asien und später Afrika völlig wehrlos. Mit wenigen Soldaten, die aber im Besitz von Feuerwaffen waren, haben Cortés das Reich der Azteken und Pizarro das der Inka im Handstreich erobert. Mit Kanonenbooten gelang es den Briten um 1830 in den Opiumkriegen, dem mächtigen chinesischen Kaiserreich schmähliche Niederlagen beizubringen.
Mission: Die drei größten Umbrüche in der europäischen Geschichte sind die Reformation von 1517, die Entdeckung Amerikas 1492 und die Erschließung der Seewege mit der Erdumrundung des Magellan 1525. Diese Ereignisse fanden nicht zufällig ungefähr zur gleichen Zeit und unter demselben Kaiser Karl V. statt. Ihre gemeinsame Wurzel ist das europäische Streben, Grenzen zu sprengen, die geistigen wie auch die geographischen. Karl V. war das Oberhaupt des christlichen Abendlands, und als König von Spanien war er zugleich Herrscher eines weltumspannenden Reichs, in welchem die Sonne nicht unterging. Plus ultra – „Noch weiter“ war sein Wahlspruch.
Die Welt war durch die Erdumrundung des Magellan als endlicher Globus erkannt worden. Der Kaiser war als spanischer König Rex Catholicissimus, „allerkatholischster König“, Herr über alle bekannten und jenseits der Meere neu entdeckten Lande. War diese Machtfülle nicht ein deutliches Anzeichen dafür, daß das christliche Europa den christlichen Glauben und Gottes Weltordnung in alle Welt zu verbreiten gedachte, notfalls auch gegen den Willen widerständiger Eingeborener?
Gott und mein Kattun: Etwas später als Spanien und Portugal griff Frankreich nach der Welt, gründete überseeische Handelsplätze und schuf sich die Anwartschaft auf ein Weltreich. England aber war am erfolgreichsten. Zugrunde lag eine Übersteigerung des abendländischen Triebes plus ultra. Diese Haltung wurde beispielhaft deutlich in der Rektoratsrede des Engländers John Ruskin (1819–1900) von 1870. Dieser las täglich die Bibel und predigte einen grenzenlosen britischen Imperialismus: „England muß, so schnell und so weit es kann, Kolonien gründen mit seinen energischsten und würdigsten Männern, und jedes Stück fruchtbaren Brachlandss an sich reißen, auf das es seinen Fuß setzt, und seine Kolonisten lehren, daß ihre größte Tugend die Treue zu ihrem Land ist, und daß ihr erstes Ziel darin besteht, die Macht Englands zu Lande und zu Wasser zu stärken.“
Hatte England denn nicht schon genug erobert? Im Neuen Testament (Matth 5,5) sagt Jesus: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Die Engländer besaßen ein großes Reich, also waren sie die Sanftmütigen? Und wenn sie das waren, hatten sie dann nicht die von Ruskin genannte Pflicht, noch mehr zu erobern, möglichst das ganze Erdreich? Solche biblischen Begründungen des Imperialismus stoßen heute ab. Aber Völker sind – wie Menschen – leicht davon zu überzeugen, daß das, was zu ihrem Vorteil gerät, auch Gottes Wille sei.
Weißes Rassegefühl: Die biblische Grundierung des westlichen Überlegenheitsgefühls wurde durch ein Rassegefühl ergänzt. Wohl alle Völker sind von ihrer eigenen Vorzüglichkeit überzeugt, aber als politisch wirksam begegnet dieses Gefühl erst im 19. Jahrhundert. Seit dem 18. Jahrhundert hatte sich der Entwicklungsgedanke immer stärker durchgesetzt. Charles Darwin (1809–1882) veröffentlichte 1859 sein epochales Werk; dessen vollständiger Titel deutete bereits eine wertende Abstufung an: „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“ ([…] oder die Erhaltung bevorzugter Rassen im Kampf ums Überleben“). Diese Theorie konnte leicht auf die Menschenrassen übertragen werden. Arthur de Gobineau (1816–1882) gab in seinem „Essai sur l’inégalité des races humaines“ („Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“) 1853 eine philosophisch-spekulative Erklärung für die Überlegenheit der weißen Rasse, wie es etwa bei Jules Ferry (1832–1893) zum Ausdruck kam, als dieser 1885 vor der französischen Nationalversammlung von der „Pflicht der überlegenen Rassen“ sprach, die „minderwertigen“ Rassen zu zivilisieren. In ihrer „Zivilisiertheit“ lag der Kern einer westlichen bzw. abendländischen Identität.
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Westverschiebung und Manifest destiny: Israel hat die Vorstellung gepflegt, Gottes auserwähltes Volk zu sein. Im Bundesvertrag am Sinai versprach es, Gottes Gebote zu halten. Gottes Gegenleistung war, daß Israel sich das Land, da Milch und Honig fließen, greifen dürfe, verbunden mit der Pflicht, die Ureinwohner zu vertreiben (Josua 6,20). Die USA sahen sich aufgrund verschiedener theologischer Fiktionen als die Rechtsnachfolger des abtrünnig gewordenen Volkes Israel. Der von Gott dem Volk Israel verheißene Segen sei nun auf die Amerikaner übergegangen. In der Neuen Welt liege das Gelobte Land, das wirkliche Neue Jerusalem. Die USA, das von Gott neu erwählte Volk, sahen für sich eine große politische Aufgabe; so groß, daß diese nur mit jener Roms verglichen werden konnte. Neben den Symbolen aus dem Alten Testament berufen sich die USA daher auf viele Figuren und Anklänge des Römischen Reichs. Das Regierungsgebäude heißt Kapitol, das Parlament Senat, und mehrere Ortschaften im Staate New York sind nach antiken Städten benannt: Ithaca, Syracuse, Rome und andere.
Der amerikanische Erwähltheitsglaube fand in dem Ausdruck Manifest destiny seine griffige Form. Die USA sahen die missionarische Pflicht, die ihnen von Gott anvertrauten Werte weltweit zu verbreiten. Dieses Sendungsbewußtsein kann geradezu mit einer Überfülle von Einlassungen hochrangiger Politiker und Literaten belegt werden. 1813 schrieb John Adams (1735–1826): „Unsere reine, tugendhafte, dem Gemeinwohl dienende Bundesrepublik wird ewig dauern, die Welt regieren und die Entwicklung des Menschengeschlechts vollenden.“ Und 1912 äußerte der spätere Präsident Wilson in einer Wahlkampfrede: „Wir sind erwählt, wir sind sichtbar auserwählt, den Völkern der Welt zu zeigen, wie sie den Weg zur Freiheit zu gehen haben.“
In unseren Tagen verkündete der Politologe Francis Fukuyama, daß die USA deswegen anders seien als andere Staaten, weil sie „ihre militärische Macht immer weise und gerecht einsetzen, und zwar so, wie es andere Staaten nicht können“
Das Unbehagen an sich selbst: Eine besondere Ausprägung der abendländischen Kultur ist der Utopismus. Anscheinend hat nur das Abendland den utopischen Staat literarisch behandelt und wie im Marxismus versucht, ihn real herbeizuphilosophieren. Am Beginn der antiken und damit abendländischen Staatsrechtslehre stehen Platons Dialog „Politeia“ über den idealen Staat sowie seine Abhandlung „Nomoi“ („Gesetze“). Davon angeregt, hat Cicero in „De re publica“ die Suche nach der besten Staatsform fortgesetzt. Mit der christlichen Jenseitshoffnung (vgl. Offb 21; 22) und der Abhandlung „De civitate dei“ des Augustinus kam ein neues Element hinzu. Der utopische Staatsroman der frühen Neuzeit (Thomas Morus: „Utopia“, 1517; Tommaso Campanella: „Der Sonnenstaat“, 1623; Francis Bacon: „Neu Atlantis“, 1638) war eine Fortsetzung dieser antiken Staatsphilosophie. Der neue Himmel und die neue Erde (Offb 21,1) erforderten aber auch den neuen Menschen. In seiner Vision „Altneuland“ malte Theodor Herzl (1860–1904) die Gesellschaft seines erhofften Judenstaats aus. Dort werde alles neu sein. Gleichberechtigung von Mann und Frau werde sein, der „widerliche Respekt“ vor dem Reichtum werde verschwunden sein (6. Kapitel), zwischen den im neuen Israel lebenden Völkern würden religiöse Toleranz und Harmonie herrschen. Zukunftstheorien münden offenbar immer in sozialistische Bilder, und Sozialismus, die staatlich verordnete Gleichheit, führt zur Guillotine des Robespierre oder zum Terror Stalins. Auch das gehört zum Abendland – die verbohrte und am Ende oft verbrecherische Suche nach dem neuen Menschen in einer erneuerten Welt.
Abendländische Entwicklungen für die Welt: Die Suche nach der besseren Welt, in welcher alles neu und auch der Mensch immer besser werde, kann auch in anderer Weise stattfinden, nämlich in der lebenspraktischen Suche nach Verbesserung der vorhandenen Welt. Vielleicht geht man nicht fehl, den technologischen Aufschwung des Abendlands als das Gegenstück zum beschriebenen Utopismus zu sehen, denn die Grundlagen der modernen Welt sind im Abendland entstanden, und zwar so gut wie alle.[1] Nicht nur Auto, Flugzeug, Fernseher, digitaler Rechner, Durchbrüche in der Medizin und der Weihnachtsbaum. Nur die wichtigsten seien hier erwähnt:
Die wichtigste Entdeckung, die je gemacht wurde, ist wohl die mathematisch unterlegte Entdeckung des heliozentrischen Weltbilds durch Nikolaus Kopernikus (1473–1543). Mehrheitlich wurde seit der Antike das geozentrische oder ptolemäische Weltbild angenommen. Hiernach stehe die Erde fest im Mittelpunkt des Weltalls. Mond, Sonne und die fünf damals bekannten Planeten bewegten sich auf Kreisbahnen um diesen Mittelpunkt. Gelegentliche Gegenstimmen wurden nicht beachtetet, wie etwa der Ausspruch des Leonardo da Vinci (1452–1519): „Die Sonne bewegt sich nicht.“ Kopernikus schrieb: „Im Mittelpunkt des Systems ruht die Sonne […]. Ich habe eine so bewundernswürdige Symmetrie des Universums, eine so harmonische Verbindung der Bahnen finden können, als ich die Weltleuchte, die Sonne, die ganze Familie kreisender Gestirne lenkend, in die Mitte des schönen Naturtempels wie auf einen königlichen Thron gesetzt.“ Kopernikus hat also eine zweifache Entdeckung gemacht: einmal, daß die Erde sich um die Sonne dreht, und – was dann wegen des Tag- und Nachtwechsels daraus zwingend folgt – daß sie sich binnen 24 Stunden einmal um sich selbst dreht. Alles seitherige Denken ist erst frei geworden, seit Kopernikus die Erde aus dem Zentrum der Welt in die untergeordnete Bahn eines einzelnen Sonnensystems verwiesen hat. Das Werk des Kopernikus führte daher wohl zu der größten Revolution in der Entwicklung der Menschheit.
Die Entdeckung der Elektrizität ist mehr als jede andere Fundamentalentdeckung eine europäische Gemeinschaftsleistung. Die Grundlagen der Entwicklung sind aber in Deutschland und England zu suchen. Georg Hartmann aus Nürnberg (1489–1564) befaßte sich mit Fragen des Magnetismus. Er berichtete 1544 erstmals in Europa[2] von der „magnetischen Inklination“. William Gilbert, ein Engländer (1544–1603), erforschte die Eigenschaften magnetischer Erze und die Vis electrica; von ihm stammt der Gebrauch dieses griechischen Worts. Otto von Guericke (1602–1686) baute um 1663 eine drehbare Schwefelkugel, welche Funken erzeugte. Damit hatte er eine primitive Form einer elektrischen Reibungsmaschine erfunden. Der Engländer Francis Hauksbee (um 1666–1713) schuf 1706 eine Elektrisiermaschine. Charles du Fay, ein Franzose (1698–1739), stellte 1733 durch Versuche mit der Reibungselektrizität zwei entgegengesetzte Formen der elektrischen Ladung fest. Diese wurden später von dem Schweizer Leonhard Euler (1707–1783) positive und negative elektrische Ladung genannt. Johann Heinrich Winckler (1703–1770) schrieb 1744 „Gedanken von den Eigenschaften, Wirkungen und Ursachen der Electricität“. Winckler führte Entladungsexperimente mit Leydener Flaschen durch. Er publizierte 1746 als erster die Ansicht, daß der Blitz ein elektrischer Vorgang sei. 1750 erfand der Amerikaner Benjamin Franklin (1706–1790) den Blitzableiter. Winckler vermutete schon 1744 die Möglichkeit, mit Hilfe der Elektrizität Signale übermitteln zu können. Daniel Gralath (1708–1767) war Bürgermeister von Danzig und hatte 1742 dort eine naturforschende Gesellschaft gegründet. „Er machte Versuche, die Kraft zu messen, mit welcher elektrisch geladene Körper aufeinander wirken. Wenn er auch damit keinen praktischen Erfolg erzielte, so ist es doch der erste Versuch, die Elektrizität messend zu erfassen.“[3] Gralath wiederholte 1746 das Experiment der „Kleistschen Flasche“. Er schloß mehrere dieser Flaschen zu einer Art Batterie zusammen, um ihre Wirkung zu verstärken. Das wurde 1780 von dem Italiener Alessandro Volta (1745–1827) zur ersten brauchbaren Batterie erweitert. Das elektrische und später elektronische Zeitalter begann am 11. Oktober 1745, als Ewald Jürgen von Kleist (1700–1748) die Grundform des Kondensators erfand.
Der Gedanke an ein letztes unteilbares Teilchen im Aufbau der Welt, auf Griechisch Atom genannt, stammt, soweit wir wissen, von dem Griechen Demokrit (460–371 v. Chr.). Marie Curie (1897–1956) entdeckte die Radioaktivität und ahnte, daß Atome noch weiter teilbar seien. Otto Hahn gelang 1938 dieser Nachweis durch die Atomspaltung. Das von dem Engländer Higgs postulierte, im europäischen Kernforschungszentrum CERN 2014 nachgewiesene Higgs-Boson ist das vorläufig letzte Glied dieser aus der Antike bis zu uns reichenden abendländischen Entdeckungsreihe der Atomphysik.
Auch außereuropäische Kulturen haben natürlich gesehen, wie sich etwa im Jahreslauf die Natur veränderte, aber es ist nicht erkennbar, daß die Entwicklung als ein Grundphänomen und Naturgesetz erkannt wurde. Insofern gilt für die Evolution etwas ähnliches wie für andere Naturphänomene, wie z.B. die Schwerkraft, welche zwar beobachtet, aber nicht als Naturgesetz erkannt und erforscht wurden. Die Veränderung in der Zeit wird in anderen Kulturen, etwa der chinesischen, nicht als eine auf ein Ziel gerichtete Fortentwicklung gesehen. Für das abendländische Denken ist aber charakteristisch, daß in allem Lebendigen, ob Pflanze, Staatswesen oder Stilepochen, eine Kraft gesehen wird, die zu einem uns meistens noch unbekanntes Ziel führt. Goethe nahm dafür das Wort Entelechie von Aristoteles auf für eine Entwicklung, die alles menschliche Denken und Handeln auf ein Ziel hinlenke. Der Lauf der Welt ist in dieser Sicht keine Welle, die blind über uns niederbricht. Das Leben in allen seinen Formen entwickelt sich, und es ist unser Recht und unsere Aufgabe, an dieser Entwicklung mitzuwirken.
Die systematische Erfassung und Fortbildung des Rechts durch Rechtswissenschaft ist eine der wichtigsten Hinterlassenschaften der römischen Antike. Sie wirkt unmittelbar bis heute nach, und zwar in einer doppelten Art. Einmal als materielles Recht, und dann als formelles oder Prozeßrecht. Materielles Recht ist die Aufbereitung von Ansprüchen und Pflichten, die sich aus Gesetz oder Vertrag ergeben können, z.B. Anspruch auf fehlerfreie Ware. Die Inhalte des materiellen Rechts sind zeit- und kulturübergreifend im wesentlichen nicht sehr unterschiedlich. Die Gesetze selbst der abartigsten Unrechtsstaaten sind in der Regel völlig in Ordnung. Das Problem ist, daß diese schönen Gesetze nicht eingehalten werden. „Machtworte“, die ganze Rechtsbereiche außer Kraft setzen, zeigen, wie fragil der Rechtsstaat letztlich ist.[4] Darum ist das formelle oder Prozeßrecht im Grunde das entscheidende Rechtsgebiet, weil es die Wege vorgibt, wie das materielle Recht durchgesetzt bzw. ein unbegründeter Anspruch abgewehrt wird. Für die europäische Entwicklungspolitik in anderen Kulturen sollte daher besonderes Gewicht auf die Art gelegt werden, wie Rechte durchgesetzt werden.
Musik ist ein universelles Phänomen. Es scheint keine Zeit und keine Kultur ohne Musik gegeben zu haben. Musik ist etwas Intimes, sie berührt die Seele des Menschen unmittelbar. „Musik ist die Kunst, in der sich alle Menschen als Kinder eines Sternes erkennen sollen!“ (Th. Storm) Es ist daher auffällig, daß die abendländische und hier insbesondere die deutsche Musik in den Kulturen Asiens eine so umfangreiche Aufnahme gefunden hat. In der Mitte von Schanghai, vom Verkehr umbrandet, habe ich ein Denkmal von Johann Sebastian Bach gesehen. Es scheint auch kein Land zu geben, in welchem die Musik von Beethoven höher geschätzt wird als in Japan. Der berühmte Schlußchor „An die Freude“ aus Beethovens 9. Sinfonie ist nicht nur zur sogenannten Europahymne geworden. Er scheint auch eine Art Erkennungszeichen eines weltweiten Friedenswillens zu sein. Die weltweite Verbreitung der abendländischen Musik ist daher vielleicht das schönste Hoffnungszeichen dafür, daß die Menschheit im Grunde doch gleichgestimmt ist. Sie wartet vielleicht nur auf den Taktstock, der sie zum Gleichklang bringt. Es könnte doch sein, daß das Abendland seine Kanonen von ehedem mit einem solchen Taktstock vertauscht. Wir Abendländler haben viel geleistet und werden, so Gott will, noch vieles für die Wohlfahrt der Welt leisten.
Der 28. Juni 1914, der Tag des Mordes von Sarajewo, dürfte das erste gemeinsame Geschichtsdatum der Menschheit sein als der Tag, an dem die Weichen für den Ersten Weltkrieg gestellt wurden – und damit auch für den wahrhaft weltumspannenden Zweiten Weltkrieg. Am Ersten Weltkrieg nahmen insgesamt 38 Staaten teil, zusammen mit deren Kolonien waren damit zwei Drittel der Weltbevölkerung vom Krieg betroffen. Im Zweiten Weltkrieg waren es mehr als 60 Staaten. Mehr als 100 Millionen Menschen trugen Waffen. Der Tag von Sarajewo war damit der erste Tag, an welchem für die ganze Welt ein gemeinsames Schicksal begann. Seither hat die Menschheit eine gemeinsame Geschichte.
Der englische Publizist Douglas Murray hat 2017 in seinem Buch „Der Selbstmord Europas“ geäußert, daß die europäische Zivilisation nicht überleben werde. Vor allem, weil Europa das Vertrauen zu sich selbst verloren habe. Der Franzose Michel Houellebecq schrieb in seinem Roman „Unterwerfung“ 2015 das Gleiche. Vielleicht stimmt das. Beide Bücher haben erheblichen Widerhall gefunden. Auch das spricht für die Befürchtung. Unabwendbar ist das aber nicht. Ein Mann, dem ein solches Schicksal widerfahren war, schrieb, daß mehr Schiffbrüchige aus Panik, Angst und Verzweiflung ums Leben kämen als aus zwingender physischer Not.[5] Zukunft ist kein unabwendbares Schicksal.
Vielleicht müssen wir Europäer aber einen Strich unter unsere abendländische Mission ziehen. Keinen Schlußstrich, sondern einen, der die Summanden zu einer Summe zusammenführt. Das Abendland hat auf die vorhersehbare Zukunft der Weltkultur den denkbar größten Einfluß ausgeübt. Wenn von einem Ende des Abendlands die Rede sein muß, dann nicht als Untergang, sondern als Metamorphose der abendländischen Kultur – indem nämlich die Welt schon zum Abendland geworden ist und weiter wird.
[1] Vgl. Menno Aden: Kulturgeschichte der großen deutschen Erfindungen und Entdeckungen, Paderborn 2019.
[2] Dieses Phänomen scheint aber schon den Chinesen und frühen Seefahrern aufgefallen zu sein.
[3] Adolf Wißner: „Gralath, Daniel der Ältere“; in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 736 f.
[4] Vgl. in bezug auf die deutsche NS-Zeit Menno Aden: Franz Schlegelberger. Staatssekretär im Reichsjustizministerium 1931–1942, Nordhausen 2020, S. 95.
[5] Vgl. Hannes Lindemann: Allein über den Ozean, Hamburg 1979, S. 66 (in bezug auf eine Atlantiküberquerung im Faltboot).