![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Er ist gefragter Gast in deutschen Leitmedien, allen voran bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und ihren beliebten Talk-Shows. Immer wieder muß er sich hartnäckigen Fragen der Moderatoren und Diskussionsgäste stellen, wie er als jüdischer Bürger in Deutschland es sich erlauben kann, sich an führender Stelle in einer allgemein als rechtsextrem und antisemitisch eingestuften Partei, der „Alternative für Deutschland“ (AfD), zu engagieren. Dabei rückt er Fehlurteile über die AfD wortgewandt zurecht und erklärt überzeugend, warum für Juden in Deutschland und Europa die zentrale Gefahr nicht vom skurrilen Rest versprengter Alt- und/oder Neonazis ausgeht, sondern von den immer aggressiver auftretenden radikalen Muslimen, die inzwischen Juden auf offener Straße tätlich angreifen und in erschreckender Weise mit antisemitischen und israelfeindlichen Hetzparolen in deutschen Städten zu sehen sind. – Halt! Genug der Irreführung! Diese Sätze sind natürlich erfunden. Denn: Eine solche, an sich naheliegende und notwendige Diskussion findet in unseren Mainstreammedien nicht statt. Sie darf nicht stattfinden. Vom wem hier allerdings die Rede ist, den gibt es tatsächlich. Es ist der junge Germanist Artur Abramovych, der 1998 im Alter von zwei Jahren aus der Ukraine nach Deutschland einwanderte. Er zählt zu den interessantesten Köpfen unter den jüdischen Intellektuellen hierzulande und bekleidet seit Juni 2021 das Amt des Vorsitzenden der „Juden in der AfD“ (JAfD).
Mit Artur Abramovych sprach Bernd Kallina
Beginnen wir philosophisch: „Wenn alle applaudieren und loben, dann muß man prüfen“, so Konfuzius vor zweieinhalbtausend Jahren, und weiter: „Wenn alle verurteilen und verdammen, dann muß man prüfen.“ Herr Abramovych, wie aktuell wirken diese uralten Aussagen heute auf Sie?
Sehr aktuell! Die Chinesen sind ein äußerst kollektivistisches Volk, und gerade dort dürften diese Aussagen ins Schwarze treffen. Auch die Deutschen haben im Verlauf ihrer Geschichte trotz größter Leistungen auf dem Feld des Individualismus leider immer wieder Rückfälle in den Kollektivismus gehabt, wo sie danach trachteten, alle einer Meinung zu sein und keine Streitkultur zuließen. Einen solchen Rückfall beobachten wir – leider – auch jetzt, in dieser Spätphase der Bundesrepublik. Der Gerechtigkeit halber sollte man allerdings nicht unerwähnt lassen, daß aufgrund der Charakteristika der Massendemokratie beinahe der gesamte Westen von diesem Phänomen erfaßt wird.
Sie sind seit 2021 Vorsitzender der „Bundesvereinigung Juden in der AfD“. Wie können Sie sich als Jude in dieser Partei so exponiert betätigen, wo doch nahezu das gesamte bundesdeutsche Establishment – von den Leitmedien bis hin zum Inlandsgeheimdienst – die AfD als mehr oder weniger rechtsextrem und damit auch als antisemitisch einstuft?
Als ich der AfD 2017 beitrat, wurden wir bereits diffamiert; wie sehr sich die soziale Ächtung späterhin, insbesondere nach den vermeintlichen „Hetzjagden“ in Chemnitz, radikalisieren würde, konnten wir damals allerdings kaum ahnen. Es herrschte damals eine euphorische Aufbruchstimmung in der Partei. Inzwischen ist sie weitgehend dem Zynismus gewichen. Man gewöhnt sich an alles. Zustimmung erfährt man als rechter deutscher Jude vornehmlich aus Israel, denn dort ist die ganz überwiegende Mehrheit der Bevölkerung rechts und bezeichnet sich zudem ohne Umschweife so. Daß der Bruder des israelischen Premierministers, der Schriftsteller Iddo Netanjahu, mich als Übersetzer seiner Satire „Itamar K.“ ausgesucht hat, tröstet mich mehr als hinweg über den Umstand, daß ich hierzulande geächtet werde wie alle übrigen AfDler auch.
Je länger das Dritte Reich zurückliegt, desto mehr ragen seine Schatten in der Gegenwart. Oder, um mit Henryk M. Broder den Satz zu ergänzen, „desto mehr Planstellen wirft es ab“. Diese und ähnliche kritischen Einwände gegen die deutsche NS-Vergangenheitsbewältigung gibt es zuhauf. Bereits Armin Mohler wies in den 1960er Jahren in seinem Buch „Vergangenheitsbewältigung. Von der Läuterung zur Manipulation“ darauf hin. Auch Ernst Nolte („Vergangenheit, die nicht vergeht“) oder Martin Walser in seiner Friedenspreisrede 1998 in der Frankfurter Paulskirche führten vor allem die manipulative Instrumentalisierung dieser Vergangenheitsbewältigung für gegenwärtige Zwecke als wesentliche Punkte des allgemeinen Unbehagens an. Wie sehen Sie diese Zusammenhänge?
Auch ich sehe die Absurditäten der sogenannten Erinnerungskultur. Der Charakterisierung des Holocaustmahnmals in Berlin als „Kranzabwurfstelle“ (der vorerwähnte Martin Walser) kann ich mich anschließen. Die deutsche Unheilsgeschichte verkommt einerseits zur Folklore (man sehe sich nur die ganzen Selfies schießenden Touristen am Mahnmal an), andererseits zum Instrument im „Kampf gegen rechts“ – obwohl die heutige deutsche Rechte nichts weiter als die auch grundgesetzlich verbriefte Entität des deutschen Volks will und sich keineswegs anschickt, einen ganz Europa überziehenden Rassenkrieg anzuzetteln.
Bleiben wir bei der offiziösen Erinnerungskultur. Dazu ein Zitat: „In der ganzen Weltgeschichte gibt es keinen Präzedenzfall von einer Nation, die Mahnmäler errichtet zur Verewigung ihrer eigenen Schande.“ Die Aussage stammt allerdings nicht – wie reflexhaft zu vermuten wäre – vom zum Nazigespenst aufgeblasenen Björn Höcke, dem AfD-Chef in Thüringen, der sich fast wörtlich ähnlich äußerte, sondern von Avi Primor, dem ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland, getätigt 2005 anläßlich der Eröffnung des Holocaustmahnmals in Berlin. Was signalisiert Ihnen der Vergleich Höcke/Primor?
Er zeigt, daß in der linksliberalen Gesellschaft die Bewertung einer Diagnose nicht von ihrem Wahrheitsgehalt, sondern allein von der Sprecherposition abhängt. So ist es ja auch ohne weiteres möglich, die Existenz einer „Umvolkung“ öffentlich zu konstatieren, solange man diese explizit begrüßt (vgl. Katrin Göring-Eckhart von Bündnis 90/Die Grünen), während man im Nachgang zu einer gleichlautenden Diagnose als Verschwörungstheoretiker diffamiert wird, falls man es wagt, diese Entwicklung zu kritisieren. Avi Primor war einer jener linken Funktionäre im israelischen Außenministerium, die sich durch ihre Seilschaften auch dann noch halten konnten, als Linke längst nicht mehr an die Spitze des Ministeriums gelangten. Ich bin sehr froh, daß es mit Ron Prosor seit kurzem endlich einen israelischen Botschafter in Deutschland gibt, dessen Ansichten mit denen der israelischen Regierung übereinstimmen.
Interessant, wenn auch kaum bekannt, ist ein Richtungsstreit in der berühmten Frankfurter Schule zur angesprochenen Problematik. Deren führende Akteure, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, hatten sich schon sehr früh Gedanken darüber gemacht, wie sich eine Singularisierung der Vergangenheitsbewältigung mit verheerenden Folgen für die kollektive Psyche der Deutschen auswirken würde. Horkheimer plädierte deswegen gegen Adorno dafür, die Massenverbrechen des NS-Regimes in die universelle Leidensgeschichte der Menschheit einzuordnen. Dazu kam es allerdings nicht. Mit welchen Folgen?[1]
Ich bin mit dem Denken der Frankfurter Schule nur recht anekdotisch vertraut, vor allem durch Thomas Manns „Doktor Faustus“ und durch die Lektüre der Zeitschrift „Bahamas“. Aus jüdischer Sicht stellt die Schoah nur im Hinblick auf ihre Quantität eine Ausnahmeerscheinung dar, nicht aber im Hinblick auf die Qualität. Gerade ein religiöser und/oder Nationaljude wird argumentieren, daß die Täter in diesem Fall austauschbar und daß die Deutschen keineswegs das Tätervolk par excellence seien. In der heutigen deutschen Erinnerungskultur wird auch konsequent unterschlagen, daß etwa das wilhelminische Kaiserreich weit judenfreundlicher war als die zeitgleich bestehende Dritte Französische Republik, und daß die Deutschen bis mindestens 1914 überhaupt das wohl judenfreundlichste Volk Europas waren. Unterschlagen werden diese Umstände, weil sich die deutsche Geschichte andernfalls nicht als geradewegs und alternativlos auf Auschwitz als Fluchtpunkt zulaufend darstellen ließe. Diese Darstellung ist für die Vergangenheitsbewältiger aber überlebensnotwendig, denn sie sichert ihnen die zahlreichen staatlich bezahlten Pöstchen.
Schlagen wir eine Brücke zur Gegenwart: Jahrzehntelang galt seitens der deutschen Funktionseliten die Parole „Nie wieder“ und/oder „Antisemitismus hat in Deutschland keinen Platz“. Spätestens im Gefolge der Mordorgie der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 hat sich das Blatt in bestürzender Weise gewendet. Offener Judenhaß auf deutschen Straßen, tätliche Angriffe auf jüdische Landsleute sind erstmals wieder zu vernehmen. Offenbar haben jahrzehntelange politische Bildungsbemühungen in Form von Gedenkritualen, KZ-Besuchen von Jugendgruppen, Einrichtungen zur Antisemitismusforschung und Installation von Antisemitismusbeauftragten zuwenig bewirkt. Was ist da schiefgelaufen?
Die von Ihnen erwähnten „Bildungsbemühungen“ haben sich erstens nur auf die seinerzeit um Assimilation und Anerkennung ringenden, wehrlosen, nunmehr toten Juden konzentriert. Der Israeli hingegen ist ein ganz anders gearteter Typus Jude, nämlich wehrhaft und selbstsicher, ja aus heutiger westeuropäischer Sicht sogar teilweise brutal (wenn es die Umstände erfordern). Daher rührt der Umstand, daß man insbesondere unter Linken zuhauf solche antrifft, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Opfer der Schoah beweinen, aber Israel zugleich Völkermord vorwerfen und Verständnis aufbringen für islamistische Schlächter. Aus Sicht vieler Vergangenheitsbewältiger sind die Juden inzwischen gleichsam auf die dunkle Seite der Macht gewechselt, weswegen sie auch keinen Sinnzusammenhang zwischen der Schoah und der Existenz Israels herstellen. Darüber hinaus wurden fragliche „Bildungsbemühungen“ vornehmlich an ethnischen Deutschen unternommen, während der heutige Antisemitismus ganz überwiegend von solchen ausgeht, die „noch nicht so lange hier leben“, wie die Altkanzlerin Merkel es so schön formuliert hat. Es verwundert daher nicht, daß ausgerechnet hier der islamische Judenhaß derart ungehindert ausbricht. Die weitgehend ausbleibenden Reaktionen der Altparteien sind aber natürlich auch dem Umstand zuzuschreiben, daß die Gruppe der muslimischen Staatsbürger durch Einbürgerungen und Geburtenraten rasant anwächst und daher eine zunehmend relevante Wählergruppe geworden ist, die man für sich gewinnen will.
Sie leben in Berlin. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit Antisemitismus gemacht? Wurden Sie schon verbal oder körperlich bedroht und angegriffen?
Ich bin auf der Straße nicht als Jude erkennbar, denn nach dem Gebet nehme ich die Kippa beim Verlassen der Synagoge umgehend wieder ab. Als Juden erkennbar sind allerdings orthodoxe Rabbiner. Und mir ist kein einziger orthodoxer Rabbiner in Deutschland bekannt, der nicht schon attackiert worden wäre, zum Teil mit lebensbedrohlichen Folgen, wie Zalman Gurevitch in Frankfurt am Main. Natürlich handelt es sich bei den Tätern keineswegs um ethnische Deutsche, die der Vergangenheitsbewältigung entronnen sind, sondern um Muslime.
Jahrzehntelang galt Antisemitismus als fast ausschließlich „von rechts“ kommend. Antisemiten konnten nur Nazis, Neonazis oder Rechtsextreme sein. Allmählich weitet sich der offizielle Blick auf die realen Gefahren für jüdisches Leben in Deutschland. Ein Blick nach Frankreich erweist sich dabei als hilfreich. Die exklusive Feindfixierung gegen rechts, übrigens auch vom Zentralrat der Juden praktiziert, scheint zu bröckeln. Schnell genug?
Sie scheint zwar tatsächlich zu bröckeln. Ein verhältnismäßig gutes Omen ist etwa die neue Personalie an der Spitze der vom Zentralrat der Juden herausgegebenen Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“, Philipp Peyman Engel. Allerdings sollte man sich nicht zu früh freuen. Man muß wissen, daß das institutionalisierte Judentum in Deutschland, wie auch die Amtskirchen, fast durchweg staatlich alimentiert ist. Und als Zentralratspräsident Josef Schuster 2015 in einem seiner raren lichten Augenblicke eine „Obergrenze“ für Migranten gefordert hatte, beugte er sich danach umgehend dem Druck der Regierung und der Presse und distanzierte sich von sich selbst. Aufgrund der völlig undemokratischen Struktur des Zentralrats ist auch keinerlei Besserung in Sicht. Folge: Die Stimmung in den Gemeinden spiegelt sich wegen des mehrfach abgestuften Delegiertensystems kaum im Zentralratspräsidium wider.
Und die nicht staatlich finanzierten jüdischen Organisationen? Welche Rolle spielen die?
Es gibt sie kaum. Als Ausnahmen wären nur zu nennen die von Rafael Korenzecher ins Leben gerufene „Jüdische Rundschau“, sie ist die einzige unabhängige jüdische Zeitung hierzulande, sowie die orthodoxe Strömung Chabad Lubawitsch, die inzwischen rund 20 Gemeinden bundesweit unterhält und hauptsächlich spendenfinanziert ist. Beide Organisationen haben sich dem hysterischen Aufruf des Zentralrats gegen die AfD (entstanden in Reaktion auf die Gründung der „Juden in der AfD“) nicht angeschlossen.
Herr Abramovych, bereits 2017 hat der weltberühmte Modezar Karl Lagerfeld im französischen Fernsehen einen zugespitzten Angriff auf die deutsche „Flüchtlingskanzlerin“ Merkel geritten. Sie ermöglichte ja eine illegale Massenmigration gerade aus muslimischen Ländern. O-Ton Lagerfeld: „Wir können nicht Millionen von Juden töten und Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen!“ War dieser Angriff überzogen?
Nein, keineswegs. Lagerfeld hat ja nur auf die von mir bereits weiter oben angesprochene Diskrepanz der politischen Linken im Verhältnis zu toten bzw. lebenden Juden verwiesen. Daß diese Kritik von einer äußerst prominenten und politisch zuvor unverdächtigen „Person des öffentlichen Lebens“ geäußert wurde, war von großem Vorteil. Allerdings wird sie, außer seitens der politischen Rechten, kaum zitiert.
Sie als deutsch-jüdischer Literaturwissenschaftler ukrainischer Herkunft wären doch wegen Ihres für viele Bürger erklärungsbedürftigen AfD-Engagements ein höchst interessanter Gast in den meinungsbildenden Talk-Shows des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie wurden allerdings noch nie in den Diskussionsforen bei Markus Lanz, Anne Will, Sandra Maischberger oder Caren Miosga gesehen. Oder haben wir da eine Sendung mit Ihnen verpaßt?
Sie haben nichts verpaßt, denn ich habe derartige Einladungen nie erhalten. „Spiegel-TV“ hat vor Jahren einmal eine Reportage über die „Juden in der AfD“ gedreht, in der mitunter ich zu Wort kam; allerdings wurden wir darin erwartungsgemäß als völlige Spinner dargestellt, es gab kaum O-Töne, dafür umso mehr Stimme aus dem Off. Unlängst hat mich ein freier Mitarbeiter eines großen (ehemals konservativen) deutschen Presseerzeugnisses kontaktiert, ebenfalls Jude und der AfD nicht feindlich gesonnen. Er wollte ein Interview mit mir führen und zeigte sich zuversichtlich, daß die Chefredaktion ihn schon machen lassen würde. Allerdings hatte er sich getäuscht. Ich bin dergleichen plötzliche Absagen bereits gewohnt. Man muß sich damit abfinden, daß in diesem Land Pressefreiheit nur für bestimmte Presseorgane besteht.
Wie erklären Sie sich diese Scheu, Sie als Diskussionspartner in den „herrschaftsfreien Diskurs“ à la Jürgen Habermas einzubeziehen? In den „rationalen Dialog mündiger Bürger“, wie sich das Konzept von Politischer Bildung in der alten Bundesrepublik nannte?
Jürgen Habermas, dieser „Diskurslinienrichter“, wie ihn Michael Klonovsky treffend nannte, ist selbst das beste Beispiel dafür, daß die notorischen bundesrepublikanischen Pluralismusbefürworter tatsächlich keineswegs an einem echten Meinungspluralismus interessiert sind. Ich halte es da eher mit Maschke, demzufolge die Bundesrepublik jenes Land ist, wo „jeder zum Verfassungsfeind seines Nächsten werden kann“. Und mit Verfassungsfeinden diskutiert man bekanntlich nicht, denn „Haß ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“.
Vera Kosova, Ihre Amtsvorgängerin bei den „Juden in der AfD“ sah im Wunsch der AfD danach, daß Deutschland wieder eine selbstbewußte Nation werden möge, überhaupt keinen Widerspruch zu jüdischen Interessen. Sehen Sie das auch so, und auf welche positiven Traditionen deutsch-jüdischer Beziehungen sollte dabei in erster Linie zurückgriffen werden?
Wenn ich mich recht entsinne, stammt diese Äußerung sogar ursprünglich von mir. Zu jener Zeit beschäftigte ich mich eingehend mit dem preußisch-jüdischen Geistesgeschichtler Hans-Joachim Schoeps, der meines Erachtens leider viel zu unbekannt ist. Anläßlich seines 40. Todestags schrieb ich für die Zeitschrift „Cato“ ein Porträt. Sehr empfehlenswert ist auch eine ganze Reihe nationaljüdischer Denker, auf die Friedrich Nietzsche eminenten Einfluß genommen hat. Die Forschung subsumiert dieses Phänomen als „jüdischen Nietzscheanismus“. Theodor Lessings Kulturkritik legt eindrücklich Zeugnis davon ab. Allerdings muß man gar nicht so weit in die Geschichte zurückblicken. Es kommt nämlich hinzu, daß Deutschland aus israelischer Sicht eine Nation wie andere europäische Nationen auch ist, und zwar ein potentieller Partner im Kampf gegen den radikalen Islam (solange es nicht von islamophilen Linken regiert wird). Der vielbeschworene „Rechtsruck“ in Europa wird künftig unzweifelhaft zu besseren Beziehungen zwischen Israel und den europäischen Nationen beitragen – und Deutschland wird da keine Ausnahme bilden.
Der von Ihnen übersetzte Roman Iddo Netanjahus, „Itamar K.“, ist eine Satire auf den linken Kulturbetrieb Israels in den 1990er Jahren. Inwiefern ist der Roman für heutige Deutsche interessant?
Der Grund, aus dem ich diesen bereits 1998 erschienenen Roman übersetzt habe, besteht – neben dem grandiosen Humor des Autors – vor allem darin, daß er aufs heutige Deutschland wie die Faust aufs Auge paßt. Die lächerlich prätentiösen Kulturschaffenden, die Netanjahu darin aufs Korn nimmt, haben eine wirklich frappante Ähnlichkeit mit den entsprechenden Pendants hierzulande. Sie stellen sich als demokratisch und tolerant dar, sind dabei aber höchst unduldsam und darüber hinaus von Selbsthaß zerfressen. Sie idealisieren das Fremde, weil sie das Eigene hassen. Glücklicherweise ist der Roman in Israel nur noch bedingt aktuell, da die darin beschriebene kulturelle Hegemonie der Linken inzwischen zusammengebrochen ist. Es bleibt zu hoffen, daß sie in Deutschland auch noch bricht.
Herr Abramovych, vielen Dank für dieses Gespräch!
[1] Zu diesem Vorgang vgl. Clemens Albrecht, Günter C. Behrmann, Michael Bock, Harald Homann u. Friedrich H. Tenbruck: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt a.M. u. New York 1999.