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Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, soll den Osten Deutschlands nicht gemocht haben. „Hinter Kassel“, so wird er zitiert, „beginnt die Walachei, und wenn ich bei Magdeburg in die norddeutsche Tiefebene komme, beginnt für mich Asien.“[i] Das erinnert an das Metternich zugeschriebene Wort: „Asien fängt auf der Landstraße an“, also auf der Wiener Ausfallstraße in Richtung Osten. Beide Aussprüche drücken ein westliches Überlegenheitsgefühl gegenüber Osteuropa aus, vermischt mit einer Art Gruseln.
Von Dr. Menno Aden
Der Osten ist anders! Die ehemalige Zonengrenze, die Deutschland und Europa teilte, war fast identisch mit der Ostgrenze des Deutschen Reichs, bevor im 10. Jahrhundert die deutsche Ostkolonisation voll einsetzte. Bei Helmstedt verflacht die liebliche deutsche Mittelgebirgslandschaft zu einer Ebene, die sich ohne wesentliche Erhebungen über Rußland und Sibirien bis zum Pazifik erstreckt. Diese Weite macht auch Angst und läßt fragen, was die Russen, die dort wohnen, für ein Volk sind, und welche uns immer noch weithin unbekannten Völkerschaften sich in diesen Weiten tummeln.[ii] Der Krieg, den Rußland seit 2022 gegen die Ukraine führt, hat dieses ohnehin unklare Bild des Westens weiter verwischt. Gehört Rußland eigentlich zu Europa und zum Abendland? Diese Fragen werden auch in Rußland selbst gestellt. Sie wurden dem Fürsten Wladimir I. gleichsam ins Taufkleid gestickt, als er sich im Jahre 988 taufen ließ und sein Volk in die Reihe der fortschrittlichen christlichen Völker einführte. Zwei Meinungen stehen einander seit jeher gegenüber: Die Westler sehen Rußland als Teil der westlichen Kulturgemeinschaft, die Slawophilen pochen in unterschiedlicher Lautstärke auf die kulturelle Eigenständigkeit aller Slawen unter der Führung Rußlands.[iii]
Im folgenden soll die Meinung begründet werden: Rußland gehört zu Europa. Seine kulturellen Leistungen stehen keinem europäischen Volk nach. Mehr noch: Das Abendland wäre ohne Rußland kaum denkbar.
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Wie in dem Artikel „Konstantin der Große“ („Abendland“ II/23) dargelegt, wurde um 300 unter Diokletian das römische Reich verwaltungsmäßig praktisch halbiert. Der lateinische Westen entwickelte sich zum Abendland, der griechische Osten zum byzantinischen Reich. Der kulturelle Bezugspunkt des Westens war Rom, der des Ostens das von Konstantin gebaute zweite Rom, die neue Hauptstadt Konstantinopel. In dieser Folge sollte später in Rußland der Gedanke aufkommen, daß Moskau als das dritte Rom eine besondere geschichtliche Sendung habe. Westen und Osten hatten seit Konstantin das Christentum als Staatsreligion angenommen. Das gemeinsame Glaubensbekenntnis war und ist das 451 beschlossene Nicäno-Konstantinopolitanum. Die Völker des Westens folgten aber der lateinischen Kirche mit dem Papst in Rom an der Spitze, die des Ostens folgten den Formen der griechischen Kirche. Deren Oberhaupt war kein Papst, sondern ein dem Kaiser verantwortlicher Patriarch. In Abkehr von dem als abtrünnig empfundenen Westen nannte sich die griechische Kirche „orthodox“, also „rechtgläubig“, auf Russisch „prawoslawnij“. In der Entwicklung kam es zu weiteren autokephalen, also keinem anderen als dem eigenen Patriarchen unterstehenden Kirchen in Serbien, Rumänien und Bulgarien, was hier nicht zu vertiefen ist. Die Entwicklung des christlichen Ostens vollzog sich im wesentlichen wie im christlichen Westen. Der Boden für die Einführung des Christentums war durch Wandermönche vorbereitet worden. Im Westen waren es die iro-schottischen Mönche, die seit dem 6. Jahrhundert namentlich Süddeutschland missionierten. Im Osten waren es die aus Thessaloniki stammenden Brüder Kyrill (827–869) und Method (815–885), die mit der christlichen Botschaft auch die Kultur christlicher Staaten verbreiteten. Die Taufe der Häuptlinge zog den jeweiligen Stamm mit, und Schritt für Schritt entstand der christliche Kosmos des Abendlands. Ähnlich bei den Slawen im Osten: Schon 944 scheint es unter der germanischen Führungsschicht in Kiew eine christliche Gemeinde gegeben zu haben. 955 wurde Olga, die Großmutter von Fürst Wladimir I., getauft, und 988 hat dieser selbst Gott und Christus erkannt und die Taufe empfangen.[i]
Die Gründung von Fürstentümern bzw. Königreichen im Westen durch die germanischen Franken, Goten, Vandalen, Burgunder usw. findet im Osten ihre Entsprechung in der Gründung von Fürstentümern und Herrschaften durch die germanischen Waräger bzw. Rurikiden.[ii] Festere staatliche Strukturen entstanden hier wie dort erst mit der Einwurzelung des Christentums und dem damit verbundenen Eintritt in den durch Rom bzw. Konstantinopel repräsentierten Kulturraum. Die Taufe von Wladimir I. entspricht daher der Taufe der Frankenhäuptlings Chlodwig im Jahre 495 oder der des Sachsenhäuptlings Widukind 785, wodurch ihre Stämme christlich wurden. Auch die Taufe des litauischen Fürsten Jagiello 1386 ist hier zu nennen. Diese hatte für Osteuropa bis in den heutigen Ukrainekrieg nachwirkende Bedeutung. Litauen reichte damals praktisch von der Ostsee bis ans Schwarze Meer und umfaßte die (westliche) Ukraine. Litauen nahm nicht das griechisch-orthodoxe Christentum, sondern, wie Polen, das lateinische Christentum an. Religiös blieben Litauen und die westliche Ukraine katholisch und waren daher später, als sie unter russischer Herrschaft standen, ein konfessioneller Fremdkörper im Zarenreich.
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Die russische Geschichte beginnt mit der Kiewer Rus. Deren Frühzeit wird in der Nestorchronik (12. Jahrhundert) wie folgt erzählt:
„Im Jahre 63701 [= 862 n.Chr.] begannen die Slawen, sich selbst zu regieren. Und es gab unter ihnen kein Recht, und Sippe stand auf gegen Sippe, und sie begannen wider einander zu kämpfen. Und sie sprachen zueinander: ‚Wir wollen uns einen Fürsten suchen, der über uns herrsche und gerecht richte.‘ Sie kamen zu der Rus und sprachen: ‚Unser Land ist groß und reich, doch es ist keine Ordnung in ihm; so kommt über uns herrschen und gebieten.‘ Drei Brüder wurden erwählt samt ihren Sippen, nahmen alle Rus mit sich und kamen. Rurik, der ältere, ließ sich in Nowgorod nieder, und nach diesem wurde das Land um Nowgorod ‚Rus‘ genannt.“
Diese Gründungssage ähnelt sehr der Gründungssage Englands durch den Benediktiner Beda, wonach die von den Schotten bedrängten kriegsentwöhnten Briten die kriegstüchtigen Sachsen Norddeutschlands baten, ihnen zu helfen.2 Die Nestorchronik ist keine historische Quelle. Sie ist aber wie das Igorlied (12. Jahrhundert) Beispiel einer verhältnismäßig hochentwickelten Literatur, etwa von der Art unseres Nibelungenlieds (um 1200). Diese Feststellung ist wichtig, um das Ausmaß des Kulturabbruchs infolge der mongolischen Eroberung ermessen zu können. Während im Abendland auf die Phase des Heldenepos die des Minnesangs und die weitere literarische Entwicklung im wesentlichen bruchlos folgen konnten, wurde der um 1200 praktisch auf dem gleichen Rang stehenden russischen Literatur gleichsam die Schreibhand abgehackt.
Sicheren Grund bekam die russische Geschichte erst ab dem Kiewer Großfürsten Wladimir I. (960–1015). Wie unter den Nachkommen des Chlodwig das Frankenreich als neue Großmacht im Westen entstand, so entstand nach Wladimir I. aus den Teilfürstentümern der Rurikiden die Kiewer Rus. Deren Ausdehnung von Nowgorod im Norden bis Kiew stellte schon damals das Deutsche Reich, das größte Reich im Westen, in den Schatten. Wie die germanische Sprache der Franken sich bald in der lateinischen Volkssprache Galliens verlor, so verschwand auch die germanische Sprache der Rurikiden in der slawischen Sprache der Mehrheitsbevölkerung. Ähnlich wie im Westen das Abendland aus einem Amalgam antiker Kultur mit der noch unentwickelten Kultur der Germanen entstand, so entstand im Osten aus der Mischung von noch unterentwickelten Slawen mit der hochentwickelten byzantinischen Kultur etwas Neues, die russische Kultur.
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Europa war nicht so sehr durch die Einheit der Völker oder Sprachgruppen gekennzeichnet, sondern durch das gemeinsame Bekenntnis zum Christentum. Die fehlende Taufe war eine unübersteigbare Mauer für Eheschließungen. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß eine legitime Ehe mit legitimer Nachfolge und Erbschaft nur möglich war, wenn beide Eltern getauft waren. Die vom Fürsten Jagiello von Litauern der jungen polnischen Königin Hedwig (Jadwiga) angebotene Eheschließung war für Polen von enormem politischen Vorteil. Aber sie konnte erst stattfinden, nachdem Jagiello sich hatte taufen lassen. Unbedenklich dagegen war, wenn der Partner griechisch-orthodoxen Glaubens war. Otto der Große verheiratete daher ohne Bedenken seinen Sohn und Nachfolger Otto II. mit einer Nichte des byzantinischen Kaisers.
Mit der Christianisierung Ost- und Südosteuropas suchten die einheimischen Fürsten den Einstieg in die christliche Kultur daher oft über eheliche Verbindungen mit abendländischen, häufig deutschen Fürstenhäusern. So heiratete der erste König von Ungarn, Stefan, der wegen seiner 985 erfolgten Taufe der Heilige heißt, die Schwester des deutschen Kaisers Heinrich II. Ähnlich wurde in der Kiewer Rus Wladimirs Nachfolger Swjatopolk (gest. 1019) der Schwiegersohn von Boleslaw Chrobry (965–1025) von Polen, dessen Vater Mieszko 966 die Taufe empfangen hatte. Der dänische König Waldemar I. der Große (1131–1182) trug seinen Namen nach dem Großvater seiner aus Kiew stammenden Mutter, Wladimir II., genannt Monomach (1053–1125), der als Fürst von Smolensk, Perejaslaw, Tschernigow und von 1113 bis 1125 Großfürst von Kiew einer der wichtigsten Herrscher der Kiewer Rus gewesen war.
Das christliche Kiewer Reich nahm eine Entwicklung, die mit der der abendländischen Staaten in jeder Weise Schritt hielt und ihr vielleicht sogar überlegen war. Während des 11. Jahrhunderts war das Kiewer Reich in Verbindung mit politischen und wirtschaftlichen Einflüssen aus Skandinavien sowie dem byzantinischen Christentum ein aktives, politisch und wirtschaftlich starkes Element des sich bildenden mittelalterlichen Europa. Während Nowgorod noch lange an nordischen Überlieferungen und Verbindungen festhielt und daher seine westeuropäische Orientierung bewahrte, öffnete sich die Hauptstadt des Reichs, die Königsstadt Kiew, dem Geist und der Kultur, die vom Süden her aus Byzanz ins Land strömten. Kiew verwandelte sich in ein kleines Byzanz und wurde anderen russischen Städten zum Vorbild. Es fand eine rasche Übernahme von byzantinischen Lebens- und Geschmacksformen statt. Aus Westeuropa und den Staaten des Kaukasus gelangten starke Impulse nach Rußland, und der blühende Handel mit Ost und West hinterließ tiefe kulturelle Spuren. Nach dem Tod von Jaroslaw (1054) begann aber der Niedergang durch zunehmende Zersplitterung infolge des geltenden Erbfolgerechts. Unter Wladimir II. Monomach nahm Kiew zum letzten Mal eine Vormachtstellung ein. Nach Wladimirs Regierungszeit verlagerte sich das politische Gewicht in die sich immer mehr verselbständigenden Fürstentümer und zentralen Städte der verschiedenen Linien des Rurikidenhauses. Die Fürstentümer wurden souverän. Als gemeinsames Band des russischen Volks blieb die Kirche.[i]
Die russische Chronik für das Jahr 1223 berichtet: „In diesem Jahre tauchten Menschen auf, die niemand kannte, weder wer sie waren, noch woher sie stammten, noch welche Sprache sie sprachen, noch welchen Ursprungs sie waren. Die einen nannten sie Tataren …“[ii]
Ein russisches Heer, die sich diesen Menschen entgegenstellte, erlitt eine furchtbare Niederlage. Diese Vorboten des Untergangs zogen wieder ab. 1237 aber kamen sie wieder. Die Stadt Rjasan wurde erobert und niedergebrannt, die Bevölkerung ausgerottet. Im Jahre 1239 fiel Kiew. Für ganz Rußland begann jetzt die Zeit des Tatarenjochs. Nur Nowgorod im Norden blieb frei. Die altrussische Kultur, die ihr Zentrum in Kiew gehabt hatte, erlosch. Die Zeit des Tatarenjochs dauerte von 1240 bis zum Sieg des Fürsten von Moskau in der Schlacht auf dem Schnepfenfeld oder Kulikower Feld 1380, im Grunde aber noch fast bis 1480. Erst dann brach die Herrschaft der „Goldenen Horde“ über die Siedlungsgebiete des russischen Volks ganz zusammen. Für fast 250 Jahre war Rußland von den Entwicklungen Europas abgeschnitten. Es hat sich davon im Grunde nie ganz erholt.
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Spanien und Rußland teilen ein geschichtliches Schicksal. Die beiden Länder sind die Extrempunkte der durch die germanische Völkerwanderung entstandenen Staatenwelt. Auffällige Gemeinsamkeiten stechen ins Auge. Spanien ist eine Gründung der aus Schweden stammenden Westgoten. Auch Rußland geht auf „schwedische“ Eroberer (Waräger) zurück. Wie das spanische Reich der Westgoten den muslimischen Arabern erlagen die germano-slawischen Fürstentümer der späteren Russen dem Ansturm islamischer Völker, der Tataren. In beiden Fällen hatte die jahrhundertelange Fremdherrschaft ähnliche Folgen: Abschließung von der Entwicklung des christlichen Europa, welches sich ab 1200 anschickte, zur kulturellen und zivilisatorischen Vormacht der Welt aufzusteigen. Keine Renaissance, keine Reformation, keine Aufklärung gehabt zu haben, ist nicht nur das von Solschenizyn beklagte Schicksal Rußlands, sondern auch das Spaniens.
Die Reconquista in Spanien ab 1212 fand in Rußland ihre Parallele in der „Sammlung der russischen Erde“ durch das Großfürstentum Moskau, die etwa um dieselbe Zeit begann. Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß in beiden Fällen das Jahr 1492 Bedeutung gewann. Mit Granada wurde in diesem Jahr das letzte maurische Königreich auf der iberischen Halbinsel erobert, und um dieselbe Zeit endete in Moskau endgültig die Tatarenherrschaft. Rußland und Spanien stellten sich so gleichsam als die Enden des Halbmonds dar, der sich vom noch heute muslimischen Kasan im Nordosten des cisuralischen Rußland um Europa bis Granada wölbte und gleichsam das Gehege bildete, in welchem sich Europa zu seiner Höhe entfalten konnte. Mit dem Jahre 1492 begann die Eroberung Amerikas, und am anderen Extrempunkt des Kontinents, im Großfürstentum Moskau, begann der allmähliche Aufbau des größten Kontinentalreichs, das die Geschichte kennt.
Die Glaubenskriege, in welchen Spanien in der Gegenreformation seine Macht für die alte Ordnung in die Waagschale warf, wiederholten sich für Rußland in den weltlichen Glaubenskriegen gegen die Gedanken der Französischen Revolution. Wie seinerzeit Spanien ergriff der neu in das Konzert der Mächte eingetretene Staat Partei für die alte Ordnung. Zar Alexander I. sowie sein Bruder und Nachfolger Nikolaus I. waren ebenso Bannerträger einer politischen Gegenrevolution, wie es Kaiser Karl V. und sein Sohn Philipp II. in Spanien und den Niederlanden gewesen waren. Vielleicht ist es auch mehr als ein dynastischer Zufall, daß sowohl die Familien der russischen Zaren als auch die der spanischen Habsburger aus Deutschland stammten und durch diese Verbindungen auf das Engste mit den mitteleuropäischen Entwicklungen verbunden waren.
Der Vergleich dieser einander sonst so fernstehenden Marken Europas ermöglicht eine gewisse Objektivität für die Beurteilung der inneren und äußeren Zustände in Rußland zur Zeit Puschkins um 1800. Auch Spanien galt und empfand sich selbst – mindestens bis zum Tode Francos (1975) – als rückständig, als politisch unreif und tyrannisch. Das ist das Urteil, welches sich auch Rußland mit unterschiedlicher Intensität seit Jahrhunderten anhören muß. Die Gleichartigkeit des geschichtlichen Verlaufs legt den Gedanken einer Gesetzmäßigkeit der geistesgeschichtlichen Ausprägungen in beiden Ländern nahe. Es muß nicht die besondere Herrschsucht russischer Zaren oder eine konstitutionelle Rückständigkeit des russischen oder spanischen Volks sein, welche die Geschichte prägt. Es ist nur etwas anderes, ein Großreich zu regieren und zusammenzuhalten, als einen Kleinstaat!
Das Bild Rußlands im Westen ist seit jeher verzerrt. Diderot sprach im Anschluß an eine Reise nach Rußland (1773/74) von abstoßender Tyrannei und einem völligen Mangel an Zivilisation, von Unreife und vom Fehlen jeglicher Aussichten auf politische und sonstige Kultur.[i] Aber was meinte er mit „Fehlen politischer Kultur“? Der wohl nach seiner Meinung damals zivilisierteste Hof, der des französischen Königs, war – Halsbandaffäre – durch und durch korrupt. Was meinte er mit „unreif und tyrannisch“? In Rußland hatte es, anders als in Frankreich, keine Bartholomäusnacht gegeben. Es hatte kein Edikt von Nantes gegeben, und es konnte daher keines aufgehoben werden. Protestanten und Katholiken konnten im Gegensatz zu Frankreich und den meisten Ländern Europas frei ihre Religion ausüben. Bis in die kommunistische Zeit gab es in Rußland nichts, was auch nur entfernt an die grausamen Religionskriege unter Richelieu erinnerte.
Gewiß – in Rußland konnte man durch einen Spruch des Zaren und ohne Gerichtsverfahren bis an die Enden der Welt verbannt werden, aber wo in Europa war das anders? In Frankreich verschwand der Verdächtige aufgrund eines Lettre de cachet auf Lebenszeit im Verlies, wenn der König es wollte. Was meinte Diderot mit „völligem Mangel an Zivilisation“? Immerhin sprach und las die russische Oberschicht damals neben Russisch das Französische und zumeist auch Deutsche. Welcher Franzose konnte mehr als Französisch? Wenn Diderot die soziale Lage der Landbevölkerung gemeint haben sollte, dachte er dann auch an die sozialen Verhältnisse in seinem Heimatland oder im von der Familie seines Königs regierten Spanien? Wie sah es in Sizilien aus, oder in Norwegen?
Eine Generation später (1809) schrieb Ernst Moritz Arndt, der die schrecklichen Auswüchse der Französischen Revolution vor Augen hatte und als geborener schwedischer Untertan wissen mußte, was Feudalismus ist: „Offenbar sind die Russen gegen die übrigen europäischen Zeitgenossen noch in einem Barbarenzustande. So sind ihre Sitten, so ihre Verfassung, so ihre Regierung, so ihre Staatsstreiche und Revolutionen … Der Anfang der russischen Kultur traf das Volk im tiefsten Koth der Sklaverei, es steht noch immer darin … Es sieht das Volk nicht aus, daß es aus sich selbst Gesetzlichkeit und Bürgerrecht erwerben mag.“
Die Leibeigenschaft, auf welche Arndt hier anspielte, war tatsächlich eine Schande für das Land und ein ständiger Gegenstand des Vorwurfs von Seiten des Westens, aber auch im Selbstverständnis aller aufgeklärten Russen. In den Reformen Kaiser Josephs II. war sie schon 1781 für die habsburgischen Länder und etwa in Dänemark 1788 aufgehoben worden. Spät wurde sie in Rußland aufgehoben, erst 1861. Aber war Rußland etwa rückständiger als die im Westen einhellig bewunderten Nordamerikaner? Noch 1857 hatte der Oberste Gerichtshof der USA entschieden, daß ein Gesetz, welches Negern und ihren Nachkommen das Bürgerrecht gäbe, ein Verstoß gegen das Eigentumsrecht des Sklavenhalters und daher verfassungswidrig sei. Erst fünf Jahre später als in Rußland wurde in den USA die Sklaverei endgültig abgeschafft (1866). Das Bild vom rückständigen Rußland war im Westen seit den ersten Kontakten mit dem Moskowiter Fürstentum im 16. Jahrhundert gepflegt worden und wurde nur in dichterischem Überschwang im Gang der Freiheitskriege kurzfristig aufgehellt, war doch Rußland Verbündeter gegen Napoleon: „Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichnen rauchen / hell aus dem Norden scheint der Freiheit Licht …“, sang Theodor Körner und meinte Rußland. Aus dem gleichen Motiv der Gegnerschaft gegenüber Napoleon rief Chateaubriand bei dem Einzug der Russen in Paris aus: „Befreier sind es, nicht Eroberer!“ Aber als der politische Druck zur Gemeinsamkeit wich, trat wieder, im Grunde bis heute, das allgemeine Urteil Europas über Rußland in Kraft, welchem Fontane im folgenden Wandersegen für einen Rußlandreisenden Ausdruck verlieh: „Nicht um eine Fürstenkrone / wäre ich in dies Land geeilt, / wo das Volk sich in Spione, / Sklaven und Tyrannen teilt.“
Der Rückfall in die alten Stereotype fiel mit dem Thronwechsel von Alexander zu Nikolaus im Jahre 1825 zusammen und – wohl der entscheidende Punkt – mit der auf dem Wiener Kongreß gewonnenen Erkenntnis, daß Rußland, von dem man bis dahin so wenig gewußt hatte, mächtiger war als alle anderen Mächte zusammen. Nun war Rußland wieder das rückständige asiatische Reich ohne eigene Kultur und geschichtliche Leistung, welches die europäische Kultur bedrohte. Schon die griechischen Kleinstaaten hatten mit dem Kulturargument erst Makedonien und später Rom als barbarisch verächtlich gemacht – und zwar mit dem erstaunlichen Erfolg, daß Rom selbst an seine kulturelle Unterlegenheit glaubte. Die heutige Attitüde einiger europäischer Staaten gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika ist davon nicht sehr weit entfernt.
Wer die Schilderungen der sozialen Lage der Unterschichten in Europa liest, kann nicht finden, daß die soziale Lage in Rußland um 1800 untypisch war. Die schnurrigen Erzählungen von Fritz Reuter über die Zustände in Mecklenburg um 1830 können die Zwänge, denen die grundhörige Landbevölkerung unterworfen war, nicht verdecken. Die sozialen Zustände in England und Frankreich um 1800 sind durch die Romane von Charles Dickens bzw. Victor Hugo bekannt. Die Biographie Puschkins und vieler seiner Zeitgenossen ist zum Teil durch höchst unsinnige Eingriffe der Zensur geprägt, welche der Zar und seine Regierung zum Schutz gegen umstürzlerische Bestrebungen für erforderlich hielten. Doch die Karlsbader Beschlüsse (1819) geben Westeuropa kein Recht zur Kritik. Schriftsteller wie Ch.D. Schubart und Fritz Reuter mußten wegen Nichtigkeiten viele Jahre in Haft zubringen. In Frankreich war im Zuge der Restauration die Pressefreiheit ebenso eingeschränkt wie andernorts, und für die Veröffentlichung seiner „Madame Bovary“ mußte sich Flaubert noch 1857 vor Gericht verantworten. Während in Rußland die Todesstrafe abgeschafft war, wurden in England Diebe und kleine Betrüger gehängt. Haxthausen schrieb um 1850: „Rußlands Eroberungssucht ist durch ganz Europa verschrien, und doch hat es seit 20 Jahren nicht ein Dorf erobert. Englands Eroberungen trifft das Geschrei und die Kritik selten.“ [ii]
Es war – zumal in Paris, London und Wien – politisch nicht „korrekt“, sich vorzustellen, daß Rußland irgend etwas Beachtliches auf dem Gebiet der Kultur und Zivilisation hervorgebracht habe oder es je tun könne, und wenn doch, dann wollte man es nicht wissen. Wir Deutsche konnten im Vorfeld des Ersten Weltkriegs lernen, wie man sich in einer solchen Lage fühlt. Dabei standen die Beiträge russischer Wissenschaftler völlig auf der Höhe ihrer westlichen Kollegen.
Rußland hatte um das Jahr 1800 die meisten Ziele erreicht, welche seine großen Reformer, Zar Peter und Zarin Katharina, angestrebt hatten. Von einem praktisch unbekannten Staat am Rande der zivilisierten Welt war Rußland innerhalb eines Jahrhunderts zu einem wichtigen, nach den Siegen über Napoleon (1813 bei Leipzig, 1815 bei Waterloo) sogar zu einem bestimmenden Faktor der europäischen Staatenwelt geworden. Durch die Eroberungen im Großen Nordischen Krieg (Friede von Nystad 1720) waren die deutsch und protestantisch geprägten baltischen Gebiete Teile des Russischen Reichs geworden, auch wenn das „exterritoriale“ deutsche Herzogtum Kurland mit der Hauptstadt Mitau noch bis in die Mitte des Jahrhunderts seine Scheinselbständigkeit behaupten konnte. Die Verlegung der Residenz von Moskau nach St. Petersburg stellte Rußland auf eine Ebene mit den Traditionsstaaten an der Ostsee. Hunderttausende von meist deutschen Einwanderern waren in das Land gekommen. Ihr Einfluß wirkte bis in die Dörfer. Sie spielten in den Städten wichtige und entscheidende Rollen, in den einflußreichen Stellen von Staat und Armee waren Ausländer, zumal Deutsche, so überproportional häufig vertreten wie heute Juden in entsprechenden Ämtern in den USA.[iii] Es entwickelte sich in allen Teilen des Lands, teilweise sogar stürmisch eine Industrie, der Handel mit dem Ausland wuchs. Die aus dem Boden gestampfte russische Flotte hatte die praktisch nichtexistente preußische schon binnen weniger Jahre überholt. Rußland nahm seit 1750 an allen auch wissenschaftlichen Entwicklungen Westeuropas teil.
Die um 1800 bereits seit Jahrhunderten in Gang befindliche stille Eroberung Sibiriens und im 18./19. Jahrhundert auch Mittelasiens durch Rußland war weder damals noch heute Gegenstand des politischen Wissens im Westen. Diese immensen Territorien fielen zwar nicht ohne Kriege, aber doch ohne Genozid und großräumigen Landraub, wie es sie in den USA gab, dem Russischen Reich zu. In Alaska befanden sich, als Adelbert v. Chamisso 1815 mit einer russischen Expedition dort war, russische Siedlungen und Einrichtungen – zu einer Zeit, als Ohio noch Indianerland war. Die Beringstraße war knapp 60 Jahre vor Puschkins Geburt durch die erste russische Entdeckungsreise zur See (1728) als Meerenge erkannt worden.
Die nach dem Zusammenbruch der sehr lockeren polnischen Oberhoheit praktisch herrenlose heutige Ukraine wurde (in großen Teilen) genommen, die Schwarzmeergebiete wurden der nur noch nominellen türkischen Herrschaft entrissen. Baku am Kaspischen Meer gehörte jetzt zum Russischen Reich, die Krim seit 1783, Georgien seit 1801, und die Hafenstadt Odessa war 1794 als südlicher Zugang zum Meer gegründet worden. Völker, deren Namen im Westen niemand je gehört hatte, Kalmücken und Baschkiren, Tscherkessen, Kirgisen und Kasachen wurden durch Rußland dem europäischen Kulturkreis soweit erschlossen, daß Almaty (Alma Ata), das nur 200 km von der chinesischen Grenze entfernt liegt, heute nach Europa schaut und nicht nach Peking, daß kirgisische Schüler auch heute eher Deutsch lernen als Chinesisch. Die „Lettres Persanes“ von Montesquieu konnten beiseite gelegt werden – ein europäisches Reich hatte nun eine gemeinsame Grenze mit Persien.
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Russische Intellektuelle haben an dem Urteil über ihr Land selbst mitgewirkt. Russen hatten eine zu hohe Meinung vom Westen, und so sprachen sie dessen Urteil über Rußland nach. Im Bericht einer Russin von einem Studienaufenthalt 1906 in England heißt es: „Es war ganz offensichtlich, daß für die meisten Engländer unser Teil des Globus politisch gesehen lästig, historisch betrachtet ohne jegliche Bedeutung und kulturell nicht existent war. […] Dieses Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Ländern wurde von Ausländern, mich eingeschlossen, sehr bewundert.“[1] Rußland war außerhalb der beiden Hauptstädte freilich sehr rückständig. Es war aber kaum rückständiger als z.B. Südfrankreich oder Irland, von Spanien ganz zu schweigen. Rußlands Problem bestand darin, daß es sich in seinem Ehrgeiz, rasch und vollständig zu Westeuropa aufzuschließen, dem selbstverordneten Druck zu einem ständigen Vergleich unterwarf.[2] Lermontow, dessen patriotische Gesinnung nicht zweifelhaft ist, schrieb 1841 in einem kleinen Gedicht vor seiner Abreise in den Kaukasus: „Ade, du schmutziges Rußland, Land der Knechte, Land der Herren; tschüß auch ihr blauen Polizeiuniformen und du Volk, welches vor diesen im Staub liegt.“
Auch Puschkin liebte sein Vaterland und verachtete es zugleich: In einem Brief aus dem Jahre 1826 schrieb er an seinen Freund Wjasemski (1792–1878): „Ich verachte mein Vaterland natürlich von Kopf bis Fuß, doch es ärgert mich, wenn ein Ausländer dieses Gefühl teilt.“[3]
Bemerkungen dieser Art gibt es zuhauf. Der Fehler der Betrachter liegt aber darin, sie für typisch russisch zu halten. Man mag es als wertherischen oder byronischen Weltschmerz ansehen, viel eher aber ist es ein Beleg für das jedem Menschen innewohnende Gefühl, eigentlich für seine Umwelt zu schade zu sein. Mit der wirklichen Lage der jeweiligen Nation hat das nicht viel zu tun. In einem Brief vom 16. Juli 1809 schreibt Byron: „In sober sadness, any thing is better than England …“ Und am 27. November 1816: „England … my greatest error was remaining there“[4]. Goethe ließ am 14. Februar 1830 gegenüber Soret verlauten: „Nichts ist seltener als einen hervorragenden Deutschen in Deutschland zu sehen. In Deutschland [sieht man nur] die Mittelmäßigen, vom Schuster bis zum Philosophen.“
Bei Vergleichen mit den westlichen Ländern schnitt Rußland schlecht ab, weil falsche Dinge miteinander verglichen wurden. Es gab 1800 kein Land der Erde, welches in so kurzer Zeit solche gewaltigen Fortschritte gemacht hatte wie Rußland. Aber Rußland konnte aufgrund seiner Größe doch nicht die wohnzimmerartige Ordnung von Holland oder eines deutschen Kleinstaats erreichen. Niemand verfiel auf den Gedanken, England deswegen für rückständig zu halten, weil die Lage der Pächter auf den Gütern des englischen Adels in Irland, aber auch in England selbst so miserabel war und der Leibeigenschaft kaum nachstand.[5] Rußland aber ließ sich solche Schlußfolgerungen gefallen. Vielleicht nicht nur aus Demut.
Rußland litt unter dem objektiv ungerechten, aber darum nicht weniger stechenden Vorwurf, ein barbarisches, jeder höheren Kultur unfähiges Volk zu sein. Mit verschiedenen politischen Zielsetzungen hatten sich auch Russen die Behauptung ihres eigenen Mangels an höherer Kultur zu eigen gemacht. Puschkin war jedoch der Beweis für die Kulturfähigkeit der Nation. Er ist es heute noch. Psychologisch klarsichtig erkannte Custine den Grund für die allgemeine Hochschätzung, die Puschkin schon so kurz nach seinem Tode bei den Seinen genoß: „Eine allgemeine Trauer zeugte von dem Verdienst des Toten und bewies den Ruhm des Landes, das zu Europa sagen konnte: Ich habe auch meinen Dichter gehabt, und habe die Ehre, ihn zu beweinen.“[6]
Es ist eine sprichwörtliche Übung, aus einer Not eine Tugend zu machen. Defekte werden zu Tugenden uminterpretiert und in dem Maße übertrieben, wie daraus auf anderen Ebenen besondere Ansprüche formuliert werden können. Der das 19. Jahrhundert durchziehenden Selbstanklage Rußlands liegt daher am Ende weniger die Überzeugung von der eigenen Minderwertigkeit zugrunde. Im Gegenteil stellt sie die theoretische Grundlage dar für das Postulat der besonderen geschichtlichen Sendung Rußlands. Die Frage der geschichtlichen Bestimmung Rußlands und die damit zusammenhängende Frage nach dem Verhältnis von Rußland zu Europa sind eng mit dem Namen Peter Tschaadajew (1792/94–1856) verbunden. Auf die geschichtstheologische Theorie von Moskau als dem dritten Rom, die durchaus ihre Wirkung hatte und anscheinend noch hat, ist dabei hier nicht weiter einzugehen. Tschaadajew war namentlich mit den neuesten Strömungen der deutschen Philosophie vertraut. Er hatte den Feldzug nach Paris mitgemacht und danach eine Reise durch ganz Europa unternommen. Den geistigen Ertrag dieser Reise faßte er in seinen „Philosophischen Briefen“ zusammen.
Sein 1. Brief gab den Ton an, der sich seither immer wieder durch die Auseinandersetzung zieht. Das Reich Gottes muß auf Erden verwirklicht werden. Das Merkmal des Gottesreichs ist die Einheit; nur die römisch-katholische Kirche hat das Erbe Christi bewahrt. Es ist daher die Frage, ob und wie Rußland an der Verwirklichung des Gottesreichs auf Erden mitwirken kann. In „Die Brüder Karamasow“ sollte Dostojewski die gleiche Frage stellen und einmal sagen lassen: „Nicht die Kirche muß zum Staat werden, der Staat muß zur Kirche werden!“ Tschaadajew überlegte weiter: Wir Russen haben keine Geschichte,[7] keinerlei Tradition, unser Volk ist ohne Bildung und Erziehung. Nomaden sind wir und in unserem Wesen chaotisch. Auch hier vergleiche man den zwei Generationen später entstandenen Roman „Die Brüder Karamasow“, in welchem Dostojewski in der Person des Dmitrij den Typ des chaotischen Prassers beschreibt. Rußland hat, so Tschaadajew weiter, keine Vergangenheit und lebt ohne Zukunft.: „Von den Ideen der Pflicht, der Gerechtigkeit und der Ordnung, welche den Westen ausmachen, sind wir ganz unberührt … Wir besitzen ein riesengroßes Land, aber geistig sind wir ganz unbedeutend. Die Errungenschaften des christlichen Mittelalters sind uns unbekannt … Wir sind zwar Christen, aber das sind die Abessinier auch.“
Die von Tschaadajew für diese Entwicklung angeführten Gründe sind: Übernahme des byzantinischen Christentums und jahrhundertelanges Tatarenjoch, welches durch die Tyrannei der Zaren nur fortgesetzt worden sei. Es gelte daher, die russisch-orthodoxe Religion nach westlichem Vorbild umzuformen. Tschaadajew sollte heimlich zum Katholizismus übertreten, und seine Überlegungen, die er in seinen weiteren „Philosophischen Briefen“ näher ausführte, gipfelten in der Aussage: „Wir müssen die ganze Erziehung des Menschengeschlechts an uns von vorne beginnen.“[8] Die relative Rückständigkeit Rußlands gegenüber Westeuropa war schon früh zum politischen Topos geworden, aus welchem auf eine besondere geschichtliche Sendung des Reichs geschlossen werden durfte. Zar Peter der Große soll nach dem Bericht eines deutschen Chronisten beim Stapellauf eines Schiffs 1714 in St. Petersburg folgendes gesagt haben: „Die Geschichtsschreiber setzen den alten Sitz der Wissenschaft in Griechenland, von wo sie […] in alle europäischen Länder verstreut, durch unsere Vorfahren aber verhindert, weiter als in Polen zu dringen, da doch die Polen sowohl als auch alle Deutsche in einer ebensolchen dicken Finsternis als wir bisher gelegen haben. […] Nunmehr wird die Reihe an uns kommen. Ich vergleiche die Reise dieser Wissenschaften dem Umlauf des Geblüts im menschlichen Körper, und es ahnet mich, daß dieselbe dermaleinst ihren Wohnplatz in England, Frankreich und Teutschland verlassen, sich einige Jahrhundert bei uns aufhalten und hernächst nach ihrer wahren Heimat Griechenland wiederkehren werde.“[9]
Die Aszendenz der jungen Vereinigten Staaten wurde ab 1800 immer deutlicher wahrgenommen, und das Bild der aus Europa auswandernden Kultur mag mit dem mythologischen Bild der aus Troja kurz vor dessen Fall fliehenden Götter zusammenhängen. Die in Westeuropa allgemein werdende Rußlandschelte stellt sich so am Ende eher als Ausdruck der Angst des altgewordenen Europa vor den neu aufkommenden Mächten dar, eine Angst, die sich bis heute in dem Schlagwort vom „Untergang des Abendlandes“ artikuliert. Europa befand und befindet sich zwischen zwei dynamischen Großmächten. Amerika lag noch jenseits der Meere, aber Rußland war nah. Für Europa stellte sich die Frage der Bedrohung durch Rußland immer deutlicher. Tschaadajews „Briefe“ wurden daher im Westen weniger als Eingeständnis russischer Rückständigkeit gelesen denn als Manifest der weiter gehenden universalen Ansprüche Rußlands. Von hier zieht sich eine Linie zu dem theologisch unterlegten Nationalismus von Dostojewski, der sich wieder zu Puschkin zurückbiegt. Tschaadajew forderte eine Annäherung zwischen Rußland und dem Westen und die Wiedervereinigung der russisch-orthodoxen Kirche, deren mystischer Geist vom Westen assimiliert werden müsse, mit der katholischen Kirche. Rußland sei aufgerufen, die wichtigsten Fragen der Menschheit zu lösen.[10] In seiner kurz vor seinem Tode gehaltenen Rede auf Puschkin vom 8. Juni 1880 nahm Dostojewski eine förmliche Apotheose des Dichters vor. Diese erhält durch die Bedeutung des Autors den Rang einer bis heute fortwirkenden geschichtsphilosophischen, ja politischen Aussage:
„Puschkin kam in einer Zeit, als sich zum ersten Mal so etwas wie Selbsterkenntnis in unserer Gesellschaft hervorzuwagen begann, ein ganzes Jahrhundert nach der Reform Peters, und sein Erscheinen wirkte wie eine Überleuchtung unseres dunklen Weges mit neuem bahnweisendem Licht. In diesem Sinne ist Puschkin Prophezeiung und Programm zugleich. […] Ich sage in allem Ernst: es hat noch keinen Dichter gegeben, der so wie Puschkin die ganze Welt in sich aufgenommen hätte.“ [11]
Dostojewski sah in Puschkin das einzigartige, von keinem anderen russischen oder ausländischen Dichter erreichte Vermögen, sich vollständig in den Geist anderer Völker hineinzuversetzen. In diesem Sinne sei er eine noch nie dagewesene Erscheinung, und eben in dieser Fähigkeit habe sich am stärksten seine nationale russische Kraft geäußert: „Denn wo läge sonst die Kraft des russischen Volksgeistes, wenn nicht in seinem Streben zur Universalität und Allmenschlichkeit. Als Puschkin zum Dichter seines Volkes wurde, da begann er die große Bestimmung dieser Kraft zu ahnen. Hierin ist er Prophet …“
Indem das russische Volk in den Reformen Peters den „Schöpfergeist der fremden Völker in sich aufnahm“, habe es seine „Fähigkeit und Neigung zur Wiedervereinigung aller Völker der großen arischen Rasse bezeugt. Ja, die Bestimmung des russischen Menschen ist unstreitig eine universale. Ein echter, ganzer Russe werden, heißt vielleicht nur, ein Bruder aller Menschen zu werden, ein Allmensch […]. Ein echter Russe sein, bedeutet nichts anderes als sich bemühen, die europäischen Widersprüche in sich endgültig zu versöhnen, der europäischen Sehnsucht in der russischen allmenschlichen und allvereinigenden Seele den Ausweg zu zeigen […]. Zur universalen brüderlichen Einigung ist das russische Volk vielleicht am meisten von allen anderen veranlagt und bestimmt, und dafür sehe ich in dem schöpferischen Genie Puschkins [einen] Beweis […]. Sollte unser Gedanke auch nur ein phantastischer Glaube sein, so haben wir in Puschkin doch wenigstens etwas, woraus dieser Glaube entstehen, worauf er fußen könnte.“
Es liegt nahe, diese Gedanken den mancherlei Verstiegenheiten zuzurechnen, welche die europäischen Nationen im 19. und 20. Jahrhundert zu der Frage hervorbrachten, welche Bestimmung die jeweils eigene Nation angesichts der Gesamtgeschichte habe. Der Theologe Bonhoeffer schrieb seinen Eltern 1925: „Merkwürdig, wie gerade das Typische eines Volkes über sich selbst, jedenfalls als Nation, hinausweisen soll. Dieser Gedanke verbindet sich für Dostojewski ganz notwendig mit dem christlichen, und eigentlich bekommt hier der urchristliche Gedanke seinen echten katholischen Charakter wieder.“[12]
Wird in einem Dichter, wie hier in Puschkin, der eigentliche Kern des nationalen Wesens gesehen, dann vollzieht sich in der Apotheose des Nationaldichters die Vergötzung der eigenen Nation. Die besondere Bestimmung des Volks kann dann aus der Unvergleichbarkeit ihres über die nationalen Altäre hinaus erhobenen Propheten geschlossen werden. Hier ist die Grenze der zulässigen Dichterhuldigung überschritten, und es beginnt das verminte Terrain der nationalen Selbstüberhebung. In diesem sind schon viele Nationen umgekommen.
Rußland teilt in allen wesentlichen Punkten das Schicksal Westeuropas. Es ist aus dem Christentum entstanden und hat in allen Bereichen von Kultur und Wissenschaft Bedeutendes geleistet. Seine verheißungsvolle Entwicklung wurde zuerst durch das Unglück der Tatarenherrschaft abgebrochen und dann – was hier nicht behandelt wurde – durch das Unglück der Oktoberrevolution.
Beide Ereignisse wirken nach. Rußland gilt im Westen als rückständig und hält sich oft selbst dafür. In Kompensation der dadurch erweckten Minderwertigkeitsgefühle hat Rußland den Gedanken entwickelt, berufen zu sein, der Welt das Heil zu bringen. Damit ist es der gleichen Versuchung verfallen wie sein transatlantischer Konkurrent, der sich als von Gott erkorener Bringer von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sieht.[13] Das macht beide Staaten potentiell gefährlich.
[1] Tatiana Metternich (Hg.): Verschwundenes Rußland. Die Memoiren der Fürstin Lydia Wassiltschikow 1886–1919, München 1985, S. 133.
[2] Vgl. Haxthausen: Studien, Bd. 1, S. 9: „Man achtet in Rußland leider mehr als nötig auf das Urteil Europas.“
[3] Vsevolod Setschkareff: Alexander Puschkin. Sein Leben und sein Werk, Wiesbaden 1963, S. 30.
[4] Leslie A. Marchand (Hg.): Lord Byron. Selected Letters and Journals, London 1982, S. 24 u. 230.
[5] Vgl. „Irland“; in: Encyclopaedia Britannica, London 1962, S. 611: „Ireland’s population in 1800 was 4,5 Mio, of these fewer than 500.000 were Protestants [...]. Almost all the landowning class was Protestant and Catholics had not been allowed even to buy land. When the landlords became absentees they left agents who had no social responsibilty [...] concerned only with extorting the utmost profit from the land [...]. The standard of living was miserably low.“
[6] Astolphe de Custine: Rußland im Jahre 1839, Bd. 2, Leipzig 1844, S. 151, Anm. 3.
[7] Auch Alexander Herzen schrieb an Herwegh am 25. August 1849 : „Unsere Geschichte ist arm.“ (Zit. n. Dmitrij Tschischewski u. Dieter Groh (Hg.): Europa und Rußland, Darmstadt 1959, S. 199.) Eine auch aus Sicht von 1800 völlig unverständliche, durch grobe Unkenntnis geprägte Aussage! Aber selbst Goethe sagte am 9. Dezember 1824 zu Eckermann etwas Ähnliches in bezug auf die deutsche ältere Geschichte, von der Goethe nichts wußte.
[8] Heinrich Falk: Das Weltbild Peter J. Taschaadajews nach seinen acht „Philosophischen Briefen“, München 1954. Der 1. Brief erschien im November 1836 und sorgte für ein ungeheures Aufsehen. Ein Zeitgenosse schrieb später: „Noch nie, seit man in Rußland lesen und schreiben kann, hat ein literarisches Ereignis, nicht einmal der Tod Puschkins, einen solchen Eindruck gemacht.“ Zar Nikolaus befahl, den wahnsinnig gewordenen Schriftsteller unter medizinisch-polizeiliche Aufsicht zu stellen, der Redakteur der Zeitschrift wurde verbannt, der Zensor seines Amts enthoben.
[9] Historische Zeitschrift 1987, S. 564.
[10] Zit. n. russ. Wikipedia (Dezember 2023); dort mit Nachweisen.
[11] Karl Heinrich Peter (Hg.): Reden, die die Welt bewegten, Stuttgart 1959, S. 165 ff.
[12] Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Theologe, Christ, Zeitgenosse, München 1967, S. 98.
[13] Vgl. Menno Aden: Das Werden des Imperium Americanum und seine zwei hundertjährigen Kriege, Graz 2016.