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Zar Peter der Große hat sich in der russischen sowie in der Weltgeschichte als der größte Reformer seines riesigen Reichs einen Namen gemacht. Während seiner Herrschaft vollzogen sich in Rußland in einem wahrhaft atemberaubenden Tempo grundlegende Wandlungen, welche ihm mit Fug und Recht den Namen „Vater des Vaterlandes“ einbrachten. Er hat nicht bloß Reformen angeregt und durchgeführt, sondern die Lebensgrundlagen des alten Moskowiter Zarenreiches verändert. Für Peter den Großen gab es keine unlösbaren Aufgaben. Beliebige, selbst äußerst schwierige Probleme wurden von ihm sofort in Angriff genommen und radikal gelöst (allerdings um wortwörtlich jeden Preis). Als höchst tatkräftige, energische und fleißige Person, die vor keiner Arbeit zurückscheute, erwartete er auch von all seinen Untertanen ein entsprechendes Verhalten.
Von Wolfgang Akunow
Bis auf den heutigen Tag wird in Rußland sowohl in wissenschaftlichen als auch in breiten Volkskreisen lebhaft über den wahren Stellenwert seiner Person und die Beurteilung seiner Taten diskutiert. Manche Historiker sind fest davon überzeugt, daß alle Aktivitäten Peters des Großen einschließlich seiner innerpolitischen und wirtschaftlichen Transformationen ausschließlich die Lösung militärischer Problemstellungen zum Ziel hatten. Nach Ansicht der Verfechter dieser „utilitaristischen“ Grundthese waren alle unter Zar Peters Federführung in Angriff genommenen und umgesetzten Reformen für ihn nichts anderes als Hilfsmittel für Kriegführung, Heeres- und Marineunterhalt.
Andere Kritiker legen ihr Augenmerk vor allen Dingen darauf, daß Zar Peter Rußlands Eigenart vernichtet habe oder zumindest Zeit seines Lebens bestrebt gewesen sei, diese von seinen Vorgängern geschätzte und gehütete russische Eigentümlichkeit mit Rumpf und Stiel auszurotten. Es ist tatsächlich ein offenes Geheimnis, daß Peter noch als blutjunger Zarensohn in den Bann der europäischen Kultur geriet und ihr sein ganzes Leben dermaßen treu blieb, daß sein gesprochenes und vor allem geschriebenes Russisch praktisch zur Hälfte Deutsch oder Holländisch war. Die von Peter zahlreich eingeladenen ausländischen Fachleute, die Einführung westeuropäischer Kleidung, die Bekämpfung des Barttragens usw. wirkten sich erheblich auf die russische Kultur aus. Die von dem gekrönten Reformer eingeleiteten Veränderungen betrafen ja nicht nur die oberen Schichten der damaligen russischen Gesellschaft – Adel, Beamtenschaft und Militärs –, sondern mehr oder weniger die gesamte Bevölkerung Rußlands.
Wieder andere vergöttern Peter den Großen buchstäblich und loben all seine Taten über alle Maßen. Nach ihrer Meinung gereichten all seine Reformen Rußland ausschließlich zum Nutzen. Er förderte tatkräftig die Einrichtung von Manufakturen und Industriebetrieben, auf sein Geheiß und unter seiner persönlichen Obhut wurden in Rußland zahlreiche Vorkommen von Bodenschätzen entdeckt sowie eine moderne, gut bewaffnete Armee und Marine geschaffen. All das habe Rußland aus seiner vorherigen Isolierung geführt und auf das Niveau der damaligen europäischen Großmächte gehoben. Ereignisse der Vergangenheit lassen sich eben unterschiedlich beurteilen, deuten und einschätzen. Viel wichtiger ist es indessen, reale Fakten unvoreingenommen unter die Lupe zu nehmen und deren Auswirkungen auf Rußlands weitere Geschichte zu verfolgen.
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Am 9. Juni des folgenreichen Jahres 1672 wurde die Familie des russischen Zaren Alexius (Aleksej) Michajlowitsch, des zweiten Selbstherrschers aus dem Hause Romanow, durch die Geburt des Zarensohns Peter (Pjotr) beglückt. Der neugeborene Zarewitsch entsprang der zweiten Ehe seines gekrönten Vaters Alexej. Der kleine Peter war der dritte in der Thronfolge. Der erste Thronerbe war Peters ältester Bruder Fedor (Fjodor) Alexejewitsch, Zar Alexejs Sohn aus erster Ehe. Fedor war schwach und kränklich, stets von zahlreichen Ärzten umgeben. Der zweitnächste Thronerbe, Iwan, war zwar körperlich nicht so schwach wie Fjodor, seine geistigen Fähigkeiten ließen jedoch zu wünschen übrig. Der Umstand, daß Iwan offensichtlich zur selbständigen Herrschaft unfähig war, hat das Schicksal des künftigen russischen Monarchen vorausbestimmt.
Peters Bildung begann, noch bevor er das fünfte Lebensjahr erreicht hatte. Der aufgeweckte Knabe legte außerordentliche Fähigkeiten an den Tag. Der Zarewitsch war nicht bloß ein Bücherfreund, sondern eine wahre Leseratte, wobei er keinen besonderen Wert auf Dichtung oder schöngeistige Literatur legte und überhaupt musisch weder besonders begabt noch besonders interessiert war. Seine Haupt- und Lieblingslektüre waren wissenschaftliche Abhandlungen, seine Haupt- und Lieblingsfächer Weltgeschichte, Fremdsprachen, Erdkunde und Kriegskunst. Nach Zar Alexej Michajlowitschs Tod im Jahre 1676 mußte sein Thronfolger Fedor Alexejewitsch für Peters Erziehung und Bildung sorgen, zu dessen Hauslehrer Nikita Sotow ernannt wurde. Dieser rechtschaffene Mann waltete beflissen seines Amtes, konnte jedoch laut Erinnerungen vieler Zeitgenossen kraft seines beschränkten Wissens dem wißbegierigen Zarewitsch nicht all die Kenntnisse vermitteln, die Peter später an den Tag legte. Der Knabe schöpfte einen Großteil seiner Bildung nicht von seinem Hauslehrer, sondern im Eigenstudium aus Büchern, an denen es ihm dank der Fürsorge seines gekrönten und hochgebildeten älteren Bruders, der sogar Latein sprach und lateinische Verse dichtete, nicht mangelte.
Zar Fjodor war jedoch keine lange Herrschaft beschieden. Er starb bereits im Jahre 1682. Angesichts Zarewitsch Iwans offenkundiger geistiger Schwäche wurde Peter von seiner Verwandtschaft aus dem Hause Naryschkin zum Zaren proklamiert, obwohl er jünger war als der übergangene Iwan. Die Verwandten von Zar Alexejs erster Frau (der Mutter des Zarewitsch Iwan) aus dem Geschlecht Miloslawskij waren damit nicht einverstanden. Sie zettelten eine blutige Revolte der Moskauer Strelizen-Truppen[i] gegen die Naryschkins an. Vor den Augen des zehnjährigen Zaren Peter wurden seine nächsten Verwandten und Erzieher von den aufgewiegelten Strelizen bestialisch ermordet. Diese Bluttat hinterließ tiefe Spuren in Herz und Seele des künftigen Kaisers und Selbstherrschers aller Reußen. Seitdem waren die Strelizen Peter ein Greuel.
Im Verlauf der Moskauer Revolte konnte schließlich eine Kompromißlösung gefunden werden. Nunmehr hatte Rußland nicht einen, sondern zwei Zaren auf dem Thron, Peter und Iwan. Angesichts der Minderjährigkeit beider Monarchen wurde ihre ältere Schwester, Zarewna Sofia Alexejewna aus dem Geschlecht der Miloslawskij, zur Regentin ernannt. Seit Sofias Machtantritt war Peter praktisch aus Moskau verbannt und lebte mit seiner Mutter, Zarin Natalja Kyrillowna Naryschkin, auf deren Gütern Preobraschenskoje und Ismailowo.
Doch dieser Wechsel gereichte dem jungen Zaren nur zum Nutzen. Der frühere nach Stubenluft riechende Bücherwurm fand auf dem Land ein neues Steckenpferd. Er bildete aus Altersgenossen, die er unter seinem Hofgesinde aussuchte, ein sogenanntes Belustigungs- oder Spielzeugregiment (Poteschnyj polk), um nach Herzenslust Krieg spielen zu können. In den weiten Gefilden seiner Landgüter spielten sich unter Mitwirkung „deutscher“ (d.h. in der Umgebung von Moskau lebender westeuropäischer) Offiziere mit solider Kriegserfahrung regelrechte Feldschlachten und Festungsbelagerungen ab. Dorfscheunen wurden ihm zu Zeughäusern, die vor Kanonen, Gewehren und anderen Waffen nur so strotzten. Je älter Peters Kinderschar wurde, desto ernsthafter wurde die militärische Ausbildung dieser „Spielzeugarmee“, deren Mannstärke ständig zunahm.
Außerdem war Zar Peter ein leidenschaftlicher Bastler, der vor keiner körperlichen Arbeit und Anstrengung zurückscheute. Auf dem Landgut Preobraschenskoje besaß er ein wahres Arsenal von Zimmermanns-, Tischler- und Maurerinstrumenten sowie Hammer, Amboß und alles, was Schmied und Schlosser für ihr Handwerk brauchten. Peter, „Zar und Zimmermann“ zugleich, der sich selbst gern als „der erste Arbeiter und Handwerker seines Reiches“ bezeichnete, scheute nicht nur keine körperliche Arbeit, sondern zog auch solche Unterhaltungsformen vor, an denen er aktiv teilnehmen konnte. Aus diesem Grund war er kein Theaterfreund, weil die Rolle des passiven Zuschauers seiner aktiven Natur zuwider war. In dieser Hinsicht unterschied er sich von seinem Vater Zar Alexej, der in Moskau das erste Theater eingerichtet und dieses gern besucht hatte. Ebensowenig teilte Peter die Liebe seines Vaters zur Jagd und insbesondere zur Falknerei.
Dafür waren Schiffbau und Segelsport Zar Peters zweitgrößte Leidenschaft nach seinen martialischen Spielen. Er fand unweit seines Guts Ismailowo ein altes brüchiges Segelboot, konnte es jedoch nicht selbständig reparieren. Die Suche nach Kenntnissen über Schiffbau und Schiffahrt führte den wißbegierigen Zaren in die „Deutsche Vorstadt“, wo Deutsche und andere ins Moskowiterreich eingewanderte Westeuropäer (Holländer, Schotten, Engländer u.a.m.) lebten. Sie wurde Peters ständiger „Pilgerort“. Er fühlte sich nicht nur durch die Möglichkeit, sich neues Wissen anzueignen, sondern auch durch den dort herrschenden besonderen, freimütigen und unternehmungslustigen europäischen Geist von dieser „Insel des Westens“ im trägen, halborientalischen Moskau angezogen. In der „Deutschen Vorstadt“ fand er seine nächsten Freunde und lernte Anna Mons, die erste große Liebe seines Lebens, kennen.
Als Zar Peter, der immer noch unter der Vormundschaft seiner Halbschwester und Reichsverweserin Sofia stand, das siebzehnte Lebensjahr erreichte, befand ihn seine Mutter für heiratsfähig. Dafür gab es wichtige Gründe: Sein älterer Bruder und „Mitzar“ Iwan war bereits verheiratet. Zar Peter brauchte thronberechtigten Nachwuchs. Außerdem galt im damaligen Rußland der Mann erst nach der Heirat als volljährig und vollmündig. Folglich würde der verheiratete Peter selbständig, ohne Vormundschaft der Regentin Sofia, herrschen können.
Die von Peters Mutter auserkorene Braut war Awdotja (Eudokia) aus dem zweitrangigen Adelsgeschlecht der Lopuchin. Das in alten Moskowiter Traditionen erzogene Mädchen war schön, entsprach jedoch keinesfalls Peters Temperament und Interessen. Daher kehrte der junge „Westler“ sehr bald zu seiner früheren Lebensweise zurück und ließ seine „altrussische“ Gattin praktisch im Stich. Später heiratete er die aus Livland stammende, in russische Kriegsgefangenschaft geratene Kuhmagd Marta Skowronska, die als russische Kaiserin Katharina I. in die Geschichte einging.
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Inzwischen verschlechterte sich Peters Verhältnis zum Moskauer Hof immer weiter. Peter machte keinen Hehl aus seiner Unzufriedenheit mit dem Regiment seiner älteren Schwester, vor allem mit den beiden schlecht vorbereiteten und daher erfolglosen Feldzügen von Sofias Günstling Fürst Wassilij Golizyn gegen die Krimtataren, die damals als Vasallen des Osmanischen Reiches Rußlands Südgrenzen regelmäßig durch räuberische Einfälle verunsicherten. Im August des Jahres 1689 erhielt man in Preobraschenskoje Kunde von Sofias Absicht, mit Hilfe treuer Strelizen Peters habhaft zu werden. Der von wilder Panik ergriffene junge Zar verließ sein Haus fluchtartig im Nachthemd und hielt sich im Wald verborgen, bis er von seinem Gesinde gefunden, eingekleidet und in den Sattel gehoben wurde.
Zar Peter hoffte, im Sergius-Dreieinigkeitskloster Asyl zu finden, und flüchtete von nur drei Soldaten begleitet dorthin. Die ängstliche Erinnerung an die Schrecken der von ihm als Kind erlebten grausamen Strelizenmeuterei saß ihm noch tief in den Knochen. Das war das einzige Mal in Peters Leben, daß er nur an seine eigene Sicherheit dachte, indem er Gattin, Mutter und seine „Spielzeugregimenter“ im Stich ließ. Verängstigt flehte er den Abt des Dreieinigkeitsklosters an, seinem Zaren das Leben zu retten.
Am nächsten Morgen trafen jedoch Peters Mutter und all seine „Spielzeugregimenter“ ein, denen sich bald auch die Regimenter westeuropäischer Prägung unter dem Kommando westlicher Offiziere anschlossen. Der von sofiatreuen Strelizen angeblich geplante Anschlag schlug fehl (falls es sich überhaupt um reale Pläne und nicht bloß um Fehlalarm handelte). Es kam zu keiner neuen Strelizenmeuterei, Adel und Beamtenschaft blieben größtenteils Peter treu. Diese ganze Situation gab Peter jedoch Anlaß und Anstoß zu entschiedenem Handeln. Er übernahm die ganze Macht im Staat und verbannte die entmachtete ältere Schwester ins Nowodewitschij-Nonnenkloster in der Umgebung von Moskau.
Trotz dieser Aktivitäten war Zar Peter immer noch nicht willens, seine vorherige Lebensweise zu verändern. Deshalb übertrug er seiner Mutter Natalja und seinem Onkel Lew Naryshkin vorerst alle Regierungsgeschäfte. Peters „Mitzar“ Iwan wurde nicht entthront, sein Name figurierte in allen Dokumenten. Bis zu Zar Iwans frühem Tod im Jahre 1696 thronte er neben seinem Halbbruder Peter bei allen Empfängen und war bei allen Festakten zugegen, blieb jedoch nach wie vor ohne jede Bedeutung.
Im Jahre 1694 starb Peters heißgeliebte Mutter, die Zarinwitwe Natalja. Das Fehlen ihres gekrönten Sohnes bei ihrem Begräbnis sorgte für Unmut und allerlei böse Gerüchte. Der Grund seines Fernbleibens war jedoch höchstwahrscheinlich in Peters Unwillen zu suchen, anderen gegenüber Schwäche zu zeigen. Er war sich seiner Unfähigkeit bewußt, bei der Bestattung seiner Mutter seiner Gefühle Herr zu bleiben. Erst am darauffolgenden Tag begab er sich allein auf den Gottesacker, um dort seine Mutter zu beklagen und seiner Trauer vollen Ausdruck zu geben, ohne von Fremden beobachtet zu werden.
Das folgende Jahr hindurch blieb der Zar scheinbar immer noch eine Paradefigur, die sich von Staatsgeschäften fernhielt und das Reich durch Vertrauenspersonen regieren ließ. In Wirklichkeit schmiedete er jedoch weitgehende und wohldurchdachte Pläne.
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Das vom neuen Monarchen unter seine Fittiche genommene weite Land befand sich im permanenten Krisenzustand. Sowohl im Sozial- als auch im Wirtschaftsbereich harrten zahlreiche Probleme ihrer Lösungen, denen sich der junge Zar voll und ganz widmen wollte. Dabei entsprangen Peters erste selbständige Regierungsschritte noch den „Steckenpferden“ seiner Jugendzeit.
Im Herbst des Jahres 1695 wurde sein Ukas (Dekret) über den Bau der russischen regulären Flotte erlassen. In den Jahren 1697/98 bereiste Peter, als „Kanonier Pjotr Michajlow“ getarnt, Europa im Bestand der Großen Gesandtschaft, die über das damals noch schwedische Livland, Kurland und Preußen weiter nach Holland und England reiste. Peter bemühte sich, sein Inkognito nach Möglichkeit zu bewahren, was ihm jedoch kaum gelang. Er fiel durch seine hohe, hagere Gestalt sofort auf und begegnete immer wieder seinen inzwischen heimgekehrten Bekannten aus der Moskauer „Deutschen Siedlung“.
Neben rein diplomatischen Geschäften (welche in erster Linie auf die Schaffung eines Bündnisses gegen das Osmanische Reich, welches Rußland den Weg zum Asowschen und Schwarzen Meer versperrte, sowie womöglich auch gegen das mit den Türken verbündete und Rußland den Weg zur Ostsee versperrende Schweden gerichtet waren) erlernten Peter und seine Mannen in Holland (das sich zu jener Zeit in Personalunion mit England befand) den Schiffbau. Holland und England galten damals mit Fug und Recht als die beiden größten Seemächte. Die jungen Russen arbeiteten auf Schiffswerften, erstellten Modelle europäischer Schiffe (um sie dann in Rußland nachzubauen), eigneten sich die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse an und machten sich mit der europäischen Kultur und Lebensweise im vollen Umfang vertraut. So formierten sich die ersten Vorstellungen des Europa bereisenden „Zaren und Zimmermanns“ von den ihm in Rußland bevorstehenden Reformen, die sein verwahrlostes Großreich so dringend brauchte.
Durch eine neue, angeblich von der Nonne Susanna (wie die entthronte Sofia nunmehr hieß) aus dem Nowodewitschij-Kloster heraus angezettelte Strelizenmeuterei nach Rußland zurückgerufen, machte sich Zar Peter nach der grausamen Abrechnung mit den Aufständischen an die längst beschlossenen Reformen. Seine erste Innovation bestand im Verbot des Barttragens für Adel und Beamtenschaft sowie für das Gros des russischen Militärs, das nicht zu den schon vorher bartlosen Regimentern westeuropäischer Prägung gehörte. Der gekrönte Reformer scheute sich nicht, dem hochadligen Bojaren Schejin und mehreren von dessen Standesgenossen höchstpersönlich den Bart abzuscheren. Auf diese etwas naive Art und Weise versuchte der Zar, das Äußere seiner Untertanen den damaligen europäischen Standards anzugleichen. Seitdem galt der Bart in Rußland noch lange als Sinnbild des Konservatismus und der Reformfeindlichkeit seiner Träger.
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Die Reform des Staatsverwaltungsapparats ging zwar langsam, aber stetig vonstatten. Die geringe Effizienz der althergebrachten Bojarenduma war längst offenkundig. Im Jahre 1699 schuf Zar Peter neben der traditionellen Duma seine sogenannte „Nahe Kanzlei“ (Blishnjaja kanzeljarija), der acht Minister angehörten, welche die oberen staatlichen Ressorts (Prikase) verwalteten. Am 22. Februar 1711 wurde die „Nahe Kanzlei“ zum Senat umfunktioniert, der die alte Bojarenduma vollkommen überflüssig machte und ersetzte.
Ursprünglich sollte der Senat den Zaren während dessen Abwesenheit ersetzen. Seit dem Jahr 1722 avancierte er jedoch zum offiziellen regulären Verwaltungsgremium unter der Oberhoheit des Monarchen. Alle Senatsbeschlüsse wurden nur einstimmig verabschiedet. Das Fehlen einer der neun Senatorenunterschriften machte das unterzeichnete Dokument unwirksam. Die Senatsmitglieder besaßen weitgehende Vollmachten, waren jedoch Zar Peter persönlich verantwortlich.
In der Zeit zwischen den Jahren 1717 und 1721 wurden die alten Prikase durch zwölf neue Behörden ersetzt, die Kollegien hießen, weil sie kollegial verwaltet wurden. Im Unterschied zum Prikas hatte jedes Kollegium einen klar umschriebenen und festgelegten Arbeits- und Zuständigkeitsbereich. Auf diese Weise wurden Wirrwarr und Durcheinander im Bereich der Exekutivorgane überwunden, die der Regierung in der Zeit der Prikase große Schwierigkeiten bereitet hatten.
Im Jahre 1708 wurde Rußland zwecks einer noch strafferen Zentralisierung und Festigung der Staatsmacht in acht Gouvernements unterteilt: Moskau, Smolensk, Kiew, Asow, Ingermanland, Sibirien, Archangelsk und Kasan. An der Spitze jedes Gouvernements (Gubernija) stand ein vom Zaren ernannter Gouverneur (Gubernator). Im Jahre 1720 wurde jedes Gouvernement in Provinzen aufgeteilt. An der Spitze jeder Provinz stand ein Wojwode. Jede Provinz bestand wiederum aus einer Vielzahl von Distrikten mit Landkommissaren (Semskij komissar) an der Spitze. Dem Gouverneur blieben nur Militär- und Gerichtsangelegenheiten übrig, während alle anderen Funktionen von den Wojwoden und Landkommissaren übernommen wurden.
Auch das russische Gerichtswesen blieb von Peters Reformen nicht unberührt. Nunmehr standen auf der untersten Stufe des Gerichtssystems die sogenannten kollegialen Provinzialgerichte. Sie waren für Straf- und Zivilverfahren aller Stadtbewohner, die kein volles Bürgerrecht besaßen, sowie aller Bauern (außer solchen, die im Besitz von Klöstern waren), zuständig. Im Jahre 1722 gingen diese Funktionen an die Provinzialgerichte mit Wojwoden an der Spitze über. Stadtbewohner mit vollem Bürgerrecht standen in der Gerichtsbarkeit ihrer Magistrate. In jeder größeren Stadt befanden sich ein Handels- und ein Berufungsgericht. Die höchste gerichtliche Instanz bildete der Senat gemeinsam mit dem Justizkollegium.
Da es in der von Zar Peter eingeleiteten Transformationsperiode notwendig war, die einwandfreie und reibungslose Reformumsetzung an der Basis unaufhörlich zu verfolgen und zu kontrollieren, wurde dazu ein Fiskal-Sonderorgan ins Leben gerufen. Sein zweiter, nicht minder wichtiger Auftrag bestand in der Korruptionsbekämpfung. Peters Fiskale beschafften selbständig die nötigen Daten und nahmen jede Anzeige eines Denunzianten entgegen. In Wirklichkeit mißlang es Zar Peter jedoch, sein Fiskal-Kontrollsystem auf das ganze Land auszudehnen. Im Unterschied zu den Städten blieben die Landgebiete davon nicht erfaßt.
Die Militärreformen nach europäischem Muster wurden in Rußland bereits unter dem ersten Romanow-Zaren Michail Fjodorowitsch eingeleitet und unter dessen Sohn Zar Alexej Michailowitsch fortgesetzt, woraus sich die Präsenz zahlreicher „deutscher“ Offiziere und Fachleute im Moskowiterreich erklärte. Das russische Heer konnte sich jedoch noch immer nicht mit den westeuropäischen Heeren messen. Den Grundstock von Zar Peters neuem Heer bildeten seine ehemaligen „Belustigungsregimenter“ Preobraschenskij und Semjonowskij. Sie galten mit Recht als die bestausgebildeten. Der Zar selbst war Obrist seines Preobraschenskij-Leibgarderegiments und erhielt als solcher seinen Sold, worauf er Zeit seines Lebens großen Wert legte.
Im Zuge von Peters Heeresreform hatten ab 1705 je 20 Bauernhöfe einen Rekruten zu stellen, der praktisch lebenslänglich zu dienen hatte. Später richtete sich die Rekrutenzahl nach der Größe der gesamten männlichen Bevölkerung des jeweiligen Dorfs.
Anfangs wurde das Gros des Offizierskorps von eingewanderten, in russischem Sold stehenden Deutschen und anderen Ausländern gebildet, im Laufe der Zeit kamen jedoch immer mehr Absolventen einheimischer Navigations-, Artillerie- und Ingenieur-Offiziersschulen hinzu. Im Endergebnis erhielt Rußland eine europäisch ausgebildete, schlagkräftige reguläre Armee und eine ebenso gut ausgebildete und schlagkräftige Kriegsmarine. Marineakademie und Offiziersschulen bildeten vortreffliche Spezialisten des Kriegshandwerks aus.
Nicht minder erfolgreich war die von Zar Peter vorgenommene Kirchenreform. Schon seine Vorgänger auf dem Thron waren bestrebt, die kirchliche Autonomie zu beseitigen und die Kirche dem Staatsapparat unterzuordnen. Peters Großvater Zar Michail Fjodorowitsch mußte die Herrschaft über das Moskowiterreich lange Zeit praktisch mit dem Oberhaupt der russischen orthodoxen Kirche Patriarch Filaret teilen (der übrigens sein Vater war, was jedoch an der Tatsache der Doppelherrschaft nichts änderte). Zar Peters Vorgänger und Vater Zar Alexej Michailowitsch mußte einen zähen und langen Machtkampf mit dem Patriarchen Nikon führen, der sich (in Filarets Fußstapfen) gleich dem Zaren offiziell „Großer Herrscher“ (Welikij gosudar) nannte und die gleiche Stellung im Staate beanspruchte. Nikon wurde letzten Endes abgesetzt, doch das Patriarchat blieb nach wie vor bestehen. Die russische orthodoxe Kirche war ungeheuer reich an Geld, Ländereien und hörigen Bauern. Nach dem Tod des Patriarchen Hadrian (Andrian) sollte ein Kirchenkonzil (Sobor) zur Wahl eines neuen kirchlichen Oberhaupts einberufen werden. Statt dessen ernannte Zar Peter jedoch sofort per Dekret Stefan Jaworskij zum Patriarchen-Amtsverwalter. Das gesamte kirchliche Eigentum wurde durch Peters Kloster-Prikas verwaltet, der extra zu diesem Zweck gegründet wurde.
Im Jahre 1721 wurde auf Peters Geheiß das sogenannte Kirchenreglement erstellt. Danach wurde das Patriarchenamt in Rußland abgeschafft und durch den Heiligen (oder Allerheiligsten) Synod (eine Art staatliches Kultusministerium westeuropäisch-protestantischer Prägung) ersetzt. Jedes Mitglied des Synods wurde persönlich auf den Zaren vereidigt. An der Spitze des Heiligen Synods stand ein vom Zar persönlich ernannter Prokurator (meistens ein Laie). Das Gehalt kam vom Staat. So wurde die russische orthodoxe Kirche praktisch in den Staatsdienst übernommen. Peter schöpfte aktiv aus den beschlagnahmten Kirchenschätzen, ließ Kanonen aus Kirchenglocken gießen und Mönche für den Wehrdienst rekrutieren. Er wagte jedoch nicht, den umfangreichen Landbesitz der Kirche (samt der dazugehörigen zahlreichen Bauernschaft) zu säkularisieren. Dessen Verstaatlichung erfolgte erst später, unter Zarin Katharina der Großen, die sich an Peter dem Großen ein Beispiel nahm und dies immer wieder betonte.
Die von Peter geführten Kriege verschlangen Unsummen. Daher mußte der kriegerische Herrscher stets an immer neue Heeres- und Marinefinanzierungsquellen denken. Zuerst war Peters vor allem auf die Kriegsfinanzierung gerichtete Steuerpolitik ziemlich chaotisch. So wurden z.B. Fischfang, der Besuch von öffentlichen Bädern, die Nutzung von Reitpferden, der Kauf von Eichensärgen und sogar das Barttragen besteuert (wem der Zar Peter verhaßte Bart so wichtig war, der hatte gefälligst dafür zu zahlen). Nach der Finanzreform des Jahres 1704 wurde die Kopeke zur Hauptwährungseinheit. Während eine Kopeke vor der Finanzreform eine halbe Denga gekostet hatte, war sie nach der Reform zwei Dengas wert. Die Geldreform brachte auch Veränderungen im Steuerbereich mit sich. Vorher wurde jeder Bauernhof besteuert. Die findigen Bauern begannen jedoch gleich mehrere Häuser mit einem Zaun zu umgeben, was eine beachtliche Verringerung des gesamten Steuerertrags zur Folge hatte.
Nunmehr wurde die Kopfsteuer eingeführt. Besteuert wurde jeder männliche Steuerzahler unabhängig von seinem Alter. Dieses neue Besteuerungssystem war nicht einwandfrei. Es wurde nämlich von den Daten der jüngsten Revision (Volkszählung) ausgegangen. Daher mußten auch für die „toten Seelen“ (d.h. für diejenigen, die in der Periode zwischen zwei Volkszählungen verstorben waren) von den Hinterbliebenen Steuern entrichtet werden. Anderseits blieben die in dieser Zwischenzeit Geborenen von den Finanzbehörden unberücksichtigt. Das Hauptziel der Finanzreform wurde dennoch erreicht: Die Steuererträge des Fiskus nahmen bedeutend zu.
Peters Heeresreform, Flottenbau und aktive Außenpolitik machten die Entwicklung einer eigenen Industrie dringend notwendig. Der weitsichtige gekrönte Reformer hatte es sich zum Ziel gesetzt, seine Armee und Marine im vollen Umfang durch einheimische Industrieerzeugnisse zu versorgen. Da die Anzahl für den Aufbau der lokalen Produktion zur Verfügung stehender „deutscher“ (westlicher) Fachleute nicht ausreichte, wurden zahlreiche junge Adlige auf Staatskosten aus Rußland nach Europa zur Ausbildung geschickt.
Nach der erfolgreichen Erkundung zahlreicher Bodenschätze im Uralgebiet entstand dort bereits im Jahr 1723 die erste Eisenhütte. Werk- und Fabrikbesitzer genossen beachtliche steuerliche Vergünstigungen. Das Problem des Arbeitskräftemangels in den neuen, meist entlegenen und dünn besiedelten Industriegebieten wurde auf Zar Peters Geheiß schlagartig und radikal gelöst. Ganze Dörfer samt Bevölkerung wurden den neuen Industriewerken „zugeordnet“, d.h. zur zeitlich unbegrenzten Fronarbeit verpflichtet. Außerdem erhielten die Fabrikbesitzer das uneingeschränkte Recht, hörige Bauern bei deren Besitzern zu kaufen und als leibeigene Fabrikarbeiter einzusetzen.
Auf dem Handelsgebiet war Zar Peter von der Notwendigkeit überzeugt, örtliche Produzenten zu schützen. Sein Staat führte, ganz im Sinne des von ihm vertretenen und praktizierten Protektionismus, hohe Ausfuhrzölle für im eigenen Land erzeugte Waren ein.
Im großen und ganzen haben Zar Peters Reformen Rußland gewaltig verändert. Er war unermüdlich bestrebt, sein Land nach europäischem Muster zu verändern (wobei er, im Unterschied zu seinen Nachfolgern, in erster Linie Holland und England zum Vorbild hatte). Nicht alle seine Vorhaben ließen sich reibungslos verwirklichen, was den tatkräftigen Monarchen jedoch nicht von der Umsetzung seiner weitreichenden Pläne abhielt. Für ihn schien es nichts Unmögliches zu geben. Daher trug eine unter ihm geprägte Denkmünze die russische Inschrift Nebywaloje bywajet („Für Beispielloses gibt es Beispiele“, oder: „Was nicht sein kann, kann sein“).
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Zarewitsch Peters „Kriegsmarinespiele“ waren für ihn mehr als nur „sinnvolle Freizeitgestaltung“. Sie waren vielmehr eine frühe Ausdrucksform des Wunschtraums seines ganzen Lebens, für Rußland den Zugang zum Meer zu erkämpfen, und zwar im Süden wie im Norden. So verstand er seinen wichtigsten außenpolitischen Auftrag. Indessen waren Baltikum und Ostsee in schwedischer, das Asowsche und das Schwarze Meer in türkischer Hand (wobei die Türken von den räuberischen Krimtataren unterstützt wurden).
Die türkische Festung Asow am Asowschen Meer wurde zu Peters erstem Kriegsziel. Im Jahre 1695 begann der noch ganz kriegsunerfahrene Zar an der Spitze der ehemaligen „Spielzeugregimenter“ und eines großen, jedoch schlecht ausgebildeten Heeres seinen Ersten Asowschen Feldzug, der wider Erwarten von keinem Erfolg gekrönt war, was an der unzulänglichen Truppenorganisation, vor allem aber am Fehlen von Kriegsschiffen lag. Asow wurde nämlich von der Seeseite ständig durch die türkische Flotte versorgt.
Peter war stets in der Lage, aus seinen Mißerfolgen die nötigen Schlüsse zu ziehen. Innerhalb kürzester Frist wurden auf den Werften von Woronesch 30 Kriegsschiffe erbaut und Asow im zweiten Anlauf genommen. Rußland erhielt den langersehnten Zugang zum Asowschen Meer, war jedoch immer noch außerstande, ohne Verbündete einen langen Krieg gegen das mächtige Osmanische Reich zu wagen. Ebenso aussichtslos erschien Peter auch ein selbständiger Krieg Rußlands gegen das mächtige Schweden um den Zugang zur Ostsee. Doch im Unterschied zum geplanten Krieg gegen die Hohe Pforte fand Peter gegen Schweden Verbündete. Im Bund mit Dänemark, Polen-Litauen und Sachsen entfesselte er den Großen Nordischen Krieg. Dieser lange, schwere und wechselhafte bewaffnete Konflikt dauerte 21 Jahre (1700–1721).
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Die Belagerung der schwedischen Festung Narva wurde Zar Peter zum wahren Desaster. Er konnte sich zwar noch persönlich in Sicherheit bringen, doch sein gesamter Kommandostab geriet in schwedische Gefangenschaft. Die russischen Truppen (von den Regimentern Preobraschenskij und Semjonowskij abgesehen) ergriffen die Flucht. Die gesamte Feld- und Belagerungsartillerie fiel den siegreichen Schweden in die Hände. Von der Größe und Schnelligkeit seines Sieges berauscht, hielt Schwedenkönig Karl XII. Zar Peter für besiegt und wendete sich daher gegen Sachsen und Polen-Litauen (Dänemark war von ihm schon vorher aus dem Spiel geschlagen worden).
Indessen arbeitete der geschlagene, doch nicht besiegte „Zar und Zimmermann“ fieberhaft an der Aufstellung einer neuen, gut ausgebildeten regulären Armee, wobei er sein ganzes Land für die Erreichung seiner Kriegsziele zu mobilisieren verstand. ?ereits im Jahre 1702 erfocht Zar Peters neue Armee ihren ersten bedeutenden Sieg, indem sie die schwedische Festung Nöteborg (russ. Oreschek) zu erstürmen vermochte. Im darauffolgenden Jahr wurde zwecks Verankerung der neuen Eroberungen in der Newamündung Rußlands neue Hauptstadt St. Petersburg gegründet. Von dort aus, möglichst weit weg vom traditionsbehafteten und zu stark asiatisch geprägten Moskau, plante Peter, „ein Fenster nach Europa durchzuhauen“.
Im Jahre 1704 eroberten seine Heerscharen die schwedischen Bollwerke Narva und Dorpat. Peter begann, zeitweise durch den gefährlichen Donkosakenaufstand unter Ataman Kondratij Bulawin (1707/08) vom Nordischen Krieg abgelenkt, immer aktiver in die Kampfhandlungen auf dem polnisch-litauisch-sächsischen Schauplatz einzugreifen. Der dadurch immer stärker gereizte ?arl XII., der seinen russischen Rivalen lange Zeit für besiegt gehalten hatte, entschloß sich schließlich zur Invasion, stieß jedoch im Grenzgebiet auf unerwartet starken und zähen russischen Widerstand. Doch der Übergang des kleinrussischen (ukrainischen) Kosakenhetmans Iwan Masepa und des Atamans der Saporoger Kosaken Konstantin Gordijenko zu den Schweden erleichterte Karl das Handwerk. Masepa versprach dem Schwedenkönig ein 50.000köpfiges Kosakenkontingent. In Wirklichkeit blieb die Mehrheit der Kosaken Zar Peter treu, der Iwan Skoropadskij zum Gegen-Hetman ernannte. König K?rls Lage wurde immer schwieriger. Wegen Proviantmangels mußte er die an allerlei Vorräten reiche russische Festung Poltawa belagern, die den Schweden bis zu Zar Peters Ankunft mit einem großen Entsatzheer zähen Widerstand leistete.
Am 27. Juli 1709 fand die Schlacht bei Poltawa statt. Ihr für Zar Peter günstiger Ausgang wurde durch die vorherige Schlacht bei Lessnaja vorausbestimmt, in der die Schweden fast ihre gesamte Artillerie sowie für König Karl bestimmte Pulver- und Proviantvorräte an die Russen verloren hatten. Infolgedessen mußte der am Vorabend in einem Scharmützel verwundete ??rl XII. mit nur zwei Kanonen und wenig Schießpulver in die Schlacht ziehen. Nach langem und verlustreichem Kampf um die mit 100 Kanonen bestückten russischen Schanzen stellte sich Zar Peter an die Spitze seiner Truppen und spaltete das Schwedenheer in zwei Teile. Bereits gegen 11 Uhr blieb vom stärksten Heer Europas kaum etwas übrig. König Karl und Hetman Masepa flohen mit dem Rest ihrer versprengten Truppen über die nahe Grenze und fanden in der türkischen Stadt Bendery Zuflucht.
Der Sieg von Poltawa war für den Ausgang des Nordischen Krieges zugunsten Rußlands und dessen Verbündeten entscheidend. Nach diesem glänzenden Sieg über die überall gefürchteten Schweden wurde Rußland endlich von allen europäischen Großmächten ernst genommen. Eines von Zar Peters Zielen war erreicht.
Inzwischen wurden an der „Südfront“ die schwedenfreundlichen Osmanen aktiv, die den Verlust ihrer Festung Asow nicht länger zu dulden willens waren. Um ihnen eine Lektion zu erteilen, zog der siegreiche „Zar und Zimmermann“ in der Hoffnung auf die ihm versprochene Hilfe der von den Türken abhängigen christlich-orthodoxen Fürstentümer Moldowa (Moldawien) und Walachei mit einem starken Heer gegen das Osmanische Reich. Als Peter bereits das Dnjestrufer erreicht hatte, erfuhr er vom Frontwechsel des Herrschers der Walachei, Gospodar Brancovans, der sich auf die Seite der Türken gestellt hatte. Der Feldzug konnte jedoch nicht mehr gestoppt werden, da er sozusagen eine Eigendynamik entwickelt hatte.
Der türkische Sultan war zum besagten Zeitpunkt über immer größere innere Unruhen in seinem Riesenreich besorgt. Er befürchtete einen Aufstand seiner zahlreichen christlichen Untertanen. Da der Sultan nicht in der Lage war, sowohl gegen seinen inneren als auch gegen seinen äußeren Feind Krieg zu führen, machte er Zar Peter ein großartiges Friedensangebot. Er war bereit, seine Gebiete bis zur Donau an Peter abzutreten. Der Zar schlug dieses Angebot jedoch aus, weil seine Pläne viel weiter reichten.
Im Endergebnis wurde das 40.000köpfige russische Heer am Fluß Pruth von 130.000 Türken in die Zange genommen. Die Lage der Russen war so schwierig, daß Peter einen Sonderukas erließ, im Falle seiner Gefangennahme seine weiteren Weisungen nicht zu befolgen und nur die vom Senat selbständig gefaßten Beschlüsse zu erfüllen.
Nunmehr konnte der türkische Sultan als der Stärkere Zar Peter seine Friedensbedingungen aufzwingen. Das umzingelte russische Heer kam zwar frei, jedoch ohne seine Artillerie. Außerdem wurde Rußland zur Rückgabe der Festung Asow und aller anderen auf ehemals türkischem Gebiet errichteten Bollwerke verpflichtet. König K?rl XII., der sich immer noch im türkischen Asyl befand, wurde ungehinderte Rückkehr nach Schweden gewährt, damit er weiter gegen Rußland und dessen Verbündete Krieg führen konnte. Peters Pruth-Feldzug gegen die Türken hatte wider Erwarten keine neuen Eroberungen, sondern ganz im Gegenteil den Verlust des vorher Eroberten und die Rückkehr zur alten russisch-türkischen Grenze zur Folge.
Nach dieser schweren Schlappe wurde Peter wieder an der Grenze zu Schweden aktiv. Die von ihm neu aufgestellte Ostseeflotte besiegte die Schweden in der Seeschlacht am Kap Hangö im Jahre 1714. Das war der erste große Sieg der russischen Kriegsmarine über die Schweden, an dem Zar Peter persönlich beteiligt war. Weitere Seesiege folgten. Schließlich waren die Russen in der Lage, das schwedische Hoheitsgebiet durch Landetruppen zu verwüsten. Trotzdem ging der Nordische Krieg weiter, woran auch König Karls Tod nicht viel änderte.
Schließlich wurde am 30. August 1721 der russisch-schwedische Friedensvertrag von Nystadt unterzeichnet. Schweden erhielt den größeren Teil des von den Russen eroberten Finnland zurück. Für das russisch besetzte Baltikum wurde Schweden mit einer fetten Kontribution entschädigt. Doch Rußland erhielt den langersehnten Zugang zur Ostsee, und das überwog alles andere. Deutschbaltische Städte und Adelige wurden nach den Rigaer Kapitulationen auf den russischen Monarchen vereidigt, zu dessen wichtigster innenpolitischen Stütze sie sehr bald avancierten. Im Besitz einer großen eigenen Flotte, hatte Rußland nunmehr weitgehende Möglichkeiten, seine wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen ungehindert zu erweitern.
Zar Peter wurde vom dankbaren Senat zum Kaiser aller Reußen proklamiert und mit dem Titel „Vater des Vaterlands“ geehrt. Der mit viel Schweiß und Blut erkaufte Sieg über Schweden im Großen Nordischen Krieg hatte jedoch Peters militärische Ambitionen bei weitem nicht befriedigt. Als im benachbarten Persien innere Unruhen ausgebrochen waren, schickte er im Frühjahr 1722 ein starkes russisches Expeditionskorps dorthin. Im Ergebnis dieses Persischen Feldzuges wurden süd- und ostkaspische Gebiete besetzt, die als Aufmarschgebiet für ein weiteres Vordringen nach Indien dienen sollten. Eine andere russische Expedition erreichte die mittelasiatische Oase Chiwa, wurde dort jedoch durch Einheimische aufgerieben.
Obwohl Peter dem Großen auf außenpolitischem Gebiet nicht immer Erfolg beschieden war, konnte der Zar schnell aus seinen Fehlern lernen und aus seinen Niederlagen Lehren für die Zukunft ziehen. Eines seiner Hauptziele war zumindest erreicht. Das zur Großmacht mit einer starken Armee und nicht minder starken Kriegsmarine avancierte Rußland konnte endlich festen Fuß an der Ostseeküste fassen
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Peter der Große hinterließ zweifellos eine überaus markante Spur in der Geschichte Rußlands. Sein unsteter Charakter mußte sich aber zwangsläufig in so mancher Hinsicht auf seinen Regierungsstil auswirken. Er war es gewohnt, alle von ihm formulierten Aufgaben gründlich und planmäßig anzugehen, alle sich daraus ergebenden Probleme unverzüglich zu bewältigen und seine Ziele mit allen Mitteln zu erreichen, wobei er stets bereit und willens war, selbst mit Hand anzulegen.
Zar Peters Innenpolitik entsprach in vielerlei Hinsicht den Anforderungen seiner Zeit. Er vermochte es, die längst überholte Bojarenduma zuerst zu entmachten und dann ganz abzuschaffen. Die alten, ineffizienten Prikase wurden durch effizientere Kollegien ersetzt. Peters protektionistische Politik gab dem Ausbau der örtlichen Produktion den notwendigen Anstoß. Die Aufstellung eines starken Heeres sicherte die Machtstellung des Russischen Reiches. Nach Zar Iwan dem Gestrengen war Peter der Große der erste russische Herrscher, der Rußland den Zugang zur Ostsee freizukämpfen und eine schlagkräftige Kriegsflotte zu schaffen vermochte. Darauf gestützt, schlug er die – damals wohl weltstärkste – schwedische Armee und besiegte in mehreren Seeschlachten die schwedische Kriegsmarine.
Sehr umstritten bleibt Peters Verhältnis zum „gemeinen Volk“ (d.h. zu seinen nichtprivilegierten Untertanen). Die von ihm eingeführte Kopfsteuer war eine schwere Last für die breiten Bevölkerungsmassen. Der Bau der neuen „westeuropäischen“ Hauptstadt St. Petersburg in sumpfiger, unwirtlicher Gegend mit rauhem Klima kostete viele tausend Menschenleben. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ er ganze Dörfer neuen Industriebetrieben „zuordnen“, um diese mit Fronarbeitern zu versorgen, und schien kein besonders mildes Herz für hörige Bauern zu haben. Der Kaiser aller Reußen war oft grausam und machte sich keine besonderen Gedanken über einzelne Menschenschicksale (wohl davon ausgehend, daß die ganze Bevölkerung seines Landes vom gleichen Wunsch wie er beseelt sei, Rußland zur Großmacht zu erheben, koste es, was es wolle).
Zar Peter schonte nicht einmal das Leben des eigenen Sohns aus erster Ehe und Thronerben Zarewitsch Alexej, der sich den Reformen seines Vaters zu widersetzen wagte. Anderseits opferte der Kaiser aller Reußen sein eigenes Leben für seine Untertanen. Er starb 1725 an den Folgen einer schweren Erkältung, die er sich bei der Bergung in Seenot geratener Fischer im Finnischen Meerbusen zugezogen hatte.
Alles in allem war Zar Peter als Fürst und Mensch gleich groß. Solche Männer werden nur selten geboren. Sie verstehen es jedoch, andere anzuführen und die Welt für immer zu verändern.
Otto Ernst (1862–1926)
Nis Randers
Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd –
Ein Schrei durch die Brandung!
Und brennt der Himmel, so sieht mans gut.
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sichs der Abgrund.
Nis Randers lugt – und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.“
Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich wills, deine Mutter!
Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!“
Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und seine Mutter?“
Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.
Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muß es zerschmettern ...! Nein, es blieb ganz ...!
Wie lange? Wie lange?
Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.
Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!
Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? – Ein Boot, das landwärts hält –
Sie sind es! Sie kommen! – –
Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt …
Still – ruft da nicht einer? – Er schreits durch die Hand:
„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“
Peter der Große verlor sein Leben mit nur 52 Jahren infolge einer schweren Erkältung, die er sich
bei der Bergung in Seenot geratener Fischer im Finnischen Meerbusen zugezogen hatte. Das letzte Bild dieses Beitrags
illustriert die Ballade.