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Als zur letzten Jahrhundertwende in der englischsprachigen Welt mehrere Umfragen durchgeführt wurden, welches Buch wohl das einflußreichste des 20. Jahrhunderts gewesen sei, gewann immer – sehr zum Leidwesen mancher Literaturkritiker – J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“, und zwar umso deutlicher, je mehr Menschen befragt worden waren. Kurz danach kam die Filmtrilogie in die Kinos, und Bilbo, Elrond und Theoden sind bei heutigen Jugendlichen bekannter als Dietrich von Bern, Herkules oder Romulus und Remus.
Von Dipl.-Kfm. Heiko Hofmann
Der Familienname Tolkien stammt ursprünglich aus Ostpreußen, wo nach einer möglichen Theorie der Tolke das ostgermanisch-baltische Gegenstück zum Barden oder Skalden gewesen war. J.R.R. Tolkiens Vater Arthur wandert mit seiner Frau Mabel, geborene Suffield, nach Südafrika aus. Beide Eheleute kommen aus Familien, die durch eine Firmeninsolvenz gegangen sind, so daß sie in Übersee ihr Glück versuchen. Am 3. Jänner 1892 wird John Ronald Reuel Tolkien in Bloemfontein, Oranje-Freistaat, geboren, zwei Jahre später sein Bruder Hilary. Seine Mutter pflanzt Bäume in die Ödnis, und der dreijährige Ronald wird im Garten von einer Tarantel gebissen – sowohl im „Silmarillion“ als auch im „Hobbit“ und im „Herrn der Ringe“ finden sich Monsterspinnen. Da der junge Ronald das Klima nicht verträgt, bricht die Mutter mit den Kindern zum Heimaturlaub nach Birmingham auf, während der Vater in Südafrika bleibt. Arthur Tolkien stirbt plötzlich und unerwartet in Südafrika, als seine Familie weit weg über die See ist. Mabel Tolkien hält sich mit dem Erbe – etwas Geld und einige Bergwerksaktien –, Privatunterrichtsstunden und Zuwendungen der Familie mehr schlecht als recht über Wasser, opfert aber alles für ihre beiden Söhne, die glücklich, aber in ärmlichen Verhältnissen aufwachsen.
Seine Mutter leidet selbst an Diabetes, die man damals noch nicht richtig behandeln und schon gar nicht heilen kann. Als junge, alleinerziehende Witwe stellt sie sich Fragen nach dem Sinn des Lebens, die ihr die anglikanische Kirche nicht beantworten kann, so daß sie mit ihren beiden Söhnen zum Katholizismus konvertiert. Als auch die Mutter stirbt, ist Tolkien mit zwölf Jahren Vollwaise. Seine Vormundschaft und weitere Erziehung wird von den Oratorianern des heiligen Philipp Neri übernommen. Testamentsbedingt wird der Beichtvater seiner Mutter, Pater Francis Morgan, sein Vormund, der Mabel schon bei ihrer Konversion begleitet hatte. Sein Sprachtalent fällt sehr früh auf, und er darf eine höhere Schule besuchen. Mit seiner geliebten Frau, die er als armer Waisenjunge zunächst nicht heiraten konnte und die ihm zuliebe ebenfalls konvertiert, hat er vier Kinder. Im Ersten Weltkrieg fallen zwei seiner drei besten Freunde, während er sich nach einem Fronteinsatz mit Grabenfieber infiziert und von Lazarett und Heimatfront aus weiter als Nachrichtenoffizier dient. Die Geldsorgen bleiben sein ständiger Begleiter, auch als er bereits einen Lehrstuhl für Angelsächsisch in Oxford innehat. Er ist Teil des Literaturprofessorenclubs der „Inklings“, was ihn in langer Freundschaft mit C.S. Lewis, dem großen christlichen Apologeten[i] und Autor der „Narnia“-Reihe, verbindet. Erst nach seiner Pensionierung und dem Aufkommen des Kultes um seine Bücher ermöglichen ihm die Autorenhonorare ein sorgenfreies Leben. Er kommentiert das mit: „Ich hoffe nur, ich bin Gott dankbar genug“. Nach seinem Tod im Jahr 1973 tritt sein Sohn Christopher sein literarisches Erbe an und bringt nach und nach die noch nicht veröffentlichten Bücher seines Vaters heraus. Seit einiger Zeit wird bei den Oratorianern in Birmingham für seine Seligsprechung gebetet.
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Er weiß, daß seine Mutter alles für ihn geopfert hat, und opfert selbst alles für seine Kinder. Als Student und später als Professor nimmt er das Wissen seiner Hochschullehrer auf, erweitert, bereichert und vermehrt es und gibt es dann an seine eigenen Studenten weiter, die aufgrund der guten Betreuung überdurchschnittliche Ergebnisse erzielen. Er setzt sich für den Erhalt von Natur und Heimat ein und erkennt, daß „Fortschritt“ nichts per se Positives ist. Er ist Patriot, Katholik und Monarchist.
Mabel Tolkien konvertiert mit ihren Söhnen Ronald und Hilary im Jahr 1900 zum Katholizismus. Im Jahr 1900 ist der große John Henry Newman seit gerade einmal zehn Jahren tot. Erst 1850 war die katholische Hierarchie in England wiederhergestellt worden, und noch bis 1679 hatte es in England Hinrichtungen katholischer Märtyrer gegeben. Der Katholizismus gilt im klassenbewußten edwardianischen England als Unterschichtenreligion ungebildeter irischer Dienstboten und Hafenarbeiter. Welchen seelischen Weg Mabel Tolkien bei ihrer Konversion durchgemacht hat, läßt sich nur schwer ermessen, zumal ihr sowohl die Tolkiens als auch die Suffields nach ihrer Annahme des katholischen Glaubens die finanzielle Unterstützung entziehen. In Tolkiens Herz nimmt der Glaube den Platz der Mutter ein, die er als Märtyrerin sieht: „She worked and cared herself to death just to keep us in creed“. Und obwohl er ursprünglich vermeiden wollte, irgendwelche religiösen Bezüge in den „Herrn der Ringe“ einzubringen, ist dieser unterbewußt voll davon. In der Herrin Galadriel (was sich als „Die Strahlengekrönte“ übersetzen läßt) kann man so deutlich eine Mariengestalt erkennen wie im Lembas, dem elbischen Wegbrot, welches weniger den Körper, aber umso mehr den Geist erhält, und zwar umso mehr, je stärker man daran glaubt, die Eucharistie.
Tolkien war ein fleißiger Briefeschreiber: an seine Kinder, Arbeitskollegen und natürlich an die Bewunderer seiner Bücher. Einerseits hielt ihn die viele Fanpost vom Weiterschreiben an seinen Geschichten ab, anderseits ist über die Briefe vieles überliefert, was sonst vielleicht verborgen geblieben oder der Vergessenheit anheimgefallen wäre. So vergleicht er im Spätsommer 1945 den Einsatz der Atombombe mit dem Turmbau zu Babel. Eine explizite Verteidigung des monarchistischen Prinzips sucht man in den Briefen vergebens, es war für ihn einfach selbstverständlich. Der „Herr der Ringe“ gipfelt natürlich in der Rückkehr des Königs, wobei Gondor die Monarchie nie abgeschafft hatte; der Thron war lediglich verwaist und wurde von einem Statthalter treu verwaltet. Im „Hobbit“ tritt uns der Meister der Seestadt als moderner und „demokratischer“ Politiker gegenüber, der in Wahlperioden denkt, dem das Wohl seines Landes eigentlich egal ist und der vor allem auf seine Pfründen achtet. Doch auch im „Hobbit“ kehrt am Ende der König zurück: in Gestalt von Bard, dem Bogenschützen, der ein direkter Nachfahr des letzten Königs der Nordmenschen von Erebor ist, welcher im Kampf mit dem Drachen gefallen war.
Insbesondere in den USA wurde der „Herr der Ringe“ ein Kultbuch der Hippiebewegung. Man kann eintauchen in eine phantastische Welt. Tolkien liebt Bäume und schreibt an gegen Technikwahn und eine die Natur zerstörende Industrialisierung. Frodo ist als kleiner, schwacher Hobbit die zentrale Figur der Geschichte, die auch Gollum gegenüber Gnade zeigt und am Ende zu scheitern droht. Er ist kein strahlender Ritter in schimmernder Rüstung, der alle Feinde niedermacht. Im Buch ist er sogar der einzige der neun Ring-Gefährten, der kein einziges Leben nimmt. Frodo kommt zwar aus dem Krieg zurück, den Ruhm kassieren aber andere. Er behält seine Wunden, und diese verzehren ihn langsam – heute würde man vielleicht von einer Posttraumatischen Belastungsstörung sprechen.
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Wenn ein heutiger Leser einen Fantasyroman aufschlägt, dann erwartet er schon, sich gleich auf der ersten Seite in einer völlig neuen Welt mit eigener Geographie, eigenen Mythen, eigenem Magiesystem und eigenen Göttern zu befinden. Tolkien konnte das von seinen Lesern nicht erwarten, weil es so etwas wie Fantasyliteratur vor ihm noch nicht gab. Tolkiens Welt begann mit seinem linguistischen Werk: Als erstes waren die Sprachen da, jetzt fehlten noch Völker, die diese Sprachen sprechen, und Länder, in denen „Anar caluva tielyanna!“[i] ein normaler Gruß ist. Auch beim Erschaffen seiner Welten ging Tolkien mit linguistischen Methoden vor: Wenn man den englischen „dwarf“ neben den deutschen „Zwerg“ stellt, haben diese auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Weiß man jetzt aber, daß Zwerg auf Isländisch „dvergr“ heißt, und kennt man sich ein wenig mit sprachlichen Mechanismen und Lautverschiebungen über die Jahrhunderte aus, so hat man die gemeinsame historische Wurzel beider verwandten Wörter gefunden. Und für Tolkien als Philologen war klar: Wenn es ein gemeinsames Wort gab, mußte es auch eine gemeinsame Vorstellung davon gegeben haben, wie so ein Zwerg ausschaut und was er tut. Ähnlich ging Tolkien auch beim Erschaffen seiner Welt vor: eine fiktive Geschichte, die an Stelle dessen trat, was einmal die gemeinsame historische Wurzel verschiedener überlieferter Mythen und Märchen gewesen sein könnte. Adler waren sowohl Odin als auch Zeus/Jupiter heilig, also spielen die Adler auch in Tolkiens Werken eine wichtige Rolle. Sigurd, Theseus und Artus sind zunächst Königssöhne ohne Thron und legitimieren ihren Herrschaftsanspruch durch den Besitz eines besonderen Schwertes. Wo ein moderner Autor jetzt denken würde: „Dieses Motiv möchte ich nicht übernehmen, sonst könnte man ja meinen, ich hätte abgeschrieben“, dachte Tolkien genau umgekehrt: Nachdem es ein gemeinsames Motiv in verschiedenen Sagenkreisen gab, übernahm er es natürlich in seine rekonstruierte Welt, die eine fiktive Vorvergangenheit der europäischen Völker repräsentiert, deren Nachhall wir heute noch in verschiedenen Sagen und Legenden spüren.
Professor Tolkien galt als größter Experte für das angelsächsische Epos „Beowulf“[ii], das – ganz ähnlich wie die Edda Snorri Sturlusons – zwar in heidnisch-vorchristlicher Zeit spielt, aber von einem Christen verfaßt wurde. Offensichtlich jedoch von einem Christen, der stolz auf seine Altvorderen und deren Erbe war und diese nicht verdammte. Mit der Vorstellung, daß ein Sigurd, ein Hektor oder Cincinnatus der ewigen Verdammnis anheimfallen sollten, nur weil sie eben (noch) keine Christen gewesen waren – und dies ja gar nicht sein konnten –, hat sich Tolkien nie anfreunden können. Sein Werk ist voller Motive und Parallelen zur germanisch-nordischen, griechisch-römischen und keltischen Mythologie. Für Parallelen zum Neuen Testament muß man schon sehr genau hinschauen. Anders als bei C.S. Lewis, dessen Löwe Aslan in den „Narnia“-Geschichten ganz eindeutig eine Christusfigur ist, sind im „Herrn der Ringe“ zwar mehrere, aber keine eindeutigen Christusbezüge zu erkennen. Aragorn geht über die Pfade der Toten. Er hat als einziger die Macht, diese zu erlösen, und zieht dann als rechtmäßiger König in die Hohe Stadt ein. Frodo nimmt das durch den Ring verkörperte Übel der Welt auf sich und trägt es zum Schicksalsberg[iii], wobei Sam (Simon) ihm zu tragen hilft. Gandalf steht in der Tiefe dem Feuerdämon mit Hörnern und Hufen gegenüber; er gibt sich hin, um seine Freunde zu retten, fällt in den Abgrund des Todes und kommt nach einigen Tagen in blendendem Weiß zurück. Aber blicken wir noch einmal auf die Szene mit Gandalf und dem Balrog auf der Brücke von Khazad-Dum: Schaut man mit dem Wissen um die heidnischen Götter Asgards darauf, dann kann man den Feuerriesen Surtur erkennen, wie er über die Regenbogenbrücke Bifröst stürmt, um Walhalla in Brand zu setzen und damit Ragnarök, den Weltuntergang, einzuläuten. Heimdall, der Wächter der Götter, stellt sich ihm entgegen, und im Kampf zerbricht die Brücke. Tolkien wußte um solche Doppeldeutigkeiten und hat sie immer wieder in seine Geschichten eingewoben. Gandalf und Aragorn erscheinen einem Engländer eher als Merlin und König Artus, während ein Deutscher bei der Kombination aus jungem, strahlenden Helden und altem, weisen Berater vielleicht eher an König Gunter und Hagen von Tronje oder an Dietrich von Bern und Meister Hildebrand denken würde. Wenn man sich also fragt, wie eine bestimmte Szene zu verstehen und zu interpretieren ist: Es gibt mehrere Möglichkeiten. Und gerade in konservativen Kreisen gibt es ja einige, die nicht nur durch die christliche, sondern auch durch die germanisch-nordische Brille zu blicken verstehen, auch ohne sich diese zu eigen zu machen.
Um Tolkien richtig zu verstehen, geht man meist nicht falsch darin, seine Texte vom katholisch-vorkonziliaren Standpunkt aus zu betrachten. Das geht natürlich auch alles ganz anders: Im Sommer 2021 veranstaltete die englische „Tolkien Society“, gleichsam die Mutter aller Tolkiengesellschaften, eine Sommerakademie zum Thema „Tolkien and Diversity“, also den „Herrn der Ringe“ einmal nicht durch die christliche, nordische oder keltische, sondern durch die Regenbogenbrille betrachtend. Da wurde dann zum Beispiel thematisiert, daß mit den Hobbits, die ja von den Menschen kaum wahrgenommen wurden, „Minderheiten sichtbar“ gemacht würden oder mit der sich entwickelnden Freundschaft zwischen Legolas und Gimli „rassistische Stereotype“ bekämpft werden sollten. Und natürlich läßt sich in Eowyns Rolle als Schildmaid, die den Tod der Verzweiflung vorzieht und verkleidet mit in die Schlacht zieht, allerlei Genderideologie hineininterpretieren. Dem Autor dieser Zeilen sind solche Gedankengänge fremd, doch fragt er sich, was Tolkien selbst von dieser Interpretation seiner Bücher gehalten hätte.
Tolkiens Werke sollten zunächst einmal aus seiner Lebenserfahrung und -prägung heraus interpretiert werden. Und es kann nur gemutmaßt werden, wie er sich beispielsweise zu „Queer-Messen“ in einer katholischen Kirche des synodalen Weges gestellt hätte. Zumindest eine Anekdote ist überliefert: Als nach dem zweiten Vatikanischen Konzil in seiner Kirche die Liturgie auf einmal in Englisch gehalten wurde, gab er die Antworten („and with your spirit“ – „et cum spiritu tuo“) weiterhin auf Latein, und zwar so laut, daß es seinen ihn begleitenden Kindern peinlich war.
Peter Jackson hat mit seiner ersten und lang erwarteten Trilogie Maßstäbe gesetzt, die auch 20 Jahre später noch unübertroffen sind. Die 17 Oscars, mit denen die Filme insgesamt bedacht wurden, erhielten sie völlig zu Recht, auch in Anbetracht der Tatsache, daß die Academy Awards damals noch eine andere Wertigkeit als heute hatten. Einiges ist im Buch etwas anders. Zwei der rätselhaftesten Gestalten, Glorfindel und Tom Bombadil, fehlen im Film ganz, dafür ist Arwens Rolle deutlich ausgeprägter. Das ist prinzipiell völlig in Ordnung. Was nicht in Ordnung ist, ist genau jenes, was einer Anpassung an Hollywoodgepflogenheiten geschuldet zu sein scheint. In einem Drehbuch braucht es einen comic relief, eine Witzfigur, welche Rolle im Film ausgerechnet Gimli zugedacht wird. Der Buch-Legolas wird als ausdauernder und zäher Kämpfer, Bogenschütze und Waldläufer beschrieben, nicht als langhaariger und immer adrett frisierter Mädchenschwarm. Denethor und Boromir sind im Buch lange nicht so böse und als Charaktere viel vielschichtiger, aber auch der unbedarfte Kinogänger soll merken, daß Gondor dringend wieder einen König braucht. Auch der Konflikt zwischen Denethor und Faramir wird weit überzogen, aber Vater-Sohn-Konflikte lassen sich immer gut verkaufen. Im Grunde sind das jedoch nur Kleinigkeiten.
An der „Hobbit“-Verfilmung gibt es schon mehr zu bemängeln. Ein einzelnes Buch ebenfalls zur Trilogie aufzublasen, wird wohl vor allem mit Profitgier zu erklären sein. Das im Buch nicht enthaltene Auftauchen von Mädchenschwarm Legolas und dessen Superheldenrolle ebenfalls. Daß eine komplett neue Frauenrolle hineingeschrieben wurde, ist eine Anpassung an den Zeitgeist – daß diese dann als bessere Kämpferin als ihre männlichen Kameraden präsentiert wird, ist aus einer werkimmanenten Sicht heraus völlig abwegig. Eowyns Rolle war von Tolkien sicher als absolute Ausnahme gedacht. Daß sich dann auch noch eine Romanze zwischen einer Elbin und einem Zwerg entwickelt, ist schließlich absurd, aber Liebesgeschichten über „Rassen“-Grenzen hinweg hat man ja heute aber sehr gern. Die beiden Orks Azog und Bolg kommen im Buch zwar auch nicht vor,[iv] aber vielleicht dachte man, dem Computerspiele gewohnten Publikum einen „Endgegner“ präsentieren zu müssen. Daß gewisse Anpassungen gemacht werden, um ein möglichst breites Zielpublikum anzusprechen und möglichst viele Besucher – am besten mehrmals – ins Kino zu locken, ist aus einer unternehmerischen Sicht noch akzeptabel. Nicht akzeptabel ist vorauseilender Gehorsam gegenüber „woken“ Modeerscheinungen, die Tolkien so niemals in sein Werk aufgenommen hätte.
Auf die neue Verfilmung möchte der Autor dieser Zeilen nur kurz eingehen, da er sie sich nicht angesehen hat und das auch nicht tun möchte: Man sah bei Amazon den Erfolg, welchen die Konkurrenz mit „Game of Thrones“ hatte, und wollte auch viel Geld verdienen. Marketingtechnisch war es natürlich sehr schlau, auf den Tolkienhype aufzusatteln. Das Kalkül war wohl, daß die wirklichen Tolkienfans es sich ohnehin anschauen würden, egal, was passiert, und daß man es möglichst zeitgeistkonform mit viel „Diversität“ machen wollte, damit man auch außerhalb der festen Tolkiencommunity ein möglichst breites zusätzliches Publikum erreicht und zum Kaufen verführt. Der Respekt und die Ehrerbietung gegenüber Tolkiens Werk, welche man bei Peter Jackson durchaus spüren konnte, fehlen hier völlig. Es wurde rein unter dem Aspekt der Geldmacherei kalkuliert. Dazu gehört auch die Technik des „Fan-Baiting“: Die ersten Sujets, die im Vorfeld der Serie auf Instagram, Facebook oder Twitter veröffentlicht wurden, zeigten vor allem die Figuren der Serie, welche von Schauspielern nichtweißer Herkunft verkörpert werden. Natürlich führte das sofort zu großen Diskussionen auf allen Kanälen, und jeder wußte, daß es bald eine vom „Herrn der Ringe“ inspirierte Serie bei Amazon Prime geben würde, ohne daß man dafür ein Marketingbudget einsetzen mußte. Und daß man sich in der Marketingabteilung von Amazon damit auskennt, wie man eine Kampagne in den sozialen Medien lostritt, darf als gesichert angenommen werden. Hinzu kommt, daß man jegliche Kritik an dem neuen Werk als misogynen Rassismus abtun konnte, was dann ja auch weidlich genutzt wurde.
Der „Herr der Ringe“ ist auch gerade deshalb so gut und so nachhaltig erfolgreich, weil er ursprünglich eben nicht primär zum Zweck des Gelderwerbs geschrieben wurde. Jedenfalls gab es keine Marketingabteilungen, Meinungsforscher und Spindoktoren, die in den Schaffensprozeß eingriffen. Ein Treppenwitz ist jetzt, daß gerade Leute, die sich selbst für „links“ halten – wohl, um ihre moralische Überlegenheit zu inszenieren –, die neue Serie loben und sich zum nützlichen Idioten für Großkapitalisten machen. Tolkiens Bücher wurden schon immer von seinen Fans geliebt und von der Kritik verrissen, bei der Amazon-Serie ist es genau umgekehrt. Inzwischen setzt sich glücklicherweise immer mehr die Meinung durch, daß die Serie einfach wirklich schlecht und für Amazon ein Millionengrab ist. Aber so ist es immer, wenn „Haltung“ wichtiger ist als Leistung.
Die meisten von Tolkiens Kritikern haben ihn entweder einfach nicht verstanden – oder sie haben ihn nur zu gut verstanden, mögen aber nicht, was sie erkennen. Die Helden Aragorn, Gandalf und Frodo wissen, daß der Ring zerstört werden muß, weil der Zweck eben nicht immer die Mittel heiligt und Sünde nicht mit Sünde bekämpft werden kann. Die Schurken sind solche, die vom rechten Weg abgekommen sind. Ganz klar bei den gefallenen Engeln Sauron und seinem Meister Melkor, wie man im „Silmarillion“ nachlesen kann. Aber auch Truchsess Denethor II. und Saruman kommen vom Weg ab. Denethor will den Ring als Waffe im Kampf um die Rettung seines geliebten Vaterlandes einsetzen. Er will das Gute, aber scheitert und schafft Unheil und Verwirrung. Saruman hat Jahrhunderte mit dem Studium der Ringkunde zugebracht. Er hält sich jetzt für klug und technisch fortschrittlich genug, es mit allen – auch übernatürlichen – Mächten aufnehmen zu können. Er will sein eigenes Reich errichten und dafür seine eigenen Wesen schaffen. Die, die sich selbst für besonders klug halten, sind jene, die am leichtesten in die Falle gehen.
Nichtsdestoweniger: Denethor verzweifelt, aber er wechselt nicht die Seiten. Saruman verfällt schließlich völlig bis zu seinem erbärmlichen Ende. Denethor kann als Symbol für den fehlgeleiteten Konservativen gesehen werden: einen, der gar keine Veränderung will, auch keine Verbesserung. Saruman hingegen symbolisiert den fehlgeleiteten Intellektuellen, um nicht zu sagen: den Sozialisten. Kein Wunder, daß eine solche Geschichte in der Kulturschickeria nicht gut ankommt.
Politik, Glaube, Wissenschaft oder einfach nur ein Leitfaden dazu, was es braucht, um ein guter Mensch sowie brauchbarer Kamerad und Bruder zu sein: Alles, was man wirklich wissen muß, lernt man, indem man Tolkien liest. Für einen Vortrag mit dem Thema „Tolkiens Leben und Werk“ habe ich es einmal wie folgt zusammengefaßt:
Wer sich verdeutlicht, wie es zu den wenigen Kritikpunkten bei der Filmtrilogie „Herr der Ringe“ kam und woher diese rührten, und wer dann sieht, wie diese Mängel sich bei der „Hobbit“-Verfilmung schon vervielfacht haben, der wird auch erkennen, warum der Titel dieses Beitrags „Tolkien lesen“ und nicht „Tolkien auf Amazon schauen“ lautet.
Der Autor:
Dipl-Kfm. Heiko Hofmann wurde in der Nähe von Würzburg geboren und ist bei Frankfurt am Main aufgewachsen. Seit 2001 ist er Mitglied der Deutschen Tolkien Gesellschaft und lebt seit einigen Jahren in Wien, wo er bei einem Institut für Führungskräftefortbildung arbeitet.
[i] Quenya (Hochelbisch) für: „Möge die Sonne auf deinem Weg scheinen“.
[ii] „Beowulf“ heißt übersetzt „Bienenwolf“, ein alter Name für den Bären, der uns als Werbär Beorn im „Hobbit“ begegnet.
[iii] Die elbischen Bezeichnungen „Amon Amarth“ und „Orodruin“ heißen nichts anderes als Schicksalsberg.
[iv] Bolg wird zwar am Rande erwähnt, aber Azog ist zum Zeitpunkt der Handlung schon lange tot.