Theodore „Ted“ Kaczynski ermordete mit Hilfe von Briefbomben drei Menschen und verletzte weitere 23 zum Teil schwer. Seine Opfer suchte er sich nicht willkürlich aus, denn sie alle gehörten seiner Meinung nach zu dem technisch-wissenschaftlichen Komplex, der den Fortschritt auf der Welt vorantreibt. In ebendiesem Fortschritt sah Kaczynski das größte Übel der Menschheit, welches es mit allen Mitteln zu beseitigen gelte. Daß seine Opfer nur geringen Einfluß auf diese Entwicklung hatten, war ihm klar und egal, da sein Hauptziel darin bestand, seine Ansichten, zusammengefaßt in dem Manifest „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“, einer breiten Öffentlichkeit zu verkünden. Zuerst vom FBI und danach von der Presse wurde er als Unabomber (UNiversity and Airline Bomber) bezeichnet, da seine ersten Bomben Universitätsprofessoren oder Fluggesellschaften zum Ziel hatten.
Von Maximilian Dvorak Stocker
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Als Kind polnischer Einwanderer 1942 in Chicago geboren, wuchs Ted Kaczynski in ärmlichen Verhältnissen auf. Während er wenig soziales Talent zeigte, stach er hingegen mit einem IQ von 170 hervor, so daß einer Inskription für das Mathematikstudium an der Harvard-Universität im Alter von 16 Jahren nichts im Wege stand. Dort schloß er sich der Deutsch-Arbeitsgemeinschaft an und lernte diese Sprache fließend, so daß er später im Gefängnis ohne Probleme z.B. mit dem Filmemacher Lutz Dammbeck auf Deutsch korrespondieren konnte. Im Laufe seiner Studienzeit nahm er an geheimen Experimenten der CIA teil, die unter Leitung des Psychologen Henry Murray stattfanden. Dabei wurde der zukünftige Unabomber Versuchsobjekt für Studien über die Persönlichkeitsstruktur. Alle der teilnehmenden hochbegabten Studenten erhielten Codenamen, wobei Kaczynski „Lawful“ („gesetzestreu“) zugeteilt wurde. Bei den Experimenten wurden die Probanden großem psychischen Streß ausgesetzt. Zuerst mußten sie eine Art Biographie schreiben sowie Fragebögen ausfüllen, in denen intime Fragen u.a. zur Sexualität zu beantworten waren, um daraufhin in einem Verhör aufgrund ihrer Antworten gedemütigt zu werden. Ziel dieser Versuche war es, mehr über die Charakterstruktur des Menschen herauszufinden, um diesen dann besser steuern zu können. All diese Experimente wurden auch filmisch dokumentiert; die Filme mit dem Codenamen „Lawful“ und alle Ted Kaczynski betreffenden Testergebnisse sind jedoch nicht mehr zugänglich, da sie aus den Archiven gelöscht wurden.
Bei dem Leiter der Experimente, Henry Murray, handelte es sich um einen hochdekorierten Offizier aus dem Zweiten Weltkrieg, der danach zur psychologischen Kriegführung forschte. Murray schrieb 1951 in seinem Essay „America’s Mission“ folgendes:
„Die Vereinigten Staaten sind die Abstraktion [als Vorbild] der One World, die jetzt ihrer Erschaffung entgegensieht. Das Los ist auf die USA gefallen, die Führerschaft bei der Durchführung dieses letzten und schwierigsten Experimentes zu übernehmen, einem globalen Feldzug des Guten gegen das Böse. Indem wir uns völlig einer Weltregierung verpflichten, erquicken wir die Herzen aller Menschen auf der Erde mit der Aussicht auf Sicherheit, die dem Zauber jedweder Art von Totalitarismus entgegenwirken kann. Der nationale Mensch ist obsolet und muss in einen Weltmenschen verwandelt werden.“[i]
Der Widerwille gegen eine solche Art des Denkens sollte Ted Kaczynski Jahre später zu einem der gefürchtetsten Terroristen der USA machen. Doch vorerst erhielt er eine Professur für Mathematik an der Universität Berkeley, die er 1969 aufgab, um ein außergewöhnlich gefährlicher Eremit zu werden.
Kaczynski zog sich 1970 in die Wildnis von Montana zurück, wo er in einer Holzhütte lebte, die er nach dem Vorbild der Unterkunft des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen Henry Thoreau errichtete. Thoreau hatte sich ebenfalls einige Jahre in die Wälder zurückgezogen, 1854 in seinem Buch „Walden“ von seinen Erfahrungen in der freien Natur berichtet und eine eigene Variante der Kapitalismuskritik begründet. Anders als etwa Marx in seinem „Kommunistischen Manifest“ sechs Jahre zuvor begründete Thoreau seine Thesen nicht mit der materiellen Ungerechtigkeit der kapitalistischen Wirtschaft, sondern mit deren Auswirkungen auf Seele und Geist. Er stellte bei seinen Zeitgenossen fehlende Poesie und Unfreiheit fest, weil sie sich ausschließlich dem wirtschaftlichen Funktionsdenken unterworfen hätten. Er entschied sich für die Waldeinsamkeit fern von Technologie und Fortschritt, um zu beweisen, daß ein gutes und wahres Leben (nur) ohne Geld und Konsum möglich sei. Thoreaus Suche nach Erhabenheit und Wahrhaftigkeit im Einklang mit der Natur gestaltete sich friedlich – Ted Kaczynskis hingegen nicht so sehr. In der Abgeschiedenheit seiner kleinen Hütte sollte er sich die nächsten 24 Jahre lang hauptsächlich mit vier verschiedenen Dingen beschäftigen:
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Ted fiel, abgesehen von seiner hohen Intelligenz, weder in der Schule noch in der Universität sonderlich auf. Seine Nachbarn in den Wäldern Montanas beschrieben ihn als jemanden, der soziale Interaktion vermied, wobei er nichtsdestotrotz beizeiten mit ihnen in Kontakt trat. Die Bibliothekarin, mit der er wohl lange Zeit am meisten Umgang hatte, zählte ihn sogar zur Dorfgemeinschaft.
Konzentriert man sich nur auf seine Tagebucheinträge und die Briefe, die er seiner Familie zukommen ließ, zeichnet sich klar das Bild eines von der Welt enttäuschten Eigenbrötlers ab. Obwohl er gute Arbeit an der Universität leistete, entschied er sich nach nur zwei Jahren für ein karges Eremitendasein. Den Briefen an seine Mutter zufolge litt er unter Angststörungen, so daß Kontakt mit fremden Menschen oft eine Qual bedeutete. Auf männliche Freundschaften konnte er verzichten, doch seine Unfähigkeit, eine Beziehung zu einer Frau aufzubauen, schien ihn schwer zu belasten. Die Schuld daran gab er der falschen elterlichen Erziehung.[i] In einem Tagebucheintrag vom 6. April 1971, also sieben Jahre, bevor er seinen ersten Anschlag begehen sollte, dachte er schon über möglichen Terrorismus nach, von dem er sich jedoch wenig Erfolg versprach. Er erwartete sich zwar, daß er dadurch Aufmerksamkeit generieren könnte, um die Öffentlichkeit vor den Gefahren des Fortschritts zu warnen, jedoch war ihm bewußt, daß Terrorismus die meisten Bürger abschrecken würde. Die Sorge, daß Technokraten seine Taten sogar dazu benutzen könnten, um die Freiheit der Menschen noch weiter einzuschränken, wischte er schließlich beiseite, denn es ging ihm vorrangig um Rache. Mit seinen Worten: „Ich handle nur aus Rachegelüsten. Natürlich möchte ich mich am ganzen wissenschaftlichen und bürokratischen Establishment rächen, ganz zu schweigen von den Kommunisten und anderen, die die Freiheit bedrohen …“[ii]
Kaczynskis Briefe und Tagebucheinträge sprechen die Sprache eines beruflich und menschlich zurückgewiesenen Soziopathen. Doch wie konnte jemand, der angeblich unter solchen Komplexen litt, in Harvard reüssieren? Seine Professur kündigte er jedenfalls freiwillig, ohne Angabe von Gründen, obwohl ihn Kollegen davon abbringen wollten. Er stand davor, selbst Teil jener wissenschaftlich-technischen Elite zu werden, die er bald mit Terror überziehen sollte. Von mancher Seite wird versucht, ihn dem Anarchoprimitivismus zuzuordnen, was zum Teil stimmt. Kaczynski erarbeitete in jenen Jahren tatsächlich keine ausgefeilte Weltanschauung, die dem globalen technologischen System folgen sollte. Hauptsächlich ging es ihm um die Zerstörung des herrschenden Systems, die Zerschlagung des Netzes von Wissenschaft, Industrie, Kultur, Bildung und Politik. In seinem Manifest macht Kaczynski jedoch klar, warum er kein genaues Konzept für eine Welt „danach“ entwirft: Weil die Notwendigkeit, dem Fortschritt ein Ende zu setzen und die Menschheit hunderte Jahre in die Vergangenheit zu katapultieren, derart drängend sei, daß man sich durch nichts davon ablenken lassen dürfe. Auf Anregung des Filmemachers Lutz Dammbeck erstellte Kaczynski später eine autorisierte Fassung des Manifests, deren deutsche Übersetzung 2005 erschien und auf die sich dieser Artikel bezieht. Soweit nicht anders angegeben, stammen die wörtlichen Zitate aus diesem Buch.[iii]
In dem 35.000 Wörter langen Manifest kritisiert der Autor vor allem die verheerende Auswirkung der technologisierten Massengesellschaft auf die Psyche des Menschen sowie die Zerstörung der Natur. Durchgehend findet sich Kaczynskis deutliche Absage an Leftism, womit liberale und linke Denkmuster und Verhaltensweisen gemeint sind.
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Zu den Konservativen hat Kaczynski nicht viel zu sagen, außer daß es mit ihnen auch Richtung Untergang gehe, nur eben etwas langsamer. Folgende Textstelle faßt seinen Blick auf dieses politische Spektrum gut zusammen:
„Konservative sind Narren: Sie jammern über den Verfall traditioneller Werte, und doch unterstützen sie mit Begeisterung jeden technischen Fortschritt und ökonomisches Wachstum. Offenbar kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass man keine raschen und drastischen Veränderungen in der Technologie und der Wirtschaft einer Gesellschaft haben kann, ohne auch in allen anderen gesellschaftlichen Aspekten rasche Veränderungen zu verursachen, und solche raschen Veränderungen führen unvermeidlich zum Verfall traditioneller Werte.“
Weit mehr Beachtung finden linke Weltanschauungen. Kaczynski attackiert hier u.a. den Gratismut der Social Justice Warriors, die meinen, gegen eine ihnen feindlich gegenüberstehende Übermacht zu kämpfen, um unschuldige und marginalisierte Gruppen zu schützen. Das wohl beste Beispiel in den letzten Jahren sind die Aktivisten der „Black-Lives-Matter“-Bewegung, die nicht nur Narrenfreiheit genießen, sondern auch von vielen globalkapitalistischen Firmen unterstützt werden. Obwohl auch noch der Großteil des Bildungssektors und der Mainstreammedien hinter ihnen steht, wähnen sie sich doch als Rebellen. Kaczynski konstatierte diese Überangepaßtheit der Linken schon vor 30 Jahren. Er führt weiter aus, daß diejenigen, die besonders auf eine politisch korrekte Terminologie bedacht sind, eben nicht die „durchschnittlichen schwarzen Ghettobewohner, asiatische Immigranten, behinderte Menschen“ seien, sondern eine Minderheit von Aktivisten, die meistens keiner dieser Gruppen angehören, sondern aus „privilegierten“ Gesellschaftsschichten kommen. Das neue revolutionäre Subjekt werde zum Objekt degradiert und beliebig ausgetauscht, je nachdem, was gerade en vogue ist. Neben stellvertretenden Minderwertigkeitsgefühlen, Selbsthaß und Übersozialisierung sieht Kaczynski die Angst als wichtige Triebfeder linken Denkens an: „Feministinnen und Feministen sind verzweifelt darauf aus, zu beweisen, dass Frauen genauso stark und fähig sind wie Männer. Dahinter steckt deutlich die Befürchtung, Frauen könnten NICHT so stark und fähig wie Männer sein.“
Kaczynski sieht in linken Weltanschauungen sogar eine psychische Krankheit: „Wohl jeder wird mit uns übereinstimmen, dass wir gegenwärtig in einer zutiefst gestörten Gesellschaft leben. Eines der verbreitetsten Symptome des Wahnwitzes unserer Welt ist die linksgerichtete Ideologie, weswegen eine Erörterung der Psychologie der Linken als Einleitung einer Erörterung der Probleme der modernen Gesellschaft im Allgemeinen dienen kann.“
Das Kapitel über linke Ideologie ist jedoch nicht frei von Widersprüchen, denn auf der einen Seite erkennt Kaczynski Linke als Steigbügelhalter der Globalisierung und der Zerstörung der Welt, gleichzeitig unterstellt er ihnen, die Wissenschaft und damit auch den Fortschritt zu hassen. Zwar ordnen Linke Fakten stets ihrer Weltanschauung unter, doch eine generelle Wissenschaftsfeindlichkeit kann man der Linken nicht unterstellen. Interessant, besonders in bezug auf seine eigene Frustration, ist auch, daß Kaczynski darauf beharrt, das Versagen des einzelnen zuerst bei dem jeweiligem Individuum zu suchen und nicht bei äußeren Umständen wie Gesellschaft, Politik oder Erziehung. Der Eremit stellt fest, daß die überangepaßten Linken sich nicht gegen die Prinzipien und Ziele des Zeitgeists – heute wären das Globalismus, Genderei, „Great Reset“, Großer Austausch – im allgemeinen auflehnen, sondern ihre gespielte Feindschaft gegenüber der Gesellschaft damit erklären, daß diese Ziele nicht oder nicht genug verfolgt werden.
Ein Schlüsselbegriff in dem Manifest ist der „Power Process“, womit der Trieb und gleichzeitig der Prozeß der Selbstverwirklichung gemeint ist. Die erfolgreiche und vor allem richtige Durchführung dieses Prozesses ist einer der wichtigsten Faktoren beim Streben nach Glück. Der „Power Process“ besteht aus drei Elementen, die für nahezu alle Menschen von Bedeutung sind: dem Ziel selbst, der physischen oder psychischen Anstrengung, die zum Erfolg notwendig ist, und schließlich dem Erreichen des Ziels.
Für ein erfülltes Leben bedarf es eines Ziels, welches wert ist, verfolgt zu werden, jedoch nicht zu einfach erreichbar sein darf, da ansonsten das Erfolgserlebnis ausbleibt. Der vierte Aspekt der Autonomie, also der selbständigen Wahl des Ziels und der unkontrollierten Durchführung des Prozesses, ist hingegen für die meisten nicht von Bedeutung, da ihnen entweder der Wille zur Selbstverwirklichung fehlt oder sie ganz damit einverstanden sind, daß die Macht, über die Zielsetzung zu bestimmen, nicht in ihren Händen liegt.
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Kaczynski führt die massiven psychischen Probleme, die in den modernen Gesellschaften grassieren, auf die Entfremdung von unseren natürlichen Lebens- und Verhaltensweisen zurück. Die abnormen Lebensbedingungen in der industrialisierten Gesellschaft sind geprägt von hoher Bevölkerungsdichte, Trennung des Menschen von der Natur und fortlaufender Veränderung. Die ständig neue Anpassung an die Massengesellschaft bei gleichzeitiger sozialer Isolation fordert die Menschen auf unnatürliche Art und Weise, nachdem der Zusammenbruch von kleineren Gemeinschaften wie Großfamilie, Dorf oder Stamm ihnen allen Halt geraubt hat. Die Lösung von natürlichen Bindungen ist dem modernen System immanent, da jegliche anderen Loyalitäten diesem Schaden zufügen. Von der Ruhe des Lands in den Lärm der Stadt, von der Beschaulichkeit des Dorfs in die Hektik der Metropole, von der Natur in die Müllhalde – das Urteil des Manns aus den Wäldern Montanas fällt denkbar schlecht aus.
Zu den gerade erwähnten Umständen gesellt sich noch eine Störung des „Power Process“, die den Menschen zusätzlich belastet. Für die meisten in der „zivilisierten“ Welt bringt die tägliche Arbeit keine Befriedigung mehr, da diese einerseits von ursprünglicher Arbeit, wie die Menschheit sie für Jahrtausende verrichten mußte, weit entfernt ist, andererseits heutige Lohnarbeiten meist ziemlich einfach zu erledigen sind. Daher müssen Ersatzhandlungen vorgenommen werden, um dieses seelische Loch zu füllen. Kaczynski führt aus, daß die reine Selbsterhaltung in vormodernen Gesellschaften einen wichtigen Faktor darstellte, um ein erfülltes Leben zu führen. Es ist ihm zwar klar, daß das Bild des Bauern, der zuerst das Feld bestellt, dann jagen geht und am Abend vollkommen zufrieden mit seiner Familie die Beute verzehrt, reichlich idealisiert ist, jedoch ist er sich sicher, daß es früher weit weniger psychische Probleme und Unzufriedenheit gab als heutzutage.
Die von der Natur und natürlichen Arbeiten entfremdeten modernen Menschen müssen sich also neue Aufgaben stellen, um Befriedigung zu finden. Dies können Ziele im Sport sein, wie etwa das Erklimmen möglichst vieler Gipfel, oder auch die Anhäufung von Reichtum, um damit viele in der Werbung gepriesene Produkte zu erwerben. Doch das sind hilflose Versuche, denn der „Power Process“ kann nur durch Tätigkeiten völlig befriedigt werden, die ein äußeres Ziel haben, so wie physische Notwendigkeiten, Sex, Liebe, soziale Geltung, Rache usw.
Ein weiterer negativer Aspekt ist die fehlende Autonomie im Großen. Während in früheren Gemeinschaften Hierarchien klar waren und man einen schlechten König immer noch töten konnte, gestaltet sich das in der globalisierten Welt schwieriger. Besonders hervor sticht die Frage nach Sicherheit, die z.B. von Standards in Kernkraftwerken oder der Kontrolle des Pestizidgehalts in Nahrungsmitteln abhängig ist. Zwar waren unsere Vorfahren vor der Industrialisierung genauso Gefahren ausgesetzt, jedoch standen sie diesen nicht hilflos gegenüber, womit zumindest eine psychologische Sicherheit gegeben war. Verschiedene Formen von Gemeinschaften oder politischen Bewegungen können dem Individuum neben Sicherheit auch noch ein Gefühl von Macht geben. Als Teil einer Gruppe an der Umsetzung bestimmter Ziele zu arbeiten, ist befriedigend und gibt Halt.
Bei Kaczynski selbst traten nicht nur offensichtliche Störungen im „Power Process“ auf, sondern es fehlte ihm auch an einem Zugehörigkeitsgefühl zu einer gleichgesinnten Gruppe. In seinem Manifest und auch bei der polizeilichen Einvernahme sprach er öfters von einem „Freedom Club“ und dessen Angehörigen als seinen Mitstreitern. Die Existenz eines solchen Klubs konnte nie bewiesen werden, und die Ermittlungen ergaben, daß Kaczynski allein gehandelt hatte. Wahrscheinlich imaginierte er sich in eine solche Vereinigung hinein, genauso wie er ein Bild eines „richtigen“ Lebens zeichnete, welchem er nur bedingt entsprach.
Kaczynski fordert einen klaren Bruch mit den Erfindungen seit der Industrialisierung, womit auch die medizinischen Errungenschaften über Bord geworfen werden müßten. Für eine konsequente Löschung des Wissens auch in diesem Bereich liefert er sozialdarwinistische Argumente und die schlichte Begründung, daß es einfach nicht möglich sei, die augenscheinlich positiven Aspekte der Technologie in seine Utopie zu überführen. Als einzige Ausnahme läßt er small-scale Techniken gelten, also Erfindungen, deren Umsetzung in Dorfgemeinschaften möglich ist.
Dem Unabomber zufolge kann die industriell-technologische Gesellschaft nicht reformiert werden. Freiheit und moderne Technologie stehen einander unversöhnbar gegenüber, und mit jeder neuen Erfindung werden das Netz zwischen Forschung, Wirtschaft und (staatlicher) Kontrolle dichter und die Mauer zwischen dem Menschen und dessen natürlicher, gesunder Lebensart höher. Das dem Fortschritt verpflichtete System ist längst zum Selbstläufer geworden und unterdrückt automatisch alle Bestrebungen, es zu regulieren oder gar grundlegend zu verändern. Das System paßt sich auch nicht den Bedürfnissen der Menschen an, vielmehr zwingt es alle in seinem Bannkreis zu Verhaltensweisen, die für es selbst von Vorteil sind. Dabei ist es egal, ob es sich die ideologische Mütze des Sozialismus oder Kapitalismus aufsetzt: Es zwingt jeden, egal ob in den USA, Rußland oder China, in sein technologisch bedingtes Muster.
Laut Kaczynski gibt es zwei Möglichkeiten der weiteren Entwicklung, wobei die Darstellung der ersteren, nämlich daß das technologische System überlebt und sich weiterentwickelt, frappierend der Zukunftsprognose des israelischen Historikers Yuval Harari ähnelt. Beide sind der Meinung, daß Menschen Hackable animals seien, also daß man sie etwa durch die Implementierung von Computerchips oder Genmanipulation soweit sedieren könne, daß sie für das System keine Gefahr mehr darstellen. Kaczynski ist jedenfalls der Auffassung, daß, sollte das System nicht gestoppt werden, innerhalb der nächsten Jahrzehnte entweder ohnehin Maschinen die Macht übernommen haben werden oder die Menschheit von der Technologie in einem Maße abhängig wird, daß eine Abkehr von ihr kollektiven Selbstmord bedeuten würde.
„Damit wir überhaupt eine Chance hatten, unsere Botschaft mit nachhaltigem Eindruck zu veröffentlichen, mussten wir Menschen töten.“
Kaczynski ist sich im klaren, daß der Bruch mit der industriellen Gesellschaft ein blutiger würde. Er plädiert dafür, Unruhe zu schüren und jede Schwäche des Systems zu nützen, um dieses zu stürzen. Kadergruppen sollen Krisen nutzen, um größtmöglichen Schaden anzurichten – gemeint ist eine Zerstörung der Infrastruktur und gezielte Vernichtung von technologischem Wissen. Das dadurch verursachte Leid sei in Kauf zu nehmen, da die Folgen des Fortschritts viel fataler seien, weil er nicht nur den Geist eines jeden Menschen mißhandele, sondern auch verheerende Schäden auf dem Planeten Erde anrichte.
Ein Leben im Einklang mit der Natur als Bauer, Jäger oder Sammler, organisiert in kleinen Gemeinschaften – das ist die romantische Zukunftsvision des Theodore Kaczynski. Selbst sieht er sich nicht als Fanatiker, sondern als jemanden, der aufgrund rationaler Betrachtungen zu dem einzig richtigen Schluß gekommen ist. Um seine Botschaft zu verbreiten, war er bereit, mittels Briefbomben Menschen zu töten. Trotzdem sollte man sich mit seinen Gedanken auseinandersetzen. Die kommenden Jahre werden einschneidende Umbrüche mit sich bringen, und es wird sicherlich kein Fehler sein, die Dystopien und Utopien von Kaczynski und Harari im Hinterkopf zu behalten.