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Kaiser Friedrich Barbarossa

Wolfram von Eschenbach war der bedeutendste Dichter der Stauferzeit und Schöpfer des Parsifal.
[© WikiMedia Commons / AndreasPraefcke (CC BY 3.0)]

Zum 800. Geburtstag des Staufers

Im Jahre 1122, ganz sicher ist das Geburtsjahr nicht, wurde der spätere Kaiser Friedrich I. vermutlich in Hagenau/Elsaß geboren. Dieser Kaiser gilt als eine der bedeutendsten Herrschergestalten des Mittelalters. Er vereinte Eigenschaften, die ihn seinen Zeitgenossen fast übermenschlich erscheinen ließen: seine lange Regierungszeit, sein Ehrgeiz, seine außergewöhnliche Organisationsfähigkeit, seinen Scharfsinn auf dem Schlachtfeld und seinen politischen Weitblick.[i] In Friedrich I., den auch wir bei seinem italienischen Übernamen Barbarossa nennen, gewann noch einmal der große Gedanke der Einheit des Abendlandes unter dem Schutz eines christlichen Kaisers und eines geistlichen Vaters der Christenheit Gestalt. Unter ihm nahm Europa die Gestalt an, die wir heute kennen. Im Nordosten wurde das Christentum entlang der Ostseeküste verbreitet. Im Südosten wurde durch die Ausgliederung Österreich aus Bayern die Gründung eines der bemerkenswertesten Gebilde der Weltgeschichte angestoßen, eines Reiches im Reich, das zum Bollwerk gegen das nach Westen vorstoßende Osmanische Reich wurde. Nördlich der Alpen begann die städtische Kultur, die Übernahme des römischen Rechtes im Reich prägte als das künftige Recht nicht nur in Deutschland bis in unsere Tage. Das Leben dieses Kaisers ist in merkwürdiger Weise durch die Kreuzzüge eingefaßt. Als junger Mann nahm er im Gefolge seines Onkels Kaiser Konrad III. am 2. Kreuzzug teil, und als Greis kam er auf dem 3. Kreuzzug durch einen Unfall zu Tode. Beide Kreuzzüge endeten unrühmlich und schmählich, und so verlief ein großer Teil der europäischen Geschichte nach der Stauferzeit. Dennoch waren die Kreuzzüge wohl das größte Gemeinschaftsprojekt der europäischen Völker vor der Gründung der Europäischen Union. Vielleicht klappt dieses Projekt besser, und Kaiser Friedrich I. Barbarossa könnte endlich aus dem Kyffhäuser erwachen.

Von Menno Aden


[i] Ital. Wikipedia März 2022; wörtlich ebenso engl. Wikipedia.
Das im Zweiten Deutschen Kaiserreich entstandene Barbarossa-Denkmal am Kyffhäuser erinnert an die Sage, nach der der Kaiser in der Zeit der höchsten Not wieder erwachen und das Deutsche Reich zu neuer Größe führen werde. Davon künden u.a. die beiden Gedichte von Friedrich Rückert und Emanuel Geibel.
Der aus einem Ministerialengeschlecht stammende
Heinrich von Veldeke gilt als bedeutendster
niederdeutscher Dichter in der zweiten
Hälfte des 12. Jahrhunderts, in Mainz
wohnte er zu Pfingsten 1184 dem berühmten
Kaiserfest bei, das Friedrich Barbarossa für seine
Söhne Heinrich und Friedrich veranstaltete.
Tod Friedrichs I. in der sächsischen Weltchronik.

Friedrich war der einzige Sohn Herzog Friedrichs II. von Schwaben aus dessen erster Ehe mit der Welfin Judith. Friedrich war von mittlerer Größe, schlank und wohlgewachsen, er hatte blondes Haar und einen rötlichen Bart, der ihm in Italien den Namen Barbarossa eintrug. Er hatte blaue, scharf blickende Augen und ein heiteres, einnehmendes Wesen. Er war von durchdringendem Verstand, durchschaute leicht die schwierigsten Verhältnisse. Einmal gefaßte Entschlüsse setzte er schnell durch. Ihm wird Beredsamkeit in seiner Muttersprache nachgesagt. Im Lateinischen hatte er Schwächen. Umgänglich und gnädig, freigiebig ohne Verschwendung, dem Jähzorn nicht unterworfen, wußte er leicht Freunde und Untergebene an sich zu fesseln. Ein gutes Gedächtnis ermöglichte ihm, mit Menschen, die er Jahre nicht gesehen, so vertraut zu verkehren, als ob sie niemals von ihm getrennt gewesen wären. Ernst und streng zeigte er sich als Richter. Täglich wohnte er dem Gottesdienst bei, war aber von der Überzeugung durchdrungen, daß die Kirche dem Reich zu dienen, nicht es zu beherrschen habe. Er war ein Herrscher, der von allen geachtet, von vielen gefürchtet werden mußte.[i]

Am 15. Februar 1152 war König Konrad III. in Bamberg gestorben. Konrad hatte Friedrich als Nachfolger empfohlen, und er wurde nach den Berichten einmütig gewählt. Entscheidend dürfte gewesen sein, daß Friedrich die Vertreter des mit ihm verwandten mächtigen Hauses der Welfen gewinnen konnte. Wahrscheinlich hatte er seinem Vetter Heinrich dem Löwen die Wiederbelehnung mit Bayern versprochen. Auch die Zähringer scheint er durch Versprechungen in bezug auf die burgundischen Länder auf seine Seite gezogen zu haben. Am 9. März wurde Friedrich in Aachen, der Stadt Karls des Großen, zum deutschen König gekrönt.
Heinrich, Herzog von Sachsen und Bayern, genannt der Löwe, aus dem in Norddeutschland noch heute (2022) begüterten Geschlecht der Welfen, war der Vetter des Kaisers. Wenn man an einen geheimen Sinn der Geschichte glaubt, findet man hier ein Vorstück zu 1914, als in Europa an der Spitze der mächtigsten Gegner zwei Vettern einander gegenüberstanden – König Georg V. von Großbritannien und Kaiser Wilhelm II. von Deutschland. Heinrich der Löwe war für mehr als zwei Jahrzehnte eine Stütze des Kaisers. Offenbar als Lohn erhielt Heinrich der Löwe 1156 das Herzogtum Bayern zurück, das seiner Familie von Kaiser Konrad entzogen worden war.

Trennung Österreichs von Bayern

Bayern und Österreich gehören historisch zusammen und werden oft zusammen gedacht. Die besondere Ähnlichkeit beider springt auch heute ins Auge. Diese geht letztlich auf die gemeinsame römische Zeit zurück, als südlich der Donau, der Reichsgrenze, aus der Provinz Noricum Bayern und der Provinz Pannonia Österreich wurde. Die von den Römern hinterlassene Infrastruktur und die von ihnen gegründeten Siedlungen, z.B. Augsburg (Augusta Vindelicum) und Regensburg (Ratisbona), haben zur frühen Christianisierung und damit einer Kulturdichte geführt, gegen die Norddeutschland merklich abfällt. So haben im Westen die Landschaften links des Rheins, der alten römischen Reichsgrenze, auch heute noch ein fühlbar anderes Gepräge als die rechts des Rheins. Die Welfen waren 1070 von Kaiser Heinrich IV. mit Bayern belehnt worden. Unter der Oberhoheit der Herzöge von Bayern hatte sich die Ostmark unter der Familie Babenberger innerhalb Bayerns zu einem weitgehend eigenständigen Gebiet entwickelt. Es entsprach daher der geschichtlichen Logik, daß 1156 bei der Rückgabe von Bayern an Heinrich den Löwen die Ostmark ausgespart wurde. Heinrich von Babenberg Jasomirgott[ii] (1107–1177, Wien) mußte dabei Bayern abgeben. Die am Ende des 13. Jahrhunderts auftretende Bezeichnung „Jochsamergott“ als Beiname des Herzogs (die Herkunft ist ungeklärt) wurde zu „Ja, so mir Gott [helfe]“ umgedeutet. Die Marcha Orientalis (Ostmark) wurde, offenbar um ihm den Handel zu versüßen, als reichsunmittelbares Herzogtum übergeben und mit einigen Sonderrechten ausgestattet. Im neuen Herzogtum durfte ohne Zustimmung des Herzogs niemand Hoheitsrechte ausüben. Dieses Privileg wird als wichtiger erster Schritt zu einer vom Reich letztlich unabhängigen Entwicklung Österreichs angesehen.

Die Heirat Heinrichs mit einer byzantinischen Prinzessin war von großer Bedeutung für die künftige Entwicklung Österreichs. Kulturelemente aus dem Orient, byzantinische Kunstauffassung und Brauchtum fanden Eingang in Österreich. Handel und Verkehr nach Ost und West nahmen ihren Weg auf und entlang der Donau, desgleichen die Kreuzzüge. Wien gewann Bedeutung auch dadurch, daß Heinrich es zu seiner regelrechten Hauptstadt und dauernden Residenz ausbaute. Die Ausbildung von Hauptstädten vollzog sich allmählich auch in anderen deutschen Territorien des Reichs[iii], zum Schaden des Ganzen aber nicht auf Reichsebene. Heinrich starb an den Folgen eines Sturzes von Pferd.
Nachfolger wurde sein ältester Sohn Leopold. Dieser gilt als eine der glänzendsten Erscheinungen jener Zeit. Er machte seinen Hof zum Mittelpunkt des ritterlichen Lebens. Vielleicht stammt aus seinem Umkreis das Nibelungenlied. Verfasser und Entstehungsort und -zeit des Nibelungenlieds sind zwar unbekannt. Meistens werden aber diese Zeit und der süddeutsch-österreichische Raum vermutet. Handel und Wirtschaft wurden gefördert. Leopold beteiligte sich an dem 3. Kreuzzug (1189–1192) des Kaisers, den dieser durch die österreichischen Lande und über Wien führte.

Heinrich der Löwe und der Nordosten des Reichs

Was Heinrich der Löwe in Bayern durch den Verlust Österreichs eingebüßt hatte, wurde durch die fast königliche Stellung aufgewogen, die er sich in den neugewonnenen slawischen Landen erwerben konnte. Heinrich bereitete im Norden die deutsche Landnahme im Osten vor. Besonders förderte er den Ausbau der wesentlich von ihm gegründeten Stadt Lübeck. Im Herbst 1162 erschien Heinrich auf dem Reichstag zu Dôle in Burgund und führte König Waldemar von Dänemark mit sich, der dem Kaiser als seinem Oberherrn die Lehnshuldigung leistete.

1158 legte Heinrich der Löwe an der Trave den Grund zu der heutigen Stadt Lübeck. Bis dahin hatte das Deutsche Reich keinen Hafen zur Ostsee. Der Ostseehandel ging über Kopenhagen (= Kaufmannsort) und Schleswig. Beide Orte waren damals zwar von Deutschen besiedelt, gehörten aber dem dänischen König. Lübeck gewann an Anziehungskraft für niederdeutsche Kaufleute. Heinrich gab der Stadt eine Verfassung nach dem Vorbild der westfälischen Stadt Soest, die damals zu seinem Herzogtum Sachsen gehörte und durch ihren Salzhandel bedeutend war. Hieraus entwickelte sich im Ostseeraum und darüber hinaus das lübische Stadtrecht.
Nicht nur kürzere Wege zur Ostsee waren der entscheidende Vorteil, vor allem konnten deutsche Kaufleute sich mit eigenen Schiffen in den Handel Schleswig-Gotland-Nowgorod eindrängen. Die Stadt nahm einen raschen Aufschwung und wurde schnell zum für Deutschland wichtigsten Handelsplatz an der Ostsee. Lübeck wurde auch Ausgangshafen für die deutsche Kolonisation entlang der Ostseeküste. In rascher Folge entstanden von hier aus die deutschen Handels- und Hansestädte Rostock, Stralsund, Stettin, Elbing, Memel, Riga und weitere. 1226, unter Kaiser Friedrich II., erhielt Lübeck die Reichsfreiheit.[iv]

Die strategisch günstige Lage von Lübeck in der Mitte zwischen Nordsee und Ostsee war die Voraussetzung dafür, daß diese Gründung Heinrichs des Löwen zum Vorort der bald darauf entstehenden Hanse wurde. Etwa zur selben Zeit entwickelten sich die norditalienischen Städte zu Handelsstädten und bildeten ähnlich wie die Hanse Städtebünde. Im lombardischen Städtebund, dem wichtigsten Gegner von Kaiser Barbarossa in Norditalien, nahm Mailand eine Stellung etwa wie Lübeck in der Hanse ein. Die Geschichte des Nord-Süd-Handels ist hier nicht zu vertiefen. Wichtig ist, daß neben dem abstrakten Machtinteresse des Reichs an Italien die Sicherung und Beherrschung der Handelswege, auch der Alpenübergänge, bedeutsam wurde. Die Gründung Lübecks und der Hanse ist daher dem Kaiser Barbarossa zwar nicht als eigene politische Tat zuzuschreiben, wohl aber indirekt dadurch, daß die Herstellung des inneren Friedens eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der norddeutschen Städte und der neuen Städte entlang der Ostsee wurde.


[i] Wilhelm von Giesebrecht: „Friedrich I., römischer Kaiser“; in: Allgemeine Deutsche Biographie, hgg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 7, München 1878, S. 401–436.

[ii] Karl Lechner: „Heinrich II.“; in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 375 ff.

[iii] Z.B. war Meißen ab 968 der Sitz der Markgrafen von Meißen und entwickelte sich so zum zentralen Ort der Markgrafschaft. München wurde bereits 1255 herzogliche Residenz.

[iv] Andere Städte: Genf 1162, Bremen 1186, Nürnberg 1219, Frankfurt 1220.

Das Reich zur Zeit der späten Staufer.
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Zeittafel

 

Jahr

Deutsches Reich und Italien

Europa/Kirche

Welt

10. Jh.

911 Konrad I. König;

962 Otto d. Große Kaiser

987 Hugo Capet frz. König

 

11. Jh.

1024–1039 Konrad II. Kaiser;

1033 Burgund an das Reich;

1077 Heinrich IV. vor Canossa;

Investiturstreit

1066 Normannen erobern England;

1099 1. Kreuzzug, Jerusalem erobert

 

12. Jh.

1122 Wormser Konkordat;

1133–1137 Lothar III. Kaiser

1147–1149 2. Kreuzzug

 

1122

Geburt von Friedrich I.

 

 

1152

Friedrich zum Kaiser gewählt

 

 

1154

1. Italienzug: Kaiserkrönung

Papst Hadrian 1154–1159

England: König Heinrich II. Herr über halb Frankreich

 

1156

Reichstag v. Regensburg;

Heinrich d. Löwe erhält auch Bayern, Österreich wird Herzogtum

 

 

1157

Reichstag zu Besançon

 

 

1158–1162

2. Italienzug: Mailand zerstört

1159: nach Tod Hadrians IV. Doppelwahl: Papst Alexander III. und Gegenpapst Victor IV.

 

1164–1168

4. Italienzug; kaiserliches Heer vor Rom durch Seuche aufgerieben

 

 

1174–1178

5. Italienzug: Streit mit Heinrich d. Löwen;

1176: Schlacht bei Legnano

 

 

1180

Heinrich d. Löwe geächtet

 

 

1184–1186

6. Italienzug: Friedrichs Sohn Heinrich VI. mit Konstanze, Erbin des Normannenreichs, vermählt

 

 

1189

Teilnahme am 3. Kreuzzug

1189–1192 3. Kreuzzug

 

1190

Friedrichs Tod im Fluß Kalykadnus

 

 

1190–1197

KsHeinrich VI. Kaiser, ab 1194 auch König des Nomannenreichs

Papst Innozenz III. 1198–1216

 

1215–1250

Friedrich II. Kaiser, 1220 Herr auch des Normannenreichs

England: 1216 Magna Charta;

Frankreich: 1226–1270 König Ludwig d. Heilige

1209–1229 Albigenserkriege

1206: Temudschin wird Großkhan der Mongolen;

1241: Mongolenschlacht bei Liegnitz

1250–1254

Friedrichs II. Sohn Konrad IV. stirbt in Neapel

 

1258: Mongolen erobern Bagdad, Ende des Kalifats

1256–1273

Interregnum – Verfall des Deutschen Reichs

 

 

1268

Konradin, der letzte Staufer, durch Karl von Anjou in Neapel enthauptet

1282 Sizilianische Vesper

 

um 1300: Erfindung des Schießpulvers und der Feuerwaffen; Ende des Mittelalters

Der Welfe Heinrich der Löwe war Herzog von Sachsen und Herzog von Bayern. 1156 wurde Heinrich der Löwe wieder mit dem Herzogtum Bayern belehnt, dessen Ostmark aber als eigenes Herzogtum an den Babenberger Heinrich Jasomirgott verliehen wurde. Dabei erhielt Heinrich Jasomirgott im „Privilegium Minus“ einige Sonderrechte, die zur Herausbildung des österreichischen Herrschaftsgebiets führten.
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Städte und Stadtrechte

Eine bedeutende Entwicklung des Hochmittelalters sind die Stadtgründungen. Die Kommunen in Reichsitalien entwickelten sich bereits Ende des 11. Jahrhunderts zu Stadtstaaten, denen das Lehnsrecht, auf welches das Reich seinen Herrschaftsanspruch gründete, fremd und unverständlich wurde. Hier dürfte der Grund dafür liegen, daß die zahlreichen Italienzüge deutscher Könige vor und nach Friedrich Barbarossa zu einer wenn überhaupt nur sehr kurzfristigen Wiederherstellung der kaiserlichen Oberherrschaft führten. In Deutschland verstärkte sich diese Entwicklung während der Stauferzeit, insbesondere unter Kaiser Friedrich II. Der ursprünglich feudale Stadtherr (Territorialfürst oder Bischof) wurde von dem immer eigenständiger handelnden Stadtrat beiseitegeschoben, bis sich dann ab einer bestimmten Größe, wie in Hamburg, eine faktische oder in Bremen und Lübeck eine vom Reich anerkannte Reichsunmittelbarkeit ergab. Die kommunale Selbstverwaltung hat in Deutschland eine wohl bis in germanische und römische Zeit zurückgehende Tradition.[i] Die halbsouveränen Reichsstädte (z.B. Lübeck, Frankfurt, Nürnberg, Zürich) westlich der Linie Lübeck, Augsburg, Triest waren eine europäische Sondererscheinung des Deutschen Reichs. Östlich davon gab es keine Reichsstädte, so daß auch große Städte wie Wien, Prag, Magdeburg, Breslau diesen Status nicht hatten.[ii] Außerhalb des Deutschen Reiches ist diese Rechtsform unbekannt.

Die Stadtrechte enthielten zunächst Vorschriften, die wir heute als öffentlich-rechtlich qualifizieren, wie Zusammensetzung und Befugnis des Stadtrats, Armenfürsorge, Bauordnung und Brandschutz, Zunftzwang, Schulwesen und nach der Reformation auch Regelung des Kirchenwesens usw. Mit dem Fernhandel etwa der Hanse entstanden auch ein neues bürgerliches und Handelsrecht und eine Art Gerichtsverfassungsrecht, eine Gerichtsbarkeit zur Durchsetzung des Rechts. Insofern waren die Stadtrechte Spezialgesetze zu dem römischen Recht, welches aufgrund der Renovatio-Theorie jedenfalls theoretisch galt. Die Bedeutung der deutschen Stadtrechte für die innere Entwicklung Osteuropas kann schwerlich überschätzt werden. Die deutschen Stadtrechte strahlten weit aus. Die Gebiete östlich der Reichsgrenzen lagen außerhalb des Einflußbereichs des römischen Rechts. Daher brachten diese Stadtrechte überhaupt erstmals ein geordnetes Rechtswesen und mit der städtischen Selbstverwaltung zudem den Gedanken der bürgerlichen Freiheiten. Das zeigt sich noch heute in den baltischen Staaten. Riga, Mitau, Dorpat, Reval und andere Städte waren im Rahmen der Zeit demokratisch verfaßte Gemeinwesen. Die alten Traditionen leben fort.

Italien – das Indien des Deutschen Reichs?

Es liegt wohl in der Logik der Geschichte, daß große Imperien zwar unter dem Vorwand wirtschaftlicher Vorteile oder einer kulturellen Mission aufgebaut werden, daß es aber darauf nicht wirklich ankommt. Imperien entstehen und werden aufrechterhalten aus dem Willen zur Macht. Als die britische Herrschaft über Indien ihren Höhepunkt erreicht hatte, erschien das Buch „British India and Its Rulers“ (1882), aus welchem folgendes zitiert sei: „Wenn die englische Nation nicht die Absicht hat, ihren Platz auf der Weltbühne zu verlassen und aufzuhören, eine der großen Mächte zu sein, dann muß sie ihre Macht über Indien sichern […]. Ein Gedanke muß aber definitiv abgewiesen werden, nämlich daß England durch die Beherrschung Indiens irgendeinen direkten Vorteil habe.“[iii] Sinngemäß kann dies über jedes Imperium der Weltgeschichte gesagt werden. Was Indien im 19. und 20. Jahrhundert für Großbritannien war, das war für das alte Deutsche Reich Italien. Wenn Deutschland seinen Rang als erste Macht in Europa behalten wollte, mußte es Italien beherrschen. Es gibt dazu anscheinend keine Statistiken, aber man wird – ähnlich, wie es zu Indien gesagt wurde – annehmen dürfen, daß Deutschland und später auch Österreich durch die Beherrschung Italiens niemals einen materiellen Vorteil hatten. Italien war aufs Ganze für Deutschland politisch wie eine übergroße Krone, die das Haupt des Trägers eher nach unten drückt als hebt.

Von den knapp 40 Jahren seiner Regierungszeit verbrachte Friedrich überschlägig 13 Jahre mit sechs Italienzügen, davon mindestens 780 Tage, also mehr als zwei Jahre, zu Pferde auf dem Ritt hin und zurück. Bemerkenswert ist nicht nur die physische Leistung des Kaisers, sondern auch, wie sehr die politische Kraft dieses und anderer Kaiser vor und nach ihm von den eigentlichen Aufgaben in Deutschland abgezogen wurde. Hätten diese sich um Deutschland gekümmert, anstatt den immer wieder in Frage gestellten Rechten des Reichs in Italien nachzugehen, hätten sie sich um den inneren Frieden, den Ausbau des Reichs nach Osten und dessen Sicherung gegen den immer gefährlicher werdenden Nachbarn im Westen gekümmert – dann hätte, wäre usw. Aber diese Reichsherrlichkeit vor fast 1000 Jahren berührt uns noch immer, als dürfte man Goethes Gedicht auf dieses Gefühl anwenden: „Ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist, daß man doch zu seiner Qual nimmer es vergißt.“


[i] Menno Aden: „Antikes Kommunalrecht – Zum Briefwechsel von Plinius und Kaiser Trajan“; in: der gemeindehaushalt 1/2018, S. 44 ff.
[ii] Italien bleibe hier wegen vieler Sonderentwicklungen ausgeklammert.
[iii] H.S. Cunnigham: British India and Its Rulers, Delhi 1882, S. 43 ff.
Friedrich Barbarossa belehnt den Heinrich Jasomirgott und Heinrich den Löwen mit ihren Herzogtümern. © WikiMedia Commons / BotMultichillT (CC BY-SA 4.0)

Kaiser und Papst – Barbarossa gegen Alexander III.[i]

Es war eine alte Frage, ob die geistliche Macht des Papstes einen Vorrang vor der weltlichen Macht des Kaisers habe oder die weltliche Macht sich auf einen eigenen göttlichen Ratschluß berufen könne, im Sinne der Zwei-Schwerter-Lehre, die später insbesondere von Luther näher begründet wurde. Dieser Streit schien unter Kaiser Heinrich III. (1039–1056) zugunsten des deutschen Königs und Kaisers des Abendlands entschieden worden zu sein. Dann hatte sich die Waage unter Papst Gregor VII. (1073–1085) und nach dem Canossagang von Heinrich IV. (1077) zugunsten des Papstes geneigt. Unter Friedrich I. Barbarossa stand sie mit dem Reichstag von Besançon (1157) wieder in der Schwebe.

Der Primas von Dänemark, der Erzbischof von Lund (heute in Schweden), war auf dem Weg nach Rom in Deutschland gefangengenommen und dem Kaiser ausgeliefert worden. Die Gründe für diesen befremdlichen Akt lagen darin, daß der Kaiser das Bistum Lund nicht als Erzbistum anerkannte, sondern weiterhin unter der Hoheit des Erzbistums Bremen-Hamburg sah. Papst Hadrian IV. ließ auf dem Reichstag in Besançon (1157) durch zwei Legaten ausführen, Friedrich zeige durch diesen Akt seine Undankbarkeit gegen den Papst, der ihm mit der Kaiserkrone ein beneficium gewährt habe. Indirekt hatte der Papst damit behauptet, die Krönung zum Kaiser sei eine in freier Entscheidung gewährte Gnade, eine Art Lehen des Papstes. Das hätte bedeutet, daß der Papst als Lehnsherr über dem deutschen König stehen würde. Kaiser und Reich hingegen waren der Meinung, daß der Papst verpflichtet sei, den rechtmäßig gewählten deutschen König zum Kaiser zu krönen. Es handelt sich dabei um eine Kernfrage des mittelalterlichen Staatsrechts, die hier nicht weiter vertieft werden kann.

Anders als bei früheren Gelegenheiten stellten sich die deutschen Fürsten und Bischöfe eindrucksvoll auf die Seite des Kaisers. Der Papst mußte einen Rückzieher machen und erklärte, er sei mißverstanden worden – beneficium solle nur soviel wie „Wohltat“ bedeuten. Das Verhältnis zwischen Kaiser Friedrich und dem Papst blieb daher ungeklärt und frostig. Die Frage des Vorrangs war ursprünglich nur unter den beiden Kontrahenten Papst und Kaiser ausgetragen worden. Aber seit dem 11. Jahrhundert hatten sich neue Staaten herausgebildet – England, Polen, Dänemark, Ungarn waren neu entstanden oder neu aufgestellt worden, auf der iberischen Halbinsel waren es nach der Zurückdrängung der Araber die christlichen Reiche Aragon und Kastilien. In diesem europäischen Konzert der Mächte genoß der Kaiser wohl einen gewissen Vorrang. Es wurde hingenommen, daß die weltliche Spitze, der Kaiser, ein Deutscher war. Als Haupt des Deutschen Reichs war er aber zugleich Träger alter Rechte über Italien und nahm damit auch das Recht in Anspruch, über die Person der geistlichen Spitze, die Person des Papstes zu entscheiden. Das stieß auf Widerstand, der sich in voller Schärfe bei der Neuwahl des Papstes nach dem Tode von Papst Hadrian IV. (1159) zeigte.

Wie es vor dem Inkrafttreten der „Goldenen Bulle“ (1356) unsicher war, wer zur Wahl des deutschen Königs/Kaisers aktiv wahlberechtigt sei, gab es bis zum Dritten Laterankonzil 1179 keine klaren Regeln für die Wahl des Papstes. Praktisch entschieden die gerade in Rom anwesenden Kardinäle. Die Mehrheit fiel auf Roland von Siena, der als Papst Alexander III. eingekleidet wurde. Da die Wähler aber Einstimmigkeit vereinbart hatten, erhoben dessen Gegner einen Gegenkandidaten, der sich als Papst Viktor IV. ebenfalls als rechtmäßiger Papst ansah. Viktor galt als kaisertreu, Alexander als Gegner des Kaisers. Der Streit eskalierte, und Kaiser Friedrich I. berief 1160 ein Konzil nach Pavia, auf welchem Viktor als rechtmäßiger Papst ausgerufen wurde. Dieses Konzil war aber in Wirklichkeit nur eine, überdies beschränkte, Auswahl kaisertreuer Bischöfe aus Deutschland und Oberitalien. Der Beschluß von Pavia fand keine allgemeine Anerkennung. Es ging ein Riß durch Europa – wer auf Seiten des Kaisers stand, erklärte sich für Viktor, so – wenn auch unter Zögern – England und Dänemark; wer der französischen Seite zuneigte, hielt es mit Alexander III., so Ungarn, Kastilien, natürlich Venedig und die meisten italienischen Bischöfe. Es ging um keine geistlichen Fragen, sondern allein um das Recht und die Macht des deutschen Königs über Italien und Rom.[ii]

Obwohl Viktor am 20. April 1164 starb, ging der Streit weiter. Kaisertreue Wähler wählten Guido von Crema, der unter dem Namen Paschalis III. (1164–1168) den päpstlichen Thron in Rom bestieg, während Alexander III. nach einem unsteten Wanderleben außerhalb Roms residierte. Paschalis vollzog die Heiligsprechung Karls des Großen und die neuerliche Krönung des Kaisers im Jahre 1167. Nach dem Tod von Paschalis wurde Johannes von Struma zum Gegenpapst Calixt III.[iii] gewählt, fand aber nur in Rom und einigen Gebieten des Kirchenstaats und der Toskana Anerkennung. Alexander aber hatte inzwischen den weitaus größten Teil der europäischen Bischöfe hinter sich gebracht. Im Frühjahr 1169 entsandte Calixt eine Gesandtschaft nach Deutschland, um den Kaiser aufzufordern, seinem Papsttum zu Hilfe zu kommen. Friedrich erklärte sich bereit, im folgenden Jahr mit einer Armee nach Italien zu gehen, um die Einheit der Kirche wiederherzustellen. In der Vereinbarung von Anagni (s.u.) vom November 1176 ließ der Kaiser Calixt aber fallen. Dieser unterwarf sich 1178 Alexander III. und verzichtete auf die päpstliche Würde. Alexander III. versüßte ihm diesen Verzicht, indem er ihm das Amt des Rektors von Benevent verlieh.

Erster Italienzug und Kaiserkrönung

Am Konstanzer Reichstag im März 1153 nahmen auch die Gesandten der Gemeinden Pavia und Como sowie Kaufleute aus Laus/Lodi teil, die um Hilfe gegen den Hochmut Mailands baten. Die Feudalfamilien und kleineren Kommunen forderten Schutz vor der zunehmenden Macht der oberitalienischen Städte, Papst Eugen III. (1145–1153) bat um Sicherung gegen das Volk und die Gemeinde Rom und um Unterstützung gegen die Normannen. In Rom führte seit 1143 Arnold von Brescia (1090–1155) das große Wort und hatte Papst Eugen aus Rom nach Tivoli vertrieben. Im Oktober 1154 verließ Friedrich Tirol, und im November berief er in Roncaglia einen Reichstag ein, auf dem alle seit Kaiser Heinrich IV. in Vergessenheit geratenen und von den Gemeinden usurpierten Königsrechte wieder eingefordert wurden.[iv] Eugen war 1153 gestorben, sein Nachfolger Anastasius IV. im Dezember desselben Jahres. Der neue Papst Hadrian IV. (1154–1159) krönte Friedrich Barbarossa am 18. Juni 1155 zum Kaiser. Unmittelbar nach der Krönung kam es zu einem blutigen Aufstand der stadtrömischen Bevölkerung. Bei den Kämpfen behielten die Truppen des Kaisers zwar letztlich die Oberhand. Friedrich Barbarossa konnte aber entgegen dem Konstanzer Vertrag die Herrschaft des Papstes über die Stadt nicht wiederherstellen. Friedrich hatte lediglich auf dem Wege zur Krönung Arnold von Brescia festgenommen und dem Papst zur Hinrichtung überlassen. Auch der Zug gegen die Normannen unterblieb. In der Folge wurden die Normannen zu Schutzmacht des Papstes.

Arnold von Brescia

Arnold von Brescia war, wie wenig später Cola da Rienzo (1313–1354), ein Vertreter des Volks und römischen Bürgertums gegen die Macht der Kirche und des Adels. Arnold war in Brescia geboren, wanderte nach Frankreich, studierte unter Abälard Theologie und war jahrelang dessen Gefährte. Nach Brescia zurückgekehrt, stürzte er sich in den Kampf der Bürger gegen ihren Bischof Manfred. Arnold geißelte die Weltlichkeit der Priester. Arnold wurde aus Italien verbannt. Nach einem nicht eindeutig belegten Wanderleben trat Arnold als Demagoge in Rom auf. Offenbar unter seinem Einfluß forderten die Römer, daß der Kaiser seine Gewalt als einen Auftrag des römischen Senats und Volks betrachten solle. Friedrich Barbarossa sollte demnach das Volk und den Gemeinderat Roms als die Quelle seines Kaisertums anerkennen. Hadrian IV. trat nach seiner Wahl sofort der römischen Kommune entgegen und forderte die Ausweisung Arnolds. Die Verwundung eines Kardinals durch das Volk erklärte Hadrian zu einem Verbrechen an der Majestät der Kirche und legte das Interdikt direkt auf Rom. Kurze Zeit ertrugen die Römer das Interdikt, dann aber erhob sich das Volk und bat den Papst, ihm wieder die Segnungen der Kirche zu geben. Der Papst willigte ein, wenn Arnold sofort vertrieben würde. Arnold traf dann das Los aller Volkshelden. Das Volk, welches ihm lange zugejubelt hatte, gab ihn preis. Arnold entwich in die Toskana, wo er in die Hände des Kaisers fiel, der ihn dem Papst auslieferte. Dieser ließ ihn hinrichten.[v]


[i] Papst Alexander III. (* um 1100; reg. 1159–1181). Er gilt als einer der wichtigsten Päpste des Hochmittelalters. In seiner Amtszeit fand 1179 das Dritte Laterankonzil statt, das u.a. die Papstwahl regelte.

[ii] Johannes Haller: Das Papsttum. Idee und Wirklichkeit, Bd. 3, Reinbek b. Hamburg 1965, S. 124 ff.

[iii] Karl Jordan: „Callisto Iii, antipapa“; in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 16, Rom 1973.

[iv] Roncaglia ist ein Stadtteil von Piacenza in Oberitalien. Es war im Hochmittelalter mehrfach Schauplatz von Hof- und Reichstagen des Heiligen Römischen Reiches, u.a. unter Barbarossa 1154 und 1158.

[v] Ich folge hier der Darstellung bei Gregorovius.

Auch nach seiner Wiederbelehnung mit Bayern verweigerte Heinrich der Löwe beim fünften Italienzug Friedrich Barbarossa die Gefolgschaft, die er als Lehnsmann seinem Lehnsherrn schuldete. Er stellte kein Ritterheer auf und folgte dem Ruf des Kaisers nicht. Daraufhin wurde Heinrich der Löwe geächtet. Obwohl er sich dem Kaiser unterwarf, verlor er seine beiden Herzogtümer (die Reichslehen waren) und mußte nach England in das Mutterland seiner Frau fliehen. Das Herzogtum Bayern wurde dann an die Wittelsbacher verliehen.
Eine der ältesten Darstellungen Wiens stammt aus dem im Stift Klosterneuburg zu besichtigenden Babenberger-Stammbaum und zeigt im (hier nicht abgebildeten) Vordergrund den Tod des letzten Babenbergers, Friedrichs des Streitbaren, in der Schlacht an der Leitha 1246. Zwar zeigt das Bild schon den gotischen Stephansdom, der erst unter Rudolf dem Stifter im 14. Jahrhundert errichtet wurde, trotzdem vermittelt es auch einen Eindruck von der Stadt Wien zur Zeit Friedrich Barbarossas.
Heinrich der Löwe trieb energisch die Ostsiedlung voran und war auch der Gründer der Stadt Lübeck. Die Abbildungen zeigen die Phasen der deutschen Ostsiedlung in einer polnischen Grafik und das Denkmal eines überlebensgroßen Löwen aus Bronze, das der Welfe als Symbol seiner Macht in Braunschweig errichten ließ.
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17 Jahre dauerte der Konflikt zwischen Friedrich Barbarossa und dem Stuhl Petri, immer wieder ließ er in dieser Zeit Gegenpäpste einsetzen, die von der Kirche allerdings nicht anerkannt wurden. Die Heiligsprechung Karls des Großen von Friedrichs Papst Pascalis wurde von Rom allerdings nie in Zweifel gezogen. Im Louvre befindet sich die abgebildete Reiterstatuette des Kaisers.
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Arnold von Brescia war, wie der spätere Cola da Rienzo, ein Vertreter des römischen Bürgertums gegen die Macht der Kirche und des Adels. Unter seinem Einfluß forderten die Römer, daß der Kaiser seine Gewalt als einen Auftrag des römischen Senats und Volks betrachten solle. Als er sich auch gegen Papst Hadrian IV. wandte, ließen die Römer ihn fallen, und Arnold wurde auf Befehl des Papstes hingerichtet. – 1882 errichtetes Denkmal des Arnold von Brescia im lombardischen Brescia/Wälsch-Brixen.
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Kaiser Friedrich Barbarossa mit seinen Söhnen Heinrich VI. (links), der bereits die Königskrone trägt, und Friedrich von Schwaben mit dem Herzogshut (rechts). – Miniatur aus der Historia Welforum, Ende des 12. Jahrhunderts.

Vertrag von Benevent 1156

Der erste Zug Friedrichs nach Italien war kein Erfolg. Mit Ausnahme seiner Krönung hatte Friedrich I. nichts erreicht. Er war sogar beschämt und erniedrigt nach Deutschland zurückgekehrt. Der Geschichtsschreiber Romuald von Salerno schrieb sarkastisch: „Friedrich, der König der Deutschen, kam nach Rom und wurde von Papst Hadrian entsprechend seinem Versprechen in der Kirche des Heiligen Petrus, wie es Brauch ist, feierlich gekrönt. Vor der Krönung hatte er dem Papst versprochen, die von der römischen Bürgerschaft neu ernannten Senatoren und den Papst in die Rechte des Heiligen Petrus wiedereinzusetzen. Nachdem er die Krone erlangt hatte, hielt er sich eine Weile in der Nähe von Rom auf [aliqunatulum demoratus est] und ging dann nach Deutschland zurück. Der Papst, der sich in seinen Hoffnungen enttäuscht sah, zog nach Benevent, wo er ehrenvoll empfangen wurde. Der Papst hatte Grund, sich über mangelnde Vertragstreue des Kaisers zu beschweren. Der Feldzug gegen die Normannen in Sizilien war Voraussetzung des gegenseitigen Einverständnisses gewesen. Das deutsche Bündnis hatte dem Papst Hadrian überhaupt nichts eingebracht. Er konnte sich als der Betrogene fühlen: Den Preis, die Kaiserkrone, hatte Friedrich erhalten, den versprochenen Dienst aber nicht geleistet.“[1] Das führte im Ergebnis zu einem Schwenk des Papstes in der sizilianischen Frage.

Benevent lag, auch wenn das Reich alte Ansprüche darauf erhob, im Machtbereich des Königs Wilhelm von Sizilien. Hier kam es 1156 zu der Vereinbarung von Benevent zwischen dem Papst und König Wilhelm I. Der König nahm sein normannisches Herrschaftsgebiet förmlich vom Papst zu Lehen. Der Schutz des Papstes gegen die Normannen, den Friedrich Barbarossa hätte übernehmen sollen, hatte sich durch diesen Vertrag erledigt. Das war ein Schlag ins Gesicht des Kaisers und des Reichs. Romuald vermerkte daher kurz und bissig: „Als Kaiser Friedrich hörte, daß Papst Hadrian sich mit König Wilhelm geeinigt hatte und daß dieser sein Reich nun vom Papst als päpstliches Lehen genommen hatte, war er äußerst verärgert [molestissime tulit].“ Der Vertrag von Benevent beendete einen alten Streit. Die römische Kirche anerkannte die Existenz des Königreichs Sizilien. Drei miteinander rivalisierende Mächte – Byzanz, Sizilien und die Kirche – waren nun in einem neuen Dreibund gegen einen gemeinsamen Gegner vereinigt – den deutschen Kaiser.

Zweiter Italienzug (1158–1162)

Im Juni 1158 ging der Kaiser, vermutlich, um die Scharte des Ersten Italienzugs auszuwetzen, mit einem Heer, wie man es in solcher Stärke noch nicht gesehen hatte, erneut über die Alpen. Wieder auf den Ronkalischen Feldern, hielt er einen Reichstag ab. Er ließ durch Rechtsgelehrte und Vertreter der Städte die kaiserlichen Hoheitsrechte festsetzen, und es gelang ihm, die Verwaltung samt Gericht, Polizei und Steuern überall in die Hand zu nehmen. Zunächst unterwarfen sich die Städte. Dann empörten sich einige unter der Führung von Mailand und verjagten die kaiserlichen Beamten. 1159 stand der Kaiser wieder vor dem Anfang. Im April verhängte er über Mailand die Reichsacht. Mailand mußte sich ergeben, stand aber kurz danach wieder auf und wurde erneut bezwungen (1160). Im Frühjahr 1161 konnte Friedrich, nachdem er Verstärkung aus Deutschland und Ungarn erhalten hatte, Mailand belagern. Am 10. März 1162 wurde Mailand zur Kapitulation gezwungen, völlig zerstört und unbewohnbar gemacht.[2] Die Bevölkerung wurde vertrieben.

Die Zerstörung von Städten ist, unabhängig von moralischen Bedenken, politisch in der Regel unklug. Solche Gewaltakte graben sich tief in das geschichtliche Gedächtnis ein, so wie die Zerstörung von Korinth durch die römischen Feldherren im Jahr 141 v. Chr. Gregorovius sagte: „Wie Demetrius im Altertum konnte dieser große Hohenstaufe mit Recht Städteverwüster heißen.“[3]
Der Kaiser riß auch die Mauern von Brescia und Piacenza nieder, die nun kaiserliche Beamte hinnehmen mußten. Friedrich Barbarossa kehrte auf dem Höhepunkt seiner Macht nach Deutschland zurück. Der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel (um 1115–1167, Rom) wurde als Reichskanzler für Italien mit fast unumschränkten Vollmachten ausgerüstet und entfaltete nun bis Ende 1163 in der Lombardei und Toskana für die Sache des Kaisers eine höchst fruchtbare Tätigkeit, die aber von den Betroffenen oft als hart empfunden wurde. Im Oktober 1163 zog der Kaiser mit einem kleinen Heer auf seinen Dritten Italienzug. Rainald von Dassel versuchte vergeblich, einen Feldzug gegen die Normannen von Sizilien zu organisieren. Barbarossa kehrte unverrichteter Dinge zurück.

Vierter Italienzug (1166–1168)

Es brachen neue Unruhen aus; der kaiserliche Beamte in Bologna wurde getötet. Friedrich stand im Grunde wieder am Anfang. Er bildete ein mächtiges Heer und zog im Oktober 1166 zum vierten Mal nach Italien. Im November war er in der Lombardei, wo er beim Reichstag von Lodi feststellte, daß die Feindseligkeit größer war als in der Vergangenheit. Der Kaiser kämpfte in den Gebieten von Bergamo und Brescia, dann ging er nach Bologna, wo er sich Geiseln stellen ließ. Rainald von Dassel besetzte das römische Land und war mit geringen Streitkräften in Tusculum angekommen, als die Römer gegen ihn marschierten, aber am 29. Mai 1167 in der Schlacht von Prata Porci eine Niederlage erlitten. Am 24. Juli traf der Kaiser zu einem großen Angriff auf Rom ein. Papst Alexander III. floh am 29. Juli nach Benevent. Friedrich war Herr von Rom, wo er vom Gegenpapst Paschalis (1. August 1167) zum zweiten Mal zum Kaiser gekrönt wurde. Nasch Eintreffen der Flotte aus Pisa schien alles bereit für den Angriff auf das Königreich Sizilien.
Es brach aber ein Fieber im kaiserlichen Lager aus, wahrscheinlich die Malaria. Viele Soldaten starben, auch Rainald von Dassel und Friedrichs Neffe Friedrich IV., der Herzog von Schwaben. Der Kaiser sah sich zum Rückzug gezwungen und kehrte über Savoyen nach Deutschland zurück.

Fünfter Italienzug (1174–1178)

Ein Aufstand der lombardischen Städte stellte alles Erreichte wieder in Frage. Friedrich rüstete zu einem neuen Angriff. Im Herbst 1174 trat er mit ungenügenden Streitkräften den Zug an. Der Kaiser nahm den Weg durch Burgund. Die Aufforderung des Kaisers an die Fürsten des Reichs, ihm Heerfolge zu leisten, fand nur ungenügendes Gehör. In diesem Zusammenhang steht der Vorfall von Chiavenna. Der Kaiser soll Heinrich den Löwen vergeblich um Unterstützung geradezu angefleht habe. Von Arnold von Lübeck stammt der Bericht über das dramatische Treffen von Kaiser und Herzog. Friedrich habe Heinrich erinnert: „Memorem te esse volumus quod nihil umquam tue voluntati negavimus – wir bitten dich, zu bedenken, daß wir dir niemals etwas abgeschlagen haben.“[4] Die vernichtende Niederlage des Kaisers in der Schlacht von Legnano am 29. Mai 1176  bei Legnano ( nördlich von Mailand) erscheint so als unmittelbare Folge von Heinrichs Weigerung, den Kaiser zu unterstützen, und spielt vermutlich eine entscheidende Rolle bei dem von Barbarossa ins Werk gesetzten Sturz seines mächtigsten Vasallen.[5] Der Kaiser hatte sich selbst in das Schlachtgetümmel gestürzt und war von Feinden umringt vom Pferde gesunken. Man hielt ihn für tot, bis er am dritten Tag mit einigen Rittern, die bei ihm ausgeharrt hatten, in Pavia eintraf.

Vertrag von Anagni

Nach der Niederlage bei Legnano war an einen militärischen Sieg nicht mehr zu denken. Es gab im Grunde nur zwei Alternativen: Rückzug und Aufgabe Italiens oder Vertragsfriede. Die Spitzen der deutschen Kirche rieten zum Frieden, und der Kaiser fühlte bei Alexander vor. Die Erzbischöfe von Köln, Magdeburg und Mainz trafen im Oktober in Anagni mit dem vom Kaiser noch nicht als Papst anerkannten Alexander zusammen. War es das Geschick des Kaisers bzw. seiner Verhandlungsführer, das Ungeschick Alexanders oder vielleicht doch die letztlich nicht zu vereinbarenden Interessen der Anti-Kaiser-Koalition aus Lombardenbund, Königreich Sizilien und griechischem Kaiser? Jedenfalls wurde diese alsbald argwöhnisch, daß der von ihnen anerkannte Papst hinter ihrem Rücken mit dem Kaiser einen Sonderfrieden zu ihren Lasten vereinbarte. Es gelang dem Kaiser, die Koalitionäre gegeneinander auszuspielen. Die Kirchenspaltung hatte nun schon 16 Jahre gedauert, Alexander war, wenn auch inzwischen von der Mehrheit der Bischöfe anerkannt, ruhelos von einem Ort zum anderen getrieben worden. Das größte Zugeständnis, das der Kaiser Alexander machen konnte, war seine Anerkennung als Papst. Hier lag vielleicht das stärkste Argument des Kaisers im Gegenzug zu einer gesichtwahrenden Friedenslösung. So trugen die Vereinbarungen von Anagni den Charakter des Kompromisses: Verzicht auf die Reichshoheit über den Kirchenstaat, weitgehende Selbstverwaltung der Städte des Lombardenbunds, Rückgabe des päpstlichen Besitzes. Die zwischen Kaiser und Papst seit langem strittigen Mathildischen Güter[6] sollten in der Hand des Kaisers bleiben, bis ein Schiedsgericht darüber entscheiden würde. Offenbar war es die Absicht des Kaisers, dieses reiche Gut dauerhaft zu behalten und darin einen Stützpunkt zur Sicherung seiner italienischen Herrschaft über Italien zu gewinnen. Indem Alexander dieser Forderung nachgab, endeten die Verhandlungen mit einem höchst wertvollen Erfolge Barbarossas.[7]

Vielleicht kann man von einem realpolitischen Zynismus des Kaisers sprechen. Unbemerkt hatten sich seine Ziele in Italien geändert. Ursprünglich war es ihm und seinen Vorgängern um die kaiserliche Oberherrlichkeit über das Papsttum gegangen. Dieses Ziel hatte es ausgeschlossen, daß der Kaiser die Symbole der Unterwerfung gegenüber dem Papst vollzog. Darum ging es nun aber nicht mehr. Friedrich Barbarossa hatte das sizilianische Königreich im Auge, ihm ging es um die Herrschaft über Italien. Diesem Ziel war er durch den Vertrag von Anagni nähergekommen als alle seine Vorgänger seit Karl dem Großen. Mochte dann doch der Papst sich an den überlebten Formeln und Symbolen der Unterwerfung erhoben fühlen. Im Frieden von Venedig (Juli 1177) kam es nun zu dem, was bisher scharf verweigert worden war: Der Kaiser kniete auf dem Markusplatz nieder und küßte den Pantoffel des Papstes, der ihm beim Aufstehen half und ihn väterlich umarmte. Der Papst wurde auf das Pferd gehoben, während der Kaiser den Steigbügel hielt. In Italien hatte sich die Lage für den Kaiser damit entscheidend verbessert. Die Städte machten wirtschaftliche Zugeständnisse, so daß dieser Friede für Friedrich I. im Ergebnis ein großer Erfolg wurde. Von 1183 bis 1190 belief sich das jährliche feste Einkommen des Kaisers in Italien auf 100.000 Pfund. Damit war Friedrich nach dem englischen König der reichste Herrscher des Westens.[8] Die Vereinbarungen von Anagni wurden als Frieden Venedig bestätigt und 1183 vom Reichstag im Frieden von Konstanz ratifiziert. [9]

Ein wichtiger Grund für die Friedensbereitschaft der christlichen Kontrahenten dürfte die Erkenntnis gewesen sein, daß sich im Osten, im Heiligen Land, eine Entwicklung anbahnte, welche die Christen zur Einigkeit zwang. Kaiser Manuel von Byzanz hatte im Sommer 1176 eine schwere Niederlage gegen die Türken erlitten. Saladin, der sich zum König von Ägypten aufgeworfen hatte, schickte sich an, das Königreich Jerusalem zu vernichten, was ihm wenige Jahre später in der Schlacht bei Hattin am 4. Juli 1187 auch gelang. Mitte Juli verließ der Kaiser Italien, um über Burgund nach Deutschland zurückzukehren. Auf dem Weg ließ er sich am 30. Juli 1178 in Arles zum König von Burgund krönen.

Der Sturz von Heinrich dem Löwen

Durch den Frieden von Venedig hatte der Kaiser freie Hand gewonnen, die Verhältnisse in Deutschland zu regeln. Dazu gehörte die Macht des Herzogs von Sachsen und Bayern, also Heinrichs des Löwen, zurückzuschneiden. Der Kaiser zeigte sich entschlossen, den Beschwerden der Gegner Heinrichs Gehör zu schenken. Während der Kaiser Reichspolitik südlich der Alpen betrieb, hatte Heinrich der Löwe im Norden seinen Machtbereich ohne Rücksicht auf seine Nachbarn erweitert, so daß – ähnlich wie unter König Ottokar von Böhmen hundert Jahre später – die Gefahr bestand, daß der Norden und der neugewonnene Nordosten sich ganz vom Reich lösen würde. Gegen die Übergriffe Heinrichs bildete sich ein Bündnis norddeutscher Fürsten und Bischöfe. Es kam zu regelrechten Kriegen. In Worms (1179) sollte über diese Vorgänge verhandelt werden. Heinrich erschien trotz Vorladung nicht. Auch einer zweiten und dritten Vorladung folgte er nicht. Selbst den vierten ausgeschriebenen Termin zu Würzburg (Januar 1180) ließ Heinrich unbeachtet. Daraufhin wurde er in die Acht getan, und seine Reichslehen wurden ihm entzogen. Selbstherrlichkeit dürfte Hinrich den Löwen verleitet haben, es auf einen Machtkampf mit dem Kaiser ankommen zu lassen und die Vorladungen zu mißachten. Man wird es zu den großen politischen Leistungen Barbarossa rechnen, daß er die Gefahr einer heimlichen Loslösung des Nordens vom Reich erkannte und mit den deutschen Fürsten die diplomatischen Fäden spannte, um den bei weitem mächtigsten Fürsten des Reichs zu Fall zu bringen. Das Herzogtum Sachsen wurde verteilt, und es entstand das Herzogtum Westfalen, das dem Bischof von Köln gegeben wurde. Bayern wurde nach Ausgliederung der Steiermark als Herzogtum 1180 an Otto von Wittelsbach gegeben.[10] Heinrich der Löwe wurde auf Braunschweig und Lüneburg reduziert. Das Haus der Welfen blieb bis 1918 im Besitz der später zum Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, dann zum Kurfürstentum erhobenen Gebiete. Als merkwürdige Parallele zu dem von Barbarossa gegründeten Österreich, das unter den Habsburgern dem spanischen Weltreich präsidierte, wurden nun die Nachfahren von Heinrich dem Löwen mit Kurfürst Georg von Hannover Erben des britischen Thrones.

Sechster Italienzug (1184–1186)

Nach dem Fünften Italienzug war eine Zeit der politischen Ruhe eingetreten. Im September 1184 ging Friedrich, indem er seinen ältesten Sohn Heinrich als Regenten in Deutschland zurückließ, zum sechsten Mal über die Alpen, aber ohne kriegerisches Gefolge. Die hauptsächliche Veranlassung seiner Reise waren Verhandlungen mit Papst Lucius (1181–1185), dem Nachfolger von Papst Alexander II., über die noch strittigen Punkte sowie die Kaiserkrönung von Barbarossas Sohn Heinrich. Friedrich wurde in den lombardischen Städten festlich empfangen. Der Kaiser nahm auch die Huldigungen der toskanischen Städte entgegen. Im Herbst kehrte er in die Lombardei zurück. Am 27. Januar 1186 wurde die Hochzeit seines schon als Kind zum deutschen König gewählten Sohnes Heinrich, später Kaiser Heinrich VI.,[11] mit Konstanze, der Erbin des normannischen Königreichs, begangen. Mailand bereitete ein großes Fest, welches die wiedergewonnene Autorität der Kaiser in Italien deutlich machte. Heinrich und Konstanze wurden vom Patriarchen von Aquileia in Mailand als König bzw. Königin von Italien gekrönt.
Des Kaisers Autorität in Italien stand fester denn je. Der Nachfolger von Alexander III., Lucius III., hatte sich bei der römischen Stadtbevölkerung unbeliebt gemacht und lebte unter dem Schutz des Kaisers in Verona. Auch der Kirchenstaat war in den Händen des Kaisers.

Burgund[12]

Burgund war neben Deutschland und Italien die dritte Säule des mittelalterlichen deutschen Reichs. Dieses ist zu unterscheiden von dem französischen Herzogtum Burgund-Bourgogne mit der Hauptstadt Dijon. Nach dem Tod Karls des Kahlen (877) entstand das Reich Niederburgund, das nach seiner Hauptstadt Arles Arelatisches Königreich genannt wurde. Dieses fiel 1033 unter Kaiser Konrad II. aufgrund eines Erbvertrags an das Deutsche Reich.[13] Im Bereich der heutigen Provence blieb die kaiserliche Macht aber nur theoretisch. „Leur autorité en Provence sera d’ordre théorique – ihre Herrschaft sollte im Grunde eine theoretische bleiben.“[14] Sie blieb rein rechtlich jedoch bis 1791 bestehen. Nur im Norden, in den heutigen westschweizer Kantonen blieb der kaiserliche bzw. deutsche Einfluß spürbar. Kaiser Karl IV. war der letzte deutsche König, der sich in Arles krönen ließ (1365). Mitte des 12. Jahrhunderts wurden die Territorien um Avignon und Orange faktisch selbständige Territorien innerhalb des Königreichs Burgunds, blieben aber in sehr verdünnter Form lehnsrechtlich an das Deutsche Reich gebunden. Avignon war daher theoretisch kaiserliches Lehen. Das spielte eine Rolle bei der Verlegung des Papstsitzes von Rom nach Avignon im 14. Jahrhundert sowie für das Fürstentum Orange-Oranien, welches durch Erbschaft an den deutschen Grafen Wilhelm von Nassau fiel und zu dem heutigen Namen des niederländischen Königshauses führte.[15]

Das Rektorat von Burgund war ein 1127 von Kaiser Lothar für die Zähringer geschaffenes Amt, um als Stellvertreter des deutschen Königs die Hoheitsrechte des Reichs im Königreich Burgund wahrzunehmen. Es gelang den Rektoren aber nur, sich im östlichen Teil Hochburgunds, also der heutigen Westschweiz, durchzusetzen. Die restlichen Gebiete des Königreichs Burgund bis zum Mittelmeer beanspruchten sie zwar auch, konnten hier aber nie wirklichen Einfluß gewinnen. 1152 sicherte Friedrich sich die Unterstützung von Herzog Berthold IV. (1125–1186) für seine Wahl als deutscher König, indem er ihm den Titel eines Rektors von Burgund bestätigte und sich vertraglich verpflichtete, ihm bei der Unterwerfung Burgunds zu helfen. Das wurde aber nicht verwirklicht. Der Vertrag sollte das Ansehen des Reichs und der Zähringers in ganz Burgund wieder heben. Er bewirkte immerhin, daß Kaiser Friedrich im Frühjahr 1153 in Besançon die burgundischen Großen zu einem Reichstag um sich sammeln konnte. Die nachhaltigste Bedeutung aber gewann Herzog Bertholds Regierung dadurch, daß er Städte gründete oder in ihrer Entwicklung förderte. Freiburg/Schweiz (im Uechtlande) und Bern sind Beispiele dafür.

Der Dritte Kreuzzug und Friedrichs Ende

Auf dem Hoftag zu Mainz 1188 hatte der Kaiser das Kreuz genommen, mit ihm sein zweiter Sohn Friedrich von Schwaben, mehrere geistliche und weltliche Fürsten und eine große Zahl deutscher Ritter. Der Auszug des kaiserlichen Kreuzheers aus Regensburg war auf den 23. April 1189 bestimmt worden. Hier traf er Anordnungen für sein Haus und das Reich, dessen Regierung er seinem Sohne König Heinrich übergab. Am 11. Mai brach er auf. Das Pfingstfest feierte man bei Preßburg. Das Heer, welches mit dem Kaiser Deutschland verließ, läßt sich auf 100.000 Mann anschlagen, unter ihnen etwa 20.000 Ritter. Im März 1190 wurde der Hellespont überschritten. Die Kreuzfahrer gerieten in immer neue Bedrängnisse und erlitten die schwersten Verluste. Ende Mai betrat das Kreuzheer das christliche Armenien, wo es gute Aufnahme und Unterstützung fand. Bei einem Bad im Fluß Saleph[16] wurde Friedrich Barbarossa jedoch fortgerissen und als Leiche aus demselben gezogen (10. Juni 1190).

Viele Kreuzfahrer gingen daraufhin in die Heimat zurück; den Rest führte Friedrich von Schwaben weiter. Auch die Leiche des Vaters nahm er mit sich. In Tarsus wurden die Eingeweide, in Antiochien das von den Gebeinen gelöste Fleisch beigesetzt; wo die Gebeine die letzte Ruhestätte gefunden haben, ist nicht überliefert. Auch der junge Friedrich sah die Heimat nicht wieder. Am 20. Januar 1191 erlag er vor Akkon einer Krankheit. Das Unternehmen, mit deutschen Streitkräften die heiligen Stätten wiederzugewinnen, war vollständig gescheitert.

Die Kultur der Stauferzeit

Die großen Herrscher der Geschichte schaffen den Rahmen, in welchem die Kultur eines Volks aufblüht. Es ist nur selten möglich, eine bestimmte Leistung dem Herrscher unmittelbar zuzurechnen. König Ludwig XIV. von Frankreich ist wohl das berühmteste Beispiel dafür, daß nicht die Person, sondern die von ihr ausgehende Aura ein ganzes Zeitalter prägen kann. Denkt man Friedrich Barbarossa ohne den Strahlenkranz des Kaisertums, bleibt vielleicht ebenfalls nicht allzuviel. Man weiß nicht, ob er fromm war, ob er an Literatur oder Kunst interessiert war, in welcher Sprache er sich mit seiner zweiten Frau Beatrix von Burgund unterhielt, ob er es überhaupt tat, ob er der kalte Machtpolitiker war, als der er manchmal erscheint, oder Dinge, die weniger gefallen, nur unter Skrupeln tat. Sicher ist nur, daß seine Zeitgenossen und die nachfolgenden Generationen in ihm etwas Besonderes sahen, worin sich das Reich der Deutschen verkörpert sah, das er zu einer seither nicht wieder erreichten Höhe gebracht hatte. Es kann also kaum gesagt werden, was Friedrich zur Kultur der Stauferzeit beigetragen hat. Die in seiner Regierungszeit 1153 gebaute Kirche von Schortens/Friesland und viele andere Bauten jener Zeit hat der Kaiser gewiß nicht zur Kenntnis genommen, und ob er sich für die Gedichte von Heinrich von Veldeke (um 1150 – ca. 1195) interessierte, ist zweifelhaft. Den wohl bedeutendsten deutschen Dichter der Stauferzeit, Wolfram von Eschenbach (um 1170 – um 1220), konnte er wohl noch gar nicht zur Kenntnis nehmen.

Die Weitung des Blicks über Deutschland hinaus ist vielleicht der Punkt, welcher dem Kaiser am ehesten persönlich zuzurechnen ist. Seine ständigen Reisen nach Italien, sein Ausgriff nach Sizilien, der damit verbundene diplomatische Austausch mit dem Papst und byzantinischen Kaiser und nicht zuletzt seine Teilnahme am Zweiten und Dritten Kreuzzug haben ihm selbst und seinem Umfeld sowie dem Umfeld seines Umfelds bis hin zum Koch und Lanzenträger Eindrücke gegeben, die weit über das hinausgingen, was die damals noch ungebildeten und des Lesens und Schreibens meistens unkundigen Deutschen kannten. Dieses und Barbarossas von Holstein bis nach Sizilien und von den Niederlanden bis nach Schlesien greifende Herrschertätigkeit müssen aber etwas ausgestrahlt haben, was seine Zeitgenossen und die Folgegeneration ebenfalls angeregt hat, ins Weite zu denken und nach Neuem zu suchen.

In der Person dieses Kaisers laufen die größten Bewegungen Europas vor der Reformation zusammen – Cluny und die Kreuzzüge. Um das Jahr 1000 begann in Europa mit der Erneuerungsbewegung von Cluny in der Kirche eine Entwicklung, die im Bilde einer Glockenkurve zu einem unerhörten Aufschwung des Glaubens führte und mit der Eroberung von Jerusalem (1099) ihren Gipfelpunkt erreichte. Dann aber fiel diese Bewegung wieder zurück. Die lauten Rufe „Deus lo vult – Gott will es“, nämlich das Heilige Grab von den Ungläubigen befreien, die fanatisierenden Predigten von Peter von Amiens und Bernhard von Clairvaux erwiesen sich als unzutreffend. Gott wollte es wohl doch nicht! Gott ließ es zu, daß die Muslime die Christen wieder aus dem Heiligen Land vertrieben. Es begann nun die bis heute andauernde Phase der kritischen Auseinandersetzung mit dem Christentum und dem Glauben überhaupt. Gestützt von der Wiederentdeckung des Aristoteles um 1200 wagte sich die empirische Naturwissenschaft hervor. Der Glaube an die göttliche Ermächtigung von Papst und Kaiser wurde Schritt für Schritt durch den Glauben an die vernunftgeleiteten (Natur-)Wissenschaften ersetzt.

Die ersten Früchte dieser Entwicklung, die Selbstbefreiungen der Völker aus der kirchlichen Umklammerung, werden im 12. Jahrhundert sichtbar. Der Aufschwung war eng verbunden mit der politischen Situation des Reichs unter den Staufern. Im Gegensatz oder komplementär zur religiösen Askese entwickelten sich freiere Weltfreude und heitere Lebensbejahung, der Sinn für Schönheit und feine Sitte. Wie ein Wunder hat sich dieses Lebensgefühl entfaltet. Drei Generationen können deutlich voneinander geschieden werden: 1160–1180, also in der Regierungszeit Barbarossas, wurden die Grundlagen dieser ritterlichen Kultur gelegt, 1190–1220 reichte die Zeit ihrer reifen Vollendung, 1220–1250 dauerte noch die Nachfolge der klassischen Meister. Mit dem Ende der kaiserlichen Macht war seine Blütezeit vorbei. Der Tod Kaiser Friedrichs II. vernichtete seine Voraussetzungen.[17]

Die Stauferzeit, welche mit Friedrich Barbarossa ihren Höhepunkt und unter seinem Enkel Friedrich II. einen zweiten Gipfelpunkt erreichte, zeigt sich daher als das Ende einer Weltperiode, die in die Rationalität der Neuzeit überleitete. Unter der Herrschaft Kaiser Friedrichs II. wirkte Albert von Lauingen (Albertus Magnus; um 1200 – 1280), mit dem die empirische Wissenschaft in Europa begann.[18] Wenig später entstand im Kernland der Staufer eine der größten Revolutionen der Weltgeschichte, die Erfindung des Schießpulvers, Grundlage der Feuerwaffen und damit der Eroberung der Welt durch die Europäer.

Friedrich Barbarossa und Parzival

Die Regierung Friedrichs war ständige Bewegung, ein unablässiges Ringen zur Herstellung eines alten, im Grunde imaginären Kaisertums. Niemand wird seine vielen und großen Fehler leugnen. Er hat auf dem Schlachtfeld und politisch schwere Niederlagen erlitten. Aber auch als Besiegter erscheint er immer als Sieger

Kann man in Friedrich Barbarossa die Verkörperung Parzivals sehen? Wolfram von Eschenbach (1160–1220), der wohl bedeutendste Dichter der Stauferzeit, beschreibt Parzival als den wohlmeinenden fahrenden Ritter, der durch Irrungen die Krone des Lebens erringt. Friedrich war mit den besten Eigenschaften ausgestattet, die seine Zeit von einem Herrscher erwartete. Er besaß alle ritterlichen Tugenden, auch persönliche Tapferkeit, wie er in der Schlacht von Legnano bewies. Aber im Grunde war er doch schon aus der Zeit gefallen. Wie Parzival nach dem heiligen Gral suchte der Kaiser nach der überirdischen Krone, unter welcher er die Christenheit einen wollte. Parzival machte auf seinem ruhelosen Weg durchs Leben manche Fehler, ehe es ihm beim zweiten Versuch gelang, Gralskönig zu werden und die Krone der Ritterschaft zu erringen, womit er freilich aus der sichtbaren Welt verschwand. So ähnlich war es doch auch mit Friedrich von Schwaben. Als junger Mann hatte er sich dem Zweiten Kreuzzug angeschlossen. Der endete als schmählicher Mißerfolg. Danach zog er als Kaiser rast- und ruhelos durch die damals bekannte Welt von Polen bis Süditalien, um am Ende seines Kaisertums einen zweiten Versuch zu wagen, die Krone der abendländischen Ritterschaft doch noch zu gewinnen, indem er sich auf den Dritten Kreuzzug begab. Ein gnädiges Schicksal hat ihm erspart, die größte Niederlage, die ihm drohte, zu erleben. Alles fließt. Der Kaiser wurde vom Fluß weggespült und schied mit dem Fluß sinnbildlich aus der Zeit und der sichtbaren Welt in den Mythos der Kyffhäusersage.

Friedrich Barbarossa wurde im Gedächtnis des deutschen Volks zum Symbol der verlorenen Reichsherrlichkeit. Darauf beruht die Kyffhäusersage. Nach dieser schläft der Kaiser in einer Höhle des Kyffhäuserbergs, um eines Tages zu erwachen und das Reich zu neuer Herrlichkeit zu führen. Besonders im 19. Jahrhundert wurde die Sage mit der Forderung nach der deutschen Einigung verknüpft. Das Denkmal auf dem Kyffhäusergebirge/Thüringen (1892–1896) zu Ehren des neuen Kaisers ist eine Folge der Reichseinigung am 18. Januar 1871.

 

Literatur

Menno Aden: Deutsche Fürsten auf fremden Thronen. Das Netzwerk des europäischen Hochadels bis 1914, Gilching 2014.

Ders.: Staatsgründungen und Staatenreformer aus dem germanischen und deutschen Kulturraum, Wien 2019.

Raoul Busquet: Histoire de la Provence, Paris 1966.

Alexander Demandt: Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian 284–565 n. Chr., München 1989.

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, Basel u. Stuttgart 1973.

Johannes Haller: Das Papsttum. Idee und Wirklichkeit, Bd. 3, Reinbek b. Hamburg 1965.

Karl Hampe: Das Hochmittelalter, 5. Aufl., Darmstadt 1964.

Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder, 4. Aufl., München 1992.

Georges Minois: Histoire du Moyen Age, Paris 2019.

Mitteis-Lieberich: Deutsche Rechtsgeschichte, 18. Aufl., München 1988.

Norbert Ohler: Reisen im Mittelalter, München 1988.

Ferdinand Oppl: Friedrich Barbarossa, Darmstadt 1968.

Yvonne Plonka: Die Kanonisation Kaiser Karls des Großen 1165. Eine Heiligsprechung im politischen Kontext, München 2011.

Leopold von Ranke: Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494–1535, Wiesbaden 1957.

Steven Runciman: Geschichte der Kreuzzüge, München 1958.

Percy Ernst Schramm: Kaiser, Rom und Renovatio, Wiesbaden 1962.

Friedrich Philipp Wilmsen: Pantheon deutscher Helden. Ein historisches Lesebuch für die Jugend zur Belebung der Vaterlandsliebe und des Eifers für die Wissenschaft, Berlin 1830.


[1] Haller: Papsttum, S. 96 f.

[2] Vgl.Wikipedia (ital.) Assedio di Milano 1162: Mit Mailand rivalisierende Städte wie Cremona, Lodi u.a. beteiligten sich eifrig am Zerstörungswerk.

[3] Gemeint ist Demetrios (* um 336 v. Chr.; † 283 v. Chr.).

[4] Arnoldi: Chronica Slavorum, 2. Buch. Hier wird auch die Episode berichtet, daß der Kaiser den Herzog fußfällig gebeten habe.

[5] Karl Hampe: Das Hochmittelalter, 5. Aufl., Darmstadt 1964, S. 275.

[6] Bei den Mathildischen Gütern handelte es sich um ertragreiche, nicht zusammenhängende, ausgedehnte Ländereien in der Toskana und Mittelitalien.

[7] Vgl. Hampe: Hochmittelalter, S. 276.

[8] So berichtet die italienische Wikipedia unter Quellenangabe.

[9] Ausführlich Alfred Haverkamp: „Der Konstanzer Friede zwischen Kaiser und Lombardenbund (1183)“; in: Vorträge und Forschung. Kommunale Bündnisse Oberitaliens und Oberdeutschlands im Vergleich. Bd. 33 (1987) S. 11–44. Auch Haller: Papsttum, S. 174 ff.

[10] Das Herzogtum fiel dann an die Babenberger; nach deren Aussterben fiel es 1251 an König Ottokar II. von Böhmen, 1282 an Habsburg.

[11] Die Krönung von Kaiser Heinrich VI. fand aber erst 1191, nach Barbarossas Tod, unter dem vierten Nachfolger von Lucius, Papst Coelestin III. (1191–1198), statt.

[12] Georg von Wyß: „Bertold IV., Herzog von Zähringen“;  in: Allgemeine Deutsche Biographie, hgg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 2, München 1875, S. 538–541.

[13] Vgl. Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder, 4. Aufl., München 1992, Stichwort: Burgund.

[14] Raoul Busquet: Histoire de la Provence, Paris 1966, S. 35 f.

[15] Köbler: Historisches Lexikon, S. 481.

[16] Heute Göksu. Sein antiker Name war Kalykadnos.

[17] Zum Teil wörtlich nach Fritz Martini: Deutsche Literaturgeschichte, 19. Aufl., Stuttgart 1991.

[18] Hierzu Menno Aden: Kulturgeschichte der großen deutschen Erfindungen und Entdeckungen, Paderborn 2019

 

EMANUEL GEIBEL (1815–1884)

„Friedrich Rotbart“

Tief im Schoße des Kyffhäusers,
bei der Ampel rotem Schein,
sitzt der alte Kaiser Friedrich
an dem Tisch von Marmorstein.

Ihn umwallt der Purpurmantel,
ihn umfängt der Rüstung Pracht,
doch auf seinen Augenwimpern
liegt des Schlafes tiefe Nacht.

Vorgesunken liegt das Antlitz,
dem sich Ernst und Milde paart,
durch den Marmortisch gewachsen
ist sein langer, gold’ner Bart.

Rings wie eh’rne Bilder stehen
seine Ritter um ihn her,
harnischglänzend, schwertumgürtet,
aber tief im Schlaf, wie er.

Heinrich auch, der Ofterdinger,
ist in ihrer stummen Schar,
mit den liederreichen Lippen,
mit dem goldgelockten Haar.

Seine Harfe ruht dem Sänger
in der Linken ohne Klang,
doch auf seiner hohen Stirne
schläft ein künftiger Gesang.

Alles schweigt, nur hin und wieder
fällt ein Tropfen vom Gestein,
bis der große Morgen plötzlich
bricht mit Feuersglut herein.

Bis der Adler stolzen Fluges
um des Berges Gipfel zieht,
daß vor seines Fittichs Rauschen
dort der Rabenschwarm entflieht.

Aber dann wie ferner Donner
rollt es durch den Berg herauf,
und der Kaiser greift zum Schwerte,
und die Ritter wachen auf.

Laut in seinen Angeln tönend
springet auf das ehern Tor,
Barbarossa mit den Seinen
steigt im Waffenschmuck empor.

Auf dem Helm trägt er die Krone
und den Sieg in seiner Hand,
Schwerter blitzen, Harfen klingen,
wo er schreitet durch das Land.


Und dem alten Kaiser beugen
sich die Völker allzugleich,
und auf’s neu zu Aachen gründet
er das heil’ge deutsche Reich.

 

FRIEDRICH RÜCKERT (1788–1866)

„Der alte Barbarossa …“

Der alte Barbarossa,
der Kaiser Friederich,
im unterird’schen Schlosse
hält er verzaubert sich.

Er ist niemals gestorben;
er lebt darin noch jetzt.
Er hat im Schloß verborgen
zum Schlaf sich hingesetzt.

Er hat hinabgenommen
des Reiches Herrlichkeit
und wird einst wiederkommen
mit ihr zu seiner Zeit.

Der Stuhl ist elfenbeinern,
darauf der Kaiser sitzt;
der Tisch ist marmorsteinern,
worauf sein Haupt er stützt.

Sein Bart ist nicht von Flachse,
er ist von Feuersglut;
ist durch den Tisch gewachsen,
worauf sein Kinn ausruht.

Er nickt als wie im Traume;
sein Aug’ halb offen zwinkt,
und je nach langem Raume
er einem Knaben winkt.

Er spricht im Schlaf zum Knaben:
„Geh hin vors Schloß, oh Zwerg,
und sieh, ob noch die Raben
herfliegen um den Berg!

Und wenn die alten Raben
noch fliegen immerdar,
so muß ich auch noch schlafen
verzaubert hundert Jahr.“

 
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