Die innenpolitische Lage Italiens im Jahre 1922 wurde bestimmt von einem ehemaligen führenden Mann des internationalen Sozialismus, der die Nation einst als ein „ebensolches Phantom wie Christus“ bezeichnet und die italienische Trikolore „einen Fetzen, den man auf den Misthaufen werfen“ solle, genannt hatte. Im Zuge der Frage aber, ob Italien nach 1914 an der Seite der Entente in den Krieg eintreten solle, wandelte sich dieser 1883 geborene Sohn eines Schmieds und überzeugten Sozialisten aus der Romagna zum leidenschaftlichen Interventionisten, der den Krieg aus vollstem Herzen bejahte und sich schließlich auch selbst als Freiwilliger an die Front meldete. Aber auch schon zuvor hatte er verschiedentlich von einem „Blutbad“ gesprochen, welches für Italien vonnöten sei, um das Proletariat aus seiner Lethargie zu reißen. Aus der Sozialistischen Partei schloß man ihn daher kurzerhand aus, und die Titulierungen „Judas“, „Deserteur“ oder „Konvertit“ waren noch die geringfügigsten Zuschreibungen, die man ihm gab.
Von Werner Bräuninger
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Ende Januar 1917 stand der prominente Korporal, der den Marxismus inzwischen völlig hinter sich gelassen hatte, im Karst der Dolomiten an der Front bei einer Minenwerferabteilung seines Regiments und wurde beim Einschießen von Granaten durch ein Projektil, das bereits im Rohr explodierte, meterweit durch die Luft geschleudert, woraufhin ihm 40 Splitter aus den Beinen herausoperiert werden mußten. Im März 1919 schließlich rief dieser schwer kriegsverletzte Mann, Benito Mussolini, im Saal einer Mailänder Handelsschule an der Piazza San Sepolcro vor etwa 150 anwesenden Personen die „Fasci di Combattimento“ ins Leben, Kampfbünde also, ein Konglomerat aus Nationalisten, Syndikalisten, Futuristen, ehemaligen Offizieren, aber auch früheren Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten, für die sich schon bald die Bezeichnung „Faschisten“ einbürgerte. Das italienische Wort „Fasci“ für „Bünde“ und „Combattimento“ für „Kampf“ lag dieser Namensgebung zugrunde und war in Italien seit langem gebräuchlich. Allmählich formte sich aus all den kruden nationalistischen und syndikalistischen Theorieelementen die faschistische Weltanschauung heraus, die damals in der Verstaatlichung aller Waffen- und Munitionsfabriken, der Bezahlung von Mindestlöhnen, Mitbestimmung für die Arbeitnehmer, der Einführung des Achtstundentags, des Frauenwahlrechts sowie interessanterweise auch in der Abschaffung der Monarchie bestand. Pathetisch hieß es: „[W]ir erklären dem Sozialismus den Krieg, nicht weil er sozialistisch, sondern weil er gegen die Nation gerichtet ist“. Die Selbstdefinition der Fasci war jene einer „Anti-Partei“, denn der Faschismus der allerersten Zeit war Aktion und Bewegung, wie die Frühzeit des Faschismus ohnehin von einem heute ungeahnten Pluralismus bestimmt war, diametral entgegengesetzt jener Zentralisierungswut des nachmaligen faschistischen „stato totalitario“ und dessen exaltierter Hinwendung zum antiken Rom.
Stützen konnte sich die junge Bewegung auch auf die „Arditi“, mit denen der nationalistische und äußerst exzentrische Dichter Gabriele d’Annunzio im September 1919 in einem handstreichartigen Unternehmen die adriatische Hafenstadt Fiume für Italien eingenommen hatte. Im Kriege waren die Arditi bei besonders gewagten Kommandounternehmen eingesetzt worden. „Ardito“ bedeutet stark, mutig, und steht für besondere sexuelle Kraft. Ihr Lied war die „Giovinezza“, die spätere Hymne des italienischen Faschismus. In ihren Schwarzhemden, wohl dem der Landarbeiter der Emilia entlehnt, mit den gekreuzten Knochen mit dem Totenkopf als Symbol der Macht über Leben und Tod, ihren Breeches-Hosen und der schwarzen Fez-Kappe mit Quaste und Flammenemblem boten sie einen für viele furchteinflößenden Anblick und waren im politischen Leben Italiens etwas völlig Neuartiges. Instinktiv wußte Mussolini, daß diese Heimkehrer die Revolutionäre von morgen sein würden.
Ende 1921 hatte Mussolini als „Duce“ (Führer) der Faschisten die Umgestaltung seiner Bewegung zur Partei vollzogen, die Fasci di Combattimento wurden jetzt zum Partito Nazionale Fascista (PNF), einer Partei völlig neuen Typs für eine neue, konsolidierte und konditionierte Gesellschaft. Das altrömische Liktorenbündel, die „Fasces“, Amtssymbol der höchsten Machthaber im Römischen Reich, setzte sich allmählich als Wahrzeichen des Faschismus durch, der sich nun zu einem immer stärkeren Machtfaktor entwickelte und vor allem für die italienische Bourgeoisie das kleinere Übel bedeutete als die rote Front des Kommunismus. Nachdem die Linke abermals völlig unnütze und für die breiten Volksmassen verheerende Generalstreiks angezettelt hatte, brachen in Bologna große Unruhen aus, so daß die Faschisten einschritten. Gleiches ereignete sich auch in Perugia und Verona, wo die faschistischen Squadren mit Knotenstock und Gummiknüppel die Ordnung gewaltsam wiederherstellten.
Bis zum Frühjahr 1922 hatten sie Stadt um Stadt erobert. Italo Balbo, ein einstiger Alpini-Offizier und ausgesprochener Condottiere, zog mit 3000 Mann triumphal in Ravenna ein. Bald darauf besetzten auch in Ferrara die Faschisten alle öffentlichen Gebäude. Unter der Ägide des äußerst radikalen Roberto Farinacci, der die faschistische Eisenbahnergewerkschaft gegründet hatte, wurde im Sommer Cremona besetzt. Es gab nun keinen Zweifel mehr: Der Faschismus war zur bestimmenden politischen Macht in Italien geworden. Bei diesen Eroberungszügen setzte Mussolini vor allem auf die „Squadren“, de facto eine paramilitärische Bürgerkriegstruppe, ähnlich wie später die Sturmabteilungen (SA) der NSDAP oder der kommunistische Rotfrontkämpferbund (RFB) in Deutschland. Sehr rasch breitete sich der Squadrismus in der Toskana, der Romagna, im Piemont, der Lombardei und in Venetien aus. Die Squadren repräsentierten den aktionistischen und militanten Flügel der faschistischen Kampfbünde. Ihre Personnage rekrutierte sich in der Mehrzahl aus sehr jungen Kämpfern und Idealisten, vielfach auch aus Halbstarken und nicht wenigen Desperados, die kaum etwas zu verlieren hatten. Es handelte sich um ein Sammelbecken von Unzufriedenen, oft auch wenig Privilegierten und den Underdogs der Gesellschaft.
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Mussolini selbst mobilisierte die Massen in einem fort; er sprach von Größe, Ehre und der Macht des Vaterlandes und profitierte von all dem, was die bestehenden Verhältnisse auflöste und zersetzte. Innerhalb der völlig atomisierten italienischen Gesellschaft gab es keinen Stand, keine Schicht und keine Berufsgruppe mehr, die nicht mit irgendeiner Hoffnung auf ihn geblickt hätte. Bei den etablierten Parteien herrschte unterdessen Konsens darüber, daß man an einer Regierungsbeteiligung des Faschismus wohl nicht mehr vorbeigehen könne, freilich stellte man sich diese zunächst ohne einen Ministerpräsidenten Mussolini vor. Aber auch alle weiteren Regierungsversuche der etablierten Kräfte scheiterten kläglich. Nach Giolitti versuchte Bonomi sein Glück, auf den Luigi Facta folgte, der Mitte Juli 1922 gestürzt wurde. Nachdem Facta wegen der Unmöglichkeit, ein anderes Kabinett zu bilden, dann doch erneut vom König zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, verkündete die Linke abermals den Generalstreik. Dies zu tun, war eine große Torheit, denn etwas Besseres konnte Mussolini zum damaligen Zeitpunkt zur Verwirklichung seiner Absichten kaum passieren. Er kündigte an, Mailand mit 30.000 Mann zu besetzen, wenn der Streik nicht sofort beendet würde, und stellte der Regierung ein 48stündiges Ultimatum, das unbeantwortet blieb. Daraufhin übernahmen faschistische Milizen die Bahnhöfe der Stadt, die Führung der Straßenbahnen und Busse und sorgten für Strom und Licht. Der Sitz der sozialistischen Zeitung „Avanti!“ wurde gestürmt und in Brand gesetzt, Schwarzhemden vertrieben die Bolschewisten aus dem Rathaus. Ähnliches geschah in der Toskana und in Genua. Und während der Faschismus in ganz Italien siegte, wurde dem Sozialismus buchstäblich der Totentanz aufgespielt.
Mussolini hielt in jenen Tagen des Chaos seine letzte Rede als Abgeordneter des Parlaments und sagte: „Wenn aus dieser Krise eine Regierung hervorgeht, die in der Lage ist, die dringendsten Probleme zu lösen, vor allem also den Bürgerkrieg zu beenden und die Beziehungen zwischen den Parteien zu normalisieren, so werden wir uns ihr freudigen Herzens unterwerfen, unsere Parteigenossen zu Zurückhaltung und Disziplin aufrufen und ihnen sagen, daß unser Volk vor allem Ruhe und Ordnung braucht, damit es wieder friedlich an seine Arbeit gehen kann. Wenn es aber zur Bildung einer reaktionären Regierung mit eindeutig antifaschistischer Tendenz kommen sollte, dann werden wir mit äußerster Entschlossenheit reagieren. Darauf können Sie sich verlassen, meine Herren Abgeordneten! Gewalt werden wir mit Gewalt beantworten.“[i]
Auch das italienische Volk war der ewigen Regierungswechsel und parlamentarischen Ränkespiele müde, somit sprach ihm der entschlossen auftretende Mussolini in seiner erdrückenden Mehrheit aus der Seele und entfachte deren extremistische Anfälligkeit. Die apokalyptische Sicht des Faschismus auf die Dinge reduzierte den gesamten historischen Prozeß auf einen formal-dynamischen Gegensatz von Bolschewismus und Faschismus – von Revolution und Gegenrevolution. Eine Vielzahl von Umständen spielte Mussolini hierbei in die Hände: Die seit dem Risorgimento – ebenso wie in Deutschland – unvollendet gebliebene Nationwerdung, die Krise des liberalen Verfassungsstaats mit seinem System undurchschaubarer Klientelpolitik und besonders dessen Stellung zur Monarchie, wie auch die sich atemberaubend schnell vollziehende Wandlung Italiens vom Agrarstaat zur Industrienation kamen dem Faschismus zugute. Immer lauter wurde der Ruf „Auf nach Rom!“, den Mussolinis Anhänger unüberhörbar erschallen ließen. Doch dieser agierte klug und vorsichtig. In einem Interview vom 11. August 1922 ließ er die Welt wissen: „Daß der Faschismus Staat werden will, ist ganz klar. Nicht ebenso klar ist aber, daß er einen Staatsstreich auf sich nimmt, um dieses Ziel zu erreichen. Auf der anderen Seite ist der faschistische Marsch auf Rom schon im Gang, jedenfalls im historischen Sinn, wenn nicht in eigentlich revolutionärer Beziehung“.[ii] „Kann man diesem Mussolini wirklich Vertrauen schenken?“ fragte König Vittorio Emanuele zögerlich und lud ihn dennoch am 22. August zu einem Gespräch über die politische Lage ein; untrügliches Zeichen der Stärke des Führers des PNF. Mussolini soll sich in diesen Tagen verschiedentlich mit Kemal Atatürk, dem genialen Gründer der modernen Türkei, verglichen haben.
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Tatsächlich hatten die Italiener am Vorabend des Marsches auf Rom nur zwei realistische Alternativen: das Land den Bolschewisten zu überantworten oder Mussolini eben sein Glück versuchen zu lassen. Auf einer Tagung des Fascio von Udine am 20. September legte er erstmals eine Art von Regierungsprogramm vor, in dem er – taktisch geschickt – ein Bekenntnis zur Monarchie ablegte. Auch kündigte er an, sich auf ein liberales Wirtschaftsprogramm festlegen zu wollen, und er lobte die katholische Kirche. Ende September meinte er, daß man sich auf keinen Fall gegen das königliche Heer wenden dürfe, welches vielfach eine „wohlwollende Neutralität“ gegenüber dem Faschismus an den Tag lege. Der Savoyer Herzog Emanuel von Aosta, ein Vetter des Königs, sicherte Mussolini seine Unterstützung zu, falls die Armee gegen den Machtanspruch des Faschismus Widerstand leisten wolle.
Am 11. Oktober erklärte Mussolini in Mailand: „Der Faschismus hat die Pflicht, die revolutionäre Bewegung an sich zu reißen, um das drohende Chaos abzuwenden. Wir müssen aber schnell handeln, denn der Bolschewismus treibt zur Staatsvernichtung. Unser Ziel ist und bleibt der Marsch auf Rom und die Besetzung der Stadt. Die staatliche Gewalt muß einem faschistischen Ministerium übertragen werden, denn der Parlamentarismus kann Italien nicht mehr retten, Faschisten, jetzt müssen wir es tun!“. Der Plan sah vor, daß von der Peripherie ausgehend – mit vielen kleineren Aufstandsherden – die Besetzung von wichtigen Punkten, der Rathäuser, öffentlichen Gebäude, der Post- und Telegrafenämter, der Quästuren und Präfekturen vorgenommen werden sollte. Jedermann erwartete einen konzentrierten Ansturm auf das Zentrum Roms, doch genau dieses geschah dann später nicht, was ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg war.
Balbo schlug vor, in drei Kampfgruppen gegen Rom zu marschieren; die Legionen sollten sich in Tivoli, Monterotonda und Civitavecchia sammeln. Zu diesem Zweck ernannte Mussolini ein Quadrumvirat, bestehend aus dem ungestümen Draufgänger der Kriegsgeneration Balbo, dem ihm ergebenen Sekretär des PNF Michele Bianchi, General De Bono als Vertreter der Armee und Cesare De Vecchi, Chef der Faschisten in Piemont, Kriegsheld und klerikal-monarchistisch gesinnt. Über Jahrzehnte galten diese vier Männer neben Mussolini quasi als „Urväter“ des Faschismus. Lediglich der junge Dino Grandi, Mitglied einer Freimaurerloge, sprach sich damals gegen einen Marsch auf Rom aus.[1] Immer wieder aber zauderte auch Mussolini selbst, das Unternehmen wirklich zu wagen, so lange, bis ihm seine hochrangigen Unterführer drohten, die Aktion schließlich auch ohne ihn durchzuführen.
Bei den Kommunalwahlen in der Reggio Emilia erlangte der PNF die Mehrheit der Stimmen, was dem gesamten Faschismus kurz vor dem geplanten Handstreich nochmals ungeahnten Auftrieb gab und seinen revolutionären Umsturz als Akt zur Verwirklichung des Volkswillens legitimierte. Anfang Oktober reüssierten die Schwarzhemden auch im Trentino und in Südtirol und lehrten die dort ansässigen Deutschen das Fürchten. Am 16. Oktober, während eines geheimen Treffens des engsten Führungszirkels, faßte man dann wohl den endgültigen Entschluß zum Losschlagen. Mussolini aber wollte zunächst noch den Parteikongreß in Neapel am 24. Oktober abwarten. In einem Gespräch mit dem früheren Ministerpräsidenten Salandra forderte er abermals die alleinige Macht für sich: „Man hat von einem Ministerium ohne Portefeuille geredet, von Staatssekretariaten. Das alles ist ja zum Lachen. Wir Faschisten denken nicht daran, über die Dienstbotentreppe zur Macht zu gelangen. Wir Faschisten haben nicht die Absicht, für einen elenden Teller voller Linsen auf das Recht unserer gewaltigen, idealen Erstgeburt zu verzichten“.[2] In Neapel nahm er am Abend am Fuße des Vesuv einen gewaltigen Aufmarsch seiner Formationen ab und sprach anschließend vor 60.000 Menschen auf der Piazza de Plebiscito: „Heute haben wir, ohne einen einzigen Schuß abzugeben, Neapel und damit ganz Süditalien erobert. Dieser Parteitag ist Beweis genug für unsere Macht. Niemand wird das bezweifeln. Aber ich versichere euch in aller Form, daß die entscheidende Stunde nunmehr gekommen ist. Entweder man läßt uns freiwillig an die Regierung, oder wir nehmen sie uns mit Gewalt, indem wir in Rom einmarschieren. Es kann sich nur noch um wenige Tage oder gar Stunden handeln.“[3] „Bannerträger aller Fasci Italiens, erhebt eure Standarten!“ schloß er seine Ansprache, woraufhin die Masse ihm mit „Duce! Duce!“ und „A Roma! A Roma!“ antwortete. Dann nahm er hoch zu Roß den Vorbeimarsch der faschistischen Legionen ab. In einer folgenden Sitzung im Hotel Vesuvio wurden die letzten Maßnahmen für die bevorstehende Aktion beschlossen.
Am 26. Oktober ergingen an alle Milizangehörigen der geheime Mobilmachungsbefehl und eine pathetische Proklamation des Quadrumvirats an alle Faschisten und das italienische Volk. Bei den Widersachern Mussolinis kam man jetzt sogar noch auf die Idee, d’Annunzio auf Rom marschieren zu lassen, um dem Duce zuvorzukommen. Der aber saß am Abend seelenruhig in der Mailänder Scala und wohnte einer Aufführung von Wagners „Lohengrin“ bei. Unterdessen wurden im Hintergrund noch etliche parlamentarische Kulissenschiebereien abgehalten. Salandra sollte nun wohl doch noch ein letztes Mal eine Regierung bilden, unter Einbeziehung Mussolinis, was dieser jedoch kategorisch ablehnte und aus taktischen Gründen vorschlug, daß man für weitere Verhandlungen De Vecchi nach Rom einladen möge. Auch gab es plötzlich vielfältige Angebote, Faschisten in die Regierung einzubinden, freilich immer noch ohne Mussolini als Ministerpräsidenten. Aber all dies war letztlich Makulatur, um Mussolini, vor dem eine enorme Angst bestand, unter allen Umständen von der Macht fernzuhalten.
Zur Tarnung, als sei nichts im Gange, und zur Vortäuschung völliger Ruhe besuchte er am Abend des 27. Oktober mit seiner Frau und der kleinen Tochter Edda das Mailänder Theater Manzoni. Mitten im Stück wurde er von Vertrauten unbemerkt herausgeholt und in die Redaktion der faschistischen Zeitung „Popolo“ gebracht. Unterdessen arbeiteten Facta und sein Innenminister Taddei zusammen mit den zuständigen Armee- und Polizeikommandanten einen Plan zur militärischen Verteidigung Roms aus. Im Morgengrauen aber erhoben sich die Faschisten in den Dörfern und Städten ganz Italiens und gingen zum Angriff über. Kleine Stoßtrupps besetzten Bahnhöfe und Verkehrsknotenpunkte sowie alle Post- und Telegrafenämter. In einem sinnlosen Akt letzter Verzweiflung verhängte Facta noch den Belagerungszustand und befahl, die faschistischen Kommandeure und Mussolini selbst festzunehmen. Obwohl von einigen aus seiner engeren Umgebung aufgefordert, den faschistischen Legionären mit der Waffe entgegenzutreten, weigerte sich der König strikt, den Marsch niederzuschlagen sowie die von Facta bereits vorbereitete Erklärung des Notstands zu unterzeichnen.
Rom war am 28. Oktober von den Schwarzhemden umstellt, als für alle Fälle bereitstehende „Eingreiftruppe“.[4] Diese Drohkulisse war von starker Wirkung für alle, die vielleicht noch an Gegenmaßnahmen dachten. Der gesamte „Marsch auf Rom“ war im Grunde eine Belagerung nach der Devise „Gebt uns die Macht, ansonsten holen wir sie uns!“. Punkte von exponierter strategischer Bedeutung waren Civitavecchia und Tivoli, das Hauptquartier der faschistischen Miliz befand sich in Perugia, von wo aus man auch die Eröffnung des Marschs bekanntgab. Schon in der Nacht befanden sich weite Teile Nord- und Mittelitaliens in faschistischer Hand. Von Bozen bis Palermo galt von jetzt an nur noch der Wille Mussolinis. In Rom marschierten die Faschisten von der Milvischen Brücke aus, ihre Kampflieder singend, in die Stadt ein.
Am Nachmittag des 29. Oktober ließ der König durch seinen Adjutanten General Cittadini bei Mussolini in Mailand anrufen und ihn bitten, umgehend nach Rom zu kommen, „um mit dem König über die Bildung einer Regierung zu beraten“. Das war jedoch nicht das, was Mussolini wünschte, und er hatte selbst in dieser hochgradig erregten und historischen Situation die eiskalte Stirn, ein eindeutig formuliertes Telegramm des Königs zu verlangen, in welchem ihm unzweideutig der Auftrag erteilt werde, eine neue Regierung zu bilden. Als dieses wenig später dann auch tatsächlich eintraf, übergab er die Leitung des „Popolo“ interimistisch an seinen Bruder Arnaldo und sagte bewegt zu ihm: „Wenn Vater das noch erlebt hätte“. Bei der Entscheidung des Königs für Mussolini ist sicher nicht ohne Bedeutung gewesen, daß die Königinmutter Margherita stark mit dem Faschismus sympathisierte und erst vor kurzem die Quadrumvirn zum Abendessen in ihren Palast eingeladen hatte.[5] Noch einmal mahnte Mussolini seine Gefolgsleute zu strengster Disziplin und Manneszucht und nahm dann mit seinem Faktotum Cirillo Tambara den fahrplanmäßigen Nachtzug Mailand–Rom.[6] Noch während der Fahrt verfaßte er eine Kabinettsliste.
Nicht selten wird bis zum heutigen Tage süffisant angemerkt, Mussolinis „Marsch auf Rom“ sei eben kein „Marsch“ und auch keine Revolution gewesen, da er selbst „im Schlafwagen“ nach Rom gefahren wäre. Doch ist die Frage zu stellen, wie Mussolini wohl sonst von Mailand dorthin hätte gelangen sollen? Würde man ihm „mildernde Umstände“ zubilligen, wenn er das Flugzeug genommen oder sich statt dessen mit dem Auto nach Rom hätte chauffieren lassen? Oder hätte er sich als „Pilger“ zu Fuß in die Ewige Stadt aufmachen sollen? Den Zug zu nehmen, war das Naheliegendste, Schnellste und somit Effektivste. Insofern müssen die genannten Einwände als töricht und nur wenig geistreich gewertet werden.
Am Morgen des 30. Oktober kam Mussolini in Rom an und soll der Legende nach zuerst einen Café in der eleganten „Pasticceria Latour“ eingenommen haben, was eines gewissen Dandyismus nicht entbehren würde.[7] Dann begab er sich zum Quirinal. Er erschien dort in sogenanntem Räuberzivil, schwarzem Hemd, schwarzer Hose, Schuhen mit Gamaschen und einem weichen Filzhut. Die unbestätigte Überlieferung besagt ferner, daß er sich beim Eintreten in den Saal, in dem ihn der König erwartete, für seine unorthodoxe Kleiderordnung mit den Worten, er komme soeben „vom Schlachtfeld“, entschuldigt habe: „Majestät, ich bringe Ihnen das Italien von Vittorio Veneto!“, soll er ihm freudig entgegengerufen haben.0[8] Der König ernannte Mussolini daraufhin ohne großes Zeremoniell zum Ministerpräsidenten. „Ha, das ist wirklich ein gediegener Mann“, rief er wenig später aus, „und ich sage Ihnen, daß der nicht allzubald wieder geht. Wenn ich nicht irre, ist in ihm der Wille, etwas zustande zu bringen und es gut zu machen“.[9] Von diesem Tage an, bis zum Untergang des faschistischen Regimes am 25. Juli 1943 aufgrund einer Verschwörung von Königshaus und Militär, vergriff sich Mussolini als Regierungschef dem König gegenüber bei aller vorhandenen machttaktischen Gewandtheit niemals im Ton, auch bei oft gegenteiliger Meinung. Die Monarchie hielt für ihn die Nation zusammen und bedeutete ihm für lange Zeit ein Symbol des ganzen Italien.
Um seinen Schwarzhemden aber das Gefühl zu geben, sie allein hätten Rom eingenommen, erfolgte anschließend ein großer Vorbeimarsch vor dem König, Mussolini an der Spitze. Damit zeigte er sich auch als neuernannter Ministerpräsident als Chef einer schlagkräftigen Miliz. Die Schwarzhemden trugen Palmzweige als Zeichen ihres Sieges, aber auch als Symbol ihrer friedlichen Absicht. Die versammelten Arditi und Milizen des Faschismus, die am König vorbeimarschierten, trugen so seltsame Namen wie „Nazario Sauro“, „Cesare Battisti“, „Enrico Toti“, „Compagnia della Morte“ oder „La Disparata“. Sie kamen aus ganz Italien in die Stadt, schmutzig und verdreckt von den tagelangen und strapaziösen Märschen, Regen und Schlamm ausgesetzt und mit völlig ungenügender Verpflegung ausgestattet, schlecht ausgerüstet und oft in grotesken Uniformen. Mit ihnen zogen tausende von Neugierigen, Abenteurern und Geschäftemacher aus der Provinz. Der Vorbeimarsch war für die späteren Jahre von höchster Symbolik, denn der Jahrestag des Marschs auf Rom fungierte als Gründungsmythos des faschistischen Staates und als „Jahr 1“ der neuen faschistischen Zeitrechnung. Ein interessierter Zuschauer befand sich an diesem Tage am Rande der Straße, um dem Schauspiel der faschistischen Machteroberung mit Ingrimm beizuwohnen: der Freimaurer und damalige General Pietro Badoglio. Kurz nach dem 28. Oktober 1922 soll er sich mit der Äußerung „hätte man mir den Auftrag dazu gegeben, ich hätte Mussolini und seinen Marsch in 24 Stunden liquidiert“ prahlerisch hervorgetan haben. Dann aber erkannte er, daß das Regime sich immer mehr festigte und etablierte, und begann, umzuschwenken und sich zu arrangieren – vorerst. Erst 21 Jahre später sollte er sich seinen damaligen Wunsch erfüllen.[10]
Mussolini war bei seiner Ernennung 39 Jahre alt und damit der jüngste Ministerpräsident der italienischen Geschichte überhaupt. Unverzüglich legte er dem König die im Zug erstellte Kabinettsliste vor, in dem er selbst auch das Amt des Innen- und Außenministers bekleidete. Ansonsten hatte er nur drei weitere faschistische Minister vorgesehen, sowie De Bono als Polizeichef. Von dem rüden Machiavellismus der Anfangsjahre schien er sich augenscheinlich emanzipieren zu wollen. Der eher liberale Alfredo De Stefani übernahm das Finanz- und der Philosoph Giovanni Gentile das Erziehungsministerium, die übrigen Minister waren parteilos oder gehörten Federzonis nationalistischer Partei an. Aber selbst Liberale, die katholische Volkspartei und zwei Sozialdemokraten übernahmen Regierungsämter. Dieses Vorgehen weckte naturgemäß sofort Kritik bei den alten, revolutionären Faschisten der ersten Stunde, wie etwa Farinacci. Die Katholiken habe er aber nach sechs Monaten „weggeschickt“, meinte Mussolini später, und die Priester täten gut daran, „in die Kirche zu gehen, statt ihre Soutanen durch die Vorzimmer der Ministerien zu schleifen“, erzürnte er sich gegenüber seinem Sekretär.[11]
Im 1000 Kilometer entfernten München erfuhr der Führer der noch unbedeutenden Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Adolf Hitler, unter den alten Bäumen im Garten des Cafés „Heck“ am Hofgarten sitzend, aus den Zeitungen von Mussolinis Coup und war begeistert. Von da an blickte er sehr interessiert auf den erfolgreichen Mann jenseits der Alpen, der augenscheinlich ähnliche Ziele verfolgte wie er selbst.[12]
Daß sich am 28. Oktober 1922 nicht nur ein gewöhnlicher Regierungswechsel vollzog, wurde bald klar. Es war, als hätte eine ganze Epoche ihren Abschied genommen. Das Alte wurde – scheinbar – hinweggefegt. Mussolinis Gestalt erschien zeitlich exakt vor dem Hintergrund der kulturmorphologischen Determination, die Oswald Spengler in die Zukunft der vergehenden abendländischen Kultur und einer aufgehenden Zivilisation projiziert hat; als Figuration des Cäsarischen. Selbst Intellektuelle wie Benedetto Croce blickten damals zunächst hoffnungsvoll in die Zukunft. Hervorzuheben ist, daß es Mussolini unzweideutig nicht nur um die nationale Befreiung Italiens und die Abwehr des Bolschewismus gegangen war, sondern um die Abwendung des Untergangs des Abendlands, denn der aufmerksame Leser der Werke Nietzsches und Spenglers sah die gesamte weiße Rasse als bedroht an. Schon als internationaler Sozialist dachte er an einen „Zukunftsstaat“, der moderner und „anders“ sein müßte als das alte liberalistische System, ein streng hierarchisch gegliederter, klassenloser Volksstaat zur Schöpfung des „uomo nuovo“, der seine Gegner in die Schranken weisen würde.
Doch alle eschatologischen Zukunftsvisionen konnten nicht konkurrieren mit der zutiefst persönlichen Genugtuung und dem ungeheuren Kompensationserlebnis Mussolinis, es am Ende doch noch allen „gezeigt“ zu haben, die ihn einst verlachten. Mußte er gerade in jener Stunde nicht an die denken, die ihn im November 1914 wegen seines Interventionismus als Verräter stigmatisiert und wegen „moralischer und politischer Unwürdigkeit“ aus der Sozialistischen Partei ausgeschlossen hatten, was eine tiefe Demütigung für ihn bedeutete, der sich der sozialistischen Idee mit Leib und Seele verschrieben und der sozialistischen Bewegung immerhin 15 intensive Jahre seines Lebens geweiht hatte? Mußte nicht jetzt mit ihm, Benito Mussolini, ein neues Kapitel italienischer, ja eine neue Ära römischer Geschichte beginnen?
Im Oktober 1922 endete aber auch die Phase des Squadrismus endgültig, wie auch des „Bewegungsfaschismus“. Die faschistischen Sympathisanten innerhalb der von jeher staatstragenden bürgerlichen Eliten des italienischen Königreichs, die „Fiancheggiatori“, gewannen spürbar an Einfluß. Erst nach seinem Sturz knüpfte Mussolini 1943 in seiner „Repubblica Sociale Italiana“ mit dem „Manifest von Verona“ wieder an den „Faschismus im Sinne der Ursprünge“ an und forcierte die Entwicklung vom einstigen Staatsnationalismus hin zu einem sozialrevolutionären europäischen Nationalismus, der sich nicht zuletzt auf die alte Garde des Faschismus von 1922 stützte, die schon beim Marsch auf Rom dabeigewesen war.
[1] Daß Grandi im Juli 1943 zu einem der massivsten Zerstörer des faschistischen Staats werden sollte, ahnte damals wohl niemand.
[2] Domarus: Mussolini, S. 84 f. Hitler erklärte in einem Interview 1932 mit sehr ähnlichen Worten, niemals werde er die Erstgeburt für ein Linsengericht verkaufen, und nur deshalb fordere er „alles oder nichts“.
[3] Ebd., S. 85.
[4] Zur detaillierten Chronologie des „Marschs auf Rom“ vgl. Giulia Albanese: La marcia su Roma, Rom u. Bari 2006.
[5] Margherita Prinzessin von Savoyen-Genua, Prinzessin von Sachsen-Coburg (1851–1926), Gemahlin König Umbertos I., der 1900 in Monza ermordet wurde.
[6] Tambara übernahm später in Rom die Versorgung von Mussolinis Wohnung in der Via Rasella.
[7] So in Roberto Ducci: La bella gioventù, Bologna 1996, S. 8.
[8] In Vittorio Veneto fand Ende Oktober 1918 jene Schlacht statt, die schließlich zum Waffenstillstand führte, Inbegriff des italienischen Siegs im Ersten Weltkrieg.
[9] Aus: Nino D’Aroma: Vent’ anni insieme, Rocca San Casciano 1957.
[10] Badoglio war eine der treibenden militärischen Kräfte beim Sturz Mussolinis, zu dessen Nachfolger als Regierungschef er ernannt wurde. Zwar versicherte er zunächst, den Krieg an der Seite der Achse fortsetzen zu wollen, verkündete am 13. Oktober 1943 jedoch den Kriegszustand mit Deutschland.
[11] Richard Wichterich: Benito Mussolini. Aufstieg, Größe, Niedergang, Stuttgart 1952, S. 149.
[12] „Der Marsch auf Rom 1922 war einer der Wendepunkte der Geschichte. Die Tatsache allein, daß man das machen kann, hat uns einen Auftrieb gegeben“, bekannte Hitler im Juli 1941 (Adolf Hitler. Monologe im Führerhauptquartier 1941–1944. Die Aufzeichnungen Heinrich Heims, hg. v. Werner Jochmann, München 1982, S. 43).