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Das christliche Abendland

Der Angelsachse Winfried, genannt Bonifatius, gilt als „Apostel der Deutschen“. Mit der Fällung der Donar-Eiche beabsichtigte er, die Überlegenheit des christlichen Gottes gegenüber den germanischen Gottheiten zu demonstrieren. Aus dem Holz des Baumes ließ er ein Oratorium bauen. Über achtzigjährig brach er noch zur Missionierung der Friesen auf, die ihn 755 erschlugen. Das Christentum wurde aber in den frühmittelalterlichen Jahrhunderten zu der geistigen Klammer, die Romanen, Franken, Alamannen, Angelsachsen und Iren verband und letztlich zur kulturellen Einheit des Abendlandes führte. – In dieser Buchmalerei aus dem 11. Jahrhundert wird Bonifatius oben bei der Heidentaufe und unten beim Erleiden des Martyriums gezeigt.
Die klassischen römischen Basiliken verfügten noch über keine Türme, erst durch die freischwingenden Glocken, die im frühen Mittelalter aufkamen, wurden diese nötig. – Der Glockenturm der ravennatischen Basilika Sankt Apollinare in Classe.
Besonders eindrucksvolle Vierungstürme findet man bei den romanischen Kirchen Burgunds, wie hier in Semur-en-Auxois.

Die Zeit der Kathedralen

Noch in den 50er Jahren lehrte man die Schüler, das Abendland ruhe auf drei Pfeilern: dem germanischen Volkstum, der christlichen Religion und der griechisch-römischen Kultur der Antike. Das ist keineswegs so unbegründet, wie es der modernen Gesellschaft vielleicht vorkommt.

Von Eduard Huber

Man begründete diese Lehre damit, daß sich die germanischen Völker zum Christentum bekehrt und mit diesem zugleich die antike Kultur übernommen hätten. Dabei übersah man geflissentlich, daß die Germanen auch schon vor der Christianisierung mit den Römern und Griechen in Kontakt getreten waren, teils als Söldner im römischen Heer, teils als foederati (Bundesgenossen), wie vor allem die Goten, die 376 n. Chr. von Kaiser Valens im Reich angesiedelt wurden, sich aber bereits 378 gegen ihn erhoben, anschließend aber doch in Thrakien und Moesien siedeln durften. Als die Germanen im Laufe der Völkerwanderung (ab 375 n. Chr.) ins Römische Reich eindrangen, ging es ihnen weniger darum, es zu zerstören, als vielmehr darum, an seinem Reichtum und seiner Kultur Anteil zu gewinnen. Die arg verleumdeten Wandalen, die über Gallien und die Iberische Halbinsel bis nach Karthago vorstießen, nahmen dort alsbald römische Sitten an und wollten keinesfalls Barbaren bleiben. Und als der Frankenkönig Chlodwig 486 Syagrius besiegte und die letzte römische Provinz in Gallien einnahm, errang er damit zwar die Oberherrschaft über sie, übernahm aber zugleich deren Verwaltung, was dem Frankenreich von da an einen gewaltigen Vorteil gegenüber den anderen Germanenreichen verschaffte.

Andererseits ist es unbestritten, daß römische Literatur und griechische Philosophie vor allem von den christlichen Klöstern an das Abendland vermittelt wurden, da sie im frühen Mittelalter so ziemlich die einzigen waren, die über eine Schriftkultur verfügten. Der Mönchsvater Benedikt von Nursia war noch durch und durch Römer und gab dem abendländischen Mönchtum mit seinem Grundsatz „Ora et labora“ eine Richtung vor, die sich wohltuend von den Verrücktheiten der thebaischen Anachoreten Ägyptens abhob. So wurde es den Benediktinern und ihren Reformorden, den Zisterziensern und Prämonstratensern, möglich, umfassende Kulturarbeit in den noch rückständigen germanischen und slawischen Gebieten zu leisten. Sie vor allem waren es, die den mediterranen Gartenbau in die Länder nördlich der Alpen brachten. (Den Weinbau hatten ja schon die Römer eingeführt.)

Die drei Grundpfeiler Europas

Die Lehre von den drei Grundpfeilern Europas ist also keineswegs so abwegig, wie sie einer inzwischen weitgehend entchristlichten Gesellschaft erscheinen mag. Jedenfalls hielt man sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts immer noch für plausibel. Man ging ja sonntags noch in einen Gottesdienst, wo eine feierliche lateinische Messe zelebriert wurde, die nicht wirklich tridentinisch, also neuzeitlich war, sondern gregorianisch, d.h. aus der Zeit Papst Gregors I. (590–604) stammte. Man sang noch das Gloria und das Te deum, herrliche Gesänge, von denen die einfachen Leute nicht wußten, daß es Hymnen aus der Spätantike waren. – Daß diese Tradition nach dem Zweiten Vatikanum unter Paul VI. durch eine vatikanische Freimaurerclique um Monsignore Annibale Bugnini böswillig abgebrochen worden ist[i], hat die Kirche inzwischen teuer damit bezahlt, daß ihr das so lange treue Volk davongelaufen ist.

Wohl das erste Germanenvolk, das sich dem Christentum zuwandte, waren die Westgoten, wenn auch nicht alle. Wulfila (311–382/83) „wurde 341 zum Bischof geweiht und war während der letzten 33 Jahre seines Lebens Bischof des Teils der Westgoten, welcher sich unter seiner Führung von den heidnischen Volksgenossen trennte und von Constantius südlich der Donau Wohnsitze in Mösien erhielt (Moesogoten oder Goti minores)“[ii]. Wahrscheinlich wäre dieser Bischof längst vergessen, wenn er nicht die Bibel aus dem Griechischen ins Gotische übersetzt und damit das umfangreichste Denkmal dieser Sprache überliefert hätte.

Goten, Langobarden und Franken

Was den Goten wie auch den Burgundern die nahtlose Eingliederung ins Römische Reich erschwerte, war die Tatsache, daß sie Arianer waren und von der Mehrheit der Reichsbevölkerung als Ketzer angesehen wurden. Erst den katholischen Langobarden gelang es, sich auf Dauer in Oberitalien anzusiedeln und zum italienischen Stamm der Lombarden zu werden, die bis heute das Bewußtsein ihrer Herkunft bewahrt haben.

Für die Bekehrung der Franken entscheidend war die Taufe ihres mächtigen (oft auch grausamen) Königs Chlodwig 498 n. Chr. in Reims durch Bischof Remigius. Von da an wurden die Franken zu Vorkämpfern des Katholizismus und später, seit Karl d. Gr., zu den wichtigsten Verbündeten des Papsttums. Viele ehemals römische Gebiete des Frankenreichs waren freilich schon vor Chlodwig christlich geworden, darunter auch die linksrheinischen Gebiete Deutschlands. Auf einer Kölner Synode von 346 versammelten sich die Bischöfe von Mainz, Worms, Speyer, Straßburg und Basel/Kaiseraugst. Das Bistum Chur wird erstmals 451 erwähnt, und von Augsburg weiß man, daß dort im 5. und 6. Jahrhundert Christen lebten, in Regensburg sogar schon um 400 n. Chr. Schwieriger gestaltete sich die Christianisierung der Alamannen, die nach ihrer Niederlage bei Zülpich (496 oder 497) unter fränkische Herrschaft gerieten. Hier missionierten danach vor allem iroschottische und angelsächsische Glaubensboten: der Ire Columban, der 592 nach Gallien kam und mehrere Klöster gründete, darunter das bedeutende Luxeuil, Gallus, der eine Zelle an der Steinach gründete, aus der St. Gallen hervorgegangen ist, zuletzt der Angelsachse Winfried, genannt Bonifatius, der die Bistümer im Osten des Reiches organisierte und als „Apostel der Deutschen“ gilt. Fridolin, der Gründer des Klosters Säckingen, kam wahrscheinlich aus Poitiers, Pirmin wohl aus Aquitanien.

Es war das Christentum, das nun Romanen, Franken, Alamannen, Angelsachsen und Iren verband und zur geistigen Klammer wurde, welche die verschiedenen Völker über die Sprachgrenzen hinweg zusammenhielt. Nur so konnte jene kulturelle Einheit entstehen, die man später „christliches Abendland“ genannt und die im Hl. Römischen Reich ihre politische Organisation gefunden hat. Um diesen Kern herum gruppieren sich dann all die anderen christlichen Reiche: Britannien, Dänemark, Schweden, Polen, Ungarn, Frankreich (nach der Spaltung des Frankenreichs), Spanien und Portugal.

Die Zeit der Kathedralen

Die klassische römische Basilika brauchte weder eine Kuppel noch einen Turm; sie überzeugte durch die Einfachheit und Klarheit ihrer Konstruktion und im Inneren durch die wohltuende Einheit des Raums und die kostbaren Materialien der Bauausführung. Wo alte Basiliken Türme aufweisen, sind sie spätere Zutaten wie z.B. in Santa Maria Maggiore in Rom, deren romanischer Turm erst im 14. Jahrhundert angefügt worden ist.

In der Antike kannte man noch keine großen freischwingenden Glocken, aber nachdem sie im frühen Mittelalter aufgekommen waren, benötigte man auch Türme, die ihre Schwingungen aushielten und von wo sie ihren Klang voll entfalten konnten. An den ravennatischen Basiliken kann man studieren, daß es zunächst Rundtürme waren, die isoliert neben den Kirchen standen. Der Campanile von S. Apollinare in Classe stammt vom Ende des 10., der von S. Apollinare Nuovo vom Anfang des 11. Jahrhunderts. Die Basilika S. Giovanni Evangelista besitzt schon einen viereckigen Turm aus dem 10. Jahrhundert, der an die Fassade angelehnt ist. Die Doppelturmfassade, wie wir sie von deutschen Domen und französischen Kathedralen kennen, wurde erst in der Romanik und der Gotik Standard. Entscheidender als diese Entwicklung war aber doch jene, Kirchen auf einem kreuzförmigen Grundriß zu errichten, was dazu führte, daß man nun ein Langhaus (in Ost-West-Richtung) und ein Querhaus (in Nord-Süd-Richtung) hatte, die sich überschnitten und die Konstruktion einer Vierung erforderten. Diese wurde oft überwölbt, was hohe Anforderungen an die Baukunst stellte. Aber das genügte den ehrgeizigen Baumeistern des Mittelalters bisweilen nicht, und so setzen sie auf die Vierung auch noch einen (vier- oder achteckigen) Turm. Besonders eindrucksvolle Beispiele dafür findet man unter den romanischen Kirchen Burgunds: St. Philbert de Tournus, Semur-en-Brionnais und Semur-en-Auxois.

Wozu dieser Aufwand? Der Kirchenbau sollte das Kreuz Christi verherrlichen, das seit dem Ende des ersten Jahrtausends immer mehr in den Mittelpunkt der Verehrung rückte. Die Querarme stellten die ausgespannten Arme Christi dar, die Vierung das Herz, der Ostchor das Haupt. In der Kathedrale von Quimper weicht die Achse des Chors von der des Hauptschiffs nach Norden ab, so daß sich mancher Besucher darüber wundert. Konnten die damals nicht in einer geraden Linie bauen? Natürlich konnten sie! Der abgeknickte Chor stellt das geneigte Haupt Christi dar, in Erinnerung an jenes Wort aus dem Johannesevangelium: „Darauf neigte er sein Haupt und gab den Geist auf“ (Joh 19,30). Die weitere Entwicklung des Kathedralenbaus hatte aber oft weniger religiöse als vielmehr ästhetische Gründe. Die Winkel zwischen Lang- und Querhaus boten sich für zwei weitere Türme an, so daß nun zusammen mit einer Doppelturmfassade jener viertürmige Baukörper entstand, wie ihn die Kaiserdome von Speyer, Worms und Bamberg repräsentieren. War dann auch noch ein Vierungsturm vorhanden, ergab sich sogar ein fünftürmiger Bau. Diese Zahl entsprach symbolisch den fünf Wundmalen Christi.

Merkwürdig erscheint, daß einige der großen Dome ein zweites Querhaus und zusätzlich einen Westchor aufweisen, der genau wie der Ostchor ein höheres Niveau hat. Diese Ausgewogenheit von Ost- und Westwerk wird man wohl als symbolische Darstellung der Dyarchie des Hl. Römischen Reiches deuten dürfen: Kaiser und Papst als oberste Repräsentanten der weltlichen und geistlichen Gewalt stehen einander gleichberechtigt gegenüber. Zwar bleibt das ganze System nach Osten, d.h. auf Christus ausgerichtet, aber der Westbau hat sein eigenes Gewicht und ist nicht so untergeordnet, wie es sich der herrische Gregor VII. in seinem „Dictatus Papae“ vorstellte. Es gibt – zumindest nach ghibellinischer Vorstellung – zwei von Gott stammende Gewalten, von denen die eine dem irdischen, die andere dem geistlichen Wohl der Menschen zu dienen hat. Daß diese Idee einer harmonischen Zusammenarbeit und notwendigen Ergänzung im Investiturstreit von päpstlicher Seite verworfen worden ist, hat zwar zunächst dem Kaisertum geschadet und das Papsttum unter Innozenz III. (1198–1216) zur führenden Macht im Abendland aufsteigen lassen, auf lange Sicht aber der Kirche so sehr geschadet, daß schließlich ihre Einheit zerbrochen ist.

In Deutschland aber hielt man bis zur Zeit der Salier und Staufer an der alten Idee von Heiligen Reich fest und manifestierte diese Haltung in den Kaiserdomen. Dies zeigt sich besonders schön im ältesten und ehrwürdigsten Kaiserdom auf deutschem Boden, dessen Kernbau auf Konstantin d. Gr. zurückgeht, also noch spätrömisch ist. „Erzbischof Poppo von Babenberg (1016–47) führte das Werk der Restaurierung des römischen Quadratbaus zu Ende (1030–37), verlängerte den Bau über die römischen Trümmer hinweg nach Westen und setzte den gewaltigen Westbau mit Apsis, riesigen Portalnischen und vier Türmen davor. Dieser Westbau mit seinen monumentalen Volumina steht als romanischer Bau ganz in der Tradition römischer Architektur in Trier. Seine Grundkonzeption knüpft an die Ostseite der Trierer Kaiserthermen an; Einzelformen (wie etwa Gesimsquerschnitte, Pilaster und deren Schmiegenkapitelle) verarbeiten Elemente, die an der Porta Nigra zu finden sind.“[iii]  Vergleicht man diesen Westbau des Trierer Doms mit dem Ostwerk des Speyrer Doms, stellt man unschwer fest, daß da noch im 11. Jahrhundert der gleiche Gestaltungswille am Werk ist: christlicher Geist aus römischer Tradition.


[i] Vgl. Mary Ball Martínez: Die Unterminierung der Katholischen Kirche, Durach 1992.
[ii] Wilhelm Braune u. Karl Helm: Gotische Grammatik mit Lesestücken und Wörterverzeichnis, 15. Aufl., Tübingen 1956, S. 129.
[iii] Franz Romig: „Die Trierer Doppelkirchenanlage Dom und Liebfrauen“; in: Hans-Christian Hoffmann (Hg.): Unser Weltkulturerbe, Köln 1998, S. 37–43, hier S. 39.
In Speyer, Worms und Bamberg stehen die drei rheinischen Kaiserdome Deutschlands. Der Dom
von Speyer ist die größte erhaltene romanische Kirche Europas und Ruhestätte von zwölf salischen, staufischen und habsburgischen Kaisern und Königen bzw. Königinnen.

Gotik

Auf den ersten Blick scheint die Gotik mit dieser Tradition zu brechen, aber der Blick eines Kenners auf die Kathedrale Saint-Étienne in Sens, die als die erste gotische Kathedrale gilt, stellt fest: „Dem Inneren von Sens eignet ein Zug von römischer Größe. Man fühlt sich an einen Thermensaal erinnert. Es wäre verfehlt, wenn man in diesem ernsten Bau Auswirkungen jener Ermahnung zur Demut sehen wollte, die Bernhard von Clairvaux an den Senser Erzbischof Henri Sanglier richtete. Im Gegenteil: die Monumentalität dieser Architektur entspricht dem Repräsentationsanspruch des bedeutenden Erzbistums.“[i]

Die eigentliche Neuerung des frühgotischen Kathedralenbaus ist das viergeschossige Aufrißsystem der Wand: „Auf ein niederes Arkadengeschoß folgt eine Empore, welche sich meist auf das ganze Innere erstreckt. Die Wandzone zwischen Empore und Obergaden ist als ein eigenes Geschoß ausgebildet. Meist erscheint hier ein Triforium, das in Noyon noch als Blendarchitektur, in Laon oder in Soissons als Laufgang ausgebildet ist.“[ii]  Dieser viergliedrige Aufriß wird in den hochgotischen Kathedralen von Reims, Chartres und Amiens von einem dreigliedrigen abgelöst, was den Obergaden mehr Raum gibt und jenen Vertikalismus erzeugt, der für die Gotik typisch ist. Nun werden die Fenster immer größer, und indem auch die Wände der Seitenschiffe von Fenstern durchbrochen sind, wird der Raum immer lichter. „In Reims ist die Seitenschiffwand über der Sockelmauer völlig aufgebrochen und verglast. Nur die schmalen Mauerzungen blieben stehen, an deren Stirn die Gewölbedienste versetzt sind. Es ist eine ingeniös erdachte Skelettbauweise.“[iii]


[i] Willibald Sauerländer: Das Jahrhundert der großen Kathedralen. 1140–1260, München 1990, S. 16 f.
[ii] Ebd., S. 18.
[iii] Ebd., S. 170.
Der Dom zu Trier ist die älteste Bischofskirche
Deutschlands und geht im Kern auf eine im 4. Jahrhundert unter Konstantin dem Großen errichtete Basilika zurück. Sein Westwerk mit seinem monumentalen
Volumen steht noch ganz in der Tradition der römischen Architektur in Trier.
Etliche deutsche Dome der Romanik weisen einen Westchor auf, der genau wie der Ostchor ein höheres Niveau hat. Dadurch wird symbolisch die Dyarchie des Heiligen Römischen Reiches ausgedrückt, in der Kaiser und Papst als oberste Repräsentanten der weltlichen und geistlichen Gewalt einander gleichberechtigt gegenüberstehen. – Grundriß des Doms von Bamberg.

Gott ist Licht

Diese zuvor nie dagewesene Bauweise setzt zweierlei voraus: eine hochentwickelte Kenntnis der Statik und eine perfekte Steinmetzkunst. Außerdem verlangt die Verglasung der riesigen Fenster eine Glasmacherkunst, die es vorher nicht gab. Das Ergebnis ist ein von farbigem Licht durchfluteter Raum, der ganz sinnlich die tiefreligiöse Erkenntnis vermittelt: Gott ist Licht.

Als wäre das alles der Wunder noch nicht genug, kommt die Wunderwelt der gotischen Kathedralplastik hinzu, die vor allem die riesigen Portale schmückt. „Niemals seit dem römischen Altertum hat man Bauwerke mit einer vergleichbaren Zahl von Bildwerken geschmückt. In Chartres standen im Querhaus neunzig Statuen, begleitet von einer weit größeren Zahl kleiner Bildwerke in den Bogenläufen, den Tympana, an Pfeilern und Sockeln. An Notre-Dame in Paris errichtete man eine Fassade mit drei Portalen, an denen zwanzig Figuren standen, dazu kamen Statuen an den Strebepfeilern und eine Galerie mit achtundzwanzig Königen. Ähnlich war es in Amiens. In Reims erreicht diese Entwicklung ihren Höhepunkt: alle Geschosse der Fassade sind mit Statuen besetzt, und die Innenwand zeigt nochmals ein Figurenprogramm. Den Aufbau dieser riesigen Zyklen regelt eine strenge, hierarchische Ordnung; […] Die äußere Erscheinung der Figuren ist bestimmt von Maß und Schönheit. Pathos, Leiden und Häßlichkeit, wie wir sie aus anderen Epochen der christlichen Kunst kennen, sind keine Themen. Die Gewißheit der Heilsordnung läßt den Aufruhr der irdischen Affekte nicht zu.“[i]  Das ist genau jene „edle Einfalt und stille Größe“, die Winckelmann in den antiken Figuren zu sehen glaubte, von denen er freilich nur Kopien kannte. Wie überwältigt wäre er gewesen, hätte er das Glück gehabt, den Parthenon vor Augen zu haben!


[i] Ebd., S. 192.
Das Ostwerk des Doms in Speyer ist mit dem Westbau des Doms von Trier vergleichbar; unschwer stellt man fest, daß da noch im 11. Jahrhundert der gleiche Gestaltungswille am Werk ist: christlicher Geist aus römischer Tradition.
Die Kathedrale Saint-Étienne in Sens gilt als erster gotischer Kirchenbau, doch die Ermahnung zur Demut, die Bernhard von Clairvaux predigte, kann man in ihr nicht feststellen, die Architektur entspricht dem Repräsentationsanspruch dieses bedeutenden Erzbistums.

Antike Tempelbaukunst und mittelalterliche Kirchen

„Nie erscheint die Idee der griechischen Götter so vollkommen und umfassend wie am Parthenon als kongeniale Antwort auf die Gedichte Homers. Gewiss wirken die Götter im Ostfries nicht mehr so gewaltig das Leben bestimmend wie in der frühen Klassik, aber dieser Verlust wird durch die Tiefe des Verstehens ausgeglichen. Den Kultbildern des Zeus und der Athena gab Pheidias mit dem kolossalen Maß, dem kostbaren Material und der architektonischen Fassung etwas von archaischer Gewalt. An Archaisches erinnert auch die Vielteiligkeit des Reliefschmucks am Parthenon und manches in der Thematik; […] Durch alle Vielteiligkeit geht aber eine klassische Idee, aus allem spricht das Wesen der Göttin, der Herrin Athens; sie verleiht dem Werk eine neue Einheit, so wie Pheidias es als erster vermocht hat, jede Gebärde, die Physiognomie der ganzen Gestalt zum Ausdruck ihres Wesen zu machen.“[i]

Es ist verblüffend, wie nahe sich hier die christliche Kirchenbaukunst und die antike Tempelbaukunst stehen. Einerseits läßt sich kaum ein größerer Gegensatz vorstellen als der zwischen einem breit hingelagerten, fest mit der Erde verbundenen griechischen Tempel und der himmelstrebenden Kühnheit einer gotischen Kathedrale. Ist der eine Ausdruck der Deszendenz, des Herabsteigens des Göttlichen zu den Menschen, so ist der andere Ausdruck der Transzendenz Gottes und des menschlichen Strebens nach ihm. Beide sind konkrete Darstellungen der religiösen Welt, in der die Menschen ihrer Epoche lebten, und insofern sehr verschieden. Und doch sind sie, ästhetisch betrachtet, so ähnlich. Beide vereinigen ein Höchstmaß architektonischer Perfektion mit einem ungemeinen Reichtum an plastischen Bildwerken zu einem Gesamtkunstwerk, wie es nur in Blütezeiten von Hochkulturen geschaffen werden kann.

Daß es zwischen der Blütezeit der bildenden Kunst im 13. Jahrhundert und der Renaissance einen tiefen Einschnitt gab, lag vor allem an der großen Pest von 1346 bis 1353, die danach noch dreimal ausbrach (1360, 1369 und 1374) und wohl ein Drittel der Europäer dahinraffte. Eine der Folgen war, daß auch viele Kathedralen nicht mehr vollendet werden konnten und als Bauruinen jahrhundertelang stehenblieben, bis die Romantik des 19. Jahrhunderts sich ihrer annahm und z.B. den Kölner Dom endlich fertigstellte.


[i] Karl Schefold: Der religiöse Gehalt der antiken Kunst und die Offenbarung, Mainz 1998, S. 277.
Frühgotische Kathedralen zeichnen sich durch ein viergeschossiges Aufrißsystem der Wand aus: Auf ein niedriges Arkadengeschoß folgt eine Empore, die Wandzone zwischen ihr und den Obergaden ist als eigenes Geschoß ausgebildet, entweder nur als Blendarchitektur oder, wie hier in Laon, als Laufgang.
In den hochgotischen Kathedralen wie hier in Reims wird der viergliedrige Aufriß durch einen dreigliedrigen abgelöst, was den Obergaden mehr Raum gibt und jenen Vertikalismus erzeugt, der für die Gotik typisch ist. Nun werden die Fenster immer größer und der Raum immer lichter.

Eine hochentwickelte Kenntnis der Statik und eine perfekte Steinmetzkunst schufen die Möglichkeit für riesige Fenster, die eine Glasmacherkunst voraussetzen, die es vorher nicht gab. Das Ergebnis ist ein von farbigem Licht durchfluteter Raum, der sinnlich die religiöse Erkenntnis vermittelt: Gott ist Licht. – Glasfenster in der Kathedrale von Chartres.
Nun tritt auch die Wunderwelt der gotischen Kathedralplastik hinzu, die vor allem die riesigen Portale schmückt. Niemals seit dem römischen Altertum hat man Bauwerke mit einer vergleichbaren Zahl von Bildwerken geschmückt. Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung mit der Kathedrale von Reims.
Die äußere Erscheinung der Figuren an den gotischen Kathedralen ist bestimmt von Maß und Schönheit. Pathos, Leiden und Häßlichkeit, wie sie aus anderen Epochen der christlichen Kunst bekannt sind, treten nicht auf. Die Gewißheit der Heilsordnung läßt den Aufruhr der irdischen Affekte nicht zu. Das ist genau jene „edle Einfalt und stille Größe“, die Winckelmann in den Statuen der Antike zu sehen glaubte. – Figuren an der Fassade von Notre-Dame de Paris.

Alle Plastiken von Pheidias sind verloren. Im Bild eine Nachbildung der Statue der Göttin Pallas Athene vom Parthenon von Alan LeQuire, die sich in Nashville, Tennessee, befindet und zugleich die größte Indoor-Skulptur der Welt ist. Pheidias vermochte als erster, die Physiognomie seiner Gestalten zum Ausdruck ihres Wesens zu machen.

Der breit hingelagerte, fest mit der Erde verbundene griechische Tempel ist Ausdruck der Deszendenz, des Herabsteigens des Göttlichen zu den Menschen, während die himmelstrebende Kühnheit einer gotischen Kathedrale Ausdruck der Transzendenz Gottes und des menschlichen Strebens nach ihm ist. So unterschiedlich diese Darstellungen der religiösen Welt auch sind, so ähnlich sind sie, ästhetisch betrachtet. Beide vereinigen ein Höchstmaß architektonischer Perfektion mit einem ungemeinen Reichtum an plastischen Bildwerken zu einem Gesamtkunstwerk, wie es nur in Blütezeiten von Hochkulturen geschaffen werden kann. – Nachbau des Athener Parthenon in Nashville, Tennessee.

Den großen deutschen Mystikern des Spätmittelalters Eckhart, Tauler und Seuse stehen im Zisterzienserkloster von Helfta vier bedeutende Mystikerinnen gegenüber: Gertrud die Große, die Schwestern Mechthild und Gertrud von Hackeborn sowie Mechthild von Magdeburg, die bedeutendste Mystikerin des Spätmittelalters und zugleich eine der großen Schriftstellerinnen der Weltliteratur. Das Kloster Helfta liegt im östlichen Sachsen, aus dem auch Meister Eckhart stammt. Gerade aus dieser erst um 800 gewaltsam von Karl dem Großen christianisierten Gegend stammen die bedeutendsten Mystiker des deutschen Spätmittelalters! Nach der Reformation wurde das Kloster 1542 allerdings säkularisiert, später als preußische Domäne und in der DDR als „volkseigenes Gut“ für Lagerzwecke genutzt. Seine von den kommunistischen Machthabern geplante Sprengung wurde allerdings verhindert, heute fungiert das ehemalige Kloster als Bildungszentrum.
„Mystik ist das Einssein mit allem. Sie ist das Hingehaltenwerden und das Aufgehen im Nichts. Mystik ist das Entrücktwerden in eine Überwirklichkeit, die nichts mehr zu tun hat mit meiner Welt und meinem Leben. Mystik ist das Sich-Hineinsteigern des Menschen in Gott, das Sich-Ausweiten des Ichs, bis es den ganzen Kosmos umspannt. Mystik ist die reinste Form der Gnadenreligion, das Zerbrechen des Ichs vor dem Ansturm der einzigen Wirklichkeit.“ Mystik, christliche Architektur und Theologie (Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Bonaventura, Duns Scotus u.v.a.) erlebten im Mittelalter in gleicher Weise ihre Glanzzeit. – Mystische Entrückung der heiligen Brigitta von Schweden (1303–1373), aus einer Pergamenthandschrift um 1400.

Mystik versus Selbstverwirklichung

Man hat die Atmosphäre in gotischen Kathedralen oft als mystisch beschrieben, und das mit Recht. Es ist wohl kaum ein Zufall, daß sie zur selben Zeit erbaut worden sind, in der in Europa die Mystik aufgeblüht ist. Als der große Anreger gilt der hl. Bernhard von Clairvaux (1090–1153), ihm folgten Franz von Assisi (1182–1226), in Deutschland Berthold von Regensburg (gest. 1272), Mechthild von Magdeburg (1212–1280), Meister Eckhart und seine Schüler Johannes Tauler und Heinrich Seuse. Der bekannteste unter den deutschen Mystikern ist Meister Eckhart von Hochheim (um 1260–1327), von dem nur zwei authentische Schriften überliefert sind, die „Reden der Unterscheidung“ und das „Büchlein der göttlichen Tröstung“, während es von seinen damals berühmten Predigten nur Nachschriften gibt.

Er entwickelte die große Idee, daß der Mensch göttlich werden könne, und zwar durch „entwerden“, wie er als genialer Sprachschöpfer formulierte. „[…] swenne sich der mensche bekeret von ime selber unde von allen geschaffen dingen, als vil du dez tuost, als vil wirst du geneiget unde geseliget in dem fünkelin der sele, dez zit noch stat nie beruorte. Dirre funke widerseit allen creaturen unde enwil niht dan got bloz, als er in imme selber ist.“[i]  Daß der „Seelenfunke“, von Zeit und Raum und allen Dingen unberührt, göttlich ist und Gott selbst im Menschen „wird“, indem dieser „entwird“, d.h. sich von sich selbst befreit, ist das genaue Gegenteil von jener neuheidnischen Idee der „Selbstverwirklichung“, die neuerdings propagiert wird und zu allerlei Verrücktheiten führt. Meister Eckharts Schüler Heinrich Seuse (1295–1366) gilt als der „‚Minnesänger unter den Mystikern‘, denn er spricht seine Herzenserfahrungen in einer lyrisch beschwingten Sprache aus. Die Natur mit allen ihren Geschöpfen, den Tieren und Vögeln im Walde, zieht er in seine Vergleiche hinein, um die Bewegung seiner Seele anschaulich und den Menschen das große Geheimnis der Mystik, die Gottwerdung im Menschen, begreiflich zu machen. Von Seuse stammt auch die erste deutsche Selbstbiographie, bezeichnend für den mystischen Willen, sich selbst und die inneren seelischen Vorgänge zu beobachten.“[ii]

Erstaunlicherweise gibt es neben dem männlichen Trio Eckart, Tauler und Seuse um 1270 herum im Zisterzienserinnenkloster zu Helfta ein weibliches Quartett, in dem jede nicht nur für sich, sondern im Zusammenspiel mit den anderen eine Liebesmystik entfaltete, die noch heute fasziniert. Da war zunächst (seit 1261) Gertrud von Helfta, genannt die Große, die noch lateinisch schrieb, die Schwestern Mechthild und Gertrud von Hackeborn und jene unvergleichliche Mechthild von Magdeburg, der wir eines der schönsten mystischen Werke der Weltliteratur verdanken: „Das fließende Licht der Gottheit“. Es ist „bildhaft, gefühlsbetont, schwärmerisch; Mischung von Versen und Prosa; erinnert an die Formen des höfischen Minnesangs; auch Anklänge an Richard von St. Viktor; tiefe Kenntnis theologischer Lehren.“[iii]
Das Kloster Helfta liegt bei Eisleben im östlichen Sachsen. Bedenkt man, daß die Sachsen erst um 800 unter massivem Druck Karls d. Gr. Christen geworden sind, ist es schon erstaunlich, daß sich gerade in dieser Gegend im 13. Jahrhundert die Mystik zu solcher Blüte entfaltet hat. Dazu kommt, daß auch Meister Eckhart aus Hochheim bei Gotha stammt, also ebenfalls aus Sachsen. Da scheint das Evangelium gerade in einer Gegend, die sich der Taufe so lange widersetzt hat, auf wirklich fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Hier gilt wohl auch wieder einmal die biblische Erkenntnis: Die Wege des Herrn sind unerforschlich.

Aber mystische Erfahrungen sind keine Besonderheit der Deutschen, ja nicht einmal der Christenheit insgesamt, denn Mystik gibt es in allen Religionen, bei Muslimen ebenso wie bei Juden, bei Hindus und selbst bei Buddhisten, die in Wahrheit keinen Gott kennen. „Was ist Mystik? Zu jeder Antwort auf diese Frage läßt sich mit gutem Grund eine Gegenantwort finden, die bejaht, was die erste Antwort verneint und umgekehrt. Mystik ist das Einssein mit allem. Sie ist das Hingehaltenwerden und das Aufgehen im Nichts. Mystik ist das Entrücktwerden in eine Überwirklichkeit, die nichts mehr zu tun hat mit meiner Welt und meinem Leben. Mystik ist heilige Alltäglichkeit, das Einssein mit der Buddhanatur in der täglichen Gartenarbeit, das Eingehülltsein in Gottes Liebe vor den Kochtöpfen der Klosterküche. Mystik ist das Wissen um einen detaillierten Erleuchtungsweg, eine geistige Disziplin, eine spirituelle Methode, um das Einswerden mit der Urwirklichkeit im eigenen Leben zu erreichen. Mystik ist eine Art heiliger Selbstverständlichkeit, das Bereitwerden fürs Naheliegendste, der Sinn für die unendlich nahe Wahrheit. Mystik ist das Sich-Hineinsteigern des Menschen in Gott, das Sich-Ausweiten des Ichs, bis es den ganzen Kosmos umspannt. Mystik ist religiöser Größenwahn in Reinkultur. Mystik ist die reinste Form der Gnadenreligion, das Zerbrechen des Ichs vor dem Ansturm der einzigen Wirklichkeit.“[iv]

Mit anderen Worten: Wir wissen eigentlich nicht, was Mystik ist, denn mystische Erfahrung entzieht sich dem Verstand; sie hat keine Logik, oder, vielleicht besser gesagt: sie hat ihre ganz eigene Logik, vor der der gesunde Menschenverstand versagt. Aber etwas läßt sich wohl darüber sagen: Sie ist die höchste Ausdrucksform einer religiösen Kultur, und daß sie in Europa gerade im hohen und späten Mittelalter in solcher Blüte stand – zeitgleich mit der Blüte der christlichen Architektur –, ist ein Hinweis darauf, daß das Christentum hier zu jener Zeit seine Glanzzeit erlebte. Da ist es denn nicht verwunderlich, daß im gleichen Zeitraum auch die Theologie in hellstem Glanz erstrahlte: in Denkern wie Albertus Magnus (1193–1280), Thomas von Aquin (1225–1274), Bonaventura, Duns Scotus und vielen anderen, die lange vergessen sind, nicht zuletzt deshalb, weil schon die Theologen der Reformation die Scholastik ablehnten und später die Aufklärer von einem „finsteren Mittelalter“ faselten, das sie schlichtweg nicht mehr verstanden.


[i] Zit. n. Willy Grabert u. Arno Mulot: Geschichte der deutschen Literatur, 10. Aufl., München 1965, S. 72.

[ii] Ebd.

[iii] Vgl. Georg Schmid: Die Mystik der Weltreligionen. Eine Einführung, Stuttgart 1990.

[iv] Gero von Wilpert: Deutsches Dichterlexikon, Stuttgart 1976, S. 477.

 

 
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