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Entscheidend für die Entwicklungsgeschichte der abendländischen Linken von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein ist der Übergang von einer erkennbar marxistischen Weltanschauung und der entsprechenden Praxis hin zu einem sie ablösenden Postmarxismus. Ungeachtet der Tendenz der Linken, sich als ein ideologisch wohlgefügtes Ganzes zu präsentieren, zeichnen sich bei ihrem Fortwirken unterschiedliche Denkformen ab. Während Marxisten jeder Couleur einen durch sozioökonomische Widersprüche fortgetriebenen Geschichtsprozeß in den Vordergrund stellen, befaßt sich die postmarxistische Linke in erster Linie mit einem einzigen Großauftrag: jede beliebige Diskriminierung für alle Ewigkeit aus der Welt zu schaffen. Obzwar diese Neuformulierung einer linken Mission den Sozialismus nicht gänzlich von sich weist und ihre Lichtgestalten vom Schlage des Jürgen Habermas eine verstaatlichte Wirtschaft mit antifaschistisch-umerzieherischen Projekten verschmelzen: Bei der neueren linken Ideologie wiegen rein sozialistische Anliegen weniger schwer als bei der älteren.
Von Univ.-Prof. Paul Gottfried
Bezeichnend für diesen Wechsel ist die Einflußnahme von Großkapitalisten und Unternehmensvorständen, die diesseits des Teiches schwarzen Aufständischen und Antifa-Randalierern Unterstützung bescheren. Die mehr als 60 Millionen Dollar betragenden Geldmittel, über die die „BLM“-Bewegung verfügt, strömen aus riesigen Unternehmen wie Coca-Cola, Citibank, Goldman Sachs, Pepsi, PayPal und sonstigen Weltfinanzmächten ein. Zwischen dem Neuradikalismus und dem kapitalistischen Mäzenatentum besteht keine Kluft mehr.
Die Geberklasse hat keinen Grund, ihre Schützlinge zu fürchten. Nur verwundbare Kleinbürger und anvisierte Polizisten fielen den im „Sommer der Liebe“ 2020 überhandnehmenden Ausschreitungen zum Opfer. Die wohlhabenden Freunde der Verbrecher, kaum in Mitleidenschaft gezogen, sind ungeschoren davongekommen; ihre üppig ausgestatteten Wohnbezirke ließen die Radaumacher mit wenigen Ausnahmen unberührt. Nicht selten findet der Herumstreifende in diesen Oasen „BLM“-Schilder, die auf wohlgepflegtem Rasen prangen. Dank der hochgestellten Versorger ist ein in Haft genommener Amokläufer mit der Zahlung seiner Kaution freigekommen. In der Koalition der Willigen, die sich gegen Trumps Wiederwahl aufstellte, standen Kapitalisten und Halbstarke auf vertraulichem Fuß und fast auf Augenhöhe. Mit den Leitmedien hielten beide Fraktionen enge Beratungen und knobelten gemeinsame zweckdienliche Taktiken aus. Wie am selben Stammtisch sitzend, trugen die Alliierten dafür Sorge, daß gegen den gemeinsamen Feind Donald Trump jede nötige Waffe in Stellung gebracht wurde.
Im Unterschied zu den Marxisten von altem Schrot und Korn halten ihre Nachfolger die Arbeiterschaft für eine rückschrittliche Klasse, die sozialpolitisch auszugrenzen ihnen obliegt. Noch besser wäre es, wenn diejenigen, die Hillary Clinton als erbärmlich[1] einstufte, im Ganzen verschwinden würden. Dann wäre es möglich, eine bessere „Unterschicht“, bestehend aus den in den Großstädten befindlichen arbeitslosen Farbigen und den aus der Dritten Welt Zugezogenen, heranzuziehen. Als der Baustoff, woraus eine postchristliche, postbürgerliche Gesellschaft geformt werden kann, wird diese bunte, antibürgerliche Unterschicht und importierte Ersetzungsbevölkerung von den Mächtigen bevorzugt. Es macht der „woken“ Herrscherklasse wenig aus, daß im Sommer 2020 von ihren Günstlingen Ausschreitungen ausgelöst und Polizisten und Geschäftsleute erschossen wurden. Für die Krawallmacher ergriffen höhergestellte Freunde uneingeschränkt Partei.
Der hellsichtige Journalist Pedro Gonzalez bezeichnete das Randalieren der schwarzen Radikalen unter dem Schutz ihrer Gönner als „gezielte Revolution der Linken“. Eine Führungsklasse gestattet sich, die sie anwidernden Weißen und Asiaten unterzubuttern. Die antifaschistische, „woke“ Oberschicht geht daran, Gesetze durchzudrücken, die ihre in Haft genommenen, wildgewordenen Mündel ohne Sicherheitsleistung wieder auf freien Fuß setzen. Als Krönung strebt sie an, Staatsanwälte wählen zu lassen, die nichtweiße und gesetzwidrig eingeschleuste Verbrecher schonend behandeln und ihnen ihre Dieberei und Räuberei nachsehen. Amerikanische Großstädte werden mit einer aufbrandenden Verbrechenswelle überzogen, ein Zustand, der kein gutes Ende finden kann.
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Ein Bündel von Interessen und Feindbildern hält die radikalisierten Kapitalisten und ihre Bundesgenossen zusammen. Von klein auf werden den Sprößlingen der Neureichen „woke“ Werte eingebleut und wird ihre Abneigung gegen „pöbelhafte“ Weiße auf dem Siedepunkt gehalten. Verschmäht sind insbesondere das Bauerntum und die kleinstädtischen, vorwiegend weißen und christlichen Binnenlandbewohner. Man kann dafür kein zwingenderes oder zeitlich relevanteres Beispiel finden als den angestrengten Versuch der Berliner Stadtverwaltung, die Inschrift auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses zu schleifen oder mit Leuchtdioden zu bedecken. Was diese Entschlossenheit antreibt, ist weniger die „Weltoffenheit“, die von der Kulturstaatsministerin Claudia Roth großspurig verkündet wird, als vielmehr die Abscheu von dem ererbten Kulturgut des Westens und des deutschen Christentums.
Die Inschrift auf der Kuppel des eben erst wiederhergestellten Berliner Stadtschlosses lautet: „Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ König Friedrich Wilhelm IV. hat diesen Text unter Kombination von zwei Bibelstellen (Apostelgeschichte 4, 12 und Philipper 2, 10) zusammengestellt. Nun sollen Leuchtioden zumindestens nachts Zitate aus dem Grundgesetz und der Menschrechtserklärung wiedergeben.
Ohne die Wirkungsweise der postmarxistischen, antifaschistischen Linken auf einen geteilten Haß zu beschränken, lohnt es, auch die dadurch gegebene Anschlußfähigkeit der revolutionären Linken zu berücksichtigen. An ihrem Tun und Treiben ist eine kunterbunte Sippschaft beteiligt. Nicht geringzuschätzen sind die Kapitalisten, die ihren Markt zu vergrößern bemüht sind. Daß die erhofften Abnehmer Schwule, Lesben und Farbige einschließen, steigert nur die Profitgier der Unternehmer.
Zurück zu den USA: Um diese postmarxistische Linke scharen sich Staatsbeamte, Homosexuelle und Nichtweiße. Die stets anwachsende Allianz der Linken erstreckt sich von Arglosen und Leichtgläubigen über Eiferer bis hin zu einer Verbrecherklasse und Strebern. Am wenigsten geldgierig sind wahrscheinlich die umworbenen Schwulen, die ihrem besonderen Lebenswandel Geltung zu verschaffen suchen; mittendrin befinden sich die schwarzen Militanten, die die aufgestaute Wut auf die ihnen gegenüberstehende weiße Gesellschaft gern entladen; materialistisch motiviert sind vor allem die Staatsbeamten und Nachrichtendienstler, die bei ihren Vorgesetzten gut ankommen wollen.
Die postmarxistische Linke trachtet danach, eine durchgreifende Verwandlung aller zwischenmenschlichen Beziehungen zu bewirken. Ohne sich von marxistischen Schablonen einfangen zu lassen, arbeitet sie ihren eigenen Verhaltensänderungsplan aus. Diese aufsteigende Linke erweist sich als weitaus radikaler als der von den Marxisten vorgezeichnete Weg zum Sozialismus. Anknüpfend an die Frankfurter Schule, deren Vordenker 1933 nach den USA auswanderten und in ihrem Asylland florierten, setzt die postmarxistische Linke den Akzent auf eine Kulturrevolution, nicht hauptsächlich auf eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Zum Niederringen ihrer Klassenfeinde und zur Auslöschung jeglicher Spuren einer „faschistischen Gesinnung“ wollen sie „diskriminierenden Lebensgewohnheiten“ entgegenwirken und diese durch „alternative Denkweisen“ zu ersetzen.
Da der Übergang zu einer sozialisierten Wirtschaft in diesem Fall keineswegs an erster Stelle rangiert, können „woke“ Kapitalisten an dem Umformungsprojekt der Linken teilnehmen, ohne ihr Vermögen aufzugeben oder sich in quälender Weise zwischen Eigennutz und Gemeinnutz zu entscheiden. Zu einer noch größeren Bereicherung für die begünstigten Wenigen führt das Investieren in Windkraft und in andere Alternativen zum fossilen Brennstoff. Arbeiterschaft und Mittelschicht können dann mit erhöhten Steuern für diese Innovationen belastet werden. Keine ernste Absicht hat die Lenkerklasse, Überordnungs- und Unterordnungsverhältnissen den Garaus zu machen. Vielmehr waltet sie über eine leicht aufzuwiegelnde Unterschicht, die sie gegen den weißen Mittelstand und die schon angegriffene Arbeiterschaft wendet.
In meiner Neuerscheinung über den Antifaschismus unterstreiche ich, wie die geschlagenen Nachkriegsdeutschen eine geeignete Versuchsgruppe darstellten, an welcher das antifaschistische Experiment im Großformat ausprobiert werden konnte. Ein mit politischer Korrektheit verwachsener Antifaschismus hat in der Folge die Deutschen zutiefst geprägt. Auch eine Rolle spielte die deutsche Erkenntnis der zerstörerischen Auswirkungen der Naziherrschaft, welche zur Bereitwilligkeit, die Weichen neu zu stellen, führte. Umständehalber war es damals also möglich, eine „zum Faschismus hinneigende“ Bevölkerung innerlich zu verändern. Dabei stimmt nachdenklich, ob die Kosten der langjährigen Umerziehung nicht die behaupteten Vorteile aufgewogen haben.
Auf die Deutschen, wie Antonia Grunenberg in ihrem bahnbrechenden Werk „Antifaschismus. Ein deutscher Mythos“ (1993) aufgezeigt hat, wirkt der ostdeutsche Kommunismus nach dem Zusammenfall der DDR unaufhaltsam fort. Die fortwährende Einflußnahme des gestürzten Regimes bezeugen sowohl der Eintritt seiner Stimmungsmacher und Staatsbeamten in die deutsche Politkaste wie auch der seit der deutschen Wiedervereinigung nie nachlassende Drang zu einem zugespitzteren Kampf gegen die sogenannten „Faschisten“. Während die heute herrschende Faschismusvorstellung von der älteren kommunistischen zu unterscheiden ist, entlehnte die postmarxistische Linke den Kommunisten, so Grunenberg, die Wortschöpfung „Antifaschismus“ und einen wütenden rhetorischen Zuschnitt. Alles, was den „Antifaschisten“ nicht paßt, beziehen sie auf den Fortbestand einer nationalsozialistischen Gesinnung. Die Antifaschisten“ wähnen sich vor einem gefährlichen Wendepunkt, und wenn es hart auf hart geht, müssen sich die „Demokraten“ gegen die Hitlermultiplikatoren wappnen. Bedenkenträger sind keinesfalls zu dulden, weil die „Antifaschisten“ ihrer Ansicht nach mit einem klammheimlich eindringenden Gegner ringen.
Die am meisten sinnstiftende Übernahme der späteren Antifaschisten aus der vorgeprägten kommunistischen Sichtweise, so Grunenberg, ist eine Denkart, die die gesamte Lebenswelt in „Faschisten“ und „Antifaschisten“ aufteilt. Wegen des „dualistischen Denkens“ und ihrer „Zwei-Lager Theorie“ stehen die „Antifaschisten“ immer auf der Wacht: „Sie hatten gänzlich in der Binnenwelt des Anti-Faschismus aufzugehen, verloren den Kontakt zur Außenwelt, konnten das Erlebte nicht mehr überprüfen, durften den eigenen Erfahrungen nicht trauen.“ Des weiteren: „Die Reduktion eines weltanschaulichen Gesamthorizonts auf ein quasimilitärisches Dienstverhältnis läßt jede Dimension von unabhängiger Meinungsbildung, Erörterung, Abwägung (von der Äußerung des Dissenses ganz zu schweigen) verschwinden.“ Grunenberg bildet eine kriegerische, ideologisch bestimmte Denkweise ab, die kampfbereite „Antifaschisten“ kennzeichnet und von der DDR westwärts weitergetragen wurde. Nebensächlich ist es, ob die von den Militanten aufs Panier geschriebenen Leitideen „woke“ oder streng marxistisch gefärbt sind. Die vom Antifaschismus ostdeutscher Art Geprägten wähnen sich einer nie angemessen bewältigten Außenwelt gegenüber. Dort sprießen die rechtsaußen verorteten Störer wie Pilze aus dem Boden.
Auf die Amerikaner und ihren gesamten Einflußbereich wurde das Umerziehungsverfahren mit ebenso gravierenden Folgen übertragen. In den USA hängt die Rezeption des europäischen Denkens mit einem seit Jahrzehnten nicht bewältigten Diskrimierungsvorwurf zusammen. Die nie geheilte, schwärende Wunde des Sklavenstands der Schwarzen vor dem amerikanischen Sezessionskrieg, der jetzt als „systemischer weißer Rassismus“ ausgelegt wird, überformte den eingeführten deutschen Radikalismus. Die radikalen Emigranten nahmen den rassenbewußten weiß-christlichen Bürgerstand aufs Korn. Unter diesem, so die neuangekommenen Kritiker, herrschte nicht nur eine raffende kapitalistische Wirtschaft, sondern eine noch schädlicher wirkende „pseudodemokratische“ Ausrichtung. Diese umerziehungsbedürftigen Staatsbürger, so diese Wertung, täuschten vor allem sich selbst, als sie die Entrechteten vorgeblich gleichstellten. In den USA ist die therapeutische Seite der Zukunftsvision der Frankfurter Schule weiter durchgeschlagen als ihr Verlangen nach einer sozialistischen Wirtschaftsform.
Im Gegensatz zu ihrem kontroversen Aufkommen in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen machte die nach New York verschlagene Frankfurter Intelligenz sofort Schule. Der 1950 veröffentlichte Sammelband „Die autoritäre Persönlichkeit“, den Theodor Adorno und Max Horkheimer im Exil herausbrachten, hat in den USA großen Absatz gefunden. Trotz der plumpen, umständlichen Schreibart, die manche Leser vergrault haben muß, hat sich der Wälzer zu einem Bestseller entwickelt, noch bedeutender: hat dessen Ideengehalt eine weitgehende Wirksamkeit erlangt, indem amerikanische Staatsplaner und eine gebildete Leserschicht den vorgeblichen „Faschismus“ problematisierten und von einem vorbildlichen „American Way“ abhoben. Sonderbarerweise hat sich diese radikalisierende Grundlehre bei den Amerikanern eingebürgert. Zu dieser Erfolgsgeschichte trug die Möglichkeit bei, ein antibürgerliches, antichristliches Ideengemisch als genuin amerikanisch, als eine zukunftsgerichtete amerikanische Identität abbildend, zu vermarkten.
In den 1950ern stellten Sozialwissenschaftler eine F-Skala-Prüfung vor, die erarbeitet wurde, um die Anfälligkeit der Geprüften für faschistische Erreger zu bestimmen. Sowohl Bewerber um staatliche Amtsstellen wie auch Studenten wurden dieser stufenweise verfeinerten Prüfung unterzogen. Grundlegend dafür war der Ansatz, verdächtige Persönlichkeiten „fachlich“ auszuweisen und von verantwortungsvollen Ämtern auszuscheiden. Allerdings holte die amerikanische Besatzungsmacht die Vertreter der Frankfurter Schule nach Deutschland heim, um ihre ganze Kraft darauf zu verwenden, die Deutschen zu „demokratisieren“. Nicht beunruhigend schien es, daß die heimgekehrten Grundsäulen der Frankfurter Schule mit Linksextremisten Umgang hatten oder bei antikommunistischen Prominenten aneckten. Vorrangig war ihre bewährte antifaschistische Ausrichtung.
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Die „Antifaschisten“ setzten sich daher auch zur Wehr, als sich die USA und deren Bundesgenossen gegen die sowjetischen Widersacher aufstellten. Worte wie „Faschismus“ und „autoritäre Persönlichkeit“ wurden in den 1950ern für den Antikommunismus benutzt. In der Hitze des Kalten Kriegs münzte Präsident Truman die griffige Fügung „roter Faschismus“ auf seine kommunistischen Kontrahenten, die, so die damalige Auffassung, dem Nazismus anverwandt oder artgleich waren.
Tunlich ist es aber, die neuere Geschichte anders zu verstehen und den „roten Faschismus“ als ein ins Leere laufendes Zwischenspiel, eingekeilt zwischen zwei Akten eines langjährigen Theaterstücks, zu deuten. Das generationenübergreifende Drama klingt in eine nun triumphierende „woke“ Spätmoderne aus, die unter anderen Denkquellen auch den Marxismus wählerisch auswertet. Linke Kämpfer aus verschiedenen Parteien vereint dieser „Antifaschismus“. Auch wenn die Kommunisten als eine veraltete Erscheinungsform der guten Sache angesehen werden, deuten die heutigen „Antifaschisten“ auf sie als Übergangsetappe zu ihrem Aufstieg hin. Zu dieser Vorgeschichte einer nachträglich vielfältigen Linken gehören kommunistische Gewaltherrscher und Revolutionäre, wie locker oder verschlissen die Verbindungen zwischen den Wegbereitern (Lenin, Che, Castro, Mao) und den ihnen nachlaufenden Bewunderern auch anmuten.
Dem amerikanischen Mitte-rechts-Lager kommt diese Indienstnahme einer sozialistischen Ahnentafel für die landläufige Linke entgegen. In eine schon gewohnte Rolle schlüpfen die „antisozialistischen“ politischen Spieler, die die öffentliche Debatte auf Steuersenkungen und sonstige Finanzfragen hinsteuern wollen. Was ihnen das Leben vergrämen würde, wäre die Beschuldigung, daß sie die LGBT-Gemeinschaft diskriminierten. Bequemer wäre es, Debatten auf weniger kontroverse Anliegen und Streitpunkte einzugrenzen. Noch vielversprechender wäre der Versuch, der Linken durch Zusagen von Steuersenkungen wohlhabende Schwule abzuwerben.
In diesem Zusammenhang ist es nützlich, die Abfolge der in Entwicklung begriffenen Antifaschismen Revue passieren zu lassen. Zwischen den zwei Weltkriegen war der Antifaschismus in marxistische, neoliberale und christlich-traditionelle Frontstellungen zu zerteilen. Der frühe Antifaschismus, einerlei, welche Form er annahm, widmete sich einer wissenschaftlich respektablen, wenn nicht wertfreien Vorgehensweise. Die erste Generation der Antifaschisten setzte sich mit den damals real existierenden Faschisten und Nazis auseinander, gab aber bei weitem nicht der Marotte nach, die verworfene faschistische Grundlehre holzschnittartig auf die sexuelle Fehleinstellung ihrer Förderer zu reduzieren. Der Antifaschismus, der darauf folgte, erlebte eine einschneidende Wendung, als er von der Frankfurter Schule und deren Ausläufern besetzt wurde. Danach wurde der Faschismus „pathologisiert“ und die Umsozialisierung der Anfälligen als Heilmittel verordnet. Ohne eine totale Umformung der Gesellschaft, so die Ermahnung, könne die „demokratische“ Staatsführung der lauernden faschistischen Bedrohung nie Herr werden. Keine gesellschaftliche Gruppe (außer den ermächtigten Sachverständigen) sollte man unbeaufsichtigt lassen, da die Gefahr, von Faschisten eingenommen zu werden, immer wieder aufblitze. Einer weitergehenden Anwendung der geplanten Erziehung eilte allerdings die Umformung der unterlegenen Nachkriegsdeutschen voraus.
Obwohl die DDR und andere kommunistische Staaten den Großkapitalismus und eine amerikahörige Allianz als faschistisch stigmatisierten, schlug die verfestigte kommunistische Positionierung weniger durch als die „kulturmarxistische“ Linke, die erst nach dem Ende der DDR den Höhepunkt erreichte. Durch ihre Bestrebung, die „faschistische Vergangenheit“ zu überwinden, haben die kommunistischen Funktionäre und Scharfmacher der späteren Linken den Weg geebnet. Betrachtenswert ist auch die Leichtigkeit, mit welcher die ehemaligen Teilnehmer am DDR-Apparat sich nach der Wende sowohl in das bundesrepublikanische Staatsgetriebe wie auch die dortige Publizistik einschalten konnten.
Gleichfalls nicht unbeachtet zu lassen ist, wie der gegenwärtige Linksradikalismus die bürgerliche Familie von oben nach unten zerreißt, Geschlechteridentitäten aufhebt und eingewurzelte abendländische Institutionen zu schleifen ansetzt. Exkommunisten haben ihre alte Glaubenslehre nicht unversehrt auf diesen postmarxistischen Kontext übertragen, sondern dem Zeitgeist entgegenkommend ihren Radikalismus an eine veränderte Sachlage angepaßt. Wenngleich diesen ansonsten Angepaßten gewisse Gedankensplitter oder Stichwörter entfahren, ist ihr geläufiger „Antifaschismus“ mit älteren Erscheinungsformen nur schwer zu verwechseln.
Mit dem „woken“ Kampf gegen Geschlechterunterschiede und der Herabsetzung der weißen Rasse weist der überkommene Marxismus keine Schnittmenge auf. Bedenkenswert ist, wie die DDR-Politkaste deutschen Helden aus der Vergangenheit, wie Luther und Friedrich dem Großen, Tribut zollte und zwar in frappantem Gegensatz zu der „besten deutschen Demokratie aller Zeiten“, die sich darin gefällt, glänzende deutsche Geschichtsfiguren anzuprangern oder zu verbannen.
Ein triebhafter Antideutscher wie Frank-Walter Steinmeier könnte nie Präsident eines kommunistischen Deutschlands gewesen sein. Das ist bestimmt kein Ansatz, die Untaten der Kommunisten zu bemänteln. Und Grunenberg hat recht damit, daß die Erdrosselung des Dissenses, worauf die gegenwärtigen antifaschistischen Machthaber gesonnen sind, einem älteren kommunistischen Musterbild entspringt. Jedoch sind die zwei Orientierungen nicht gleichförmig, und die Wühlarbeit des postmarxistischen Antifaschismus steht im Widerspruch zum relativen Konservatismus der Kommunisten.
Auch festzuhalten ist die durchdringende Wirkung dieser linken Orthodoxie, die die Schlüsselanstalten des spätmodernen Abendlands besetzt. Nie hat früher eine radikale Linke in den USA die gleiche Triebkaft ausgelöst. Und bislang hält sich ihr Durchdringungsgrad unvermindert. Umstandslos und unaufhaltsam rückt der Antifaschismus der „woken“ Art voran, immer größere Betätigungsfelder in Beschlag nehmend.
Zusatz: Meine Bewertung der geistreichen Studie Antonia Grunenbergs ist nicht als erledigt zu betrachten, bis etliche Vorbehalte gelüftet wurden. Während Grunenberg den deutschen Antifaschismus lehrreich und wortgewandt darlegt, wendet sie im ersten Drittel ihres Buchs dem deutschen Sonderweg übermäßige Aufmerksamkeit zu. Was daraus folgt, ist eine Zusammenfassung von Stichpunkten aus Werken Heinrich August Winklers, Fritz Sterns und anderer antinationaler deutscher Historiker linker Provenienz, die Grunenbergs ansonsten imponierender Beweislage wenig nachhelfen.
Auch wenn die deutsche Entwicklungsgeschichte vor 100 Jahren mit abwertenden Reden der Führungsschicht gegen die Massendemokratie durchsetzt war, beweist das beileibe nicht, daß diese Neinsager den deutschen Faschismus ins Leben gerufen hätten.
Auf welche Weise, darf man fragen, sollen Kaiser Wilhelm II. und Oswald Spengler (beide Prügelknaben Grunenbergs) zur Gestaltung eines späteren Faschismus beigetragen haben? Mit diesen als Reaktionäre Eingeordneten muß man nicht stets einverstanden sein, um sich der Diskontinuität zwischen ihren Äußerungen und der Seelenwelt von Steinmeier und der „Spiegel“-Redaktion bewußt zu sein. Noch zu bemerken: Auch in anderen westlichen Nationen zur selben Zeit war ein antidemokratischer Affekt zu verspüren. Die Aufspaltungen und Widersprüche, die die Irrungen und Wirrungen einer parlamentarischen Regierung begleiteten, waren kaum als eine deutsche Eigenart zu empfinden. Kurzum: Nicht jeder Einwand gegen die bürgerlich-demokratische Ordnung ist als Vorstufe des „Faschismus“ zu werten.
In meinem neuesten Buch wird hervorgehoben, daß der Umerziehungsplan, den die Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg den unterlegenen Deutschen oktroyierten, mit antifaschistischen Anweisungen und Stichpunkten durchsetzt war. Gleich, wie die Deutschen vorher disponiert waren, prägte sich ihnen dieser Wendepunkt zutiefst ein. Mit der von ihren Vorfahren miterlebten Bekehrung zum Christentum läßt sich die Prägekraft dieser forcierten Umbildung vergleichen. Wie bei diesem früheren Erlebnis wurde der Bekehrte angewiesen, sich von einer alten Wesensart loszusagen und sich einen neuen Habitus zu eigen zu machen. Bedacht waren die Sieger darauf, die deutsche Gesinnung sowie Erinnerungskultur grundsätzlich zu verändern. In den 1970ern kam die eingetrichterte Belehrung zum Tragen, als eine Nachrückergeneration das Ruder der deutschen Gesellschaft und Politik übernahm.
Was Grunenberg anschaulich macht, ist, in welchem Grad Exkommunisten, die die soziale und politische Leiter der BRD hinaufkletterten, von einer kulturkommunistischen Mentalität geprägt waren. Ein Faschismus-Antifaschismus-Gegensatzpaar schwebte ihnen dauerhaft vor, auch wenn ihre Feindbilder jeweils wechselnde Gestalten annahmen. Gesinnungsbestimmend war auch die verfestigte deutschmarxistische Überzeugung, daß der Faschismus nicht zu bezwingen sei, wenn die Regierung oder führende Partei entgegengesetzte Meinungen durchgehen läßt. Ungeachtet der oben vorgebrachten Nachgedanken hat Grunenberg einen hochkarätigen Beitrag zur Beleuchtung des Antifaschismus geleistet. Für eine ausführliche Bearbeitung dieser brennenden Thematik ist ihr Buch unentbehrlich und unersetzlich.