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„Gegen alle Formen des Universalismus kämpfen“

Benoist, Vordenker der Neuen Rechten.

Alain de Benoist über den Ukraine-Rußland-Krieg, die Lage in Frankreich und seine Denkschule „Nouvelle École“

Er ist weit über Frankreich hinaus in ganz Europa als Philosoph und führender Vordenker der „Neuen Rechten“ bekanntgeworden, obwohl er die traditionelle Links-rechts-Einteilung inzwischen für überholt hält, wie er in seinem jüngsten Buch „Das populistische Moment“ betont. Die Rede ist von Alain de Benoist, Jahrgang 1943, aufgewachsen in Paris, Absolvent der Eliteschule Louis-le-Grand. Er studierte Verfassungsrecht, Philosophie, Soziologie, Geschichte und Religion an der Sorbonne. Einen Namen gemacht hat er sich u.a. als Herausgeber der traditionsreichen Zeitschriften „Nouvelle École“ und „Krisis“, außerdem ist Benoist ständiger Autor des Magazins „éléments“. Seine mehr als 90 Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Das Ziel seiner Denkrichtung ist klar und weitreichend: Es geht Benoist um die Überwindung des neo- und linksliberalen Denkens mit all seinen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Paradigmen.

Das Interview führte Bernd Kallina

Herr Benoist, seit dem 24. Februar 2022 haben wir Krieg in Europa. Hat Sie der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine eigentlich überrascht?

Nein, ich war nicht wirklich überrascht vom Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine, so sehr erschien er mir als logische Folge der Ereignisse, die sich in den letzten Jahren ereignet haben. Eine Bemerkung dazu: Der „Krieg in Europa“ begann nicht am 24. Februar 2022. Der Beweis dafür ist, daß zu diesem Zeitpunkt im Donbass bereits 14.000 Tote gezählt wurden. Der Krieg begann in Wirklichkeit mit dem „Staatsstreich“ vom 22. Februar 2014, dem sogenannten Euromaidan, der von den USA vorbereitet, organisiert und finanziert wurde (mit fünf Milliarden Dollar) – „der am wenigsten getarnte Putsch der Geschichte“, wie George Friedman sagte – und dessen Ziel nicht darin bestand, die Ukraine demokratischer, sondern sie westlicher, d.h. antirussischer zu machen. Seit Montesquieu ist bekannt, daß es diejenigen gibt, die Kriege auslösen, und diejenigen, die sie unvermeidlich machen. Die USA und die NATO haben alles getan, um den Krieg in der Ukraine unvermeidlich zu machen.

Könnten Sie die Rolle der USA näher erläutern?

Die USA preisen zwar die Vorzüge des Wettbewerbs, hassen es aber, Konkurrenten zu haben. Sie lehnen auch die Idee einer multipolaren Welt ab. Als großer Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg besteht ihre gesamte Außenpolitik seit jeher darin, das Entstehen rivalisierender Mächte, die ihre Hegemonie bedrohen könnten, zu verhindern. Nachdem Europa bereits neutralisiert und zum Vasallen wurde, bleiben noch China und Rußland, die sie mit allen Mitteln zu schwächen versuchen.
Dazu verfügen sie mit den NATO-Stützpunkten über ein erstklassiges Instrument. Die NATO, die zusammen mit dem Warschauer Pakt hätte verschwinden sollen, ist heute zur „globalen NATO“ geworden, d.h. zu einer internationalen Polizei, die überall auf der Welt die amerikanischen Interessen schützen soll und gleichzeitig über ihre Verbündeten das ausübt, was General de Gaulle eine „pesante tutelle“ (schwere Vormundschaft) nannte. Durch die Aufnahme der ehemaligen Ostblockstaaten in die NATO und die Mißachtung der Verpflichtungen, die sie zu Gorbatschows Zeiten eingegangen waren, versuchten die USA, Rußland herauszufordern und einzukreisen. Vergeblich hatten hochrangige amerikanische Politikwissenschaftler, wie Henry Kissinger, John J. Mearsheimer, George Kennan, Paul Nitze, Robert McNamara und viele andere, bereits in den 1990er Jahren vor den dramatischen Folgen einer Ausweitung der NATO bis an die Grenzen Rußlands gewarnt, die Kennan als „schicksalhaften Fehler“ bezeichnete. Die Amerikaner haben immer wieder behauptet, daß die Ukraine dazu berufen sei, ebenfalls der NATO beizutreten. In „Die einzige Weltmacht“ (1997) erklärte Zbigniew Brzezi?ski, warum: „Amerika muss die Ukraine unbedingt übernehmen, weil die Ukraine der Dreh- und Angelpunkt der russischen Macht in Europa ist. Sobald die Ukraine von Russland getrennt ist, wird Russland keine Bedrohung mehr darstellen.“
Getreu der Monroe-Doktrin haben die Amerikaner nie ausländische Interventionen in ihrem Einflußbereich zugelassen, während sie gleichzeitig immer wieder in den Einflußbereich anderer eingegriffen haben. Seit der Kubaaffäre 1962 ist klar, daß kein US-Präsident akzeptieren würde, daß russische Raketen in Kanada oder Mexiko stationiert werden. Warum sollte Putin akzeptieren, daß amerikanische Raketen in Polen und vor den Toren Rußlands stationiert werden? Die Aufnahme der Ukraine in die NATO würde eine existentielle Bedrohung für die Russische Föderation bedeuten. Mit anderen Worten: eine rote Linie, die nicht überschritten werden durfte. Der Westen überschritt sie und ließ Wladimir Putin keine andere Wahl mehr, als auf militärische Mittel zurückzugreifen, um seine Sicherheitsinteressen zu wahren, die auf politischem oder diplomatischem Wege nie durchgesetzt werden konnten.

Die „militärische Spezialoperation“, wie Putin sie nennt, spaltet die politischen Lager in Deutschland. Viele äußern ein gewisses Verständnis für russische Einkreisungsängste im Hinblick auf die immer weitere Ostausdehnung der NATO, schließlich wollen die USA sogar die Ukraine im westlichen Bündnis sehen. Andere verurteilen den „Völkerrechtsbruch“ von Putin vehement. Wie beurteilen Sie den Kampf um die Ukraine, der von Geostrategen primär als Großkonflikt der Rivalen USA und Rußland gedeutet wird?

Diese Debatte ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich zu finden. Was mich betrifft, so habe ich mich immer für das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf dem Weg zu ihrer Unabhängigkeit eingesetzt. Das Problem ist, daß die ukrainische Regierung falsche Entscheidungen getroffen hat. Sie strebt nicht die Unabhängigkeit an, sondern die Integration in die westliche Einflußsphäre, d.h. die amerikanische Kolonialisierung. Das ist in meinen Augen eine katastrophale Wahl, die leider auch von den meisten westeuropäischen Ländern, angefangen mit Deutschland, getroffen wurde. Europa gehört in meinen Augen zu den Landmächten, d.h. zum großen eurasischen Kontinent, während die USA die Seemacht repräsentieren, ebenso wie die anderen „maritimen Demokratien“ (Großbritannien, Australien, Kanada). Das atlantische Bündnis ist eine geopolitische Fehlentwicklung. Die Zukunft Europas liegt im Osten.

 

Alain de Benoist
Der populistische Moment
Die Recht-Links-Spaltung ist überholt
407 Seiten, HC
JF Edition, 2021
Alain de Benoist
Gegen den Liberalismus
Die Gesellschaft ist kein Markt
412 Seiten, HC
Jungeuropa, 2021
www.revue-elements.com
www.revue-elements.com

„Der Konflikt Rußland-Ukraine ist ein Stellvertreterkrieg zwischen Washington und dem Kreml“

Und wie wäre dann der gewaltsame Konflikt Rußlands mit der Ukraine geopolitisch einzuordnen?

Es sind eigentlich zwei verschiedene Kriege, die derzeit stattfinden. Der erste ist ein Bruderkrieg, da er zwischen zwei Ländern ausgetragen wird, die demselben historischen Kontext entstammen und seit Jahrhunderten miteinander verbunden sind, aber es handelt sich nicht um einen Bürgerkrieg. Es ist auch kein Krieg zwischen zwei Nationalismen, dem russischen und dem ukrainischen, sondern vielmehr ein Krieg zwischen der Logik des Nationalstaats und der des Imperiums (das in Rußland nie eine ethnische Dimension hatte). Hinzu kommt: Es ist auch ein Proxy war, ein Stellvertreterkrieg Washingtons gegen den Kreml über die Ukraine. Dies enthüllt im gleichen Atemzug die tiefere Natur des zweiten Kriegs, welcher der Krieg der USA gegen Rußland ist. Ein Krieg, der weit über die Ukraine hinausgeht, denn es ist ein Krieg der Welten: ein Krieg für oder gegen die liberale Hegemonie, ein Krieg der „Kulturstaaten“ gegen den ortlosen Universalismus, der Völker, die auf ihre historische Kontinuität bedacht sind, gegen die „offenen Gesellschaften“, der Kräfte der Verwurzelung gegen die Kräfte der Auflösung, der Kontinentalmächte gegen die Seemächte. Ein Krieg mit globaler Bedeutung, letztlich ein Krieg um die Weltherrschaft.

Selbst traditionell neutrale Staaten wie Finnland und Schweden suchen jetzt Zuflucht im westlichen Militärbündnis. Glauben Sie, daß Putin derartige Folgen einkalkuliert hatte, und mit welchen Konsequenzen für die europäisch-russischen Beziehungen rechnen Sie?

Durch die Aufgabe ihrer traditionellen Neutralität werden Schweden und Finnland ihre Sicherheit nicht stärken, sondern sie im Gegenteil gefährden und darüber hinaus ihre Unabhängigkeit verlieren. In diesem Zusammenhang muß daran erinnert werden, daß Artikel 5 der NATO-Charta keineswegs eine automatische Garantie oder Verpflichtung der Organisation zur militärischen Unterstützung aller ihrer Mitgliedstaaten darstellt. Es wäre zum Beispiel töricht, zu glauben, daß die USA sich militärisch engagieren würden, wenn es zu einem Konflikt zwischen Finnland und Rußland käme. Wenn aber Schweden und Finnland nach dem Vorbild Rumäniens und Polens die Aufstellung von NATO-Raketenabschußbasen auf ihrem Territorium akzeptierten, würde das gesamte Sicherheitsgleichgewicht in Nordeuropa erschüttert und eine starke russische Reaktion unvermeidlich. Für kleine Staaten ist es im Gegenteil die Neutralität, die Schutz verleiht.

Worauf wollen die USA in diesem weltpolitischen Großkonflikt hinaus?

Das Ziel der Amerikaner ist klar. Da es nicht gelingt, Rußland zu vaporisieren, soll es auf die Strafbank der Nationen gesetzt, für alle Ewigkeit stigmatisiert und durch einen Cordon sanitaire, der es vom Rest der Welt isoliert, endgültig von Deutschland, Frankreich und Westeuropa abgeschnitten werden. In diesem Sinne besteht das Interesse der Amerikaner darin, daß der Krieg so lange wie möglich dauert. In Washington ist man bereit, bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen. 1956 haben die Aufständischen in Budapest keine derartige Unterstützung erhalten!
Man kann auch nicht sagen, daß „wir keinen Krieg gegen Rußland führen“, und gleichzeitig Sanktionen von beispiellosem Ausmaß gegen Rußland verhängen, öffentlich einen „totalen Wirtschafts- und Finanzkrieg gegen Rußland“ (Bruno Le Maire) propagieren und Waffen an die Ukrainer liefern. Die Europäer haben gehorsam akzeptiert, Sanktionen gegen Rußland zu verhängen, deren erste Opfer sie selbst sein werden, da diese ihren eigenen Interessen, insbesondere ihren Interessen im Energie- und Industriebereich, zuwiderlaufen (Rußland ist autarker als Europa). Indem sie schwere Waffen, Raketen, Panzer und Flugzeuge an die Ukraine lieferten, nicht um den Frieden wiederherzustellen, sondern um den Krieg in die Länge zu ziehen, gingen die westlichen Länder das gravierende Risiko ein, auch als Kriegspartei betrachtet zu werden.

Wir haben nun die Zeit nach dem Kalten Krieg hinter uns gelassen. Ein neuer Eiserner Vorhang wurde errichtet, diesmal auf Initiative des Westens. Der eurasische Kontinent ist wieder in zwei Hälften geteilt. Finnland und Schweden wollen der NATO beitreten, die Schweiz verläßt ihre Neutralität, Deutschland rüstet mit  100 Milliarden Euro auf, und die Europäische Union übernimmt die Rolle des Waffenlieferanten, während diejenigen, die gestern noch für die Abschaffung aller Grenzen eintraten, die Grenzen der Ukraine als unverletzlich bezeichnen. Dies ist ein historischer Wendepunkt. Die Folgen werden ebenfalls historisch sein.

Der ehemalige tschechische Präsident Václav Klaus brachte es auf den Punkt: Als Geisel der NATO war die Ukraine von Anfang an „nur eine Figur auf dem Schachbrett eines viel größeren Spiels“. Der erste Verlierer in dieser Angelegenheit ist in der Tat das unglückliche ukrainische Volk, das nun von den Russen bombardiert wird, nachdem es zynisch als Schachfigur auf dem strategischen Schachbrett der USA benutzt wurde. Die anderen großen Verlierer sind die Europäer, die durch ihre fast einstimmige Anpassung an die amerikanischen Positionen wieder einmal bewiesen haben, daß sie nichts zählen.

Welche realistischen Alternativen hätten wir denn als souveräner Kontinent im Sinne des vielzitierten „Europas der Vaterländer“ (De Gaulles)?

Ein unabhängiges, blockfreies Europa hätte auf eine politische Lösung des Konflikts, ein ausgehandeltes Abkommen und den Wiederaufbau eines neuen Raums kollektiver Sicherheit auf kontinentaler Ebene hinarbeiten können, der die Interessen der Europäer und der Russen gleichermaßen respektiert. Es hätte sich auch mit dem Äquivalent der Monroe-Doktrin ausstatten können. Doch genau das ist nicht geschehen. Die Europäische Union hat ihre Glaubwürdigkeit verloren, indem sie sich dem angelsächsischen Diktat anpaßte und Maßnahmen ergriff, die nur Öl ins Feuer gießen.
Dennoch wird es notwendig sein, diesen Krieg zu beenden und unsere Beziehungen zu Rußland zu normalisieren. Frieden schließt man mit Feinden, nicht mit den Freunden. Das Haupthindernis für den Frieden ist heute, daß die Amerikaner auf ihre übliche Taktik zurückgreifen: moralische Disqualifizierung, Schuldumkehr, Skandalisierung der öffentlichen Meinung durch emotionale Propaganda, Medienhetze und Kriminalisierung des Feindes (Putin als wahnsinniger Diktator, paranoider Kriegsverbrecher, neuer Hitler, blutrünstiger Schlächter usw.). Eine Taktik, die zur Folge hat, daß eine Rückkehr zum Frieden durch eine Verhandlungslösung des Konflikts unmöglich ist, da man mit einem „Verbrecher“ oder „Verrückten“ nicht verhandelt.

„Marine Le Pens Partei ist zur führenden Arbeiterpartei Frankreichs geworden“

Themenwechsel: Marine Le Pen erzielte bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich mit fast 42 Prozent mehr als nur einen Achtungserfolg. Wie ist ihr hoher Stimmenanteil zu erklären?

Das Ergebnis, das Marine Le Pen bei den letzten Präsidentschaftswahlen erzielt hat, ist in der Tat bemerkenswert. Binnen weniger als 15 Jahren stieg ihr Ergebnis von 19 auf 42 Prozent der Stimmen. Im ersten Wahlgang lag sie in 30 Departements und 22.000 Gemeinden an der Spitze, verbesserte ihr Endergebnis gegenüber 2017 um 2,7 Millionen Stimmen und stieg von sechs Millionen Stimmen im Jahr 2012 auf 13 Millionen Stimmen im Jahr 2022. Ohne die spaltende Kandidatur von Eric Zemmour hätte sie im ersten Wahlgang sicherlich die Nase vorn gehabt und vielleicht sogar den zweiten Wahlgang für sich entscheiden können.
Die Gründe für diesen scheinbar unwiderstehlichen Aufschwung sind vielfältig. Erstens hat Marine Le Pen einen hervorragenden Wahlkampf geführt, indem sie den Kontakt an der Basis, zahlreiche Reisen in Kleinstädte, das Besuchen von Märkten usw. gegenüber großen Versammlungen, die in den Medien Eindruck machen, aber immer nur Überzeugte zusammenbringen, bevorzugt hat.

Zweitens hat sie verstanden, daß der wichtigste politische und gesellschaftliche Gegensatz heute nicht mehr die alte Rechts-links-Spaltung ist, sondern ein Klassengegensatz. Die Revolte der „Gelbwesten“ hatte bereits die Bedeutung eines neuen Klassenkampfs offenbart, in dem sich das „periphere Frankreich“ und das Frankreich der großen, urbanisierten Zentren gegenüberstehen, die Masse der Franzosen mit geringem Einkommen, die sich von Politikern der Rechten wie der Linken ignoriert und „unsichtbar“ gemacht fühlen, und eine neue, vom Volk abgeschnittene Klasse, die von der Globalisierung profitiert und der die sozialen Pathologien aufgrund der unkontrollierten Masseneinwanderung gleichgültig sind. Die große aktuelle Spaltung ist „Frankreich von unten“ gegen „Frankreich von oben“ – der Volksblock gegen den Elitenblock. Wie der Soziologe Christophe Guilluy und der Politologe Jérôme Sainte-Marie deutlich gemacht haben, waren sozioökonomische Parameter noch nie so sehr zu berücksichtigen, um die Wählerschaft zu qualifizieren. Die Partei von Marine Le Pen ist zur führenden Arbeiterpartei Frankreichs geworden. Sie verbindet die Arbeiterklasse mit der unteren Schicht der Mittelklasse, die heute auf dem Weg zur Deklassierung, wenn nicht gar zum Verschwinden ist. Diese Wählerschaft ist zugleich homogen, von großer Stabilität und wird regelmäßig stärker, je mehr sich die Schwierigkeiten im Alltag der Menschen verschärfen. Die Dynamik ist also zweifellos auf ihrer Seite.

Aus diesem Grund hat Marine Le Pen während ihrer Kampagne nicht nur die Frage der Einwanderung, sondern auch die Frage der Kaufkraft in den Vordergrund gestellt. Sie tat dies nicht, um die soziale Frage über die nationale Frage zu stellen, sondern weil dieses Thema heute an erster Stelle der Sorgen der Franzosen steht, wie alle Umfragen bestätigen. Vor allem aber, weil sie verstanden hat, daß hinter der Kaufkraft weitaus grundlegendere Forderungen stehen, so wie bei den „Gelbwesten“ hinter dem anfänglichen Protest gegen eine Steuer auf Energieprodukte eine weitaus tiefere Wut schwelte. Wenn die Unterschicht von der Bedrohung ihrer Kaufkraft spricht, will sie damit auch zum Ausdruck bringen, daß sie die Art und Weise, wie sie ignoriert und verachtet wird, satt hat. In der Tat ist das, was die Unterschicht nicht mehr erträgt, die Klassenverachtung. In der Zemmour-Wählerschaft hingegen gibt es meiner Meinung nach nicht viele Menschen, die in ihrem Alltag schon einmal unter Klassenverachtung gelitten haben.

Stichwort „Gelbwesten“: Zuletzt war es um sie, zumindest was das deutsche Medienecho betrifft, etwas ruhiger geworden. Was repräsentieren sie, und könnten sie – oder verwandte Gruppen – nach wie vor eine wichtige Rolle spielen bei den zukünftigen Veränderungen der politischen Machtverhältnisse?

Die Revolte der „Gelbwesten“ war ein bemerkenswertes Ereignis, zunächst wegen der Dauer und der Radikalität der begleitenden Straßenproteste, aber auch wegen der Tatsache, daß diese Bewegung völlig außerhalb von Parteien und Gewerkschaften entstanden ist und sich entwickelt hat. Wie zu erwarten war, flachte die Bewegung schließlich nach und nach ab, doch rückblickend kann man sie als eine Art Generalprobe betrachten. Da dieselben Ursachen dieselben Wirkungen hervorrufen, werden die Verschlechterung des sozialen Klimas, die Zunahme der Unsicherheit, der Rückgang der Kaufkraft, die anhaltende Einwanderung, die Verschlechterung der öffentlichen Dienstleistungen und nicht zuletzt die Inflation und die Energiekrise infolge der unklugen Annahme der antirussischen Sanktionen zwangsläufig Folgen haben. Es gibt allen Grund zu der Annahme, daß wir in den kommenden Monaten und Jahren soziale Revolten von sehr großem Ausmaß erleben werden.

Es gibt bemerkenswerte Stimmen aus der jüdischen Community in Ihrem Land. Zu nennen wäre hier der Philosoph Alain Finkielkraut, der in seiner jüngsten Buchveröffentlichung „Ich schweige nicht“ hervorhebt, daß er nicht an eine postnationale Demokratie glaube und auch mit dem vielzitierten „Verfassungspatriotismus“ à la Jürgen Habermas nichts anfangen könne, und dazu schreibt: „Das ist Unsinn! Ich glaube an das Recht der Nationen, an historische Kontinuität, die Wichtigkeit einer gemeinsamen Sprache, Geschichte und Kultur“. Dem könnten Sie doch zustimmen, oder?

Ich mag sehr, was Alain Finkielkraut schreibt, und ich stimme den von Ihnen zitierten Aussagen von ihm uneingeschränkt zu. Er ist ein berühmter Intellektueller und Mitglied der Académie française, wird aber dennoch regelmäßig von den Vertretern der herrschenden Ideologie angegriffen, was nicht verwunderlich ist. Er gehört zu jenen Intellektuellen, die sich in den letzten Jahren deutlich in die gleiche Richtung bewegt haben, wie Michel Onfray, Jacques Julliard, Pierre Manent, Régis Debray, Marcel Gauchet und viele andere.
In ihrer Gesamtheit betrachtet, hat sich die jüdische Gemeinde in Frankreich aufgrund des seit einigen Jahren immer stärker werdenden islamischen Antisemitismus selbst stark gewandelt. In den Vorstädten, in denen Menschen mit Migrationshintergrund mittlerweile die Mehrheit bilden, ist es für Juden fast unmöglich geworden, weiterhin dort zu leben. Die meisten ziehen um und schicken ihre Kinder in andere Schulen. In der ersten Runde der letzten Präsidentschaftswahlen erhielt Eric Zemmour, der selbst ein Berberjude ist, mehr als 50 % der Stimmen der jüdischen Gemeinde Frankreichs!

Sie erwähnten gerade das überraschende Auftauchen des Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour (Stimmenanteil ca. sieben Prozent), der in Interviews z.B. äußert: „Die Franzosen werden enteignet. Man nimmt ihnen ihre Heimat weg. Sie sind bereits heute in vielen Gegenden Fremde im eigenen Land“. Oder: „Die Eliten verachten die Franzosen, das Volk“, auch: „Ausländische Konzerne kaufen unsere Industrien“.[1] Wie klingt das in Ihren Ohren?

Auch diese Äußerungen sind natürlich aufschlußreich, aber Zemmour ist nicht der einzige, der sie macht. Ich kenne Eric Zemmour sehr gut, habe ihn mehrmals getroffen und unterhalte freundschaftliche Beziehungen zu ihm. Er ist ein gebildeter und mutiger Mann, aber in erster Linie ist er eine Medienfigur, mehr Literat als Politiker. Zemmour hat meiner Meinung nach aber einen strategischen Fehler begangen, als er sich zum Fürsprecher der „Vereinigung der Rechten“ machte, ein kalter Kaffee, wovon ich seit über einem halben Jahrhundert höre, was aber aus dem einfachen Grund nie verwirklicht werden konnte, weil diese Rechten sich auf Ideen, Werte und Weltanschauungen beziehen, die nicht nur unterschiedlich, sondern oft sogar gegensätzlich sind. Dies gilt insbesondere für die konservative Rechte, für die der Mensch in erster Linie ein Erbe ist, und die liberale Rechte, für die der Mensch ein Wesen ist, das ständig sein bestes persönliches Interesse maximieren muß und seine Entscheidungen ohne Rücksicht auf seine Zugehörigkeit oder sein Erbe treffen soll (das ist das Ideal des Self-made man). Den Konservativen geht es um das Gemeinwohl, den Liberalen nur um die individuellen Freiheiten und Menschenrechte. Solange erstere darauf beharren, nicht zu erkennen, daß das kapitalistische System, d.h. die Logik des Profits und das Marktsystem, eine „absolute soziale Tatsache“ ist, die systematisch alles zerstört, was sie bewahren wollen, werden sie in der Sackgasse bleiben. Inhaltlich sind die Rechten untereinander zu konträr, und deshalb ist die sympathische Idee einer „Vereinigung der Rechten“ nur eine von vielen Mystifikationen – vor allem in einer Zeit, in der die Rechts-links-Spaltung verschwindet!

„Hauptanliegen der ‚Nouvelle École‘: Gegen alle Formen des Universalismus zu kämpfen“

Herr Benoist, Ihr Name steht seit Jahrzehnten für die Denkschule der „Nouvelle École“. Sie sind der Spiritus rector dieser französischen Intellektuellen, deren Einfluß über Frankreich hinauswirkt und auch in Deutschland wahrgenommen wird. Wie würden Sie, knapp und im Überblick, das zentrale Anliegen Ihrer Denkschule beschreiben?

Die Denkschule, der die Medien den Namen „Neue Rechte“ gegeben haben (einen Namen, den man nur schwer wieder loswird, den ich aber nie wirklich geschätzt habe), besteht nun seit mehr als 50 Jahren. In dieser Zeit hat sie hunderte von Konferenzen und Kolloquien organisiert, mehrere Zeitschriften und Magazine herausgegeben (die wichtigsten sind heute „éléments“, „Nouvelle École“ und „Krisis“), mehrere Verlage gegründet und tausende von Seiten mit theoretischen und kulturellen Texten veröffentlicht. Man kann ein halbes Jahrhundert Arbeit nicht in wenigen Zeilen zusammenfassen! Ich möchte nur sagen, daß das Hauptanliegen dieser Denkschule darin bestand, gegen alle Formen des Universalismus zu kämpfen, die postulieren, daß die Menschen überall gleich und damit irgendwie austauschbar seien. In der herrschenden Ideologie nimmt dieser Universalismus die Form der zwingenden Maßgeblichkeit des Eigeninteresses, der Apologie der Marktgesellschaft, der Entrückung der natürlichen Welt durch das, was Heidegger als „Ge-stell“ bezeichnete, des Primats des Ökonomischen über das Politische, des Ideals der Ununterscheidbarkeit und der Vermischung an. Der Hauptfeind ist in meinen Augen der liberale Kapitalismus, den man zu Unrecht nur als Wirtschaftssystem betrachtet, da er auf einer ganz besonderen anthropologischen Grundlage beruht.
Ein weiteres Anliegen war es, ein überzeugendes Konzept neu zu begründen, das dem historischen Moment, in dem wir leben, angemessen ist. Die meisten alten Konzepte waren mit einer Welt verbunden, die heute untergegangen ist. Wir befinden uns im Zeitalter der Biotechnologie, der künstlichen Intelligenz und der Gefahr, daß die Menschheit zur Maschine wird. In dieser Perspektive ist eine Bezugnahme auf überragende Leitfiguren erforderlich: Oswald Spengler, Carl Schmitt, Arnold Gehlen und Werner Sombart natürlich, aber auch George Orwell, Hannah Arendt, Martin Buber, Walter Benjamin, Christopher Lasch, Louis Dumont, Jean Baudrillard, Jean-Claude Michéa, Pasolini und viele andere.

Herr Benoist, vielen Dank für dieses Gespräch.


[1] Eric Zemmour im Interview mit Roger Köppel: „Unsere Zivilisation ist in akuter Gefahr“; in: Die Weltwoche 48/2021.

 
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