![]() |
Die Kultur der Erinnerung ist die politische Basis jedes Staates in der Welt. Bei der Erinnerungskultur in der BRD denken wir in erster Linie an ein seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorgeschriebenes Kollektivgedächtnis des deutschen Volkes. Die psychologischen Wurzeln dieser Erinnerungskultur und ihre Bedeutung für die Deutschen sowie für andere Völker in Europa sind weitreichend. Warum spielt diese Erinnerungs- bzw. Vergessenskultur eine so starke Rolle in der BRD, aber im geringeren Maß auch im ganzen Westen, als ob der Zeitverlauf der Weltgeschichte seinen Anfangspunkt im Jahre 1945 hätte haben sollen?
Von Dr. Tomislav Sunic
Das Kollektivgedächtnis ist die Grundlage jeder Identitätsbildung, abgesehen von unserer Abneigung oder Zuneigung gegenüber heutigen Meinungsmachern oder Politikern, jedem Zeitgeist als solchem. Es ist notwendig, zuerst ein paar Begriffe zu klären und ein paar Namen aus europäischer Mythologie und Geschichte herauszustellen, um dieses Thema in einen größeren historischen und philosophischen Zusammenhang stellen. Unausweichlich sollte man einige Dichter und Denker erwähnen, die hilfsbereit sein können.
Mnemosyne ist die Göttin der Erinnerung, als Tochter des Uranos und der Gaia gehört sie aber eigentlich zum Geschlecht der Titanen und ist auch die Mutter der neun Musen, der Schutzgöttinnen der Künste, deren Vater Zeus ist. Die Mnemosyne ist weiters ein Fluß in der Unterwelt, dessen Wasser Erinnerung, ja sogar Allwissenheit herbeiführt. Ohne Mnemosyne gäbe es das menschliche Leben nicht, keine Sprache und keine Kultur, die uns von den Tieren unterscheiden.
Im Gegensatz zur Erinnerungsgöttin Mnemosyne wird die Göttin Lethe als Fluß der Erinnerungslosigkeit dargestellt; das heißt, sie ist der Strom des Vergessens, der in der Unterwelt fließt. Wer von diesem Strom trinkt, vergißt sein ehemaliges Leben, seine Sorgen, seinen Weltschmerz, und erhofft sich fortan ein relativ sorgloses Leben in der Unterwelt oder ein neues Leben auf der Erde.[i] Diese zwei Göttinnen, diese Titaniden, werden oft von europäischen Dichtern heraufbeschworen, aber auch von uns täglich implizit bedacht, wenn wir so manches vergangene Geschehen, auch politischer Prägung, aus unserem Gedächtnis verdrängen und statt dessen schöne Erinnerungen an vergangene Glücksmomente wiederbeleben wollen.
Es muß aber beachtet werden, daß es Unterschiede zwischen individuellen und kollektiven Erinnerungen gibt. Kollektiverinnerungen, die heute meistens in Gedenktagen oder anderen „Events“ Ausdruck finden, sind immer politisch gefärbt. Zum Beispiel waren die zahllosen kollektiven Gedenktage an die Opfer des Faschismus oder Kolonialismus in Ländern des ehemaligen kommunistischen Ostblocks tagespolitische Spektakel vergänglicher Natur. Meistens gerieten sie schon tags darauf in kollektive Vergessenheit oder erfuhren allgemeines Desinteresse. Anschließend mokierten sich die Bürger der ehemaligen DDR oder Jugoslawiens in ihrem privaten Umfeld über diese kommunistischen Spektakel und deren Veranstalter. Man sollte sich an die monumentalen Gedenkveranstaltungen in der ehemaligen DDR oder im ehemaligen Jugoslawien erinnern, welche zu Ehren der gefallenen sowjetischen Soldaten oder kommunistischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg abgehalten wurden. Selbstverständlich war das öffentliche Gedenken an die Opfer des Kommunismus nicht erlaubt, diese wurden der Vergessenheit überantwortet. In der offiziellen Erinnerungskultur konnte es überhaupt keine Opfer des Kommunismus geben, da die Begriffe „Opfer“ und „Erinnerung“ nur für auserwählte kommunistische Helden vorgesehen waren. Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 sowie nach dem Zerfall Jugoslawiens 1991 kam es zu einer bezeichnenden Änderung. Die kommunistische Symbolik ist heute in diesen Gedenkveranstaltungen verdrängt und durch neue Redewendungen ersetzt worden. Ihr antifaschistischer Inhalt hat sich jedoch wenig geändert. Die ehemaligen kommunistischen Selbstdarsteller konnten sich an den liberalen Zeitgeist anpassen. Übrigens stellen die Tage der kollektiven Gedenkveranstaltungen an die Opfer des Faschismus und insbesondere der Holocaustopfer die Grundlagen der Selbstrechtfertigung aller Staaten in Europa und Amerika dar.
Unser privates Gedenken hingegen, besonders wenn es uns Bilder von fröhlichen Begegnungen oder glücklichen Momenten aus unserer Vergangenheit oder alten Zeiten hervorruft, fungiert oft als Wunschtraum, wobei wir nostalgisch versuchen, diese vergangenen Bilder in die Gegenwart oder in die nahe Zukunft zu projizieren, um diese möglicherweise nochmals zu durchleben. Jeder Wunschtraum ist die logische Folge von verzerrten Erinnerungen. Man muß hier die Worte von Hölderlin in seinem Gedicht „Mnemosyne“ zitieren, wo er seine Sehnsucht nach der Wiedergeburt der mythischen Zeiten ausdrückt:
Gesetze der Erd. Und immer / Ins Ungebundne gehet eine Sehnsucht. Vieles aber ist / Zu behalten. Und not die Treue. / Vorwärts aber und rückwärts wollen wir / Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie / Auf schwankem Kahne der See.[i]
Jeder erinnert sich zudem in eigener Weise. Meine Erinnerungen an vergangene Begegnungen mit verschiedenen Personen sind ganz anders gestaltet als die Erinnerungen, die diese Menschen an dieselben Ereignisse haben.
Auch phantasielose Leute hegen Bedürfnisse nach imaginären Erinnerungen, die oft an Wunschträume grenzen und zur Realitätsverweigerung neigen. Der Kontrast zwischen Realität und Wunschtraum spielt eine besondere Rolle in individuellen Erinnerungen und grenzt oft an Selbsttäuschung. Bei politischen Weltanschauungen spielen Wunschträume eine besondere Rolle. Viele von uns kennen Gleichgesinnte, die scharfsinnige Kritiker des heutigen Systems sind, deren alternative Wunschträume über die Zukunft Europas aber auf oft utopischen Vorstellungen beruhen. Wenn man über solche Wunschträume nachdenkt, sollte man sich kurz an die Symbolik in der Novelle „Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke“ des amerikanischen Schriftstellers Ambrose Bierce erinnern.[ii] Die Hauptfigur, ein gefangener Südstaaten-Lokalpolitiker inmitten des amerikanischen Bürgerkrieges, wird zum Tode verurteilt.
Im letzten Moment gelingen ihm mittels eines Doppelgängers die Flucht und die Heimkehr zu seiner Familie. Doch dabei hat sich nur um einen Wunschtraum gehandelt, in Wirklichkeit hängt er bereits am Galgen. Das Nachgrübeln über kurze Glücksmomente in unserer eigenen Vergangenheit nimmt viel mehr Zeit in Anspruch, als es das Durchleben dieser Glücksmomente selbst getan hat. Das Resultat ist eine Zeitausdehnung, wie sie in der erwähnten Novelle eine Rolle spielt (die ganze lange Geschichte seiner geglückten Flucht hat sich die Hauptfigur der Geschichte in dem Sekundenbruchteil vor Eintritt des Todes ausgedacht). Auch Ernst Jünger hat diese Zeitausdehnung sehr anschaulich geschildert. Andererseits versuchen wir, negative Erinnerungen an unsere Vergangenheit oder frühere politische Auffassungen dem Vergessen zu überantworten. Insgesamt läßt sich also sagen, daß unsere Erinnerung an unsere Vergangenheit mit der Realität wenig zu tun hat.
Kollektive Erinnerungen, die von einer Regierung oder einem Machthaber aufgezwungen sind, können leicht eine Massenpsychose auslösen, wie wir sie heute mit staatsverordneten COVID-Vorschriften erleben. Dabei muß man auch auf die zahlreichen Gedenkveranstaltungen in der EU und den USA zugunsten der verschiedenen nichteuropäischen Migranten und ihrer kolonialen Geschichte hinweisen. BRD-Politiker posieren dann als Repräsentanten eines selbsterdachten Tätervolks, das seine Erinnerungsrituale an die Opfer des Faschismus in aller Ewigkeit vor der Weltöffentlichkeit verrichten soll. Dieser deutsche überspitzte Anbiederungszwang an Fremde ist sehr alt und hat seine Wurzeln im Selbsthaß, der tief in die jahrhundertelange, staatenlose Geschichte des deutschen Volkes hineinreicht. Erwin Stransky, ein deutschfreundlicher Neurologe jüdischer Abstammung, hat kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs – also lange Zeit vor der alliierten Charakterwäsche und liberal-kommunistischen Umerziehung nach dem Zweiten Weltkrieg – bemerkt, wie die Deutschen sich gern am „fremdtümelnden Weltbürgertum“ ergötzen, und „daß es nirgends leichter als in Deutschland gelingt, die Geister durch geschickt lancierte scheinwissenschaftlich oder scheinrechtlich begründete Schlagworte zu ködern und zu verwirren“[iii]. Im geringeren Maße ist dieses Minderwertigkeitsgefühl, das mit Selbsthaß verkoppelt ist, der immer auf entstellten Erinnerungen basiert, die neue Identität aller westeuropäischen Völker geworden.
![]() |
Wie steht es mit der Kultur des Vergessens? Kollektivvergessen wird von europäischen und amerikanischen Politikern und Medien oft ermuntert, besonders in bezug auf die Opfer des Kommunismus oder des anglo-amerikanischen Bombenterrors. Diese sind seit langem lediglich zu Fußnoten in westlichen Medien geworden. Grotesker noch ist der individuelle Drang nach dem Vergessen seitens vieler Intellektueller und Politiker in der BRD-US-EU in bezug auf Unzeitgemäßheit ihrer ehemaligen politischen Weltanschauungen, deren Fahnenträger sie noch vor kurzem waren. Das ist besonders der Fall bei ehemaligen marxistischen Intellektuellen nach dem Zerfall ihrer Illusionen. Die Mehrheit dieser Leute hat sich heute komplett der kapitalistischen Freimarktideologie zugewandt. Schlaf ist ein gutes Mittel zum Selbstvergessen und hilft vor allem beim Kampf gegen schlechte Erinnerungen. Shakespeares Protagonisten sprechen gern vom Schlaf als Erlösungsmittel, wobei ein guter Schlaf dem politischen Gefangenen mehr Glück bringt als schlaflose, erinnerungsvolle Nächte einem Tyrannen. Der lebensmüde Hamlet, der von seiner königlichen Familie stets betrogen und belogen wurde, sprich demzufolge zu sich selbst:
Schlafen! Vielleicht auch träumen! – Ja, da liegt’s: / Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, / Wenn wir den Drang des Ird’schen abgeschüttelt, / Das zwingt uns stillzustehn. Das ist die Rücksicht, / Die Elend lässt zu hohen Jahren kommen.[i]
Der Machthaber König Heinrich IV. in einem anderen Drama von Shakespeare formuliert noch besser bezüglich der Notwendigkeit des Schlafs:
Wie viele der ärmsten Unterthanen sind / Um diese Stund’ im Schlaf! – O Schlaf! O holder Schlaf! / Du Pfleger der Natur, wie schreckt’ ich dich, / Daß du nicht mehr zudrücken willst die Augen / Und meine Sinne tauchen in Vergessen? [ii]
Neben Schlaf gibt es andere Methoden, das Vergessen zu erlangen, um sich seiner schlechten Erinnerungen entledigen zu können oder sie mindestens vorübergehend unter Kontrolle zu bringen. Ein uraltes Mittel ist Alkohol, oder besser noch das Rauschgift Opium, welches den Zeitfluß verlangsamt und peinliche Erinnerungen im Zaum hält. Ernst Jünger, der nicht nur der beste Beobachter unserer Endzeiten war, sondern auch ein großer Kenner zahlreicher Rauschmittel, beschäftigte sich viel mit der Einnahme von LSD, um besser die liberal-kommunistischen Zeitmauern zu umschiffen. Dazu war Jünger gut befreundet mit dem Entdecker des LSD, Dr. Albert Hoffmann. Beide sind mehr als hundertjährig geworden. „Acid is great!“, würden die Jünger-Süchtigen sagen.
Unter dem Einfluß narkotischer Mittel dagegen verlangsamt sich die Zeit. Der Strom fließt ruhiger; die Ufer treten zurück. Die Zeit wird uferlos; sie wird zum Meer.[iii]
Man soll jedoch mit Rauschabenteuern vorsichtig sein, da es immer das Risiko gibt, sein Schicksal wegzudenken. Dieser Gefahr war Homers Odysseus mit seinen Matrosen bei der Rückfahrt in die Heimat ausgesetzt. Eines Tages landeten sie nach langer Irrfahrt im Rauschland der Lotophagen, die Lotosgift aßen und sich damit die Möglichkeit verschafften, ihre Erinnerungen und Sorgen loszuwerden. Odysseus hatte viel Mühe, seine berauschten, erinnerungslosen Kameraden wieder an Bord zu holen.[iv] Tatsächlich sind jene mythische Lotophagen, denen Odysseus begegnete, nur ein Abbild heutiger Bürger in der BRD, EU und den USA. Das System bringt heute keine Märtyrer mehr hervor, wie es der Fall im Kommunismus war; es kennt und benutzt elegantere Methoden zum Durchsetzen des allgemeinen Zwangsvergessens. Dabei ist daran zu erinnern, daß in Georgien, wo Stalin geboren wurde, gute Bedingungen zum Cannabisanbau herrschten. Stalin hätte mehr Erfolg gehabt, wenn er statt des Gulags in Sibirien Marihuanaplantagen in der Sowjetunion errichtet hätte.[v]
Später gelangte Odysseus zu der Zauberin Kirke, die seine Matrosen in Schweine verwandelte. Diese Geschöpfe, mit menschlichem Verstand ausgestattet, wollten sich gar nicht über ihr neues Schweineleben beklagen. Ganz im Gegenteil. Vergessen kann gut sein. In solchem Umfeld klingen Nietzsches berühmte Worte zeitgemäß: „Selig sind die Vergeßlichen, denn sie werden auch mit ihren Dummheiten ,fertig?“. Ähnlich dem homerischen Beispiel der Verschweinungen verwendet das heutige System zahlreiche Methoden, wie man Bürger durch Zwangsvergessen und selektive Zwangserinnerungen unter Kontrolle halten kann. Und das ist gar nichts Neues in der Geschichte. Die Damnatio memoriae oder Verdammung/Verfluchung war ein gängiger Prozeß im alten Rom gegenüber verhaßten und verstorbenen Politikern. Der gleiche Prozeß der Verfluchung der Erinnerung an zeitgenössische Andersdenkenden wütet in neuer Form weiter in der BRD, ganz Europa und Amerika. Was neu ist, ist die Selbstzensur der Mehrheit der Systempolitiker, aber auch der Mehrheit der Systemakademiker. Zensur war immer ein Teil des Dranges nach dem Kollektivvergessen, und es hat sie seit uralten Zeiten gegeben. Im Gegensatz dazu erfordert Selbstzensur Selbstverleugnung. Dieses Vorgehen, welches von Systemmeinungsmachern gestaltet wird, hat der Arzt und Dichter Gottfried Benn wie tausende europäische Denker durch und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erprobt.
Verlorenes Ich, zersprengt von Stratosphären, / Opfer des Ion ?: Gamma-Strahlen-Lamm ? / Teilchen und Feld ?: Unendlichkeitschimären / auf deinem grauen Stein von Notre-Dame.[vi]
![]() |
![]() |
![]() |
Es sei hier an den bekannten bundesdeutschen Philologen Prof. Harald Weinrich erinnert, der oft von den Systemmedien zitiert wird und ein gutes Buch über die Vergessens- und Erinnerungskultur in der europäischen Literatur verfaßt hat. Wie zahllose Systemakademiker muß er jedoch auch die geforderten Opfer am Altar der „Politischen Korrektheit“ bringen. Dies ist auffallend in seinem vielgelobten Buch „Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens“, Kapitel IX, wo er zur ständigen Erinnerung an Auschwitz aufruft: „Hier ist kein Vergessen mehr erlaubt. Hier gibt es auch keine Kunst des Vergessens, und es darf keine geben.“[i] Schließlich versteigt er sich zu geradezu tugendpolizeilichen Aussagen: „Ich kann daher nur aus vollem Herzen zustimmen, dass es gegenüber dem Völkermord, dem Genozid, ein absolutes Vergessensverbot gibt“[ii].
Solche Schuldbekenntnisse sind heute ein Teil der Volkskultur in der BRD. Kein Wort von Weinrich und anderen über das Zwangsvergessen hinsichtlich Millionen vertriebener Deutscher, Kroaten und Osteuropäer nach dem Siegeszug der Alliierten von 1945. Nietzsche definiert diesen hypermoralistischen Archetyp mit den Worten: „Dieser Mensch des schlechten Gewissens hat sich der religiösen Voraussetzung bemächtigt, um seine Selbstmarterung bis zu ihrer schauerlichsten Härte und Schärfe zu treiben“.[iii] Weinrich ist nur ein Beispiel der masochistischen BRD-EU-Politiker und -Akademiker, die sich erhoffen, daß sie durch ihre Selbstpeinigung und Selbstvergessenheit in besseren medialen Ruf gelangen können.
Einige Autoren haben über dieses entstellte Geschichtsbewußtsein mit seinen selektiven Erinnerungsvorgängen kritisch geschrieben. Je mehr man über die Notwendigkeit der Erinnerung an die Opfer des Faschismus redet, desto mehr geraten diese Zwangserinnerungen zum Gegenstand der Unglaubwürdigkeit und des Hohns. Im Gegensatz dazu überläßt man die millionenfachen Opfer des Kommunismus willkürlich dem Vergessen. Die Erinnerung an das Schicksal der vertriebenen und getöteten Deutschen wird allenfalls als antiquarisch-archivalische Historie betrieben, die die Holocausterinnerung keinesfalls überschatten darf.
Als Beispiel soll hier die Tragödie von Bleiburg angeführt werden: Zu Kriegsende gelangten 200.000 Mann kroatischer militärischer Einheiten gemeinsam mit mehr als 500.000 Zivilisten nach Kärnten, wo sie der britischen Armee die Waffen übergaben, welche sie – entgegen ihrem Versprechen – an die Titopartisanen auslieferte. Mehr als 100.000 von ihnen – nach anderen Darstellungen bis zu 300.000 – wurden ermordet. Die Erinnerung an diese kroatische Nachkriegskatastrophe wird unter der Bezeichnung „Tragödie von Bleiburg“ im heutigen Kroatien zumindest von nationalgesinnten Kreisen gepflegt, ist in der westlichen Kollektiverinnerung allerdings kaum bekannt. Im Vordergrund stehen antifaschistische und antikoloniale Erinnerungen, meist mit dem sprichwörtlich bösen Deutschen an zentraler Stelle. Antikommunistische Erinnerungen entsprechen dem Systemgedankengut hingegen nicht und werden vor allem von marginalisierten Gruppen, die oft noch politisch stigmatisiert und verleumdet werden, gepflegt.[iv]
Allerdings muß es Unterschiede nicht nur zwischen Lebenden, sondern auch zwischen Toten geben. Es stellt sich die Frage, ob das System der BRD-EU-USA überhaupt überleben kann ohne Erinnerungen an faschistische Schlangen, ohne ihre Hausdämonen Ante Paveli?, Francisco Franco, Vidkun Quisling usw. zu beschwören – und ohne den zeitlosen Weltdämon Adolf Hitler stets wiederzubeleben? Auch die heutige Erinnerungskultur an das Schicksal der Juden im Zweiten Weltkrieg ist seit langem zu einem religiösen Psychodrama mutiert, das weit über historisches Erinnern hinausläuft. Darüber hinaus bemühen sich alle nichteuropäischen Völker der Erde leidenschaftlich, ihre eigene Opferlehre als einzigartig hervorzuheben. Alain de Benoist schreibt daher:
Das Hauptwerkzeug jeder Opferüberbietung ist die „Pflicht zur Erinnerung“. Jede Erinnerung geschieht vor dem Hintergrund des Vergessens, denn man kann sich nur erinnern, indem man das auswählt, was nicht vergessen werden soll (eine solche Pflicht wäre bedeutungslos, wenn wir uns an alles erinnern müßten). Jede Erinnerung ist höchst selektiv. Einer der Höhepunkte der „Erinnerungspflicht“ ist die Unverjährbarkeit des „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ – ein Begriff, der völlig sinnlos ist. Wörtlich genommen, kann nur ein Außerirdischer ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen.[v]
Man muß sich hier wieder einmal an Nietzsches kritische Worte erinnern, wenn er über das Übermaß an monumentalen und antiquarischen Erinnerungen schreibt: „In fünffacher Hinsicht scheint mir die Übersättigung einer Zeit in Historie dem Leben feindlich und gefährlich zu sein“.[vi] Nietzsches Mahnung gilt weiterhin für alle europäischen Völker und ihre Viktimologie, sei sie antiquarischer oder monumentaler Natur. Bis zu welchem Grad sollen die Europäer und besonders die Deutschen ihre historischen Erinnerungen ausdehnen? Bis an die Sachsenschlacht, bis an die Millionen Toten im Dreißigjährigen Krieg oder bis an Millionen von getöteten Volksdeutschen und Osteuropäern nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges? Jedes Nachgrübeln über den Kampf verschiedener Erinnerungen wird heute zwecklos. Mit oder ohne ihre vergessenen und wiederbelebten Toten gleicht heute das ganze EU-BRD-US-System sowieso einem großen überalterten Multikulti-Antiquariat, wo falsche Zaubermeister über selektive Erinnerungen dozieren.
[i] H. Weinrich: Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens, München 1997, S. 230.
[ii] H. Weinrich in: Bayerischer Rundfunk, Sendung vom 14. April 1999.
[iii] F. Nietzsche: Zur Genealogie der Moral, Leipzig2020, S. 204.
[iv] Cf. T. Sunic: „Es leben meine Toten!“; in: Neue Ordnung I/2015.
[v] A. de Benoist: Les Démons du Bien, Paris 2013, S. 34 f.
[vi] F. Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, München 1922, S. 265.