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Der Deutsche Bauernkrieg

Ernste Bedrohung der herrschenden Ordnung

Der Deutsche Bauernkrieg von 1524/25 fand zwar zunächst nur in Form zahlreicher lokaler Aufstände von Bauern in der heutigen Schweiz, Österreich sowie im südlichen Deutschland statt, doch hat sich wegen der Verbreitung im deutschen Sprachraum und der zum größten Teil deckungsgleichen Zielsetzungen in der Geschichtsschreibung die Bezeichnung „Deutscher Bauernkrieg“ etabliert. Und wiewohl die Aufständischen selber nicht oder nur recht selten den Begriff „Bauernkrieg“ gebrauchten, bedienten sich bereits die Zeitgenossen dieses Begriffs. Seit dem 19. und 20. Jahrhundert hat er sich endgültig durchgesetzt.

Von Dr. Mario Kandil

Schon während des gesamten 15. Jahrhunderts hatte es soziale Erregungen gegeben, und diese waren auch in vereinzelten, oft überaus heftigen Zusammenrottungen zum Ausbruch gekommen. Insofern kam der Bauernkrieg 1524/25 nicht aus heiterem Himmel über die deutschen Länder. Er gehört in eine lange Reihe europäischer Erhebungen und Rebellionen, die vom späten Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit reicht. Trotz mancher Ähnlichkeit in den Zielen war die Motivation bei früheren Aufständen eine andere: Bei diesen Auflehnungen ging es hauptsächlich um das „gute, alte Recht“ (ein meistens bloß in mündlicher Form überliefertes Recht), das zu bewahren oder wiederherzustellen war.

Für den Großen Deutschen Bauernkrieg war jedoch einerseits das Beispiel der Eidgenossenschaft wichtig, mittels derer es einigen ländlichen Gemeinden geglückt war, jegliche adelige Oberherrschaft abzuschütteln. Doch die Schweizer hatten die Herrschaftsordnung nicht so grundsätzlich in Frage gestellt wie es viele Führer des Bauernkrieges tun sollten, es hatte sich um einen streng regional begrenzten Aufstand gehandelt, der auch deshalb erfolgreich sein konnte, weil es den meisten Repräsentanten der in Deutschland herrschenden Adelsschicht nur Recht sein konnte, daß die wichtigsten nach Italien führenden Alpenpässe nicht von einer einzigen mächtigen Familie kontrolliert würden. Andererseits hatte Luthers Reformation das Fundament der europäischen Herrschaftsordnung grundlegend in Frage gestellt. Doch auch Luther selbst wandte sich nach anfänglicher Unterstützung der Aufständischen entschieden wieder ganz ins Lager der Fürsten und ihrer Herrschaft.

Nachdem in der Schweiz bereits im Jahre 1489 die Bauern gegen die Städte Zürich und St. Gallen aufgestanden waren, revoltierten sie 1513/14 auch gegen Luzern, Bern und Solothurn. Und im Anschluß daran sollten auch andere süddeutsche Gebiete von vergleichbaren Erhebungen heimgesucht werden. In diesen Aufständen spielte der religiöse Aspekt fast immer eine nicht unbedeutende Rolle.
Es begann mit Hans Böheim, der 1476 als der „Pauker von Niklashausen“ (an der Tauber) die Buße predigte und die Befreiung von sozialen Fesseln forderte. Er hatte sich zunächst in altmodischer Weise das Eintreten für die heilige Jungfrau auf seine Fahnen geschrieben, was ihm in großer Zahl die Knechte und Mägde als Anhänger zuführte. Böheim verlieh seinen Predigten jedoch eine eigene Note, indem er ausführte, daß aller Zins, alle Pacht und aller Zehnt beseitigt werden und daß Wälder, Weiher und Weiden frei sein sollten. Aber als die Bewegung aus dem Ruder zu laufen drohte, ließ der Bischof von Würzburg das „Pfeiferhänsle“ (wie Böheim auch genannt wurde) verhaften und einsperren. Trotz des Zustroms tausender drohender Bauern nach Würzburg weigerte sich der von nackter Angst vor dem Umsturz getriebene Bischof, Böheim freizulassen. Statt dessen ließ er seine bischöfliche Reiterei die Bauerndemonstranten zersprengen und den „heiligen Jüngling“ Mitte Juli 1476 wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Einige Kampfgefährten dieses wichtigsten Vorläufers der deutschen Bauernrevolution des 16. Jahrhunderts wurden auf Befehl des Würzburger Bischofs hingerichtet.[i]

Die sozialen Aufstände auf deutschem Boden setzten sich jedoch bis in das 16. Jahrhundert hinein fort. Der Abt von Trittenheim berichtet in sehr ausführlicher Weise darüber, wie die Bauern als ihr Banner eine weiß-blaue Fahne angefertigt hätten, auf der auf einer Seite das Bild Jesu Christi zu sehen gewesen sei sowie der „Bundschuh“ (der Bauernschuh mit langen Riemen zum Festbinden). Auf der anderen Seite der Fahne habe man einen knienden Bauern und über ihm den Spruch „Nichts, denn die Gerechtigkeit Gottes“ sehen können. Im peinlichen Verhör bekannten die Bauern später, daß sie „frei sein wollten, wie die Schweizer“[ii]. Dazu gestanden sie: „Alle Landesobrigkeit und Herrschaft wollen wir abtun und austilgen.“[iii] Sie sagten, sie hätten zunächst die Stadt Bruchsal erobern wollen, da sich in ihr bereits die Hälfte der Bürger dem Bund der Bauern angeschlossen habe. Im Anschluß daran hätten sie gegen den Markgrafen von Baden ziehen wollen. Ihre Bewegung habe so lange existieren sollen, bis sich das ganze Land dem Bundschuh angeschlossen hätte.[iv]
Schon 1460 im Hegau (im südlichen Württemberg) und 1493 im Elsaß gründeten Bauern und Plebejer als Geheimbund den „Bundschuh“, der auch 1502 im Bistum Speyer, 1513 im Breisgau sowie 1517 am Oberrhein in Erscheinung trat. Seine Hauptziele bestanden hierin: Verjährung von Schulden nach einem gewissen Zeitraum („Jubeljahr“), Beseitigung der Zölle, Abschaffung der Ohrenbeichte, eigene Gerichte für jede einzelne Gemeinde. Der durch Verrat gescheiterte Versuch einer Einnahme von Freiburg im Breisgau im Herbst 1513 markiert die letzte größere Aktion des Bundschuhs.[v]

1514 erhoben sich in Württemberg unter dem Namen „Armer Konrad“ Bauernbünde gegen ihren Feudalherrn, Herzog Ulrich. Sie nannten sich so, weil der Adel sie mit dem Spottnamen (der soviel wie „armer Teufel“ bedeutete) belegte, und zeigten auf ihrer Kriegsfahne unter dem Namen „Der arme Conrad“ einen vor einem Kreuz liegenden Bauern. Im Gegensatz zum „Bundschuh“ stellte dieser Zusammenschluß keinen Geheimbund dar, da er dem einfachen Volk durchaus bekannt war. Nachdem Herzog Ulrich durch eine Finte Zeit gewonnen und einen für die Sache der Bauern nutzlosen Landtag abgehalten hatte, ließ er durch Truppen die alte Ordnung im Lande wiederherstellen. Für den „Armen Konrad“ bedeutete dies das Ende: Bereits Anfang August 1514 konnte Württembergs Herzog Ulrich seinen Verbündeten Baden, Pfalz, Straßburg und Würzburg den Abschluß der landesweiten Unruhen verkünden.[vi]
Es bedarf wohl keiner Beweise dafür, daß solche Bewegungen durch die religiöse Publizistik nur vertieft und gestärkt wurden. Auf ähnliche Art wie der reformatorische Theologe Johann Eberlin von Günzburg übte natürlich auch Martin Luther seine elementare Wirkung aus. So lasen und hörten die Menschen jener Zeit, wie „das größte Unglück deutscher Nation gewißlich der Zinskauf“[vii] sei, den „der Teufel erdacht“[viii] habe. Wie auch er, Luther, den „Fuggern und dergleichen Gesellschaft ein Zaum ins Maul legen möchte und daß [es] viel göttlicher wäre, Ackerwerk [zu] mehren und Kaufmannschaft [zu] mindern“[ix], von den geistlichen Herren ganz zu schweigen.


[i] Karl Brandi: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation, 5. Aufl., München 1979, S. 140.

[ii] Zit. n. ebd.

[iii] Zit. n. ebd.

[iv] Ebd.

[v] Großer Deutscher Bauernkrieg, URL: bauernkriege.de/grosserdeutscherbk.html

[vi] Vgl. dazu u.a. Mario Kandil: „Zum Tübinger Vertrag und zur Ausstellung ‚1514 Macht Gewalt Freiheit‘. Der Vertrag von Tübingen in Zeiten des Umbruchs“; in: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 2 (2014), S. 46–49.

[vii] Zit. n. Brandi a.a.O. (Anm. 1), S. 140.

[viii] Zit. n. ebd.

[ix] Zit. n. ebd.

Der Bundschuh, unter dessen Zeichen sich die aufständischen Bauern sammelten, galt als Symbol für die einfache Landbevölkerung schlechthin. Noch heute sieht man solche Bundschuhfahnen, etwa bei Aufmärschen der PEGIDA.
Thomas Müntzer (1489–1525) schloß sich als geweihter Priester der Reformation an, vertrat im Gegensatz zu Luther jedoch auch sozialrevolutionäre Bestrebungen und wurde 1525 einer der Führer des Bauernaufstandes. „Ein gottloser Mensch hat kein Recht zu leben“, verkündete er öffentlich.
Franz von Sickingen (1481–1523, hier ein Stich von Albrecht Dürer) war ein Freund von Götz von Berlichingen und gilt als Idol des niederen Adels seiner Zeit. Er bekämpfte die anwachsende Macht der Fürsten und wollte sowohl den Ritterstand als auch die Stellung des Kaisers stärken. Auch der Reformation wandte sich Sickingen zu, verursacht durch den verheerenden Zustand der katholischen Kirche im Reich. Am Bauernkrieg nahm er jedoch nicht teil.

Ursache der Bauernkriege

Während in der älteren Literatur die Auffassung vorherrscht, daß insbesondere die drückenden sozialen Verhältnisse und die allgemeine Entrechtung des Bauernstandes, verschärft durch kirchliche Mißbräuche wie den Ablaßhandel, die Ursache für den Bauernkrieg bildeten, hat die erst im 20. Jahrhundert etablierte wirtschafts- und sozialgeschichtliche Forschung differenziertere Ergebnisse erbracht, die in einem eigenen Beitrag dargestellt werden. Dieser Artikel konzentriert sich daher auf die ereignisgeschichtliche Darstellung der Abläufe.

Kämpfe in Schwaben

Weil die Welt jener Jahre voll war von weltlicher und geistlicher Rechtsunsicherheit und Gärung aller Art, bedurfte es nur eines kleinen Anstoßes, um auch das bäuerliche und das kleinbürgerliche Volk zu Zusammenrottung und Aufstand zu bewegen. Dies begann mit den „Schwärmern“ in Thüringen, wo Thomas Müntzer (ebenso wie Ulrich Zwingli in Zürich) bereits im Jahre 1523 die Bürger von Allstedt fanatisierte. Müntzer ließ sich von keinem etwas sagen, weder von Luther noch von den Mansfelder Grafen oder dem Kurfürsten von Sachsen.[i] So wie Martin Luther verfocht auch Thomas Müntzer in aller Öffentlichkeit die Auffassung, daß jeder Mensch auch ohne Vermittlung der Amtskirche seinen Weg zu Gott und damit sein Seelenheil finden könne. Auf diese Weise untergrub er – wie die anderen Reformatoren – den Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche und machte den Bauern eines ganz deutlich: Der geistliche Stand hatte sich mittlerweile von seinen eigenen Lehren entfernt und schien in weiten Teilen überflüssig geworden zu sein.

Indem Luther in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) die Ansicht vertrat, daß ein „Christenmensch [...] freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan sei“[ii], gab er den einfachen Menschen ein Mittel, die mit dem „Willen Gottes“ begründeten Ansprüche von Adel und Klerus in Frage zu stellen. Damit trug der Reformator ganz wesentlich zu dem Aufbegehren der bäuerlichen Bevölkerung bei, denn diese sah in ihrer Rebellion eine Sonderform der reformatorischen Empörung. Die rebellierenden Bauern wollten die Dynamik der Bewegung Luthers für ihre eigene Sache nutzen, und so trug der Wittenberger Mönch mit seinen Verkündigungen kräftig dazu bei, daß sich die Bauern mit so wilder, todesbereiter Entschlossenheit gegenüber ihren Herren, dem Reich und den Großen der Welt auf ihre angeborenen Rechte als freie „Christenmenschen“ beriefen.[iii] Später aber sollte Martin Luther seine Meinung drastisch ändern und sich in überaus gehässiger Weise gegen die aufständischen Bauern wenden.

Der aufwiegelnde Thomas Müntzer fuhr von Allstedt aus im Sommer 1524 nach Mühlhausen. Dort hatte Heinrich Pfeiffer, zuvor Zisterziensermönch in Reiffenstein, schon ein Jahr lang den Boden für eine Erhebung bereitet. In Mühlhausen bestritt Müntzer mit Vehemenz die Privilegien des Klerus und das Recht der Obrigkeit auf Zins und Renten. Als Folge dieser Agitation wurde der Rat der Stadt gestürzt und ein frühkommunistisches Gottesreich etabliert. Es ist von wesentlicher Bedeutung, daß die Aufstandsbewegung nun auch an anderen Orten, ja schon bald an allen Ecken und Enden losbrach. Einmal entfesselt, brach sich all der über Jahre hinweg aufgestaute Unmut und Haß der Bauern gegen ihre Unterdrücker mit geradezu elementarer Gewalt Bahn.[iv]
Die Bauern aus der Landgrafschaft Stühlingen (gelegen an den südöstlichen Ausläufern des Schwarzwalds, in Richtung Schaffhausen) verweigerten ihren Herren, den Grafen von Lupfen, wegen ungerechter, mutwilliger Bedrückungen die Leistungen und zogen unter Führung von Hans Müller von Bulgenbach am 24. August 1524 nach Waldshut. Dort gründeten sie zusammen mit den Bürgern eine evangelische Brüderschaft und schickten Boten ins Elsaß, an die Mosel, an den ganzen Oberrhein und nach Franken, um weitere Bauern für sich zu gewinnen. Die Forderungen der Stühlinger Bauern waren: Abschaffung der Feudalherrschaft, Zerstörung aller Schlösser und Klöster, Beseitigung aller Herren außer dem Kaiser. Als ihre Bundesfahne wählten sie das schwarz-weiß-rote Banner.[v]

Weil sich dieser Aufstand im gesamten badischen Oberland ausbreitete und die Truppen des Adels in Italien im Krieg gegen König Franz I. von Frankreich standen, wandte der bedrängte Adel als Hilfsmittel die Verzögerungstaktik an, die im Kampf gegen die unorganisierten Bauern bereits bei früheren Aufständen eine effektive Waffe gewesen war. Angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit der Bauern, die mit ca. 3500 Mann über doppelt so viele Kämpfer wie ihre Gegner verfügten, bot der Schwäbische Bund – dieser bestand aus dem Adel und den Reichsstädten Südwestdeutschlands ? einen Waffenstillstand an. Er versprach zudem eine Untersuchung der bäuerlichen Beschwerden durch das Landgericht von Stockach. Als dieses im Dezember 1524 bei seinem Zusammentritt nur aus Adeligen zusammengesetzt war, erhoben die Bauern Protest, und die Kämpfe brachen erneut aus.[vi]

Während des Winters 1524/25, in dem alle Kampfhandlungen ruhten und der Schwäbische Bund Truppen aufstellte, schlossen sich immer mehr Bauern im gesamten Gebiet zwischen Donau, Rhein und Lech den Aufständischen an. Im Februar 1525 bildeten sich insgesamt vier Bauernheere oder Bauernhaufen: der „Baltringer Haufen“, der „Seehaufen“, der „Unterallgäuer Haufen“ und der „Oberallgäuer Haufen“. Bei dem „Seehaufen“ mit zahlreichen kleinen Adeligen wollten einige das nachholen, was am Rhein der Reichsritter Franz von Sickingen gegen Fürsten, Herren und Kapitalien geplant hatte. Einige machten nur gezwungenermaßen mit, wenige wehrten sich gegen die wahrhaft revolutionäre Dynamik des Gruppenzwangs. Es war dies keine Bewegung der untertänig überreichten Petitionen (wie etwa in unserer angeblich so demokratischen Gegenwart mit ihren immer mehr zu Untertanen degradierten Bürgern), sondern ein Tumult roher Gewalt gegen die Herren, die ohne viel Federlesens gehetzt und erschlagen wurden.[vii]
Anfang März 1525 kam es zu einer allgemeinen Sammlung und Organisation der rebellischen Bauern. Dabei wirkten solche Bauernführer wie Ulrich Schmid, Geistliche wie Christoph Schappeler und Bürgerliche wie der Kürschner Sebastian Lotzer zusammen und beriefen für den 6. März einen Bauerntag nach Memmingen ein. In der freien Reichsstadt kamen 50 Delegierte aus den Reihen der vier oberschwäbischen Bauernhaufen zusammen, die auf Verhandlungen mit dem Schwäbischen Bund und nicht auf Krieg setzten. Tatsächlich brachten die Versammelten letztlich beachtliche Ergebnisse zustande.[viii]


[i] Brandi a.a.O. (Anm. 1), S. 141.

[ii] Zit. n. Lutherschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, URL: luther2017.de/martin-luther/texte-quellen/lutherschrift-von-der-freiheit-eines-christenmenschen/index.html

[iii] Diwald a.a.O. (Anm. 10), S. 614.

[iv] Brandi a.a.O. (Anm. 1), S. 141.

[v] Ebd., S. 141 f.

[vi] Diwald a.a.O. (Anm. 10), S. 614, 617.

[vii] Brandi a.a.O. (Anm. 1), S. 142; Diwald a.a.O. (Anm. 10), S. 614.

[viii] Brandi a.a.O. (Anm. 1), S. 142.

Götz von Berlichingen (1480–1562, hier ein Holzschnitt von Ernst von Dombrowski) war das zehnte Kind des Kilian von Berlichingen aus Jagsthausen. Schon 1504 verlor er bei einem Gefecht durch einen Kanonenschuß die rechte Hand, was ihn nicht davon abhielt, sich in zahllosen Fehden in eigener und fremder Sache zu engagieren. Ob er sich dem „Odenwälder Haufen“ im Bauernkrieg selbst als Anführer zur Verfügung stellte oder dazu gezwungen wurde und mehr oder minder ein Gefangener der Bauern war, ist umstritten. Jedenfalls versuchte er, die „Zwölf Artikel“ der Aufständischen entscheidend zu mildern, und erklärte nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes am Reichstag in Speyer 1526, er habe die ihm aufgezwungene Führung des „Odenwälder Haufens“ nur angenommen, um Schlimmeres zu verhindern. Das Reichskammergericht sprach ihn frei, und 1540 bat der Kaiser Karl V. um seine Hilfe im Kampf gegen die Türken, worauf Götz von Berlichingen binnen zweier Wochen 100 Ritter um sich versammelte und nach Wien zog.
Berühmt sind seine Armprothesen, von denen er zwei anfertigen ließ. Mit der zweiten, technisch ausgereifteren konnte er sogar schreiben und schießen sowie ein Schwert halten, nicht jedoch damit kämpfen.

Die „Zwölf Artikel“

Am 7. März 1525 gründete der Memminger Bauerntag eine nach dem Evangelium gebildete „Christliche Vereinigung“. Die Einzelheiten dazu stammten aus den Landfriedenssatzungen, die jedem Bürger bekannt waren, und der Beitritt war Pflicht. Das Vorbild für diesen auch als „Oberschwäbische Eidgenossenschaft“ bezeichneten Zusammenschluß stellte die Schweizer Eidgenossenschaft dar. Zur Erneuerung des geistlichen Rechts wurden sieben Prädikanten und sieben Doktoren (darunter waren Luther, Melanchthon und Zwingli) bestimmt, während die Vertreter der Bauern sich selber um die Umgestaltung des weltlichen Rechts kümmerten.[i]
So fand das berühmte Dokument der „Zwölf Artikel“ Eingang in die Historie. Sie gehören zu den Forderungen, die die Bauern im Deutschen Bauernkrieg gegen den Schwäbischen Bund erhoben, und werden als die erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in ganz Europa betrachtet. Diesem Schriftstück zufolge sollte jede Gemeinde selber ihren Pfarrer wählen und gegebenenfalls auch wieder absetzen dürfen (Art. 1). Die Besoldung der Pfarrer hatte aus dem großen Zehnten zu erfolgen (Art. 2). Die Leibeigenschaft sollte enden (Art. 3) und eine deutliche Verringerung der Frondienste stattfinden (Art. 6). Letzteres galt auch für die Pachtabgaben (Art. 8). Ebenso war die Erbschaftssteuer komplett abzuschaffen (Art. 11), da diese völlig gegen den Geist des Christentums verstoße. Jagd und Fischerei sollten frei sein (Art. 4), die Wälder von den Herrschaften der Gemeinde zurückgegeben werden (Art. 5). Grundsätzlich sollte auf alle Forderungen Verzicht geleistet werden, die nicht dem Wort Gottes gemäß seien (Art. 12).[ii] Am Ende hieß es: „Der Fried[e] Christi sei mit uns allen.“[iii]

Die „Zwölf Artikel“, die von den in Memmingen versammelten Bauernvertretern zusammen mit einer Bundesordnung am 20. März 1525 verabschiedet wurden, hatten einen überaus großen Erfolg. Sie verbreiteten sich in den nächsten zwei Monaten in einer für die damalige Zeit gewaltigen Auflage von rund 25.000 Stück in ganz Deutschland. In den „Zwölf Artikeln“ wurden erstmals die Forderungen der Bauern einheitlich formuliert und schriftlich fixiert. Der Obrigkeit gegenüber traten die Bauern zum ersten Mal einheitlich auf, was mit Blick auf die Vergangenheit ein großer Fortschritt war. Denn die bisherigen Erhebungen waren speziell an der Zersplitterung der Aufstände und an der mangelnden gegenseitigen Unterstützung gescheitert. Jetzt wurde der bäuerliche Elan von einer Entschlossenheit angetrieben, die in der deutschen Geschichte kaum eine Parallele hat. Die Bauern selber hegten nicht die geringsten Zweifel an ihrem bevorstehenden Sieg über die ihnen verhaßten Herren.[iv]

Fortsetzung des Kriegs in Schwaben

Was jedoch wurde mit alledem für die Sache der Bauern erreicht? Sie fanden keinen Anführer nach Art von Jan Žižka (um 1360–1424), dem Heerführer der böhmischen Hussiten, oder Oliver Cromwell (1599–1658), dem Oberkommandierenden des englischen Parlamentsheers und späteren Lordprotektor Englands. Auch erwies es sich letztlich als Nachteil, daß die Bauern auf Verhandlungen mit dem Schwäbischen Bund setzten, statt weitere Landstriche zu besetzen. Mit ihren zusammen rund 30.000 Mann starken vier Heerhaufen hätten die Bauern den Schwäbischen Bund in arge Bedrängnis bringen können. Denn dessen Feldhauptmann, der auch mit dem Beinamen „Bauernjörg“ versehene Georg Truchseß von Waldburg-Zeil (der von der Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger unterstützt wurde), stand Anfang 1525 gerade im Kampf gegen den „Hegauer Haufen“. Dessen Ziele waren weit radikaler als die der „Zwölf Artikel“, und darüber hinaus plante er die Einnahme von Stuttgart.[v]

Truchseß kannte den Charakter der Bauernheere ziemlich genau und vermochte es, mit den vier oberschwäbischen Haufen einen Waffenstillstand abzuschließen, der ihm einen wertvollen Zeitgewinn eintrug. Über die bäuerlichen Forderungen sollte am 2. April 1525 verhandelt werden, doch indessen führte Truchseß das Heer des Schwäbischen Bundes die Donau abwärts nach Leipheim. Dort gelang es ihm, am 4. April in einer ersten großen Feldschlacht den „Leipheimer Bauernhaufen“ zu zersprengen. Die Verluste der bündischen Truppen waren recht gering, wohingegen von den Bauern 1000 getötet wurden und 4000 in Gefangenschaft gerieten. Ihre Anführer wurden schon bald danach hingerichtet. Hiermit begann der militärische Untergang der Bauernrevolution, deren Heerhaufen den erfahrenen Söldnern des Bundesheers in Sachen Ausrüstung, Bewaffnung und Kavallerie nichts entgegenzusetzen vermochten.[vi] Nachdem Truchseß sich am 13. April vor dem militärisch recht wirkungsvollen „Seehaufen“ noch zurückgezogen hatte, traf er am Tag danach bei Wurzach auf den Haufen der Allgäuer. War er dort noch siegreich, endete am 15. April bei Gaisbeuren der Kampf unentschieden. Da die Bauern mit bedeutender Verstärkung durch Landsknechte aus Italien rechnen konnten, begann der listige Georg Truchseß Verhandlungen. In diesen konnte er die Bauern am 24. April zu Ravensburg zu einem Waffenstillstand veranlassen, dem zufolge sie sich mit dem bloßen Versprechen der Abhilfe zufriedengaben. Im Stolz auf den Schein eines halben Sieges, doch auch froh, so günstig davongekommen zu sein, gaben die Bauern des „Seehaufens“ und des „Allgäuer Haufens“ naiv und vertrauensselig ihre augenblickliche Macht aus den Händen. Einstweilen hielten sie Ruhe, um nach der Beendigung aller übrigen Kampfhandlungen im Spätjahr 1525 als die letzten in deutschen Landen doch noch zu Boden geworfen zu werden – ohne jeglichen Gewinn. Zuvor wurde am 12. Mai 1525 ein Bauernheer trotz zahlenmäßiger Übermacht in der Schlacht bei Böblingen durch Truchseß von Waldburg geschlagen. Matern Feuerbacher, der Anführer dieses Bauernhaufens, vermochte nach Süden zu entweichen, doch Jäcklein Rohrbach, ein anderer Bauernführer, fand auf schreckliche Weise den Tod (siehe unten).[vii]

In Oberschwaben wies die bäuerliche Aufstandsbewegung die größte Geschlossenheit auf und war in ihren Zielen und den gewählten Mitteln zu deren Erreichung am vorbildlichsten. Hier wurden in erster Linie die Interessen von Kleinbauern vertreten. Leider aber waren es auch Kleinbauern, die hier die Führung innehatten, und sie handelten nicht sehr wirkungsvoll. Doch vielleicht auch deshalb und weil bäuerliche Ausschreitungen größtenteils ausblieben, hielten sich die Reaktionen der Sieger später in Grenzen.[viii]

Einzig die „Weinsberger Bluttat“, die sich am 16. April 1525 (zu Ostern) ereignete, sprach da eine ganz andere, radikale Sprache. Hier ließ der Heißsporn Jäcklein Rohrbach den bei den Bauern in hohem Maß verhaßten Schwiegersohn des früheren Kaisers Maximilian I., den Grafen Ludwig von Helfenstein, Spießruten laufen, wobei dieser qualvoll starb. Die Bluttat prägte entscheidend das Bild vom mordenden und plündernden Bauern, und sie stellte einen der Hauptgründe dafür dar, daß sich in so großer Zahl Adelige gegen die Sache der Bauern stellten. Zur Strafe wurde die Stadt Weinsberg niedergebrannt und Jäcklein Rohrbach Mitte Mai 1525 bei Heilbronn bei lebendigem Leib verbrannt, nachdem er im Anschluß an die Schlacht bei Böblingen seinen siegreichen Feinden in die Hände gefallen war.[ix]


[i] Ebd., S. 142 f.
[ii] Ebd., S. 143 f.
[iii] Zit. n. ebd., S. 144.
[iv] Diwald a.a.O. (Anm. 10), S. 613 f., 617.
[v] Ebd., S. 617.
[vi] Ebd.
[vii] Brandi a.a.O. (Anm. 1), S. 145.
[viii] Ebd.
[ix] „16. April 1525: Die Weinsberger Bluttat“; in: SWR: Geschichte des Südwestens – der Zeitstrahl, URL: swr.de/geschichte-des-suedwestens/zeitstrahl/1525__die-weinsberger-bluttat/-/id=15448514/did=15728018/nid=15448514/ne0ufn/index.html
Florian Geyer (1490–1525) stammte aus einem fränkischen Adelsgeschlecht und stand unter anderem in den Diensten des Hochmeisters des Deutschen Ordens Albrecht von Brandenburg, den er auch zu einem Treffen mit Martin Luther in Wittenberg begleitete. 1525 stellte er sich den aufständischen Bauern freiwillig zur Verfügung und übernahm die Führung des „Schwarzen Haufens“. Als Unterhändler gelang es ihm u.a., die friedliche Übergabe Rothenburgs ob der Tauber zur erzielen. Einerseits wollte er entschieden die Macht der Fürsten einschränken und auf der Basis von Luthers Lehre die geistlichen und adeligen Vorrechte im Reich beseitigen, andererseits widersetzte er sich auch den die immer radikaleren Forderungen der Aufständischen.
Auch Anarchisten, Kommunisten und Sozialisten beriefen sich immer wieder auf den Bauernkrieg. Zwischen 1976 und 1987 schuf der Künstler Werner Tübke in Frankenhausen ein riesiges am Hieronymus Bosch erinnerndes Rundgemälde auf einer mehr als 1.700 m2 großen Leinwand, das der „frühbürgerlichen Revolution in Deutschland“ gewidmet ist. Das beeindruckende Werk dokumentiert ein von Gerd Lindner unter dem Titel „Vision und Wirklichkeit“ herausgegebenes Buch

Kampfhandlungen in Franken

In Franken stellten sich die Verhältnisse komplett anders als in Schwaben dar. Es gab zwar auch hier einen Bauernkrieg, doch parallel zu diesem fand eine kleinbürgerliche Revolution statt. Alles verlief hier wilder, vereinzelter und trotzdem zeitweilig auf die Spitze getrieben. Es gab unter den Aufrührern und Unzufriedenen einzelne Köpfe mit ziemlich hochfliegenden Vorhaben. Deshalb waren in Franken auch mehr Radikalität, Zorn und Zerstörung anzutreffen, und doch gab es andererseits auch deutlich weiterreichende Zielsetzungen und für eine kurze Zeit größere Erfolge als in Schwaben.[i]
Die Bauern in Franken hatten die „Zwölf Artikel“ von Memmingen übernommen. Es gelang auf Anhieb, eine Vielzahl von Herren wie etwa die Hohenlohe, Löwenstein und Wertheim auf diese Artikel zu verpflichten. Die fränkischen Bauern verfügten gleichfalls über eine „Christliche Vereinigung“, deren Feldordnung das Wort Gottes verkündet und zudem Blasphemie, Glücksspiel und Prostitution völlig beseitigt sehen wollte. Ihr Feldhauptmann sollte Gewalt über alle besitzen, jedoch ohne eine vorhergehende Befragung der beigeordneten Räte Briefe weder in Empfang nehmen noch absenden dürfen.[ii]

Die fränkischen Reichsstädte Heilbronn, Weißenburg am Sand und Rothenburg ob der Tauber wie auch die Bischofsstädte Bamberg und Würzburg erlebten radikale Regierungen, die sich mit den Bauern zusammenschlossen. Um Würzburg fand eine Art von Sammlung statt: Hier trafen sich auch Anführer wie der fränkische Adelige Florian Geyer und der Hauptmann Götz von Berlichingen, die beide sowohl aus Neigung als auch aus Notwendigkeit mitmachten. Außerdem fanden sich hier solche politischen Reformer größeren Zuschnitts wie etwa Wendel Hipler, ehemals kurpfälzischer Sekretär, oder Friedrich Weigand, zuvor im Kurfürstentum Mainz im Dienst stehend. In ihrem Kreis entstand entweder unmittelbar oder durch Überarbeitung das Gegenstück zur Reformation Kaiser Sigismunds, die angebliche Reformation Kaiser Friedrichs III. von 1442.[iii] Von noch größerer Bedeutung jedoch war die Ordnung oder „Reformation“, die Weigand an Hipler sandte, der als Kanzler des Bauernbunds in Heilbronn das große Bauernparlament leitete.[iv]

Wie die Bauern in Memmingen erstrebten die Anführer auch in Franken ein Volksparlament. Und in der Tat kam in Heilbronn etwas Derartiges zustande. In der Reichstadt wurde eine Kanzlei für die feste Organisation errichtet, die auf Hiplers Drängen der fränkische Bauernrat zusammen mit den schwäbischen, rheinischen und elsässischen Bauern formiert hatte. Hipler wurde als einer der drei fränkischen Delegierten zur Gründung des Bauernparlaments im Mai 1525 nach Heilbronn geschickt. Dort, wo Hipler als Bauernkanzler präsidierte, standen auf der Tagesordnung folgende Zielsetzungen: Volksvertretung, Opposition, Vereinheitlichung von Münzen, Maßen und Gewichten, Abschaffung der Binnenzölle.[v]

Nach dem Tod Kurfürst Friedrichs des Weisen von Sachsen (5. Mai 1525), der voll Ehrfurcht als „Vater aller Evangelischen“ bezeichnet wurde, wandten sich die mit Florian Geyers „Taubertaler Haufen“ zum „Lichten hellen Haufen“ vereinigten Bauern aus dem Neckartal und dem Odenwald unter der Führung des Götz von Berlichingen gegen den Bischof von Würzburg sowie gegen die Kurfürsten von Mainz und von der Pfalz. Die annähernd 12.000 Kämpfer nahmen am 15. Mai gegen erbitterten Widerstand Würzburg ein, wobei sich mit ihnen die stärkste Kraft der Bauernbewegung nutzlos verbrauchte. Unterdessen sammelten die Fürsten ihre Landsknechte und schützten ihre Burgen und Schlösser. Nach einem Moment des Innehaltens organisierten sie mit aller Entschlossenheit den Widerstand gegen die für sie schon gefährlich angeschwollene Aufstandsbewegung der Bauern.[vi]

Bereits gegen den Reichsritter Franz von Sickingen, das Idol des bedrängten niederen Adels, hatte sich das Zusammenwirken von Kurtrier, Kurpfalz und Hessen bewährt, und auch jetzt erfochten die Pfälzer wieder Erfolge – dieses Mal war es am Mittelrhein und in Hessen. Am 2. Juni wurden die Odenwälder, am 4. Juni die Rothenburger Bauernhaufen besiegt. Am 7. Juni öffnete Würzburg, wo sich an die 5000 Bauern befanden, auf Geheiß des Rates Georg Truchseß von Waldburg und seinen Truppen die Stadttore. So konnte der „Bauernjörg“ ohne Gegenwehr in die Stadt einmarschieren, den letzten fränkischen Bauernhaufen entwaffnen und sämtliche Anführer gefangen nehmen. Schon im Mai hatte Truchseß ja die württembergischen Bauern vernichtend geschlagen, ebenso der Herzog von Lothringen die Bauern des Elsaß in Gefechten bei Lupstein und in der Gegend von Zabern (Mitte Mai 1525). Zuletzt unterlag von den Bauernaufgeboten der „Allgäuer Haufen“ dem „Bauernjörg“, und so hatte der Bauernkrieg in Schwaben und Franken ein für die Rebellen schlimmes Ende gefunden.[vii]


[i] Brandi a.a.O. (Anm. 1), S. 145.
[ii] Ebd., S. 146.
[iii] Die in ihrer Echtheit oft angezweifelte „Reformatio Friderici“ verkörperte nicht – wie der Titel vermuten läßt –eine Reform der Reichsverfassung, sondern enthielt Bestimmungen zur Bekämpfung von Fehden.
[iv] Brandi a.a.O. (Anm. 1), S. 146.
[v] Vgl. dazu ebd., S. 147 f.
[vi] Ebd., S. 148.
[vii] Ebd.
Wohin die revolutionären Bewegungen des 16. Jahrhunderts führen konnten, zeigt exemplarisch das „Wiedertäuferreich“ in Münster. Die wenigen verbliebenen Katholiken, aber auch die Lutheraner, die sich dem Regime der Täufer verweigerten, mußten fliehen, ihr Besitz wurde enteignet, die Unterschichten der Stadt machten reiche Beute. Schließlich übernahm Jan Bockelson, ein Bordellbesitzer aus Leiden, die Macht in der Stadt, in der er sowohl eine frühkommunistische Gütergemeinschaft als auch die Vielweiberei einführte. Er selbst „heiratete“ 16 Frauen, von denen er eine jedoch bald hinrichten ließ, da sie es gewagt hatte, ihn zu kritisieren. Die Täufer verlangten, wie die „Welt“ am 9. Juni 2021 berichtete, „daß die Weiber der Willkür jeden Mannes, der ihre Liebe verlangte, bei der Strafe der Hinrichtung zur Verfügung stehen sollten“ – und damit waren auch 11- und 12jährige Kinder gemeint. Männer, die dagegen zu protestieren wagten, bezahlten dies mit ihrem Leben.
Am 24. Juni 1535 wird die belagerte, ausgehungerte Stadt von ihren Gegnern gestürmt, die meisten Wiedertäufer verlieren ihr Leben. Jan Bockelson und zwei weitere Anführer werden nach ihrer Hinrichtung in drei eisernen Käfigen am Turm der Kirche St. Lamberti zur Schau gestellt, die sich dort noch heute befinden (Bild).
Immer wieder beriefen sich die aufständischen Bauern auf die Lehre Martin Luthers, der sich jedoch mit seiner Schrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ entschieden auf die Seite der Fürsten stellte.

Bauernkrieg in Thüringen und den Alpenländern

In Thüringen und den Alpenländern verliefen die kriegerischen Auseinandersetzungen ähnlich wie die zuvor geschilderten, allerdings in bescheideneren Dimensionen. In Thüringen hatte sich der radikale Thomas Müntzer an dem Kampf der Bauern beteiligt, zu denen er bei den ersten Aufständen von Schwaben aus gestoßen war. In der freien Reichsstadt Mühlhausen hatte er seine Befehlszentrale errichtet.

Landgraf Philipp von Hessen hatte sich nach Sachsen begeben, um zusammen mit Kurfürst Johann, dem Nachfolger Friedrichs des Weisen, und den Herzögen Georg von Sachsen und Heinrich von Wolfenbüttel den brandgefährlichen Müntzer unschädlich zu machen. Am 15. Mai 1525 wurden bei Frankenhausen (beim Kyffhäuser) in einer der bedeutungsvollsten Schlachten des Bauernkriegs in Deutschland die von Thomas Müntzer angeführten aufständischen Bauern durch ein Heer im Dienst der Fürsten vernichtend geschlagen. 6000 Bauern fanden den Tod, kaum 1000 konnten fliehen, und 600 gerieten in Gefangenschaft. Unter ihnen befand sich auch Müntzer, der „Held mit dem Schwerte Gideons“. Er wurde gefoltert und am 27. Mai 1525 in Mühlhausen enthauptet. Die Stadt Mühlhausen verlor ihre Reichsfreiheit und wurde den sächsischen Ländern untergeordnet.[1]

Auch die Bauernaufstände in den österreichischen Alpenländern, im Bistum Salzburg, in der Steiermark, in Oberösterreich, Kärnten und Krain blieben letztlich ohne Erfolg. Zwar schafften es die Aufständischen teilweise, der Obrigkeit Verträge abzutrotzen, jedoch hielten die Herrscher diese nie sehr lange ein. Deshalb konnte im Juni 1525 so gut wie überall der Deutsche Bauernkrieg als beendet angesehen werden. Bis zum September jenes Jahres waren dann auch sämtliche Strafaktionen gegen die aufständischen Bauern zu einem Abschluß gebracht worden. Kaiser Karl V. und ebenso Papst Clemens VII. sprachen dem Schwäbischen Bund für sein Eingreifen ihren Dank aus.[2] Aus seiner einzigen wirklich großen Erhebung war für den deutschen Bauernstand keine Besserung entsprungen, sondern nur eine fast allgemeine Verschlimmerung. Zeitgenossen prägten für die Bauern das Bild, „sie sind den Karrenstricken entschlüpft, aber dafür mit Ketten vor den Wagen gespannt“[3].

Luther und die Erhebung der Bauern

Und wie stellte sich Martin Luther zu den Ereignissen? Noch in seiner „Ermahnung zum Frieden auf die Zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben“[4] hatte der Reformator das „hochmütige“ Verhalten der Fürsten getadelt. Aber bereits in dieser Schrift hatte er den Rebellen eindringlich dargestellt, daß sie ihre Forderungen keineswegs mit den Worten des Evangeliums rechtfertigen könnten, wie sie dies taten. Nach der Weinsberger Bluttat vom 16. April 1525 schlug Luther sich allerdings vollständig und kompromißlos auf die Seite der Fürsten und verurteilte die Aufständischen in seinem vor Haß nur so schäumenden Pamphlet „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“[5] mit diesen überaus bekannten Worten: „Drum soll hie zuschmeißen, würgen und stechen heimlich und öffentlich, wer da kann, und gedenken, daß nichts giftiger, schädlicher, teuflischer sein kann, denn ein aufrührerischer Mensch, gleich als wenn man einen tollen Hund totschlagen muß“[6]. Diese Heftigkeit und Hemmungslosigkeit seiner Bauernschrift verübelten dem Reformator auch zahlreiche Lutheraner, doch wies er alle Einwände ebenso energisch wie selbstherrlich zurück.
Bei diesem verbalen Rundumschlag spielte auch Luthers Rivalität zu Müntzer eine wichtige Rolle, mit dem er auch nach dessen Tod weiter publizistisch abrechnete. Luther, der zu Beginn noch selber fleißig gegen die Obrigkeit gezündelt hatte, hatte mitten im Bauernkrieg die Fronten gewechselt und stärkte ihr jetzt den Rücken. Denn diese Obrigkeit (die fürstliche wie die städtische) brauchte der Glaubensstreiter zur Durchführung seiner Reformation. Wie sie hierbei vorging, das mußte sie Luther zufolge ganz allein entscheiden. Seiner Meinung nach aber stand dem „gemeinen Mann“, dem Volk, wie es sich in den aufbegehrenden Bauern resolut zu Wort gemeldet hatte, rein gar nichts zu. Auf die geschundenen Bauern, die doch zu denselben Christen gehörten wie Martin Luther, münzte dieser zur damaligen Zeit den Bibelspruch: „Dem Esel gehört Futter, Last und Geißel.“[7] Wo war hier die „Freiheit eines Christenmenschen“ geblieben?

Zwar nicht in der Heftigkeit der Sprache, doch in der Sache ähnlich wie Luther urteilte der viel ruhigere Philipp Melanchthon über die Erhebung der Bauern. Nicht anders machte es der humanistisch gesinnte Ulrich Zwingli. Und dennoch beurteilen zahlreiche Historiker vor allem Luthers Rolle im Bauernkrieg wegen dieser Schrift gegen die Rebellen überaus negativ. Immerhin brachte er mit seiner Haltung den Protestantismus dazu, sich gegenüber der Obrigkeit wie auch den in der Gesellschaft herrschenden Zuständen in Duldsamkeit und Unterwürfigkeit zu üben. Luther lieferte die theoretische Grundierung für die neuen, usurpierten Rechte, die die Obrigkeit mit ihrem blutigen Triumph über die rebellischen Bauern gewonnen hatte.

Schlußbetrachtung

Zwar hatte der Bauernkrieg mit der Bewegung der Täufer, die sich sowohl gegen den Klerus als auch gegen die Leibeigenschaft richtete und in den 1530er Jahren in Münster für eineinhalb Jahre sogar das „Täuferreich“ zu errichten vermochte, noch einen Ausläufer von ziemlicher Bedeutung.[8] Trotzdem war die Sache der Bauern auf lange Sicht unterlegen. Die Fürsten hielten in der Folgezeit ein strenges Strafgericht: Für „vogelfrei“ erklärt, wurden die Aufständischen, die überlebt hatten, in die Reichsacht getan und die gefangenen Anführer hingerichtet.

Der Deutsche Bauernkrieg ist dadurch gekennzeichnet, daß es zwar von Thüringen bis in die Pfalz und ins Elsaß, von Schwaben bis nach Westfalen von Ideen und Zusammenrottungen – lokalen wie gebietsübergreifenden –, von agrarischen und proletarischen Forderungen mannigfaltigster Natur geradezu wimmelte, dem Ganzen jedoch bei genauer Betrachtung fast überall ein klares, einheitliches, übergeordnetes Ziel fehlte. Zwar provozierte dieser furchtbare Ausbruch lange aufgestauten Zorns teilweise empörende Gewaltakte in Kirchen, Klöstern und Schlössern. Trotzdem haben alle diese Kräfte genau genommen nicht einmal eine Zerstörung von besonders starkem Ausmaß hervorgerufen.
Die Bauern waren letzten Endes wieder unter die Herrschaft ihrer geistlichen, adligen oder patrizischen Herren gezwungen worden. Kurzfristig verschlimmerte sich die Lage der Bauern, weil sie zumeist die von ihnen angerichteten Brandschatzungen bezahlen mußten. Die langfristige Entwicklung war allerdings noch schlimmer. Die Bauern und mit ihnen der kleine Adel und sogar die Institution des Kaisers hatten verloren, einer schrittweisen Ausdehnung der fürstlichen Herrschaftsrechte stand nichts mehr im Wege. Die Bauern wurden von ihren Herren zu immer höheren Leistungen und Abgaben gezwungen, bis sie im 18. Jahrhundert in vielen Gebieten des Deutschen Reiches fünf Tage pro Woche für diese arbeiten mußten – ein Vielfaches mehr als dies am Vorabend des Großen Deutschen Bauernkrieges der Fall gewesen war. Auch Klerus und Kleinadel hatten sich nur mit Hilfe der Truppen der größeren Fürsten behaupten können und so Ansehen verloren, während diese die eigentlichen Gewinner des Bauernkriegs waren: Der fürstliche Einfluß setzte sich zunehmend gegen oben (Kaiser) und unten (Kleinadel) durch und war auf längere Zeit hin gesichert.


[1] Ebd.; Diwald a.a.O. (Anm. 10), S. 618.

[2] Diwald a.a.O. (Anm. 10), S. 618.

[3] Zit. n. Brandi a.a.O. (Anm. 1), S. 149.

[4] Veröffentlicht am 19. April 1525.

[5] Veröffentlicht am 5. Mai 1525.

[6] Zit. n. Diwald a.a.O. (Anm. 10), S. 618.

[7] Zit. n. ebd., S. 620.

[8] Vgl. hierzu u.a. Ralf Klötzer: Die Täuferherrschaft von Münster. Stadtreformation und Welterneuerung, Münster 1992; Hubertus Lutterbach: Der Weg in das Täuferreich von Münster. Ein Ringen um die heilige Stadt, Münster 2006.

 
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