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Die Identität eines Menschen setzt sich aus verschiedenen Quellen zusammen, aus familiären und beruflichen, ganz wesentlich auch aus seinen Hobbys, Interessen und Überzeugungen. Der Jäger, der zu jeder Jahreszeit und bei jeder Witterung im Revier ist, der regelmäßige Besucher der Sonntagsmesse, der Aktivist, der keinen Maiaufmarsch und keine Aktion seiner politischen Ortsgruppe ausläßt, der Fußballfreund, der die Sonntage im Stadion verbringt, oder der Sammler alter Orden, der mit Spezialisten im ganzen deutschen Sprachraum und in der halben Welt korrespondiert, sie alle teilen mit einer ganz spezifischen Gruppe besondere Erlebnisse und Erfahrungen, die Außenstehenden weitgehend verborgen bleiben, die aber doch ihre Identität in entscheidender Weise prägen. Doch alle diese Bestandteile der Identität sind selbstgewählt.
Natürlich gibt es auch andere Quellen unserer Identität, die wir nicht oder nur in besonderen Ausnahmefällen selbst wählen können, etwa die der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, einem Staat oder einem Geschlecht. Dieser Artikel soll aber ausschließlich dem Heimatbegriff gewidmet sein. In verschiedenen deutschen Bundesländern ist die Erziehung der Jugend zur „Liebe zu Volk und Heimat“ immerhin sogar als Verfassungsziel festgeschrieben.1
Von Mag. Wolfgang Dvorak-Stocker
Das erste uns bekannte Beispiel ist mehr als 2000 Jahre alt und stammt vom Dichter Ovid, der aus seiner Heimatstadt Rom an die heutige rumänische Schwarzmeerküste verbannt wurde. Ovid war in keiner Weise in der Lage, die fraglos gegebene Schönheit seines Verbannungsortes auch nur ansatzweise zu würdigen, und klagte in zahlreichen Briefen an seine Freunde über sein Leben im „Elend“, was ja vom mittelhochdeutschen Wort für „Verbannung“ kommt. „Heimat“ war für Ovid eben ausschließlich „Rom“ und keineswegs irgendeine Provinz des Römischen Reiches.2
Wenn wir nun einen Zeitsprung um fast 1800 Jahre nach vorn machen, finden wir uns in der Schweiz wieder, wo der Begriff der „Heimweh-Verbrechen“ für wissenschaftliche Diskussionen sorgte. Viele Schweizer Bauern sandten ihre Töchter zum Dienst in die Städte, damit diese in bürgerlichen Haushalten bessere Umgangsformen und Kochkünste erlernten. Die Mädchen wurden nicht aus ihren heimatlichen Bergdörfern in die Fremde oder gar in andere Länder geschickt, sondern meist nur in wenige Tagesmärsche entfernte Schweizer Kleinstädte. Dennoch verzehrten sich diese Mädchen so sehr vor Heimweh nach ihren Bergdörfern, daß sie teilweise die ihnen anvertrauten Kinder töteten, im Irrglauben, durch die Beseitigung dieses Hindernisses wieder nach Hause zurückkehren zu können. Das hat im 19. Jahrhundert zu intensiven Diskussionen von Ärzten und Juristen geführt, ob diese unglücklichen Frauen im vollen Sinne schuldfähig waren, oder ob nicht ihr Heimweh als eine Art geistiger Erkrankung zu verstehen war, die ihre Schuldfähigkeit herabsetzte.3 Nicht umsonst verwenden wir auch heute noch den Begriff „krank vor Heimweh“.
„Heimat“ ist für den Menschen also ein konkreter Ort, und unter Heimweh litten jene, die sich, aus welchen Gründen auch immer, fern von ihm aufhalten mußten. Früher war dies vor allem eine Erfahrung von Auswanderern, wie das folgende Gedicht Peter Roseggers belegt:
Ein Freund ging nach Amerika
Und schrieb mir vor einigen Lenzen:
Schicke mir Rosen aus Steiermark,
Ich hab eine Braut zu bekränzen!
Und als vergangen war ein Jahr,
Da kam ein Brieflein gelaufen:
Schicke mir Wasser aus Steiermark,
Ich hab ein Kindlein zu taufen!
Und wieder ein Jahr, da wollte der Freund,
Ach, noch was anderes haben:
Schicke mir Erde aus Steiermark,
Muß Weib und Kind begraben!
Und so ersehnte der arme Mann
Auf fernsten, fremden Wegen
Für höchste Freud, für tiefstes Leid
Des Heimatlandes Segen!
Heute ist Heimweh in dieser Form durch die neuen Kommunikations- und Reisemöglichkeiten kaum mehr vorhanden. Auch wenn man fernab der Heimat lebt, kann man engen Kontakt zur Heimat halten. Man kann sie mehrfach jährlich besuchen, man kann zu den eigenen Freunden und den heimatlichen Gegebenheiten durch Facebook, Handtelefon und andere Möglichkeiten in enger Verbindung stehen.
Aber auch in unserer Zeit ist der Heimatbezug für viele Menschen sehr intensiv geblieben. Meine bosnische Putzfrau, deren Tochter in Graz Medizin studiert und die Graz sicher als ihre „Heimat“ betrachtet, nützt etwa jeden Urlaubstag dazu, zurück in ihre bosnische Heimat zu fahren. Man kann sich die Frage stellen, warum sie dies tut. Warum fährt sie nicht ans Meer, warum nicht in die Berge? Sie fährt immer und bei jeder Gelegenheit zurück „nach Hause“ in ihre „Heimat“.
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Eine klassische Definition des Heimatbegriffes stammt vom Baltendeutschen Max Hildebert Boehm (1891–1968), der dem Kreis von Arthur Moeller van den Bruck angehörte und im Dritten Reich Volkstheorie und Volkstumssoziologie in Jena lehrte. Er schrieb: „Heimat ist in Gefühl und Geist verwandelte Bodenständigkeit. Durch den Heimatssinn ist der Einzelne, die Familie, die Gruppe einem Stück Erde schicksalshaft verfallen und seelisch unter ihrer Gewalt. Dieses Bewußtsein der Gebundenheit kann an ein Haus, einen Hof, ein Landgut geknüpft sein und so gleichsam im Punkthaft-Räumlichen seine tiefsten und zähesten Wurzeln schlagen, aber auch und gerade die umgrenzte Umwelt ist Heimat. Das Dorf, die Landschaft, die Stadt, selbst die Großstadt vermittelt Heimatwerte. Heimat erleben wir bis zur Erschütterung im Duft einer Landschaft, im Geruch eines Hauses oder einer alten Kommode. Heimat lebt in Sitten und Festgebräuchen, in Kost und Getränk, in der Art ihrer Zubereitung und im Um und An ihres Genusses. Heimat klingt im Laut der mundartlich gefärbten und abgewandelten Sprache, sie haftet an Bauformen und Geräten, an Spiel, Licht und Tanz. ...“[i] Was Max Hildebert Boehm hier so bildhaft ins Wort faßt, können wir in vier Komponenten teilen, die gemeinsam Heimat ausmachen:
[i] Zit. n. Thor v. Waldstein: Der Zauber des Eigenen. Volk und Nation in der deutschen Geistesgeschichte, Berlin 2021, S. 223
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Heimat ist Geographie: Menschen schweben nicht schwerelos durch den Raum, sondern sind von bestimmten natürlichen Umweltbedingungen geprägt: Welche Durchschnittstemperaturen haben bestimmte Monate oder Jahreszeiten, welche Luftfeuchtigkeit, wie lang sind die Tage, und wie lange dauert die Abenddämmerung? Wir sind in Mitteleuropa an den Wechsel der Temperaturen zu den verschiedenen Jahreszeiten ebenso gewöhnt wie an verhältnismäßig lange Zeiten der Dämmerung, des Übergangs vom Tag zur Nacht und von der Nacht zum Morgen. In den Tropen bleiben die Temperaturen gleich, nur Luftfeuchtigkeit und Regenwahrscheinlichkeit wechseln, auch die Tage sind nicht länger oder kürzer, wie hierzulande, und die Abenddämmerung dauert nur Minuten, die Sonne fällt gleichermaßen hinter den Horizont. Wer von Sizilien nach Island zieht oder von Irland nach Schanghai, wird ohne Frage bestätigen, daß Geographie ein wesentlicher Heimatfaktor ist.
Heimat ist Kultur: Die enge Verbindung von materiellen Faktoren und menschlichen Emotionen, von natürlichen Umständen und menschengemachten Materialien prägen die Gestalt und den Charakter von Orten und beeinflussen die Erinnerung und die Gefühle der Menschen. Es macht einen Unterschied, ob man täglich unverputzte Backsteinbauten und Fachwerkhäuser sieht, wie in Norddeutschland, oder Gründerzeitfassaden, wie in Wien. Es macht einen Unterschied, ob wir in einer großen Stadt aufwachsen, in der wir unsere Wege und bestimmte Ecken haben, die uns Vertrautheit geben, oder in einem kleinen Dorf, wo wir jeden Bewohner, jedes Haus und jeden Weg gut kennen. Die in jeder deutschen Region ganz unterschiedliche Sprachfärbung prägt uns ebenso wie die Art, in der das Weihnachtsfest begangen wird und welche wiederkehrenden Feste, Jahrmärkte, Kirtage usw. es sonst im Jahreskreis gibt.
Wichtig ist, festzuhalten, daß der Begriff Heimat nicht an objektive Kriterien von Schönheit und Lebensqualität gebunden ist. Viele Menschen sind von der Provence oder der Toskana begeistert und beneiden die Einheimischen. Wir können aber auch an Orte kommen, die uns unattraktiv erscheinen und wo wir alle Menschen bedauern, die dort aufwachsen müssen. Ihr Heimatbezug muß aber um nichts geringer sein als der von Bewohnern objektiv „schönerer“ Orte, wenngleich sie wissen, daß ihre Heimat nur wenig oder gar keine Anziehungskraft auf Fremde auszuüben vermag. Dennoch sind sie dort „zu Hause“, sie sehen in diesen Orten vieles, was dem Besucher verborgen bleibt, bei ihnen aber Erfahrungen der Vertrautheit und Geborgenheit auslöst. Ernst Moritz Arndt schrieb daher: „Und seien es kahle Felsen und öde Inseln, und wohne Arbeit und Mühe dort mit dir, du musst das Land ewig liebhaben, denn du bist ein Mensch und du sollst nicht vergessen, sondern behalten in deinem Herzen.“[i]
Heimat ist Vertrautheit: Heimat bedeutet Entlastung des Individuums, weil das Leben in vertrauten Bahnen verläuft. Heimat bedeutet, sich nicht beständig erklären zu müssen, Heimat gibt Routine, die nicht jeden Tag aufs Neue befragt werden muß. Das faßt der bedeutendste lebende deutsche Philosoph Peter Sloterdijk in folgende Worte: „Kulturen sind immer und überall Arrangements der Verhältnisse von Manifestem und Latentem, von Gesagtem und Ungesagtem, von Explizitem und Implizitem.“[ii]
Rudyard Kipling, der in Indien aufgewachsen und erst als Erwachsener nach England übersiedelt ist, der Schöpfer von Romanen wie dem „Dschungelbuch“, hat sich diesem Element der Vertrautheit in seinem Gedicht „Der Fremde“ gewidmet:
Der Fremde innerhalb meines Zauns
Er mag ehrlich sein und freundlich,
Aber er spricht nicht so, wie ich spreche –
Ich kann seine Gedanken nicht fühlen.
Ich sehe das Gesicht und die Augen und den Mund,
Aber die Seele dahinter sehe ich nicht.
Die Menschen meiner eigenen Herkunft
Sie mögen Schlechtes oder Gutes tun,
Aber sie erzählen die Lügen, die ich gewöhnt bin,
Sie sind gewöhnt an meine Lügen
Und wir brauchen keine Übersetzer
Wenn wir ans Verhandeln gehen.
Der Fremde innerhalb meines Zauns
Er mag böse sein oder gut,
Aber ich kann nicht sagen, was ihn beherrscht –
Welche Gründe seine Laune bestimmen;
Wann die Götter seines weit entfernten Landes
Sich wieder seines Blutes bemächtigen.
Die Menschen meiner eigenen Herkunft
So bitter schlecht sie auch sein mögen,
'Aber, zumindest, sie hören, was ich höre,
Und sie sehen, was ich sehe
Und was ich auch von ihnen und ihresgleichen denke,
Denken sie von meinesgleichen.
Das war die Überzeugung meines Vaters
Und das ist auch die meine:
Laßt alles Korn eine einzige Garbe sein –
Und aus allen Trauben nur einen Wein,
Durch Mark und Bein gingen unseren Kindern
Das bittere Brot und der bittere Wein.
Leider ist dieses Gedicht nicht mehr auf deutsch im Internet zu finden, sondern nur auf englisch unter dem Titel „The Stranger“[iii].
[i] Zit. n. Waldstein: Zauber, S. 47
[ii] Peter Sloterdijk: Neue Zeilen und Tage. Notizen 2011–2013, Berlin 2018, S. 55.
[iii] Die Übersetzung des Gedichtes in die deutsche Sprache stammt aus Neue Ordnung I/2004, wobei ich leider nicht mehr recherchieren konnte, wer die Übersetzung besorgt hat. Die Originalfassung lautet: The Stranger within my gate, He may be true or kind, But he does not talk my talk– I cannot feel his mind. I see the face and the eyes and the mouth, But not the soul behind. The men of my own stock, They may do ill or well, But they tell the lies I am wanted to, They are used to the lies I tell; And we do not need interpreters When we go to buy or sell. The Stranger within my gates, He may be evil or good, But I cannot tell what powers control– What reasons sway his mood; Nor when the Gods of his far-off land Shall repossess his blood. The men of my own stock, Bitter bad they may be, But, at least, they hear the things I hear, And see the things I see; And whatever I think of them and their likes They think of the likes of me. This was my father’s belief And this is also mine: Let the corn be all one sheaf– And the grapes be all one vine, Ere our children’s teeth are set on edge By bitter bread and wine.
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Kipling wertet den „Fremden“ in seinem Gedicht in keiner Weise ab, er behauptet nicht, daß dieser in irgendeiner Weise „schlechter“ wäre als der Einheimische, aber er macht den Unterschied zwischen Fremdheit und Vertrautheit deutlich. Es wäre auch zu kurz gegriffen, anzunehmen, daß sich Kipling nur auf nationale Unterschiede bezieht. Schon wenn der Österreicher oder Süddeutsche nach Norddeutschland fährt, werden ihm die von Kipling beschriebenen Unterschiede auffallen. Kipling geht es in seinem Gedicht vor allem einmal um das, was wir „nonverbale Kommunikation“ nennen. Als Österreicher kann ich an vielerlei kleinen Zeichen erkennen, was mein österreichischer Gesprächspartner wirklich ausdrücken will, selbst wenn er zu höflich ist, dies klar auszusprechen. Norddeutsche sind in dieser Hinsicht viel direkter, und sie können mit der österreichischen Art der Kommunikation nur schlecht umgehen. Nochmals Peter Sloterdijk:
„Um auf die Wiederaufführung des Films Der dritte Mann von 1949 im Fernsehen zurückzukommen: Nie wurde der österreichische Nationalcharakter, falls es ihn gibt, verheerender enthüllt: Der Film beeindruckt auch noch nach 65 Jahren durch seine unerbittlichen Austriazismen: Die ubiquitäre Feigheit der Menschen, die giftige Unterwürfigkeit, das Denunziantentum, das Nie-etwas-gesehen-Haben, die chronische Schleimerei, das Hausmeistergewinsel und die allesdurchdringende Charakterlosigkeit, die in Lügnerei gebettet ist. […] Und nun, da wir 2012 schreiben, sag, was sich geändert hat! […] Es ist eine klassische verrücktmacherische Qualität der österreichischen Kommunikation, den Partnern zu signalisieren, nimm mich nicht zu ernst, alles ist nur ein Spaß, ein Schmäh, doch wehe dir, wenn du mich nicht ernst nimmst […]!“[i]
Was Kipling also mit den „Menschen meiner eigenen Herkunft“ meint, ist nicht einfach mit der Nation gleichzusetzen, sondern bezieht sich auf deutlich kleinere Einheiten, eigentlich auf das, was wir Heimat nennen. Darüber hinaus aber spricht Kipling in seinem Gedicht natürlich auch die Unterschiede zwischen Nationen und Kulturen an, das soll hier gar nicht in Abrede gestellt werden, ist aber nicht Thema dieses Artikels.
Der bedeutende deutsche Soziologe und konservative Revolutionär Hans Freyer (1887–1969) definiert: „Auch ein Volk, das unerwacht und von der hohen Geschichte nicht gekannt, wie Gras auf dem Felde lebt, hat seinen Eigenwuchs und seine Seelenart, hat ein Bewusstsein seines Werts und einen handfesten Stolz gegenüber anderen Gesichtern und Sitten. Seine Lieder singen von den Zeiten, als die Väter ins Land kamen. Seine Häuser mit den Zeichen des Himmels und der Haustiere geschmückt. […] Sein Geist ist durch den Duft der Erde, durch das Gefälle der Berge, durch den Wuchs der Landschaften mitgebildet. […] Aber durch Blut, Landschaft und Geist wird solch ein Volk nicht nur geeint, sondern auch gegliedert. Eine Hügelkette genügt, um drüben eine Abart des gleichen Wesens entstehen zu lassen als hüben. Ein Bach genügt als Scheide zwischen zwei Stämmen. Nicht nur die Geräte, sondern sogar die Götter, nicht nur die Sitten, sondern der Wuchs, der Sinn und der Witz vervielfältigen sich und entwickeln im anderen Bezirk einen anderen Schnitt und Schliff.“[ii]
Heimat ist nicht mit dem Vaterland, dem Staat oder der Nation gleichzusetzen, wie gerade von der politischen Linken häufig fälschlicherweise behauptet wird. Natürlich hat es im 19. Jahrhundert und insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bestrebungen gegeben, die starken Emotionen, die die Heimat in jedem Menschen wachruft, auf die Nation zu übertragen. „Das Gefühl der Heimatverbundenheit, der Bindung an Regionen und andere kleine Einheiten sollte […] durch das Gefühl der Verbundenheit mit der Nation ergänzt oder sogar überformt werden.“[iii]
Karlheinz Weißmann hat darauf hingewiesen, daß die emotionale Bindung an die Nation im Sinne des Nationalstaates im Unterschied zu der emotionalen Bindung an die Heimat nicht vorgegeben ist, sondern erst erlernt werden muß:
„Anders als die Liebe zur Familie ist die Vaterlandsliebe nicht auf eine überschaubare Gruppe bezogen, anders als für die Heimatliebe gibt es für den Nationalismus kein Territorium, das der einzelne in jedem Winkel kennt.“[iv] Nationalbewußtsein ist also ein geistiger, kein natürlicher Sachverhalt und in dieser Hinsicht dem heute propagierten Europapatriotismus vergleichbar, der auch starke Emotionen auf ein allgemeineres, weiter entferntes Gebilde richten soll.
Doch es ist wichtig, festzuhalten, daß der Begriff Heimat einen wesentlich kleineren Raum umgrenzt als der Begriff Nation oder Vaterland. Das Heimatland ist das Land, in dem die Heimat liegt, aber fast niemand empfindet ein ganzes Land als Heimat per se. Das mag in Transnistrien oder San Marino funktionieren, aber nicht in größeren Staaten. Nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach wird der Begriff Heimat zwar von fast allen Deutschen als positiv bewertet, aber nur 7 % der Befragten bezeichnen „Deutschland“ als ihre Heimat.[v]
[i] Sloterdijk: Neue Zeilen, S. 388.
[ii] Zit. n. Waldstein: Zauber, S. 179 f.
[iii] Susanne Scharnowski: Heimat. Geschichte eines Missverständnisses, Darmstadt 2019, S. 81.
[iv] Karlheinz Weißmann: Nation?, Bad Vilbel 2001, S. 27.
[v] Die Umfrage wurde im Auftrag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ durchgeführt und am 25. April 2018 veröffentlicht. In ihr bezeichneten 33 % ihren Wohnort als „Heimat“ und 22 % ihren Geburtsort, 17 % eine deutsche Region wie Eifel, Westfalen oder Niederbayern.
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Heimat ist Kindheit: Der große Philosoph Immanuel Kant hat sich dieser Frage zu Ende des 18. Jahrhunderts in seiner Anthropologie gewidmet. Er meint, daß das Heimweh dadurch kuriert werden könne, daß Auswanderer ihre Heimat wieder besuchen und erkennen, „sich in ihrer Erwartung sehr getäuscht und so auch geheilt finden; zwar in der Meinung, daß sich dort alles geändert habe, in der Tat aber, weil sie ihre Jugend dort nicht wieder hinbringen können […]“[i]. Seiner Auffassung nach streben wir in die Heimat zurück, weil wir hoffen, dort unsere Kindheit wiedererleben zu können. Kant hat nicht ganz unrecht, er hat aber trotzdem zu kurz gegriffen und nur einen Aspekt von Heimat behandelt. Das liegt vielleicht auch daran, daß er selbst seine Königsberger Heimat nie verlassen hat. Die Sehnsucht nach der eigenen Kindheit, die nie erfüllt werden kann, ist eine menschliche Konstante. Wir erinnern uns an eine Zeit, in der die Tage länger und die Sommer endlos waren, in der die Nächte erholsamen Schlaf brachten, das Wasser ohne Alkohol schmeckte und schon ein Atemzug klarer frischer Luft Genuß brachte.[ii]
Auch Menschen, die keine „ideale“ oder „schöne“ Kindheit erlebten, sehnen sich nach ihr zurück, umso mehr jene, die die Gnade hatten, dieselbe unbeschwert zu erleben. Zukunftssorgen und Ängste, die den Erwachsenen tagtäglich begleiten, sind Kindern konstitutionell fremd. Ob wir als Mensch nur dazu neigen, die eigene Kindheit in verklärtem Licht zu sehen, oder ob wir als Kinder selbst die Wirklichkeit in einem solchen idealeren Licht scheinen sahen, mag einer philosophischen Erörterung würdig sein. Für unsere Zwecke genügt es, festzuhalten, daß für die allermeisten Menschen glücklicherweise die eigene Kindheit zumindest in der Rückschau ein verzaubertes Traumland bildet, nach dem wir uns als Erwachsene immer sehnen, ohne es jemals wiedererringen zu können.
Josef Weinhebers Gedicht auf den „Kahlenberg“, also auf einen der am Rande von Wien befindlichen Hügel, der generationenlanges Ziel von Sonntagsausflügen war, legt davon Zeugnis ab:
Nicht weil du, glanzbewußt,
heute so vornehm tust:
Weil du ein Wiener bist,
Berg, sei gegrüßt!
Warst in der überlangen Zeit
Glück für die kleinen Leut,
seliger Sonntagsgang,
waldwiesenlang.
Hast unsre Jugendjahr gesehn,
Veilchen und Primeln stehn
– längst ist die Kindheit fort –
immer noch dort.
Schwärmerisch frühestes Gefühl
aufnahm dein Waldgewühl,
einsames Liebesleid,
du hast’s geweiht.
Hast uns die Stern’ in der Nacht
heimatlich nahgebracht,
heimatlich Turm und Dom,
blinkenden Strom.
Wunderbar säumende Sicht,
unten lag, Licht an Licht,
die uns geboren hat,
schimmernd die Stadt.
Oder wenn Sonnenschein
wiegte die Wege ein
und du standst ernst und schwer
weinhügelher;
talwärts ein winzig Haus,
Buschen zum Tor hinaus:[iii]
noch schaut im Traume der Sinn
so nach dir hin.
Warst uns, Geschlecht um Geschlecht,
wie du dich gabst, schon recht,
haben den feineren Herrn
auch wieder gern.
Weil du durch alle Not und Last
immer ein Lächeln hast,
weil du ein Wiener bist,
Berg, sei gegrüßt!
Heimat bedeutet also nicht nur Erinnerung an die eigene Jugend, sondern auch an das Leben der Generationen vor ihr.
Björn Clemens definiert: „Heimat ist die Kirche, in der schon die Eltern und Großeltern getraut wurden. Heimat ist der Baum, der seit 200 Jahren an derselben Stelle steht, der Berg, an dem seit jeher das Leben eben dieses Volkes sich vollzog.“[iv]
Diesen überindividuellen Bezug macht auch Hans Freyer deutlich: „Wenn das einzelne Blatt im Herbst oder Winter abfällt, so ist es ein entscheidendes Ereignis im Leben des Blattes, aber nicht des Baums. Wenn das einzelne Individuum aus der Gemeinschaft abgespalten wird oder sie willkürlich verlässt, […] ist es nun – wie unsere Sprache in der alten vollen Bedeutung des Wortes sagt – im Elend. Aber die Gemeinschaft schließt sich hinter dem Verlust, sie bleibt in ihrer Substanz unberührt. Und wie der Baum als derselbe dauert und sich nur eben durch den Rhythmus der Jahreszeiten hindurch bewegt, so wird das Wir der Gemeinschaft durch den Wechsel der Geschlechter zwar lebendig bewegt, aber nicht geschichtlich verwandelt. Das ist der erste Moment im Strukturgesetz der Gemeinschaft, dass sie als eignes Wesen im eignen Schicksalsraum lebt, sich beständig erneuert, aber sich als dieselbe erhält.“[v]
Weinhebers Gedicht zeigt uns dreierlei: die Erinnerung an die eigene Kindheit und Jugend, die erlernte Erinnerung an das Leben der Generationen vor uns und gleichzeitig den Naturbezug. Die unverändert bleibende Natur ist eine Art Ankerpunkt, der die Erfahrungen verschiedener Generation verbinden kann.
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Weinhebers Gedicht klärt uns aber noch über einen anderen Irrtum auf. Viele Kritiker des Heimatbegriffes behaupten, daß „Heimat“ ein ländlicher Begriff sei und „Stadt“ nie Heimat sein könne. Doch dies stimmt so nicht, viele Städte, und hier möchte ich nur Wien als Beispiel anführen, sind sehr wohl „Heimat“ geworden. Nicht nur das Gedicht Weinhebers legt davon Zeugnis ab, sondern auch Filme mit Schauspielern wie Hans Moser und Paul Hörbiger, Romane bis hin zu den berühmten Schöpfungen Heimito von Doderers, und letztlich auch Elemente der Alltagskultur, wie etwa der samstägliche Gang zum Heurigen, der für viele Wiener ein selbstverständlicher Bestandteil ihrer „Lebenskultur“ war.
Weinheber bezieht sich in seinem Gedicht allerdings vor allem auf die ländliche Landschaft, die schon im 19. Jahrhundert zum Sehnsuchtsort für die Stadtbevölkerung wurde. Erich Kästner hat in einem Gedicht geschrieben: „Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden – und tauscht bei ihnen seine Seele um.“[i] Mittlerweile belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien, daß städtische Grünflächen und insbesondere ein großer Baumbestand zahlreichen psychischen Erkrankungen wie Depressionen vorbeugen. Der Biologe Clemens G. Arvay hat in seinem Bestseller „Der Biophilia-Effekt. Heilung aus dem Wald“ darüber hinaus den positiven Einfluß von Bäumen auf das Immunsystem, für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und sogar auf die Krebstherapie nachgewiesen. Eine australische Studie verglich die Daten von 45.000 Stadtbewohnern und konnte dabei belegen, daß der allgemeine Gesundheitszustand der Menschen umso besser wird, je mehr Bäume sich in ihrer Umgebung befinden.[ii]
Das Großbürgertum der k. u. k. Monarchie konnte es sich leisten, wochenlang in die „Sommerfrische“ zu gehen und so das menschliche Bedürfnis nach Naturbezug zu erfüllen. Arbeiterschaft und Kleinbürgertum stand diese Möglichkeit nicht offen. So entstand schon zu Ende des 19. Jahrhunderts die Schrebergartenbewegung, die letztlich eine Schwundstufe des früheren Bauerngartens darstellte.[iii] Wie streng auch die Regeln in den einzelnen Kolonien sein mochten, sie ermöglichten dem einzelnen dennoch die Gestaltung eines eigenen kleinen Stücks Land, und genau dies, der aktive Naturbezug, das Pflanzen und Graben in der eigenen Erde, scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein.
Interessanterweise haben Propagandapostkarten im Ersten Weltkrieg nicht nur in Deutschland und Österreich, sondern auch in England und Amerika vorwiegend pflügende Bauern und idyllische Dorflandschaften als „Heimat“ bezeichnet, die es gegen den Feind zu verteidigen gelte, obwohl in diesen Ländern schon damals ein großer Teil der Bevölkerung in Städten lebte. Es gibt also eine urmenschliche Sehnsucht nach Natur und Ländlichkeit, weshalb früher auch Städter gern Bilder von röhrenden Hirschen und sonnigen Dörfern in ihre Wohnzimmer hängten. Doch die Frage nach dem Naturbezug der Menschen führt vom Thema weg. Für uns reicht es, festzuhalten, daß auch Stadt „Heimat“ sein kann, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllt. Dazu gehört natürlich, daß die Wohnverhältnisse so sein müssen, daß sie ein gewisses Maß an Entfaltung ermöglichen, dazu gehört ein Mindestmaß an Lebensqualität, etwa was die Reinheit der Luft oder der Straßen, den Verkehrslärm oder Erholungs- und Entspannungsräume für die Bewohner betrifft, dazu gehört aber auch die Erfüllung ästhetischer Grundbedürfnisse, die die Menschen haben, und ihrer Bedürfnisse nach Vertrautheit, Geborgenheit und Unterscheidbarkeit. Menschen neigen dazu, sich ein Revier zu schaffen, sie haben bestimmte Wege, die sie gehen und wo sie schon wissen, was sie sehen werden, noch bevor sie um die Ecke biegen. Sie mögen es, Orte zu besuchen, die ihnen vertraut sind und die sie schon kennen, ob dies Geschäfte, Kaffeehäuser oder Waldwege sind. Sie wollen, daß ihr Zuhause auch aus der Ferne einen vertrauten Anblick bietet, der nicht austauschbar ist. Das muß nicht das einsame Häuschen am See sein, das kann auch ein Wohnblock für viele Menschen sein, wenn der Blick aus dem Fenster erfreut und man schon auf dem Weg zum Wohnblock weiß, daß einen dort die Geborgenheit der eigenen vier Wände erwartet.
Natürlich erfüllen Städte diese Kriterien nicht für alle ihre Bewohner im gleichen Maße. Früher hatte dies in erster Linie materielle Gründe, nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch ideologische. Wir haben nun also festgestellt, daß Heimat von vier Kriterien bestimmt wird: Geographie, Kultur, Vertrautheit, Kindheitserinnerungen. Und wir haben auch zwei wesentliche Irrtümer entdeckt, die Kritiker des Heimatbegriffes immer wieder ins Treffen führen: Heimat und Nationalstaat können ebensowenig gleichgesetzt werden wie Heimat und Natur bzw. archaisches, dörfliches Leben. Es gibt einen dritten Einwand, der immer wieder gegen den Heimatbegriff vorgebracht wird, und das ist sein intensiver Gebrauch durch den Nationalsozialismus. Doch politische Propaganda zeichnet sich generell dadurch aus, „dass sie positiv besetzte Vorstellungen […] bewusst für ihre Zwecke einsetzt“[iv]. Susanne Scharnowski, auf deren Buch „Heimat. Geschichte eines Missverständnisses“ sich dieser Artikel in wesentlichen Teilen stützt, kritisiert daher die heutige Praxis, daß nicht der Mißbrauch angeprangert, sondern das Mißbrauchte selbst unter Verdacht gestellt wird! Dabei war der Nationalsozialismus abseits seiner Propaganda eine Bewegung der Moderne.
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„Wenn es im 19. Jahrhundert einen deutschen Sonderweg gibt, dann besteht er noch am ehesten darin, dass in Deutschland Fortschritt als technisch-industrielle Weiterentwicklung emphatischer begrüßt und gründlicher umgesetzt wurde als in anderen europäischen Ländern, wodurch der Bruch mit der Tradition radikaler, die Kluft zwischen der neuen, naturwissenschaftlich-technischen und der alten, geisteswissenschaftlich-literarischen Kultur tiefer und unüberwindlicher erschien als etwa in England.“[i] Aus englischer Sicht erklärt sich der Erfolg des Nationalsozialismus dadurch, daß die Deutschen im Gegensatz zu den Engländern nicht genügend in ihren ländlichen Traditionen und ihrem kulturellen Erbe verwurzelt wären. Der Nationalsozialismus erscheint als großer Modernisierer, als Vernichter von Heimat und Tradition![ii]
Dies wird schon in den Stadtplanungsideen des NS deutlich. Dabei darf freilich nicht vernachlässigt werden, daß im Dritten Reich die ersten Tierschutz- und Naturschutzgesetze erlassen wurden, was viele Tier- und Naturschützer für den NS einnahm. Der Autobahnbau sollte geradezu die Versöhnung von Technik und Landschaft versinnbildlichen: Die Autobahnen wurden nicht so konstruiert, daß sie einen möglichst direkten Weg vom Ausgangspunkt zum Endpunkt darstellten, sondern so, daß sich den auf ihnen Fahrenden die durchquerten Landschaften in möglichst idealer Form darboten. Langgestreckte Kurven, bewußte Streckenführung über Hügel und ähnliches sollten die aktive Aufnahme der vorbeiziehenden Landschaften ermöglichen. Trotzdem stand der Nationalsozialismus insgesamt für die industrielle Moderne. Als die Altstadt von Frankfurt durch den alliierten Bombenkrieg in Schutt und Asche sank, planten die nationalsozialistischen Machthaber nicht einmal den Wiederaufbau des Goethehauses. Nach dem Krieg wurde der sogenannte „Wiederaufbau“ von denselben Eliten betrieben, die schon im NS für die Städteplanung verantwortlich waren. Augenscheinlich wird dies an Hannover, dessen „Wiederaufbau“ ausgerechnet von Rudolf Hillebrecht geleitet wurde, einem früher engen Mitarbeiter von Albert Speer, der 1937 einen Architektenwettbewerb aufgrund einer persönlichen Entscheidung Adolf Hitlers gewonnen hatte – und zwar mit einem Plan, der für das Hamburger Elbufer eine 65 Meter breite Straße und einen 250 Meter hohen Wolkenkratzer vorsah.[iii] Hannover wurde daher auch vom „Spiegel“ 1959 als Musterbeispiel für eine moderne, autogerechte Stadt bejubelt, für deren Schnellstraßen auch kaum beschädigte Altbauten abgerissen wurden. „So folgte auf die Zerstörung von Heimat durch Industrialisierung, nationalsozialistische Raumplanung und Krieg mit der zukunftsorientierten Stadtplanung der Nachkriegszeit ein weiterer destruktiver Schub.“[iv]
Im Nachkriegsdeutschland herrschte eine Art „Unfähigkeit zu trauern“, wie der einer jüdischen Familie entstammende expressionistische Schriftsteller Alfred Döblin beobachtete, der als Offizier der französischen Militärregierung nach Deutschland zurückkehrte. Der ehrliche Kummer der Deutschen scheine zu sein, schrieb er, „daß sie nicht sofort zugreifen können, mangels Material, mangels Direktiven. Die Zerstörung wirkt auf sie nicht deprimierend, sondern als intensiver Reiz zur Arbeit. Ich bin überzeugt: Wenn sie die Mittel hätten, die ihnen fehlen, sie würden morgen jubeln, nur jubeln, daß man ihre alten, überalteten, schlecht angelegten Ortschaften niedergelegt hat und ihnen Gelegenheit gab, nun etwas Erstklassiges, ganz Zeitgemäßes hinzustellen“[v]. Nun konnten die Anhänger der Moderne statt der in Trümmer gesunkenen alten Städte endlich ihre idealen, modernen, autofreundlichen Orte in großem Maßstab verwirklichen. Heimat und Identität wollten die neuen, funktionalen Städte jedenfalls nicht bieten, denn die Verfechter der Moderne waren der Auffassung, daß die Menschen besser ohne solche Bindungen auskommen sollten. Doch das funktionierte nicht. Schon 1964 beklagte Wolf Jobst Siedler in seinem Buch „Die gemordete Stadt“ den Verlust von Erinnerung, Unverwechselbarkeit und emotionaler Qualität in den nach diesen Kriterien errichteten Städten und Neubausiedlungen. Und 1965 schrieb der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich in seinem Buch „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“: „Heimat verlangt Markierung der Identität eines Ortes.“[vi]
Obwohl Kritik dieser Art immer wieder erhoben wurde, hatte dies wenig Einfluß auf die Politik und die Stadtplaner. Erst in den letzten Jahren hat sich dies geändert, und wir können diese Entwicklung als ein positives Element im Hinblick auf die Heimatbildung werten.
Insgesamt waren die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg vom Trend zu einer fortschreitenden Individualisierung der Gesellschaften des Westens bestimmt, der die Gewichtung von Ich und Umwelt immer mehr verschob. Trotz der zahlreichen Heimatfilme und der oft kitschigen Heimatkunst der 1950er Jahre war diese Zeit von einer zunehmenden Durchsetzung der Paradigmen der Moderne geprägt. Und das hatte entscheidenden Einfluß auf den Heimatbegriff.
Grundlegend für den Heimatbezug ist das Menschenbild. Wie weit wird der Mensch von seiner Umwelt geprägt, wie weit bestimmt er sich selbst als autonomes Individuum? Je nach Antwort auf diese Frage wird man Heimat und die Bindung an sie als notwendig und wertvoll begreifen oder aber die Heimat vor allem als Behinderung, Beschränkung und Einengung verstehen, die der Emanzipation und Selbstverwirklichung im Weg steht, man wird sie als einen Ort sehen, dem man entkommen muß, als eine Bindung, von der es sich zu lösen gilt, ja als eine Idee, die bekämpft werden muß.[i]
„Kernbestand linken Denkens ist es, daß der Mensch als tabula rasa, als unbeschriebenes Blatt gesehen wird, der sich frei entfalten und hin zum Guten entwickeln kann, wobei ihm traditionelle Bindungen hinderlich sind. Daher wurde als erstes, noch vom Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts, die Religion und die mit ihr verbundene Fesselung des Menschen bekämpft. In der zweiten Phase folgte die Bekämpfung von Nation und Staat, die ihrerseits auch den einzelnen zu bestimmen versuchten und von ihm gemeinschaftsbezogenes Wohlverhalten einfordern. Nun haben wir die dritte und letzte Phase erreicht, es geht um die Bindung des Menschen an Familie und Geschlecht. Wenn das absolut selbstbestimmte Individuum Ziel aller Bemühungen ist, dann müssen auch diese Prägungen als schädlich entlarvt werden.“[ii] Rechtes Denken bestreitet die Möglichkeit dieser grenzenlosen Selbstbestimmung und hält daran fest, daß der einzelne durch von ihm nicht bestimmbare Faktoren wie Genetik oder Umwelt wesentlich geprägt ist, daß er sein Menschsein auch nur in diesen wahrhaft entwickeln kann. Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson ist sogar davon überzeugt, daß sich individuelle Identität nur innerhalb einer sozialen Realität, also als Variante einer Gruppenidentität entwickeln läßt.[iii]
An dieser Stelle muß man die katholische Soziallehre erwähnen, die sich gegen den Individualismus gleichermaßen wie gegen den Kollektivismus wendet. Der Mensch ist Person und kann nur im Sein mit anderen (Socialitas) wahrhaft Mensch werden, gleichzeitig ist er gekennzeichnet durch seine Würde als Einzelwesen (Individualitas). Aus dieser Sichtweise verbietet sich sowohl die Opferung des einzelnen auf dem Altar des Staates, der Rasse oder der Klasse, ebenso aber auch die Auflösung der gewachsenen lebendigen Gemeinschaften zugunsten einer vermeintlichen Emanzipation des einzelnen. Nur im Gleichgewicht von Individualitas und Socialitas wird wahrhafte Personalitas erreicht, nur wenn das Verhältnis zwischen dem einzelnen und der Gemeinschaft vernünftig austariert ist, kann sich Persönlichkeit entwickeln.[iv] Es ist also nicht die freie Entscheidung des Individuums, sich in diese oder jene gemeinschaftliche Bindung zu begeben, im Gegenteil ist ohne eine solche Bindung des Individuums an die Gemeinschaft bzw. Gesellschaft wahrhafte Personwerdung nicht möglich! Linkes Denken bestreitet die Notwendigkeit solcher Bindungen und hält sie sogar für schädlich. Daher wollten auch die Deutschen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg immer weniger von der Heimat bestimmt sein, sondern frei über ihre Identität und ihren Aufenthaltsort entscheiden können – und mehr noch: Auch darüber, was Heimat überhaupt bedeutet, will der autonome einzelne selbst bestimmen, darüber, was für ihn Heimat ist. Damit wird Heimat zu einem Gefühl und ist kein konkret vorgegebener Ort mehr.
Dieser neue Heimatbegriff setzte sich nun zunehmend durch. Ihm stand insbesondere eine gesellschaftliche Gruppe entgegen, die am alten Heimatbegriff unbeirrt festhielt, wonach unter „Heimat“ ein konkreter Ort zu verstehen sei: die volksdeutschen Heimatvertriebenen. Ihr Verhältnis zu der ortsansässigen westdeutschen Bevölkerung war von Beginn an belastet. Die Westdeutschen bezeichneten sie als „Polacken“, als „slawisch-germanische Mischrasse“, als Gesindel und Dreckspack. Von der vom Nationalsozialismus beschworenen Volksgemeinschaft war wenig zu merken.[v]
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Heimat bedeutete für die Heimatvertriebenen exakt die Orte, Regionen und Landschaften, die sie gezwungenermaßen hatten verlassen müssen. Sie strebten nach landsmannschaftlichen Treffen, bei denen noch im alten Dialekt gesprochen, die alten Trachten getragen und die alten Volkslieder gesungen werden konnten. Die Soziologin Aleida Assmann spricht vom kommunikativen Gedächtnis, das „in einem Milieu räumlicher Nähe, regelmäßiger Interaktion, gemeinsamer Lebensformen und geteilter Erfahrungen“ entsteht[i], und der französische Soziologe Maurice Halbach beobachtete schon in den 1920er Jahren, daß auch das Gedächtnis eines Individuums nicht in einem Vakuum existiert, sondern immer in einen sozialen Kontext eingebettet ist und im kommunikativen Austausch mit anderen geformt, bestätigt und bestärkt wird.[ii] Die Heimatvertriebenen hielten also an den Vorstellungen der Heimatbewegung, die zu Ende des 19. Jahrhunderts entstand, fest, in der es genau darum ging, ortsspezifische Traditionen und sichtbare Kultur zu bewahren oder zumindest zu erforschen und in Museen an sie zu erinnern.
Dieses gemeinschaftliche Heimatverständnis der Vertriebenen kollidierte nun mit der neuen, als zeitgemäß geltenden, individualistischen Auffassung von Heimat, „der zur Folge Heimat für jeden etwas anderes ist“. Eine kollektive Erfahrung von Verlust bzw. eine kollektive Erinnerung von Heimat kann es danach nicht geben. Die Autoren des Artikels „Flucht und Vertreibung“ in dem Band „Deutsche Erinnerungsorte“ behaupten sogar, daß die Heimatvertriebenen einen zuvor angeblich existierenden individuellen Heimatbegriff gleichsam gekapert und für ihre Zwecke umfunktioniert hätten![iii] Damit wurden die Heimatvertriebenen als „Ewiggestrige“, als „Revanchisten“ und Schlimmeres gebrandmarkt.
Es nützte nichts, daß die deutschen Heimatvertriebenen schon in ihrer Charta von 1950 auf jede Revanche, jede Rache, jede Form der Gewaltpolitik verzichtet hatten. In ihrer „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ hatten sie jedoch das Recht auf Heimat verkündet: „Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat zu trennen bedeutet, ihn im Geist zu töten. Wir haben dieses Schicksal erlitten und erlebt. Wir fühlen uns berufen, zu verlangen, daß das Recht auf Heimat als eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit anerkannt und verwirklicht wird.“ Dieses Recht auf Heimat ist nie als fundamentales Menschenrecht im internationalen Recht verankert worden. Es gibt nur einen UNO-Entwurf für eine „Erklärung über Bevölkerungstransfers“ aus dem Jahr 1997, in dem es heißt: „Jeder Mensch hat das Recht, in Frieden und Sicherheit und Würde in seiner Wohnstätte, seiner Heimat und seinem Land zu verbleiben“, nur die Sicherheit der Bewohner oder zwingende militärische Gründe erlauben einen Bevölkerungstransfer, doch sollen die auf diese Weise verfrachteten Personen nach dem Willen der UNO das Recht haben, „unmittelbar nach Beendigung der Umstände, die ihren Ortswechsel erzwungen haben, zu ihren Wohnstätten, in ihre Heimat oder in ihre Herkunftsorte zurückzukehren“.
Die BRD übernahm damit, ohne daß dies öffentlich gemacht wurde, die Sprachregelung der DDR, die von Anbeginn eine „Umerziehung der Vertriebenen“ mit dem Ziel verfolgt hatte, sie „im Denken, Fühlen und Handeln von ihrer […] alten Heimat abzukoppeln“[iv]. Die DDR erlaubte keine Treffen von Landsmannschaften, sie verbot das Singen von Heimatliedern und markierte sogar die Nennung des Geburtsortes in deutscher Bezeichnung als „Revisionismus“.
Die Heimatvertriebenen hielten aber in der BRD am gemeinschaftlichen Singen von Volksliedern und an dem gemeinschaftlichen Tanzen von Volkstänzen fest. Darin wird wieder die enge Verbindung von individueller Identität und Gruppenidentität deutlich. Denn es ist etwas völlig anderes, ob man gemeinsam mit anderen Lieder singt und Tänze tanzt, oder ob man solche Lieder und Tänze als passiver und isolierter einzelner abends im Internet, etwa auf YouTube, betrachtet.
[i] Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 25.
[ii] Zitiert nach Scharnowski: Heimat, S. 117.
[iii] Ebd., S. 116.
[iv] Ebd., S. 111/114.
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Damit sind wir auch schon in der Gegenwart. Wir haben bisher nur eine Art des möglichen Heimatverlustes beschrieben, nämlich die räumliche Entfernung von derselben, die zu Heimweh führt. Doch es gibt noch eine zweite Art von Heimatverlust, die dann eintritt, wenn sich das Gesicht der Heimat im Laufe des Lebens eines Menschen so stark verändert, daß Verlustängste ausgelöst werden. Dies war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Fall, als die Moderne mit ihren Verkehrswegen, Fabriken und der zunehmenden Technisierung des Lebens bis in die Dörfer vordrang. Überall in Europa entstanden Gesellschaften, die sich um Volkskunde und Traditionen, alte Gebäude und erhaltungswürdige Landschaften kümmerten oder handgefertigte Gebrauchsgegenstände, die nun zunehmend von Massenwaren verdrängt wurden, in Museen sammelten. In Deutschland ist diesbezüglich insbesondere die von Ernst Rudorff begründete Heimatschutzbewegung zu nennen. Von linken Autoren wird der Widerstand gegen die Veränderung der Heimat gern lächerlich gemacht, sie betonen, daß „larmoyante Reden die Erneuerung der Heimat nicht aufzuhalten vermögen“[i].
Natürlich ist das Leben Wandel, und ebenso natürlich ist es, daß nicht alles erhalten werden kann. Doch damit wird im Unterschied zu diesem dummen und bösartigen Zitat der Widerstand gegen den Wandel nicht delegitimiert. Wir wissen auch, daß es immer Menschen geben wird, die anderen Menschen Böses antun, und dennoch wollen wir, daß der Staat das Verbrechen bekämpft, auch wenn er dabei niemals endgültig obsiegen kann. Larmoyante Reden von Recht und Gesetz können Verbrecher nicht aufhalten. Die Frage nach den Erfolgsaussichten sagt jedoch nichts über die Legitimität eines Kampfes aus. Die Moderne begradigt Flüsse und trocknet Moore aus, trotzdem müssen Moore und unbegradigte Flüsse erhalten bleiben. Dies wird nur in wenigen Fällen gelingen, wo es aber gelingt, wird Biodiversität bewahrt. Auch wenn im 21. Jahrhundert weniger Moore und unbegradigte Flüsse existieren als im 18. Jahrhundert, und auch wenn klar ist, daß eine gestiegene Bevölkerungszahl die Trockenlegung von Sümpfen und die Begradigung von Flüssen im Prinzip notwendig macht, ist der Erhalt einiger verbliebener Urlandschaften dennoch ökologisch wichtig.
In gleicher Weise nimmt niemand an, daß „Heimat“ im Sinne von Lebensweisen, Sitten und Bräuchen in der modernen Welt ungebrochen bewahrt werden kann, dennoch delegitimiert dies nicht den Kampf um die Erhaltung derselben, auch wenn von vornherein klar ist, daß nur ein kleiner Teil des ursprünglichen Bestandes in der Moderne zu retten ist. Wenn die Heimatschutzbewegung als rückwärtsgewandt eingestuft und gleichzeitig eindeutig negativ bewertet wird, ergibt dies nur dann einen Sinn, wenn „ein unkritischer Fortschrittsbegriff zugrunde gelegt wird, kontinuierlicher technisch-ökonomischer Fortschritt als notwendig und alternativlos gilt und Fortschritt generell als Synonym für Verbesserung verstanden wird“[ii].
Doch die Moderne muß ambivalent gesehen werden. Sie hat zu höherem Lebensstandard geführt, sie hat den Menschen von schwerster körperlicher Arbeit befreit, sie hat medizinische Möglichkeiten hervorgebracht, die uns das früher alltägliche Empfinden grauenvoller Schmerzen genommen haben, die die Kindersterblichkeit, welche noch für die Romantiker – man denke an die 438 Kindertotenlieder von Friedrich Rückert – eine unfaßbar schmerzliche Erfahrung war, auf ein historisches Minimum gedrückt haben und die gleichzeitig die durchschnittliche Lebenserwartung in ungeahnter Weise verlängerten. Die Moderne hat die Lebensqualität in Europa auch für einfache Menschen in eine Höhe gehoben, die früher allenfalls der reichsten Oberschicht vorbehalten war. Sie hat aber gleichzeitig auch zu unvorstellbaren Vernichtungsorgien gegen die natürliche Umwelt der Menschen geführt und sogar zu unvorstellbaren Vernichtungsorgien gegen Menschen selbst. Von den Propagandisten der Moderne wird der Heimatschutzbewegung und allen „Nostalgikern“ vorgeworfen, sie blendeten all jene Aspekte der Gegenwart aus, die diese im Vergleich zur Vergangenheit als positiv erkennen lassen, sie hätten einen Filter im Kopf, der nur die negativen Entwicklungen der Gegenwart durchläßt, alle anderen aber negiert. Dieser Vorwurf der selektiven Wahrnehmung trifft aber gerade auch die Propagandisten der Moderne selbst: Sie leugnen die Möglichkeit, daß Veränderungen auch Verschlechterungen darstellen können und daß der Fortschritt Kollateralschäden mit sich bringt, die dessen Errungenschaften zumindest relativieren.[iii]
Die Heimatschützer setzten sich für den Erhalt von Kulturlandschaften, von Wäldern, Flüssen und Mooren ein. Um ein ganz konkretes regionales Beispiel zu nennen: Die Rettung des Wiener Waldes ist dem Heimatschützer Josef Schöffel zu verdanken, der aufgrund seiner Initiative Anfang der 1870er Jahre sogar juristisch mehrfach belangt wurde. Nur durch Schöffels Einsatz, der Ehrenmitglied der Wiener pennalen Burschenschaft Franko-Cherusker war, wurde dieses Naherholungsgebiet der Wiener, wurden diese quadratkilometerweit ausgebreiteten Waldflächen am Rande der Großstadt vor der Abholzung bewahrt.
Auch in unserer Zeit ändert sich die Heimat im Eilzugstempo, und die dadurch ausgelösten Verlustängste führen dazu, daß der Heimatbegriff wieder in aller Munde ist. Heute ist die Heimat vierfach bedroht.
Die augenscheinlichste Ursache für den Gestaltwandel der Heimat ist die Massenzuwanderung vor allem aus nichteuropäischen Herkunftsländern nach Österreich und Deutschland, die das Gesicht unserer Städte zunehmend verändert. In den kleinen Ortschaften des flachen Landes ist diese Welle noch nicht angekommen, und dennoch haben die Bewohner vieler Dörfer ein echtes „Fremdenproblem“. Wenn sich die Einheimischen im Umfeld mancher Großstädte oder in beliebten Urlaubsregionen keine Grundstücke mehr leisten können, weil die städtischen Ferienhausbesitzer alles zu überhöhten Preisen aufkaufen, kann ebenfalls von „Überfremdung“ gesprochen werden.
Eine weitere Ursache, die die Heimat vieler Menschen nicht nur massiv verändert, sondern sogar zerstören kann, ist der Massentourismus. Der Tourismus ist dabei ein durchaus zweischneidiges Schwert. Wenn wir die große Gruppe jener beiseite lassen, denen es vor allem darum geht, daß es am Zielort billiger ist als zu Hause und sonniger, sehnen sich die meisten doch nach möglichst unberührter Natur und einzigartigen, unverwechselbaren Orten. Diese Orte sollen keine bloßen Kulissen sein, „allein deshalb bedarf es sesshafter Bewohner. Ohne Sesshafte und Ortsverbundene, die sich um ihre Orte kümmern, verlieren die Orte ihren Charakter, hören auf als Orte zu existieren“[i]. Die touristische Wertschöpfung ist auch in Europa ein starkes Argument für den Erhalt von Städten, Dörfern und Kulturlandschaften in ihrer gewachsenen Form und gegen ihre schrittweise Vereinheitlichung unter den Vorzeichen der Moderne. Sie trägt sogar zur Pflege landestypischer Sitten und Gebräuche, Kleidungs- und Lebensformen bei, die ohne sie noch viel mehr vom Verschwinden bedroht wären.
Gleichzeitig führt der Massentourismus aber auch zu einer internationalen Angleichung der Lebensformen, und zwar nicht nur deshalb, weil die „Schnitzelfraktion“ überall auf der Welt heimisches Essen verlangt. In Städten wie Barcelona und Venedig ist für die Einheimischen angesichts der Fremdenströme, die sich durch alle Gassen ergießen, kaum mehr ein ungestörtes Leben möglich. Diese Orte wurden tatsächlich zu Kulissen, zu einer Art Freilichtmuseum in der Hand von Touristen. Wir können auch an Ferienorte in den österreichischen Alpen denken, die für wenige Wochen im Winter von Zehntausenden Touristen gestürmt werden, während die wenigen Einheimischen in den langen Monaten zwischen März und Dezember verloren zwischen geschlossenen Hotelburgen und Après-Ski-Locations aller Art umherirren.
Auch die dritte Bedrohung der Heimat in unserer Zeit muß als zweischneidiges Schwert betrachtet werden. Es handelt sich um die bereits erwähnten modernen Reise- und Kommunikationsmöglichkeiten. Wo immer ich mich auf der Welt befinde, ob im Urlaub oder auf einem arbeitsbedingten jahrelangen Auslandsaufenthalt, ich kann durch Handy und Facebook, Internet und Satellitenfernsehen mit meinem Heimatort und den Freunden meiner Jugend eng verbunden bleiben. Das kann man als Chance begreifen, doch es führt in Wahrheit zu einer Entortung. Es ist heute möglich, lange Jahre an einem x-beliebigen Ort der Welt zu verbringen, ohne dort auch „anzukommen“. Immer mehr Menschen leben in Städten oder Ländern, deren Sprache sie nicht richtig lernen, mit deren Einheimischen sie sich nicht befreunden und die ihnen in Wahrheit nichts bedeuten, weil sie „virtuell“ ihren Heimatbezug mit sich tragen. Wo immer wir leben oder uns auch nur aufhalten, wir tragen unsere „Me-Cloud“ mit uns. Die konkreten Lebensumstände des Ortes, wo wir gerade ansässig sind, müssen uns nicht sonderlich interessieren, weil wir uns zu jeder Zeit in die eigenen vier Wände und den virtuellen Heimatbezug flüchten können. Aber auch zur ursprünglichen Heimat besteht keine echte Bindung mehr. Wenn dort ein Traditionsgeschäft oder angestammtes Gasthaus schließt, die regionale Buslinie eingestellt wird und auf diese Weise ein funktionierendes Ortszentrum erlischt, sind wir davon nicht wirklich betroffen. Eine Umfrage hat ergeben, daß viele dieser „Digital-Nomaden“, wie sie Susanne Scharnowski bezeichnet, ihr Handtelefon als „Heimat“ bezeichnen. So absurd dies auf den ersten Blick klingen mag, so folgerichtig ist dies letztlich. Denn im Digitaltelefon sind alle Erinnerungen und persönlichen Kontakte gespeichert, und wo immer wir uns auf dieser Welt auch befinden, wir nehmen diese Erinnerungsbilder und Kontakte mit.[ii]
Heimat ist jedoch kein Gefühl, sondern ein konkreter Ort, „oder zumindest eine raum-zeitliche Wunschvorstellung“, eine Art von Utopie, die Gefühle auslöst. Das Wort Heimat „bezieht sich zwar auf das Verhältnis des Menschen zur Welt, bezeichnet aber etwas außerhalb der menschlichen Psyche Liegendes“[iii]. Damit sind wir nun bei der vierten Bedrohung der Heimat, jener durch die Globalisierung, die dazu führt, daß sich Architektur und Lebensformen weltweit angleichen. Dafür muß ich keine Beispiele anführen, jeder von Ihnen wird solche vor Augen haben. Der große englische Schriftsteller J.R.R. Tolkien (der Schöpfer des „Herrn der Ringe“) hat diese Tendenz zur weltweiten Vereinheitlichung bereits während des Zweiten Weltkriegs gesehen und an seinen im Feld gegen Deutschland stehenden Sohn Christopher geschrieben: „Wenn einmal die amerikanische Hygiene, Moralreklame, Frauenrechte und Massenproduktion in ganz Nah-, Fern- und Mittelost eingeführt sind, in der UdSSR, den Pampas, im Gran Chaco, im Donaubecken, Äquatorialafrika, in Obernichtswieweghier und in der Inneren Tandaradei, Gondhwanaland, Lhasa und den Dörfern im finstersten Berkshire, was werden wir dann erst froh sein! Immerhin wird es den Reiseverkehr vermindern, denn man wird nirgends mehr hin wollen.“[iv]
Tolkien befand die Folgewirkungen des amerikanischen Kosmopolitismus für so gravierend, daß er in einem Brief aus dem Jahr 1943 sogar andeutete, „gar nicht sicher“ zu sein, ob „sein Sieg für die Welt insgesamt und auf lange Sicht viel besser sein wird, als ein Sieg des –“[v].
Und tatsächlich sehen 78 % der Deutschen ihre Heimat durch die zunehmende Vereinheitlichung der Innenstädte bedroht.[vi]
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„Wo Gefahr ist, wächst das Rettende doch“ läßt sich aber mit Hölderlin hoffen: Sogar der letztlich siegreiche grüne Präsidentschaftskandidat in Österreich mußte bei seiner Wahlpropaganda 2016 auf geradezu klischeehafte Heimatbilder zurückgreifen, um obsiegen zu können. Der Heimatbegriff der Linken bedeutet in Wahrheit aber eine völlige Auflösung des ursprünglichen, eigentlichen Heimatbegriffes. Die Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer hat diesen neuen Heimatbegriff in ihrem bösartigen Buch „Heimat. Ein Vorschlag zur Güte“ auf den Punkt gebracht: „Heimat ist Sozialstaat, Heimat ist eine gut funktionierende Infrastruktur, Heimat ist Rechtssicherheit, Heimat ist gesetzlicher Urlaub für alle, Heimat ist Freizeit zu haben, Heimat ist, seine Kinder nicht in den Krieg schicken zu müssen, Heimat ist die Möglichkeit, sich ein Sammelsurium von unterschiedlichen Lebensstilen zuzulegen, bei denen man sich fernöstlicher Meditation genauso wie der Heurigenkultur hingeben kann. Heimat ist Hello Kitty, Harry Potter, Kebab, Heimat ist, sich nur zu bestimmten Zeiten ins Dirndl zu werfen und derart verkleidet zu feiern.“[i] Mit anderen Worten: Ubi bene ibi patria. Dort, wo es mir gutgeht, und nur dort, wo es mir gutgeht, ist mein Vaterland. Für Wallnöfer gibt es daher auch keinen Unterschied zwischen Heimat und Fremde mehr: „In Friedenszeiten, in Zeiten offener Grenzen, in Zeiten der Niederlassungsfreiheit innerhalb eines ganzen Kontinents, sind wir das Reisen derart gewohnt, dass der Fremde […] gar kein Fremder mehr ist.“[ii] Man kann sich, wie wunderbar, überall daheim fühlen.
Dies mag auf den ersten Blick verlockend klingen, und doch bedeutet Heimat für die allermeisten Menschen in Wahrheit etwas ganz anderes: „Tradition, Geborgenheit, Gemeinschaft, Bindung, Stabilität, Nähe, Sicherheit, Vertrauen, Harmonie, Überschaubarkeit und nicht zuletzt Natur und Landschaft.“[iii] Ich halte das Bedürfnis danach für eine Konstante der Conditio humana, also für ein menschliches Grundbedürfnis. Gerade in unserer Zeit gibt es mindestens sechs Entwicklungen, die aus größerer historischer Entfernung vielleicht einmal als Bestandteile einer einzigen großen Bewegung hin zu einer Wiederbelebung des Heimatbegriffes und zu einer erneuten Erkenntnis und Bejahung der Bedeutung von Heimat für jeden einzelnen Menschen begriffen werden:
Es gibt seit einigen Jahren eine regelrechte Welle von Krimis, die in verschiedenen Regionen spielen, in denen auf steirische, rheinländische oder nordfriesische Art gemordet wird. Diese Bücher sind als eine neue Art von Heimatliteratur zu werten, denn wenn es auch vordergründig um eine spannende Handlung geht, steht doch die Wiedergabe von regionalen Lebensweisen und Gebräuchen, Landschaften und Siedlungsformen im Vordergrund.
Das 2005 gegründete Magazin „Landlust“ hat zur Überraschung des im norddeutschen Münster-Hiltrup ansässigen Verlages eine Verkaufsauflage jenseits der Millionenschwelle erreicht. In Österreich ist das „Servus“-Magazin im Verhältnis zum kleineren Markt fast ebenso erfolgreich. Im ganzen deutschen Sprachraum gibt es mehr als ein Dutzend ähnlicher Zeitschriften, die bestimmte Aspekte ländlichen Lebens beleuchten. Millionen Deutsche und Österreicher kaufen diese Zeitschriften regelmäßig.
Aus der regionalen Initiative eines FPÖ-Politikers ist das erfolgreichste Trachten- und Brauchtumsfestival des deutschen Sprachraums hervorgegangen, für das sich viele junge Menschen und gerade auch junge Städter erstmals überhaupt Dirndl oder Lederhose zugelegt haben: Das Aufsteirern zieht in Graz regelmäßig mehr als 100.000 Besucher an.
Der Erfolg von Gruppen wie Frei.Wild und Sängern wie Andreas Gabalier macht das Bedürfnis breiter Massen nach moderner, dennoch aber heimatverbundener und in deutscher Sprache gesungener Musik deutlich. Das ist grundsätzlich positiv zu bewerten, auch wenn der eigene Musikgeschmack ein anderer sein mag.
[i] Wallnöfer: Heimat, S. 139.
[ii] Ebd., S. 146.
[iii] Scharnowski: Heimat, S. 15.
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Rekonstruktionsbewegungen: Vom Berliner Schloß bis zur Frankfurter Altstadt und vom Markplatz in Hildesheim bis zur Dresdener Frauenkirche wurden in den letzten drei Jahrzehnten zahlreiche historische Objekte, ja ganze Straßenzüge wiederaufgebaut. Das Faszinierende dabei ist, daß diese Rekonstruktionsbewegungen nicht von der alten Generation betrieben werden, die wiederherstellen möchte, was ihnen einst Heimat war, sondern ganz im Gegenteil von jüngeren Generationen, die etwas neu schaffen wollen, das ihnen in Zukunft Heimat werden soll!
Meine Schlußbetrachtung findet unter dem Schlagwort „Anywheres“ statt. Der englische Journalist David Goodhart hat die Bezeichnung „Anywheres“ geprägt, er meint damit jene Gruppe von Menschen, die sich als ortsungebunden und kosmopolitisch verstehen.[iv] Sie gehören selbst meist der oberen Mittelschicht der gut Gebildeten und gut Verdienenden an. Oft sind sie Vertreter kreativer oder digitaler Berufe, ihr Arbeitsplatz befindet sich nicht in einem Büro, einem Geschäft oder einem Lokal, sondern vor ihrem Laptop, sie können auch von einer Almhütte aus, von einer tropischen Insel oder in einer asiatischen Großstadt für ihre deutschen oder österreichischen Arbeitgeber tätig sein. Auch in dem höheren Management von Konzernen ist es üblich, Mitarbeiter für einige Jahre an verschiedenen Orten weltweit einzusetzen. Die „Anywheres“ müssen sich überall zu Hause fühlen, sie finden einander in New York und London, Hongkong und Singapur, Paris und Wien in Clubs, Bars und Restaurants, die global die gleiche internationale Atmosphäre bieten. Sie streben nicht danach, irgendwo „anzukommen“, weil sie an jedem Ort nur einige Zeit verbringen, und sie machen aus ihrer Not eine Tugend: Sie streben nach vergleichbaren Lebensverhältnissen, wo immer sie sich aufhalten. Das ist einerseits natürlich verständlich, andererseits sind sie damit Agenten der Globalisierung und weltweiten Vereinheitlichung und bekämpfen alle Bestrebungen nach Abgrenzung seitens der Nationalstaaten und Regionen.
Nur ein sehr kleiner Teil der Menschen gehört zu dieser Gruppe. Statistisch gesehen, ziehen Deutsche in ihrem Leben 4,5 Mal um, und 90 % dieser Umzüge finden innerhalb derselben Gemeinde oder derselben Region statt. Nur 10 % aller Umzüge, das heißt weniger als ein halber Umzug pro deutschen Staatsbürger, findet über die regionalen Grenzen hinaus statt, noch viel weniger über nationale Grenzen.[v]
Susanne Scharnowski bezeichnet die „Anywheres“ daher als „multilokale Digitalnomaden“[vi]. Ihr Bestreben ist es gerade nicht, an einem neuen Ort „Heimat“ zu finden, sie halten virtuellen Kontakt mit ihrer „alten Heimat“, der aber, wie ich bereits ausgeführt habe, kein echter Heimatbezug mehr sein kann.
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Menschen können sich jedoch auch neue Heimat schaffen. Heimat muß nicht ausschließlich als „gegebenes, allein durch den Ort der Geburt bestimmtes Weltverhältnis“ gesehen werden, sondern ist darüber hinaus auch „Aufgabe und Tätigkeit, für die das erste unmittelbare Lebensumfeld zwar essentiell ist, die aber weit darüber hinaus reicht. Niemand ‚hat? einfach eine Heimat, man muss sich vielmehr erst in sie hineinleben, sie sich durch erworbenes Wissen und durch emotionale Investitionen aneignen“[1]. Das bedeutet natürlich auch, daß man sich fern des Geburtsortes eine neue Heimat schaffen kann. Eine der vier Komponenten, die wie eingangs erläutert, gemeinsam Heimat formen, können wir freilich nie in die neue Heimat bringen: Unsere Kindheit.
Dazu muß man sich einem Ort verbunden fühlen, für den man mehr Verantwortung empfindet als Touristen oder Digitalnomaden, die nur einen Zwischenstop einlegen. Man wird sich gemeinsam mit den Eingeborenen für die neue Heimat einsetzen und dafür kämpfen, daß diese als soziale Lebenswelt erhalten bleibt. „Es geht darum, ob es im Dorf genügend Arbeitsplätze, medizinische Versorgung und Busverbindungen gibt, ob der Bäcker schließen muss, weil er keine Auszubildenden findet, oder weil die Leute ihre Brötchen im Supermarkt kaufen.“[2] Man wird sich für den Erhalt des lokalen Auwaldes oder einer Schmetterlingswiese, besonderer Bäume und Bauten oder regionalen Brauchtums engagieren, man wird, mit einem Wort, politisch: „Nur aus Zugehörigkeit ergibt sich ein dauerhaftes Gefühl von Verantwortung, das, verbunden mit einem Minimum an praktischer Zuversicht, gemeinsam etwas erreichen zu können, zu politischem Handeln bewegen kann.“[3]
Wenn ich nun auch einen klaren Unterschied zwischen den „Anywheres“ und den heimatverbundenen Menschen herausgearbeitet habe, warne ich dennoch vor diesbezüglichen Kurzschlüssen! Mein persönlicher Lebensstil ist wahrscheinlich mehr dem der „Anywheres“ vergleichbar als dem ortsansässiger, verwurzelter Personen. Ich habe außer in Graz in Wien, Stuttgart und London gelebt, meine Frau ist Russin und meine Söhne haben in Moskau und Brasilien studiert. Aus beruflicher Notwendigkeit besuche ich mehrmals jährlich Kiew und Frankfurt und dazu noch eine ganze Reihe anderer Städte, aber auch privat liebe ich es, zu reisen und verschiedene Länder in Europa, Afrika und Asien zu besuchen.[4]
Meine Großeltern, die Eltern meiner Mutter, sind knapp vor dem Ersten Weltkrieg aus ganz anderen österreichischen Kronländern nach Graz gezogen, die Familie Stocker hat keine steirischen Wurzeln, und ich habe keine verwandtschaftlichen Bindungen in der Steiermark. Auch mein Vater war Wiener. Ich bin zwar in Graz aufgewachsen, habe aber in Wien studiert, meine Frau lebt aus beruflichen und persönlichen Gründen hauptsächlich in Wien, wo ich auch eine Wohnung besitze. Aus all diesen Gründen habe ich in Wien viel mehr Freunde als in Graz, wo doch unsere Firma, der Leopold Stocker Verlag und die Fachzeitschrift „Landwirt“ ansässig sind, wo ich aufgewachsen bin, wo sich mein Elternhaus befindet und nach wie vor mein Hauptwohnsitz.
Seit Jahren bin ich mit einem Publizisten befreundet, der lange als Börsenhändler in Irland und der Schweiz gelebt hat und heute in Wien lebt. Er stammt jedoch aus der Steiermark und ist mit ganzem Herzen Steirer. Dieser Bezug fehlt mir, vielleicht, weil es in meiner Familie keine steirischen Vorfahren gibt. Mein persönlicher Heimatbegriff ist problematisch. Dennoch ist mir völlig klar, daß eine intakte Heimat essentiell für den Aufbau eines funktionierenden Staatswesens ist und daher von Staats wegen auch der Heimatbezug und die Verwurzelung in derselben gefördert werden muß. Nur so können die positiven Tendenzen der Globalisierung im Interesse der Menschen und Völker nachhaltig erschlossen werden. Führen Globalisierung und Internationalisierung zur Gefährdung oder gar Vernichtung der vielgestaltigen, konkreten Heimaten, wird dies unweigerlich in Gewalt und Widerstand enden, ganz einfach, weil eine solche Entwicklung der Conditio humana widerspricht und den unveränderbaren Grundlagen menschlicher Existenz entgegengesetzt ist. Wer Heimat bewahren will – und die patriotischen Kräfte in Österreich, Deutschland und ganz Europa wollen dies –, der gefährdet nicht das Projekt einer europäischen Einigung, und er stellt sich auch nicht in angeblich rassistischer Weise gegen „die Menschheit“, wie heute gerne behauptet wird. Im Gegenteil, er sichert die Basis der europäischen Idee, er sichert die Grundbedingung aller menschheitlichen Ideale. Wer die Heimat bekämpft, wie dies die meisten Linken aus ihrem falschen Menschenbild heraus tun, zerstört die Grundlagen jedes übernationalen Interessensausgleiches und aller gesamtmenschheitlichen Bestrebungen, weil er sich im Irrtum befindet über die Grundlagen menschlicher Existenz und menschlichen Lebens auf dieser Welt.
Es hat daher auch fatale Konsequenzen, wenn die politisch-mediale Elite Deutschlands den Heimatbegriff unter Generalverdacht stellt, mit dem doch die überwältigende Bevölkerungsmehrheit ausschließlich Positives verbindet![5] Egal ob jung oder alt, ob Wähler von AfD, CDU, SPD oder der Linken, mehr als drei Viertel der Deutschen fühlen sich mit ihrer Heimat stark verbunden. Nur von den Wählern der Grünen bekennen sich bloß 58 % – immer noch eine Mehrheit – zur Heimatliebe.[6]
Susanne Scharnowski kommt in ihrem Buch daher auch zu einem bemerkenswerten Schluß: „Das Unheil der deutschen Geschichte wurzelt nicht in der Bindung an die Heimat, sondern eher im Drang zur Expansion, der […] vor allem […] im Nationalsozialismus denn auch als ‚faustische Ideologie? verherrlicht wurde. Man könnte noch einen Schritt weiter gehen und die These aufstellen, dass es in der deutschen Geschichte nicht etwa ein Zuviel an Heimat gibt, sondern eher einen Mangel. Die stete Rede über Heimat wäre dann eher ein Symptom einer Leerstelle als Ausdruck von Gewissheit.“[7]