Zwei Trends lassen sich in jüngster Zeit vor allem bei internationalen Großkonzernen feststellen: Einerseits „woke“, das heißt politisch korrekte, linksliberale, antifaschistische Gesinnungspropaganda, andererseits Greenwashing als Versuch, der global gewordenen Öffentlichkeit ein klimabewußtes Profil zu suggerieren. In beiden Fällen ist klar: Nicht immer schwingt ideologische Überzeugung mit, vor allem im Fall des Greenwashing geht es eher um den schnöden Mammon: um den Versuch, sich selbst „fit“ für das klimabewegte 21. Jahrhundert zu machen. Es handelt sich dabei um einen Trick, der charakteristisch für den „grünen Kapitalismus“ ist.1
Von Benedikt Kaiser, M.A.
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Diesem Kapitalismus neuen Typs, der mit Digitalisierung und Universalisierung (weltweiter Durchsetzung) einhergeht, kann man auch als Konsument, der man naturgemäß im Rahmen einer marktorientierten Gesellschaft lebt, nicht entgehen. Global agierende Nahrungskonzerne vermarkten ihre Produkte mit Verweisen vom Schlage „Klimaneutral produziert“ oder „Klimabewußt genießen“. Wie bei „woker“, politisch korrekter Propaganda der Konzerne und Multis soll auch hier an das „gute Gewissen“ des dem Mainstream folgenden Käufers bzw. Verbrauchers appelliert werden. Man kauft und konsumiert – und wähnt sich dabei auf der richtigen Seite. Der Akt des Warenkaufs als moralpolitisches Event – ohne Zweifel ein Signum der Zeit, in der wir leben. Greenwashing dient hier als Vehikel für ungetrübte Kapitalakkumulation, das heißt für ungehemmte Profitsteigerung, in Zeiten, in denen nennenswerte Teile vor allem westlicher Gesellschaften Unbehagen am Klimawandel äußern und damit dem Kapital als Konsumenten potentiell verlustig gehen würde, wenn es die neuen Bedürfnisse und moralischen Prämissen ignorierte. Klar ist hierbei: Einen Klimawandel gibt es offenbar. Über die Ursachen und den Anteil menschlichen Lebens an diesem ließe sich streiten – und das wird ja auch getan. An dieser Stelle soll es aber um die Folgen des real existierenden Greenwashing gehen, um die Frage nach dem Charakter des „grünen Kapitalismus“, der sich hier offenbart, schließlich: um konservative Herangehensweisen an das Problemfeld. Denn auf diesem Terrain gibt es nach wie vor Mängel, wenn man das Wesen des grüngewaschenen Kapitalismus als „Sozialismus“ oder ähnlich Historisiertes mißversteht und sich damit Chancen auf eine konkrete, realitätsbezogene Sicht nimmt. Scheitert es aber schon an den Begriffen, scheitert unweigerlich auch die Analyse, die mit diesen Begriffen hantiert. Fehlt eine an die Realität rückgebundene Grundlage, das Fundament, ist alles weitere im luftleeren Raum operierend und damit schlichtweg angreifbarer.
Ein Beispiel ist der bundesdeutsche Bundestagswahlkampf im Sommer und Frühherbst 2021, bei dem es medial phasenweise so dargestellt wurde, als ob die Partei Bündnis 90 / Die Grünen erstmals das starre CDU/CSU-SPD-Kanzlersystem aufbrechen könnte. In diesem Wahlkampf hat sich die Alternative für Deutschland (AfD) ebenjene Grünen als Hauptgegner auserwählt. Das geschah bisweilen mit korrekten Argumenten – Grüne als Klimaapokalyptiker, als Treiber des Multikulturalismus, als Propagandisten der Genderideologie usf. –, konnte aber zeitgleich nicht auf eine weit verbreitete Erzählung verzichten. Dieser Legende nach hat man es bei bundesdeutschen Grünen, die im Regelfall dirigistische Linksliberale oder einfach „intolerante Liberale“[1] sind, mit „Öko-Sozialisten“, „grünen Sozialisten“ oder gar „Klima-“ bzw. „Öko-Kommunisten“ zu tun. Dieses Framing der Grünen als „Antikapitalisten“ fand Eingang in den unmittelbaren Sprachgebrauch jener Formation, die sich eigentlich als Alternative zum falschen Ganzen, also auch zum herrschenden Verfallsliberalismus, zu verstehen hätte. Dabei kann von einer „sozialistischen“ Programmatik der Grünen noch nicht einmal im Rahmen polemischer Zuspitzung des Wahlkampfs gesprochen werden, weil das Wesen eines jeden Sozialismus (gleich welcher Ausprägung) „die Schaffung eines unter nationaler Kontrolle stehenden industriellen und kommerziellen Eigentums“[2] bei Fokussierung auf ein Kollektiv – im Regelfall: auf die Nation – ist, wie der Soziologe Marcel Mauss im Anschluß an seinen Lehrer Émile Durkheim zeitlos definierte. Damit in keiner Weise vereinbar ist das auf individualistischen bis volksverneinenden Prämissen beruhende Wesen der grünen Partei. Sie hält an den Grundlagen der herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht nur fest, sondern möchte ihren Bestand explizit zementieren (nur eben: klimagerechter, „ökologischer“, d.h.: grüngewaschen). Betrachtet man etwa das Wahlprogramm, nimmt man also parteipolitische Worte ernst, ist dort keineswegs die Rede von nationaler Kontrolle, Vergemeinschaftung oder einer genossenschaftlichen Umstrukturierung privatwirtschaftlicher Unternehmungen, und ein grundlegender Abschied vom progressiven Wachstumsdenken (als dem Kern modernen Wirtschaftens) wird nicht anvisiert. Zwar wird eine „sozial-ökologische Neubegründung“ der jetzigen Wirtschaftsform eingefordert. Sie stellt aber weniger einen wirklichen Neuanfang dar, sondern vielmehr eine Modifikation des Gegebenen, da man die „Neubegründung“ wie folgt definiert: „Wir wollen mit ehrgeizigen Vorgaben in Form von Grenzwerten, CO2-Reduktionszielen und Produktstandards der deutschen und europäischen Wirtschaft Planungssicherheit geben und Impulse für neue Investitionen setzen. Faire Preise sorgen dafür, dass sich klimagerechtes Handeln lohnt. Forschung und Innovationen für klimagerechtes Wirtschaften wollen wir stärker fördern.“[3] Das ist nicht nur im Einklang mit den herrschenden Zeittendenzen des Greenwashing bei nationalen wie internationalen Konzernen und Großunternehmen, die ihrerseits längst ebenjenen Jargon der klimagerechten Ausstaffierung ihres Tun und Handelns verinnerlicht haben und tagtäglich reproduzieren, sondern erweist sich darüber hinaus auch als harmonisierbar mit der kapitalistischen Produktionsweise als solcher, die Innovationen und Krisenschübe fest eingepreist hat. „Wenn eine Krise zuschlägt, ordnet sich der Kapitalismus gewöhnlich neu“, schreibt Nick Srnicek mit Recht.[4] Das erweist sich auch bezüglich der besonders medial allgegenwärtigen „Klimakrise“ als Konstante.
Da globales kapitalistisches Wirtschaften mit seinen vulnerablen Handelsketten, naturzerstörerischen Vorgehensweisen und der Ausbeutung endlicher Ressourcen ökologische Katastrophen hervorruft, die profitschädigend sind, liegt es im ureigenen Selbsterhaltungsinteresse des Kapitalismus, eine „grüne“ bzw. „nachhaltige“ Transformation seiner Strukturen zu erreichen, ohne aber die Axt an die eigene Wurzel – Profit- und Wachstumsstreben – legen zu müssen. Den Grünen obliegt es dabei als parlamentarischer Speerspitze dieser Neuordnung in der Bundesrepublik Deutschland, meta- wie realpolitische Stimmungslagen zu erzeugen, die den „sozial-ökologischen“ Umbau der Verhältnisse als erforderlich betrachten und eventuelle Widerstände überwinden. „Der“ Kapitalismus – bzw.: die Summe aller auf kapitalistischer Grundlage basierenden Verhältnisse – benötigt ein neues Produktionsregime, einen „klimagerechten“ Anstrich und einige umweltbezogene Akzente, um seine eigene Legitimation angesichts einer vor allem in der westlichen Welt reüssierenden, moralpolitisch unterfütterten Klimaideologie bewahren zu können. Tatsächlich sind speziell in der Bundesrepublik Deutschland die Grünen genannte Speerspitze insofern, als sie den Bundesbürger am vehementesten für die grüne Ummantelung (das eigentliche Greenwashing) der Wirtschaft agitieren. Allein auf weiter Flur stehen sie keineswegs, was einmal mehr die Evidenz vorpolitischer (metapolitischer) Arbeit unterstreicht. Der vereinigten Klimabewegung – ob in Wissenschaft, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Aktivistengruppen etc. – ist es gelungen, ihr Thema nicht nur zu „setzen“, sondern auch zu einem die gesellschaftlichen Debatten dominierenden Sujet zu machen; an einer entsprechenden Positionierung kommt in der Folge nicht vorbei, wer realpolitisch wirken möchte. Auch die alten Regierungsparteien CDU/CSU und SPD sind längst auf den Klimazug (als das derzeit dominierende Transportmittel des grünen Kapitalismus) samt eingeleiteter, die Versorgungssicherheit sprengender „Energiewende“ aufgesprungen, die FDP raunt ebenfalls von klimaverträglichen Innovationen, weshalb die ab Ende 2021 / Anfang 2022 regierende Ampelkoalition (SPD, FDP, Grüne) keine schwere Geburt war. Die strauchelnde Linkspartei (4,9 % bei der Bundestagswahl) versucht mehr schlecht als recht, tatsächlich problematische Widersprüche zwischen ökologischer (und damit heute: klimabezogener) und sozialer Frage auszutarieren, wobei speziell in den jüngeren Parteigliederungen ebenfalls eine explizit grünwaschende Wortwahl dominiert, nur eben mit dem für diese Partei klassischen Zusatz, daß allein „die Reichen“ für diesen Strukturwandel aufzukommen haben. Anders gesagt: Dafür, daß der „grüne“ Kapitalismus in Deutschland ein real existierendes Zukunftsmodell wird, bedarf es gar keiner „grünen“ Partei in Regierungsverantwortung: Die Entwicklung wird sich auch ohne ihr explizites Zutun beobachten lassen; die Zeittendenz ist augenfällig. Die Grünen als Partei bleiben Speerspitze, stehen aber eben keineswegs allein auf weiter Flur mit ihren Positionen.
Dafür spricht beispielsweise die Entwicklung des Projekts „Green New Deal“ (GND). Diese Idee, die namentlich auf den ökonomisch erfolgreichen Strukturwandel der USA zu Zeiten des „New Deal“ (1933–1938) unter Präsident Franklin D. Roosevelt rekurriert, der umfassende soziale und wirtschaftliche Probleme der „Großen Depression“ löste, ist eine ursprünglich „linke“ Agenda. Heute wird sie, liberal sowohl überwölbt als auch unterfüttert, von der Europäischen Union (EU) und ihrem Motor Deutschland forciert. Ursprünglich links war sie, weil die ersten Vorschläge zu einem GND um 2008 aus links-„progressiven“ Kreisen Großbritanniens kamen, die als „The Green New Deal Group“ einige Beachtung fanden. Ihre wichtigsten Ziele können, mit der Umweltökonomin Tone Smith, wie folgt zusammengefaßt werden: strukturelle Umgestaltung nationaler und internationaler Finanzsysteme, Investitionen in Energieeinsparung und in erneuerbare Energien sowie Verbindung dieser Maßnahmen mit Nachfragesteuerungsinstrumenten (im Anschluß an die interventionistische, reformkapitalistische Bewegung des Keynesianismus). Doch bereits hier, bei der durchaus linken (aber nicht sozialistischen) Green New Deal Group, lag das Augenmerk auch auf „Maßnahmen, um die Wirtschaft wieder zum Wachsen zu bringen“, nur daß gleichzeitig „auf die Umwelt Rücksicht zu nehmen“ sei.[5] Wirtschaftswachstum, Konsumsteigerung für alle und Produktivismus waren also, wie im vorbildhaften „New Deal“ der 1930er Jahre, immanenter Bestandteil des originären Vorhabens des „Green New Deal“ im 21. Jahrhundert.
Andere Exponenten eines GND waren zuletzt, wie Smith zusammenträgt, der sozialökologisch versierte Flügel der US-Demokraten um Alexandria Ocasio-Cortez, der sich insbesondere um Gerechtigkeitsfragen kümmerte (Schutz derjenigen Menschen weltweit, die unter Umweltproblemen besonders leiden), die sozialdemokratischen Aktivisten von „Labour for a Green New Deal“ in Großbritannien, die über die ursprüngliche Green New Deal Group in einigen Punkten hinausgingen, sowie abschließend die paneuropäisch-progressive Splitterpartei „DiEM25“ um den einstmaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis. Trotz aller Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Projekte: Sie alle tun sich schwer damit, „die Wachstumsökonomie direkt in Frage zu stellen“[6], ja mehr noch wagt es „keiner der Vorschläge[,] den Kapitalismus explizit in Frage“[7] zu stellen. Obschon zumindest einige wenige Akzente in eine postkapitalistische Richtung weisen könnten oder moderat wachstumsskeptische Gedanken in ihre Erwägungen einfließen lassen, behält der Salzburger Wirtschaftsgeograph Christian Zeller recht, wenn er konstatieren muß, daß auch „die stärker reformorientierten und eher wachstumskritischen GND-Modelle […] den Rahmen und die Zwänge der kapitalistischen Gesellschaft [akzeptieren]“[8]. Gewiß kann man, diesen Modellen fair begegnend, an dieser Stelle darauf hinweisen, daß es auch bei deren tüchtigsten Gegenspielern – bei genuinen „Neuen Rechten“, klassischen Konservativen, christlichen Natur- und Lebensschützern usw. – in der Regel nicht darum gehen kann, danach zu trachten, in einem globalen Coup den auf Wachstum angewiesenen und auf Naturzerstörung zusteuernden Weltmarkt abzuschaffen oder anderweitige utopistische Maximalprogramme im Zeichen eines vulgären Antikapitalismus vorzulegen – auch wenn dies Libertäre und Neokonservative zur Desavouierung des seit geraumer Zeit zu beobachtenden kapitalismuskritischen Neubeginns auf der gesamten politischen Rechten argwöhnen.
Der globale Wandel liegt nicht in unserem Einfluß- und Tätigkeitsbereich. Ebendies meinte der französische Philosoph Alain de Benoist mit seiner bekannten Wendung, wonach es darum gehen sollte, als erreichbares Nahziel „Räume der Freiheit und des Miteinanders zu schaffen“[9], postkapitalistische, nichtmonetarisierte, antimaterialistische Inseln gelebter Alternativität und Solidarität, um schrittweise eine politische Gegenmacht aufzubauen, bevor man – als Fernziel nach erfolgter „organischer“ Vergemeinschaftung – dazu übergehen kann, „den Staat zu bauen“, um eine Wendung des deutschen Lyrikers Gottfried Benn zu adaptieren.
Alle politischen Bewegungen, die auf wirkliche und nachhaltige Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse abzielen, sehen sich mit diesem Spannungsverhältnis von Nah- und Fernziel – Politik der kleinen Schritte versus konkrete Utopie eines anderen Deutschland, eines anderen Österreich, eines anderen Europa (oder, links der Mitte, einer anderen Welt) – konfrontiert. Es gilt für alle grundsätzlichen Nonkonformisten, gleich welches Etikett der Gesäßgeographie man ihnen anzuhängen gewöhnt ist, das, was Mario Candeias formulierte, nämlich zu „agieren in Kenntnis der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, aber in der Perspektive ihrer Verschiebung“[10], während man konstant an die realen Bedingungen und gesellschaftlichen Widersprüche anknüpft. Man kann das schlicht Erweiterung von Resonanzräumen für die eigenen Begriffe, Themen, Ideen und Vorstellungswelten nennen. Es muß „die Möglichkeit geben, im Hier und Jetzt so zu handeln, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen Umsetzung der Alternative erhöht“[11], wie der Soziologe Erik Olin Wright ergänzend einforderte.
Doch auch wenn diese links wie rechts analog vorfindbare Konstellation – anständig gegenüber den GND-Apologeten – berücksichtigt wird, bleibt davon das Faktum unbenommen, wonach es jene angeführten wachstums- und kapitalorientierten Geburtscharakteristika des GND sind, die es den herrschenden Interessengruppen aus Wirtschaft und Politik leichter gemacht haben, ihre Vorstellungen einer ökologischen bzw. klimaorientierten Modifikation der kapitalistischen Produktionsweise – d.i. Greenwashing – just unter dem gekaperten GND-Label hegemonial werden zu lassen. Beispielhaft anzuführen ist einerseits Jeremy Rifkins „Global Green New Deal“ und andererseits der von der EU-Kommission inaugurierte „European Green Deal“, wobei Rifkins Thesen mit den Plänen der EU-Eliten durchaus kongruent verlaufen. Rifkin, ein eigentlich US-amerikanischer Denker mit zahllosen Podien und damit Wirkungsmacht in europäischen Leitmedien, schwärmt frank und frei von der EU-Umformung Europas. Es werde „zu einem gigantischen, ungebremsten Experimentierfeld zur Neubestimmung der conditio humana und zum Umbau der menschlichen Institutionen im globalen Zeitalter“ kommen, und die Entwicklung der Union stelle eine „Synthese“ dar, „die die postmoderne Sensibilität gegenüber multiplen Perspektiven und multikulturellem Denken mit einer neuen universellen Vision verknüpft“.[12] Rifkin, der sich bei seinem „Global Green New Deal“ auf grüne NGOs und Klimabewegte beruft, fordert die „grüne“ Modernisierung der kapitalistischen Realitäten; bei ihm verschmelzen darauf aufbauend grüne (und linksliberale) Tendenzen des Zeitgeistes mit wachstumsorientierten Kapitalinteressen. Nichts anderes hat das wichtigste Gremium der EU-Bürokratie, die Kommission, im Sinn, in deren Verlautbarungen grüner und liberaler Jargon amalgamieren und sich somit zur EU-typischen Synthese vermählen. In dem am 11. Dezember 2019 vorgestellten „Europäischen Grünen Deal“ (EGD), mit dem sich alle (!) 27 Mitgliedstaaten, also auch die konservativen Hoffnungsländer Ungarn und Polen, dazu verpflichten, die EU bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen, heißt es in der Selbstpräsentation: „Klimawandel und Umweltzerstörung sind existenzielle Bedrohungen für Europa und die Welt. Mit dem europäischen Grünen Deal wollen wir daher den Übergang zu einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft schaffen, die bis 2050 keine Netto-Treibhausgase mehr ausstößt, ihr Wachstum von der Ressourcennutzung abkoppelt, niemanden, weder Mensch noch Region, im Stich lässt.“[13] Erreicht werden solle diese Beglückung von Mensch und Ökonomie – unter anderem – durch eine umfassende „Elektrifizierung der Wirtschaft und die umfassende Nutzung erneuerbarer Energien“, forciertes „Marktwachstum bei emissionsfreien und emissionsarmen Fahrzeugen“, eine CO2-Bepreisung für den Luft- und Schiffsverkehr, Förderung der Einführung erneuerbarer Kraftstoffe, darunter Wasserstoff, in Industrie und Verkehr, sowie Investitionen in diverse Technologien für erneuerbare Energien.[14]
Liest man diese Wunschliste des „Grünen Europäischen Deals“, liest man schlechterdings die Wunschliste des grüngewaschenen Kapitalismus an sich, ob er innerhalb Deutschlands parlamentspolitisch bzw. koalitionär künftig stärker durch Bündnisgrüne, Sozialdemokraten oder Christdemokraten vergegenständlicht wird. Aus diesem Grund kann der einstige grüne Politiker Rainer Trampert festhalten, daß der „Green New Deal“, wie er uns heute als Leitmotiv begegnet, ein unverzichtbarer Bestandteil „einer gründlichen Modernisierung des Kapitalismus“ ist, „der neue Felder der Mehrwertproduktion erschließt, altes Kapital durch neues, produktiveres ersetzt (Big Data, E-Mobilität, G5, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz) und die Schäden des Klimawandels durch den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe eindämmen will“.[15] An den Grundlagen der progressiven, wachstumsorientierten und damit immanent natur- und umweltzerstörerischen Produktionsweise auf globaler Ebene wird indessen nicht gerüttelt. Trampert, der die heute zur dritten BRD-Staatspartei nach Union und SPD werdenden Grünen bereits 1990 verließ, holt zur Untermauerung der These nicht Relikte wie Karl Marx oder Postwachstumsaktivisten heran, sondern den Chief Executive Officer (CEO) von Siemens, Roland Busch. Ihm zufolge steige mit jedem weiteren Jahr, „in dem wir nicht die Trendwende schaffen, der Druck auf den Kessel. Die notwendige Anpassung wird dann immer teurer und schmerzhafter“. Aber, und so finden wachstumsorientierte, grüngewaschene Kapitalisten aller Couleur einträchtig zusammen: Der Wirtschaftsraum müsse weiter wachsen, denn „wenn wir das beschädigen, haben wir ein Riesenproblem“.[16]
Nicht berücksichtigt werden von den „grünen“ Kapitalisten – vom Siemens-CEO bis zu den linken Bündnisgrünen – damit jene virulenten Fragen des frühen 21. Jahrhunderts, die eigentlich tatsächlich grüne Fragen sein sollten: Gibt es tragfähige Alternativen, wenn wir die Verbrennung fossiler Brennstoffe schrittweise aussetzen (was sogar aus konservativer, ressourcenschonender Positionierung heraus vermittelbar sein könnte)? Wie kann man die energetische Abhängigkeit Kontinentaleuropas von den arabischen Staaten, Rußland und den USA reduzieren und soviel Energie wie möglich bei uns produzieren, um künftigen „Blackouts“ – flächendeckenden Stromausfällen et al. – vorzubeugen? Wie kann ein nachhaltiger, gesunder Strommix aussehen, ohne einerseits unkritisch Atompolitik zu verherrlichen und andererseits den naiven Träumen der Windkraft- und Sonnenenergieutopisten anzuhängen? Wie kann Nachhaltigkeit als urkonservatives Prinzip in der Energie- und Ressourcenpolitik überhaupt durchgesetzt werden? Wie sieht es, daran unmittelbar anschließend, aus mit der Verwertung der Natur und ihrer restlosen Eingliederung in die Mechanismen des Marktes? Kann man ein System, das vom Überfluß lebt, denn überhaupt auf nachhaltige Füße stellen, oder wird ihm lediglich ein moralpolitisch aufgeladenes, ökologisch-klimaorientiertes, grüngewaschenes Bewußtsein übergestülpt, das dem herrschenden linksliberalen Zeitgeist innewohnt? Kann man eine Produktionsweise, die die Bestände verzehrt, die Substanz zersetzt und zunehmend alle Lebensbereiche umfaßt, wirklich natur- und umweltbewußt „einhegen“ oder „modifizieren“? Ist es nicht vielmehr so, daß ein Schiff, das auf einen Eisberg zufährt, auch dann noch mit diesem kollidieren würde, wenn man die Spiel- und Verhaltensregeln für die Passagiere auf hoher See zwar drastisch verändert, aber die grundlegende Fahrtrichtung beibehält? Und ist es nicht so, daß am Anfang jedweden Veränderungsstrebens die vernunftbezogene, urkonservative Einsicht stehen müßte, „daß ein unendliches materielles Wachstum in einer endlichen Welt nicht möglich ist“[17]? Allein, mit der Formulierung dieser Erkenntnis Alain de Benoists ließen sich nun mal keine Wahlen gewinnen – ob in Deutschland oder Österreich. Das gilt für Grüne freilich ebenso wie für mögliche freiheitliche Alternativen.
[1] Joachim Krause: „Deutschland leidet unter intolerantem Liberalismus“; in: Neue Zürcher Zeitung v. 20. Oktober 2021.
[2] Marcel Mauss: Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale, Frankfurt a.M. 2017, S. 223.
[3] Bündnis 90 / Die Grünen: Bundestagswahlprogramm, Berlin 2021, S. 16.
[4] Nick Srnicek: Plattform-Kapitalismus, Hamburg 2018, S. 39.
[5] Tone Smith: „Wie radikal ist der Green New Deal?“; in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 202 (März 2021), S. 9–30, hier S. 12.
[6] Ebd., S. 27.
[7] Ebd., S. 28.
[8] Christian Zeller: „Green New Deal als Quadratur des Kreises“; in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 202 (März 2021), S. 31–50, hier S. 39.
[9] Alain de Benoist: Am Rande des Abgrunds. Eine Kritik der Herrschaft des Geldes, Berlin 2012, S. 173.
[10] Mario Candeias: „Passive Revolutionen vs. sozialistische Transformation“ (RLS-Paper), verfügbar via rosalux.de/publikation/id/3914/, Berlin 2010. An anderer Stelle schrieb der Redakteur der Zeitschrift „Das Argument“ zur Dialektik aus Nah- und Fernziel, zu dem Spannungsfeld zwischen Reform und Revolution: „‚Revolutionäre Realpolitik‘ im Sinne Luxemburgs hebt den falschen Gegensatz zwischen Reform und Revolution auf. Revolutionär bezieht sich auf den umwälzenden, transformatorischen und an die Wurzel gehenden Charakter einer Politik, weniger auf den gewaltsamen Umschlagspunkt revolutionärer Machtergreifung. Einen solchen herbei zu wünschen oder herbeizureden ist unmöglich. Sich auf den Bruch zu konzentrieren hieße, sich politisch handlungsunfähig zu machen und zum ‚revolutionären Warten‘ zu verdammen. Was radikal wirkt, taugt dann nicht mehr zur Intervention.“ Vgl. ders.: „Mal was Theoretisches: Revolutionäre Realpolitik“; in: freitag.de/autoren/mariocandeias/mal-was-theoretisches-revolutionare-realpolitik, Zugriff jeweils am 14.11.2021.
[11] Erik Olin Wright: Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus, Berlin 2017, S. 11.
[12] Jeremy Rifkin: Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht, Frankfurt a.M 2004, S. 97 f., hier zit. n. Andreas Wehr: Der europäische Traum und die Wirklichkeit. Über Habermas, Rifkin, Cohn-Bendit und die anderen, Köln 2013, S. 23.
[13] ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/european-green-deal_de, Zugriff am 15.11.2021.
[14] ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/european-green-deal/delivering-european-green-deal_de, Zugriff am 15.11.2021.
[15] Rainer Trampert: „Revitalisierung der Akkumulation“; in: Jungle World v. 22. April 2021.
[16] Zit. n. ebd.
[17] Alain de Benoist: Abschied vom Wachstum. Für eine Kultur des Maßhaltens, Berlin 2009, S. 25. Von Benoist stammt auch die Einsicht, daß Natur- und Umweltschutz von linker Seite usurpiert wurden, eigentlich jedoch in den konservativen, rechten Kosmos gehören: „Tatsächlich ist die Umweltbewegung eindeutig konservativ insofern, als sie Lebensqualität, organische Gemeinschaft, traditionelle Lebensgrundlagen, die Vielfalt der Arten wie der Kulturen zu bewahren sucht, und revolutionär insofern, als sie den radikalen Bruch mit der produktivistischen Ideologie fordert, auf der weltweit die Logik des Kapitals und des Markts gründet.“