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20 Jahre Militäreinsatz des „Westens“ in Afghanistan, 20 Jahre vielfältige Versuche, in diesem Land der Stammeskulturen zivilgesellschaftliche Werte in Form von Nation building einzuführen: Alles vergeblich! Der Westen unter Führung der USA hat sich aus dem Land überstürzt zurückgezogen. Dabei kam es zu dramatischen Bildern am Kabuler Flughafen, wo sich verzweifelte Menschen an startende US-Transportflugzeuge klammerten. Sie erinnerten viele an vergleichbare Chaosbilder, die 1975 beim Abzug der Amerikaner aus Vietnam in Saigon entstanden. Unser „Abendland“-Interviewpartner, Professor Menno Aden, der das Land selbst im Rahmen eines Experteneinsatzes in Afghanistan kennenlernte, sieht im Debakel von Kabul einen ähnlichen Wendepunkt der Weltgeschichte wie der Fall von Konstantinopel 1453. Damals eroberte der Islam eines der bedeutendsten Symbole des Abendlandes. Jetzt hat der Islam die Vormacht des Westens, und damit auch uns Deutsche und Europäer insgesamt, regelrecht vorgeführt.
Mit Prof. Dr. Menno Aden sprach Bernd Kallina
Herr Professor Aden: Als Sie die verzweifelten Menschen auf dem Rollfeld des Kabuler Flughafens beim Abzug der US-Truppen sahen, was ging Ihnen da spontan durch den Kopf?
Folgendes: Nähe schafft Rechte und Pflichten, Ferne aber erlaubt Nüchternheit. Deswegen ist es ein Unterschied, ob ein legal oder illegal nach Deutschland gekommener Mensch vor mir steht oder ob ich eine anonyme Masse in einem fernen Land betrachte. Ich habe mir bei den dramatischen Bildern ganz kalt gedacht: Was müssen wir uns mit dem Schicksal dieser Menschen belasten, wenn wir es doch nicht ändern können?
Andere Beobachter zogen angesichts der aufrüttelnden Chaosbilder einen Vergleich zu ähnlichen Szenen von 1975 in Vietnam. Sie erinnern sich sicherlich an die demütigende Hubschrauberrettungsaktion auf dem Dach der US-Botschaft in Saigon …
Natürlich schossen mir bei den Bildern aus Kabul die ganz ähnlichen Szenen durch den Kopf, die sich 1975 abspielten, als die USA nach fast 20 Jahren überstürzt aus Saigon abzogen. Damals habe ich, wie wohl die meisten meiner Zeitgenossen, mit Erschrecken zugeschaut, wie die USA ihre Versprechen, die Freiheit zu schützen, desavouierten. Das war dieselbe Zeit, in der die Sowjetunion in der Tradition des Russischen Reiches versuchte, das Big Game zu Ende zu spielen, Afghanistan zu erobern und bis zum Persischen Golf vorzustoßen. Es war auch die Zeit, als Angola und Mosambik sich mit kommunistischer Hilfe von der portugiesischen Kolonialherrschaft befreiten, als die Russen sich im Südjemen festgesetzt hatten und zu befürchten war, daß die Sowjetunion auch in Südafrika die Oberhand gewinnen werde. Die USA hatten mitleidlos den entschieden proamerikanischen Schah von Persien fallengelassen. Ich befürchtete, wie viele, ein immer weiteres Vordringen der Kommunisten. Bis dahin hatten wir ja geglaubt, daß die USA ein verläßlicher Bündnispartner zur Verteidigung auch unserer Freiheit in Westdeutschland sein würden. Ich glaube, mir geht es so wie den allermeisten: Das Vertrauen in die USA ist seit Vietnam schwer erschüttert.
Offenbar war man seitens der US-Führung nicht zu einer ordnungsgemäßen Evakuierung von dazu berechtigten Menschen in der Lage oder willens. Wie kann das der größten Militärmacht der Welt passieren? Anders gefragt: War ihr der katastrophale Imageverlust schlicht egal?
Ja, weil in den USA eine Mentalität der Kurzfristigkeit vorherrscht. Ein britischer Kollege, mit dem ich zusammen in Sarajewo unter einem amerikanischen Chef arbeitete, sagte mir einmal: „The Americans like a quick fix!“ Man will alles kurzfristig und sofort. Die politische Elite dort ist zudem der Meinung, daß die USA das größte und edelste Land der Erde, sozusagen der letzte Gedanke Gottes, seien. Daher können sie eigentlich gar nichts Unrichtiges tun. Ich nehme an, daß es Washington schlicht egal war, was die Welt von diesem überstürzten Abzug denken würde. Auch gilt dort das unbedingte Primat der Innenpolitik. Sobald sich die Wählerstimmung ändert, verleugnet die US-Regierung ihre hohen Worte und läßt ihre Verbündeten kalt fallen. Das lateinische Wort Quidquid agis […] respice finem – „Was immer du tust, bedenke das Ende“ – liegt ihnen nicht. Auch die Spätfolgen bedenklicher politischer Operationen interessieren sie weniger. Hinterher sind sie dann ganz erstaunt.
„Wir Deutsche müssen uns aus der Fremdbestimmung lösen!“
An welche weiteren historischen Beispiele denken Sie dabei?
Nachdem 1919 die USA durch ihren Eintritt in den Ersten Weltkrieg das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich zerschlagen hatten, wunderten sie sich über die nun ausbrechenden nationalen Streitereien – und zogen sich in die Isolation zurück. Ähnlich im Zweiten Weltkrieg: Um das ruchlose Deutschland von der Landkarte zu nehmen, siehe Morgenthauplan, machten die USA mit Josef Stalin gemeinsame Sache und waren ganz baff, als Stalin 1945 sein Terrorregime in ganz Europa östlich der Elbe einführte. Ähnlich in Ostasien: Das entschieden westlich orientierte Japan, der Bündnispartner des Ersten Weltkrieges, war den USA zu groß geworden, es wurde – wie man auf englisch sagt – cut down to size, auf seine für die amerikanischen Interessen passende Größe zurückgeschnitten. Es war aber doch abzusehen, daß der russische und chinesische Kommunismus in das nach der Zerschlagung Japans entstehende Machtvakuum einsickern würden. Daraus wurde der Koreakrieg, den die Amerikaner verloren haben, dann auch der Vietnamkrieg. Es ist zu befürchten, daß die USA auch aus dem Kabuldebakel nichts gelernt haben und wieder nur kurzfristig disponieren. Folgerung: Wir Deutsche müssen uns aus der Umklammerung und Fremdbestimmung durch US-amerikanische und notfalls auch europäische Partner lösen. Wir werden auch den USA und der NATO sagen müssen: Wir wollen im Bündnis bleiben, stehen aber für imperiale Ausgriffe der USA etwa gegen China oder Rußland, wie sie die Falken im Pentagon offenbar gerade durchspielen, nicht zur Verfügung. Wir Deutsche, nicht Amerika, wären in Sieg und Niederlage die Hauptopfer eines solchen Krieges, und ob die USA uns helfen würden, ist nach Kabul ohnehin zweifelhaft.
Weil sie gerade die NATO erwähnten: Das Afghanistandesaster ist ja auch eines seiner NATO-Bündnispartner, so der Bundesrepublik Deutschland. Sie entsandte insgesamt 160.000 Soldaten, hatte nach 20jähriger Beteiligung 59 Tote zu beklagen und brachte mehr als zwölf Milliarden Euro an Kosten auf. Ein hoher Preis – war er es wert?
Nein. Ich war im Jahre 2007 auf einem Experteneinsatz in Kabul. Die deutsche Beteiligung in Afghanistan war ein Vasallendienst, den wir für die Interessen der USA leisten zu müssen glaubten. Der SPD-Verteidigungsminister Struck verstieg sich bekanntlich zu der absurden Behauptung, die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland werde auch am Hindukusch verteidigt. Allerdings haben deutsche Politiker, von den hohen Militärs ganz zu schweigen, es offenbar genossen, deutsche Truppen in Afghanistan zu besuchen. Es gab ja eine regelrechte Teilnahmesucht. Jeder bestieg forsch die Transall-Maschinen und posierte tapfer als Soldat.
Dabei warnten sehr frühzeitig unabhängige Experten vor einem absehbaren Scheitern, so z.B. Peter Scholl-Latour. Schon kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 prophezeite er, daß der Afghanistankrieg nicht zu gewinnen sei. Warum hörte niemand auf ihn?
Abwägende Vernunft scheint oftmals keine Kategorie der praktischen Politik zu sein. Wenn eine Entscheidung ohne einen erkennbaren Sinn getroffen wird, gebraucht man ja häufig Leerformeln wie „politisch gewollt“. Das hatte oft die gräßlichen Folgen, die von den Vernünftigen vorhergesagt worden waren.
Ich denke z.B. an die verzweifelten Aufrufe von Jacques Necker an König Ludwig XVI., durch einschneidende Reformen die drohende Französische Revolution doch noch abzuwenden. Ich denke weiter an den russischen Ministerpräsidenten Sergeij Witte, der nach der mißlungenen russischen Revolution von 1905 Zar Nikolaus II. geradezu beschwor, endlich ein parlamentarisches System einzuführen, welches die Revolution von 1917 mit großer Sicherheit verhindert hätte. Ich denke auch an Jean Jaurès[i], der 1914 in Frankreich vor dem Krieg warnte. Necker und Witte wurden ungnädig entlassen, und Jaurès wurde ermordet – und sein Mörder wurde freigesprochen, weil er „patriotisch“ gehandelt habe. Konrad Haussmann (1857–1922) hatte in Deutschland das Gleiche in umgekehrter Richtung versucht; er wurde jedenfalls nicht ermordet. Aber es geht den Mahnern wie der altgriechischen Kassandra: Man will sie nicht hören und verhöhnt sie. Eines der seltenen Gegenbeispiele ist König Wilhelm von Preußen, der nach der Schlacht von Königgrätz 1866, freilich nach heftigem Widerstreben, Bismarck nachgab und Frieden schloß, ohne Österreich zu Abtretungen zu zwingen.
Die deutsche Beteiligung am Afghanistaneinsatz plakatierte mit der Zielsetzung, dort eine sogenannte Zivilgesellschaft aufzubauen. Hätte das überhaupt gelingen können?
Nach meinen – zugegeben – nur kurzen Erfahrungen in Afghanistan hätte das in Teilbereichen gelingen können, aber nicht als Quick fix. Auf allen meinen entsprechenden Einsätzen habe ich gefordert: Fangt nicht oben an, sondern unten. Richtet kleine Amtsgerichte, Gemeindeverwaltungen und kommunale Selbstverwaltung ein, gründet kleine Genossenschaftsbanken zur Ausgabe örtlicher Investitionskredite. In Afghanistan war nach dem Ersten Weltkrieg das Systemrecht deutscher Prägung eingeführt worden. Die in China, Japan und u.a. auch in Afghanistan übernommene auf das römische Recht zurückgehende deutsche Rechtssystematik steht im weltweiten Wettbewerb der Rechtssysteme in einer Dauerkonkurrenz zum common law britischer Prägung.[ii] Das bürgerliche Gesetzbuch Afghanistans wirkt daher teilweise wie aus dem deutschen BGB übernommen. Darauf hätten man aufbauen können. Aber die USA drückten auf der Grundlage ihres common law Vorstellungen durch, die nicht in das vorgegebene System passten, und wir Deutschen – ich erinnere mich an das anläßlich meines Schlußberichtes geführte Gespräch mit dem damaligen deutschen Botschafter – haben die Amerikaner machen lassen (müssen) – und so wurde gar nichts daraus.
Globalistisch orientierte Akteure glaubten ja tatsächlich an eine realisierbare Wende in Afghanistan in Richtung „Zivilgesellschaft“. So erwähnte Navid Kermani, der in Köln lebende Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, in einer Rede zu Afghanistan laut der „Zeit“ vom 4. November 2021: „Frauenrechte, Zugang zu Bildung, freie Presse, die Herausbildung einer Zivilgesellschaft, internationaler Austausch, die Entfaltung von Kunst, Literatur, Musik“. Das klingt nach sympathischer Naivität, oder?
Ich halte solche Aussagen für nicht „hilfreich“, um eine Phrase von Frau Merkel zu gebrauchen! Länder auf einem Entwicklungsstand wie Afghanistan benötigen – ich betone: „noch“ – keine Frauenrechte. Sie brauchen auch (noch!) keine freie Presse. Was sie brauchen, sind Volksschulen und Einrichtungen, die einfache Kulturtechniken vermitteln, Kreditinstitute, die so viel Vertrauen einflößen, daß kleine Leute Ihre kleinen Spargroschen dort zu investivem Kapital wachsen lassen können. Dann braucht es Versorgungsketten nach dem Muster von Aldi. Aber erst dann und viel später mag man an das denken, was Herr Kermani meint. Wie lange hat es doch bei uns in Europa gedauert![iii] Quick fix ist nix!
„Wir versteifen uns auf weiche Forderungen ohne politischen Biß“
Der sozialdemokratische Realpolitiker Egon Bahr konnte aus einem ganz anderen Fundus schöpfen. Zitat: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie und Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten.“ Hätte sich die Bundesrepublik als NATO-Bündnispartner der USA dem Afghanistaneinsatz im deutschen Interesse überhaupt entziehen können?
Recht hat er. Aber seine Parteifreunde und anscheinend mittlerweile alle Deutschen sind zu verbissenen Gutmenschen mutiert. Unser deutsches Problem dürfte darin liegen, daß wir letztlich nicht wirklich souverän sind. In einer solchen Lage kann man keine eigenen politischen Visionen entwickeln. So versteifen wir uns auf weiche Forderungen ohne politischen Biß. Ich habe noch von keinem deutschen Politiker gehört, der sich für die deutschen Minderheitenrechte in den deutschen Abtretungsgebieten oder für den Schutz des Alemannischen in Elsass-Lothringen eingesetzt hätte. Solche Forderungen stoßen auf politischen Gegenwind und erfordern Standkraft. Wir vergießen lieber Tränen über die verletzten Rechte der Palästinenser, Ukrainer u.a.
Herr Aden, hat „Das Werden des Imperium Americanum und seine zwei hundertjährigen Kriege“, so einer Ihrer Buchtitel zur Problematik, durch den Abzug aus Afghanistan eine entscheidende Wendung erfahren?
Ja, ich glaube, daß das Debakel von Kabul einmal als ein Wendepunkt der Weltgeschichte von einer ähnlichen Bedeutung wie der Fall von Konstantinopel (1453) erkannt werden wird. Damals eroberte der Islam eines der wichtigsten Symbole des Abendlandes. Die türkische Flut ergoß sich dann auch mit Unterstützung Frankreichs bis Wien. In Kabul hat der Islam die „Vormacht des Westens“ und damit auch uns Deutsche und Europäer geradezu vorgeführt.
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Mit welchen Folgen?
Die weltpolitische Bedeutung liegt darin, daß die USA endgültig als vertrauenswürdiger (Bündnis-)Partner ausscheiden. Nach dem Ersten, mehr noch nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Britische Weltreich durch seine miserablen militärischen Einsätze (1916 Gallipoli, 1940 Dünkirchen und Narvik, 1942 Singapur usw.) den Respekt seiner Untertanenvölker, zumal in Asien, verspielt. Die USA traten 1919 praktisch das Erbe der Briten an und wurden die beherrschende Macht in Asien. Mit weißen Uniformen (für Negroes waren die freilich nicht!) und mit dem Blick hinab machte man sich über die „mickrigen“ Chinamen und Pakis lustig oder trieb, wie im letzten Irakkrieg, mit nackt ausgezogenen Arabern in Abu Ghuraib erniedrigende Sexspielchen. Diese und andere Demütigungen an Menschen, die alten Kulturvölkern angehörten, führen nun zu Rachegelüsten, die in dem Maße ausagiert werden, wie der Respekt vor dem Westen schwindet. Kabul wird zum Symbol dafür werden, daß der Gott der Muslime doch mächtiger sei als der Gott, den die Amerikaner auf ihrer Dollarnote (In God we trust) vor sich hertragen. All das wird aber leider nun auch vor unsere deutsche Türschwelle gekippt werden.
Der Wendepunkt des amerikanischen Ansehens in Asien war schon der Zweite Weltkrieg. Vielen wurde bewußt, daß die USA zwar in Unternehmen gegen weit Unterlegene ihre Herrschaft erweitert hatten (z.B. Eroberung von Texas, Neumexiko, Panamakanal, Hawaii, Guam, Samoa, Philippinen), daß sie aber gegen einen gleichwertigen Gegner noch nie allein Krieg geführt, geschweige denn gewonnen hatten.
Bei einer weltpolitischen Lageanalyse von Machtkonstellationen der USA und des sogenannten Westens zeigen sich deutliche Veränderungstendenzen im negativen Sinne, z.B. in Korea, Vietnam, Persien, Irak, Afghanistan, Taiwan, Australien, Neuseeland und Ozeanien, den Französischen Kolonien im Pazifik, in Singapur, Afrika sowie Asien insgesamt (siehe Kasten dazu auf Seite xy):
Weltpolitische Lageanalyse von Machtkonstellationen
„Die NATO ist in ihrer jetzigen Form unglaubwürdig und daher sinnlos“
Welche Folgerungen ziehen Sie aus dieser weltpolitischen Konstellationsanalyse für die bündnispolitisch in der NATO gebundenen Deutschen und andere Europäer?
Die NATO ist, nachdem sich die Führungsmacht militärisch und politisch als unzuverlässig erwiesen hat, in ihrer jetzigen Form unglaubwürdig und daher sinnlos. Europa könnte an eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft denken, wie sie nach 1950 im Gespräch war. Jedenfalls müßte eine grundlegende Revision des NATO-Vertrages gefordert werden. Für uns Deutsche käme damit in Betracht, unser Verhältnis zu Rußland neu zu ordnen. Für uns käme dann auch endlich in Betracht, mit Polen über einen Friedensvertrag zu sprechen.
Der Historiker Thomas Spahn sieht in den Entwicklungstendenzen von Washingtons neuer Politik eine „Trump-Biden-Doktrin“ am Werk. In seinem Beitrag in „Tichys Einblick“ registriert er einen von US-Präsident Joe Biden eingeschlagenen außenpolitischen Paradigmenwechsel, der vorher schon von Donald Trump eingeleitet wurde. In sogenannte Shithole countries mische man sich nicht mehr ein, sondern sichere die Interessen in Regionen, wo die Demokratie bereits fest verankert sei. Teilen Sie diese Einschätzung?
Wie ich in „Imperium Americanum“ dargelegt habe, verfolgten die Vereinigten Staaten von Amerika seit ihrer Gründung eine religiös unterlegte Weltbeherrschungspolitik. Die Amerikaner sehen sich als die von Gott berufenen Nachfolger des auserwählten Volkes der Juden. Theologisch abstrus, aber politisch wirkkräftig, beziehen sie Worte des Alten Testaments, welche diese Erwählung beglaubigen, unmittelbar auf sich, z.B. Psalm 18, 44 ff.: „Du Gott machst mich zum Haupt unter den Heiden: Ein Volk, das ich nicht kannte, gehorcht mir mit gehorsamen Ohren. Gott zwingt die Völker unter mich und erhöht mich aus denen, die sich wider mich setzen.“
Die USA bleiben zweifellos ein sehr leistungsfähiger Staat. Aber es haben sich auch andere Staaten entwickelt. Nicht nur China und Indien, auch die oft übersehenen volkreichen Staaten wie Indonesien, Mexiko, Brasilien, aber auch afrikanische Staaten haben aufgeschlossen. Selbst Amerikaner erkennen, daß viele ihrer Institutionen ebenso brüchig geworden sind wie ihre Infrastruktur. Die Arroganz, welche sich in Wörtern wie shithole („Scheißhaus“) zeigt, könnte sich gegen die USA selbst kehren. Die rassischen Gegensätze könnten die USA selbst zu einem Shithole zersprengen.
Ein weiterer Hinweis von Spahn läßt aufhorchen: die Abkehr von der „Weltregierungsidee“ seitens der US-Administration. Fatal sei allerdings, daß die Globalisten, die in den UN und der EU sitzen, so der Historiker, den Paradigmenwechsel der USA „nicht einmal im Ansatz begriffen“ hätten.
Das ist nachvollziehbar. Die UNO hat ihren Sitz in New York. Im Sicherheitsrat gibt es fünf Stimmen mit Vetomacht, davon stehen drei praktisch in der Verfügung der USA (USA, Frankreich, Großbritannien), je eine gehört Rußland und China. Daher wurde die UNO, nicht selten zu Recht, als ein Instrument amerikanischer Machtansprüche verstanden und von den USA auch so gebraucht. In ihrer jetzigen Form ist die UNO daher nicht zukunftsfähig. Ihr Grundgedanke, der, beiläufig gesagt, wesentlich von Immanuel Kant stammt („Zum Ewigen Frieden“, 1795), bleibt aber berechtigt. In welcher Weise die UNO umzugestalten ist, womit zugleich eine Änderung des Völkerrechtes verbunden sein müßte, kann im Rahmen dieser Ausführungen nicht vertieft werden. Ob die Europäische Union den Paradigmenwechsel verstanden hat? Das glaube ich schon. Nur wir Deutsche, angeblich die Ankermacht dieses Staatenverbundes, sind noch zu sehr im kontinentalen Denken verhaftet. Das ist, so glaube ich, eine Folge davon, dass wir nie zu einer wirklichen Kolonialmacht wurden.
Wie geht es weiter?
So wichtig die Reformation, die Französische Revolution usw. auch waren, die eigentliche Weltrevolution, die Europa und die Welt zu dem, was sie heute sind, gemacht hat, besteht in der Erfindung und Entwicklung der Elektrizität, die – beiläufig gesagt – in Deutschland ihren Anfang nahm.[i] Die dadurch ermöglichte weltweite Vernetzung von Menschen und Staaten, die in Form des Internets und des Zugangs eines jeden Menschen zu praktisch allem überhaupt verfügbaren Wissen existiert, wird dazu führen, daß Nationalstaaten und Stammeszugehörigkeiten an Prägekraft verlieren. Es wird ein neues Völkerrecht entstehen, und vielleicht wirklich so etwas wie der von Kant postulierte „Ewige Frieden“. Bis dahin wird es aber noch dauern, und bis dahin müssen wir versuchen, unseren deutschen und europäischen Kopf „über Wasser zu halten“.
Herr Professor Aden, vielen Dank für dieses Gespräch.
[i] Vgl. Menno Aden: Kulturgeschichte der deutschen Erfindungen und Entdeckungen. Von Albertus Magnus bis Konrad Zuse, Paderborn 2017.