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Kämpfende Wissenschaft

Kämpfende Wissenschaft

Von D dr. Christian Machek

In Europa, insbesondere in Mitteleuropa, ist im konservativen und rechten Spektrum ein politisch-akademischer Aufbruch feststellbar. Angesichts der Verengung des Geistes an staatlichen Universitäten im Westen mit ihren zunehmenden Freiheitseinschränkungen geht es um eine gezielte Elitenbildung für die Zukunft in Rückbesinnung auf das abendländische Erbe. Eine Übersicht.

In seinem Vortrag bei einer Konferenz der neugegründeten polnischen Universität „Collegium Intermarium“ über akademische Freiheit attestierte der niederländische Professor Andreas Kinneging, der Westen habe ein großes Problem, nämlich seine Universitäten. Diese Einrichtungen, die die einflußreichste Schicht der Gesellschaft hervorbringen, seien überall von „perniziösen Ideologien“ befallen, die – wie einst der Kommunismus – einen radikalen Egalitarismus forcieren und „reaktionäre“ Elemente vernichten (wollen).[i] Dies sei etwa in den sich in allen Fachbereichen ausbreitenden Genderstudien festzustellen, die ihre Kritiker mit dem Bann der Cancel culture versehenes gilt ein Frageverbot. Dies erlebte unlängst die britische Philosophin Kathleen Stock, der „Transphobie“ vorgeworfen wurde, weil es für sie zwei Geschlechter gibt, und die nach einer übernationalen Hetzjagd ihre Professur niederlegte.[ii] Der Verlust der Forschungsfreiheit sowie auch der Wahrheitsfrage durch einen Relativismus und insbesondere der damit verbundene Verlust des Strebens nach charakterlicher Vollkommenheit führt an den Universitäten nicht zum Fortschritt, sondern zu einer beispiellosen Nivellierung und einem neuen Totalitarismus. Politische Haltung und nicht Sachkompetenz ist gefragt – die Freiräume werden immer enger.[iii] Die einst im kommunistischen Narrativ als Objekt der Geschichte geltende Arbeiterklasse wurde durch diverse angebliche Opfergruppen ersetzt, wie die Frau, die Minderheitenrasse, Homosexuelle mit ihren jeweiligen angeblichen „Gefühlen“ – Täter soll der weiße (alte) Mann sein. Selbstverständlich wird (wie einst von Josef Stalin vorgegeben) der „antifaschistische Kampf“ bemüht, wenn man etwa exemplarisch den Dozenten der Universität Trier, Markus Linner, betrachtet, der in suggestiver Gesinnungsschnüffelei jeden redlichen Maßstab von Objektivität vermissen läßt und längst keine „Substanzwissenschaft“ (Eric Voegelin) mehr betreiben will oder kann. Inhaltliche Auseinandersetzungen oder Diskurse finden kaum mehr statt, es gilt das Recht der politisch Stärkeren, die diejenigen sind, die über Förderungstöpfe herrschen und Positionen besetzen.

Das humboldtsche Ideal der Bildung in Freiheit und Verantwortung wurde durch den Bolognaprozeß vernichtet, und Verschulungstendenzen wurden dadurch gefördert. Die Lehre ist einer depressivmachenden Leere gewichen. Daß die aggressiven und utopische Ideologien religionsfeindlich sind, soll nicht verwundern: An den Universitäten herrscht die größte Konzentration von Atheisten, während sich der Säkularismus weltweit zurückzieht.[iv] In ihrem Selbstverständnis verstehen sich die ’68er-Linken als Avantgarde und meinen moralistisch sowie ressentimentgeladen, zu den Guten und Aufgeklärten zu gehören sowie in einer Fortschrittsgläubigkeit auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen und deswegen auch gendern zu müssen. Was einst als Ideologiekritik begann hat, sich als gefährliche Ideologie etabliert.


[i] „Academic Freedom: Rod Dreher, David Engels, Andreas Kinneging, John O’Sullivan and Michael Sommer“ (YouTube).
[ii] Vgl. „Wer hat das Nachsehen, wenn biologische Männer im Frauensport starten?“; in: NZZ v. 5. November 2021.
[iii] Vgl. David Engels: „Freiräume gesucht“; in: Tagespost v. 20. Mai 2021.
[iv] Darauf verwies etwa der prominente Soziologe Peter Berger. Vgl. Peter Berger: Nach dem Niedergang der Säkularisierungstheorie, Münster 2013.
Dr. Wolfgang Fenske leitet die „Bibliothek des Konservatismus“, in der auch regelmäßig Vorträge stattfinden.

Was tun?

Nun gehen die beschriebenen und bekannten Mißstände auf falsche Weichenstellungen der Vergangenheit zurück, die nur schwer zu korrigieren sind. Eine Besinnung und ein Umdenken auf den ursprünglichen Sinn von Universität würde not tun. Doch wird eine Besinnung und ein Umdenken eher von außerhalb der etablierten Universitäten kommen, nämlich durch Neugründungen, die eine Vorbildwirkung entfalten können. Und vom Bereich außerhalb der Hochschulbildung sind in junger und jüngster Vergangenheit nennenswerte Initiativen ausgegangen, die im folgenden chronologisch kurz vorgestellt werden:

  • Als erste Fakultät der Universität gilt seit jeher die Theologie, die deswegen auch in den Lehrveranstaltungsverzeichnissen an erster Stelle steht. Südlich von Wien gibt es zwei theologische Hochschulen, das „Internationale Theologische Institut für Ehe und Familie“ in Trumau bei Wien und die „Päpstliche Hochschule Papst Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz im Wienerwald, die sich so wie traditionalistische Priesterseminare des Wachstums erfreuen, während andere diözesane Priesterseminare und Hochschulen geschlossen werden. Beide Einrichtungen bieten neuerdings ein Studium generale für junge Studenten und weitere Studienangebote an, verfügen über revitalisierte Campus und haben u.a. ein Medienzentrum für die Evangelisation errichtet.
  • In Ungarn wurde die Notwendigkeit einer konservativen Kaderschmiede von der ersten Orban-Regierung früh erkannt und 1996 das „Mathias Corvinus Collegium“ gegründet, das von der Regierung unterstützt wird. Diese Einrichtung fördert gezielt junge Talente der nächsten „patriotischen Generation, die ungarische Interessen vertritt“. Man hat sich die Stärkung lokaler Gemeinschaften zum Ziel gesetzt, Schulen gegründet, bauliches Kulturerbe wieder instand gesetzt sowie auch eine Forschungseinrichtung mit international renommierten Wissenschaftlern gegründet.
  • Auf Initiative Casper von Schrenck-Notzings, des Herausgebers des „Lexikons des Konservativismus“, wurde 2007 die Vanenburg-Gesellschaft gegründet, die sich offiziell „Center for European Renewal“ nennt und alljährlich eine Konferenz mit konservativen Denkern aus Europa und dem Rest der Welt veranstaltet. Am letzten Treffen in Oxford nahmen 500 Gelehrte und Politiker teil. Aus dieser Initiative ist das englischsprachige Magazin „The European Conservative“ hervorgegangen.
  • In Berlin wurde 2012 die „Bibliothek des Konservatismus“ gegründet, die sich als Denkfabrik versteht, regelmäßig Veröffentlichungen publiziert, Veranstaltungen organisiert und auch ein Studienprogramm anbietet. Ihr Bestand umfaßt zurzeit 34.000 Bände und wird gern von linken Studenten genutzt.
  • Das „Renovatio-Institut“ ist eine Denkschmiede, die Ereignisse und Entwicklungen zum Thema kulturelle Resilienz im Sinne einer christlichen Soziallehre analysiert. Es gibt laufende Analysen und Publikationen, etwa zu Themen wie Gemeinschaftssinn, ganzheitliche Ökologie oder Männerbund.
  • Im deutschsprachigen Raum ist als neue außeruniversitäre Initiative die von Martin Sellner gegründete „GegenUni“ zu nennen. Diese bietet seit dem Wintersemester 2021 Onlinekurse und -lesekreise an, um Konservativen und Patrioten qualitativ hochwertige Theoriearbeit zugänglich zu machen. Das erklärte Ziel der neuen Universität ist es, die metapolitische Dominanz von links zu brechen.
  • In Warschau wurde am 1. Oktober 2021 feierlich mit Vertretern der polnischen Ministerien und internationalen Experten das „Collegium Intermarium“ eröffnet, das zunächst ein Studium der Rechtswissenschaften sowie diverse Studien etwa zum Thema Familienpolitik anbietet. Diese Neugründung, die vom „Ordo-Iuris-Institut für Rechtskultur“ ausgeht, versteht sich selbstbewußt als Reaktion auf die Krise der Universitäten und hat ein klares Bekenntnis zu abendländischen Werten abgegeben.

Dieser Auflistung wären etwa das im Jahr 2000 gegründete „Institut für Staatspolitik“ in Schnellroda/Sachsen-Anhalt mit halbjährlichen Akademien beizufügen; demnächst wird die 2017 gegründete, AfD-nahe „Desiderius-Erasmus-Stiftung“ mit staatlichen Fördergeldern weitere Aktivitäten entfalten. In Frankreich hat sich seit 2004 das „Institut de formation politique“ etabliert und 2018 wurde von Marion Maréchal das „Institut des science sociales économique et politiques“ gegründet.[1] Auch in Italien macht die „Fondazione Tatarelle e Natione Futura“ von Francesco Giubilei auf sich aufmerksam; die Wiedereröfnnung des von Steve Bannon inspirierten „L’Instituto Dignitatis Humanae“ im Kloster Trisulti wird noch blockeiert. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Dissidenten an den staatlichen Fakultäten. Zu diesen gehören auch glaubwürdige politische Konvertiten wie etwa der emeritierte Professor Norbert Bolz, der für das „CATO“-Magazin schreibt. Auch ist zu beobachten, daß mitteleuropäische Einrichtungen die Absicht haben, auf westeuropäische Bildungseinrichtungen auszustrahlen. Repräsentativ hierfür steht etwa der Serbe Dušan Dostani? vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Belgrad, ein guter Kenner der deutschen Romantik, der politisch-akademisch aktiv ist und u.a. Konferenzen etwa zu Themen wie der Französischen Revolution oder zum Konservativismus organisiert.

Vom Sinn der Universität

Die genannten Einrichtungen stehen repräsentativ für einen nichtlinken akademischen Aufbruch, dem anzumerken ist, daß er professionell ist und auch fleißig publiziert. Es wird mit Überzeugung und Idealismus gearbeitet, auch findet eine gezielte internationale Vernetzung statt. Sie schließen langsam eine große Lücke, wobei von einer Waffengleichheit noch lange nicht die Rede sein kann. Nicht zu vergessen ist auch, daß Lehrer an staatlichen Schulen auf staatlichen Hochschulen geformt werden. Ebenso wie auf dem akademischen Gebiet gibt es im schulischen Bereich Möglichkeiten privater Neugründungen sowie auch des Heimunterrichts, die beide zunehmend wahrgenommen werden. Hierfür können die USA ein Vorbild sein, wo sich seit vielen Jahren rechte Denkschmieden (Thinktanks) etablieren konnten.

Es ist festzustellen, daß die Linke eine selbstgefällige Denkfaulheit fördert und die Menschen nicht nur zu einer Kritikunfähigkeit und Unmündigkeit, sondern auch zu einer unfruchtbaren Unreife verbildet. Gegen diese geförderte Senkung der Standards gilt es, eine „kämpfende Wissenschaft“ (Othmar Spann) zu etablieren, die wieder Fundamentalfragen stellt, gewährleistet, in Offenheit nach der Wahrheit und somit Wirklichkeit zu forschen, und auch Mut zum Bekennertum hat. Dies entspräche bester abendländischer Tradition mit ihrer Universitätstradition, die aus dem christlichen Bildungsgedanken und somit den mittelalterlichen Kloster- und Domschulen hervorgingen. In dieser Tradition geht es nicht so sehr um Ausbildung als vielmehr ganzheitlich um Bildung und nicht Umerziehung.

Der Auftrag der Bildung besteht seit jeher im Kampf gegen das Mittelmaß sowie gegen die Versklavung an einen Konformismus und eine Bequemlichkeit, in der existentiellen Heranbildung zum Wahren, Schönen und Guten (Platon). Dieses Bemühen um den Aufstieg aus der Höhle Platons ist eine Formung der Seele, und genau in diesem Bewußtsein können die neuen Bildungseinrichtungen leisten, was sie sollen, nämlich zur wissenschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung ihrer Nationen beizutragen. Dadurch würde sich letztlich eine Rückbildung der Begriffsbedeutung von Ideologie im Sinne Karl Marx’ als verkehrtes Bewußtsein zu einer metaphysischen Ideenlehre ergeben – und somit einer „Idee“ von Universität, die diesen Namen wieder verdient.


[1] Vgl. visegradpost.com/de/2021/10/17/marion-marechal-in-warschau-der-kampf-um-kultur-und-bildung-ist-ein-langfristiger-kampf/.

 
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