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Der Kaiser und Selbstherrscher aller Reußen Nikolaus I. (1796–1855) gehört, wie auch sein älterer Bruder und Vorgänger Zar Alexander I. der Gesegnete, wohl zu den widersprüchlichsten und umstrittensten russischen Herrschern. Die Einschätzungen der Persönlichkeit von Zar Nikolaus durch in- und ausländische Historiker gehen, wie auch im Falle Alexanders I., diametral auseinander. Viele verherrlichen Nikolaus I. als den edelsten aller zeitgenössischen Monarchen, als „Don Quijote der Selbstherrschaft“, als Rußlands Interessen unermüdlich beschützenden „gekrönten Recken“, der nur darauf bedacht gewesen sei, Recht, Ordnung und inneren Frieden in seinem Vielvölkerreich aufrechtzuerhalten. Andere tadeln ihn als grausamen Despoten, als „Europas Gendarmen“, der alles niedertrampelte, was auch nur im geringsten Maße die Zarenmacht einzuschränken drohte, ganz egal, ob es sich um Bauernaufstände, nationale oder revolutionäre Bewegungen handelte.
Von Wolfgang Akunow
Die Geschichte wollte es so, daß Nikolaus gleich am ersten Tag seiner Herrschaft den bewaffneten Aufstand der als „Dekabristen“ bekannten russischen Gardeoffiziere in der Reichshauptstadt St. Petersburg mit Waffengewalt niederschlagen und somit das Blut seiner eigenen Untertanen vergießen mußte. Diese Handlungsweise entsprach vollkommen seinen Ansichten. Dabei war Nikolaus I. jedoch kein überzeugter Reaktionär und Reformgegner. Der neue russische Kaiser schenkte Zeit seines Lebens der Industrieentwicklung stets große Beachtung, förderte den Bau von Eisenbahnen und bemühte sich um die Stärkung des russischen Rubels.
Zeitgenössischen Erinnerungen zufolge war Nikolaus I. als Privatperson ein geradezu vorbildlicher Gatte und Vater. Er war witzig, scherzte gern mit seinen Familienangehörigen und Freunden, spielte mit seinen Kindern, nahm häufig an Familienkonzerten und -theateraufführungen teil. Außerhalb seines Familienkreises, im Dienst, verwandelte sich Nikolaus jedoch in eine ganz andere Person. Als Kaiser war er streng und hart wie Stahl, so daß nur sehr wenige „den schweren Blick seiner bleigrauen Augen aushalten konnten“, um mit dem russischen Historiker S.M. Solowjow zu sprechen.
Nikolaus I. war fest davon überzeugt, daß der Kaiser aller Reußen als Herrscher des größten Reichs der Welt möglichst majestätisch und gestreng auszusehen hatte. Dank der präzisen Umsetzung dieses Prinzips gelang es ihm stets, alle, die mit ihm zu tun hatten, zutiefst zu beeindrucken.
Gewöhnlich bezeichneten russische Historiker der Sowjetzeit die Herrschaftsjahre von Zar Nikolaus I., an dem sie kein gutes Haar ließen, als Periode der finstersten Selbstherrschaft und Stagnation. Doch ist folgende Aussage dieses allzuoft verleumdeten Kaisers bekannt: „Ich liebe mein Land und verstehe es, wie mir scheint; glaubt mir: Wenn die Unbill unserer Zeit mir zu sehr zusetzt, bemühe ich mich, die Existenz des übrigen Europa zu vergessen und suche in Rußlands unendlichen Weiten Zuflucht“. Sein Ausspruch bezeugt übrigens, daß der angeblich asiatisch-barbarische „Prügelstock-Nikolaus“ sein Rußland als einen unabdingbaren Bestandteil Europas betrachtete. Eine ehrliche, unvoreingenommene Analyse der Herrschaftsperiode von Zar Nikolaus I. bestätigt die Aufrichtigkeit dieser Worte und versetzt uns in die Lage, in der angeblichen „Finsternis“ dieses „ausschließlich durch düstere Autokratie geprägten Zeitabschnittes der russischen Geschichte“ zahlreiche viel hellere Nuancen und Schattierungen zu finden.
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Nikolaus I. war der dritte Sohn des ritterlichen Kaisers Paul I. (1754–1801) und der Kaiserin Maria Fjodorowna (1759–1828). Er erblickte am 25. Juni (6. Juli) 1796 in Zarskoje Selo unweit von St. Petersburg das Licht dieser Welt, wenige Monate vor der Thronbesteigung seines Vaters. Nikolaus’ Geburt wurde durch Böllerschüsse und Kirchenglockenläuten verkündet. Seine Eltern sahen für den Prinzen eine glänzende militärische Laufbahn vor. Daher war es kein Zufall, daß der kleine Nikolaus hauptsächlich militärisches Spielzeug hatte, Zinnsoldaten und dergleichen, das er über alles liebte und mit dem er ständig spielte. Bereits im Jahre 1799 erschien der erst dreijährige Großfürst Nikolaus vor dem kaiserlichen Hof in der Paradeuniform des Leibgarde-Reiterregiments, zu dessen Chef er schon in der Kinderwiege ernannt worden war. Sein Militärdienst begann noch früher, ein halbes Jahr nach seiner Geburt. Noch in den Windeln erhielt Nikolaus den Dienstgrad eines Garde-Obristen, den wichtigsten militärischen Rang, der sich für einen Sproß des Zarenhauses Romanow ziemte (selbst Peter der Große, „Vater des Vaterlands“, hatte sich mit dem Dienstgrad eines Garde-Obristen begnügt).
Es wäre falsch, zu behaupten, man habe den Prinzen mit Vorbedacht ausschließlich militärisch erzogen und ausgebildet. Jedoch wurde dem Militärischen zweifellos der Vorrang gegeben. Der künftige Kaiser wurde in den Fächern Geschichte, Ökonomie, Rechtswissenschaften, Fortifikation, Ingenieurwesen sowie natürlich in militärischen Disziplinen unterrichtet. Nichtdestotrotz wurde Großfürst Nikolaus auch zu einem ausgesprochenen Kunstfreund und -kenner erzogen, der gut zeichnete und malte, gleich seinem Vater Paul I. (und dessen Vorbild, König Friedrich dem Großen von Preußen) ausgezeichnet Flöte spielte sowie die Musik- und Ballettkunst zu schätzen wußte.
Im Juli 1817 heiratete Prinz Nikolaus die deutsche Prinzessin Friederike Luise Charlotte Wilhelmine (1796–1855) von Preußen, die nach ihrem Übertritt zum russisch-orthodoxen Glauben den russischen Namen Alexandra Fjodorowna annahm und ihrem Gatten sieben Kinder gebar. Die Ehe war ausgesprochen glücklich. Vor Nikolaus’ Thronbesteigung blieben ihm und seiner Gattin jegliche Staatsgeschäfte fremd. Im militärischen Bereich konnte sich der junge Großfürst jedoch als Kommandeur und Generalinspekteur der Garde-Division seine Sporen verdienen. Auf seine Anregung hin wurden Militär-Bildungseinrichtungen sowie 1819 die Ingenieur-Hauptschule eröffnet.
Die Bildung, die Prinz Nikolaus erhielt, unterschied sich also in vielerlei Hinsicht von der Bildung, die sein älterer Bruder und Vorgänger Alexander I. erhalten hatte. Trotzdem waren beiden Brüdern gewisse gemeinsame Wesenszüge eigen, wie z.B. die Liebe zum Militär. Die Kriegskunst, vor allem jedoch die äußere Seite des Militärs war ihr Steckenpferd. Die strenge militärische Erziehung formte den künftigen Zaren zum begeisterten Berufssoldaten, ebenso wie die strenge Dienstdisziplin seine Weltanschauung prägte. Es war daher kein Zufall, daß Nikolaus I. Zeit seines Lebens stets und überall die unbedingte Befolgung all seiner Weisungen und Befehle forderte und Menschen, die anderer Meinung waren und zu widersprechen wagten, nicht leiden konnte. In dieser Hinsicht war Kaiser Alexander I. viel duldsamer sowie gewissermaßen weitsichtiger und vielseitiger gewesen.
Im Dezember 1825 löste Großfürst Nikolaus seinen Bruder Alexander I. als Kaiser aller Reußen ab. Da Alexander I. keine direkten Nachkommen hatte, mußte sein jüngerer Bruder ihm zwangsläufig auf den Zarenthron folgen. Doch die Sache hatte einen Haken: Eigentlich sollte nach dem von Kaiser Paul I. erlassenen Thronfolgegesetz nicht Großfürst Nikolaus, sondern sein anderer älterer Bruder, der Großfürst Konstantin (1779–1831), Alexander I. als Kaiser folgen. Aus verschiedenen Gründen zog Konstantin es jedoch vor, mit Zustimmung seines Bruders Kaiser Alexanders I. auf die Thronfolge zu verzichten. Folglich wurde Nikolaus als der Nächste in der Reihenfolge der Thronanwärter zum Kronprinzen ernannt (doch ohne sein Wissen). Der verschwiegene Kaiser Alexander I., seiner Natur der „nordischen Sphinx“ ganz treu, erließ zwar am 16. August 1823 ein entsprechendes Thronfolgemanifest, verzichtete jedoch auf dessen Veröffentlichung. Das streng geheime Dokument wurde dem hohen kirchlichen Würdenträger Erzbischof Philaret (1782–1867) übergeben und von diesem in der Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale des Moskauer Kreml verwahrt. Außerdem wurden drei Manifest-Kopien in den drei wichtigsten Staatsgremien Synode, Senat und Staatsrat verwahrt. Auf jeder Kopie stand der Vermerk „nach Bedarf verwahren“ und im Kaiser-Todesfall „zuallererst öffnen“.
Es ist bekannt, daß Großfürst Nikolaus nicht die leiseste Ahnung von der Existenz dieses Dokuments hatte. Erst im vertrauten persönlichen Gespräch mit seinem kaiserlichen Bruder kurz vor dessen Tod erfuhr der Prinz zu seiner völligen Überraschung von dem Thronverzicht des Kronprinzen Konstantin sowie von der auf ihn, Nikolaus, ganz unerwartet übergegangenen Thronfolge.
Somit wurde Großfürst Nikolaus nach dem Willen Alexanders I. nach dessen in vielerlei Hinsicht mysteriösem Tod zum neuen Kaiser aller Reußen. Am Vereidigungstag des neuen Zaren, dem 14. Dezember 1825, ereignete sich in St. Petersburg der erwähnte Militärputsch, der als Aufstand der Dekabristen (d.h. Dezemberleute) in die Geschichte einging. Ziel der putschenden Gardeoffiziere war es, Nikolaus’ Thronbesteigung zu verhindern. Aus diesem Grund schlugen sie ausgerechnet am Vereidigungstag zu, um Nikolaus nicht Zar werden zu lassen. Obwohl sich die Putschisten fast den ganzen Tag auf dem Petersburger Senatsplatz behaupten konnten, wurde die Meuterei nach langen Verhandlungen letztendlich mittels Geschützfeuers niedergeschlagen. Dieser blutige Beginn seiner Herrschaft hat sich zutiefst in Nikolaus’ Gedächtnis eingeprägt und den Charakter seines Regiments vorausbestimmt. Jahre danach bekannte der Kaiser: „Kein Mensch kann den brennenden Schmerz begreifen, den ich verspüre und mein ganzes Lebens lang bei der Erinnerung an jenen Tag verspüren werde“. Die Dekabristen kamen vor Gericht und wurden zu verschiedenen Strafen verurteilt (die fünf besonders Belasteten zum Tode durch den Strang). Einige Hundert am Putsch beteiligte Soldaten wurden durch Spießrutenlaufen gestraft (das in der russischen Armee durch Peter den Großen eingeführt und erst durch Kaiser Alexander II., Sohn und Nachfolger von Kaiser Nikolaus I., im Jahr 1863 abgeschafft wurde). Trotzdem wird das Spießrutenlaufen, besonders in der russischen schöngeistigen Literatur, vor allem Nikolaus I. zur Last gelegt („Spießruten-Nikolaus“ usw.). Am 22. August 1825 wurde Nikolaus in der alten Reichshauptstadt Moskau feierlich zum Zaren gekrönt. Zeitgenossen zufolge jubelte das russische Volk seinem neuen Herrscher zu und leistete ihm bereitwillig unbedingten Gehorsam.
Der Dekabristen-Aufstand sowie der anschließende Dekabristen-Prozeß gaben dem neuen Zaren den Anstoß zu zwei wichtigen Einsichten. Die eine bestand in der Notwendigkeit von Reformen (vor allem der Abschaffung der Leibeigenschaft), die andere in der Notwendigkeit, das Adelsproblem zu lösen. Der Lösung dieser beiden Probleme wurde von Zar Nikolaus I. in all seinen Herrschaftsjahren stets große Beachtung geschenkt. Zar Nikolaus I. starb mitten im Krimkrieg gegen England, Frankreich, die Türkei und Sardinien, dessen für Rußland unglücklicher Verlauf – Behauptungen mancher Historiker zufolge – des Kaisers Tod verursacht haben soll. Nach verschiedenen Versionen sei er, der offiziell „an den Folgen einer Erkältung“ gestorben sein soll, einer Vergiftung erlegen (wobei Nikolaus entweder durch Feinde vergiftet worden oder aber aus Verdruß über Rußlands militärische Niederlage selbst Gift genommen haben soll).
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Bei Nikolaus’ I. Thronbesteigung war die russische Gesellschaft von Reformerwartungen erfüllt. Russischen Historikern zufolge war das zweite Viertel des 19. Jahrhunderts eine Zeit der weiteren Zentralisierung der Staatsverwaltung und der Stärkung der legislativen und administrativen Rolle des Zaren. Im Jahre 1826 wurde das erste Geheimkomitee unter Vorsitz der seinerzeitigen liberalen Mitarbeiter von Kaiser Alexander I. Viktor Kotschubej (1768–1834) und ?ichail Speranskij (1772–1839) ins Leben gerufen. Dem russischen Historiker Wassilij ?ljutschewskij zufolge bestand eines der Ziele von Kaiser Nikolaus I. in der Vervollkommnung des zentralen Staatsapparats. Deshalb entstanden in seinen Herrschaftsjahren zahlreiche neue Departements, Kommissionen, Kanzleien sowie weitere große und kleine Staatsgremien. Zur Regelung so gut wie jeder neu aufkommenden Frage, mit der sich der russische Staat konfrontiert sah, wurde ein neues Staatsorgan gegründet. Das allerhöchste Gremium bildete die bereits unter Kaiser Paul I. entstandene Eigene Kanzlei Seiner Kaiserlichen Majestät, deren Funktionen und Kompetenzen unter Zar Nikolaus I. eine bedeutende Erweiterung erfahren sollten.
Eine ganz besondere Bedeutung sollte der III. Abteilung dieser Kanzlei zukommen, der die Leitung der geheimen Staatspolizei übertragen wurde. Seit der Gründung dieser III. Abteilung stand Graf Alexander von Benckendorff (1782–1844) an ihrer Spitze, ein verdienter General aus der Zeit der Napoleonischen Kriege und Chef des Gendarmenkorps. Graf von Benckendorff war ein typischer Vertreter des rußlanddeutschen Dienstadels und noch aus dessen Jugendzeit ein persönlicher Freund seines Kaisers Nikolaus.
Der neue Monarch betrachtete jedoch nicht nur die Stärkung und Vervollkommnung des Staatsapparats als seinen wichtigsten Auftrag. Die Ereignisse des 14. Dezembers 1825 führten ihm die dringende Notwendigkeit von Reformen vor Augen, wobei der Bauernreform die größte Bedeutung zukam. Nikolaus’ Vorgänger Paul I. und Alexander I. stellten den Vorrang und die Vorherrschaft des russischen Adels als „Hauptnerv des Staates“ nicht in Frage. Nikolaus I. hingegen hielt es für notwendig, die Staatsmacht von der Adelsvorherrschaft zu emanzipieren. Diese Auffassung des neuen Zaren prägte seine Herrschaft und Regierung.
Sein Streben, der Abhängigkeit vom Erbadel zu entgehen, gab den Anstoß zur Verstärkung der Bürokratie auf allen Ebenen. Auf diese Art und Weise suchte die Regierung eine neue Stütze im Beamtentum zu finden (welches größtenteils nichtadeliger Herkunft war und sich „hochzudienen“ versuchte) und gleichzeitig die Vorrechte des Adelsstands einzuschränken. Dies waren die Anfangspunkte der Innenpolitik von Kaiser Nikolaus I. Gerade sie machten all seine innenpolitischen Maßnahmen verständlich. All diese Fragen wurden in geheimen Komitees erörtert.
Auch die Kirchenfrage blieb von Nikolaus I. nicht unbeachtet. Als Herrscher eines multikonfessionellen Reichs, dessen Untertanen sich zum weit überwiegenden Teil zum russisch-orthodoxen Glauben bekannten, hielt er es für wünschenswert, dessen Einfluß auch auf Christen anderer Glaubensrichtungen auszuweiten. Im Ergebnis seiner Kirchenpolitik kam es 1839 zur Integrierung der sogenannten Unierten (Angehörige der vorwiegend auf dem Gebiet der heutigen Westukraine und Weißrußlands verbreiteten, seinerzeit unter polnischem Einfluß entstandenen griechisch-katholischen Kirche) in die russisch-orthodoxe Staatskirche. Außerdem ergriff Zar Nikolaus über den Synod zahlreiche Maßnahmen zur Verhinderung von Kirchenspaltungen. Im Jahre 1837 erließ der Kaiser eine neue Satzung über Altersrenten und einmalige Geldzuwendungen für ausgediente Militärs und Zivilbeamte. Dadurch wurde die Lage beider Bevölkerungsgruppen bedeutend verbessert.
Die kaiserliche Finanzverwaltung war emsig um die Schaffung eines staatlichen Grund- und Bodenkredits bemüht. Zum Umtausch von Geldscheinen wurde ein spezieller Gold- und Silber-Münzenfonds angelegt. Der Umfang von Auslandskrediten betrug 102 Millionen Rubel. In den 30 Herrschaftsjahren von Kaiser Nikolaus I. erhöhten sich die Staatseinnahmen von 110 bis auf 280 Millionen Rubel jährlich. In der gleichen Zeitspanne wuchsen die Staatsausgaben von 115 bis auf 330 Millionen Rubel jährlich. Zu Beginn der Herrschaft von Zar Nikolaus zählte man in Rußland 5300 Fabriken und Werke. Gegen Ende seiner Herrschaft waren es bereits 10.000. Der Außenhandel wurde mit Hauptstütze auf den Zolltarif getrieben. Während 1826 der Wert des gesamten Warenimports und -exports weniger als 100 Millionen Rubel betrug, erreichte er im Jahre 1856 mehr als 300 Millionen Rubel.
Große Beachtung wurde vom tatkräftigen Monarchen auch der infrastrukturellen Entwicklung seines Reichs geschenkt. In seinen Herrschaftsjahren wurden in Rußland mehr als 10.000 Kilometer neuer Straßen gebaut. 1836 erhielt das Russische Kaiserreich seine erste Eisenbahn. Diese Eisenbahnstrecke verband die Metropole St. Petersburg mit Zarskoje Selo. Im Jahre 1842 begann Graf Pjotr Kleinmichel, ein enger Vertrauter und Freund des Zaren, mit dem Bau der Eisenbahnstrecke St. Petersburg-Moskau („Nikolaus-Eisenbahn“), die 1851 erfolgreich abgeschlossen wurde. Die Länge der in der Herrschaftsperiode von Zar Nikolaus I. verlegten russischen elektrischen Telegraphenstrecke betrug 2500 Kilometer.
Auch im Bereich der Kodifizierung des russischen Rechts wurden unter Zar Nikolaus Reformen durchgeführt. Unter unmittelbarer Beteiligung von Michail Speranskij wurden alle bisherigen Gesetze des Russischen Kaiserreichs in einem neuen, aus 40 Bänden bestehenden Kodex zusammengefaßt. Anschließend entnahm die Regierung diesem Riesenwerk die noch aktuellen und wirksamen Gesetze, um ein neues, aus 15 Bänden bestehendes Sammelwerk zu veröffentlichen, das als „Die volle Sammlung der Gesetze des Russischen Kaiserreichs“ bezeichnet wurde und bis zur Revolution von 1917 in Kraft blieb.
Kaiser Nikolaus’ I. Augenmerk galt auch Problemen der Jugenderziehung, die er zu den wichtigsten Faktoren für das normale Funktionieren seines Staats zählte. Aus diesem Grund stiftete er ein Komitee, dessen Auftrag darin bestand, sich mit Bildungs- und Erziehungsfragen zu befassen. Diese Behörde wurde von dem Volksaufklärungsminister Admiral Alexander Schischkow geleitet. Dank seines energischen Einsatzes wurde eine ganze Reihe neuer Bildungseinrichtungen gegründet, deren bedeutendste die Kaiserliche St.-Wladimir-Universität in Kiew war. Anderseits wurde auf Verlangen des Kaisers das Fach Philosophie aus den Universitätsprogrammen gestrichen. Bald darauf wurden die Studiengebühren dermaßen erhöht, daß die Studentenanzahl bedeutend zurückging.
Die staatlichen Zuwendungen für Volksaufklärungs- und Bildungszwecke bildeten den geringsten Ausgabenposten des Staatshaushalts. Dadurch wurde die Kluft zwischen der Regierung und jenen Kreisen immer tiefer, denen die gebildetsten und besonders patriotisch gestimmten Untertanen angehörten. Dabei handelte es sich unter anderem um derart hervorragende Kulturschaffende, Gelehrte und Denker der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie Wissarion Belinskjij, Alexej Chomjakow, Sergej Aksakow, Alexander Herzen, die Gebrüder Iwan und Pjotr Kirejewskij, Timofej Granowskij, Sergej Solowjow und andere, denen die Regierung offenbar mißtraute. Infolge von Schikanen seitens der Behörden konnten sie ihre Talente nicht voll entfalten. Dem russischen Historiker Sergej Platonow zufolge „konnten sie, denen die Regierung ihr Vertrauen entzogen hatte, dem Vaterland nicht den Nutzen bringen, den sie ihm bringen hätten bringen können. Die Regierung, die sich der Gesellschaft entfremdet hatte, mußte jedoch im Laufe der Zeit alle Unbequemlichkeiten dieser Lage verspüren“.
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Leider war es für die Herrschaft von Zar Nikolaus I. kennzeichnend, daß sich die Staatsbehörden nicht an ihre hervorragenden Zeitgenossen wandten, an denen es wahrhaftig nicht mangelte. In dieser Hinsicht unterschied sie sich von der Regierungszeit Kaiser Alexanders I., oder zumindest von deren erster Periode. Seinen Verzicht auf Zusammenarbeit mit der Gesellschaft begründete Zar Nikolaus damit, daß sein Reich nicht von Laien und Dilettanten, sondern von „Behörden-Abteilungsleitern“ (russ. „Stolonatschalniki“), d.h. ausschließlich von fachkompetenten Berufsbeamten verwaltet werden sollte.
Angesichts der spezifischen Erziehung und Bildung, die Kaiser Nikolaus I. genossen hatte, erscheint die seinerseits militärischen Bildungseinrichtungen geschenkte besondere Beachtung durchaus verständlich. So wurden im Jahr 1830 allgemeine Festlegungen veröffentlicht, die diese Einrichtungen betrafen. Außerdem wurden eine Militär- und eine Marineakademie gegründet. Das militärische Element wurde immer stärker zum besonderen Merkmal der Herrschaft von Zar Nikolaus I. Alle neuen Ämter und Posten wurden ausschließlich an Berufsmilitärs vergeben. Infolge seines besonderen Interesses am Ausbau der Wehrkraft seines Reichs erließ Kaiser Nikolaus 1830 wichtige Verordnungen, die die weitere Verstärkung der Streitmacht betrafen. Die Heeres- und Armeeausgaben wurden bedeutend erhöht und zahlreiche neue Festungen (u.a. in Iwangorod, Nowogeorgijewskaja, Kiew und Bobrujsk) erbaut.
Indem Nikolaus I. Rußlands Wehrkraft allseitig verstärkte, die Finanz-, Legislativ-, Bildungs- und Heeresreformen tatkräftig durchführte und förderte, schenkte er nicht nur militärischen Ressourcen, sondern auch der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in seinem Reich besondere Beachtung.
Wie bereits erwähnt, gehörte die Bauernfrage mit zu den schmerzhaftesten Problemen des damaligen Rußland. Russische Historiker waren traditionell geteilter Meinung hinsichtlich der Einstellung von Kaiser Nikolaus I. zur Bauernbefreiung aus der Leibeigenschaft. Manche richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Aufrechterhaltung der Leibeigenschaft in seiner Regierungszeit, während andere auf seine Versuche hinwiesen, das Problem der Bauernexistenz zu lösen.
Ohne Frage aber sympathisierte Kaiser Nikolaus mit dem Bauernbefreiungsgedanken. Er bemühte sich um die Lageverbesserung der hörigen Bauern, wagte es jedoch nicht, eine grundlegende Reform auf diesem Gebiet in Angriff zu nehmen. Zwecks Behandlung der Bauernlage rief der Zar in den Jahren 1826, 1835, 1839, 1840, 1844, 1846, 1848 und 1849 insgesamt neun Geheimkomitees ins Leben. Diesen neun Komitees wurden von Staatsmännern und sonstigen angesehenen Persönlichkeiten, wie den Grafen Speranskij, Kotschubej, Kisseljow, Perowskij, dem Fürsten Druzkoj-Sokolinskij und anderen, diverse Bauernreformentwürfe vorgelegt, die von ihnen im Detail erörtert wurden. Doch all diese zahlreichen Entwürfe blieben letzten Endes ohne Ergebnis, weil die Leibeigenschaft als Institution so fest mit der Lebens- und Begriffswelt der Gutsbesitzerklasse verflochten war, daß sich die kaiserliche Regierung immer noch hütete, sie anzutasten. In seinem Bestreben, dieses Problem zu lösen, schlug Graf Speranskij vor, die hörigen Bauern persönlich zu befreien, ohne jedoch ihre Bindung an die Scholle abzuschaffen. Dies hätte einen Rückfall in die Situation von 1649 bedeutet, als die Bindung der Bauern an die Scholle durch die sogenannte Stände-Festlegung (russ. Sobornoje Uloshenije) des Zaren Alexius (Vater Zar Peters des Großen) fixiert, ihre Hörigkeit jedoch mit keinem Wort erwähnt wurde. Ein derartiger Rückfall in die ferne Vergangenheit wurde vom Komitee für höchst gefährlich befunden, weil dadurch die gesellschaftlichen Grundlagen erschüttert werden konnten. Nikolaus I. sah zwei grundsätzliche Probleme im Zusammenhang mit den Bauernbefreiungen. Eine solche ohne eigenes Land hätte die persönlich befreiten, jedoch landlosen Bauern in proletarisierte (und daher unberechenbare) Tagelöhner verwandeln können. Bei einer Bauernbefreiung mit Grundstück wären aber die nunmehr bauern- und landlos gewordenen Adligen womöglich als Rückgrat des russischen Staats weggefallen. So blieb der gordische Knoten der Leibeigenschaft auch in der Zeit von Zar Nikolaus ungelöst.
Zwar glaubte die Regierung, in der Schaffung des Stands der sogenannten Pflichtbauern eine Lösung gefunden zu haben. Laut dem entsprechenden Ukas (Erlaß) vom 2. April 1842 durften Bauern zwar aus der Leibeigenschaft in persönliche Freiheit entlassen werden, doch ihr Grundstück blieb im Besitz des Gutsherrn und erhielt den Status dessen Erblands. Der Guts- und Landbesitzer mußte jedoch in diesem Fall einen Teil seines Lands an den von ihm persönlich befreiten Bauern entgeltlich verpachten. Die Pachthöhe richtete sich nach der Güte und Ertragsfähigkeit des verpachteten Grundstücks. Alle zum Grundstück als dessen Bestandteile gehörenden Wald- und Weideplätze, Fischereigründe, Bodenschätze usw. verblieben im ausschließlichen Eigentum des Gutsbesitzers.
Dieser Erlaß hatte aber so gut wie keine praktischen Folgen, weil seine Wirksamkeit einzig und allein vom guten Willen und von der Zustimmung des Gutsbesitzers abhing. Allerdings führte er die offensichtliche Ohnmacht Nikolaus’ I. samt seiner Regierung vor Augen, das Problem zu lösen. Trotz seines aufrichtigen Wunschs, die immer bedrohlicher werdende Situation im positiven Sinne zu verändern, mußte der Kaiser, der die Leibeigenschaft mehrfach offen als „das schlimmste Übel Rußlands“ verurteilte, bekennen: „Die heute vorherrschenden Gedanken sind anders ausgerichtet“, und: „Obwohl die heutige Situation nicht unendlich lang andauern kann, wäre es noch verderblicher, dieses Übel heute anzutasten“. Der Zar hütete sich, die Leibeigenschaft per Befehl abzuschaffen, und zog es vor, „aus der Erfahrung zu lernen, wann und inwieweit der Übergang von freiwilligen zu verpflichtenden Vereinbarungen“ möglich werden könnte. Diese Nikolaus I. beinahe abgezwungene Erklärung wurde von der Guts- und Landbesitzerklasse nur zu gern in deren eigennützigem Interesse ge- und mißdeutet. Die meisten Gutsbesitzer wollten keinerlei Veränderungen in ihrem Verhältnis zu der Bauernschaft.
Indessen standen hinter dem Bestreben, die Leibeigenschaft in Rußland endlich abzuschaffen, nicht nur idealistische Ansätze wie Gerechtigkeitssinn und Menschenliebe, sondern auch ausgesprochen materielle Überlegungen, weil die Arbeit von Hörigen viel kostspieliger war als die Arbeit von Freien (bekanntlich arbeitet der Sklave langsam und schlecht, während sein Herr trotzdem gezwungen ist, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen). Dadurch wurde Rußlands Wirtschaftsentwicklung immer stärker behindert. Gerade wirtschaftliche Überlegungen waren es, die den russischen Innenminister Graf Leo Perowskij (1792–1856) dazu veranlaßten, 1845 auf die dringende Notwendigkeit hinzuweisen, die Bauern vollständig zu befreien. Letzten Endes überwog jedoch in höchsten bürokratischen Kreisen der entgegengesetzte Standpunkt, wonach der adlige Guts- und Bauernbesitzer als Hauptwerkzeug und Hauptstütze der Autokratie galt.
Am 8. November 1847 wurde leibeigenen Bauern genehmigt, sich im Falle der Gutsversteigerung ihres insolventen Herrn samt Grundstück freizukaufen. Jedoch wurden im Jahr darauf die revolutionären Ereignisse in West- und Mitteleuropa von den Reformgegnern zum Anlaß genommen, auch diesen zaghaften Versuch, die Bauernlage in Rußland etwas zu verbessern, als derart gefährlich darzustellen, daß der Ukas 1849 wieder außer Kraft gesetzt wurde. Seitdem verblieb die Situation unverändert, bis es im Jahre 1861 zur Bauernbefreiung durch Nikolaus’ Sohn und Nachfolger Kaiser Alexander II. kam.
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Die von Kaiser Nikolaus I. betriebene Außenpolitik war gleichzeitig westlich und östlich ausgerichtet. Seine Herrschaft fiel zeitlich mit dem begonnenen Kampf der Völker West- und Mitteleuropas gegen die legitimistische Staats- und Gesellschaftsordnung, deren Verteidigung sich Nikolaus mit Leib und Seele verschrieben hatte, zusammen. Das politische und öffentliche Leben des Westens begann, sich entsprechend den Forderungen des erstarkenden, demokratisch gesinnten Mittelstandes zu wandeln, der der Politik des russischen Zaren feindlich gesonnen war. Dies führte zu einer immer stärkeren Entfremdung zwischen Rußland und dem Westen. Immer mehr Europäer betrachteten Rußland als „Hauptbollwerk des Despotismus“ und Rußlands militärische Macht als eine ihnen drohende Gefahr.
Im Jahre 1830 fielen die südlichen Provinzen der Niederlande infolge revolutionärer Ereignisse von der niederländischen Krone ab und bildeten das neue Königreich Belgien. Nikolaus I. war als bedingungsloser Gegner jeglicher Revolutionen bereit, seine Truppen nach Belgien zu entsenden, um die „gottgewollte Ordnung“ wiederherzustellen. Doch der im gleichen Jahr im russischen Teil Polens ausgebrochene Aufstand zwang ihn, auf die Strafexpedition nach Belgien zu verzichten und sich gegen die polnischen Rebellen zu wenden, die er erst 1831 bezwingen konnte (wonach er das konstitutionelle „Kongreßpolen“ vollkommen dem Russischen Reich gleichschaltete).
Bezeichnenderweise weigerte sich Zar Nikolaus I. hartnäckig, die Legitimität westeuropäischer Monarchen anzuerkennen, die ihre Krone revolutionären Ereignissen verdankten. Dies betraf nicht nur den „frischgebackenen“ König von Belgien, sondern auch den französischen „Bürgerkönig“ Louis-Philippe von Orléans sowie Louis Bonaparte, der sich infolge eines Militärputsches vom Präsidenten der Französischen Republik in den französischen Kaiser Napoleon III. verwandelte. Zar Nikolaus betrachtete derartige Handlungen als Beleidigung nicht nur des Herrscherprinzips, sondern der göttlichen Herkunft der Monarchie. Zeit seines Lebens blieb Zar Nikolaus diesem Credo treu. Er ließ nichts unversucht, um jegliche Rebellion zu unterdrücken.
Im Jahre 1849 brach gleichzeitig mit der Revolution in Wien der ungarische Aufstand gegen den österreichischen Kaiser aus. Die Rebellion war eine ernsthafte Bedrohung für die Herrschaft des Hauses Habsburg. Kaiser Nikolaus schickte auf Ersuchen des österreichischen Kaisers sein Expeditionskorps nach Ungarn. Er tat dies aus seiner legitimistischen Überzeugung heraus, ohne dabei Rußlands Volkskraft und Finanzmittel zu schonen. Im Ergebnis wurde die ungarische Rebellion unterdrückt und Österreich vor dem Zerfall gerettet.
Zar Nikolaus’ Handlungen wurden nach Ansicht seiner Kritiker häufig von seinen erhabenen, jedoch abstrakten ritterlichen Überzeugungen diktiert, denen er die Interessen seines Reiches unterordnete. Jegliche Ausdrucksform der Gedankenfreiheit wurde von ihm als Bedrohung der „gottgewollten Ordnung“ betrachtet und daher aufs Schärfste bekämpft. Das Verhalten des Zaren gegenüber den „illegitimen“ Regierungen Belgiens und Frankreichs schadete seinem Ansehen und entfremdete ihn immer weiteren Kreisen der europäischen Öffentlichkeit. Sein ungarischer Feldzug bescherte ihm den Haß der Ungarn, während sich das von ihm gerettete Haus Österreich nicht besonders dankbar zeigte.
Rußland wurde immer weniger geliebt und immer mehr gefürchtet. Die beiden Hauptstützen der liberalen Bewegung, Frankreich und England, vertraten Rußland gegenüber eine unverhohlen feindliche Position, die letztendlich im Krimkrieg (1853–1856) ihren Höhepunkt fand. Durch diesen Krieg vermochten beide europäischen Großmächte (im Bund mit dem Osmanischen Reich und mit dem Königreich Sardinien), Rußland eine schwere Niederlage zuzufügen. Auch die Österreich 1849 geleistete militärische Hilfe hinderte den österreichischen Kaiser, der von Nikolaus I. stets als sein treuer Verbündeter im Kampf für den Legitimismus und als Freund betrachtet worden war, nicht daran, im Krimkrieg eine zumindest neutrale Haltung zu zeigen[i]. War das Vertrauen des Zaren auf Österreichs Bündnistreue etwa eine seiner Fehlkalkulationen, gegen die er natürlich nicht mehr gefeit war als jedes andere gekrönte Haupt Europas?
Auch in Asien stieß Rußland auf Widerstand. Der Anschluß Georgiens (das bereits Kaiserin Katharina die Große um Schutzherrschaft ersucht hatte) führte unvermeidlich zum Konflikt mit Persien. Der 1813 abgeschlossene russisch-persische Vertrag von Gjulistan, in dem Persien die georgischen Lande Kachetien, Gurien, Imeretien, Mingrelien sowie Dagestan, Karabach und Abchasien an Rußland abgetreten hatte, war noch in Kraft. Dieser Vertrag berechtigte Rußland ferner, eine Kriegsflotte im Kaspischen Meer zu halten. Zwölf Jahre nach Vertragsabschluß wagten es die Perser, die Thronfolgewirren in Rußland ausnutzend, den Kampf wiederaufzunehmen. Es kam zu einem neuen Krieg im Kaukasus, in dem Kaiser Nikolaus’ I. Truppen zahlreiche glänzende Siege über die Perser errangen. Der russische Befehlshaber General Paskewitsch schlug die persische Armee vernichtend bei Jelisawetpol (1826), besetzte Nachitschewan, Eriwan und Tebriz und schob sich 1827 dicht an die persische Reichshauptstadt Teheran vor, wo er den Schah von Persien zum Abschluß eines neuen Friedensvertrags zwang. Nach diesem sogenannten Frieden von Turkmantschaj (1828) erhielt Rußland die Khanate Eriwan und Nachitschewan und faßte festen Fuß in Transkaukasien.
Die russische Besetzung Transkaukasiens brachte jedoch eine neue Aufgabe mit sich. Nunmehr mußte die Verbindung dorthin nicht nur auf dem See-, sondern auch auf dem Landweg gesichert werden. Diesem Vorhaben widersetzten sich jedoch die fanatisch islamischen nordkaukasischen Bergvölker. So kam es zum jahrzehntelangen blutigen Kaukasuskrieg. Es war ein ganz besonderer, für Rußland vollkommen neuer und ungewohnter Krieg. Ein Krieg, in dem es keine Feldschlachten mit Heeren auf beiden Seiten, sondern ständige kleine Scharmützel, Raubüberfälle und Kommandounternehmen gab. Der in der russischen Literatur, insbesondere in den Werken von Michail Lermontow und Leo Tolstoj, ausführlich beschriebene Kaukasuskrieg dauerte fast 40 Jahre (1825–1864). Kaiser Nikolaus I. hat seinen Abschluß nicht mehr erlebt.
Weitere außenpolitische Problemgebiete waren Mittelasien und die kirgisische Steppe. Lange Zeit bildete der Fluß Jaik (Ural) die Grenze des russischen Siedlungsgebietes. Jenseits des Jaik-Unterlaufs begann das Territorium kriegerischer baschkirischer und kirgisischer Nomadenstämme. Diese hatten keinen festen Wohnsitz, was ihre Bekämpfung bedeutend erschwerte. Unter Kaiser Nikolaus I. wurde der ernsthafte Versuch unternommen, die Steppe zu überqueren und die Oase Chiwa im Unterlauf des Flusses Amu-Darja zu besetzen. Diese Chiwa-Expedition unter Graf Perowskijs Leitung erwies sich jedoch als sehr verlustreich und führte nicht zum erwünschten Ergebnis.
[i] Als es im Jahr 1853 zum Krieg zwischen dem Russischen Kaiserreich und der Türkei kam, stellten sich England und Frankreich sofort auf die Seite der Türken, da sie ein Vordringen des russischen Einflusses in den südosteuropäischen Raum nicht zu dulden gewillt waren. Österreich glaubte, eine Vergrößerung der russischen Macht auf dem Balkan nicht mehr länger ansehen zu können, da die Hälfte des österreichischen Staatsgebildes dann von Norden bis Süden vom Russischen Kaiserreich umklammert worden wäre. Deshalb zwang Österreich Nikolaus I. durch ein Ultimatum, seine Truppen aus den Donaufürstentümern abzuziehen. Ein Feldzug des russischen Heers gegen die Türkei auf dem Balkan war hiermit unmöglich geworden. Die verbündeten Mächte England, Frankreich. Türkei und Sardinien griffen Rußland im Schwarzen Meer selbst an (daher „Krimkrieg“). Das Ende dieses Kriegs erlebte Nikolaus I. nicht mehr.
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Besonders schwierig waren die Beziehungen zum Osmanischen Reich, das den Nahen Osten wie den Balkan beherrschte. Noch unter Kaiserin Katharina II. war mit dem Osmanischen Reich 1774 der Friedensvertrag von Kutschuk-Kajnardshi abgeschlossen worden, der alle christlichen Untertanen des türkischen Sultans, ganz egal ob Slawen oder Nichtslawen, unter den Schutz des Russischen Kaiserreiches stellte. Dadurch wurde Rußland das Recht gegeben, in die inneren Angelegenheiten der Türkei einzugreifen, und der Weg vorgezeichnet, den die russische Politik beschreiten sollte, um die Balkan-Christen bei deren Kampf um die Befreiung vom türkischen Joch energisch unterstützen zu können. Anderseits forderte Rußlands Eigeninteresse eine freie Passage der Handelsschiffe durch den Bosporus und die Dardanellen sowie die Nichtzulassung feindlicher Kriegsschiffe auf diesen Seestraßen. Nikolaus I., der einerseits seinen Auftrag als Beschützer aller Balkan-Christen durchaus ernst nahm, wollte anderseits als überzeugter Legitimist seinen Schutzbefohlenen nicht das Recht zugestehen, sich gegen den sie unterdrückenden türkischen Sultan zu erheben. Der Sultan war ja in seinen Augen ein „legitimer“ Herrscher, obwohl der Zar ihn inoffiziell „den kranken Mann Europas“ nannte!
Bereits ein Jahr nach der Thronbesteigung von Nikolaus I. kam es zu seinem ersten Krieg mit den Türken (1826–1828). Mit Unterstützung Frankreichs und Englands konnte die russische Flotte im Zuge des griechischen Freiheitskampfs im Jahre 1827 die türkisch-ägyptische Flotte in Navarino vernichten. Im Frieden von Adrianopel 1829 bekam das Russische Kaiserreich die Donaumündung und die Schwarzmeerküste nördlich von Batum in die Hand. Die Donaufürstentümer Moldawien und Walachei (auf dem Gebiet des heutigen Rumänien) und Serbien erhielten Autonomie und wurden praktisch russische Vasallenstaaten. Am 3. Februar 1830 wurde Griechenland von den Türken endgültig in die Unabhängigkeit entlassen. Obwohl Kaiser Nikolaus der Türkei einerseits derart wuchtige Hiebe versetzte, unterstützte er sie andererseits. Kein anderer als der russische Zar rettete den türkischen Sultan vor dessen aufsässigem Vasallen, dem Statthalter von Ägypten Mehmet Ali. Freilich zwang Nikolaus dem von ihm geretteten „Großtürken“ 1833 den für Rußland äußerst vorteilhaften Vertrag von Unkiar-Iskelessi auf, wonach sich der Sultan verpflichtete, die Dardanellen für alle ausländischen Schiffe außer den russischen zu schließen. Der Zar schenkte dem von ihm geretteten Sultan so viel Vertrauen, daß er die Seestraßen in türkischer Hand beließ.
Diese mitunter an Verblendung grenzende Leichtgläubigkeit des ritterlichen Zaren führte dazu, daß sich die Türkei Rußlands Kontrolle entziehen konnte – um von allen Großmächten Europas kollektiv bevormundet zu werden. Im Laufe der Zeit wurde der Vertrag von 1833 außer Kraft gesetzt, wonach die Seestraßen von den Türken nicht nur für die englische und französische, sondern auch für die russische Flotte geschlossen wurden. Dadurch verlor das Russische Kaiserreich seine privilegierte Stellung in der Levante, was wiederum 13 Jahre danach zum für Rußland unglückseligen Krimkrieg führte.
Die dem Kaiser, der sein ganzes Vertrauen so offensichtlich ausschließlich in das Berufsbeamtentum gesetzt hatte, entfremdeten russischen Intellektuellenkreise, die kein aktives Betätigungsfeld mehr hatten, verschlossen sich immer mehr. Enttäuscht und lebensfremd, brachten sie einen Menschentyp hervor, dessen Beschreibung in der russischen Literatur zur Tradition wurde: den Typus des „überflüssigen Menschen“, des „Onegins“, „Petschorins“, „Oblomows“, „Rudins“ usw.
In der Regierungszeit von Nikolaus entfaltete sich insbesondere die russische Literatur: Wassilij Shukowskij (1783–1852), ?lexander Puschkin (1799–1837), Jewgenij Boratynskij (1800–1844) und Iwan Krylow (1769–1864), die sich bereits unter Alexander I. als hervorragende Dichter ihre Sporen verdient hatten, schufen unter Nikolaus I. ihre bedeutendsten Werke. Das Schaffen der Literaten Michail Lermontow (1814–1841), Nikolaj Gogol (1809–1852), ?lexander Poleshajew (1804–1838), Iwan Turgenjew (1818–1883), Fjodor Dostojewskij (1821–1881), Leo Tolstoj (1828–1910), ?lexander Ostrowskij (1832–1886), Fjodor Tjuttschew (1813–1883), Alexej Kolzow (1809–1842), ?aras Schewtshenko (1814–1861) und Sergej Aksakow (1791–1859), um nur einige zu nennen, ist mit dem Zeitalter von Nikolaus I. ganz oder teilweise verbunden.
Eine wahre Blütezeit erlebte auch die russische Malerei. Es genügt, auf die Namen derart hervorragender russischer Maler wie Semjon Schtschedrin (1791–1830), ?lexej Wenezianow (1780–1847), ?rest ?iprenskij (1782–1836), Alexander Iwanow (1806–1858) sowie Wassilij Tropinin (1776–1857) hinzuweisen.
Als politische Hauptströmungen entstanden die „Slawophilen“ und die „Westler“. Die „Slawophilen“ vertraten die Überzeugung, daß das Russische Reich nur durch das Russentum gerettet werden könne, nicht durch Europa. Sie glaubten, Rußland selbst könne die ganze europäische Entwicklung überspringen, die vom Mittelalter her über Reformation und Humanismus, Aufklärung und Pietismus geführt hatte. Rußland sei dazu berufen, das alt gewordene Europa zu verjüngen und zu erneuern. Die „Slawophilen“ plädierten für Rußlands Sonderweg, während die „Westler“ die Meinung vertraten, daß sich Rußland weiterhin immer stärker „verwestlichen“ solle. Deren Diskussionen spiegelten sich nicht nur in Werken der schöngeistigen Literatur, sondern auch in den Periodika, insbesondere in den „dicken“ Zeitschriften, die unter Nikolaus I. weite Verbreitung und eine immer größere Leserschaft fanden.
Die „Nikolaus-Ära“ war ein wahres „goldenes Zeitalter“ der russischen Kultur. Weder sein entschiedener Kampf gegen revolutionäre Ansichten noch seine verschärften Zensurmaßnahmen verhinderten diesen Kunst-, Musik- und Literaturaufschwung. Die Wiederbelebung des russischen Nationalgedankens wurde von Kaiser Nikolaus als eine seiner Hauptaufgaben betrachtet. Unter ihm wurde in mondänen Salons immer weniger Französisch und immer mehr Russisch gesprochen. Mit seinem persönlichen Beispiel versuchte der Zar eine Rückbesinnung der allzusehr verwestlichten Adelsgesellschaft auf die russischen Familientraditionen, Sitten und Bräuche sowie althergebrachten Werte zu erreichen. Nicht von ungefähr komponierte Michail Glinka (1804–1857) die ersten russischen Nationalopern „Ruslan und Ludmila“ sowie „Ein Leben für den Zaren“ ausgerechnet im „Nikolaus-Zeitalter“.
Es wurde viel darüber geschrieben, daß Nikolaus I. jede Art von Gedankenfreiheit aus Angst verfolgte, der Dekabristenaufstand könnte sich in irgendeiner Form wiederholen. Dazu läßt sich folgendes sagen: Der Zar vertrat tatsächlich den festen Standpunkt, daß jeglicher Versuch, am russischen Kaiserthron zu rütteln, fatale Folgen für ganz Rußland haben würde. Um das zu verhindern, ließ Nikolaus eine strenge Zensur einführen. Alle Werke russischer Literaten wurden obligatorisch zensuriert. Weniger bekannt ist aber eine andere Tatsache: Kaiser Nikolaus war ein ausgezeichneter Malerei- und Architekturkenner, der von der Künstlerwelt Zeit seines Lebens als aufgeklärter, großzügiger Gönner und Mäzen verehrt und gelobt wurde. Es ist ihm persönlich zu verdanken, daß neben seinem St. Petersburger Winterpalais an der Newa in einem extra dafür errichteten Gebäude – der Eremitage – ein prächtiges, öffentlich zugängliches Kunstmuseum eröffnet wurde, wo Gäste aus aller Welt bis auf den heutigen Tag hervorragende Meisterwerke der russischen sowie europäischen bildenden Künste bewundern können. Kaiser Nikolaus I. sorgte persönlich für die Finanzierung der St. Petersburger Kaiserlichen Kunstakademie, förderte die Eröffnung der Kiewer St.-Wladimir-Universität und ließ die unter seinem Vorgänger 1822 geschlossene Pädagogische Hauptschule wiedereröffnen.
Zar Nikolaus I. betrachtete es aber auch als seine heilige Pflicht, den russisch-orthodoxen Glauben zu beschützen. Er unterstützte stets den Volksaufklärungsminister Sergej Uwarow (1786–1855), der die unerschütterlichen nationalen Werte Orthodoxie, Autokratie und Volkstum als Grundlage der Volksaufklärung und -bildung propagierte.