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Naturkonservativ

Herbert Gruhl (1921–1992) war von 1969 bis 1978 CDU-Bundestagsabgeordneter, dann Mitbegründer der Grünen, die er 1981 wieder verließ, um Vorsitzender der Ökologisch-Demokratischen Partei zu werden.

©Herbert-Gruhl-Gesellschaft

Herbert Gruhl im totalitären Zeitalter

Die technologische Zivilisation hat es nötig, Natur zu konservieren, sie würde sonst ihre eigenen Grundlagen untergraben. Bemühungen in dieser Richtung sind nicht in Abrede zu stellen. Das ist in den Worten von Hermann Lübbe die „naturkonservative Zivilisation“[i]. Wer sich im deutschsprachigen Raum hier geradezu idealtypisch dienstbar machte, das Attribut „naturkonservativ“[ii] für sich in Anspruch nahm und mit Inhalten füllte, das war Herbert Gruhl (1921–1993). Er wurde 1969 CDU-Bundestags­ab­geord­ne­ter, verließ 1978 Partei und Fraktion und wurde sodann der erste Bundes­tags­ab­ge­ord­nete der Grünen, die er in führender Funktion mit­grün­dete, die ihm zu links wurden und die er 1981 wieder verließ, um (bis 1989) Vorsitzender der Ökologisch-Demo­kratischen Par­tei (ÖDP) zu werden, die es noch heute gibt und die über ein Mandat im EU-Par­la­ment verfügt. Ende der 1970er Jahre war Gruhl Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), aber auch das blieb ein kurzes Intermezzo. Er fand für seinen Naturkonservatismus keinen politischen Platz mehr, ließ sich buchstäblich zwischen den Stühlen nieder und betätigte sich noch als Schrift­steller. Entsprechend läßt sich aus der postum vorgelegten Sammlung von Gruhls „Apho­rismen“ autobio­gra­phisch lesen: „Nur wer zwischen allen Stühlen sitzt, hat festen Boden unter dem Hin­tern“[iii]. Man könnte hinzufügen: Ein bequemes Leben läßt sich so nicht führen. Gruhl hatte kein bequemes Leben, das war nicht sein Anspruch. Als Bau­ernsohn mit der Natur groß geworden, promovierte Gruhl an der FU Berlin in Philosophie und wirkte in der Bon­ner Re­pu­blik als Zentralisationsfigur der politischen Öko­logie. Die Zeitge­schichts­schreibung steht Gruhl betreffend meist unter partei­po­li­ti­schen Vor­zei­chen. Das führt zu verzerrenden Dar­stellungen. Umso wich­tiger ist es, neben den Bü­­­chern Gruhls auch seine Biographie zu kennen, um hinterfragen zu kön­­nen, ob das, was da über ihn kolpor­tiert wird, einen nach­­­vollziehbaren Sinn ergibt. Erst wenn man Entstel­lun­gen als solche durch­schaut, wird ein unver­stellter Blick auf Werk und Wirken Gruhls sinnvoll diskutiert werden können.[iv]

Von Volker Kempf


[i] Hermann Lübbe: Religion nach der Aufklärung, 3. Aufl., München u. Paderborn 2004, S. 294 f.

[ii] Herbert Gruhl: „Rede auf dem ÖDP-Bundesparteitag in Hannover, 1. Oktober 1988“; in: Volker Kempf (Hg.): Herbert Gruhl – Unter den Karawanen der Blinden, Frankfurt et al. 2005, S. 193–198, hier S. 194.

[iii] Herbert Gruhl: Aphorismen. Menschliches, Ökologie und Politik, Bad Schussenried 2021.

[iv] Zu den biographischen Angaben in dieser Abhandlung vgl. Herbert Gruhl: Überleben ist alles. Erinnerungen, München u. Berlin 1987, sowie Volker Kempf: Herbert Gruhl. Pionier der Umweltsozio­logie, Graz 2008.

Mit der kommunistischen Diktatur in der „Deutschen Demokratischen Republik“ machte der Oberlausitzer Herbert Gruhl bald unliebsame Bekanntschaft. Unmittelbar nach der Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 übersiedelte das Ehepaar Gruhl nach West-Berlin, 1958 nach Niedersachsen, wo Herbert Gruhl für die CDU in der Kommunalpolitik aktiv wurde.
©Simon Laird, flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zunächst war es das Schicksal Herbert Gruhls, am 22. Oktober 1921 in das „To­ta­li­täre Zeitalter“[i] des 20. Jahrhunderts hineingeboren zu werden. Für dieses Zeit­alter waren die beiden feindlichen und einander so ähn­lichen Strömungen des Bol­sche­wis­­mus und des National­sozia­lis­mus-Faschis­mus charakte­ristisch, also jene revo­­lu­tio­nären Be­we­­­­gungen und Herr­schafts­systeme, die das 20. Jahrhundert zu einer Epo­­che der Ka­tastro­phen machten. Beide Bewegungen und Ideologien wurden von den Heils­versprechen eines „politischen Messianismus“ geprägt – der Vor­­stel­lung in dem einen Fall, daß die Klasse des Proletariats die Mensch­heit in eine ver­heißungs­volle Zukunft totaler Frei­heit und Emanzipation führen werde, im anderen Fall, daß die nordisch-ger­ma­nische Rasse zur Weltherrschaft beru­fen sei. Beide waren poli­tische Reli­gionen, säkulare „Kirchen“, die von ihren Mit­glie­dern einen lei­den­­schaft­li­chen Glau­ben an die Richtigkeit ihres angeb­­lichen Wissens über Sinn und Ziel der Ge­­schichte erwarteten, das von der Ein­sicht und dem Willen der Partei­führung bezieh­­ungsweise des „Führers“ bestimmt wurde.

Herbert Gruhl wuchs in der Zwischenkriegszeit auf einem Bauernhof in Gnaschwitz bei Bautzen auf, machte auch eine landwirtschaftliche Ausbildung, war aber als Ju­gend­­licher bereits jemand, der am liebsten las, vor allem Rainer Maria Rilke, aber auch Stefan George. Zeit­ge­mäß wurde Gruhl 1933 in die Orga­nisation Jungvolk auf­ge­nom­men, deren Ziel es war, nationalsozialistisch zu indoktrinieren und zum Füh­rergehorsam zu erziehen. Der Jugendsport war hier ebenfalls wichtig, Gruhl diesem nicht abgeneigt. Aber 1934 kehrte Gruhl dem Jungvolk den Rücken. Das sinnlose Aus­führen von Befehlen war Gruhls Sache nicht. Er erwies sich damit schon gegen­über dem Totalitarismus der National­so­zialisten als unan­­gepaßt. Später wurde Gruhl zum Kriegsdienst eingezogen. Auf den Einsatz mit einer Fern­mel­­­de­­einheit an der Westfront folgte die amerikanische Kriegsgefan­genschaft, aus der er im Sommer 1946 floh. Doch auch danach nahm das „totalitäre Zeitalter“ sei­nen weiteren Lauf. Jeder mußte sich darin positionieren und seinen Weg suchen. Das war letztlich auch eine Cha­rakterfrage.

Heimkehr in die sozialistische Diktatur

In seiner Oberlausitzer Heimat ging für Gruhl die Geschichte mit einer sozialistischen Diktatur weiter. Das Gefängnis in Bautzen war überfüllt. Für Gruhl war das Mahnung genug, sich besser ruhig zu verhalten. Kompliziert wurde es dennoch. Nach der erfolg­­­reichen Reifeprüfung an der Oberschule in Bautzen im März 1947 wurde Gruhl 1947 zum Studium der Philosophie, Germanistik, Anglistik und Geschichte an der Hum­boldt-Universität zu Berlin zugelassen. Die geistige Enge in der Blütezeit des Stalinismus wurde immer mehr zur Belastung für Lehrende und Studenten. Gruhl zog es an die Freie Universität Berlin, der offizielle Wechsel erfolgte 1949. Heikel war, daß die Ver­wandtschaft und die künftige Gemahlin Marianne Kießlich noch in der Ober­lausitz lebten und die SED ein Ausweichen nach West-Berlin als Verrat am So­zialismus und an der DDR verfolgen würde.

Als Gruhl 1952 im blockierten Berlin festsaß, schöpfte die SED Verdacht, zumal seine 1951 geheiratete Frau öfters nach Berlin reiste. Die Kreisleitung der SED Bautzen lud Frau Gruhl am 5. Juni 1953 vor; ihr wurden „parteischädigendes Ver­halten“ und „persönlicher Kontakt mit den Feinden der DDR im Westen“ vorge­wor­fen. Der damals in einer Sprengstoffabrik arbeitende Vater von Frau Gruhl wurde bereits wegen des Wechsels Herbert Gruhls an die FU Berlin zu „Arbeit in einem Schwerpunktbetrieb“ gezwungen. Das wurde auch Frau Gruhl in Aussicht gestellt, die bis Mai 1951 als Lehrerin im Kreis Bautzen gearbeitet hatte und danach mit Hand­ar­bei­ten Geld verdiente. Um der Forderung nach Kontaktabbruch und Ehe­schei­dung Nach­­­druck zu verleihen, entzog die Gemeinde Gnaschwitz ihr Essens­mar­ken. Unmittelbar nach der Niederschlagung des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 gelangte Frau Gruhl nach West-Berlin, wo das Ehepaar fortan lebte und ein Jahr später ihr erster Sohn geboren wurde.

1953 hatte sich der Lebensmittelpunkt der Eheleute Gruhl also vom Kreis Bautzen nach West-Berlin verlagert. 1954 trat Gruhl der Berliner CDU bei. Die West­bindung erachtete Gruhl für wichtig, Ludwig Erhard sprach ihn besonders an. Die Doktorwürde der Phi­lo­­sophie erhielt Gruhl 1957 mit einer Arbeit über Hugo von Hof­mannsthal.[ii] Auffällig ist hier die Beschäftigung mit der Einsfühlung mit der Natur, die sich in der Philosophie auf Max Schelers „Wesen und Formen der Sympathie“ (1913) stützen konnte. Hier dürfte die Stärke der Hofmannsthal-Interpretation Gruhls liegen. Am meisten hatte ihn im Studium Hans Leisegang beeindruckt. Leisegang war ein Philosoph, der im Nationalsozialismus schon nicht auf Linie gewesen und ins Gefängnis gekommen war, was sich im So­zialismus/Kommunismus zu wiederholen drohte, nachdem er, in Jena leh­rend, vor der versammelten Studentenschaft klare Worte gegenüber der SED fand, daß sie in die gleichen unterdrückenden Konsequenzen gerate wie schon der Na­­tio­nalsozialismus. Leisegang wechselte nach Berlin, wo Gruhl bei ihm noch Ver­an­stal­tungen besuchte, ehe er 1951 starb.
Der Mensch, genauer: der neuzeitliche Mensch habe „kein Organ für das Or­ga­nische“[iii], habe Leisegang zu sagen gepflegt, dessen Hauptwerk „Denk­formen“ (1928) heißt.


[i] Klaus Hornung: Das totalitäre Zeitalter. Bilanz des 20. Jahrhunderts, Berlin u. Frankfurt a.M. 1993.

[ii] Gruhls Dissertation wurde aus finanziellen Gründen nicht publiziert, ein Exemplar steht an der FU Berlin zur Verfügung.

[iii] Herbert Gruhl: Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik, Frankfurt a.M. 1975, S. 18.

1975 erschien das Buch „Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik“, das seinen Autor über Nacht bekannt machte. Noch im selben Jahr wurde Gruhl Vorsitzender des neugegründeten Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

In der Politik

Im Jahre 1956 wurde in Berlin der zweite Sohn geboren. Als Vertreter für Büro­maschi­nen zog Gruhl mit seiner Familie 1958 nach Barsing­hau­sen. Dort beginnen – vom Norden her gesehen – die Gebirgslandschaften, was Gruhl an die Oberlausitz erinnerte. Für die CDU wurde Gruhl in der Kommunalpolitik aktiv, er übernahm 1965 den Parteivorsitz im Landkreis Hannover. Zwei weitere Kinder wur­den in dieser Zeit geboren. Eine Kandidatur zum Landtag von Niedersachsen blieb 1967 zwar ohne Er­folg, aber im September 1969 gelang der Sprung in den 6. Deutschen Bundestag. Die erste Auf­gabe lag bei einer Mitarbeit im Innenausschuss, der damals für den Um­weltschutz mit zuständig war. Gruhl interessierte sich jedoch auch besonders für die Innenpolitik, besah sich in diesem Zusammenhang „die radikalen Kräfte der jungen Gene­ra­tion“ genauer und lastete diesen an, daß sie „unverblümt zuge­ben, unsere freiheitliche, liberale Demokratie […] in einen sozialistischen Zwangs­staat, eine westdeutsche Räterepublik zu verwandeln“. Dabei seien diese radikalen jungen Leute dabei, sich in die „Par­teien, die die gegenwärtige Regierung stellen“, also SPD und FDP, „einzunisten“[i]. Ein Blick auf die Jusos, aber auch die Jungdemokraten lasse daran keinen Zweifel.

Im Sommer 1970 wurde Gruhl mit einer neuen Aufgabe betraut: Er wurde Leiter der „Ar­­­beits­gruppe für Umweltvorsorge“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und der gleichnamigen Arbeitsgruppe der Partei. Für die Umwelt vorzusorgen, erforderte nach Gruhls Auffassung mehr als ein paar technische Maßnahmen. Umweltauflagen sollten wichtig werden, die die Wirtschaft damals ablehnte – sie fürchtete Wett­be­werbs­­­­nachteile. Die gesamte Wachstumswirtschaft gelte es zu hinterfragen, für die die Umwelt­vorsorge bisher kaum eine Rolle spielte. Gruhl war von der Not­wendigkeit über­zeugt, daß die Umwelt­vor­sorge nicht länger ein blinder Fleck in der Politik sein dürfe, und legte im September 1975 sein Buch „Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik“ vor. Helmut Kohl quittierte das mit Schweigen.

Neue Bestimmung Umweltschutz

Das Buch machte Gruhl über Nacht bekannt und zum profilierten Umweltschützer. Er wurde im November des Jahres Vorsitzender des neuge­gründeten Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutsch­land (BUND). Vor dem Hintergrund, daß die Wirt­schaft Umweltauflagen fürchtete, mußte das dem Wirtschaftsflügel der Union beson­ders mißfallen. Protokolle aus Bundestagssitzungen legen davon Zeug­­nis ab. Die Partei unter dem Vorsitz Kohls entzog Gruhl nach der Bun­destags­wahl vom Herbst 1976 die ihm zugeteilten Aufgaben. Die Grün­dung einer Umwelt­par­tei war nur noch eine Frage der Zeit. In dieser Phase wurde Gruhl 1977 als BUND-Vorsitzender abgewählt. Im Sommer 1978 gründete er einen Tag nach sei­nem Austritt aus der CDU die Grüne Aktion Zukunft (GAZ), deren Vor­sitzender er wurde.

Das Programm der GAZ mit dem Titel „Das grüne Manifest“[ii] stand der CDU/CSU in gesellschafts­politischen Fragen nahe. Sicher überschätzte Gruhl die Anzieh­ungskraft seines Bestsellers im Verhältnis zu den traditionellen Wähler­bindungen, die viele doch auf der Seite der CDU hielt. Prominente Unterstützer fand Gruhl aber durch­aus. Am GAZ-Pro­gramm mitgeschrieben hatte Christa Me­ves[iii]; auf sie ging das zwei Seiten umfassende Ka­pitel zur Familien­politik zurück. Es beginnt mit einem kla­ren Bekenntnis: „Das Leben beginnt in der Familie. Den Müttern als dem wichtigsten Stand des Volkes muß mehr Anerkennung und Gerechtigkeit zuteil werden.“ War Gruhl wegen der Zerstörung der Umwelt besorgt, so Meves wegen der Zer­störung seelischer Gesundheit durch einen zu leichtfertigen Umgang mit Kindern im Zeichen der neuen Emanzipationsbewegung. Der „Spie­gel“ fiel am 24. Juli 1978 über das GAZ-Pro­gramm her und stellte dabei auf die Fa­mi­lien­politik ab. Der Titel lautete süffi­sant „Zu den Müttern“ und zeigte die GAZ-Grün­der, wie sie mit Ent­schlossenheit irgendwo hinzulaufen schienen. Das Cover derselben Ausgabe zierte zur Ein­stimmung die Schlagzeile „Der befreite Busen“, dazu groß das Bild einer jungen Dame, die „oben ohne“ zu sehen ist. Konservative hatten seinerzeit keinen leichten Stand, wenn sie den wärmenden Mutterschoß der CDU/CSU verlas­sen hatten und Ge­hör finden wollten.

Die Dimension des Bedrohten, die dem Konservativen besonders präsent ist, betraf für Gruhl die Nation und die Familie, aber auch die Gefahr, die Wirklichkeit nur rein öko­no­misch zu betrachten und überwirtschaftliche Dinge wie Würde und Schönheit zu ver­kennen, wie es im GAZ-Programm unter Verweis auf den ordoliberalen Sozio­öko­nomen Wilhelm Röpke heißt. Aber der Verluste sind noch mehr. Es ging um den Verlust von Ackerboden und um die Verunreinigung von Wasser, wie sie seinerzeit an Deutsch­lands Flüssen mit den Sinnen zu greifen war. Im Oberrhein zu baden, war etwa längst unüblich geworden. Auch die nicht erneuer­­baren Ressourcen wurden ver­braucht und dies als „Wirt­schaftswachstum“ gefeiert. Dabei läßt sich ohne diese Ressour­cen auch kein Kunst­dünger produ­zieren. Der natürliche Produktionskreis allein, der sich aus der Son­nenenergie speist, reichte der Zivi­li­sation längst nicht zum Über­leben, nicht bei Milliarden von zu ernährenden Men­schen. Der künstliche Pro­duktionskreis kam hinzu und blieb uner­setzlich, er wurde aus Gruhls Sicht aber durch den Einsatz che­mischer Mittel auch übertrieben. In der Folge bildeten zunehmende Vertei­lungskonflikte eine Negativseite der fortschreitenden Plün­derung des Planeten. Damit war das pro­gressive Weltbild von liberal bis sozia­listisch in seinen Grund­an­nah­men berührt, für das alles nur ein Problem von Mehr­pro­duktion und Ver­teilung war. Die Frage nach der Verknappung von Ressourcen und der Überforderung selbst­verständlich gewordener ökologischer Systemleistungen war nicht ein­kal­kuliert. Diese Problematik reichte auch über den Ost-West-Konflikt hinaus. Das tota­litäre Zeitalter mochte vergehen, die Frage der Plün­derung der Erde würde hingegen bleiben. Die Problematik sollte folglich über den Kalten Krieg hinaus erhalten bleiben und wurde dann auch von Günter Rohrmoser, einem Vertreter der „Ritter-Schule“, in sei­nem Buch über „Konservatives Denken im Kon­text der Moderne“ (2006) aufgegriffen: „Die ganze Vision einer befriedeten Welt lebt von der Unerschöpflichkeit des Teilen­kön­nens, ohne dass die Frage des Nehmens noch gestellt wird, obwohl die fortge­schrittene Ausbeutung der Natur die Beschäftigung mit dieser Frage schärfer fordert als je zuvor.“[iv]


[i] Herbert Gruhl: „Das Problem der jungen Generation (1970)“; in: Naturkonservativ 2007, Bad Schussenried 2007, S. 49 ff.

[ii] Eine Kurzfassung findet sich in Kempf: Karawanen.

[iii] Vgl. Christa Meves: „Ad memoriam Herbert Gruhl“; in: Volker Kempf u. Heinz-Siegfried Strelow (Hg.): Naturkonservativ heute 3 (2003), S. 99 f.

[iv] Günter Rohrmoser: Konservatives Denken im Kontext der Moderne, Bietigheim 2006, S. 274.

1975 erschien das Buch „Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik“, das seinen Autor über Nacht bekannt machte. Noch im selben Jahr wurde Gruhl Vorsitzender des neugegründeten Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).
Nachdem ihm die Grünen zu links geworden waren, rief Herbert Gruhl 1982 die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) ins Leben, deren Vorsitzender er wurde. Als sein Stellvertreter fungierte der Biobauer Baldur Springmann (Bild).
Schon 1953 sah Friedrich Georg Jünger in der „Perfektion der Technik“ Fortschritte der Naturzerstörung globalen Ausmaßes.
1982 wurde Herbert Gruhls Buch „Das irdische Gleichgewicht“ publiziert, dessen Inhalt man auf die Formel „Weniger ist mehr“ bringen kann.
In seinem Spätwerk „Himmelfahrt ins Nichts“ (1992) machte Herbert Gruhl die geistige Position des Naturkonservatismus noch einmal deutlich. Wirtschaftspolitisch stützte sich Gruhl auf die auf Walter Eucken zurückgehende Freiburger Schule des Ordoliberalismus, die die geistigen Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft legte. Auch der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger hatte auf Herbert Gruhl erheblichen Einfluß, mit dem er in jahrelanger Freundschaft verbunden war.

Grüner Konservatismus

Die ökologische Frage war also in den 1970er und 1980er Jahren noch eine Überla­ge­rungsproblematik, die quer durch die Parteien und ihre Weltanschauungen verlief. Er­hard Eppler war das Pendant zu Gruhl in der SPD. Nur daß Eppler in seiner Partei geduldet wurde, um für einen „Wertkonservatismus“ zu werben, der auch die „Werte“ des Neomarxismus beinhalten konnte, solange er nur die natur­zer­stö­­­re­ri­schen Struk­turen in Frage stellte. In dieser Kategorie gedacht, war Gruhl ein Wert­kon­servativer, aber einer von „rechts“, also für Eppler ein Konkurrent, der angeb­­lich „Askese mit Gewalt erzwingen“[1] wolle. Das wurde in Epplers „Ende oder Wende“ (1975) nur sehr vage belegt, indem er auf ein ganzes Kapitel aus „Ein Planet wird geplündert“ hinwies. Aber die Absicht war klar: Eppler wollte konservative Bauern, die den Anti-AKW-Protest entdeckten und vom Straßenbau durch Flächenverluste mehr Nach- als Vorteile hatten, auf seine Seite ziehen und von Gruhl und dessen damaliger CDU fern halten.

Caspar von Schrenck-Notzing hatte die Entwicklung in den ausgehenden 1970er Jah­ren verfolgt und ging 1979 in „Criticón“ auf Gruhl und die GAZ ein. Er ordnete diese Partei dem „Grün von oben“ zu, was sicher der Tatsache geschuldet war, daß Gruhl 1976 einen Tag nach seinem Austritt aus der CDU einige Weggefährten eingeladen und mit ihnen ein Pro­gramm verab­schie­det hatte. Die Hoffnung, das Programm möge die Richtigen aus den Bürgerinitiativen und Altparteien anziehen und die Falschen aus der APO-Szene abschrecken, stand dabei sicher Pate. Daneben gab es das „Grün von links“ und ein „Grün von unten“[2]. Mit letzte­rem waren Bürger­ini­tia­tiven gemeint, prominent ver­treten durch Petra Kelly. Gruhls Bestseller von 1975 war ein Standardwerk für die Bür­gerinitiativen. Er selbst hatte damals die Stel­lung eines geistreichen Kronzeugen für die verfehlte Politik der herrschenden Par­teien inne und wurde entsprechend auch mit Zitaten in einen „Kriti­schen Ka­len­der“ aufge­nom­men.[3]

Die treibenden Kräfte für eine Bundespartei der Grünen waren 1978 mit Blick auf die im Folgejahr anste­henden Europawahlen Herbert Gruhl und der Ökobauer Baldur Spring­mann, seinerzeit Vorsitzender der Grünen Liste Schleswig-Holstein (GLSH). Die GLSH hatte 1978 mit 2,4 % ein erstes achtbares Ergebnis errungen, die nie­­­­­der­säch­sische Grüne Liste Umwelt­schutz (GLU) wenige Wochen später 3,9 %. Das war ein Achtungserfolg der „Grünen von unten“. An solchen Erfolgen wollten dann auch die Linksalternativen partizipieren. In Hamburg trat die Bunte Liste – Wehrt euch (BuLi) in Erscheinung, sie erzielte mit 3,5 % deutlich mehr als die Hamburger Grüne Liste Umweltschutz (GLU) mit 1,0 %. Das war ein Erfolg der „Grünen von links“ mit ihrer Symbolfigur Holger Strohm in lilafarbener Latzhose, der ebenfalls ein Standardwerk für die „grüne“ Bewegung vorgelegt hatte, genauer 1973 mit „Friedlich in die Katastrophe“ für die Anti-AKW-Bewegung. Aber Hamburg war ein sehr speziel­les Milieu, was es bis heute geblieben ist. Nach­­denklich mußte Hes­sen stim­men. „Grün von unten“ und „Grün von links“ um Daniel Cohn-Bendit taten sich zusammen; die GAZ, die mit „Grün von links“ nichts zu tun haben wollte, trat ebenfalls an. Am Ende erreichten beide je 1 % der Stimmen, wobei die GAZ knapp unter dieser Wahlkampfkostenerstattungshürde blieb. Sie hatte es in der Kürze der Zeit nicht geschafft, in allen Wahlkreisen Kandidaten auf­zustellen. Letzter Probelauf war 1978 in Bayern. Hier taten sich die GAZ und die national-neutralistische Aktions­gemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD) um August Haußleiter im Verbund mit Bürgerinitiativen zusammen, also „Grün von oben“ und „Grün von unten“. Unter der erstmals verwendeten Bezeichnung Die Grünen reichte das für 1,8 %.

Als die Europa­wahl­grünen im Juni 1979 – mit Kelly und Gruhl als Spitzenkandidaten – 3,2 % errangen, war dies ein Erfolg des „Grün von oben“ und des „Grün von unten“. Der Bremer Grü­nen Liste (BGL) gelang am 7. Oktober 1979 der Einzug in die Bre­mische Bür­gerschaft; sie erreichte 5,1 % und ließ damit die Alternative Liste (AL) hinter sich, die auf 1,4 % kam. Die BGL ordnete Schrenck-Notzing dem „Grün von unten“ zu. Daraus folgerte er, die Abgrenzung gegenüber der AL sei erfolg­­ver­sprechend, um für bürgerliche Kreise wählbar zu sein, „denn die alter­­nativen oder bunten Listen mit ihrem Sammelsurium aus Kommunisten und Anar­chisten, So­zia­listen und Spontis, Schwulen und Lesben wirken bei aller Anzieh­ungskraft auf junge Leute doch wie ein Bürgerschreck“[4]. Das war auch Gruhls Über­zeugung und deckte sich mit dem Erfolg der Europawahlgrünen auf Bundesebene.

Mit den Wahlerfolgen und den damit verbundenen Wahlkampf­kosten­­er­stattungen mach­­­ten sich die geschei­terten K-Gruppen und Linksalternativen zuneh­mend bemerk­bar, mit Schrenck-Notzing gesprochen: das „Grün von links“, das ohne eine breitere Zu­stimmung des Mittellagers, sprich des „Grün von unten“, nie die Ober­hand hätte gewinnen können. Der Zeitgeist wehte links, so daß eine Ab­grenzung von Spontis und K-Gruppen wie schon in Hessen schwierig wurde. Der GAZ-Flügel sollte 1980 das Nachsehen haben. Die aus der APO kommenden Akti­visten hatten nichts zu ver­lieren und konnten engagiert auf Karrieren in der neuen Be­wegungs­partei setzen. Heute bekannte Namen fallen darunter: Antje Voll­mer, Ludger Volmer, Winfried Kret­schmann, Jürgen Trittin, Otto Schily, Daniel Cohn-Bendit und Joseph Fischer.

Nachdem sich die GAZ aus den Grünen zurückgezogen hatte, wurde als ihre Rechtsnach­fol­ge­rin 1982 die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) ins Leben gerufen – Vor­sitzen­der Herbert Gruhl, Stellvertreter Baldur Spring­mann. Es dauerte bis zum Frühjahr 1988, ehe bei einer Landtagswahl in Ba­den-Würt­tem­berg mit 1,4 % die ersten Wahl­kampfkostenerstattungen errungen wurden. Auch hier kam es dann zu ver­stärkten Hitzigkei­ten. Zunächst nah­men die Angriffe internationa­listischer Sozialisten mit der Selbst­bezeich­nung „Antifa“ zu. Das ÖDP-Papier „Ökologisches Gleichgewicht und Bevölkerungsdichte“ vom Juni 1986 geriet in den Fokus, da ihm zufolge Deutschland als dichtbesiedelt zu klassifizieren sei und daher „kein Einwanderungsland“ sein könne. Die Türkei gehöre nicht zu Europa, und für Gastarbeiter seien „freiwillige Rückkehrprozesse sinnvoll“, unterstützt durch „finanzielle Anreize“. Am „bestehenden Anwerbestopp“ dürfe sich „nichts ändern“. Asylverfahren gelte es zu beschleunigen. Auf die Gefah­ren der Über­be­völ­kerung der Erde sei hinzuweisen und „Geburtenregelung (nicht durch Abtreibung) zu propagieren“[5]. Dieses zuwanderungspolitische Papier war eindeutig konservativ und wurde 1988 zur Zielscheibe von Angriffen, die einige ÖDP-Mitglieder nervös machten. In die­ser Zeit versuchte Gruhl, das Profil der Partei zu schärfen, auch mit dem Begriff des Natur­konservatismus, mit dem er sich von Epplers Wert­kon­­servatismus abgrenzte. Natur­kon­servativ, das heiße, „für uns [die ÖDP] steht die Natur im Mittel­punkt, die bis heute ausgebeutet, vergiftet und nach Gebrauch weg­ge­worfen wird; weil nur das, was von ihr als ‚Sache‘ ökonomisch genutzt werden kann, den entspre­chen­den Wert bekommt. Der Eigenwert der Natur hingegen wird mit Null angesetzt, obwohl ohne sie gar kein menschliches Leben möglich ist.“[6]

Ande­ren schie­nen die Angriffe politischer Sektierer von links gelegen zu kommen. Als damaliger Zaungast kann ich sagen, daß das auf Partei­tagen nicht offen zur Sprache kam, aber umso mehr hinter den Ku­lissen, etwa wenn nach Veranstal­tun­gen Lokalitäten auf­ge­sucht wurden – dann nahm das viel Ge­sprächszeit in An­spruch. Viele bür­ger­liche Leute waren Anfeindungen, rechts­kon­servativ oder „öko­fa­schistisch“ zu sein, nicht gewohnt und wußten damit nicht umzu­ge­hen. Der konservative Flügel um Gruhl – wenn dieser nicht mehr wäre, dann wür­den vielleicht die Angriffe weniger werden. Das war eine mögliche Ein­stellung, um innerparteilich die Konflikte mit frem­der Munition anzu­heizen und so selbst Gestal­tungs­spiel­raum zu gewinnen.

Es gab auch einen links­katho­lischen Flügel, der dadurch einen Be­deutungs­ge­winn erlangt hätte. Innerparteiliche Geg­ner aus jenem Lager stellten Gruhl eine Falle: Sie bean­tra­gten auf dem Bun­des­par­teitag am 1. April 1989 in Hannover eine Ab­grenzung von Re­­publikanern, DVU und NPD, die auch als eine Absage an die Wie­­der­vereinigung Deutschlands gelesen werden mußte. Zunächst hieß es: „Wer im Be­reich der Re­pu­blikaner oder gar der NPD oder DVU für uns [die ÖDP] werben wollte, müßte Posi­tionen vertreten, die unserem Grund­satzpro­gramm fremd sind.“ Das ging aus Sicht von Gruhl noch an, dem schon die Republikaner zu poltrig auf­traten. Weiter hieß es aber: „Ein Partei­mitglied, das die Themen National­be­wußtsein, Patriotismus oder Deutsch­tum zu politischen Schwer­punkten macht, handelt nicht nach dem Grund­­­satz­­programm der ÖDP.“[7] Die Themen Patriotismus und National­be­wußtsein sollten also den genannten Parteien über­lassen bleiben. Diese Stimmung lag schon vor dem Par­teitag in der Luft, wes­halb Gruhl im Mitgliedermagazin „Öko­lo­giePolitik“ vom Februar desselben Jahres unter der Über­schrift „Zwischen Links und Rechts und Null­punkt“ geschrieben hatte: „Gerade die Deutschen schei­nen heute süchtig nach Be­kennt­­nissen zu sein, und seien es solche gegen ihr Deutschsein“[8]. Keine Wieder­ver­eini­gung Deutsch­lands ohne Deutschsein, ohne Nationalbewußtsein und ohne Patrio­­tismus. Es sollte nur wenige Monate dauern, bis die ÖDP durch Rufe von drü­ben – „Wir sind ein Volk“ – von der Wirklichkeit eingeholt werden würde. Gruhl vermochte da noch 1990 durch Wahl­kampfauftritte in Sachsen Kurt Biedenkopf (CDU) zu unter­stützen, während er die ÖDP verließ. Die ÖDP wurde von der Wirklichkeit des gespal­tenen Landes und dessen Ende völlig überrascht. Die Grünen waren noch irritierter und scheiterten bei der damaligen Bun­destags­wahl im Wahl­gebiet Westdeutschland mit 4,8 % an der Sperr­klausel.

Eine Ebene über der Politik

Herbert Gruhl blieb den Parteien, denen er angehörte, geistig überlegen. Oder war es genau umgekehrt, wie Ludger Volmer zum 25. Todestag Gruhls im NDR erklä­rte? Volmer stellte auf das Emanzipa­tions­anliegen ab. Dieses habe Gruhl nicht begrif­fen. Das Emanzi­pations­anliegen, das bedeutete, durch Streichung des Abtreibungsparagraphen im Strafgesetzbuch das werdende menschliche Leben der Beliebigkeit preiszugeben. Das hatte Gruhl kritisiert, wie Volmer in der Sendung wiedergab. Also hatte Gruhl das Emanzipa­tions­anliegen wohl begriffen, ihm aber nicht zugestimmt. Das ist ein feiner, aber nicht unerheblicher Unterschied. Genauso Christa Meves, die Gruhl als Mitautorin für das GAZ-Manifest gewonnen hatte und die schon 1971 in ihrem Bestseller „Manipu­lierte Maßlosigkeit“ die Auswirkungen der neuen Emanzi­pations­bewegung bis hin zur „sexuellen Befreiung“ kritisierte,[9] ein Thema, das gerade angesichts der bei den Grü­nen verklärten Pädophilie für diese selbst äußerst pikant ist. Es sind die Grünen, die einiges nicht begriffen haben, nicht einmal die Öko­logie, wie Gruhl es ihnen vorwarf:

Eman­zi­pa­tion heiße grundsätzlich, daß „die schrankenlose Expan­sion menschlicher Wünsche ohne Rücksicht auf den Lebenszusammenhang, in dem sich der Mensch unaufhebbar befindet […] uns genau an den Punkt geführt“ habe, an den Punkt der „ökologischen Krisensituation“. Eman­zi­pation heiße Emanzipation von der Natur. Die Grünen hätten nichts begriffen, was das „grundsätzliche Um­denken“[10] anbelange, führte Gruhl aus und stützte sich dabei ausführlich auf Robert Spaemann, einen Ver­treter der „Ritter-Schule“. Dieser Emanzipations­gedanke ist hiernach selbst ein Teil der öko­­lo­gischen Krise, nicht ihrer Behandlung. Wie sollten wachsende materielle An­sprüche anders als durch die Plün­de­rung der Erde erfüllt werden? Kon­servativ zu sein, heißt kultiviert und ver­ant­wor­tungsbewußt zu sein. Der Respekt vor dem Ge­wachsenen ist konservativ. Das Ge­wachsene achtet der Bauer, nicht der, der dem Fortschritts­­glauben ver­fällt. Auch die Sprachen der Völ­ker sind gewachsen und zu respektieren; Esperanto als Einheitssprache, der Euro als Einheitswährung sind Schritte zur Vereinheitlichung der Welt. Der Eine-Welt-Staat war für einen Konservativen wie Gruhl ein Albtraum. Folglich fragte er in „Ein Planet wird geplündert“ zwar nach einem befoh­lenen Verzicht, kam aber zu dem Schluß, dieser würde eine Öko-Welt­diktatur bedeuten, die weder etwas bringe noch wünschenswert sei. Das diente als Abschreckung, davon besser die Finger zu lassen. Wer zwei Dikta­turen erlebt hatte, wollte keinen dritten Versuch mit Öko-Vorzeichen, wie nach Eppler noch einige andere Gruhl unterstellten. Was Gruhl wollte, das war ein Staat, der stark genug wäre, nicht zur Beute von Lobby­grup­­pen zu werden – aber das ist etwas anderes, das ist Ordnungspolitik. Keine soziale Marktwirtschaft ohne eine solche Ordnungspolitik. An solcher Differenzierung waren die Sekundärbe­trachtungen oft nicht inte­res­siert.

Die wirtschaftspolitischen Kon­zepte Gruhls stützen sich auf die auf Walter Eucken zurück­ge­hende Freiburger Schule des Ordo­libe­ralismus, auf welche die soziale Markt­wirt­schaft zurückgeht und die zum Leit­bild für die Bun­desrepublik Deutschland wurde. Das Erreichte galt es Gruhl um eine ökolo­gi­sche Kom­po­nente zu erweitern. Eine aufkom­mensneutrale ökolo­gische Steuer­reform schlug er seit seinem Best­seller von 1975 immer wieder vor. Die Besteu­erung der Arbeitskraft sollte im Ge­gen­zug gesenkt werden. Später wurde das Konzept in der Poli­tik zwar aufgegriffen, wenn es um höhere Treibstoffsteuern ging, aber von Auf­kom­mensneutralität war dann keine Rede mehr. Das Öko­lo­giethema war letztlich gut genug, um Steuern zu erhöhen.
Im Hintergrund dürfte bei Gruhl der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger die Feder mit geführt haben. Beide, Gruhl und Binswanger, waren einander geistig eng verbunden. Sie hatten sich früh gefunden, keiner mußte mit seiner Kritik an der neoklassischen ökonomischen Theorie mehr „alleine weise“ sein, wie Binswanger sich 2003 erinnerte. „Dass ein CDU-Politiker und ein Professor einer Wirtschaftsuni­ver­­sität die gleichen Zweifel hegten, war doch eine Seltenheit.“[11] Die Leistungen der Natur kommen in der Neoklassik nicht vor, obwohl ohne sie nichts produziert werden kann. Was für Zauberlehrlinge, die da am Werk waren. Goethes Werke schätzten Gruhl und Binswanger beide sehr.

Die Zeit war in den 1970er Jahren reif, sich im Denken von der Ära des „Wirtschafts­wunders“ zu verabschieden. In Gruhls Worten vom Januar 1988: „Die zur Zeit in Ost und West herrschenden Wachstumsideologien sind in Notzeiten entstan­den. Der Marxismus im Frühkapitalismus, unsere Wach­stumstheo­­rie in der dürftigen Nach­kriegszeit. Aber in Notzeiten entstandene Theo­rien sind in Wohlstandszeiten falsche Leitbilder.“[12]
Maßhalten, das sollte das Zeichen der Zeit sein, meinte schon Ludwig Erhard, dem Gruhl weiterhin geistig verbunden blieb. Auch die Kritik am Ausbau der Strom­pro­duktion durch Atom­kraftwerke in den 1970er Jahren gehört hierher, da Gruhl die zu Grunde gelegten Bedarfszahlen als Wachstumswunschdenken durchschaute. Allen Un­ken­rufen zum Trotz gingen die Lichter auch nicht aus, als das Kernkraftwerk Wyhl nicht gebaut wurde. Ganz abgesehen davon hielt Gruhl Kernkraftwerke für der Verteidigung des Landes abträglich und die Endlagerungsfrage für ungeklärt, wie das Lager Asse später auch deutlich machen sollte – ein Provi­sorium, das die Steuerzahler heute Milliarden kostet.

Die Ansichten über Gegenwart und Zukunft der Grünen gingen in den 1980er Jahren zwischen den beiden Soziologen Ulrich Beck und Helmut Schelsky ausein­ander. Liest man Becks „Risi­ko­ge­sellschaft“ (1986) mit einem Seitenblick auf die deutsche Um­welt­be­wegung und ihre Partei, müßten sich die Institutionen gegen eine Eta­blie­­rung des Neuen zusam­men­gezogen haben. Helmut Schelsky, der die Ent­wicklung noch bis 1983 verfolgen konnte, sah das nicht so dra­ma­tisch, viel­mehr werde die „Aus­­­stei­ger-Partei“ im Par­la­men­ta­ris­mus im „Bann­kreis der ‚eta­blier­ten Par­­teien‘“ ankom­men und selbst wie die „‚eta­blierten Parteien‘“[13] werden. Mit der rot-grü­nen Koali­­­­tion 1985 in Hes­­­sen wurde deutlich sichtbar ein Weg der Ak­zep­­tanz ein­­ge­­schlagen. Die Ver­ei­di­gung Jo­seph Fi­schers in Turn­­schu­hen war auch äußer­lich Aus­­­druck eines vom Esta­blish­­ment abwei­chen­den Milieus, das in der par­la­men­­­ta­ri­schen Nor­malität ankam. Die von Beck genannte „Stim­mungs­de­mo­­kra­tie“[14] wandte sich nicht nur gegen die Grünen, sie wurde auch von den Grü­nen mitgeprägt, worauf Schelsky abstellte. Die Grünen wurden für die Bonner Republik sogar hege­monial, sie bestimmten sehr häufig die Themen, mehr als es bloße Pro­zentzahlen ausdrücken können. Dabei geht es bis heute nicht nur um Umweltfragen, sondern weit abseits davon auch um Dinge wie eine geschlechterneutrale Sprache und Gender-Mainstreaming. Die Grünen sind damit noch immer deutlich als Post-’68er-Bewegung erkennbar, womit Gruhl nie viel zu tun haben wollte.

Das Vermächtnis des Herbert Gruhl

Herbert Gruhl war nicht der erste Warner und Mahner vor dem Raubbau im globalen Maßstab. Schon Friedrich Georg Jünger sah in der „Perfektion der Technik“ (1953) Fortschritte der Naturzerstörung globalen Ausmaßes. Gruhl hatte das erst am Ende der Abfassung von „Ein Planet wird geplündert“ für sich entdeckt und ging 1977 in einem Aufsatz unter der Überschrift „Der Mensch als Zerstörer seiner Welt“[15] auf F.G. Jünger ein. Jünger habe schon von einem „gewaltigen Verzehr“, von „Raubbau“ gespro­chen, wo andere die Vermehrung des Überflusses im Blick hatten, den die Technik und Organisation ermöglichen sollten. Wirt­schafts­wachstum bedeute im tech­nischen Zeitalter nicht nur Fort­schritt, son­dern auch mit physi­ka­lischer Notwendigkeit an anderer Stelle ein Weniger. Be­son­ders deutlich werde das bei Verbren­nungs­vor­gängen. Hier gehe es beim Einsatz fossiler Brenn­stoffe um „eine glatte Ver­nich­tung; in dem Moment der Ener­gie­­er­zeugung […] ist der Stoff weg“. Anders als bei den Brennstoffen würden mine­ra­lische Stoffe bei Gebrauch nicht „total vernichtet“, son­dern im Falle etwa von Ma­schinen, „soweit sie nicht verrostet sind“[16], nur teilweise zerstört. Damit stoße der Mensch auf dem Planeten Erde an „Grenzen des Wachstums“ (Meadows) oder vielmehr des „soge­nannten Wachstums“, wie Gruhl sagen würde, weil tote Dinge nicht wachsen können, höchstens mehr werden. Die ver­bleibenden Möglichkeiten des Wirtschaftens sind es, worum es Gruhl ging. Von daher heißt es auch auf dem Klappentext von „Ein Planet wird geplün­dert“, der Mensch müsse von den Grenzen der Erde her denken und handeln, nicht vom bloßen Standpunkt des Wünschbaren ausgehen.

Bleibt Gruhls Buch „Das irdische Gleichgewicht“ zu erwähnen, das 1982 publiziert wurde und zeitlich mit der Gründung der ÖDP zusammenfiel. Das in diesem Buch enthaltene Denken wurde für die Par­teiwerbung auf die Formel „Weniger ist mehr“ gebracht. In Wohl­standszeiten kann weniger mehr sein: weniger Streß im Habenmodus, mehr Natur und Kultur im Seinsmodus. Auch die christliche Kultur kann einer Verfallenheit an das materia­listische Habenwollen etwas entgegensetzen. Herbert Gruhl schrieb bereits in „Der Mensch als Zerstörer seiner Welt“: „Und er [Erich Fromm] meinte die Werte, Hal­tungen, nämlich die Haltung des Seins statt des Immer-mehr-haben-Wollens, die Hal­tung des Seins, die dort gepflegt wird und die – man höre und staune – ja eigentlich die christlichen Werte sind. Genau das ist im Neuen Testament, in jeder Predigt Christi nachzulesen: Nicht hier, nicht in den irdischen Gütern liegt Eure Bestimmung, Ihr lieben, armen, geplagten Menschen, sondern es ist ein Durch­gangsstadium, eine Vorbereitung auf ein Jenseits hin.“[17]

Binswanger hat in seiner Spätschrift „Die Wirklichkeit als Heraus­for­derung“ (2016) noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig gerade in der Unruhe der Wirtschaft die Ruhe des siebten Schöpfungstages ist: „Am siebten Tag sollst Du ruhen“ heiße es biblisch, was aber auch heiße, Muße zu finden, um nicht nur getrieben zu sein, sondern „die Schöpfung als Geschenk“[18] zu betrachten, sie zwar zu nutzen, aber auch zu pflegen. Die Tradition des Christentums, per se konservativ, formuliere hier einen Kulturanspruch, geradezu eine „geistig-moralische Wende“, mit der Helmut Kohl überfordert gewesen war: Den Anspruch, daß die Probleme der deutschen Politik nur gelöst werden könnten, wenn die politische Führung auch die Dimension geistiger Führung einschließen würde. Das war richtig, nur eben politisch heimatlos geworden.

Herbert Gruhls naturkonservatives Profil ist eine Wegmarke für eine „geistig-mora­lische Wende“, die bei der CDU in den Leerlauf gelenkt wurde. Gruhl bewegte sich hierbei im Bereich des Ordoliberalismus von Erhard und Röpke, aber auch der „Ritter-Schule“. Hier finden sich die größten Gemeinsamkeiten und Anleihen. Gruhl hatte aber auch auf seinen politischen Wegen und Wagnissen viele herausragende Köpfe um sich versammelt; nur wenige konnten hier erwähnt werden, wie Me­ves und Binswanger. Die Gruhl nicht nur zur Seite schoben, sondern auch fallenließen, waren hingegen die, die es an Geist vermissen ließen und ent­weder Machtmenschen waren (Kohl) oder ein­fach die west­deutschen Kinder des totalitären Zeitalters. Was die Grünen konnten, das war, Publi­zitätseffekte zu erzeugen. Aber mit Kompetenzen war bei den Grünen nicht (mehr) zu rechnen, schrieb Schelsky in seiner letzten Schrift „Politik und Publizität“ (1983). Gruhl war es zuwenig, Publizitätseffekte zu erzeugen, dazu war er zu sehr Philosoph. Der Karri­erist hingegen muß keine Überzeugungen haben, er kann sich nach dem richten, was der eigenen Karriere gerade dienlich erscheint. Aber ohne einen geistigen An­spruch wird Politik zu einem Betrieb für Karrieristen, zu einem bürokratischen Appa­rat, der seine eigenen Interessen verfolgt und ausbaut, wie jüngst wieder im Deutschen Bun­destag durch eine Erhöhung der Parteienfinanzierung. Die Weitsicht und Ent­schlußkraft, für das eigene Volk Zu­kunftspolitik zu schaffen, wächst mit der Be­zahlung leider nicht mit. Das ist weder links noch rechts, aber auch nicht vorn, son­dern selbstbezüglich und abgehoben, was Gruhl störte. Die ÖDP nahm und nimmt bis heute nicht einmal Firmenspenden an, um symbolisch Abstand zum Lobby­ismus zu demonstrieren.

Gruhl hatte sich nach 1989 aus der Parteipolitik zurückgezogen. Die aus ÖDP-Ab­trünnigen gebildeten Unabhängigen Ökologen Deutschlands (UÖD) blieben ein Freun­deskreis mit einem eigenen Publikationsorgan. Sein Spät­werk „Him­melfahrt ins Nichts“ (1992) legte Gruhl zur Zeit der Rio-Umweltkonferenz vor, und es sollte für Dis­kus­sionen sorgen, etwa in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“. In diesem Buch wird die geistige Position des Naturkonservatismus noch ein­mal deutlich. Die Vielfalt der Völker und Sprachen gilt es zu achten, Multikul­tu­ralismus dagegen ist als kon­flikt­trächtig abzu­lehnen. Massen­zuwanderung war für Gruhl auch ein ökologisches Problem. Das galt gerade für ein dichtbesiedeltes Land wie Deutsch­land. Daß die Bevölke­rung Deutsch­­lands schrumpfte, das konnte Gruhl unter ökolo­gischen Gesichts­punkten als vorteilhaft ansehen; diesen Vorteil durch Zu­wanderung wieder aufzuheben, war ihm der Inbegriff der Unvernunft. Die Klima­de­batte entging Gruhl nicht, er akzeptierte die Theorie einer anthropogenen Klima­er­wär­­mung als Stand der Forschung. Daß neben ihr aber mittlerweile all die anderen öko­logischen Themen aus dem Blick geraten, das kann auch nicht vernünftig sein. Der Konser­vative hat immer Grund zur Skepsis.

Herbert Gruhl wurde am 22. Oktober 1921 geboren und starb am 26. Juni 1993 in Re­gensburg.


[1] Erhard Eppler: Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen, Stuttgart et al. 1975, S. 153.

[2] Caspar von Schrenck-Notzing: Konservative Publizistik, Berlin 2011, S. 345 f.; dort Verweis auf „Criticón“ 1979.

[3] Vgl. Kritischer Kalender 1977 (19. Jg.).

[4] Wie Anm. 13.

[5] Zitiert nach einem Original im Privatarchiv, auch die Konrad Adenauer Stiftung müßte über ein Exemplar verfügen.

[6] Wie Anm. 2.

[7] Zit. in Kempf: Pionier, S. 191.

[8] Herbert Gruhl: „Zwischen Links und Rechts und Nullpunkt. Februar 1989“; in: Kempf: Karawanen, S.199 f., hier S. 199.

[9] Vgl. Christa Meves: Manipulierte Maßlosigkeit, Freiburg i.Br. 1971.

[10] Gruhl: „Rede“, S. 195.

[11] Hans Christoph Binswanger: „Nachhaltiger Ressourcenhaushalt“; in: Kempf u. Strelow: Naturkonservativ heute 3 (2003), S. 107–116, hier S. 107.

[12] Herbert Gruhl: „Rede auf dem ÖDP-Bundesparteitag in Stuttgart vom 31. Januar 1988“; in: Kempf: Karawanen, S. 180–192, hier S. 181.

[13] Helmut Schelsky: Politik und Publizität, Stuttgart-Degerloch 1983, S. 97 f.

[14] Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M. 1986, S. 120.

[15] Herbert Gruhl: „Der Mensch als Zerstörer seiner Welt“; in: Kempf: Karawanen, S. 51–63.

[16] Ebd., S. 51 f.

[17] Ebd., S. 62.

[18] Hans Christoph Binswanger: Die Wirklichkeit als Herausforderung. Grenzgänge eines Ökonomen, Hamburg 2016, S. 43 u. 46.

 
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