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Die technologische Zivilisation hat es nötig, Natur zu konservieren, sie würde sonst ihre eigenen Grundlagen untergraben. Bemühungen in dieser Richtung sind nicht in Abrede zu stellen. Das ist in den Worten von Hermann Lübbe die „naturkonservative Zivilisation“[i]. Wer sich im deutschsprachigen Raum hier geradezu idealtypisch dienstbar machte, das Attribut „naturkonservativ“[ii] für sich in Anspruch nahm und mit Inhalten füllte, das war Herbert Gruhl (1921–1993). Er wurde 1969 CDU-Bundestagsabgeordneter, verließ 1978 Partei und Fraktion und wurde sodann der erste Bundestagsabgeordnete der Grünen, die er in führender Funktion mitgründete, die ihm zu links wurden und die er 1981 wieder verließ, um (bis 1989) Vorsitzender der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) zu werden, die es noch heute gibt und die über ein Mandat im EU-Parlament verfügt. Ende der 1970er Jahre war Gruhl Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), aber auch das blieb ein kurzes Intermezzo. Er fand für seinen Naturkonservatismus keinen politischen Platz mehr, ließ sich buchstäblich zwischen den Stühlen nieder und betätigte sich noch als Schriftsteller. Entsprechend läßt sich aus der postum vorgelegten Sammlung von Gruhls „Aphorismen“ autobiographisch lesen: „Nur wer zwischen allen Stühlen sitzt, hat festen Boden unter dem Hintern“[iii]. Man könnte hinzufügen: Ein bequemes Leben läßt sich so nicht führen. Gruhl hatte kein bequemes Leben, das war nicht sein Anspruch. Als Bauernsohn mit der Natur groß geworden, promovierte Gruhl an der FU Berlin in Philosophie und wirkte in der Bonner Republik als Zentralisationsfigur der politischen Ökologie. Die Zeitgeschichtsschreibung steht Gruhl betreffend meist unter parteipolitischen Vorzeichen. Das führt zu verzerrenden Darstellungen. Umso wichtiger ist es, neben den Büchern Gruhls auch seine Biographie zu kennen, um hinterfragen zu können, ob das, was da über ihn kolportiert wird, einen nachvollziehbaren Sinn ergibt. Erst wenn man Entstellungen als solche durchschaut, wird ein unverstellter Blick auf Werk und Wirken Gruhls sinnvoll diskutiert werden können.[iv]
Von Volker Kempf
[i] Hermann Lübbe: Religion nach der Aufklärung, 3. Aufl., München u. Paderborn 2004, S. 294 f.
[ii] Herbert Gruhl: „Rede auf dem ÖDP-Bundesparteitag in Hannover, 1. Oktober 1988“; in: Volker Kempf (Hg.): Herbert Gruhl – Unter den Karawanen der Blinden, Frankfurt et al. 2005, S. 193–198, hier S. 194.
[iii] Herbert Gruhl: Aphorismen. Menschliches, Ökologie und Politik, Bad Schussenried 2021.
[iv] Zu den biographischen Angaben in dieser Abhandlung vgl. Herbert Gruhl: Überleben ist alles. Erinnerungen, München u. Berlin 1987, sowie Volker Kempf: Herbert Gruhl. Pionier der Umweltsoziologie, Graz 2008.
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Zunächst war es das Schicksal Herbert Gruhls, am 22. Oktober 1921 in das „Totalitäre Zeitalter“[i] des 20. Jahrhunderts hineingeboren zu werden. Für dieses Zeitalter waren die beiden feindlichen und einander so ähnlichen Strömungen des Bolschewismus und des Nationalsozialismus-Faschismus charakteristisch, also jene revolutionären Bewegungen und Herrschaftssysteme, die das 20. Jahrhundert zu einer Epoche der Katastrophen machten. Beide Bewegungen und Ideologien wurden von den Heilsversprechen eines „politischen Messianismus“ geprägt – der Vorstellung in dem einen Fall, daß die Klasse des Proletariats die Menschheit in eine verheißungsvolle Zukunft totaler Freiheit und Emanzipation führen werde, im anderen Fall, daß die nordisch-germanische Rasse zur Weltherrschaft berufen sei. Beide waren politische Religionen, säkulare „Kirchen“, die von ihren Mitgliedern einen leidenschaftlichen Glauben an die Richtigkeit ihres angeblichen Wissens über Sinn und Ziel der Geschichte erwarteten, das von der Einsicht und dem Willen der Parteiführung beziehungsweise des „Führers“ bestimmt wurde.
Herbert Gruhl wuchs in der Zwischenkriegszeit auf einem Bauernhof in Gnaschwitz bei Bautzen auf, machte auch eine landwirtschaftliche Ausbildung, war aber als Jugendlicher bereits jemand, der am liebsten las, vor allem Rainer Maria Rilke, aber auch Stefan George. Zeitgemäß wurde Gruhl 1933 in die Organisation Jungvolk aufgenommen, deren Ziel es war, nationalsozialistisch zu indoktrinieren und zum Führergehorsam zu erziehen. Der Jugendsport war hier ebenfalls wichtig, Gruhl diesem nicht abgeneigt. Aber 1934 kehrte Gruhl dem Jungvolk den Rücken. Das sinnlose Ausführen von Befehlen war Gruhls Sache nicht. Er erwies sich damit schon gegenüber dem Totalitarismus der Nationalsozialisten als unangepaßt. Später wurde Gruhl zum Kriegsdienst eingezogen. Auf den Einsatz mit einer Fernmeldeeinheit an der Westfront folgte die amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Sommer 1946 floh. Doch auch danach nahm das „totalitäre Zeitalter“ seinen weiteren Lauf. Jeder mußte sich darin positionieren und seinen Weg suchen. Das war letztlich auch eine Charakterfrage.
In seiner Oberlausitzer Heimat ging für Gruhl die Geschichte mit einer sozialistischen Diktatur weiter. Das Gefängnis in Bautzen war überfüllt. Für Gruhl war das Mahnung genug, sich besser ruhig zu verhalten. Kompliziert wurde es dennoch. Nach der erfolgreichen Reifeprüfung an der Oberschule in Bautzen im März 1947 wurde Gruhl 1947 zum Studium der Philosophie, Germanistik, Anglistik und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin zugelassen. Die geistige Enge in der Blütezeit des Stalinismus wurde immer mehr zur Belastung für Lehrende und Studenten. Gruhl zog es an die Freie Universität Berlin, der offizielle Wechsel erfolgte 1949. Heikel war, daß die Verwandtschaft und die künftige Gemahlin Marianne Kießlich noch in der Oberlausitz lebten und die SED ein Ausweichen nach West-Berlin als Verrat am Sozialismus und an der DDR verfolgen würde.
Als Gruhl 1952 im blockierten Berlin festsaß, schöpfte die SED Verdacht, zumal seine 1951 geheiratete Frau öfters nach Berlin reiste. Die Kreisleitung der SED Bautzen lud Frau Gruhl am 5. Juni 1953 vor; ihr wurden „parteischädigendes Verhalten“ und „persönlicher Kontakt mit den Feinden der DDR im Westen“ vorgeworfen. Der damals in einer Sprengstoffabrik arbeitende Vater von Frau Gruhl wurde bereits wegen des Wechsels Herbert Gruhls an die FU Berlin zu „Arbeit in einem Schwerpunktbetrieb“ gezwungen. Das wurde auch Frau Gruhl in Aussicht gestellt, die bis Mai 1951 als Lehrerin im Kreis Bautzen gearbeitet hatte und danach mit Handarbeiten Geld verdiente. Um der Forderung nach Kontaktabbruch und Ehescheidung Nachdruck zu verleihen, entzog die Gemeinde Gnaschwitz ihr Essensmarken. Unmittelbar nach der Niederschlagung des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 gelangte Frau Gruhl nach West-Berlin, wo das Ehepaar fortan lebte und ein Jahr später ihr erster Sohn geboren wurde.
1953 hatte sich der Lebensmittelpunkt der Eheleute Gruhl also vom Kreis Bautzen nach West-Berlin verlagert. 1954 trat Gruhl der Berliner CDU bei. Die Westbindung erachtete Gruhl für wichtig, Ludwig Erhard sprach ihn besonders an. Die Doktorwürde der Philosophie erhielt Gruhl 1957 mit einer Arbeit über Hugo von Hofmannsthal.[ii] Auffällig ist hier die Beschäftigung mit der Einsfühlung mit der Natur, die sich in der Philosophie auf Max Schelers „Wesen und Formen der Sympathie“ (1913) stützen konnte. Hier dürfte die Stärke der Hofmannsthal-Interpretation Gruhls liegen. Am meisten hatte ihn im Studium Hans Leisegang beeindruckt. Leisegang war ein Philosoph, der im Nationalsozialismus schon nicht auf Linie gewesen und ins Gefängnis gekommen war, was sich im Sozialismus/Kommunismus zu wiederholen drohte, nachdem er, in Jena lehrend, vor der versammelten Studentenschaft klare Worte gegenüber der SED fand, daß sie in die gleichen unterdrückenden Konsequenzen gerate wie schon der Nationalsozialismus. Leisegang wechselte nach Berlin, wo Gruhl bei ihm noch Veranstaltungen besuchte, ehe er 1951 starb.
Der Mensch, genauer: der neuzeitliche Mensch habe „kein Organ für das Organische“[iii], habe Leisegang zu sagen gepflegt, dessen Hauptwerk „Denkformen“ (1928) heißt.
[i] Klaus Hornung: Das totalitäre Zeitalter. Bilanz des 20. Jahrhunderts, Berlin u. Frankfurt a.M. 1993.
[ii] Gruhls Dissertation wurde aus finanziellen Gründen nicht publiziert, ein Exemplar steht an der FU Berlin zur Verfügung.
[iii] Herbert Gruhl: Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik, Frankfurt a.M. 1975, S. 18.
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Im Jahre 1956 wurde in Berlin der zweite Sohn geboren. Als Vertreter für Büromaschinen zog Gruhl mit seiner Familie 1958 nach Barsinghausen. Dort beginnen – vom Norden her gesehen – die Gebirgslandschaften, was Gruhl an die Oberlausitz erinnerte. Für die CDU wurde Gruhl in der Kommunalpolitik aktiv, er übernahm 1965 den Parteivorsitz im Landkreis Hannover. Zwei weitere Kinder wurden in dieser Zeit geboren. Eine Kandidatur zum Landtag von Niedersachsen blieb 1967 zwar ohne Erfolg, aber im September 1969 gelang der Sprung in den 6. Deutschen Bundestag. Die erste Aufgabe lag bei einer Mitarbeit im Innenausschuss, der damals für den Umweltschutz mit zuständig war. Gruhl interessierte sich jedoch auch besonders für die Innenpolitik, besah sich in diesem Zusammenhang „die radikalen Kräfte der jungen Generation“ genauer und lastete diesen an, daß sie „unverblümt zugeben, unsere freiheitliche, liberale Demokratie […] in einen sozialistischen Zwangsstaat, eine westdeutsche Räterepublik zu verwandeln“. Dabei seien diese radikalen jungen Leute dabei, sich in die „Parteien, die die gegenwärtige Regierung stellen“, also SPD und FDP, „einzunisten“[i]. Ein Blick auf die Jusos, aber auch die Jungdemokraten lasse daran keinen Zweifel.
Im Sommer 1970 wurde Gruhl mit einer neuen Aufgabe betraut: Er wurde Leiter der „Arbeitsgruppe für Umweltvorsorge“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und der gleichnamigen Arbeitsgruppe der Partei. Für die Umwelt vorzusorgen, erforderte nach Gruhls Auffassung mehr als ein paar technische Maßnahmen. Umweltauflagen sollten wichtig werden, die die Wirtschaft damals ablehnte – sie fürchtete Wettbewerbsnachteile. Die gesamte Wachstumswirtschaft gelte es zu hinterfragen, für die die Umweltvorsorge bisher kaum eine Rolle spielte. Gruhl war von der Notwendigkeit überzeugt, daß die Umweltvorsorge nicht länger ein blinder Fleck in der Politik sein dürfe, und legte im September 1975 sein Buch „Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik“ vor. Helmut Kohl quittierte das mit Schweigen.
Das Buch machte Gruhl über Nacht bekannt und zum profilierten Umweltschützer. Er wurde im November des Jahres Vorsitzender des neugegründeten Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Vor dem Hintergrund, daß die Wirtschaft Umweltauflagen fürchtete, mußte das dem Wirtschaftsflügel der Union besonders mißfallen. Protokolle aus Bundestagssitzungen legen davon Zeugnis ab. Die Partei unter dem Vorsitz Kohls entzog Gruhl nach der Bundestagswahl vom Herbst 1976 die ihm zugeteilten Aufgaben. Die Gründung einer Umweltpartei war nur noch eine Frage der Zeit. In dieser Phase wurde Gruhl 1977 als BUND-Vorsitzender abgewählt. Im Sommer 1978 gründete er einen Tag nach seinem Austritt aus der CDU die Grüne Aktion Zukunft (GAZ), deren Vorsitzender er wurde.
Das Programm der GAZ mit dem Titel „Das grüne Manifest“[ii] stand der CDU/CSU in gesellschaftspolitischen Fragen nahe. Sicher überschätzte Gruhl die Anziehungskraft seines Bestsellers im Verhältnis zu den traditionellen Wählerbindungen, die viele doch auf der Seite der CDU hielt. Prominente Unterstützer fand Gruhl aber durchaus. Am GAZ-Programm mitgeschrieben hatte Christa Meves[iii]; auf sie ging das zwei Seiten umfassende Kapitel zur Familienpolitik zurück. Es beginnt mit einem klaren Bekenntnis: „Das Leben beginnt in der Familie. Den Müttern als dem wichtigsten Stand des Volkes muß mehr Anerkennung und Gerechtigkeit zuteil werden.“ War Gruhl wegen der Zerstörung der Umwelt besorgt, so Meves wegen der Zerstörung seelischer Gesundheit durch einen zu leichtfertigen Umgang mit Kindern im Zeichen der neuen Emanzipationsbewegung. Der „Spiegel“ fiel am 24. Juli 1978 über das GAZ-Programm her und stellte dabei auf die Familienpolitik ab. Der Titel lautete süffisant „Zu den Müttern“ und zeigte die GAZ-Gründer, wie sie mit Entschlossenheit irgendwo hinzulaufen schienen. Das Cover derselben Ausgabe zierte zur Einstimmung die Schlagzeile „Der befreite Busen“, dazu groß das Bild einer jungen Dame, die „oben ohne“ zu sehen ist. Konservative hatten seinerzeit keinen leichten Stand, wenn sie den wärmenden Mutterschoß der CDU/CSU verlassen hatten und Gehör finden wollten.
Die Dimension des Bedrohten, die dem Konservativen besonders präsent ist, betraf für Gruhl die Nation und die Familie, aber auch die Gefahr, die Wirklichkeit nur rein ökonomisch zu betrachten und überwirtschaftliche Dinge wie Würde und Schönheit zu verkennen, wie es im GAZ-Programm unter Verweis auf den ordoliberalen Sozioökonomen Wilhelm Röpke heißt. Aber der Verluste sind noch mehr. Es ging um den Verlust von Ackerboden und um die Verunreinigung von Wasser, wie sie seinerzeit an Deutschlands Flüssen mit den Sinnen zu greifen war. Im Oberrhein zu baden, war etwa längst unüblich geworden. Auch die nicht erneuerbaren Ressourcen wurden verbraucht und dies als „Wirtschaftswachstum“ gefeiert. Dabei läßt sich ohne diese Ressourcen auch kein Kunstdünger produzieren. Der natürliche Produktionskreis allein, der sich aus der Sonnenenergie speist, reichte der Zivilisation längst nicht zum Überleben, nicht bei Milliarden von zu ernährenden Menschen. Der künstliche Produktionskreis kam hinzu und blieb unersetzlich, er wurde aus Gruhls Sicht aber durch den Einsatz chemischer Mittel auch übertrieben. In der Folge bildeten zunehmende Verteilungskonflikte eine Negativseite der fortschreitenden Plünderung des Planeten. Damit war das progressive Weltbild von liberal bis sozialistisch in seinen Grundannahmen berührt, für das alles nur ein Problem von Mehrproduktion und Verteilung war. Die Frage nach der Verknappung von Ressourcen und der Überforderung selbstverständlich gewordener ökologischer Systemleistungen war nicht einkalkuliert. Diese Problematik reichte auch über den Ost-West-Konflikt hinaus. Das totalitäre Zeitalter mochte vergehen, die Frage der Plünderung der Erde würde hingegen bleiben. Die Problematik sollte folglich über den Kalten Krieg hinaus erhalten bleiben und wurde dann auch von Günter Rohrmoser, einem Vertreter der „Ritter-Schule“, in seinem Buch über „Konservatives Denken im Kontext der Moderne“ (2006) aufgegriffen: „Die ganze Vision einer befriedeten Welt lebt von der Unerschöpflichkeit des Teilenkönnens, ohne dass die Frage des Nehmens noch gestellt wird, obwohl die fortgeschrittene Ausbeutung der Natur die Beschäftigung mit dieser Frage schärfer fordert als je zuvor.“[iv]
[i] Herbert Gruhl: „Das Problem der jungen Generation (1970)“; in: Naturkonservativ 2007, Bad Schussenried 2007, S. 49 ff.
[ii] Eine Kurzfassung findet sich in Kempf: Karawanen.
[iii] Vgl. Christa Meves: „Ad memoriam Herbert Gruhl“; in: Volker Kempf u. Heinz-Siegfried Strelow (Hg.): Naturkonservativ heute 3 (2003), S. 99 f.
[iv] Günter Rohrmoser: Konservatives Denken im Kontext der Moderne, Bietigheim 2006, S. 274.
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Die ökologische Frage war also in den 1970er und 1980er Jahren noch eine Überlagerungsproblematik, die quer durch die Parteien und ihre Weltanschauungen verlief. Erhard Eppler war das Pendant zu Gruhl in der SPD. Nur daß Eppler in seiner Partei geduldet wurde, um für einen „Wertkonservatismus“ zu werben, der auch die „Werte“ des Neomarxismus beinhalten konnte, solange er nur die naturzerstörerischen Strukturen in Frage stellte. In dieser Kategorie gedacht, war Gruhl ein Wertkonservativer, aber einer von „rechts“, also für Eppler ein Konkurrent, der angeblich „Askese mit Gewalt erzwingen“[1] wolle. Das wurde in Epplers „Ende oder Wende“ (1975) nur sehr vage belegt, indem er auf ein ganzes Kapitel aus „Ein Planet wird geplündert“ hinwies. Aber die Absicht war klar: Eppler wollte konservative Bauern, die den Anti-AKW-Protest entdeckten und vom Straßenbau durch Flächenverluste mehr Nach- als Vorteile hatten, auf seine Seite ziehen und von Gruhl und dessen damaliger CDU fern halten.
Caspar von Schrenck-Notzing hatte die Entwicklung in den ausgehenden 1970er Jahren verfolgt und ging 1979 in „Criticón“ auf Gruhl und die GAZ ein. Er ordnete diese Partei dem „Grün von oben“ zu, was sicher der Tatsache geschuldet war, daß Gruhl 1976 einen Tag nach seinem Austritt aus der CDU einige Weggefährten eingeladen und mit ihnen ein Programm verabschiedet hatte. Die Hoffnung, das Programm möge die Richtigen aus den Bürgerinitiativen und Altparteien anziehen und die Falschen aus der APO-Szene abschrecken, stand dabei sicher Pate. Daneben gab es das „Grün von links“ und ein „Grün von unten“[2]. Mit letzterem waren Bürgerinitiativen gemeint, prominent vertreten durch Petra Kelly. Gruhls Bestseller von 1975 war ein Standardwerk für die Bürgerinitiativen. Er selbst hatte damals die Stellung eines geistreichen Kronzeugen für die verfehlte Politik der herrschenden Parteien inne und wurde entsprechend auch mit Zitaten in einen „Kritischen Kalender“ aufgenommen.[3]
Die treibenden Kräfte für eine Bundespartei der Grünen waren 1978 mit Blick auf die im Folgejahr anstehenden Europawahlen Herbert Gruhl und der Ökobauer Baldur Springmann, seinerzeit Vorsitzender der Grünen Liste Schleswig-Holstein (GLSH). Die GLSH hatte 1978 mit 2,4 % ein erstes achtbares Ergebnis errungen, die niedersächsische Grüne Liste Umweltschutz (GLU) wenige Wochen später 3,9 %. Das war ein Achtungserfolg der „Grünen von unten“. An solchen Erfolgen wollten dann auch die Linksalternativen partizipieren. In Hamburg trat die Bunte Liste – Wehrt euch (BuLi) in Erscheinung, sie erzielte mit 3,5 % deutlich mehr als die Hamburger Grüne Liste Umweltschutz (GLU) mit 1,0 %. Das war ein Erfolg der „Grünen von links“ mit ihrer Symbolfigur Holger Strohm in lilafarbener Latzhose, der ebenfalls ein Standardwerk für die „grüne“ Bewegung vorgelegt hatte, genauer 1973 mit „Friedlich in die Katastrophe“ für die Anti-AKW-Bewegung. Aber Hamburg war ein sehr spezielles Milieu, was es bis heute geblieben ist. Nachdenklich mußte Hessen stimmen. „Grün von unten“ und „Grün von links“ um Daniel Cohn-Bendit taten sich zusammen; die GAZ, die mit „Grün von links“ nichts zu tun haben wollte, trat ebenfalls an. Am Ende erreichten beide je 1 % der Stimmen, wobei die GAZ knapp unter dieser Wahlkampfkostenerstattungshürde blieb. Sie hatte es in der Kürze der Zeit nicht geschafft, in allen Wahlkreisen Kandidaten aufzustellen. Letzter Probelauf war 1978 in Bayern. Hier taten sich die GAZ und die national-neutralistische Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD) um August Haußleiter im Verbund mit Bürgerinitiativen zusammen, also „Grün von oben“ und „Grün von unten“. Unter der erstmals verwendeten Bezeichnung Die Grünen reichte das für 1,8 %.
Als die Europawahlgrünen im Juni 1979 – mit Kelly und Gruhl als Spitzenkandidaten – 3,2 % errangen, war dies ein Erfolg des „Grün von oben“ und des „Grün von unten“. Der Bremer Grünen Liste (BGL) gelang am 7. Oktober 1979 der Einzug in die Bremische Bürgerschaft; sie erreichte 5,1 % und ließ damit die Alternative Liste (AL) hinter sich, die auf 1,4 % kam. Die BGL ordnete Schrenck-Notzing dem „Grün von unten“ zu. Daraus folgerte er, die Abgrenzung gegenüber der AL sei erfolgversprechend, um für bürgerliche Kreise wählbar zu sein, „denn die alternativen oder bunten Listen mit ihrem Sammelsurium aus Kommunisten und Anarchisten, Sozialisten und Spontis, Schwulen und Lesben wirken bei aller Anziehungskraft auf junge Leute doch wie ein Bürgerschreck“[4]. Das war auch Gruhls Überzeugung und deckte sich mit dem Erfolg der Europawahlgrünen auf Bundesebene.
Mit den Wahlerfolgen und den damit verbundenen Wahlkampfkostenerstattungen machten sich die gescheiterten K-Gruppen und Linksalternativen zunehmend bemerkbar, mit Schrenck-Notzing gesprochen: das „Grün von links“, das ohne eine breitere Zustimmung des Mittellagers, sprich des „Grün von unten“, nie die Oberhand hätte gewinnen können. Der Zeitgeist wehte links, so daß eine Abgrenzung von Spontis und K-Gruppen wie schon in Hessen schwierig wurde. Der GAZ-Flügel sollte 1980 das Nachsehen haben. Die aus der APO kommenden Aktivisten hatten nichts zu verlieren und konnten engagiert auf Karrieren in der neuen Bewegungspartei setzen. Heute bekannte Namen fallen darunter: Antje Vollmer, Ludger Volmer, Winfried Kretschmann, Jürgen Trittin, Otto Schily, Daniel Cohn-Bendit und Joseph Fischer.
Nachdem sich die GAZ aus den Grünen zurückgezogen hatte, wurde als ihre Rechtsnachfolgerin 1982 die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) ins Leben gerufen – Vorsitzender Herbert Gruhl, Stellvertreter Baldur Springmann. Es dauerte bis zum Frühjahr 1988, ehe bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg mit 1,4 % die ersten Wahlkampfkostenerstattungen errungen wurden. Auch hier kam es dann zu verstärkten Hitzigkeiten. Zunächst nahmen die Angriffe internationalistischer Sozialisten mit der Selbstbezeichnung „Antifa“ zu. Das ÖDP-Papier „Ökologisches Gleichgewicht und Bevölkerungsdichte“ vom Juni 1986 geriet in den Fokus, da ihm zufolge Deutschland als dichtbesiedelt zu klassifizieren sei und daher „kein Einwanderungsland“ sein könne. Die Türkei gehöre nicht zu Europa, und für Gastarbeiter seien „freiwillige Rückkehrprozesse sinnvoll“, unterstützt durch „finanzielle Anreize“. Am „bestehenden Anwerbestopp“ dürfe sich „nichts ändern“. Asylverfahren gelte es zu beschleunigen. Auf die Gefahren der Überbevölkerung der Erde sei hinzuweisen und „Geburtenregelung (nicht durch Abtreibung) zu propagieren“[5]. Dieses zuwanderungspolitische Papier war eindeutig konservativ und wurde 1988 zur Zielscheibe von Angriffen, die einige ÖDP-Mitglieder nervös machten. In dieser Zeit versuchte Gruhl, das Profil der Partei zu schärfen, auch mit dem Begriff des Naturkonservatismus, mit dem er sich von Epplers Wertkonservatismus abgrenzte. Naturkonservativ, das heiße, „für uns [die ÖDP] steht die Natur im Mittelpunkt, die bis heute ausgebeutet, vergiftet und nach Gebrauch weggeworfen wird; weil nur das, was von ihr als ‚Sache‘ ökonomisch genutzt werden kann, den entsprechenden Wert bekommt. Der Eigenwert der Natur hingegen wird mit Null angesetzt, obwohl ohne sie gar kein menschliches Leben möglich ist.“[6]
Anderen schienen die Angriffe politischer Sektierer von links gelegen zu kommen. Als damaliger Zaungast kann ich sagen, daß das auf Parteitagen nicht offen zur Sprache kam, aber umso mehr hinter den Kulissen, etwa wenn nach Veranstaltungen Lokalitäten aufgesucht wurden – dann nahm das viel Gesprächszeit in Anspruch. Viele bürgerliche Leute waren Anfeindungen, rechtskonservativ oder „ökofaschistisch“ zu sein, nicht gewohnt und wußten damit nicht umzugehen. Der konservative Flügel um Gruhl – wenn dieser nicht mehr wäre, dann würden vielleicht die Angriffe weniger werden. Das war eine mögliche Einstellung, um innerparteilich die Konflikte mit fremder Munition anzuheizen und so selbst Gestaltungsspielraum zu gewinnen.
Es gab auch einen linkskatholischen Flügel, der dadurch einen Bedeutungsgewinn erlangt hätte. Innerparteiliche Gegner aus jenem Lager stellten Gruhl eine Falle: Sie beantragten auf dem Bundesparteitag am 1. April 1989 in Hannover eine Abgrenzung von Republikanern, DVU und NPD, die auch als eine Absage an die Wiedervereinigung Deutschlands gelesen werden mußte. Zunächst hieß es: „Wer im Bereich der Republikaner oder gar der NPD oder DVU für uns [die ÖDP] werben wollte, müßte Positionen vertreten, die unserem Grundsatzprogramm fremd sind.“ Das ging aus Sicht von Gruhl noch an, dem schon die Republikaner zu poltrig auftraten. Weiter hieß es aber: „Ein Parteimitglied, das die Themen Nationalbewußtsein, Patriotismus oder Deutschtum zu politischen Schwerpunkten macht, handelt nicht nach dem Grundsatzprogramm der ÖDP.“[7] Die Themen Patriotismus und Nationalbewußtsein sollten also den genannten Parteien überlassen bleiben. Diese Stimmung lag schon vor dem Parteitag in der Luft, weshalb Gruhl im Mitgliedermagazin „ÖkologiePolitik“ vom Februar desselben Jahres unter der Überschrift „Zwischen Links und Rechts und Nullpunkt“ geschrieben hatte: „Gerade die Deutschen scheinen heute süchtig nach Bekenntnissen zu sein, und seien es solche gegen ihr Deutschsein“[8]. Keine Wiedervereinigung Deutschlands ohne Deutschsein, ohne Nationalbewußtsein und ohne Patriotismus. Es sollte nur wenige Monate dauern, bis die ÖDP durch Rufe von drüben – „Wir sind ein Volk“ – von der Wirklichkeit eingeholt werden würde. Gruhl vermochte da noch 1990 durch Wahlkampfauftritte in Sachsen Kurt Biedenkopf (CDU) zu unterstützen, während er die ÖDP verließ. Die ÖDP wurde von der Wirklichkeit des gespaltenen Landes und dessen Ende völlig überrascht. Die Grünen waren noch irritierter und scheiterten bei der damaligen Bundestagswahl im Wahlgebiet Westdeutschland mit 4,8 % an der Sperrklausel.
Herbert Gruhl blieb den Parteien, denen er angehörte, geistig überlegen. Oder war es genau umgekehrt, wie Ludger Volmer zum 25. Todestag Gruhls im NDR erklärte? Volmer stellte auf das Emanzipationsanliegen ab. Dieses habe Gruhl nicht begriffen. Das Emanzipationsanliegen, das bedeutete, durch Streichung des Abtreibungsparagraphen im Strafgesetzbuch das werdende menschliche Leben der Beliebigkeit preiszugeben. Das hatte Gruhl kritisiert, wie Volmer in der Sendung wiedergab. Also hatte Gruhl das Emanzipationsanliegen wohl begriffen, ihm aber nicht zugestimmt. Das ist ein feiner, aber nicht unerheblicher Unterschied. Genauso Christa Meves, die Gruhl als Mitautorin für das GAZ-Manifest gewonnen hatte und die schon 1971 in ihrem Bestseller „Manipulierte Maßlosigkeit“ die Auswirkungen der neuen Emanzipationsbewegung bis hin zur „sexuellen Befreiung“ kritisierte,[9] ein Thema, das gerade angesichts der bei den Grünen verklärten Pädophilie für diese selbst äußerst pikant ist. Es sind die Grünen, die einiges nicht begriffen haben, nicht einmal die Ökologie, wie Gruhl es ihnen vorwarf:
Emanzipation heiße grundsätzlich, daß „die schrankenlose Expansion menschlicher Wünsche ohne Rücksicht auf den Lebenszusammenhang, in dem sich der Mensch unaufhebbar befindet […] uns genau an den Punkt geführt“ habe, an den Punkt der „ökologischen Krisensituation“. Emanzipation heiße Emanzipation von der Natur. Die Grünen hätten nichts begriffen, was das „grundsätzliche Umdenken“[10] anbelange, führte Gruhl aus und stützte sich dabei ausführlich auf Robert Spaemann, einen Vertreter der „Ritter-Schule“. Dieser Emanzipationsgedanke ist hiernach selbst ein Teil der ökologischen Krise, nicht ihrer Behandlung. Wie sollten wachsende materielle Ansprüche anders als durch die Plünderung der Erde erfüllt werden? Konservativ zu sein, heißt kultiviert und verantwortungsbewußt zu sein. Der Respekt vor dem Gewachsenen ist konservativ. Das Gewachsene achtet der Bauer, nicht der, der dem Fortschrittsglauben verfällt. Auch die Sprachen der Völker sind gewachsen und zu respektieren; Esperanto als Einheitssprache, der Euro als Einheitswährung sind Schritte zur Vereinheitlichung der Welt. Der Eine-Welt-Staat war für einen Konservativen wie Gruhl ein Albtraum. Folglich fragte er in „Ein Planet wird geplündert“ zwar nach einem befohlenen Verzicht, kam aber zu dem Schluß, dieser würde eine Öko-Weltdiktatur bedeuten, die weder etwas bringe noch wünschenswert sei. Das diente als Abschreckung, davon besser die Finger zu lassen. Wer zwei Diktaturen erlebt hatte, wollte keinen dritten Versuch mit Öko-Vorzeichen, wie nach Eppler noch einige andere Gruhl unterstellten. Was Gruhl wollte, das war ein Staat, der stark genug wäre, nicht zur Beute von Lobbygruppen zu werden – aber das ist etwas anderes, das ist Ordnungspolitik. Keine soziale Marktwirtschaft ohne eine solche Ordnungspolitik. An solcher Differenzierung waren die Sekundärbetrachtungen oft nicht interessiert.
Die wirtschaftspolitischen Konzepte Gruhls stützen sich auf die auf Walter Eucken zurückgehende Freiburger Schule des Ordoliberalismus, auf welche die soziale Marktwirtschaft zurückgeht und die zum Leitbild für die Bundesrepublik Deutschland wurde. Das Erreichte galt es Gruhl um eine ökologische Komponente zu erweitern. Eine aufkommensneutrale ökologische Steuerreform schlug er seit seinem Bestseller von 1975 immer wieder vor. Die Besteuerung der Arbeitskraft sollte im Gegenzug gesenkt werden. Später wurde das Konzept in der Politik zwar aufgegriffen, wenn es um höhere Treibstoffsteuern ging, aber von Aufkommensneutralität war dann keine Rede mehr. Das Ökologiethema war letztlich gut genug, um Steuern zu erhöhen.
Im Hintergrund dürfte bei Gruhl der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger die Feder mit geführt haben. Beide, Gruhl und Binswanger, waren einander geistig eng verbunden. Sie hatten sich früh gefunden, keiner mußte mit seiner Kritik an der neoklassischen ökonomischen Theorie mehr „alleine weise“ sein, wie Binswanger sich 2003 erinnerte. „Dass ein CDU-Politiker und ein Professor einer Wirtschaftsuniversität die gleichen Zweifel hegten, war doch eine Seltenheit.“[11] Die Leistungen der Natur kommen in der Neoklassik nicht vor, obwohl ohne sie nichts produziert werden kann. Was für Zauberlehrlinge, die da am Werk waren. Goethes Werke schätzten Gruhl und Binswanger beide sehr.
Die Zeit war in den 1970er Jahren reif, sich im Denken von der Ära des „Wirtschaftswunders“ zu verabschieden. In Gruhls Worten vom Januar 1988: „Die zur Zeit in Ost und West herrschenden Wachstumsideologien sind in Notzeiten entstanden. Der Marxismus im Frühkapitalismus, unsere Wachstumstheorie in der dürftigen Nachkriegszeit. Aber in Notzeiten entstandene Theorien sind in Wohlstandszeiten falsche Leitbilder.“[12]
Maßhalten, das sollte das Zeichen der Zeit sein, meinte schon Ludwig Erhard, dem Gruhl weiterhin geistig verbunden blieb. Auch die Kritik am Ausbau der Stromproduktion durch Atomkraftwerke in den 1970er Jahren gehört hierher, da Gruhl die zu Grunde gelegten Bedarfszahlen als Wachstumswunschdenken durchschaute. Allen Unkenrufen zum Trotz gingen die Lichter auch nicht aus, als das Kernkraftwerk Wyhl nicht gebaut wurde. Ganz abgesehen davon hielt Gruhl Kernkraftwerke für der Verteidigung des Landes abträglich und die Endlagerungsfrage für ungeklärt, wie das Lager Asse später auch deutlich machen sollte – ein Provisorium, das die Steuerzahler heute Milliarden kostet.
Die Ansichten über Gegenwart und Zukunft der Grünen gingen in den 1980er Jahren zwischen den beiden Soziologen Ulrich Beck und Helmut Schelsky auseinander. Liest man Becks „Risikogesellschaft“ (1986) mit einem Seitenblick auf die deutsche Umweltbewegung und ihre Partei, müßten sich die Institutionen gegen eine Etablierung des Neuen zusammengezogen haben. Helmut Schelsky, der die Entwicklung noch bis 1983 verfolgen konnte, sah das nicht so dramatisch, vielmehr werde die „Aussteiger-Partei“ im Parlamentarismus im „Bannkreis der ‚etablierten Parteien‘“ ankommen und selbst wie die „‚etablierten Parteien‘“[13] werden. Mit der rot-grünen Koalition 1985 in Hessen wurde deutlich sichtbar ein Weg der Akzeptanz eingeschlagen. Die Vereidigung Joseph Fischers in Turnschuhen war auch äußerlich Ausdruck eines vom Establishment abweichenden Milieus, das in der parlamentarischen Normalität ankam. Die von Beck genannte „Stimmungsdemokratie“[14] wandte sich nicht nur gegen die Grünen, sie wurde auch von den Grünen mitgeprägt, worauf Schelsky abstellte. Die Grünen wurden für die Bonner Republik sogar hegemonial, sie bestimmten sehr häufig die Themen, mehr als es bloße Prozentzahlen ausdrücken können. Dabei geht es bis heute nicht nur um Umweltfragen, sondern weit abseits davon auch um Dinge wie eine geschlechterneutrale Sprache und Gender-Mainstreaming. Die Grünen sind damit noch immer deutlich als Post-’68er-Bewegung erkennbar, womit Gruhl nie viel zu tun haben wollte.
Herbert Gruhl war nicht der erste Warner und Mahner vor dem Raubbau im globalen Maßstab. Schon Friedrich Georg Jünger sah in der „Perfektion der Technik“ (1953) Fortschritte der Naturzerstörung globalen Ausmaßes. Gruhl hatte das erst am Ende der Abfassung von „Ein Planet wird geplündert“ für sich entdeckt und ging 1977 in einem Aufsatz unter der Überschrift „Der Mensch als Zerstörer seiner Welt“[15] auf F.G. Jünger ein. Jünger habe schon von einem „gewaltigen Verzehr“, von „Raubbau“ gesprochen, wo andere die Vermehrung des Überflusses im Blick hatten, den die Technik und Organisation ermöglichen sollten. Wirtschaftswachstum bedeute im technischen Zeitalter nicht nur Fortschritt, sondern auch mit physikalischer Notwendigkeit an anderer Stelle ein Weniger. Besonders deutlich werde das bei Verbrennungsvorgängen. Hier gehe es beim Einsatz fossiler Brennstoffe um „eine glatte Vernichtung; in dem Moment der Energieerzeugung […] ist der Stoff weg“. Anders als bei den Brennstoffen würden mineralische Stoffe bei Gebrauch nicht „total vernichtet“, sondern im Falle etwa von Maschinen, „soweit sie nicht verrostet sind“[16], nur teilweise zerstört. Damit stoße der Mensch auf dem Planeten Erde an „Grenzen des Wachstums“ (Meadows) oder vielmehr des „sogenannten Wachstums“, wie Gruhl sagen würde, weil tote Dinge nicht wachsen können, höchstens mehr werden. Die verbleibenden Möglichkeiten des Wirtschaftens sind es, worum es Gruhl ging. Von daher heißt es auch auf dem Klappentext von „Ein Planet wird geplündert“, der Mensch müsse von den Grenzen der Erde her denken und handeln, nicht vom bloßen Standpunkt des Wünschbaren ausgehen.
Bleibt Gruhls Buch „Das irdische Gleichgewicht“ zu erwähnen, das 1982 publiziert wurde und zeitlich mit der Gründung der ÖDP zusammenfiel. Das in diesem Buch enthaltene Denken wurde für die Parteiwerbung auf die Formel „Weniger ist mehr“ gebracht. In Wohlstandszeiten kann weniger mehr sein: weniger Streß im Habenmodus, mehr Natur und Kultur im Seinsmodus. Auch die christliche Kultur kann einer Verfallenheit an das materialistische Habenwollen etwas entgegensetzen. Herbert Gruhl schrieb bereits in „Der Mensch als Zerstörer seiner Welt“: „Und er [Erich Fromm] meinte die Werte, Haltungen, nämlich die Haltung des Seins statt des Immer-mehr-haben-Wollens, die Haltung des Seins, die dort gepflegt wird und die – man höre und staune – ja eigentlich die christlichen Werte sind. Genau das ist im Neuen Testament, in jeder Predigt Christi nachzulesen: Nicht hier, nicht in den irdischen Gütern liegt Eure Bestimmung, Ihr lieben, armen, geplagten Menschen, sondern es ist ein Durchgangsstadium, eine Vorbereitung auf ein Jenseits hin.“[17]
Binswanger hat in seiner Spätschrift „Die Wirklichkeit als Herausforderung“ (2016) noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig gerade in der Unruhe der Wirtschaft die Ruhe des siebten Schöpfungstages ist: „Am siebten Tag sollst Du ruhen“ heiße es biblisch, was aber auch heiße, Muße zu finden, um nicht nur getrieben zu sein, sondern „die Schöpfung als Geschenk“[18] zu betrachten, sie zwar zu nutzen, aber auch zu pflegen. Die Tradition des Christentums, per se konservativ, formuliere hier einen Kulturanspruch, geradezu eine „geistig-moralische Wende“, mit der Helmut Kohl überfordert gewesen war: Den Anspruch, daß die Probleme der deutschen Politik nur gelöst werden könnten, wenn die politische Führung auch die Dimension geistiger Führung einschließen würde. Das war richtig, nur eben politisch heimatlos geworden.
Herbert Gruhls naturkonservatives Profil ist eine Wegmarke für eine „geistig-moralische Wende“, die bei der CDU in den Leerlauf gelenkt wurde. Gruhl bewegte sich hierbei im Bereich des Ordoliberalismus von Erhard und Röpke, aber auch der „Ritter-Schule“. Hier finden sich die größten Gemeinsamkeiten und Anleihen. Gruhl hatte aber auch auf seinen politischen Wegen und Wagnissen viele herausragende Köpfe um sich versammelt; nur wenige konnten hier erwähnt werden, wie Meves und Binswanger. Die Gruhl nicht nur zur Seite schoben, sondern auch fallenließen, waren hingegen die, die es an Geist vermissen ließen und entweder Machtmenschen waren (Kohl) oder einfach die westdeutschen Kinder des totalitären Zeitalters. Was die Grünen konnten, das war, Publizitätseffekte zu erzeugen. Aber mit Kompetenzen war bei den Grünen nicht (mehr) zu rechnen, schrieb Schelsky in seiner letzten Schrift „Politik und Publizität“ (1983). Gruhl war es zuwenig, Publizitätseffekte zu erzeugen, dazu war er zu sehr Philosoph. Der Karrierist hingegen muß keine Überzeugungen haben, er kann sich nach dem richten, was der eigenen Karriere gerade dienlich erscheint. Aber ohne einen geistigen Anspruch wird Politik zu einem Betrieb für Karrieristen, zu einem bürokratischen Apparat, der seine eigenen Interessen verfolgt und ausbaut, wie jüngst wieder im Deutschen Bundestag durch eine Erhöhung der Parteienfinanzierung. Die Weitsicht und Entschlußkraft, für das eigene Volk Zukunftspolitik zu schaffen, wächst mit der Bezahlung leider nicht mit. Das ist weder links noch rechts, aber auch nicht vorn, sondern selbstbezüglich und abgehoben, was Gruhl störte. Die ÖDP nahm und nimmt bis heute nicht einmal Firmenspenden an, um symbolisch Abstand zum Lobbyismus zu demonstrieren.
Gruhl hatte sich nach 1989 aus der Parteipolitik zurückgezogen. Die aus ÖDP-Abtrünnigen gebildeten Unabhängigen Ökologen Deutschlands (UÖD) blieben ein Freundeskreis mit einem eigenen Publikationsorgan. Sein Spätwerk „Himmelfahrt ins Nichts“ (1992) legte Gruhl zur Zeit der Rio-Umweltkonferenz vor, und es sollte für Diskussionen sorgen, etwa in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“. In diesem Buch wird die geistige Position des Naturkonservatismus noch einmal deutlich. Die Vielfalt der Völker und Sprachen gilt es zu achten, Multikulturalismus dagegen ist als konfliktträchtig abzulehnen. Massenzuwanderung war für Gruhl auch ein ökologisches Problem. Das galt gerade für ein dichtbesiedeltes Land wie Deutschland. Daß die Bevölkerung Deutschlands schrumpfte, das konnte Gruhl unter ökologischen Gesichtspunkten als vorteilhaft ansehen; diesen Vorteil durch Zuwanderung wieder aufzuheben, war ihm der Inbegriff der Unvernunft. Die Klimadebatte entging Gruhl nicht, er akzeptierte die Theorie einer anthropogenen Klimaerwärmung als Stand der Forschung. Daß neben ihr aber mittlerweile all die anderen ökologischen Themen aus dem Blick geraten, das kann auch nicht vernünftig sein. Der Konservative hat immer Grund zur Skepsis.
Herbert Gruhl wurde am 22. Oktober 1921 geboren und starb am 26. Juni 1993 in Regensburg.
[1] Erhard Eppler: Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen, Stuttgart et al. 1975, S. 153.
[2] Caspar von Schrenck-Notzing: Konservative Publizistik, Berlin 2011, S. 345 f.; dort Verweis auf „Criticón“ 1979.
[3] Vgl. Kritischer Kalender 1977 (19. Jg.).
[4] Wie Anm. 13.
[5] Zitiert nach einem Original im Privatarchiv, auch die Konrad Adenauer Stiftung müßte über ein Exemplar verfügen.
[6] Wie Anm. 2.
[7] Zit. in Kempf: Pionier, S. 191.
[8] Herbert Gruhl: „Zwischen Links und Rechts und Nullpunkt. Februar 1989“; in: Kempf: Karawanen, S.199 f., hier S. 199.
[9] Vgl. Christa Meves: Manipulierte Maßlosigkeit, Freiburg i.Br. 1971.
[10] Gruhl: „Rede“, S. 195.
[11] Hans Christoph Binswanger: „Nachhaltiger Ressourcenhaushalt“; in: Kempf u. Strelow: Naturkonservativ heute 3 (2003), S. 107–116, hier S. 107.
[12] Herbert Gruhl: „Rede auf dem ÖDP-Bundesparteitag in Stuttgart vom 31. Januar 1988“; in: Kempf: Karawanen, S. 180–192, hier S. 181.
[13] Helmut Schelsky: Politik und Publizität, Stuttgart-Degerloch 1983, S. 97 f.
[14] Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M. 1986, S. 120.
[15] Herbert Gruhl: „Der Mensch als Zerstörer seiner Welt“; in: Kempf: Karawanen, S. 51–63.
[16] Ebd., S. 51 f.
[17] Ebd., S. 62.
[18] Hans Christoph Binswanger: Die Wirklichkeit als Herausforderung. Grenzgänge eines Ökonomen, Hamburg 2016, S. 43 u. 46.