Europa ist nicht die Europäische Union (EU). Diese Binsenweisheit läßt sich politisch, verwaltungstechnisch, geographisch oder auch wirtschaftlich begründen. Würde man die in den Mainstreammedien gängige Gleichsetzung „Europa = EU“ ernstlich reproduzieren, ginge man nicht nur der Propaganda der EU-Akteure auf den Leim, die EU-Kritik als „europafeindlich“ delegitimiert. Sondern man würde auch europäische Völker aus dem europäischen Rahmen ausschließen, die zweifellos ihren genuinen Beitrag zur originären Vielfalt Europas, die nichts mit der EU-verordneten Diversity zu tun hat, geleistet haben. Darunter befinden sich Länder wie Norwegen und die Ukraine, die Schweiz und Serbien, aber auch Albanien und Mazedonien bzw. Nordmazedonien. Insbesondere in letztgenannten Nationen verdichten sich europäische Traditions- und Konfliktlinien.
Von Benedikt Kaiser, M.A.
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In bezug auf die albanische Frage wurde in einem Heft der ehemaligen „Neuen Ordnung“ bereits etwas zusammengetragen. [i] Nun soll der unmittelbare Nachbar Mazedonien untersucht werden. Mit ihm teilt sich Albanien nicht nur 151 Kilometer Grenze, sondern auch mehrere Hunderttausend Staatsbürger – denn fast jeder vierte Einwohner Mazedoniens gilt heute als Albaner, das entspricht (gerundet) 500.000 Menschen. Entsprechende Nationalitätenkonflikte sind nicht das einzige Problem der Republik Nordmazedonien. So wird das im Volksmund oft nur „Mazedonien“ genannte Land seit der vorläufigen Lösung des Namensstreites mit Griechenland im Jahr 2019 korrekt bezeichnet, während von 1993 bis 2019 die offiziöse, UNO-akzeptierte, gleichwohl äußerst sperrige Bezeichnung „Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien“ (FYROM) lautete. Politiker in Griechenland hadern weiterhin mit dem mazedonischen Namensbestandteil, weil sie Ansprüche auf die „makedonischen“ Gebiete ihrer Nation fürchten, Politiker in Bulgarien verweisen auf die „erfundene Nation“ und sehen sie lediglich als abtrünnige Provinz des eigenen Landes, Politiker in Serbien vermissen ihr altes „Südserbien“ und halten Nordmazedonien ebenfalls für ein nicht dauerhaft überlebensfähiges Konstrukt. Und die Bürokraten in Brüssel halten auch aufgrund dieser ungelösten Widersprüche Nordmazedonien „eingesperrt im Wartesaal der EU“, wie es in der „Neuen Zürcher Zeitung“ bezüglich der diffizilen Beitrittsgespräche mit Skopje und der Einwände zweier Anrainer heißt.[ii] Nordmazedonien, wie das Land im folgenden der Einfachheit halber genannt wird, trägt also – neben innenpolitischen Problemen wie Klientelismus, neben wirtschaftlichen Problemen wie Armut und Arbeitslosigkeit – schwerwiegende außenpolitische Lasten mit sich, die in der außergewöhnlichen Historie des Landes begründet liegen. Primär soll daher sie eine kursorische Betrachtung finden.
Die Römer, so sagt es die Überlieferung, nannten das Gebiet, auf dem das heutige Nordmazedonien liegt, catena mundi – das Ende der Welt. Tatsächlich wäre es treffender, würde man es den „Knotenpunkt der Welten“ nennen. Denn lange verlief dort die Grenzscheide zwischen dem Römischen Reich und dem Byzantinischen, zwischen West und Ost, später dann auf verschiedene Art und Weise auch zwischen Christentum und Islam, wobei sich beides eher überlappte als voneinander abtrennen ließ. Welthistorisch sind die Grenzen Mazedoniens dabei „reichlich unbestimmt, dehnbar und vor allem hypothetisch“, weil es vom jeweiligen Standpunkt (und Interesse!) des jeweiligen Akteurs abhängig ist, ob man damit das Reich Alexanders des Großen beschreibt, das sich bis Tibet aus- und überdehnte, das Reich des Zaren Samuil, das sich von der Donau bis zum Peloponnes streckte, oder ob man, schon üblicher, das postosmanische Gebilde meint, das vom Golf von Saloniki bis an die Grenze Serbiens reicht.[iii] Heute, und das ist primär politisch-administrativ gewichtet, beschreibt Nordmazedonien den Nordwesten der historischen Region Nordmakedonien, während der Rest Makedoniens auf Griechenland und – in kleineren Teilen – auf den Südwesten Bulgariens aufgeteilt ist.
Das Hauptinteresse dieser kleinen Feldbegehung richtet sich aber auf Nordmazedonien, sein Volk und seine Geschichte, also auf die heutige Nation dieses Namens. Denn nicht nur Experten wie Ernst Osterkamp, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, meinen, daß wir zuwenig über dieses europäische Land oder auch seine Literatur wissen: „Unsere Unkenntnis ist beschämend“[iv]. Mag dieses Urteil zu harsch sein, so birgt es doch den Wahrheitskern, daß wir über Nordmazedonien als relativ unbekanntes Terrain nachdenken, obwohl es als Verdichtungsraum nationaler, kultureller, sprachlicher und religiöser Widersprüche in Europa eine reizvolle Sonderrolle einnimmt.
Im deutschsprachigen Bereich ist die „mazedonische Frage“ ab Ende des 19. Jahrhunderts bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts publizistisch greifbar, und zu diesem Zeitpunkt beginnt, nach Jahrhunderten osmanischer Besatzung, auch die diffizile mazedonische Nationsbildung. Unter den Osmanen, die erst 1912 abzogen, stellte (das heutige!) Nordmazedonien eine „Obstschüssel“ bzw. einen „Obstsalat“ dar (frz. macédoine), das heißt, es „lebten sowohl slawisch- wie griechischsprachige Christen, türkisch- und albanischsprachige Muslime, Juden, Walachen und Roma“ auf dem Territorium: „Gemäß der alten islamischen Ordnung dominierte die Religion vor ethnischen Unterscheidungsmerkmalen. Slawen und Griechen, die dem orthodoxen Millet [osmanische Verwaltungseinheit religiöser Natur] angehörten, war es deswegen vornehmlich wichtig, sich gegenüber den herrschenden Osmanen als ‚Christen’ zu identifizieren. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spaltete sich durch den bulgarischen Kirchenkampf die übergeordnete christlich-orthodoxe Gemeinschaft entlang ethnisch-sprachlicher Kriterien in einen bulgarischen, griechischen und serbischen Teil. Es sollte aber noch einige Jahrzehnte dauern, bis die Menschen diese neuartigen Unterscheidungen verstanden, geschweige denn verinnerlichten.“[v] Von dieser indifferenten Situation war auch die Zeit der Balkankriege 1912/13 sowie des anschließenden Ersten Weltkriegs 1914–1918 geprägt. Benjamin Langer, der eine verdienstvolle Arbeit beim Transfer mazedonischer Literatur ins Deutsche leistet, weist darauf hin, daß es zu dieser Zeit üblich gewesen sei, nicht von einem „mazedonischen Volk“ oder den Mazedoniern zu sprechen, sondern von den „Unsrigen“ (naši). Diese vage Identitätsbeschreibung habe es vor allem Serbien und Bulgarien leichtgemacht, die Mazedonier für sich zu vereinnahmen, insbesondere 1912/13, als beide Nationen – gemeinsam mit den Griechen – das Gebiet unter sich aufteilten. Schon vorher, ab den 1870er Jahren, habe es aber unterschiedliche militante Gruppen gegeben, die sich als Komiti (oder Komitadschi, bulgarisch) formierten, wider die Osmanenherrschaft revoltierten, aber darüber hinaus auch untereinander kämpften, weil es proserbische, probulgarische und sogar progriechische Ausprägungen gab und jeder etwas anderes unter einer mazedonischen Zukunft verstand – und häufig den jeweils anderen als Verräter markierte.[vi]
Die Fehden wurden brutaler, als die formale Allianz aus Serbien, Griechenland und Bulgarien – den drei Nutznießern des Bukarester Friedensvertrags vom August 1913 – gegen die Osmanen auseinanderbrach und sich im Zweiten Balkankrieg die Schutzmächte der einzelnen Komiti untereinander gegenüberstanden. Die Herrscher der einzelnen Gemeinden und Weiler variierten wiederholt, woraufhin es „üblich [wurde], seine Identität nach Opportunitätserwägungen zu wechseln“[vii]. Bulgarien scheiterte indessen bei dem Versuch, seine einstigen Partner zu schlagen – und versuchte es im Ersten Weltkrieg erneut an der Seite des Deutschen Reiches, Österreich-Ungarns und diesmal auch der Osmanen, während Serben und Griechen im Lager der Entente cordiale standen. Wiederum verlor Bulgarien einen Krieg, und das sogenannte Vardar-Mazedonien, dessen Grenzen sich fast vollständig mit dem heutigen Nordmazedonien deckten, wurde als Südserbien ins Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen eingegliedert, das ab 1929 bis zu seiner Zerschlagung 1941 als Königreich Jugoslawien bezeichnet wurde. Während dieser Zeitspanne vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum deutschen Einmarsch in Belgrad war es unter den Anhängern der süd- bzw. jugoslawischen Idee Common sense, daß eine Serbisierung voranzutreiben sei. Man verstand die slawischen Mazedonier als (historisch wiederholt abgefallenen) Teil der eigenen Nation, die man vor Bulgarisierung und Hellenisierung/Gräzisierung gleichermaßen zu schützen hätte. Milovan Djilas beispielsweise, erst kommunistischer, später sozialdemokratisch-patriotischer Jugoslawe aus Montenegro, verwendete in seinem monumentalen Roman „Welten und Brücken“ exemplarisch den damals gängigen Begriff „Südserbianer“ für Mazedonier (wohingegen „Serbianer“ bzw. Serben für Serben aus dem Kernland Serbien reserviert war). Der deutsche Verlag schrieb bei Südserbianer dementsprechend „damalige Bezeichnung für Makedonier“, also Mazedonier.[viii] Da die Verwaltung des Königreichs aber zu oft repressiv auftrat und sich kaum verständig für die vielschichtige Sondersituation der Region erwies, schlug der ohnehin latent vorhandene Widerstand der probulgarischen bzw. zumindest antiserbischen Kräfte um in Formen des offenen Bürgerkriegs gegen die „Besatzer“ und deren regionale Statthalter, also proserbische Mazedonier. Aber auch diese waren wieder in sich gespalten, da es jene gab, die Vardar-Mazedonien als Südserbien integrieren wollten und solche, die eine maximale Autonomie Vardar-Mazedoniens von Belgrad im Rahmen einer jugoslawischen Allianz anstrebten.
Im Zweiten Weltkrieg war all dies wieder Makulatur, weil die Achsenmächte und ihre subordinierten Kräfte an die Neuaufteilung Vardar-Mazedoniens gingen. Zwei Drittel des Landes wurden von Bulgarien (unter deutscher Aufsicht) annektiert, ein Drittel von „Groß-Albanien“ (unter italienischer Aufsicht), bevor wiederum der Abzug der Verlierer von 1944/45 und die Besetzung des Gebietes durch jugoslawisch-kommunistische Partisanen die Titularnation Mazedonien schufen („erfanden“, sagen noch heute lebende Kritiker der mazedonischen Eigenstaatlichkeit von Bulgarien und Griechenland bis Serbien und Albanien), die dann wiederum nach Ende des Zweiten Weltkriegs Bestandteil Jugoslawiens wurde. Hierfür gab es wohl tatsächlich einige Sympathien seitens der slawisch-mazedonischen Mehrheitsbevölkerung. Dragi Mihajlovski (Jg. 1951), ein heute wirkender Schriftsteller, berichtet in einer Erzählung, daß man bei der „kleinen Revolution von 1945“ — der Machtübernahme der Partisanen – durchaus auf Serbokroatisch (und nicht auf Bulgarisch bzw. „Bulgarisch-Mazedonisch“, weil die nun mal Kriegsverlierer waren) einforderte: „Wir wollen nicht den König, Tito wollen wir, das Volk muss man fragen!“.[ix] Ob Legende oder Wahrheit, die faktische Lage ergab, daß Josip „Tito“ Broz als Anführer der Partisanenheere dekretierte, es gebe Mazedonier als eigenständige (nicht: eigenstaatliche) Nation mit eigener Sprache und eigenen Grenzen (also: Vardar-Mazedonien vorher und FYROM ab 1991 bzw. Nordmazedonien seit 2019). Mazedonier sollten somit nicht länger als Südserben einverleibt werden, vor allem aber nationalkulturell von den Bulgaren entfernt werden, die bis heute in ihrer Mehrzahl davon überzeugt sind, daß Mazedonier Westbulgaren sind bzw. einen entsprechenden Dialekt sprechen. Das Ergebnis der Neuordnung Europas nach 1945 ergab nun also, daß Mazedonien fortan „zu dem großen Jugoslawien [gehörte], das südlich der Karawanken begann und weit unten, zum Beispiel am Ohridsee bei den byzantinischen Kirchen und islamischen Moscheen vor Albanien oder in den makedonischen Ebenen vor Griechenland, endete“, wie mit Peter Handke zu definieren wäre.[x] Ab 1945 bis 1991 bestand also – grosso modo – Klarheit über die Zugehörigkeit des Landes.
[i] Vgl. Benedikt Kaiser: Albanien und Europa. Geschichte einer schwierigen Beziehung, in: Neue Ordnung II/2017, S. 20–24.
[ii] Volker Papst: Nordmazedonien. Eingesperrt im Wartesaal der EU, in: NZZ v. 1. April 2021.
[iii] Blagoja Risteski-Platnar: Vorwort des Herausgebers, in: ders. (Hrsg.): Das Haus am Ende des Dorfes. Zeitgenössische Erzählungen aus Mazedonien, Klagenfurt 2001, S. 6–11, hier S. 7.
[iv] Ernst Osterkamp im Gespräch mit Katja Lückert, in: deutschlandfunk.de v. 10. Juni 2018.
[v] Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens, München 2018, S. 21.
[vi] Vgl. Benjamin Langer: Nachwort des Übersetzers, in: Petre M. Andreevski: Quecke, Berlin 2017, S. 421–432, hier S. 421 f.
[vii] Calic: Geschichte Jugoslawiens, S. 21.
[viii] Milovan Djilas: Welten und Brücken, München 1987, S. 550. Zu Djilas vgl. Benedikt Kaiser: Leben im Mythos. Literatur und Nationswerdung in Montenegro, in: Neue Ordnung I/2014, S. 37–40.
[ix] Dragi Mihajlovski: Das lange und nicht besonders glückliche Leben des Herrn J. M., in: Risteski-Platnar (Hrsg.): Das Haus am Ende des Dorfes, S. 161–203, hier S. 170.
[x] Peter Handke: Abschied des Träumers/Winterliche Reise/Sommerlicher Nachtrag, Frankfurt/Main 1998, S. 13. Handkes Werk, kategorisch in der proserbischen Parteinahme, hat auch mazedonische Bezüge. Dazu grundlegend Benjamin Langer: „Fremde, ferne Welt“. Mazedonienimaginationen in der deutschsprachigen Literatur seit dem 19. Jahrhundert, Bielefeld 2019, S. 245–253.
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Die Sprünge im Rahmen des Nation building vorher – vom Ende der Balkankriege 1913 bis zum Anfang des Zweiten Weltkriegs auch auf dem Balkan 1941 – sind indes so komplex, diffus und schwer zu überschauen wie wenige andere Entwicklungen in Europa. Es ist, wie Langer zusammenfaßt, „eine komplizierte Geschichte“[1]. Wie so oft bietet es sich bei Interesse an, diese Geschichte in Romangestalt kennenzulernen. Als Schlüsselroman muß „Quecke“ von Petre M. Andreevski (1934–2006) angesehen werden, der aus dem südwestlichen Teil Nordmazedoniens stammt. Der studierte Philologe und Journalist machte sich in seiner jugoslawischen Teilrepublik in den 1960er und 1970er Jahren einen Namen als Dichter, bevor er 1980 sein schriftstellerisches Hauptwerk – „Pirej“/„Quecke“ – vorlegte. Goce Smilevski (Jg. 1975) bringt die Essenz des (in der deutschen Fassung) 400 Seiten starken Epos, das fast 30 Jahre mazedonischer Volksgeschichte behandelt, wie folgt auf den Punkt: Es sei Andreevski gelungen, ein Werk vorzulegen, „das ein vielschichtiges Bild des mazedonischen Volkes im Verlauf des Ersten Weltkriegs und der Zeit danach vermittelt – mit all seinen Farbtönen und Nuancen vom Persönlichen zum Kollektiven, vom Rituell-Magischen und volkstümlich Christlichen zur Lebensphilosophie eines Volkes ohne Staat auf der Suche nach den grundlegenden Charakteristika seiner nationalen Eigenart“[2]. Daß Andreevski „im mazedonischen Boden verwurzelt“ war und eine hochkomplexe Geschichte in literarisch ansprechender Art und Weise aufbereitete, ist dafür verantwortlich, daß sein Werk einen „Ehrenplatz“ (Smilevski) in der Literatur des heutigen Nordmazedonien einnimmt. „Quecke“, das sich auf Überliefertes ebenso berufen kann wie auf persönliche Interpretationen durch den Autor, ist ein regelrecht brutales Buch. Tod und Geburt, Leid und – seltener – Freude, Krieg und Nachkrieg, materielle und seelische Armut verschränken sich zu einer Erzählung mit mehreren Stimmen, wobei im Zentrum eine Familie steht, durch die diverse Konflikte der damaligen Zeit mitten hindurchgehen. Ein Sohn kämpft etwa in der serbischen Armee und wird einschließlich seines Namens „serbisiert“, der andere kämpft für Bulgarien und wird entsprechend „bulgarisiert“ – beide sind aber die Söhne derselben Sippe in demselben Dorf und sprechen denselben lokalen Dialekt des Mazedonischen. Sie stehen sich auch direkt an der Front gegenüber, was die Handlung naturgemäß noch persönlicher und barbarischer werden läßt, aber just diese Leidens- und Haßgeschichten vermitteln dem Leser die verworrene Situation jener Jahre und ihre erbarmungslosen Auswirkungen auf „ganz normale“ Familien.
Andreevski gelingt es in vielgestaltigen Dialogen, die Sondersituation eines jeden Bürgerkrieges auf den Punkt zu bringen, in der die „Angst des Naturzustandes“ zurückgekehrt ist, in dem „jeder jeden töten“ konnte, wie Carl Schmitt formulierte. In seiner staatsphilosophischen Schrift „Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes“ begrüßte Schmitt eine jede Überwindung des elementaren Bürgerkrieges durch eine organisierte Entität, da erst in einem solchen „‚zivilen’, staatlichen Zustand alle Staatsbürger ihres physischen Daseins sicher“ seien; erst „hier herrscht Ruhe, Sicherheit und Ordnung“.[3] Doch nichts davon herrschte im Mazedonien der beiden Weltkriege. Und „so schwärzten wir uns alle gegenseitig an, und es wurde klar, dass es keinen größeren Unmenschen gibt als den Menschen“,[4] wie Andreevski einen seiner Protagonisten die Anfälligkeit eines jeden einzelnen für Denunziationen und ihre womöglich tödlichen Folgen – oft folgte auf die Markierung als „Verräter“ die Hinrichtung – schmerzlich feststellen läßt. Die Situation der verschiedenen, einander befehdenden Komiti verstärkte diese Effekte: „Du ziehst los, massakrierst und wartest darauf, dass einer dich massakriert.“[5] Bei der von Dorf zu Dorf unterschiedlichen Gemenge- und Machtlage entsprach diese literarische Sentenz tatsächlich der Realität – ebenso wie die widersprüchliche Zugehörigkeit der Mazedonier zu dem einen oder eben zu dem anderen – oder gar keinem fremden – Volk. Andreevski läßt fragen: „Sind wir ein Volk oder eine Schafherde, hä? Selbst wenn wir eine wären, wüßten wir doch, wer wir sind, wer unser Besitzer ist.“[6] Die Mazedonier im Roman wissen in der Regel nicht, wer sie sind, und auch nicht, wer ihre „Besitzer“ – Bulgaren, Serben, Griechen, niemand? – verkörpert, wobei hier zugleich das Problem vermittelt wird, daß sich die damaligen Mazedonier eher als Objekte der Geschichte denn als selbst handelnde Subjekte betrachteten, die auf allen Seiten der Front einen „Scheißkrieg, in dem ein Bruder den Bruder gefangen nimmt“,[7] zu führen hatten, der nicht als der ihrige interpretiert wurde. Das alles wird verstärkt dadurch, daß im Roman die Serben „ihre“ provinziellen Mazedonier als unvollständige Serben betrachten und „exotisieren“, indem sie ihre Bräuche und Sonderheiten nicht ernst nehmen, während die Bulgaren auf der anderen Seite des Schützengrabens das gleiche Verhalten bezüglich „ihrer“ provinziellen Mazedonier an den Tag legen. Die autochthonen Mazedonier erscheinen als Verfügungsmasse anderer, stärkerer Nationen, die sich ihr Gebiet ganz selbstverständlich einzuverleiben trachten. In „Quecke“ nimmt es kein gutes Ende mit den Romanprotagonisten: Tod und Haß, projiziert auch auf die Eigenen bzw. – aus mazedonischer Perspektive – die naši, lassen Wahnsinn und Leid blühen.
Der Roman endet mit einer neuerlichen Besatzung oder der Befreiung (je nach ideologischem Standpunkt) Mazedoniens. Die fremden Soldaten sind abgezogen, die Partisanentruppen siegreich. Diesmal war es – nicht nur im Roman, sondern in der historischen Praxis – ein ambivalenter Prozeß, denn faktisch bedeutete die (neuerliche) mazedonische Eingemeindung nach Jugoslawien die erstmalige Existenz einer mazedonischen Nation überhaupt, und zwar in einem formal betrachtet föderalen Verbund der südslawischen Völker. Man galt in Titos Diktatur nicht als „Südserbien“, und Serbisierungsversuche fanden kaum mehr statt. Die jugoslawischen Nationalkommunisten lernten aus den Fehlern ihrer jugoslawisch-monarchistischen Konkurrenz: Nach 1945 galt es, den Mazedoniern eine eigene Schriftsprache zu geben, ihnen ein nationalkulturelles Bewußtsein als Mazedonier (und eben nicht als Serben und erst recht nicht als Bulgaren) zu implementieren. Auch aus diesem Grund wurden die Mazedonier neben Serben, Slowenen, Kroaten und Montenegrinern zur de jure gleichberechtigten staatsbildenden Nation der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien (FNRJ, später Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien, SFRJ). Die FNRJ bestand aus sechs Republiken – den genannten und Bosnien-Herzegowina –, wobei innerhalb der serbischen Republik zwei Autonomiegebiete installiert wurden, die ungarisch-serbisch besiedelte Vojvodina und das albanisch-serbisch besiedelte Kosovo.[8] Tito setzte durch, daß eine gemeinsame Standardsprache festgelegt wurde (Serbokroatisch), wobei man akzeptierte, daß das Mazedonische, das einschließlich seiner Dialekte sprachwissenschaftlich näher am Bulgarischen als am Serbokroatischen anzusiedeln ist, oder auch das Slowenische als Nebensprachen berücksichtigt wurden. Daß die einzelnen Völker ihre jeweilige Nationalidentität entwickelten und bewahrten, wurde – bei latent serbischer Dominanz trotz kroatischem Staatschef – immer dann staatlich gefördert, wenn es der neuen Idee des übergeordneten Jugoslovenstvo (etwa: Jugoslawismus) nicht widersprach, das heißt, wenn es bei nationalkultureller Eigenständigkeit blieb, ohne mit Ansprüchen auf Eigenstaatlichkeit zu kokettieren. Gemeinsamer Kitt war nicht nur die südslawische Schicksalsgemeinschaft, sondern vor allem auch der antifaschistisch aufgeladene Gründungsmythos des Sieges über die Hitler-Allianz („Volksbefreiungskampf“). Zwar gab es in jeder einzelnen Teilrepublik besondere Problemlagen, die durch die Diktatur niedergehalten, aber nicht gelöst wurden, doch kann konstatiert werden, daß Mazedonien bis zu seinem Austritt aus dem jugoslawischen Reststaat 1991 eine Sonderbehandlung erhielt. Auch deshalb gab es selten politische Widerstände zu vermelden, und Dissidententum war kein mazedonisches Metier.[9] Marie-Janine Calic verweist hierbei nicht nur auf die Entwicklung einer mazedonischen Standardsprache und entsprechender grundlegender Wörterbücher, sondern auch auf Institute, die durch die Zentralregierung in Belgrad gefördert wurden und die eigene jeweilige nationalkulturelle Identität erforschen sollten: „Schule und Medien trugen zur Verbreitung des neuen Identitätsdiskurses bei, der schon deswegen rasch Wurzeln schlug, weil er auf ein reales Eigenbewusstsein aufbauen konnte.“ Die Südosteuropaexpertin sieht durch diese jugoslawische Setzung die Nationswerdung der Mazedonier zur „Vollendung“ gekommen.[10] Dieses Argument kann auch dadurch untermauert werden, daß Tito gegen den Willen der Serbisch-Orthodoxen Kirche erreichte, daß die Mazedonisch-Orthodoxe Kirche 1967 als eigenständige (autokephale) Nationalkirche anerkannt werden mußte – dies gilt bis heute.
Gleichwohl konnte es auch dem autoritären Herrscher Tito nicht gelingen, daß die einzelnen Teilrepubliken Jugoslawiens dauerhaft an einem Strang zogen. Die sozialen, ökonomischen, religiösen und nationalkulturellen Widersprüche verstärkten sich spätestens mit seinem Tod im Jahre 1980; die Auflösung des föderativen Jugoslawiens setzte ein, Reformen blieben aus oder dienten allenfalls der Symptombekämpfung, die Kluft zwischen den einzelnen Landesteilen – am extremsten im Vergleich Slowenien versus Kosovo – wuchs kraß an. Der „nationalistische Paradigmenwechsel“ (Calic) war nicht mehr aufzuhalten, das jugoslawisch-supranationale Experiment taumelte seinem blutigen Ende entgegen. Doch die Kriege und Bürgerkriege ab 1991 waren keine mazedonischen Kriege; die 1990 konstituierte Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation – Demokratische Partei für Mazedonische Nationale Einheit (VMRO-DPMNE) führte das Land ein Jahr später friedlich in die – erstmalige – vollständige Unabhängigkeit. Im Zuge der Desintegration Jugoslawiens stimmten 95,1 % der Wähler mit „Ja“ für das eigenstaatliche Mazedonien, gleichwohl die Wahlbeteiligung lediglich bei 71,9 % lag: Sowohl die serbische Minderheit im Norden des Landes (2 % der rund zwei Millionen Einwohner Mazedoniens) als auch ihr (weitaus größeres) albanisches Pendant im Westen[11] (25 %), das 2001 teils mit militärischer Gewalt die Loslösung von Skopje erreichen wollte, lehnten die Abstimmung per se ab. Beide also, Serben wie Albaner, fürchteten das kommende Übergewicht der Mazedonier in Staats- und Wirtschaftsleben. Ähnliches kann für die weiteren Minderheiten gelten (darunter 4 % Türken, 1 % Bosniaken bzw. slawische Muslime[12] und 0,5 % Aromunen bzw. Vlachen[13]).
Doch eine fehlende Intervention in jugoslawische Kriege bedeutet nicht, daß die Nationswerdung Mazedoniens konfliktlos verlaufen wäre – nur verlief sie glücklicherweise weniger blutig als in Kroatien, Serbien, Bosnien oder im Kosovo. Daß man 1993 als Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien (FYROM) in die UNO aufgenommen wurde (und eben nicht als „Mazedonien“), lag an Griechenland, das bis 2018 EU-europäische Integrationsschritte des nördlichen Nachbarn verhinderte: Mazedonien sei Teil Griechenlands, der Namensanspruch der slawischen Mazedonier daher anmaßend und potentiell übergriffig auf die nordgriechische Provinz Makedonien. Erst vor drei Jahren einigte man sich nach einem denkbar knappen Referendum innerhalb Mazedoniens und alsdann mit den Griechen auf eine neuerliche Modifikation: Das Land heißt seitdem weder FYROM noch Mazedonien, sondern Republik Nordmazedonien, die Nationalität der Bürger bleibt „mazedonisch“, die Sprache ebenfalls – neue Ausweise und Dokumente benötigten alle Mazedonier freilich dennoch. Das Zünglein an der Waage spielten die mazedonischen Albaner, die für das Referendum und eine entsprechende EU-Orientierung warben, wohingegen die Stammpartei der rechtskonservativen mazedonischen Slawen – VMRO-DPMNE – gegen eine Annahme stimmte, denn die Mehrzahl von ihnen stand dem neuen Namen ablehnend gegenüber.[14] Albanische Kräfte warfen dementsprechend VMRO-DPMNE und Co. vor, gar kein Interesse an einer sukzessiven Eingliederung in die EU zu hegen. Tatsächlich liebäugelte mancher östlich orientierte Politiker mit der russischen Alternativoption, ohne jedoch in diese Richtung wirklich ernst zu machen oder auch ernst machen zu können. Rußland unterstützte seinerseits gemäß Westpresse die Gegner des Namenreferendums, aber diese Unterstützung erfolgte nur vereinzelt und nicht offensiv. Daß der „kremlnahe Philosoph“ Alexander Dugin in Skopje auftrat, um für eine nordmazedonische Hinwendung zur russisch geprägten „Eurasischen Wirtschaftsunion“ zu werben, reicht wohl nicht aus, um Wladimir Putin eine (erfolglose) Vereinnahmung der Mazedonier vorzuwerfen.[15] Jedenfalls reichten eventuelle Parteinahmen auch nicht dafür aus, zu verhindern, daß der NATO-Beitritt Nordmazedoniens 2019 erfolgte und der EU-Beitritt – seit 2005 ist man Kandidat dafür – trotz Schwebezustand weiter anvisiert wird.
Schwebezustand – denn diesmal hat nicht Griechenland, sondern Bulgarien sein vorläufiges Veto eingelegt: Es geht um kulturelle und linguistische Details, aber auch um grundlegende nationalhistorische Deutungskämpfe. Die Verantwortlichen in Sofia haben eine Liste mit Ansprüchen erstellt, die nichts weniger enthält als die Forderung, daß Nordmazedonien bestätigen müsse, als Staatssprache einen bulgarischen Dialekt zu führen und bulgarischen Ursprungs zu sein.[16] Damit aber sähe sich die komplexe Nationswerdung (Nord-)Mazedoniens gründlich auf den Kopf gestellt – ein Neustart bzw. nationaler Great reset der unangenehmen Art.
[1] Langer: Nachwort des Übersetzers, S. 423.
[2] Goce Smilevski: Ein Zeitalter wird besichtigt, in: Petre M. Andreevski: Quecke, Berlin 2017, S. 433–443, hier S. 433.
[3] Carl Schmitt: Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes. Sinn und Fehlschlag eines politischen Symbols (1938), 4. Aufl., Stuttgart 2012, S. 47.
[4] Andreevski: Quecke, S. 41.
[5] Ebd., S. 53.
[6] Ebd., S. 71.
[7] Ebd., S. 190.
[8] Calic: Geschichte Jugoslawiens, S. 177 f. In den 1960er Jahren kamen die muslimischen Bosnier, das heißt die „Bosniaken“, als sechste Nation bzw. sechstes Volk (narodi) hinzu.
[9] Vgl. Heinz Willemsen: Das politische System Makedoniens, in: Wolfgang Ismayr (Hrsg.): Die politischen Systeme Osteuropas, 3. akt. u. erw. Aufl., Wiesbaden 2010, S. 967–1005, hier S. 996.
[10] Calic: Geschichte Jugoslawiens, S. 240.
[11] Im Westen Nordmazedoniens liegt bis heute die albanische Bastion. Cyrill Stieger beschreibt die Lage vor Ort so: „Gerade im Grenzgebiet Mazedoniens zu Albanien im Westen des Landes, wo sich die Siedlungsgebiete oft überlappen, markieren beide, Albaner und Mazedonier, mit ihren nationalen Symbolen in penetranter Weise ihr Territorium und ihren Machtanspruch.“ (Wir wissen nicht mehr, wer wir sind. Vergessene Minderheiten auf dem Balkan, Wien 2017, S. 62.) Hinzu kommt mittlerweile der Mitgestaltungsanspruch muslimischer Akteure aus der Türkei und Saudi-Arabien. Durch diese Kräfte finanzierte Moscheen werden in den albanischen Siedlungsgebieten immer häufiger ortsprägend.
[12] Nicht alle „Bosniaken“ sind Bosniaken im eigentlichen Sinne. Oft wird diese Bezeichnung – ähnlich wie „Mazedonier-Muslim“ – schlicht für einen slawischen mazedonischen Staatsbürger mit islamischem Glaubensbekenntnis verwendet. Auch einige wenige Zehntausend Torbeschen – eine Volksgruppe slawischer Muslime – werden gelegentlich zu den Bosniaken gerechnet, gelegentlich aber auch zu den – ethnokulturell nicht verwandten – Albanern: „Ein Torbesche kann zur gleichen Zeit ein Albaner, ein Türke oder auch ein Mazedonier sein, abhängig vom politischen Kontext und seinen persönlichen Interessen.“ (Stieger: Wir wissen nicht mehr, wer wir sind, S. 78.)
[13] Die Vlachen (Vlasi) bzw. Aromunen sind eine christlich-orthodoxe Minderheit in Nordmazedonien, aber auch in Serbien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien und Albanien, wobei sie lediglich in Nordmazedonien als nationale Minderheit Anerkennung finden. Ihre Sprache ist eine der vier balkanromanischen Sprachen, die mit dem Rumänischen verwandt sind.
[14] Vgl. auch Andreas Ernst: Wenig Rückhalt für neuen Namen, in: NZZ v. 3. Oktober 2018.
[15] Vgl. Volker Pabst: Die Namensfrage spaltet Mazedonien, in: NZZ v. 1. Oktober 2018.
[16] Vgl. einführend Tobias Zick: Bulgarien verlangt neue Geschichtsschreibung von Nordmazedonien, in: sueddeutsche.de v. 25. Oktober 2020. Darin heißt es: „Unterdessen hat die bulgarische Regierung ihre Positionen in einem mehrseitigen Dokument bekräftigt und dieses an Vertreter der anderen EU-Mitgliedstaaten verteilt. Darin heißt es etwa, wie die Wochenzeitung Politico berichtet, Bulgarien könne nicht akzeptieren, dass der ‚noch andauernde Prozess der Nationenbildung’ im Nachbarland sich etwa auf die ‚Leugnung unserer gemeinsamen ethnischen und sprachlichen Wurzeln’ stütze.“