Auf der Burg zu Buda entscheidet sich am 27. März 1921 das Schicksal zweier Männer. Der eine ist Karl von Habsburg-Lothringen, nach dem Hinscheiden Franz Josephs I. im November 1916 Kaiser von Österreich und gekrönter König von Ungarn. Karl, seit 1919 im Schweizer Exil, zieht es im Frühjahr 1921 nach Budapest, schließlich ist Ungarn formal ein Königreich, der Thron verwaist. Der andere Mann ist Miklós Horthy, weiland Flügeladjutant des alten Kaisers, Kommandant der k. u. k. Kriegsmarine, seit März 1920 Reichsverweser (ung. Kormányzó); der Kleinadelige gilt als Homo novus, der zunehmend an seiner hohen Stellung Gefallen findet.
Von MMag. Erich Körner-Lakatos
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Das noble Wiener Innenstadthaus an der Ecke Tuchlauben/Landskrongasse beherbergt in der Nacht auf den 26. März 1921 einen Gast, der am späten Abend am Westbahnhof ankommt. Der Hausherr, Tamás Graf Erd?dy[i], erweist einem Jugendfreund eine Gefälligkeit. Es ist niemand Geringerer als der seinerzeitige Kaiser und König Karl. Der exilierte Herrscher ist auf der Durchreise nach Ungarn. Das Land ist nach einem republikanischen Zwischenspiel zur Staatsform der Monarchie zurückgekehrt. Mit einer Einschränkung: Wegen des außenpolitischen Drucks vor allem der Kleinen Entente (Rumänien, Tschechoslowakei und Großserbien) stellt die Nationalversammlung in Budapest Anfang 1920 fest, die Rechte des Königs Karl IV. seien ruhend gestellt. Das provisorische Staatsoberhaupt (Reichsverweser) heißt Admiral Miklós Horthy.[ii]
Am 8. November 1918 meldet Horthy als Kommandant der k. u. k. Kriegsmarine seinem Obersten Kriegsherrn die Übergabe der Flotte an die Kroaten. Bei jener Audienz in Schönbrunn versichert der Admiral dem Kaiser: „Bis an mein Lebensende diene ich Eurer Majestät mit jedem Atemzug und in unerschütterlicher Treue.“ Karl und Horthy stehen von da an in einem angeregten Briefkontakt. Zuerst quellen die in die Schweiz gesandten Depeschen vor Ergebenheitsschwüren über. Doch allmählich rühren sich beim Herrscher leichte Zweifel, denn sein Admiral findet nach der Wahl zum Reichsverweser am 1. März 1920 immer neue Gründe, um die Rückkehr Karls ad calendas graecas zu vertagen. Zuerst möge der Friedensvertrag abgewartet werden, dann wiederum drohe der Einmarsch der Nachbarstaaten. Außerdem setzt Horthy Taten, die Karl nicht konvenieren. So läßt der Reichsverweser am 11. April 1920 die Honvéd-Armee auf sich als Obersten Kriegsherrn vereidigen. Drei Tage später, am 14. April, zieht Horthy in Debreczin ein, ausgerechnet am Jahrestag der Absetzung der Habsburger im Jahre 1849 im dortigen kalvinistischen Dom.
Ermuntert durch französische Politiker, allen voran Premierminister und Außenminister Aristide Briand[iii], macht sich der Habsburger auf den Weg nach Ungarn, läßt sich von seinem Exil in der Schweiz, der Villa Prangins am Ufer des Genfer Sees, nach Straßburg bringen und nimmt den Zug nach Wien. Selbstredend inkognito, seine Reisepapiere lauten auf den spanischen Namen Sanguez.
Nach dem Zwischenstop in der Landskrongasse geht die Fahrt in den Mittagsstunden des 26. März per Auto weiter. Wir schreiben den Karsamstag. Im ungarischen Pinkaf?, dem heutigen Pinkafeld, genehmigt sich Karl im Gasthaus Lehner eine bescheidene Atzung. Einige Kilometer vor Stein am Anger (Szombathely) – nach einer anderen Quelle bereits ab Pinkafeld – heißt es für Karl und seinen Begleiter Tamás Graf Erd?dy, auf ein Pferdefuhrwerk umzusteigen. Abends gegen zehn Uhr erreichen Roß und Leiterwagen die Stadt, halten im Hof des Bischofpalais’. János Graf Mikes[iv], seit 1911 Oberhirte in Stein am Anger[v], stets habsburgtreu, ist freudig überrascht ob des hohen Besuches. Noch in der Nacht läßt der Kirchenmann einige Persönlichkeiten in seinen Amtssitz bitten: Generalmajor Antal Baron Lehár[vi], militärischer Befehlshaber für den Westen des Landes, dann Antal Graf Sigray[vii], seines Zeichens ziviler Regierungskommissär, sowie dessen prominenten Gast, Ministerpräsident Pál Graf Teleki[viii]. Die beiden Grafen treffen erst gegen drei Uhr morgens ein. Weiters Albin Lingauer[ix], Parlamentsabgeordneter und Herausgeber der lokalen Zeitung, schließlich Kultusminister József Vass, ein katholischer Priester.[x]
Der Herrscher erläutert die außenpolitische Lage und die Beweggründe für sein Kommen: in erster Linie, um die Loyalität Horthys abzuklären. Premier Teleki meint, der Reichsverweser werde die Regierungsgewalt übergeben, denn jener wäre glücklich, wenn er die Macht so bald wie möglich dem gekrönten König überantworten könnte. Eine solche Einschätzung hört Karl gern. Ostersonntag, 27. März 1921, 07:30 Uhr. Ohne jede Nachtruhe tritt der König, begleitet von Sigray und drei Offizieren[xi], die Autofahrt nach Budapest an.[xii] Bereits im Morgengrauen ist der Wagen Telekis abgefahren, um dem Reichsverweser den Gast zu avisieren. Nach siebenstündiger Fahrt erreicht Karl die Burg zu Buda. Das Automobil des Premiers ist noch nicht da. Wie sich später herausstellt, hat sich der Chauffeur verfahren, obendrein waren da zwei Pannen.
Trotzdem ist der König guten Mutes. Er zieht sich im Amt des Ministerpräsidenten (Sándor-Palota) die Uniform eines Feldmarschalls an und geht hinauf auf die Burg, dorthin, wo jetzt der Reichsverweser residiert.[xiii] Horthy ist sichtlich überrascht[xiv] und irritiert. Er fühle sich, so der Admiral, an den seinem König geleisteten Eid gebunden, könne aber die Macht nicht übergeben, da ansonsten die Streitkräfte der Kleinen Entente eingreifen würden. Karl entkräftet die Bedenken, stellt dem Reichsverweser eine hohe Position in Aussicht, ernennt ihn zum Herzog von Szeged, dankt dafür, daß Horthy ihm die Treue gehalten und das Land geführt habe. Dann fordert er den Reichsverweser auf, nunmehr die Macht zu übergeben. Die Antwort trifft den zurückgekehrten Herrscher wie ein Stoß ins Herz: „Nem!“ Nein! Horthy wiederholt seine Ansichten. Die Armee habe ihm, dem Reichsverweser, die Treue geschworen und folge nur seinen Befehlen. Karl habe kaum ein halbes Prozent Erfolgschance. Auch Karls Verweis auf Horthys Eid als Kämmerer, der ihn in besonderer Weise an die Person des Monarchen bindet, verfängt nicht. Zeitweise verfällt der Reichsverweser in verlegenes Schweigen. Erst als der Name Briand fällt, lenkt Horthy – bloß scheinbar! – ein, erklärt, er brauche einige Zeit, um die Machtübergabe vorzubereiten. Der rund anderthalbstündige, streckenweise hitzige Dialog endet mit der Abmachung, der König werde in Stein am Anger drei Wochen zuwarten, dann übergebe der Admiral die Macht.
Karl verläßt am späten Nachmittag die Budaer Burg. Zu allem Unglück bricht das Auto während der Rückreise zusammen, so daß der Ersatzwagen erst am Morgen des Ostermontags, um 05:17 Uhr, im Palais des Bischofs eintrifft. Total übernächtigt, frierend, dazu noch zermürbt vom Ausbleiben des sicher scheinenden Erfolgs, erlebt der letzte Habsburgerregent eine weitere Hiobsbotschaft. Oberst Lehár meldet ihm, er habe in der Nacht von Horthy ein Telegramm erhalten. Der Text lautet: „An Oberst Baron Lehár. Bitte trachte im Interesse des Vaterlandes, daß Du den heute nach Stein am Anger zurückkehrenden König Karl noch im Laufe der Nacht über die Grenze hinübertransportierst. Horthy.“[xv]
Der Oberst verweigert im Einvernehmen mit Premier Teleki die Ausführung des Befehls. In seinen Erinnerungen schreibt Antal Lehár: „Von mir könne man nicht verlangen, daß ich meinen gekrönten König förmlich per Schub an die Grenze schaffe, um ihm dort dem nächsten österreichischen Gendarmen auszuliefern, und daß vielleicht S.M. dort gezwungen wird, eine Nacht im Arrest oder in einer Spelunke zu verbringen.“ In den folgenden Tagen liegt Karl mit hohem Fieber im Bett.[xvi] Zwischen Budapest und Stein am Anger gehen Fernschreiben hin und her. Horthy bleibt hart, will à tout prix die Macht behalten. Die Propagandisten des Reichsverwesers sprechen bereits abfällig vom „Osterputsch des Königs“ (Húsvéti királypuccs).
[i] Tamás Graf Erdödy, geb. 18. April 1868 in Stakorovac (Kroatien), gest. 20. April 1931 in Güns.
[ii] Miklós Horthy, geb. 18. Juni 1868 in Kenderes, gest. 9. Februar 1957 in Estoril; 1909–1914 Flügeladjutant Kaiser Franz Josephs I., 1918 Kommandant der k. u. k. Kriegsmarine; 1920–1944 Reichsverweser von Ungarn, ab Jänner 1949 Exil in Portugal.
[iii] Aristide Briand, geb. 28. März 1862 in Nantes, gest. 7. März 1932 in Paris; 1909–1929 mit Unterbrechungen Ministerpräsident, bis 1932 Außenminister Frankreichs.
[iv] János zabolai Graf Mikes, geb. 27. Juni 1876 in Gebißdorf (Zabola), gest. 28. März 1943 in Répceszentgyörgy; 1911–1936 Bischof von Stein am Anger. Er besuchte das Gymnasium in Wien-Kalksburg und studierte in Innsbruck Theologie. Mikes stammte ebenso aus verarmtem siebenbürgischen Adel wie der zwischen 1941 und 1945 amtierende Bischof von Raab, Vilmos Baron Apor, geb. 29. Februar 1892 in Schäßburg (Segesvár, rumän. Sighioara), gest. 2. April 1945 in Raab. Der Oberhirte wurde von russischen Soldaten erschossen.
[v] Karl wählt Stein am Anger, das Zentrum des Burgkomitats Eisenburg (Vas), auch deswegen als Ziel, weil diese westungarische Gegend als dem Herrscherhaus besonders ergeben bekannt ist. Interessant ist die Vielfalt der Volkszugehörigkeiten der Bewohner des Burgkomitats. Laut Volkszählung von 1910 leben hier nachstehende Nationalitäten: 56,9 % Magyaren, 26,9 % Deutsche, 11,6 % Slowenen und 3,7 % Kroaten.
[vi] Antal Baron Lehár, geb. 21. Februar 1867 in Ödenburg, gest. 12. November 1962 in Wien; Bruder des Komponisten Franz Lehar, Theresienritter und Träger der Goldenen Tapferkeitsmedaille; 1919 Militärkommandant in Westungarn.
[vii] Antál Graf Sigray, geb. 12. Mai 1875 in Iweinsthal (Iváncz), gest. 26. Dezember 1947 in Neu York; nach dem Ableben von König Karl IV. Führer der legitimistischen Bewegung in Ungarn. Zu Ostern 1921 ist Ministerpräsident Teleki bei ihm Schnepfenjagdgast auf Schloß Iweinsthal, außerdem ist der US-Gesandte Ulysses Grant-Smith zugegen.
[viii] Pál Graf Teleki, geb. 1. November 1879 in Budapest, gest. 3. April 1941 ebd. durch Freitod; Ministerpräsident 1920/21 sowie 1939–1941.
[ix] Albin Lingauer (ab 1930 hört er auf den Namen Lékay-Lingauer; auf deutsch: Lingauer aus Léka, wobei Léka die magyarische Bezeichnung für den Ort Lockenhaus ist), geb. 1. März 1877 in Günau (Göny im Burgkomitat Raab), gest. 31. März 1962 in Linz; Abgeordneter des Wahlkreises Güns zwischen 1920 und 1935 sowie Chefredakteur und späterer Herausgeber der Lokalzeitung „Vasvármegye“.
[x] József Vass, geb. 25. April 1877 in Rotenturm an der Raab/Kotenburg (Sárvár), gest. 8. September 1930 in Budapest; Politiker der Katholischen Volkspartei (Katolikus Néppárt).
[xi] Darunter Oberst Andor Jármy, Befehlshaber der Truppen im Burgkomitat Eisenburg.
[xii] Am Steuer sitzt László Ede Almásy, geb. 22. August 1895 in Bernstein (Borostyánk), gest. 22. März 1951 in Salzburg. König Karl ernennt ihn dafür zum Grafen. Der Vorgang ist nicht ganz bezeugt, gibt aber dem Spott über „Karl, den Sehadler“ (wonach Karl jeden, den er sieht, in den Adelsstand erhebe) neuen Auftrieb.
[xiii] Am 1. April 1920 übersiedelt Horthy mitsamt Familie in die königliche Burg zu Buda, genauer: in den auf den Stadtteil Christinastadt (Krisztinaváros) schauenden Gästeflügel im ersten Stock, wo er neun Zimmer samt Nebenräumen in Anspruch nimmt.
[xiv] Horthy speist gerade mit seiner Familie zu Mittag, als Flügeladjutant László Magasházy Meldung machen will; Horthys Gemahlin Magdolna greift verzögernd ein, so daß der Reichsverweser wenigstens die Suppe ungestört zu sich nehmen kann. Danach beschwört György Görgey, Befehlshaber der Leibgarde (1920–1927), den zum König eilenden Horthy feierlich: „Die Leibgarde wird ihrem Reichsverweser bis in den Tod die Treue halten. Im Namen des magyarischen Volkes bitten wir den Reichsverweser, dem Eid, den er auf die Nation geschworen hat, treu zu bleiben“ („A testgárda halálig ha kormányzóhoz. Kérjük hát a kormányzót a magyar nemzet nevében, tartsa magát a nemzetnek tett esküjéhez“).
[xv] Der ungarische Originaltext des am Ostersonntag, 23 Uhr, bei Antal Lehár eingelangten Telegrammes lautet: „Báró Lehár ezredes Szombathely. Kérlek a haza érdekében igyekezz, hogy a ma éjjel Szombathelyre visszaérkez Károly királyt még az éj folyamán a határon átszállitsd. Horthy.“ Horthy hat übrigens immer bestritten, ein derartiges Telegramm verfaßt zu haben. Nach überwiegender Meinung der Historiker handelt es sich dabei um ein eigenmächtiges Vorgehen des Flügeladjutanten László Magasházy (geb. 7. Jänner 1879 in Sárkeresztúr, gest. 5. Oktober 1959 in Szentes; Flügeladjutant von 1920 bis 1929, 1937 General, 1939 Abgeordneter im Unterhaus).
[xvi] Im Mai 2004, beim Forschungsaufenthalt des Autors in Stein am Anger, zeigte der alte Kastellan im Palais des Bischofs zwei Schätze, die alle Zeitläufte – Horthy-Ära, Russenbesetzung, Rákosi-Diktatur – heil überstanden hatten. Bei den Kostbarkeiten, die ansonsten nur mit schriftlicher Bewilligung des Oberhirten zu besichtigen sind, handelte es sich um ein mit Damast überzogenes Ruhelager im ersten Stock, auf dem der königliche Gast schlief, weiters um eine Marmortafel, deren Inschrift mit berührenden Worten an den Aufenthalt des Königs zu Ostern des Jahres 1921 erinnert.
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Deprimiert zieht sich Karl nach einigen Tagen wieder in die Schweiz zurück. Ein halbes Jahr später ein neuerlicher Versuch: Am Nachmittag des 20. Oktober 1921 landet ein kleines Flugzeug (ein Junkers-Eindecker) mit König Karl und seiner Frau Zita in Diensdorf (Dénesfa; der Ort liegt an der Grenze zum Burgkomitat Eisenburg), in der Nähe des Schlosses von József Graf Cziráky[1], dem Obergespan des Burgkomitats Ödenburg (Sopron). Das Herrscherpaar nächtigt im Schloß. Am Morgen des 21. Oktober erfolgt die Vereidigung der Ödenburger Garnison unter dem Befehl von Feldmarschall-Leutnant (FML) Pál Heged?s[2] auf den König, gleichzeitig Bildung einer königlichen Regierung unter Premier Istvan Rakovszky[3], der sofort in Budapest anruft und Horthys Ministerpräsidenten Istvan Graf Bethlen[4] (Nachfolger von Pál Graf Teleki) überaus barsch mit dem Aufhängen droht, falls man den König in der Hauptstadt nicht als rechtmäßigen Herrscher empfangen sollte. Derweil werden die Soldaten der Garnison in einen Zug Richtung Budapest verladen. Zahlreiche Fahrtunterbrechungen, zum Beispiel in Raab (Gy?r) sowie in Komorn (Komárom), wo die Garnisonen ebenfalls sofort zum König übergehen, behindern das Vorankommen. Von Komorn, wo sich der Zug sechs Stunden lang aufhält, geht es weiter nach Totis (Tata), wo man gegen Mitternacht einlangt.
Von Totis aus sendet der Monarch FML Pál Heged?s in die Hauptstadt, um dem dortigen Militärbefehlshaber, Infanteriegeneral Pál Nagy[5], von etwaigen Gegenmaßnahmen abzubringen. Nagy reicht Heged?s an diesem 22. Oktober wie einen heißen Erdapfel an Reichsverweser Horthy weiter, der schickt ihn zum Ministerpräsidenten Bethlen, wo sich gerade der englische Gesandte Thomas Hohler[6] aufhält. Beide Herren vermögen Heged?s zu überzeugen, daß Karl von keiner der Siegermächte als Staatsoberhaupt Ungarns anerkannt werden würde. Heged?s, der sich bloß als Bote (Küldönc) versteht, kehrt unverrichteterdinge zurück zum König. Reichsverweser Miklós Horthy schwankt zwischen Kapitulation und energischem Widerstand, zu dem nicht bloß die Vertreter der Entente raten, sondern vor allem eine Person: Gyula Gömbös[7], der zu drei Vierteln deutscher Abstammung ist, tiefenpsychologisch der Grund für sein ostentatives Bekenntnis zum Magyarentum.[8] Unter Legitimisten hat Gömbös einen denkbar schlechten Ruf, denn er fertigte als Hauptmann im Generalstab im Oktober 1918 eigenmächtig einen Befehl, wonach das Kaderbataillon No. 83 seinen Wachdienst in Wien beenden und nach Ungarn zurückkehren solle. Dadurch entzog der pflichtvergessene Offizier seinem Obersten Kriegsherrn die einzigen noch verläßlichen Truppen in der Residenzstadt.
Gömbös trommelt unter dem Vorwand, es drohe ein Angriff von Tschechen (!) auf die Hauptstadt, ein paar hundert Budapester Studenten zusammen, läßt sie bewaffnen und wirft sie entschlossen den königlichen Truppen unter dem Befehl von Oberst Antal Lehár und Gendarmerie-Major Gyula Osztenburg-Moravek[9] entgegen. Ort des ersten Zusammenstoßes mit den königlichen Soldaten ist am Vormittag des 23. Oktober Wudersch (Budaörs). Dort sind die Schienen aufgerissen, der Zug gelangt nicht ans vorgesehene Ziel, den Bahnhof Budapest-Krenfeld (Kelenföld), wo die Truppen entladen werden und dann zur Budaer Burg marschieren sollen. Horthy begibt sich persönlich nach Wudersch, um gemeinsam mit Gömbös den Kampfgeist der Studenten durch eine Rede anzufeuern. Nach einem kurzen Gefecht mit mehreren Gefallenen und Verwundeten wartet man auf einen Befehl des Königs, der sich gerade etwas weiter westlich aufhält, in der Ortschaft Witschke (Bicske). Als Karl die Nachricht von den ersten Toten und Verwundeten erhält, ist er niedergeschlagen, will kein Blutvergießen. Der Monarch wartet weiterhin auf ein Einlenken der Machthaber in Budapest.
Grundsätzlich hält sich die Budapester Garnison bedeckt, möchte weder für Horthy noch für den König klar Stellung beziehen[10], aber ab 11 Uhr vormittags treffen in Wudersch reguläre Horthy-treue Verbände ein. Ironie des Schicksals: Ein Teil der Soldaten, die sich Karl IV. entgegenstellen, sind in der am westlichen Stadtrand von Budapest gelegenen Károly Király laktanya stationiert, also in der nach ihm benannten König-Karl-Kaserne. Ein Angriff auf die königlichen Truppen führt dazu, daß diese sich teilweise auflösen, viele desertieren, verweigern sich dergestalt einem Kampf zwischen Magyaren. Nach einigen Stunden stehen nur mehr 2000 Königstreue den inzwischen auf 6000 Mann angewachsenen Horthy-Truppen gegenüber. Am Nachmittag kommt Heged?s zurück, berichtet von Horthys Standpunkt. Daraufhin schließen die Parteien einen Waffenstillstand bis zum folgenden Morgen, dann sollen sich Vertreter beider Seiten im Bahnhof von Wiehall-Kleinturwall (Biatorbágy) zu Verhandlungen treffen. Um 8 Uhr des 24. Oktober legen Horthys Vertreter ihre Bedingungen vor, fordern eine Kapitulation. Auch Karl befindet sich in der Nähe des Bahnhofs. Plötzlich kommt es zu einem Schußwechsel. Lehár und Ostenburg wollen durch einen Handstreich doch noch den Durchbruch nach Budapest erzwingen, doch der König befiehlt: „Lehár, Ostenburg! Hören Sie auf und kommen Sie zurück! Ich verbiete jede weitere Kampfhandlung! Es hat doch alles keinen Sinn mehr …“ Der Befehl zeigt den Charakter des Königs, seine zutiefst christliche Haltung. Nicht umsonst erfolgt am 3. Oktober 2004 die Seligsprechung Karls durch Johannes Paul II.
Karl IV. zieht sich nach Totis ins Schloß der Familie Esterházy zurück, anschließend in die Benediktinerabteil Tihány am Ufer des Plattensees. Danach verbringen die Briten den König samt Familie nach Madeira, wo der Monarch bereits am 1. April 1922 für immer seine Augen schließt. Noch Jahrzehnte später – mittlerweile im portugiesischen Exil – ist sich Miklós Horthy nicht sicher, ob er sich 1921 gegenüber seinem König richtig verhalten hat. Am 22. Mai 1950 und am 15. April 1953 trifft er sich mit dem ältesten Sohn des längst verstorbenen Monarchen. Was der ehemalige Reichsverweser unter vier Augen mit Erzherzog Otto, dem am 4. Juli 2011 verschiedenen Grandseigneur, bespricht, wird wahrscheinlich für immer ein Geheimnis bleiben.
[1] József Graf Cziráky, geb. 11. Juni 1883 in Sárosd, gest. 10. August 1960 in Diensdorf.
[2] Pál Heged?s, geb. 6. Juni 1861, gest. 10. November 1944 (Geburts- und Sterbeort nicht bekannt); Generalmajor, ab 1920 Feldmarschall-Leutnant (FML); informiert noch am Abend des 20. Oktober 1921 die in Ödenburg anwesenden Entente-Vertreter von der Ankunft des Königs, laviert zwischen Karl und Horthy; der Reichsverweser läßt ihn nach dem Scheitern des zweiten Rückkehrversuchs Karls IV. vor ein Kriegsgericht stellen. Er wird zum einfachen Soldaten degradiert, muß alle Orden und Auszeichnungen abgeben, lebt dann zurückgezogen bis zu seinem Ableben.
[3] Außenminister ist der letzte k. u. k. Außenressortchef Gyula Graf Andrássy jun., Finanzminister Gusztav Gratz sowie Honvéd-Minister Oberst Antal Baron Lehár.
[4] István Graf Bethlen, geb. 3. Oktober 1874 in Kertzing (Gernyeszeg), gest. 5. Oktober 1946 in Moskau; Schüler im Wiener Theresianum; Ministerpräsident von 1921 bis 1931.
[5] Pál Nagy, geb. 18. September 1864 in Sajósenye, gest. 10. Februar 1927 in Budapest; von 1922 bis 1925 Oberbefehlshaber der Honvéd-Armee.
[6] Sir Thomas Hohler, geb. 15. März 1871, gest. 23. April 1946; von 1920 bis 1924 britischer Gesandter in Budapest.
[7] Gyula jákfai Gömbös, geb. 26. Dezember 1886 in Murgau (Murga), Burgkomitat Tolnau (Tolna), gest. 6. Oktober 1936 in München
[8] In der Kriegsschule antwortet Gömbös auf die Frage, ob er im Kriegsfalle bereit sei, für seinen König zu sterben, er sei Magyare und deswegen nicht geneigt, für einen Habsburger sein Leben zu lassen.
[9] Gyula Osztenburg-Morawek, auch Ostenburg-Moravek, geb. 2. Dezember 1884 in Marosvásárhely, gest. 12. Jänner 1944 in Budapest; hoher Gendarmerieoffizier, ab 1932 gemeinsam mit Pál Prónay Gründer der Magyar Országos Fasiszta Párt.
[10] Feldmarschall-Leutnant (FML) Károly Péter Baron Thán (geb. 3. März 1873 in Budapest, gest. 14. Dezember 1945 ebd.; Sohn des bekannten Chemikers; ursprünglich schreibt sich die Familie Thann), ein fanatischer Habsburg-Gegner, ersetzt den schwankenden Kommandanten des 2. Infanterie-Regiments in der Budapester König-Karl-Kaserne (heute Pet?fi laktanya), Oberst Ferenc Binder-Borbereky, durch den Horthy-treuen Obersten István Shvoy. Dies trägt wesentlich zum Scheitern des Königs bei.