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Ein neuer Akteur im Mächtekonzert

1862 ernannte König Wilhelm entgegen seiner persönlichen Abneigung Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten, um einen Ausweg aus dem Konflikt mit dem preußischen Abgeordnetenhaus zu finden.
Im Krieg für den Verbleib von Schleswig und Holstein bei Deutschland standen Preußen und Österreich Seite an Seite. Das Grazer Hausregiment „König der Belgier“ kämpfte im Gefecht von Oeversee gegen die dänischen Truppen, weshalb heute noch u.a. eine Grazer Schule den Namen Oeversee-Gymnasium trägt. Verschiedene Gräber österreichischer Gefallener und das abgebildete Denkmal erinnern auch in Oeversee an den Kampf Österreichs für Schleswig-Holstein.
Klaus Müller
1866: Bismarcks deutscher Bruderkrieg
Königgrätz und die Schlachten auf deutschem Boden
278 Seiten, HC, Ares Verlag, 2007
€ 34
Das Königreich Italien war an der Seite Preußens in den Krieg gegen Österreich eingetreten. Doch die Österreicher blieben in der Schlacht von Custozza gegenüber den doppelt so starken italienischen Truppen siegreich. Admiral Tegetthoff gelang es sogar, trotz seiner veralteten Schiffe die italienische Marine bei Lissa zu besiegen, indem er den Befehl zum Rammen der italienischen Schiffe gab. Das Gemälde von Anton Romako gibt den Augenblick vor dem entscheidenden Rammstoß Tegetthoffs gegen das italienische Flaggschiff wieder. Trotz dieser Siege mußte Österreich auf Verlangen des französischen Kaisers Napoleon III. Venezien an Italien abtreten

Die Gründung des Zweiten Deutschen Kaiserreichs 1871

„Welch eine Wendung durch Gottes Führung“ – dieses schon geflügelte Wort, das im Wilhelminischen Deutschland mit Bezug auf den Sieg über die Franzosen bei Sedan und die Gefangennahme Kaiser Napoleons III. (2. September 1870) verwendet wurde, hätte ebensogut auf die Gründung des Zweiten Deutschen Kaiserreichs (18. Januar 1871) gemünzt werden können. Denn es grenzte fürwahr schon an göttliche Fügung, daß die Deutschen nach einer schier endlosen Zeit als Flickenteppich in der Mitte Europas und als Dispositionsmasse auswärtiger Mächte nunmehr endlich geeint in einem Nationalstaat zusammenleben konnten – obwohl die „kleindeutsche“ Lösung (also ohne Österreich) sicher für viele Patrioten unbefriedigend war. Ein neuer Akteur im Mächtekonzert war ins Leben getreten, und genau das gefiel den meisten der etablierten Mitglieder dieses Zirkels überhaupt nicht.

Von Dr. Mario Kandil

Am Beginn dieses geeinten Nationalstaats „kleindeutscher“ Prägung stand Otto von Bismarck, ohne dessen Gestalt es garantiert nicht zum gleichen Zeitpunkt und auf dem gleichen Wege zu einer Einigung Deutschlands gekommen wäre. Insbesondere seine überragende Persönlichkeit soll deshalb in den folgenden Betrachtungen zur Entstehung des Zweiten Deutschen Kaiserreichs herausgearbeitet werden, doch neben ihr soll auch die Persönlichkeit Wilhelms I. stehen. Denn ohne den Herrscher von Gottes Gnaden hätte Bismarck, der ja kein Staatsoberhaupt war, keine Legitimierung für seine Politik gehabt. Umgekehrt blieb Wilhelm I. ab seiner Thronbesteigung als preußischer König 1861 für mehr als 25 Jahre – bis zu seinem Tod am 9. März 1888 – auf Bismarck als preußischen Ministerpräsidenten und deutschen Reichskanzler angewiesen. Und nicht von ungefähr äußerte Wilhelm I., es sei „nicht leicht, unter diesem Kanzler Kaiser zu sein“[i]. Womit er sicherlich nicht falsch lag.

Allianz zweier unterschiedlicher Männer

Als 1848 die Revolution kam, verkörperte Otto von Bismarck noch ganz und gar den „preußischen Junker“, als den ihn seine Gegner so gern hinstellten und auch noch heute wie einen Popanz präsentieren. Bismarck lehnte die Revolution so entschieden ab, daß er zu einer Gegenrevolution riet, die jedoch wegen des Kotaus König Friedrich Wilhelms IV. vor den Revolutionären unterblieb. Immerhin wurde er nicht zuletzt durch seine publizistische Tätigkeit für die „Kreuzzeitung“ (eigentlich: „Neue Preußische Zeitung“) schnell zu einem Exponenten der Konservativen, wobei er sich an Aggressivität, an oftmals bösartigem Spott und an Lust zur Entlarvung „idealistischer“ Motive in der Zeitung wie in seinen Reden kaum überbieten ließ. Bismarck galt sogar in seinem Lager als so extrem, daß er nach der Niederschlagung der Revolution für all seinen Einsatz nicht mit einem Ministeramt belohnt wurde. Vielmehr schrieb Friedrich Wilhelm IV. an den Rand einer Liste mit Vorschlägen für Ministerposten: „Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schrankenlos waltet.“[ii] Den schlechten Leumund als extremer Rechter (so würde es in unseren Tagen wohl heißen) teilte Bismarck übrigens mit seinem späteren Herrn, dem damaligen Kronprinzen Wilhelm. Der war seit der Märzrevolution 1848 als „Kartätschenprinz“ verschrien – übrigens zu Unrecht, weil er den ihm zugeschriebenen Befehl, gegen die Revolutionäre Kartätschenkugeln einzusetzen, realiter gar nicht gegeben hatte. Dennoch mußte er vorübergehend ins Exil nach London gehen.

Als Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. die ihm vom Parlament der Frankfurter Paulskirche angetragene Kaiserkrone im April 1849 zurückwies, da diese nicht von Gottes Gnaden, sondern aus den – seiner Ansicht nach – unberufenen Händen einer vom Volk gewählten Versammlung stammte, war nicht im Traum daran zu denken, daß sein Bruder Wilhelm und Bismarck rund zwei Jahrzehnte später die Baumeister des (kleinen) deutschen Nationalstaats sein würden. Der lange Weg dorthin konnte erst eingeschlagen werden, nachdem Wilhelm am 2. Januar 1861 als Wilhelm I. König von Preußen geworden war und im Verfassungskonflikt mit dem preußischen Abgeordnetenhaus am 23. September 1862 Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt hatte. Aber die Allianz, die Wilhelm und Bismarck schlossen, war keine solche aus wie auch immer gearteter Sympathie, denn Wilhelm empfand gegen den ebenso geistreichen wie ungezügelten Mann, der sein Retter werden sollte, Abneigung. Er erblickte in ihm nicht den gereiften Diplomaten, der sich auf die europäische Lage seinen eigenen Reim gemacht hatte. Vielmehr nahm er ihn in der Not, da es keinen anderen Ausweg zu geben schien, als Zuflucht zu nehmen zu dem „tollen Bismarck“, diesen so berüchtigten reaktionären Junker, als welcher dieser sich 1848/49 präsentiert hatte. Die Öffentlichkeit sowohl in Preußen als auch außerhalb verstand Bismarcks Ernennung als letzten Versuch, die Demokraten zur Räson zu bringen, und traute dessen Ministeramt keine lange Dauer zu. Es sollte jedoch bekanntlich anders kommen.

Krieg gegen Dänemark

Von Beginn an hielt Bismarck, der als Preußens Gesandter am Bundestag des Deutschen Bundes in Frankfurt am Main (1851–1859) zu einem echten Meister im politischen „Spiel“ geworden war, sich für all denen, mit denen er es freundlich oder feindlich zu tun hatte, weit überlegen. Hierzu gehörte nicht einmal gar so viel, denn Diplomaten sind ja, allgemein betrachtet, keine über alle Maßen bedeutenden Menschen: In der Kunst wird kreativer und in der Wissenschaft schwieriger gedacht als in der Politik. Zur Zeit Bismarcks stellten für ihn weder Frankreichs Kaiser Napoleon III. noch Österreichs Kaiser Franz Joseph I. Gegenspieler dar, die ihm das Wasser reichen konnten. Rußland, das seit 1855 von Zar Alexander II. regiert wurde, fiel seit dem Krimkrieg (1853–1856) nahezu aus und war Preußen schon deshalb günstig gesinnt, weil es mit Österreich in den Balkankonflikt verwickelt war, der zu Lebzeiten beider Reiche nicht enden sollte. Großbritannien fiel als ein Störfaktor für Bismarcks politische Pläne so lange aus, wie dem Inselreich Europas Gleichgewicht nicht bedroht schien. Albion sah es seinerzeit noch ganz gern, daß Mitteleuropa unter Preußens Führung zwischen den beiden so unruhigen Flügelmächten Frankreich und Rußland erstarkte. Das war den Briten lieber, als wenn dies unter Führung des angeblich reaktionären Österreich geschähe.

Bismarcks Kriege (wenn wir denn die deutschen Einigungskriege als seine Kriege verstehen wollen) begannen mit der Angelegenheit Schleswig-Holstein. Im Jahr 1852 hatten die europäischen Mächte den dänischen Thronfolger als den zukünftigen Monarchen auch in den beiden Herzogtümern Schleswig und Holstein anerkannt. Dänemark hatte sich dafür verpflichtet, die deutschen Länder unter deren eigener Verfassung vom Hauptstaat getrennt zu halten. Doch unter dem neuen König Christian IX. beging Kopenhagen den großen Fehler, entgegen dieser Verpflichtung Schleswig mit Dänemark zu vereinigen. An diesem den Schleswigern zugefügten Unrecht entzündete sich das just zu dieser Zeit wieder verstärkte, niemals zur Ruhe gekommene deutsche Nationalgefühl, und in dieser nordischen Streitsache wurde der Prinz von Augustenburg – er hatte sich zum Herzog von Schleswig und Holstein proklamiert – zum Symbol deutschen Rechts. Letztlich beschloß der Deutsche Bund gegen Dänemark die Bundesexekution (Dezember 1863). Bismarck aber hatte kein Interesse an einem neuen deutschen (Groß-)Herzogtum, sondern an der Annexion Schleswig-Holsteins durch Preußen. Das jedoch konnte nicht im Zusammenwirken mit dem von ihm verachteten Deutschen Bund geschehen, so daß der große Stratege für die ersten Schritte auf diesem Weg die Kooperation mit Österreich, der anderen deutschen Großmacht, suchte. Es gelang ihm, Österreich von dessen Basis in Deutschland, nämlich vom Bund und von den Mittelstaaten, zu trennen. Die österreichischen Politiker gingen Bismarck auf den Leim, und so führte im Frühjahr 1864 nicht der Deutsche Bund, sondern das preußisch-österreichische Duo Krieg gegen Dänemark. Dabei wurde die endgültige Lösung der Frage, was mit den beiden Herzogtümern geschehen solle, auf später vertagt. Natürlich war das Königreich Dänemark den Armeen der beiden deutschen Großmächte nicht gewachsen und mußte im Vertrag von Wien (30. Oktober 1864) auf seine uralte Verbindung mit der Halbinsel Schleswig-Holstein für immer verzichten.

Dies war ein von der Staatskunst des preußischen Ministerpräsidenten errungener Erfolg, und zwar gegen den Willen der deutschen Nation – die in ihrer Mehrheit lieber ein Herzogtum unter dem Augustenburger gesehen hätte – und im Streit mit dem preußischen Abgeordnetenhaus, das von einem solchen Krieg gegen Dänemark nichts hatte wissen wollen. Bismarck jedoch hatte gänzlich ungerührt entgegnet: „[…] wenn wir es nötig finden, Krieg zu führen, so werden wir ihn führen mit oder ohne ihr Gutheißen.“[iii] Viele Gegner Bismarcks fragten sich in Anbetracht seines Erfolgs, ob der Mann nicht vielleicht doch auf dem richtigen Weg war, aber der preußische Verfassungskonflikt ging weiter. Für den Ministerpräsidenten kam das nicht unwillkommen, denn hierauf basierte seine Unentbehrlichkeit, sein Einfluß auf den nicht leicht zu lenkenden König Wilhelm I., und diesen Einfluß würde er in naher Zukunft überaus nötig haben.

Deutscher Bruderkrieg

Es wäre nicht richtig, die Behauptung aufzustellen, Bismarck habe Preußens Krieg gegen Österreich bereits beschlossen, noch bevor der Waffengang gegen Dänemark beendet war. Dem Augustenburger wollte er die eroberten Herzogtümer auch nicht unter Bedingungen gönnen, die aus dem Herzog einen preußischen Satrapen gemacht hätten. Die gemeinsame Verwaltung der Herzogtümer durch Österreich und Preußen erwies sich als Chimäre, und die daraufhin vereinbarte Administration Schleswigs durch Preußen und Holsteins durch das sehr weit entfernte Österreich beseitigte nicht Bismarcks Ziel, beide Länder an Preußen zu bringen. So war denn dessen Krieg gegen Österreich und den Deutschen Bund kein Krieg um die nordische Beute, sondern ein Krieg um die Vorherrschaft in Deutschland. Er wurde durch das gemeinsame Unternehmen gegen Dänemark eher hinausgeschoben als verursacht, wiewohl der Streit um die Siegesbeute ein zusätzlicher Casus belli wurde. Bismarck aber war damals in seinem eigenen Staat so verhaßt, daß nach dem Scheitern eines Attentats auf ihn die Berliner ihr Bedauern über dessen Fehlschlag ganz offen kundtaten.

Bismarck nahm im Januar 1866 eine Volksversammlung in Altona (das lag im von Österreich verwalteten Holstein) zum Anlaß, dem Hof in Wien vorzuwerfen, er löse sich von der gemeinsamen Handlungsbasis, dem Kampf gegen die „Revolution“. Daraus folge eindeutig, daß die von Preußen erstrebte Gemeinsamkeit vorsätzlich zerbrochen werde, weshalb es sich wieder vollständige Freiheit in seiner Politik verschaffen müsse. Daraufhin faßte am 21. Februar 1866 in Ofen der österreichische Ministerrat unter dem Vorsitz Kaiser Franz Josephs den Entschluß, nicht erneut nachzugeben, womit die Entscheidung für den Waffengang mit Preußen bereits gefallen war. Dessen Vorbereitung durch diplomatische Maßnahmen beschloß Preußens Kronrat Ende Februar, und bereits am 8. April 1866 vereinbarte Bismarck in Berlin mit dem neuen Königreich Italien die vorerst noch geheime Allianz zwischen diesem und Preußen: Gäbe es Krieg zwischen Preußen und Österreich, würde auch Italien in den Krieg gegen die Habsburgermonarchie ziehen. Der so sehr auf seine „Kompensationen“ erpichte Franzosenkaiser Napoleon III. holte sich diese, die Preußen ihm verweigerte, bei Österreich, dessen verunsicherte Diplomaten er am 12. Juni 1866 zu einem Neutralitätsvertrag mit Frankreich veranlassen konnte: Die Österreicher verzichteten darin auf Venetien auch für den Fall, daß sie in Deutschland siegen würden.
Am 1. Juni 1866 legte Österreich die Zukunft Schleswig-Holsteins in die Hand des Deutschen Bundes, indem es ihm die Entscheidung in dieser Sache übertrug. Für Bismarck war dieser Schritt ein Affront, den er am 4. Juni mit einem Runderlaß an Preußens deutsche und europäische Gesandte beantwortete. Die Folge davon war, daß am 9. Juni 1866 preußische Streitkräfte in das von Österreich verwaltete Holstein einrückten, aus dem kurz vorher die Österreicher abgezogen waren. Am 11. Juni beantragten diese, der Bundestag in Frankfurt am Main möge beschließen, zum Schutz der inneren Sicherheit Deutschlands das Bundesheer zu mobilisieren, da Preußen das Bundesrecht klar gebrochen habe. Der Mobilisierungsantrag wurde am 14. Juni angenommen.

Als der Deutsche Bund den Beschluß faßte, alle nichtpreußischen und nichtösterreichischen Armeekorps zu mobilisieren, erklärte Preußen die Bundesakte für gebrochen, den Deutschen Bund für aufgelöst, und die preußischen Truppen marschierten ohne eine Kriegserklärung. Sie erwiesen sich als der veralteten Streitmacht des Bundes überlegen und entschieden den deutschen Bruderkrieg mit ihrem Sieg in der Schlacht bei Königgrätz (oder Sadowa, wie die Franzosen sie nennen) am 3. Juli 1866. Bismarck wußte genau, daß er dem Krieg ein Ende machen mußte, solange Preußen die überlegene Partei war. Wenn er auch nie dreister handelte als in den Monaten vor diesem entscheidenden Triumph, wenn er alles – auch sein eigenes Leben – dabei aufs Spiel setzte, so agierte er doch niemals weiser als nach dem Sieg und ließ sich nicht ins Maßlose treiben. Nachdem er seinen König Wilhelm I. mit der emsigsten List und die Nerven peinigender Geduld in den Krieg gegen Österreich gezerrt hatte, zerrte er ihn jetzt – erneut unter den grauenvollsten Strapazen für seine wie auch Wilhelms Nerven – wieder heraus. Nur allzugern wäre der Preußenkönig als Sieger in Wien eingezogen und hätte dem besiegten Feind nach altem Brauch ein großes Stück Land weggenommen. Aber Otto von Bismarck blickte nach St. Petersburg, wo man unruhig wurde. Er sah auch nach Paris, wo Napoleon III. sehr unruhig wurde und – in der Hoffnung auf eine „Kompensation“ für Frankreich – jene Friedensvermittlung anbot, um die Österreich ihn bat. Trotz des Siegesrauschs der Gegenwart dachte Bismarck, der Realpolitiker, an die Gefahren und Wünschbarkeiten der Zukunft und handelte entsprechend.
Der von Napoleon III. vermittelte Vorfriede von Nikolsburg (26. Juli 1866) sowie der Friede von Prag zwischen Preußen und Österreich (23. August 1866), den der noch vor kurzem so verfemte Bismarck durchsetzte, basierte auf einfachen Bedingungen: Österreich verzichtete auf den Deutschen Bund und auf jeden rechtlich definierten Einfluß in Deutschland, während das siegreiche Preußen mit seinem Staatsgebiet vereinigte: Hannover, Hessen-Kassel, Nassau, Schleswig-Holstein und die Freie Stadt Frankfurt am Main. Überdies war Preußen berechtigt, mit den verbleibenden deutschen Staaten nördlich des Mains einen „Norddeutschen Bund“ zu schließen. Und weil der Erfolg recht gibt, wurde Otto von Bismarck bei seiner Rückkehr vom böhmischen Kriegsschauplatz nach Berlin mit tosendem Jubel empfangen. Wie rasch sich die Zeiten doch gewandelt hatten!

Doch wie bewertete der große Stratege selbst den deutschen Bruderkampf zwischen Preußen und Österreichern? Er schrieb dazu in seinen Memoiren u.a. folgendes: „In dem Bestreben, der deutschen Nation die Möglichkeit einer ihrer geschichtlichen Bedeutung entsprechenden Existenz durch Einheit zu verschaffen, lag das gewichtigste Argument zur Rechtfertigung des geführten deutschen ‚Bruderkrieges‘ […].“[iv] 
Die deutsche „Berufung“ Preußens legitimierte mithin den Krieg gegen Österreich. Einzig und allein Preußen vermochte der deutschen Nation das zu geben, was sie so dringend brauchte und worauf sie schon so lange hatte warten müssen: die Einheit in einem Nationalstaat. Unter preußischer Führung und unter Ausschluß Österreichs war diese dann eben eine „kleindeutsche“ und keine „großdeutsche“. Besser eine derartige nationalstaatliche Einheit als überhaupt keine, mochte Bismarck sich sagen. Und noch besser für Preußen: Hatte es doch auf diese Art und Weise Österreich, seinen alten deutschen Rivalen, endlich aus den deutschen Angelegenheiten herausgedrängt und konnte im (kleindeutschen) Nationalstaat völlig ungehindert den Ton angeben.

 


[i] Zit. n. Ludwig Bamberger: Bismarck posthumus, Berlin 1899, S. 8.

[ii] Zit. n. Otto von Bismarck: Gedanken und Erinnerungen, ungek. Ausg., München 2007, S. 54.

[iii] Zit. n. Wilhelm Müller: Deutsche Einigungskriege 1864–1871, Paderborn 2015 (Nachdruck des Originals von 1889), S. 11.

[iv] Bismarck, a.a.O. (Anm. 2), S. 327.

 

Den Deutsch-Französischen Krieg von 1870 begann Napoleon III., der jedoch in der Schlacht von Sedan von preußischen Truppen gefangengenommen wurde. Die Abbildung zeigt den gefangenen Monarchen mit Otto von Bismarck am Abend nach der Schlacht.

1870/71

Nach dem von Napoleon III. vermittelten Frieden zwischen Preußen und Österreich war der Kaiser der Franzosen verbittert darüber, daß ihm für seine Dienste und für seine Neutralität im Bruderkrieg der Deutschen, die für Bismarck doch so kostbar gewesen war, keine Vergütung gegeben wurde. Damit aber doch irgendein Gewinn für die „Grande Nation“ zu verbuchen wäre, wollte Napoleon III. von Holland das kleine Luxemburg kaufen. Obwohl Bismarck diesmal zu einer Konzession vermutlich bereit gewesen wäre, stellte sich die deutsche Öffentlichkeit vehement dagegen. Bismarck, sonst fürwahr kein Knecht der öffentlichen Meinung, paßte sich auf der Stelle an, und so wagte Holland es nicht, Luxemburg an Frankreich zu verkaufen. Der Neffe Napoleons I. ging leer aus, doch Bismarck hatte die Chance zum Krieg gegen Frankreich in jenem Jahr 1867 ungenutzt verstreichen lassen. Wie er allerdings realiter gestimmt war, beweist eine Äußerung von ihm in einem Schreiben vom 6. oder 7. Juli 1867: „Luxemburg war das Äußerste unserer Friedfertigkeit, ist der Friede damit nicht gesichert, dann ist er nicht zu halten.“[i]

So sah es tatsächlich im Inneren des Riesen aus, der kaum vernehmbar grollte – noch. Aber schon bald, sehr bald sollte er um sich schlagen und diejenigen Lügen strafen, die nicht mehr an seine Kraft geglaubt hatten. Denn als Frankreich es unternahm, den von Preußen ausgehenden Impuls zur Bildung eines deutschen Nationalstaats zu unterbinden und einer nationalen Einigung der Deutschen für die Zukunft die Basis zu entziehen, war für Bismarck die Grenze des Hinnehmbaren überschritten. Und dieser Moment sollte 1870 kommen, als Frankreich exakt das versuchte, um zu verhindern, daß durch die Fusion von Norddeutschem Bund und süddeutschen Staaten ein nicht nur für Frankreich überaus gefährlicher neuer Akteur im europäischen Mächtekonzert entstünde, der sich nicht mehr herumstoßen lassen würde wie zuvor die durch Partikularismus geprägte und geschwächte deutsche Staatenwelt. Ob Otto von Bismarck von vornherein die Kandidatur eines Prinzen von Hohenzollern für den spanischen Königsthron betrieb, um Napoleon III. eine Kriegsfalle zu stellen – so hat es später sein ihn bewundernder Gehilfe Lothar Bucher behauptet –, ob er bloß die Gelegenheit beim Schopfe packte, um Preußens Glorie zu mehren, und dann auch im Juli 1870 die Gelegenheit zum Krieg, die Frankreich ihm verblendet bot, lieber ergriff, als eine diplomatische Niederlage hinzunehmen – diese oft gestellten Fragen wollen wir hier nicht näher erörtern. Doch eines sei in unseren Tagen, in denen linksstehende Kräfte so viel hanebüchene Geschichtsklitterung (auch mit Bezug auf Bismarcks Epoche) fabrizieren, an dieser Stelle glasklar festgehalten: Vor Bismarcks diabolisch geschicktem Schachzug der „Emser Depesche“ noch frei in ihrer Wahl, standen Napoleon III. und Frankreich mit der Kriegserklärung vom 19. Juli 1870 als Herausforderer, Angreifer da. Gewiß, Bismarck, der durch die Gegensätze zwischen Nord- und Süddeutschland beunruhigt war, hatte in der spanischen Thronfolgekandidatur mit seinem Wühlen gewissermaßen die „stille“ Aggression begonnen. Doch während der letzten Phase der ganzen Affäre stand Frankreich im Drang nach Krieg Bismarcks Preußen in nichts nach. Und in historischer Beziehung setzte sich das Frankreich Napoleons III. ohnehin eklatant ins Unrecht, indem es sich der nationalstaatlichen deutschen Einheitsbewegung in den Weg stellte. Das unterstrich sogar der DDR-Historiker Ernst Engelberg unter Verweis auf Frankreichs sozialistischen Politiker und Historiker Jean Jaurès. Trotz seiner Abneigung gegen alles Preußische habe selbst Jaurès immer wieder auf genau jenes französische Fehlverhalten abgehoben und es angeprangert.[ii]

Unter dem Druck der französischen Kriegspartei ließ Kaiser Napoleon III. seinen Botschafter am Hof in Berlin, Vincent Benedetti, den Preußenkönig Wilhelm I. während dessen Kur in Bad Ems aufsuchen (9. Juli). Benedetti protestierte bei dem überrumpelten Wilhelm gegen die Thronkandidatur des Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen und verlangte vom preußischen König ganz offen dessen Verzicht. Damit nicht genug, forderte der Franzose vier Tage später von Wilhelm neben einer Entschuldigung [!] noch die verbindliche Zusicherung, daß er auch künftig keiner solchen Kandidatur zustimmen werde. Wilhelm I. schickte eine Depesche nach Berlin und informierte Bismarck über das Treffen und den Ausgang der Gespräche mit Benedetti. Diese Depesche formulierte Bismarck scharf um und ließ sie veröffentlichen, und auf einmal stand Frankreich als von Preußen geohrfeigte Nation da. Napoleon III. sah in dieser Provokation einen Grund für die sofortige Kriegserklärung an Preußen, und so war der von Bismarck nicht ungern gesehene Fall eingetreten.

Frankreich war damals schwach, Preußen stark, wobei die preußischen Heerführer es wußten, die Franzosen aber nicht. Drei Wochen nach Kriegsbeginn wußte es jedermann. Der Sieg von Sedan mit der Gefangennahme Kaiser Napoleons III. am 2. September 1870 erfolgte nahezu folgerichtig in Anbetracht all der Präzision und der Wucht, mit der die preußische Kriegsmaschine arbeitete. Daß die süddeutschen Fürsten zu ihrem Pakt mit Preußen und dessen Norddeutschem Bund von 1867 standen, war nicht einen Augenblick lang fraglich, denn die Fürsten, die dies nicht getan hätten, wären hinweggefegt worden. Und nach ein paar Kriegswochen stand fest, daß Süddeutschland dem Norddeutschen Bund beitreten würde. Der Zwang, dies zu tun, war elementar, und so darf den Entschlüssen von Bayerns König Ludwig II., erst den Krieg an Preußens Seite mitzumachen und dann dem König von Preußen die deutsche Kaiserkrone zu offerieren, nicht der Status einer freien Entscheidung zuerkannt werden.

Nach Sedan raffte sich Frankreich, das Napoleon III. als Kaiser absetzte und zu einer Republik wurde, zu verzweifelter Fortführung des Kriegs auf und machte aus dem Kampf zwischen Kavalieren, der dieser bis Sedan gewesen war, einen solchen zwischen Völkern im Urzustand. Trotzdem hätte das republikanische Frankreich gern Frieden geschlossen, wenn dieser ohne Verlust französischen Landes zu haben gewesen wäre. Doch gegen die zuerst von den deutschen Nationalliberalen im Sommer 1870 aufgebrachte Forderung nach einer Annexion von Elsaß und Lothringen, die die Öffentlichkeit in Deutschland mit Vehemenz als Preis für französische Anmaßung forderte, war nicht anzukommen. Bismarck, der nicht so sehr dafür war, mußte dieses Zugeständnis den preußischen Militärs und Wilhelm I. schon machen, nachdem diese 1866 nur zähneknirschend auf Landgewinn als Belohnung für den Sieg im Feld verzichtet hatten. Damit jedoch wurde der deutsch-französische Antagonismus nicht bloß fortgesetzt, sondern mit noch größerem Haß erfüllt. Dazu trug auch die Demütigung bei, daß am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles – dem Monument der Macht Ludwigs XIV. und der Macht Frankreichs allgemein – Preußens König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser[iii] proklamiert und somit das Deutsche Reich ins Leben gerufen wurde. Was wenig bekannt ist: Die Reichsverfassung war bereits am 1. Januar 1871 in Kraft getreten.

Wilhelm I. bewies schon einen feinen Instinkt für das mit der Reichsgründung Kommende, als er am Tag vor der Kaiserproklamation in lautes Weinen ausbrach. Er rief seinen Beratern zu, er könne gar nicht schildern, in welcher Verfassung er sich befinde, weil er am nächsten Tag vom alten Preußen Abschied nehmen müsse, an dem er allein festhalte. Wilhelm hatte kindlich gehofft, Bismarck werde die militärischen Erfolge von 1864, 1866 und nun 1870/71 zur Schaffung eines „Großpreußen“ nutzen – doch sein Kanzler nutzte sie de facto zur Schaffung der deutschen Einheit. Die tiefere Ursache dafür findet sich in einer eher nebenher getätigten Äußerung Bismarcks, der zu den Geschichtslektionen seiner Schulzeit dies anmerkte: „Jeder deutsche Fürst, der vor dem Dreißigjährigen Kriege dem Kaiser widerstrebte, ärgerte mich, vom großen Kurfürsten an aber war ich parteiisch genug, antikaiserlich zu urteilen und natürlich zu finden, daß der Siebenjährige Krieg sich vorbereitete.“[iv] Bismarck meinte damit, daß der Niedergang des Kaisertums schließlich einen Legitimitätsverlust bewirkt habe. Es war eben nicht nur der Egoismus der Landesherren und nicht nur die Hausmachtpolitik der Habsburger, die dahin geführt hatten, daß das Reich zu einem „Monstrum“ wurde. Hier war politische Lebenskraft erloschen, und den Platz des Alten mußte etwas Neues einnehmen.[v]

Für Otto von Bismarck war Preußen dieses Neue und die von Friedrich dem Großen gegen das Österreich Maria Theresias gerichtete Aggression deswegen berechtigt wie seine eigene Intention, dem Dualismus zwischen Berlin und Wien ein Ende zu bereiten. Was jedoch nicht bedeutete, daß er mit der Reichsgründung von 1871 eine Art finalen Zustand der Geschichte erreicht zu haben glaubte. Bis er im März 1890 durch Kaiser Wilhelm II. zum Rücktritt von seinen Ämtern gezwungen wurde, sollte Bismarck noch 19 Jahre über das Werk herrschen, das er – oft gegen den Widerstand Wilhelms I. und dessen Entourage – mit so viel „Staatskunst“ erbaut hatte. Und ganz nebenbei wurde der 1871 zum Fürsten Erhobene als „reaktionärer Junker“ letzten Endes auch noch zum Idol ausgerechnet der 1848er. Die Historie bringt eben mitunter sonderbare Dinge hervor!

Sicher geht es zu weit, den grundehrlichen, doch in seiner Auffassungsgabe eher begrenzten Wilhelm I. als einen Trottel hinzustellen, wie dies Ernst Engelberg boshaft-spöttisch tat, als er schrieb: „Drei Kriege, drei Siege, dreimal gefeiert ein tumber Tor!“[vi]. Fakt ist, daß Wilhelm stets von Bismarck gelenkt werden mußte, da dieser nun einmal nicht der erste Mann im Staat war, sondern die beschränkte Majestät in der Hierarchie über sich hatte. Darin ging es ihm durchaus ähnlich, wie es in einer früheren Epoche und einem anderen Staatswesen Albrecht von Wallenstein mit Kaiser Ferdinand II. ergangen war.

 


[i] Bismarck an den deutschen Diplomaten Robert von Keudell, o.O., 6. oder 7. Juli 1867, in: Otto von Bismarck: Die gesammelten Werke (= Friedrichsruher Ausgabe), 19 Bde., Berlin 1924–1935, hier Bd. 14, S. 729.

[ii] Ernst Engelberg: Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer, Ost-Berlin 1985, S. 726.

[iii] Den nervenaufreibenden Streit mit Wilhelm, der nicht „Deutscher Kaiser“, sondern „Kaiser von Deutschland“ genannt werden wollte, löste bei der Proklamation Großherzog Friedrich I. von Baden, indem er ganz einfach nur ein Hoch auf den „Kaiser Wilhelm“ ausbrachte.

[iv] Zit. n. Karlheinz Weißmann: „Die große deutsche Revolution“; in: Junge Freiheit 36/20 vom 28. August 2020, S. 13.

[v] Ebd.

[vi] Engelberg, a.a.O. (Anm. 6), S. 758.

Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Reich ins Leben gerufen und Preußens König Wilhelm zum deutschen Kaiser proklamiert. Dieses Ereignis zeigt das berühmte Bild von Adolph Menzel, das in unzähligen Wiedergaben jahrzehntelang jedem Deutschen wohl vertraut war.
Otto von Bismarck war 1871–1890 der erste Reichskanzler des Deutschen Reiches. Als solcher war er die treibende Kraft der Aussöhnung mit Österreich und des Ausgleichs mit Rußland.

Der erste Reichskanzler

Durch die Schaffung des kleindeutschen Nationalstaats war im Mächtekonzert Europas nichts mehr so wie vor 1871. Auf den handgreiflichen Machtzuwachs Preußens sehend, das eben nicht nur militärisch triumphiert, sondern mit drei „Einigungskriegen“ die Basis für einen neuen Staat im Zentrum Europas geschaffen hatte, sagte in einer Parlamentsrede der britische Premierminister Benjamin Disraeli kurze Zeit nach dem Sieg der deutschen Truppen 1871: „Dieser Krieg bedeutet die deutsche Revolution, ein Ereignis von größerer Bedeutung als die französische des vergangenen Jahrhunderts.“[1]

Die Existenz des 1871 gegründeten Deutschen Reichs (das, genau betrachtet, Bismarcks Reich war) stellte sich also von Anfang an als eine prekäre, verletzliche Schöpfung dar. Gefahr lag immer in der Luft und drohte von allen Seiten. Was er Anfang Dezember 1870, mitten im Krieg gegen Frankreich, gesagt hatte – daß man auf der Spitze eines Blitzableiters balanciere –, traf nach wie vor zu, und der „cauchemar des coalitions“ (Albtraum der Koalitionen) verfolgte den großen Spieler am Glückstisch der Diplomatie permanent. In seinem Wissen um die Fragilität des von ihm geschaffenen deutschen Nationalstaats hielt Bismarck auch im Sieg Maß und setzte seine konzentrierte Kraft immer wieder virtuos für die Erhaltung des Friedens ein. Was lag vor dem Hintergrund ernster Notwendigkeit näher, als mit den deutschen Rivalen von einst, den Österreichern, zusammenzuarbeiten? Jetzt machte es sich in der Tat bezahlt, daß Bismarck 1866 nach Königgrätz deren Schonung durchgesetzt und sich dafür die Gegnerschaft der meisten preußischen Militärs zugezogen hatte. Außerdem paßte es in sein Konzept einer an Gleichgewicht und Frieden in Europa orientierten Politik, Österreich als Großmacht zu bewahren und in einem nächsten Schritt als Verbündeten für das preußisch dominierte Deutsche Reich zu gewinnen.

Damit Deutschland nicht eines Tages gezwungen wäre, in einem Konflikt zwischen Österreich und Rußland – letzteres hatte 1870/71 die Habsburgermonarchie von einem militärischen Eingreifen gegen Preußen-Deutschland abgehalten – Partei zu ergreifen, brachte der Staatskünstler in Berlin unter Rückgriff auf Metternichs Heilige Allianz von 1815 einen Bund der drei konservativen europäischen Mächte – also Deutsches Reich, Österreich, Rußland – zuwege. Diese Dreikaiserabkommen von 1873 und 1881 waren voller konservativer, friedliebender Floskeln im Stile Metternichs, und solange sie der politischen Realität entsprachen, stand großes kriegerisches Unheil in Europa nicht zu befürchten. Es sollte allerdings nicht bei diesem Zustand bleiben.

Trotz des Dreikaiserabkommens von 1873 schloß Bismarck im Jahr 1879 mit Österreich den Zweibund, ein geheimes Verteidigungsbündnis, das sich 1882 durch Italiens Beitritt zum Dreibund erweiterte. Denn seit dem Berliner Kongreß des Jahres 1878, auf dem Rußland den Großteil seiner Siegesbeute aus dem 1877 begonnenen Krieg gegen das Osmanische Reich hatte herausgeben müssen, zürnte das Zarenreich dem „Eisernen Kanzler“ – schließlich wollte es für seine 1870/71 geleisteten Schrittmacherdienste tätige Dankbarkeit Deutschlands sehen. Kaum war der Zweibund unter Dach und Fach, fing Bismarcks Verhandeln mit Rußland wieder an, und 1881 wurde das Dreikaiserabkommen erneuert. Somit existierten jetzt zwei Bündnisse: eines zwischen Deutschland und Österreich gegen Rußland und ein weiteres zwischen Deutschland, Österreich und Rußland gegen Unbekannt. So hatte es Bismarck, der Virtuose der internationalen Politik, fertiggebracht, ein Zusammengehen zwischen Rußland und dem nur auf ein derartiges Bündnis wartenden und auf Revanche für 1870/71 sinnenden Frankreich zu verhindern – jedenfalls zunächst. Denn der auch zu diesem Zwecke abgeschlossene deutsch-russische Rückversicherungsvertrag von 1887 wurde von den Nachfolgern Bismarcks nicht verlängert. Das nur zu bekannte Ergebnis davon war die russisch-französische Annäherung, aus der schließlich die Einkreisung des Deutschen Reichs am Vorabend des Ersten Weltkriegs werden sollte, und exakt das hatte Bismarck unbedingt verhindern wollen. Was dann von all seinen Verträgen noch übrig blieb, war die Allianz mit Österreich, dem einstigen Rivalen in Deutschland. Für Bismarck war diese „Allianz keine Erwerbs-, sondern eine Versicherungsgesellschaft“[2].

Bismarck hielt das Deutsche Reich nach Herstellung der nationalen Einheit auf der Basis der „kleindeutschen Lösung“ für eine saturierte Macht und wollte das von ihm einmal Erreichte auf keinen Fall durch eine riskante Politik der Expansion und damit der Konfrontation gefährden. Denn er war zwar ein Spieler, doch wußte er meist genau, wann er mit dem Spielen aufzuhören hatte, weil sonst die Glückssträhne in eine Pechsträhne umschlagen würde. Daher hielt er an dem Konzept der Saturiertheit auch dann fest, als – gemäß dem imperialistischen Trend der 1880er Jahre – in Deutschland der Ruf nach Kolonialerwerb immer lauter wurde. Natürlich konnte auch er sich dem nicht völlig entziehen, aber er hielt nicht viel vom Gewinn kolonialer Besitzungen. Schließlich wußte er genau, daß Deutschland, wenn es zu einer Kolonialmacht werden wollte, fast automatisch mit der seinerzeit größten imperialistischen Macht, nämlich mit Großbritannien, in Konflikt geraten würde. Und das wollte er, wenn es ohne einen Kotau vor den Briten möglich war, verhindern.

Es bleibt hypothetisch, die Frage zu stellen, ob Bismarck, wenn er denn in Deutschland weiter der politisch Verantwortliche geblieben wäre, mit seiner kunstvollen Diplomatie die Einkreisung des Deutschen Reichs letzten Endes hätte verhindern können. Seine am 18. März 1890 erbetene und zwei Tage später erfolgte Entlassung durch den nach eigener Herrschaft strebenden jungen Kaiser Wilhelm II., der den „Alten“ unbedingt loswerden wollte, verhinderte es, daß die Geschichte eine Antwort auf diese Frage geben konnte.

 


[1] Zit. n. Weißmann, a.a.O. (Anm. 8).

[2] Geheimbericht des Freiherrn von Aehrenthal (k. u. k. Botschaftsrat in St. Petersburg) an Graf Kálnoky (k. u. k. Außenminister), St. Petersburg, 17. Mai 1888, in: Willy Andreas: Bismarck. Gespräche, Bd. 2: Von der Reichsgründung bis zur Entlassung, Bremen 1965, S. 495.

 
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