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Das Ringen um Vielgestaltigkeit und Einheit, Universalität und Partikularität, Nationalität, Regionalität und Zentralgewalt durchzieht die abendländische Geschichte. Ursprünglich war „Abendland“ primär mit geographischen Inhalten verbunden – westlich gelegener occidens im Unterschied zum östlich situierten oriens. Später kam im identitätsprägenden Sinn hinzu, daß sich die politischen, sozialen, kulturellen etc. Ziele der beiden entsprechenden Räume im Laufe der Jahrhunderte immer wieder veränderten. Der Begriff Abendland implizierte also im Laufe der Zeit verschiedene Kriterien: geographische, sprachlich-kulturelle und politische.
Von Univ.-Prof. Dr. Felix Dirsch
Bleiben wir kurz bei einem wichtigen kulturell-geographischen Merkmal:[1] Hier bietet sich als Grenze zwischen West und Ost eine Linie von der Narva-Burg im estnischen Norden über den Bug bis hin zu den Karpaten im Süden an. Westlich von dieser Linie ist das abendländische Europa anzunehmen, östlich davon das orthodox-östliche. Diese Grenze ist noch relativ genau zu ziehen. Sie spielte auch eine Rolle, als in den 1990er Jahren über die Erweiterung der EU debattiert wurde.
Weil es sich um weiträumige Regionen handelt, verwundert es nicht, daß im 16. Jahrhundert auch der Plural („Abendlender“) gebräuchlich war. So in der Cronica des Straßburgers Caspar Hedio, der sich auf die beiden Teile des Römischen Reiches nach der Teilung durch Kaiser Honorius 395 bezieht. Später nahm die weltanschaulich-kulturelle Aufladung des Begriffs zu, weswegen der Plural langsam wegfiel. Die inhaltliche Festlegung des Abendland-Begriffes ist nicht vom Verlauf der Historie Europas nach dem Ende des Römischen Reiches zu trennen – unabhängig von früheren Weichenstellungen. Mit der Durchsetzung der germanischen Völker in der Zeit der Völkerwanderung und mit einer partiellen Neuausrichtung des Christentums nach der konstantinischen Wende erhält das viel später sogenannte Abendland entscheidende neue Ausrichtungen. Die Achse, die kulturgeschichtlich prägende Verläufe anzeigt, verschiebt sich vom Mittelmeerraum langsam nach Norden.
Tut sich nach der Teilung des Römischen Reiches eine mehr und mehr bemerkbare Differenz von West und Ost auf, so manifestiert sich durch die Eroberungszüge des Islam, die im 7. Jahrhundert beginnen, eine Kluft, die bis heute immer wieder und auf verschiedene Weise virulent wird. Kulturelle Identitäten gewinnen im Wettbewerb untereinander in starkem Maß Form und Inhalt. Dies gilt auch für abendländische Propria, die sich im Widerspruch besonders gegen Mauren, Sarazenen, Heiden, Juden und auch gegen byzantinische Eigenheiten entwickeln. Da ist zum einen der Unterschied zwischen West- und Mitteleuropa auf der einen Seite und Byzanz auf der anderen, aber auch zu islamisch geprägten Regionen. Letztere sind gerade in religiöser Hinsicht deutlich anders. Dennoch steht (besonders in populären Darstellungen) Mohammed gern neben Karl dem Großen,[2] wenn das plakative Thema „Geburt des Abendlandes“ behandelt wird. Durch Staatsaufbau sowie Rechts- und Kulturreformen legte dieser Herrscher den Grundstein für alles Kommende, das aber auf der Basis des Vergangenen, des Römischen Reiches, gestaltet sein sollte. Dennoch entfernte sich ein anderer Erbe Roms, der byzantinische Osten, stetig vom Westen: Besonders am Beispiel der Schrift und der Kirchenverfassung, aber auch bezüglich des Verhältnisses von Kirche und Staat (Caesaropapismus!) zeigen sich beträchtliche Unterschiede. Das abendländische Geschichtsgedächtnis hat sich über weite Zeiträume im Gegensatz zum Islam ausgeprägt. Es bedurfte, wie die Genese jeder starken Identität, eines „aliud“. Die kriegerischen Stationen Tours und Portiers, Lepanto, Wien und andere sind heute noch, und das in friedliebenden Zeiten, kontrovers aufgeladen.
[1] Ich folge der Grenzziehung bei Ulrich Matthée: Die Wiedergeburt der europäischen Mitte und die Grenzen des Abendlandes, Kiel 1991, S. 2 (im Netz: ulrich-matthee.de/Abendlnd.pdf; abgerufen am 09.02.2020).
[2] Das wohl berühmteste, populärwissenschaftlich gehaltene Buch stammt von Henri Pirenne: Geburt des Abendlandes. Untergang der Antike am Mittelmeer u. Aufstieg des germanischen Mittelalters, dt. Amsterdam 1939.
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Das Problem von Einheit und Vielheit stellt sich seit einigen Dekaden neu. Besonders seit dem Maastricht-Vertrag von 1992 wird die in Brüssel zentrierte Machtfülle, die sich seither nochmals gesteigert hat, überaus deutlich. Manche Rechtsgelehrte sehen auf der tatsächlichen politischen Ebene längst einen Bundesstaat Europa verwirklicht, obwohl er auf der normativen Ebene noch nicht existiert.[1] Nach der Corona-Krise dürften sich die Tendenzen der Zentralisierung noch weiter verschärfen[2], wird es doch der EU nunmehr sogar ermöglicht, Schulden aufzunehmen. Weiter sollen für sie durch Emissionshandel im Schiffs- und Luftverkehr und bei der Besteuerung von Finanztransaktionen oder digitalen Plattformen eigene Einnahmequellen geschaffen werden. Uniformisten bejubeln diese Zäsur. Sie wissen, warum. Die europäische Kommission wacht nun über die Verwendung der Mittel des Corona-Hilfspaketes, das wohl ein Volumen von über 1,5 Billionen Euro umfassen dürfte. Nicht nur durch diese Maßnahme wird klar, wohin das einst bescheiden gestartete Europaprojekt geht.
Wenngleich eine solche Entwicklung aus guten Gründen abzulehnen ist, bedeutet das nicht, daß jede einheitliche Regelung falsch wäre. Strikte nationale Abschottung stärkt grundsätzlich nicht die Nationen, denn sie könnten so aufgrund äußeren Drucks, etwa durch die Finanzmärkte, ihre Souveränität kaum behaupten. In diesem Fall wären auch dem Einfluß außereuropäischer Mächte, etwa Chinas und Rußlands, Tor und Tür geöffnet.[3] Selbst innerhalb der EU existieren kleinere Staatenverbindungen wie der Visegrád-Bund, der jenen Ländern einen gewissen Rückhalt bietet, die auf EU-Ebene öfters mit Widerständen zu kämpfen haben.
Der Blick auf geschichtliche Verläufe führt zwar zu keinen Handlungsrezepten für die unmittelbare Gegenwart, er zeigt aber gewisse Kontinua auf, die heute noch von Relevanz sein können. Der „Vater des Abendlandes“, Karl der Große, regierte nicht zentralistisch und konnte dies aufgrund der damaligen Kommunikationsstrukturen auch nicht tun. Die jeweils betroffenen Adeligen und Grundherren gaben bei praktischen Entscheidungen, etwa zum Widerstand gegen einfallende Sarazenen und Wikinger, den Ausschlag. Auch Bischöfe übten regionale Macht aus, lange vor der Entstehung des sogenannten ottonischen Reichskirchensystems. Die relative Selbständigkeit vieler zentripetaler Autoritäten war durchaus von oben gewollt. „Die verfassungspolitische und gesellschaftliche Eigenständigkeit der europäischen Territorien, die zusammen das Reich der Franken bildeten, ergab sich jedoch nicht nur zwangsläufig, sondern war ein bewusstes politisches Gestaltungselement der Zentrale – wenn man die Aachener Hofkapelle, zumindest seit Karl dem Großen, so nennen will.“[4] Karl sah sich im eigenen Interesse genötigt, althergebrachte Stammesrechte zu respektieren und fortzuentwickeln. Die Zentrale war an den Rändern des Reichs abhängig von Gefolgsleuten.
Dieses spezifische Zusammenspiel von höheren Adeligen und Herrschern läßt sich in unterschiedlichen Epochen feststellen. Heinrich I. galt in der früheren Geschichtsschreibung öfters als legendärer Gründer des deutschen Reiches. Zu seinen herausragenden Leistungen gehörte es, den Stammesherzögen die Verfügung über ihre Klöster, Bistümer und Abteien zuzugestehen. Der König versuchte, mittels Koordination des politischen Vorgehens der Großen des Reichs zu regieren. Diese kluge Herrschaftskunst führte unter anderem dazu, daß die Stammesoberen Truppenkontingente zur Verfügung stellten. So konnte das Heer Heinrichs die Ungarn an der Unstrut besiegen. Mehr Nachdruck auf die Reichseinheit legte hingegen der Sohn Heinrichs, Otto I. Der stärkere Zentralismus gilt als eine Voraussetzung für seine Rom- und Ostpolitik. Eine gewisse Autonomie erhielten die Bischöfe im Rahmen der Belehnung durch den Kaiser.
Natürlich ist hier nicht der Ort, die abendländische Geschichte vor dem Hintergrund von Einheit und Vielheit auch nur zu skizzieren. Nur so viel: Die Mitte Europas war über Jahrhunderte nicht zentralistisch organisiert. Politischen Gestaltungsspielraum hatte später der Kaiser weithin nur in seinen habsburgischen Erblanden. Anders sahen die Strukturen in Frankreich, Britannien und in anderen europäischen Ländern aus, denen früh der Sprung zur Nation (und damit zu einer gewissen Einheitlichkeit) gelang. Die Relevanz der Vielfalt zeigt sich besonders eindringlich seit dem späten 15. Jahrhundert. Heutige Vergleichsstudien über die unterschiedlichen Kulturen betonen gern, daß Europas wachsende Überlegenheit seit dem ausgehenden Mittelalter von den relativ pluralen Strukturen nicht getrennt werden könne. Diversität war eine der großen Stärken dieses Kontinents. Während die chinesischen Machthaber lange Zeit – nicht zuletzt durch die Stärke ihrer Flotte – als Hegemon wirkten, erwies sich die Abhängigkeit ihrer Krieger vom zentralen Herrscher als negativ. Als der legendäre Flottenkapitän Zheng He, der berühmte Expeditionen in den Pazifik und in den Indischen Ozean unternommen hatte, beim regierenden Kaiser in Ungnade gefallen war, konnte er seine Fähigkeiten nicht mehr zur Geltung bringen. Auch in anderen Bereichen verlor China seine globale Überlegenheit aufgrund hemmender hierarchischer Kommandostrukturen. Das Machtgravitationszentrum verschob sich Richtung Westen. Heute erleben wir den Umschwung des Pendels auf die andere Seite.
Seit dem späten Mittelalter bildete sich langsam so etwas wie ein Nationalbewußtsein, vor allem in den Reihen der Eliten. In der Mitte Europas liegen die rund 300 Territorien des „Sacrum Romanum Imperium“. Sie waren relativ selbständig und konnten sogar (mit wenigen Einschränkungen) außenpolitische Bündnisse schließen. Der Zusatz „deutscher Nation“ kam nicht von ungefähr im 15. Jahrhundert auf. Die nationale Historie des 19. Jahrhunderts hat die diversen Antagonismen, vor allem den zwischen Kaiser und Reichsfürsten, stets als Grund für die Schwäche des relativ losen politischen Gebildes betrachtet. Diese Strukturen brachten aber auch Vorteile mit sich, worauf vor allem der Historiker Karl Otmar von Aretin hingewiesen hat. Nicht zuletzt hat der kulturelle Sektor von der politischen Parzellierung profitiert. Bei aller Pluralität in der Mitte Europas fehlte aber ein Minimum an Einheitlichkeit nicht, wie sich auf den Reichstagen zeigte, aber auch bei der Wahl des Kaisers. Bekanntlich hat die konfessionelle Spaltung im frühen 16. Jahrhundert besonders im Heiligen Römischen Reich die Ohnmacht der zentralen Einrichtungen weiter verschärft. Im Kriegsfall zeigte sich häufig, wie die Staaten an der europäischen Peripherie das Machtvakuum der Mitte zu ihren Gunsten instrumentalisierten.
Einheitliches Handeln in Europa kam vornehmlich dann zustande, wenn sich äußere Gefahren zeigten, etwa die Einfälle der Türken im 17. Jahrhundert. Diese Perioden hatten aber nur episodischen Charakter. Im Regelfall überwog die Strategie der Vielfalt das einheitliche Handeln im Abendland. Dies führte mitunter zu internen Kriegen. Die einstige Rolle der Türken als Grund für ein engeres Zusammenstehen der europäischen Völker haben heute wirtschaftliche Riesen wie die USA und China übernommen. In der Mitte Europas fehlte auch nach dem Untergang des Alten Reiches ein starkes föderales Element nicht. Sowohl im Deutschen Bund wie auch im Kaiserreich von 1871 ist es unübersehbar, ebenso in der Bundesrepublik, die freilich als „unitarischer Bundesstaat“ (Konrad Hesse) charakterisiert werden kann.
[1] Zu diesen Juristen zählt Karl Albrecht Schachtschneider: Die Souveränität Deutschlands. Souverän ist, wer frei ist, Rottenburg a.N. 2012, S. 46 f.
[2] Dazu kommt der Aspekt der Überrumplung der Öffentlichkeit, den der amtierende deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble im Sommer 2020 herausstellte: „Der Widerstand gegen Veränderungen wird in der Krise geringer. Wir können die Wirtschafts- und Finanzunion, die wir politisch bislang nicht zustande gebracht haben, jetzt hinbekommen“ (tichyseinblick.de/daili-es-sentials/ausgerechnet-der-bundestagspraesident-als-machiavellistischer-volksveraechter/, abgerufen am 22.08.2020).
[3] So zusammengefaßt bei David Engels: Abendland und Christentum, in: Junge Freiheit 33/2020, S. 18.
[4] Michael Salewski: Geschichte Europas. Staaten und Nationen von der Antike bis zur Gegenwart, München 2000, S. 317.
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Vergleicht man Europa mit anderen Teilen der Welt, was heute ja aufgrund der wachsenden Dominanz der aufsteigenden Mächte besonders in Asien häufig geschieht, so wird in vielen Debatten in Geschichte und Gegenwart das Wesen der Weltregionen gesucht. Gibt es so etwas überhaupt? Von Max Weber über Ernst Nolte bis Niall Ferguson interessiert sich eine größere Zahl von Gelehrten für folgende Frage: Was hat einst den machtvollen Aufstieg Europas in der Welt bewirkt, dem schon seit einiger Zeit schleichende Tendenzen des Niedergangs folgen? Für Weber ist der „okzidentale Rationalismus“ der wesentliche Grund für die Jahrhunderte andauernde Herrschaft der Europäer über weite Teile der Welt, vor allem mittels der systematischen Akkumulierung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ein Schlüsselsatz aus der „Religionssoziologie“ formuliert das seinerzeit schon gigantische Forschungsprogramm: „Universalgeschichtliche Probleme wird der Sohn der modernen europäischen Kulturwelt unvermeidlicher- und berechtigterweise unter der Fragestellung behandeln: welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, daß gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch – wie wenigstens wir uns gern vorstellen – in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?“[1] Weber verfolgte mit ungeheurem Fleiß diese Vorgaben in vielen wissenschaftlichen Disziplinen, darunter Musik, Ökonomie und Religion. Im Kapitalismus sah der „religiös unmusikalische“ Universalgelehrte viele religiöse Antriebe umgesetzt: „Innerweltliche Askese“ und „kontrollierte Lebensführung“ seien zwei der Impulse, die der in den USA vorherrschende Calvinismus vermittele. Der „Westen“ überschritt also die Grenzen des Abendlandes. Viele universelle Grundsätze, die von überzeugten „Westlern“ bis heute und meist mit Leidenschaft vertreten werden, wuchsen notwendigerweise auf partikularem Boden heran. Jedenfalls förderte die universale Tendenz des Christentums die eigenartige Verbindung von kulturell-partikularen und universalen Momenten im okzidentalen Kulturraum. Sowohl das Christentum wie auch wissenschaftliche Erkenntnisse folgen einer grenzüberschreitenden Logik.
Ebenso wegweisend ist Noltes universalhistorische Sicht von der Besonderheit des „liberalen Systems“ in Europa. Gemeint sind Formen einer frühen Pluralität. So bildete sich kein Caesaropapismus wie in anderen Weltgegenden heraus, sondern eine Unterscheidung von weltlicher und geistlicher Gewalt. Im islamischen Kulturbereich konnte sich eine solche Scheidung nicht dauerhaft durchsetzen (ebensowenig in anderen Weltregionen). Doch die Vielfalt ging weiter als dieser Dualismus. Nolte spricht von einem polygonalen System, bestehend aus Adel, Bürgertum, freien Städten und relativ eigenständigen religiösen Institutionen wie den Kirchen.[2] Keines dieser Elemente konnte sich auf Kosten eines anderen durchsetzen.
Der bürgerliche Liberalismus des 19. Jahrhunderts besitzt also frühe Wurzeln, die in anderen Kulturen weniger stark ausgeprägt sind oder gar ganz fehlen. Auch der Parlamentarismus wie der Pluralismus der Parteien und politischen Strömungen bildeten sich vor einem solchen Hintergrund aus. Gerade im 19. Jahrhundert formierten sich, im Rückgriff auf das 18. Jahrhundert[3], die maßgebenden Weltanschauungen und der damit verbundene „Polytheismus der Werte“ (Weber). Eine solche Diversität ließ einen Rückfall in monokratische Herrschaftssysteme bereits vor 1914 praktisch als unmöglich erscheinen. Und doch kam es zwischenzeitlich anders: Nolte arbeitete in umfangreichen Studien die von vielen unerwartete Wende heraus, nämlich daß erst im 20. Jahrhundert Bolschewismus und Faschismus die anvisierte Zertrümmerung des „liberalen Systems“ vollendeten. Auf Dauer jedoch konnte sich keine der Varianten des Totalitarismus in Europa durchsetzen – und das nicht zufällig.
Auch auf der philosophischen Ebene ist das plural-freiheitliche Element in Europa (im Vergleich der Kulturen gesehen) relativ stark ausgeprägt. Einer der wichtigsten Denker der Neuzeit, Georg Friedrich Wilhelm Hegel, sieht den Freiheitsbegriff als Schlüssel zum Verständnis der europäischen Geschichte.[4] In seiner Deutung spielt die christliche Religion eine entscheidende Rolle. Paulus postuliert die „Freiheit der Kinder Gottes“ durchaus wirkmächtig. Berühmt ist Hegels geschichtsphilosophische Deutung, die in groben Zügen die Tendenz aufzeigt: Im Orient war einer frei, der Despot; in der griechischen wie römischen Antike waren es einige, die Adeligen. Erst unter christlichen Bedingungen wurden alle frei. Hegel wußte natürlich, daß es sich dabei über sehr lange Zeiträume nur um ethische Forderungen handelte. Auf die Strukturen (Recht, Staat und Gesellschaft) griffen derartige Postulate nur langsam über. Die Französische Revolution ist für Hegel ein Ereignis, das entsprechende Inhalte umzusetzen versucht – auf der christlichen Linie der Gleichheit vor Gott sollte nunmehr die Egalität vor dem Recht hergestellt werden.
Daß auch heute Freiheit und Vielgestaltigkeit Schlüsselbegriffe in allen Kontexten europäischen Zusammenlebens sind, läßt sich nicht leugnen, ebensowenig aber die Gefahr, die von Seiten der EU-Institutionen droht. Diese werden von Kritikern mitunter als „EUdSSR“ bezeichnet. Diese Umschreibung enthält einen wahren Kern. Spätestens seit den 1980er Jahren wird die Regulierungswut der Brüsseler Zentrale beklagt – meist am Beispiel einzelner Festlegungen wie der des Krümmungsgrads der Gurke, der Höhe von Traktorensitzen und der Art von Glühbirnen. Der Sinn eines solchen Verwaltungseifers erschließt sich auch dann nicht, wenn man zur Kenntnis nimmt, daß Aufforderungen dazu öfters von Wirtschaftsunternehmen und einzelnen Mitgliedsländern, also „von unten“, kommen. Solche Anregungen werden indessen gerne „von oben“ aufgegriffen und in der Regel zügig umgesetzt.
Die Macht der zentralistischen Brüsseler Behörden zur sukzessiven Aushöhlung von nationaler Demokratie sowie Rechts- und Sozialstaatlichkeit in den Mitgliedsländern kommt nicht von ungefähr. Nicht nur die Vorrangbestimmungen europäischen Rechts vor nationalen Vorschriften sind hier zu nennen. Weiter präferiert ein Großteil der politischen, wirtschaftlichen und medialen Eliten der Nationalstaaten ein Aufgehen ihrer Länder in einen Bundesstaat Europa. Die Ablehnung des BVG-Urteils zum unverhältnismäßigen Handeln der EZB (2020) und zum Lissabon-Vertrag elf Jahre zuvor durch linke und liberale Elitevertreter spricht Bände.[5] Neben vielen anderen befürworten die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer und der ehemalige Präsident des EU-Parlaments Martin Schulz einen Bundesstaat Europa, der gerne mit den Worten „Vereinigte Staaten von Europa“ umschrieben wird[6]. Als primärer Vorwand für deren sukzessive Installierung wird besonders ein Argument vorgebracht: Die Welt sortiere sich neu. Es entstünden neue Handelszonen von den traditionell wirtschaftlich einflußreichen USA bis zu den immer stärker werdenden Mächten in Asien. Diese Erkenntnis ist kaum zu leugnen, wird doch kein Verantwortlicher die Notwendigkeit eines gemeinsamen Marktes bestreiten. Und doch stellt sich die Frage, ob eine immer größere Unifikation in Europa, die sich wohl fortsetzen wird, die ökonomischen Konkurrenten der EU weltweit wirklich beeindruckt. Eine Schulden-, Transfer- und Haftungsunion, die immer mehr Gestalt annimmt, geht stets mit einer Schwächung des Gesamtgebildes einher. Die Transferunion mindert die wirtschaftlichen Möglichkeiten der leistungsfähigeren Staaten, verbessert aber nicht unbedingt die Position der Empfängerländer.
Die No-Bailout-Klauseln, die nur noch auf dem Papier existieren, haben in wirtschaftlicher Hinsicht ihren Sinn, lassen sich aber aufgrund zu großer ökonomischer Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten nicht durchsetzen. Die weniger leistungsfähigen Staaten wissen, daß sie im Ernstfall de facto auf die finanziellen Ressourcen der anderen zurückgreifen können. Der Fall Griechenland bedeutete vor rund einem Jahrzehnt die Probe aufs Exempel. Daß die tatsächliche Beistandsverpflichtung die ökonomischen Anstrengungen vermehrt, ist unwahrscheinlich. Wer diese Meinung teilt, muß noch lange keinen Rückfall in Nationalismus befürworten, der ohnehin kaum mehr einflußreiche Anhänger mobilisieren kann. Wesentlich wahrscheinlicher ist, daß einflußreiche Globalisten in Politik, Wirtschaft und Medien verstärkt für weiteren Zentralismus trommeln werden.
In Wirklichkeit kommt es auf eine adäquate Balance zwischen der europäischen Ebene, den Nationalstaaten und den Regionen an. Diese ist noch nicht gefunden, wird auch der Begriff „Subsidiarität“ in Sonntagsreden oft im Mund geführt. Die richtige Balance dürfte gewahrt sein, wenn jene Aufgaben, die die Nationen und Regionen besser ausführen können als die Zentralgewalt, zurückverlagert werden. Daß der Nationalstaat mehr Potential besitzt, als seine Verächter suggerieren, haben zuletzt die Corona-Krise und die Versuche ihrer Bewältigung gezeigt. Konservative Befürworter des Abendlandgedankens haben jüngst vermehrt föderativ ausgerichtete Ordnungsvorschläge für Europa präsentiert.[7] Auf diese Weise soll statt ausschließlicher Kritik am EU-Zentralismus und -Bürokratismus ein positiver Gegenentwurf konturiert werden. Er möchte so viel Einheit wie nötig, aber auch so viel Autonomie der Staaten und Regionen wie möglich herausstellen. Die Chance, entsprechende Konzepte umzusetzen, scheint allerdings nicht sehr groß.
[1] Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, 8. Aufl., Tübingen 1986, S. 1.
[2] Neben anderen Arbeiten zum Thema: Ernst Nolte: Historische Existenz. Zwischen Anfang und Ende der Geschichte?, München/Zürich 1998, S. 433 f.
[3] Klassisch dargestellt bei Fritz Valjavec: Die Entstehung der politischen Strömungen in Deutschland 1770–1815, München 1951.
[4] Zur zentralen Bedeutung des Freiheitsbegriffs für Hegel Klaus Vieweg: Hegel. Philosoph der Freiheit, München 2020.
[5] Zur Kritik an Grundtendenzen auf EU-Ebene mit Blick auf den Lissabon-Vertrag Felix Dirsch: „Europa und der Lissabon-Vertrag – Versuch eines Ausblicks“; in: Volker Kempf u. Rudolf Stettin (Hg.): Die Europäische Union. Perspektiven mit Zukunft, Bad Schussenried 2012, S. 35–63.
[6] Auch nach über einem Vierteljahrhundert ist die Kritik daran immer noch aktuell; vgl. Hermann Lübbe: Abschied vom Superstaat. Vereinigte Staaten von Europa wird es nicht geben, Berlin 1994.
[7] Von diesen ragen die Beiträge in David Engels (Hg.): Renovatio Europae. Plädoyer für einen hesperialistischen Neubau Europas, Lüdinghausen 2019, hervor.