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Eine der größten Lügen unserer Zeit ist zweifellos die Behauptung, die Begriffe „sowjetisch“ und „russisch“ seien sinn-, inhalts- und wesensgleich. Das Sowjetische bediente sich natürlich mancher Attribute des Russischen, um letzteres für seine Ziele und Zwecke zu mißbrauchen. Als mitten im Zweiten Weltkrieg der Unwille der durch den internationalistischen Kommunismus unterjochten Völker, ihr Leben auf dem Schlachtfeld für die „proletarische Weltrevolution“ und die „Kommunistische Internationale“ hinzuopfern, der Sowjetunion klargeworden war, behaupteten die Sowjetmachthaber im verzweifelten Versuch, sich an den letzten Strohhalm zu klammern, das von ihnen beherrschte Reich sei nicht etwa „das Vaterland der Werktätigen der ganzen Welt“ und nicht der „Stab der Weltrevolution“, sondern eben das altehrwürdige Mütterchen Russland. Nicht von ungefähr hieß es in einem Vers der leider allzufrüh verstorbenen Dichters Sergej Danilko, Stalin sei Hitler deswegen überlegen gewesen, weil Hitler ein Fanatiker und ein Sklave seiner Ideen, Stalin jedoch ein „kreativer [vulgo: opportunistischer] Marxist“ gewesen sei. Der opportunistische Sowjetkommunismus hat – um ein einleuchtendes Bild zu verwenden – die geraubten Kleider des von ihm ermordeten historischen Rußlands angezogen.
Von Wolfgang Akunow
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Zurzeit gibt es in Rußland leider Gottes immer noch viel zu viele sogenannte Ideologen des russischen Patriotismus, die die große Lüge von der angeblichen Identität des „Sowjetischen“ mit dem „Russischen“ durch ihre Reden und Schriften zu untermauern versuchen und es mitunter sogar schaffen, dies zur recht einträglichen Erwerbsquelle zu machen. Infolge dieses bedauernswerten Umstandes sind im heutigen russischen Volksbewußtsein „alle Koordinatensysteme durcheinandergebracht, alle Weltanschauungsstrukturen verzerrt“. Diese an sich absolut richtige Einschätzung stammt von Dr. Alexander Dugin. Dieser namhafte und immer noch recht einflußreiche russische Ideologe entlarvt jedoch durch die Aufstellung dieser These in erster Linie sich selbst, weil gerade seinen Schriften die „alle Weltanschauungs-Koordinatensysteme durcheinanderbringende“ Unfähigkeit zutiefst eigen ist, zwischen dem „Russischen“ und dem „Sowjetischen“ zu unterscheiden. Wenn Dugin voller Pathos über das „nordische euroasiatische Paradies” redet oder auch schreibt, wundert man sich über den hochgelehrten Philosophen, der anscheinend ganz vergessen hat, daß Unvereinbares sich einfach nicht vereinen läßt. Entweder „nordisch“ oder „euroasiatisch“ bzw. „eurasianistisch“, entweder Rußland oder Sowdepien (so lautete nämlich der offizielle zweite Name des bolschewistischen Sowjetstaats in den ersten Jahren nach dem Oktoberumsturz 1917, und so wurde er noch lange von seinen ideologischen und politischen Rivalen bezeichnet), entweder Weißer Zar oder vielfarbiges Durcheinander (da möchte man unwillkürlich Dugin an folgende klare These seines einstigen Lehrers und Meisters Jewgenij Golowin erinnern: „Stoßt euren glühenden Nordismus tief in Sowdepiens Hirn!“).
Wir nehmen übrigens den Casus Dugini nicht etwa aus persönlicher Voreingenommenheit gegen diesen namhaften Denker unter die Lupe, sondern ganz im Gegenteil. Dugin unterscheidet sich von den meisten heutigen russischen „nationalgesinnten Intellektuellen“ merklich durch seinen beachtenswert hohen Bildungs- und Wissensstand. Umso trister erscheint vor diesem Hintergrund gerade die von ihm entwickelte These: „Aus uns wurden die Innereien unserer nationalen Seele zusammen mit den Aprioria ausgeschüttet, in denen unser Nationalbewußtsein, unser Nationales Unbewußtes existiert. Für die Architekten der ,Neuen Weltordnung? sind wir die Bevölkerung eines ,Reiches des Bösen?, d.h., simpler ausgedrückt, ,Unmenschen?, ,Eurasiens Dämonen?. Um der Errichtung des marktwirtschaftlichen Weltparadieses willen machen sie uns zum Exorzismus-Gegenstand. ,Out, demon, out? – schreit, hysterisch possenreißerisch, ein protestantischer Prediger zu den Klängen einer leichtsinnigen MTV-Rap-Melodie. ,Out, Russian, out?. Es wäre lächerlich, diesem Ansturm, dieser Endaggression irgendeinen Fetzen unserer Vergangenheit, irgendeine individuelle Phantasmagorie, irgendeinen längst völlig ausgeschöpften, vergammelten, überlebten Dogmatismus entgegenstellen zu wollen.“[i] Das ist zwar mit viel „Elan“, mit viel „Leidenschaft“, viel „Pathos“, viel „Schmerz“, ja sogar „Hysterie“ geschrieben, wobei jedoch alle Akzente vollkommen falsch gesetzt worden sind. Wer sind z.B. diese „wir“?
Dugin positioniert sich als „Altgläubiger“, jedem authentischen Altgläubigen war indessen jegliche theologisierte Darstellung des „Westens“ als Reich des Absoluten Bösen vollkommen fremd und keineswegs für die wahren russischen Altgläubigen kennzeichnend, die wir aus Rußlands Geschichte kennen. In ihrem Fall war alles gerade umgekehrt: Für die wahren russischen Altgläubigen konzentrierte sich „die Finsternis“ nicht im Westen, sondern, ganz im Gegenteil, im „Osten“. Es sollte allein der Hinweis darauf genügen, daß die „Belokrinizkaja“-Altgläubigen-Hierarchie sich selbst lange Zeit als „österreichisch“ bezeichnete, daß ihr Klerus und ihre Gemeinde es ganz offensichtlich vorzogen, Untertanen des „andersgläubigen“ österreichischen Kaisers statt Untertanen des „rechtgläubigen“ Kaisers aller Russen zu sein, weil ihre Glaubensfreiheit in Österreich unangetastet blieb, im Russischen Zarenreich jedoch lange Zeit unterdrückt wurde. Im Verlauf des gesamten 18. Jahrhunderts suchten die in Rußland von der offiziellen „nikonianischen“ Orthodoxen Kirche, die unter Patriarch Nikon und Zar Alexius eingeführt und unter Peter dem Großen, Sohn und Nachfolger des Zaren Alexius, in einen festen Bestandteil des Staatsapparats verwandelt wurde, Glaubensverfolgungen ausgesetzten russischen Popowzen-Altgläubigen-Gemeinden beharrlich nach Möglichkeiten, ihre ursprüngliche, vollständige, dreiteilige Hierarchie (Diakonen, Priester, Bischöfe) wiederherzustellen. Eines der Projekte dieser Wiederherstellung wurde durch keinen Geringeren als König Friedrich den Großen von Preußen (einen durch und durch „westlichen“ Potentaten) unterstützt. Die Popowzen-Hierarchie wurde zwar nicht in vollem Umfang wiederhergestellt, doch das Beispiel der „Filipponen“ („Filippowzen“), die in Preußen Asyl und Glaubensfreiheit „nach eigener Façon“ (um mit Friedrich dem Großen zu sprechen) finden konnten, spricht in dieser Hinsicht Bände. Natürlich ließe sich darauf erwidern, der preußische König hätte sich dabei von rein politischem Kalkül leiten lassen, doch selbst wenn letzteres tatsächlich der Fall sein sollte, würde dies gar nichts an der beiderseitigen grundsätzlich positiven Komplementarität zwischen dem „andersgläubigen“ König von Preußen und den russischen Altgläubigen ändern.
[i] Alexander Dugin: „Die verurteilte Heimat“, zavtra.ru vom 1. April 2000.
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Doch noch viel schärfer und radikaler wurden die erwähnten Kontroversen zwischen der „Finsternis im Osten“ und dem „Licht im Westen“ nach dem bolschewistischen Oktoberumsturz 1917 und der Errichtung der Sowjetherrschaft über Rußland. Die Sowjetmacht (übrigens die einzige Staatsmacht und Regierungsform, die vom nach der Wende in Rußland von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochenen Patriarchen Tichon 1918 gebannt wurde – dieser Kirchenbann ist immer noch in Kraft) war die (vom kurzen Vorspiel während der Jakobinerdiktatur in Frankreich abgesehen) erste wahrhaftig zynisch-offene antichristliche Staatsmacht, eine offen gotteslästerliche Autokratie, die nicht nur dem christlichen Glauben, sondern dem Glauben an Gott schlechthin ganz unverhohlen den Kampf angesagt hatte. Ohne Anerkennung dieses Hauptmerkmals der „Sowjetmacht“ verliert das „Problem des Kommunismus“ jegliche Bedeutung. Betrachtet man den bolschewistischen Kommunismus als eine der schlimmsten und grausamsten Diktaturformen (oder selbst als die schlimmste und grausamste), sehen wir in ihrem Fall keine besondere „geistige Krise der Menschheit“ und überhaupt kein neues geistiges Problem. In diesem Fall würde es wohl genügen, das Kommunismus-Phänomen lediglich aus politischer, wirtschaftlicher, militärischer oder „utilitär-moralischer“ Sicht (als eine Art „nur etwas schlimmere Version des zaristischen oder panslawistischen Imperialismus“, als „rotes Zarentum“ und desgleichen) zu betrachten, wie es von der überwiegenden Mehrheit der Erdbewohner inklusive der Politiker betrachtet und beurteilt wurde (ja zum Teil auch heute noch betrachtet wird). Die finstere mystische Macht des Bolschewismus war bei weitem nicht jedermann im Westen klar – im Unterschied zu den russischen Emigranten, die nach dem verlorenen Bürgerkrieg 1917–1922 im Westen Zuflucht gefunden hatten. Für diese war das gottlose Sowdepien, der „Rote Osten“, wahrhaftig „das Reich des Bösen“, von sowjetischen „Unmenschen“ und „Eurasiens Dämonen“ (um mit Dugin zu sprechen) unterjocht, der Westen jedoch ein Ort, wo sich die (Weiße) Russische Armee, der frei gebliebene Teil der Russisch-Orthodoxen Kirche erhalten konnten, wo gewisse Überreste des alten, vom Bolschewismus verschonten, historischen Rußlands Zuflucht und Asyl gefunden hatten.
Ein Ort, der, obgleich zum Teil ebenfalls von den Mächten der Finsternis erfaßt, dennoch genügend Kraft aufzubringen wusste, um dem sowjetischen Antichristen Paroli bieten zu können. Alles wie in Tolkiens genialen christlichen Utopie „Der Herr der Ringe“: Mordor, das Reich der Finsternis, liegt im Osten, der Westen, obgleich teilweise den Mächten der Finsternis unterlegen, bringt auserwählte mutige und kampfentschlossene Männer zur Bekämpfung der Finsternis auf, und der wahre Herrscher kommt aus dem Norden – wie die historischen Normannen bzw. Waräger aus dem Norden nach Rußland kamen, um das erste russische Herrscherhaus der Rurikiden zu gründen (was 2013 in der Russischen Föderation nach jahrzehntelanger Dominanz des offiziell als „die einzig wahre Lehre“ verbindlichen sowjetischen „Antinormannismus“ endlich als historischer Fakt anerkannt und durch die Errichtung eines Denkmals für den Begründer des russischen Staates, Fürst Rurik, offiziell bestätigt wurde). Daher ist es nicht der Klang einer leichtsinnigen MTV-Rap-Melodie, sondern die gestrenge Stimme des wahren christlichen Rußlands, die zu den Klängen der (nicht nur, aber auch) echten russischen Altgläubigen-Kirchengesänge machtvoll ertönt: „Out, demon, out! Out, Soviet, out! Out, Eurasian, out! Out, demon, out!” Hebe dich hinweg, Sowjet! Hebe dich hinweg, Satan!
Leider gibt es im Lager der heutigen russischen „Nationalpatrioten“ immer wieder Versuche, „irgendeinen Fetzen unserer Vergangenheit, irgendeine individuelle Phantasmagorie, irgendeinen längst völlig ausgeschöpften, vergammelten, überlebten Dogmatismus“ zu einer Art altneuem Fetisch hochzustilisieren. Historisch zählten die russischen Monarchisten stets zu den konsequentesten und unversöhnlichsten Feinden der Sowjetmacht. Heute sind wir jedoch Augenzeugen eines höchst seltsamen Phänomens: Sehr viele moderne russische „Monarchisten“ verhalten sich gegenüber der Sowjetvergangenheit leider Gottes mehr als wohlwollend. Nicht genug damit! Wenn man den „Theorien“ so mancher „Monarchisten“ Glauben schenken würde, hätte es keinen „besseren russischen Zaren“ gegeben als den Genossen Dschughaschwili, vulgo Stalin, dessen Herrschaftsperiode die wahre „Blütezeit der russischen Volksmonarchie“ gewesen sei. Historisch waren die Begriffe „Faschist“ oder „Nationalsozialist“ gleichbedeutend mit „extremer Antikommunist“ und „konsequenter Sowjetfeind“. Heute sind wir jedoch Augenzeugen von „Russischen Märschen“ oder anderen Aufmärschen, bei denen „russische Faschisten“ neben rote Flaggen schwenkenden Linksradikalen zu den Klängen von „Katjuscha“ und anderen Sowjetliedern munter mitmarschieren, den „Roten Ersten Mai“ und andere Feste aus Sowjetzeiten begeistert mitfeiern. Solange es so weitergeht, wird die Situation in Rußland und in den Köpfen seiner Bürger nur verworrener werden.
Selbstverständlich ist bei weitem nicht alles so schwarz und finster, wie es vielleicht anmutet, sondern es gibt zum Glück auch gewisse Lichtpunkte. So wurde z.B. im Alexandergarten vor der Moskauer Kremlmauer sogar der Obelisk in seiner ursprünglichen Form wiederhergestellt, in der er 1913 zum 300jährigen Jubiläum des Zarenhauses Romanow errichtet worden war. Die Bolschewisten hatten diesen Obelisken nämlich seinerzeit verunstaltet, den Heiligen Georg als Drachentöter durch die kommunistische Weltrevolutionsparole „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ und die Namen der größten Herrscher Rußlands durch die Namen bekannter Kommunisten ersetzt. Nun ist alles wieder so, wie es vor dem Oktoberumsturz 1917 war. Das Staatswappen der Russischen Föderation ist der (allerdings etwas abgeänderte) dreifach gekrönte Doppeladler des Russischen Kaiserreiches mit dem Drachenbezwinger St. Georg auf dem Brustschild. Und dennoch herrschen in allzuvielen Köpfen immer noch vollkommen verzerrte Vorstellungen über Rußlands historische Zugehörigkeit zu „Eurasien“ statt zu Europa. Die Absurdität und historische Unwahrheit dieser von den alten und neuen Fahnenträgern des sowjetischen Kulturbolschewismus gepredigten Vorstellungen läßt sich am Beispiel einer derart hervorragenden Persönlichkeit der russischen Geschichte entlarven, wie sie der Zar und Großfürst von Moskau Iwan IV. ist, der neben Peter dem Großen von der sowjetkommunistischen und eurasianistischen Agitprop nur zu gern instrumentalisiert wurde und immer noch wird.
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Für russische Traditionalisten unserer Generation steht die Zugehörigkeit des weißen (sowohl im rassischen als auch im ideologischen Sinn) Rußlands zu Europa außer jedem Zweifel. Rußland war nie Europas Feind, sondern es bildete ganz im Gegenteil Europas Schild und Vorhut; indem es die Angriffe der eurasischen Steppe abwehrte und danach die Speerspitze von Europas Drang nach Osten in Richtung Wolga, Sibirien, Kaukasus, Fernost und Zentralasien bildete. Die Herrschaft des ersten gekrönten russischen Zaren, Iwan des Gestrengen (traditionell, jedoch dadurch nicht minder falsch, ins Deutsche als „der Schreckliche“ übersetzt), war in erster Linie durch Rußlands Übergang von der passiven Abwehr der Steppenvölker-Angriffe zur aktiven Offensive gegen Eurasiens Vorposten an der Wolga sowie in Sibirien (Unterwerfung der tatarischen Khanate von Kasan, Astrachan und Sibirien) gekennzeichnet. In die Regierungszeit Iwan des Gestrengen fiel jedoch noch ein weiteres, nicht minder wichtiges Ereignis, das theoretisch gegen unsere Behauptung über Rußlands Europa-Zugehörigkeit verwendet werden könnte. Gemeint ist der von Iwan geführte Livländische Krieg (1558–1583). Während die Feldzüge der russischen Heere gegen die Khanate von Kasan und Astrachen als eine Art russische Reconquista bezeichnet und mit der Beseitigung des letzten moslemischen Staates auf westeuropäischem Boden, des Emirats von Granada, durch die vereinigten Kronen von Aragon und Kastilien von 1492 gleichgesetzt werden könnten, erscheinen die Feldzüge Iwan des Gestrengen im Baltikum als eine Art russischer Vorstoß zur Ostsee. Wenn wir uns lediglich auf die Betrachtung der äußeren Seite jener Ereignisse beschränken, laufen wir Gefahr, ihren tieferen Charakter mißzuverstehen. Daher kann der Livländische Krieg von uns auf keinen Fall als bloßer Eroberungskrieg betrachtet werden, der mit Rußlands Niederlage endete. Ganz im Gegenteil! Wenn wir diesen anscheinend verlorenen Krieg etwas genauer betrachten, kommen wir zu einer ganzen Reihe paradoxer Schlüsse.
Für die russischen Europäer war jener Feldzug Iwan des Gestrengen im Baltikum nicht etwa ein „Krieg des Heiligen Rußlands gegen den gottlosen Westen“, geschweige denn ein „eurasischer Drang nach Westen“, sondern ein risikoreiches, wahnsinnig kühnes Unternehmen zwecks Durchbruchs der jahrhundertelangen, widernatürlichen Blockade, welche Rußland von der Ostsee abschnitt, von wo Rußlands Begründer seinerzeit gekommen waren. Es war daher kein Wunder, daß ausgerechnet Zar Iwan zum Anreger dieses „Vorstoßes zum Meer“ werden sollte, der vorher, im Verlauf seiner Feldzüge gegen Kasan und Astrachan, die tatarische Gefahr beseitigt hatte, die sich an den Ufern des für das russische Selbstbewußtsein nicht minder wichtigen Flusses Wolga eingenistet hatte. Unabhängig vom Ausgang des blutigen Livländischen Krieges sollten wir nicht die darin erlittenen militärischen Niederlagen, sondern seine glänzenden Paradoxa in Erinnerung behalten. Es waren Zeiten, in denen Rußland einige Jahre lang zum Schutzherrn des Königreiches Livland werden und alle Voraussetzungen für das Wiederbeleben der Ordenstraditionen schaffen sollte (die, wie wir sehen werden, in Form des von Iwan gegründeten Opritschnina-Ordens auch auf den Boden Rußlands verpflanzt wurden). Zeiten, in denen das russische Herrscherhaus der Rurikiden mit dem Haus Habsburg um den polnischen Thron wetteiferte und sogar Anspruch auf den englischen Thron erhob, in denen russische Kaperschiffe auf der Ostsee kreuzten, in denen es nach langer tatarischer Herrschaft über Rußland zum ersten ersprießlichen russisch-deutschen Kulturaustausch kam. Zeiten, die die zu den Feldzügen im Westen parallel verlaufende Ost-Conquista sahen, wobei die Eroberung Sibiriens den gleichen faustischen Ursprung wie die Aktivitäten des Heiligen Römischen Reiches Kaiser Karls V. in der westlichen Hemisphäre, auf dem lateinamerikanischen Kontinent hatte.
All diese Besonderheiten verleihen Rußlands Livländischem Krieg Merkmale, die für das skandinavisch-germanische geopolitische Feld kennzeichnend waren. Die russische Gesellschaft fand Geschmack an typisch germanischer Reichsmythologie (was u.a. im Wortlaut der Schreiben des russischen Zaren an den römisch-deutschen Kaiser Ausdruck fand). Mit der Idee des Zarenordens (Opritschnina) gewappnet, bot sie sowohl den islamischen Horden des Osmanischen Reiches und dessen Vasallenstaaten (Kasan, Astrachan, Krim, Nogai im Kaukasusgebiet) als auch der schleichenden Politik des polnischen „Sarmatiens“ die Stirn, welches sich das litauische Rußland bereits einverleibt hatte. Der Klischeevorstellung von der ständigen Isolierung des Moskauer Großfürstentums zuwider pflegte dieses stets politische und kulturelle Kontakte zu West- und Nordeuropa. Rußland war keineswegs ein Nachfolgestaat der mongolisch-tatarischen Goldenen Horde, wie es die kommunistisch-eurasistischen Propagandisten des „Sowjet-Russentums“ behaupten, sondern ein typisch nordeuropäisches, nordisches Land. Diese leider oft bestrittene, jedoch im Grunde unwiderlegbare historische Wahrheit läßt sich durch folgende Thesen untermauern.
Der allmähliche Verlust der Selbständigkeit des Deutschen Ordens nach der Niederlage des Ordensheeres und seiner Verbündeten in der Schlacht von Tannenberg 1410 gegen die verbündeten polnisch-litauisch-tatarisch-russischen Heere sowie das Übergreifen der Reformation auf die Ordensgebiete in Preußen und Livland markierte den irreversiblen Verfall der initiatorischen Traditionen des Baltikums. Der Rittertyp wurde durch den Bürgertyp ersetzt. Zur gleichen Zeit erstarkten aber im vom tatarischen Joch befreiten Rußland gegenläufige Prozesse, und es erwachte das Interesse an geistlichen Ritterorden. Zar Iwan der Gestrenge ergriff die ersten entsprechenden Maßnahmen. Bereits in der Erklärung des Sachsen Hans Schlitte 1547 wurde auf die feste Absicht des Moskauer Großfürsten hingewiesen, in Rußland einen Mönchsritterorden zu gründen. I.A. Rudolfis Sammelband „Kuriose Heraldik“ (1718) enthält Angaben über die Stiftung eines Ordens des Himmlischen Kreuzes durch Iwan den Gestrengen 1557 (d.h. zehn Jahre vor der Opritschnina-Gründung). Dieser bestand aus einem Kreuz mit einer perlenbesetzten Rose im Herzstück, was die Kenntnisse des Zaren auf dem Gebiet der mittelalterlichen Wappenkunde beweist.
Einen scheinbar unerwarteten Anstoß zur Gründung der ersten bekannten initiatorischen Struktur in Rußland – der besagten Opritschnina – gab der für Rußland anfangs erfolgreiche Verlauf des Livländischen Krieges. Gegen 1558 bildete der im Verfall befindliche livländische Zweig des Deutschen Ordens keine nennenswerte Kriegsmacht mehr. Er driftete immer stärker in Richtung Polen-Litauens, das den preußischen Ordenszweig bereits unterworfen hatte. Die russische Invasion führte zu einer Wende der historischen Entwicklung, die den „Export“ der ritterlichen Ordenstradition nach Rußland ermöglichte. Gerade Zar Iwans ritterliche Weltanschauung spielte eine bedeutende, wenn nicht entscheidende Rolle bei seiner Begünstigung von nach Rußland gebrachten livländischen Kriegsgefangenen, inklusive Johann Taube und Elert Kruse, die 1564–1571 am Hof des russischen Selbstherrschers weilten. Die 1565, mitten im Livländischen Krieg, gegründete Opritschnina bestand zu einem beachtlichen Teil aus Deutschen, insbesondere aus ehemaligen Rittern des livländischen Meistertums des Ordenzweiges, wie z.B. Johann Taube („Iwan Tuv“ in russischen Quellen), Elert Kruse, Heinrich Staden, Albert Schlichting, Jürgen von Fahrensbach („Jurij Franzbeck“ in russischen Quellen). Nicht minder wichtig erscheint die Tatsache, daß die Bezeichnung der Opritschnina als Mönchsritterorden ausgerechnet von ihren deutschen Mitgliedern hervorgehoben wurde. So hinterließen z.B. Taube und Kruse, die von Zar Iwan zwecks Verhandlungen zu Kaiser Maximilian geschickt wurden und nach der Abschaffung der Opritschnina nach Polen-Litauen entkamen, nach ihrer Flucht die Beschreibung nicht nur ihres Opritschnina-Dienstes, sondern auch die Geschichte, die Satzung und die Praxis des Opritschnina-Ordens.
Die Rolle von dessen Hochmeister spielte der Zar bzw. Großfürst von Moskau und ganz Rußland, Iwan der Gestrenge selbst. Ihm unterstand in der Ordenshiererchie der Paraekklesiarchos Maljuta Skuratow-Belskij. Die Anzahl der Opritschnina-Ritterbrüder war genau bestimmt: zuerst 500, danach die „nächsten 1000“. Den Komtureien bzw. Kommenden westlicher Mönchsritterorden entsprachen die „Opritschnina-Höfe“. Ein solcher „Opritschnina-Hof“ wurde direkt gegenüber dem Moskauer Kreml, in der heutigen Bersenjewskaja-Uferstraße, errichtet. Es war eine regelrechte Ordensburg, von mächtigen, schwarz angestrichenen Ziegelsteinmauern und Wehrtürmen umgeben, mit schwarzen Doppeladlern an den Turmspitzen, zähnefletschenden heraldischen Löwen an den Torflügeln und zahlreichen Feuerschlangen (d.h. Geschützen) ausgestattet. Nach Ausgrabungen einer anderen Opritschnina-Ordensburg, die sich in der Alexandrowskaja-Vorstadt befand, waren die Komtureien-Dächer des Zarenordens mit schwarzen Ziegeln bedeckt. In diesen Ordensburgen wurde die Elite des Russischen Zarenreiches erzogen, die vom Zaren alias Hochmeister den schwierigen Auftrag erhielt, „den Verrat aus dem Reiche zu fegen“. Daraus resultierte die seltsame und düster anmutende Symbolik der russischen Ordensritter. Ihr Ordenshabit bestand aus einem schwarzen, kuttenartigen Waffenrock mit Kapuze aus grobem Tuch, der während des Waffendienstes über dem Kettenhemd getragen wurde. Am Sattel trugen sie kunstvoll präparierte bzw. aus Metall gegossene Hundeköpfe und Besen. Diese Hundeköpfe könnten auf den zum neuen Leben erweckten Archetyp des Wolfes hinweisen, doch auch der unmittelbare, „hündische“ Inhalt dieses Attributs besagt recht viel. In der indoarischen und iranischen Mythologie existieren Geister in Hundegestalt, die nach der Schlacht vom Himmel niederfahren und die Kriegerwunden lecken, um sie zu heilen. Auch im Zoroastrismus, Zarathustras Glaubenslehre, hat der Hund sakrale Funktionen. Der christliche Dominikanerorden, dessen Symbolik der Opritschnina-Symbolik nicht unähnlich ist, wurde auch als Orden der „Hunde Gottes“ (Domini canes) bezeichnet. Zu den wichtigsten Elementen der Opritschnina-Heraldik gehörte auch das Bildnis des Einhorns auf dem Siegel des Zarenordens.
Die mystisch sensible russische Folklore bezeichnete die schwarze russische Mönchsritterschaft nicht bloß als Leibgarde des Zaren, sondern als seine geheimnisvolle Gefolgschaft von Auserwählten, die aus dem Jenseits zwecks „großer Säuberung“ gekommen sei. Die eschatologischen Ansichten des auf ein nahes Weltenende bedachten Zaren, die auch auf seine Gefolgschaft ausgriffen, förderten die Festigung der mittelalterlichen Stimmungen unter den Opritschnina-Ordensmitgliedern, die sich zur Bekämpfung nicht nur der inneren, sondern auch der äußeren Feinde berufen fühlten. Dieser Kampf machte die Opritschnina-Ritter mit ihrem Hochmeister und Zaren an der Spitze zu Nachfolgern der deutschen Kreuzfahrer-Kaiser, die der päpstlichen Tyrannei widerstanden und ihre Ritterheere selbständig zur Befreiung des Heiligen Landes führten. Das russische Volksgedächtnis verewigte Zar Iwan den Gestrengen in dem gleichen ehren- und ehrfurchtsvollen Status des „schlummernden“ bzw. „schlafenden Herrschers“, in dem das deutsche Volksgedächtnis Kaiser Friedrich Barbarossa verewigt hat. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, sich mit dem Inhalt des „Liedes vom Tod Iwans des Gestrengen“ vertraut zu machen, wo im Grab des Zaren zu seinem Haupt Kreuz und Krone liegen, zu seinen Füßen jedoch sein scharfes Schwert. Um in den Opritschnina-Orden aufgenommen zu werden, unterlag der Anwärter bzw. Bewerber einer strengen Auslese, in deren Rahmen seine Abstammung, seine Verwandtschaft sowie die Namen all seiner Freunde und Bekannten aufs Schärfste untersucht wurden; eine für alle Mönchs- und Ritterorden selbstverständliche Routine, die nur die Edelsten zuließ.
Zar Iwan der Gestrenge kann mit Fug und Recht als Begründer einer ganz besonderen, „gotischen“ Strömung innerhalb der russischen Ästhetik gelten. Die unter seinem Szepter aus russischem Boden geschossenen schwarzen Ordensburgen, seine schwarzgekleidete Mönchsritterschaft mit der Bekämpfung der Reaktion im Inland und zahlreicher äußerer Feinde als Ziel und Auftrag fügten sich nahtlos in die geistige Atmosphäre jener vom Gefühl des nahenden Weltenendes durchdrungenen Epoche ein. Bei aller Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Beurteilung Zar Iwans des Gestrengen müssen sich russische Konservative bei der Einschätzung dieser schillernden Persönlichkeit vom Stellenwert ihrer real-historischen Gestalt und nicht etwa vom Kulturbolschewismus sowjetischer Filmemacher über Iwan als eine Art Vorfahr Stalins leiten lassen.
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Rußlands außenpolitische Zielsetzungen unter Zar Iwan dem Gestrengen erscheinen im Lichte der erstaunlichen Offenheit besonders interessant, mit der der Moskowiter Zar Rußlands Recht auf einen seiner würdigen Platz in Europa als par inter pares begründete. Der Sachse Heinrich Schlitte, der 1547 von Iwan dem Gestrengen zur Anwerbung westlicher Fachleute ins Ausland gesandt (und dort verhaftet) wurde, unterbreitete dem römisch-deutschen Kaiser Karl V. im Namen des Zaren eine Botschaft, worin der russische Monarch betonte, die Russen seien „der gleichen Wurzel und Abstammung mit den Germanen“. Dem englischen Gesandten am Moskowiter Zarenhof, Giles Fletcher, zufolge hielt Iwan der Gestrenge seine Vorfahren für Germanen bzw. Deutsche (Germans).
Der Deutsche Schulz, der Augenzeuge der Verhandlungen Iwans des Gestrengen mit dem dänischen Prinzen Magnus war, in deren Folge der Zar diesen zum König von Livland ernannte, berichtete, daß Iwan in Anwesenheit der Bojaren-Duma (seines Staatsrats) und ausländischer Gesandter erklärt habe, er sei „germanischer Abstammung und sächsischen Blutes“. 1566 teilte der aus Rußland heimgekehrte Deutsche H. Pissping mit, der Zar sei der Meinung, daß sein „Geschlecht von bayerischen Herrschern abstammt“, und daß der Name der russischen Bojaren „Baiuwaren“, d.h. „Bayern“, bedeute. Dem namhaften russischen Historiker Nikolaj Karamsin zufolge hätten die livländischen Edelleute Taube und Kruse, Iwans „Günstlinge“, die Revaler Bürgerschaft 1569 zu überreden versucht, dem Zaren ihre Stadt zu übergeben, weil „dieser die Deutschen liebt und selber dem Haus Bayern entstammt“.
Anderseits sorgten Rußlands militärische Erfolge auch in den deutschen Teilstaaten für erhöhtes Interesse am neuen Akteur in der internationalen Arena. 1567/68 wurde in Deutschland viel über Moskaus Erfolge geredet. Manche neigten zur Auffassung, bald werde das größte Kaiserreich der Welt entstehen: Sollte sich der Moskowiter Zar Revals bemächtigen, würde er festen Fuß mitten im Ostseegebiet, auf den Inseln Gotland und Bornholm, fassen und Deutschland viel gefährlicher werden als der türkische Sultan. Andere vertraten jedoch den Standpunkt, es sei für die Deutschen von Vorteil, direkte Beziehungen zu Moskau herzustellen und dieses als Verbündeten im Türkenkrieg zu gewinnen. Der Kaufmann Veith Säng aus Bayern, der wie viele andere lange in Moskau gelebt hatte, versuchte seine Landsleute durch die Beschreibung des mächtigen Zarenreiches zu begeistern und sie vom Abschluß eines beiderseitig nützlichen Vertrags mit den Moskowitern zu überzeugen. Er verwies auf das große Heer und die vortreffliche Artillerie des Zaren sowie auf seinen reichen Staatsschatz, bestand auf der Herstellung einer direkten Postverbindung zwischen Moskau und Deutschland und rief dazu auf, den Reiseverkehr zwischen Rußland und dem Reich zu erleichtern. Die Russen seien außerordentlich begabt und aufnahmefähig, seit der Besetzung Narvas auch auf dem Gebiet der Seefahrt recht bewandert. Man solle sie nur mit Mitteln versehen, Wissenschaft und Technik zu erlernen. Die Ostseeküste galt als des Zaren „Erbland“, was auch aus amtlichen Urkunden jener Zeiten hervorgeht. So wurde dem russischen Zaren kraft eines 1552 mit Dänemark abgeschlossenen Vertrags das Recht des freien Handels in allen Städten des dänischen Königreichs nicht nur bezüglich der Kaufleute aus Handelsstädten des russischen Kernlandes wie Nowgorod, Pleskau u.a.m., sondern auch für „Deutsche meines [d.h. Zar Iwans] Erblandes [Livlands]“ zugestanden. Zwecks Wiederherstellung des Ordenserbes gewährte Rußland 1570 dem zum Königreich erklärten Livland Selbständigkeit und einen eigenen König germanischen Blutes – den bereits erwähnten dänischen Prinzen Magnus aus dem Hause Oldenburg. Um seinen dem Zaren geschworenen Treueid noch fester zu verankern, ging König Magnus eine ihn mit Rußland dynastisch verbindende Ehe ein, indem er Maria Starizkaja, Angehörige des russischen Uradels und Nichte von Iwan dem Gestrengen, heiratete, die zur Königin Livlands gekrönt wurde (was auf ihrem Grabstein in Rußland eingemeißelt wurde
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Gleichzeitig wurde unter Iwan dem Gestrengen auch das römische Erbe betont. Zar Iwan betrachtete sich nicht nur als Spr?ß der normannischen Rurikiden, sondern zugleich auch als Nachkomme der alten Römer. Bei der Erstellung des Zaren-Stammbaumes wurde auf die im 16. Jahrhundert verbreitete Sage von einem römischen Zug ins Baltikum zurückgegriffen, wo Prussus, Bruder des Kaisers Augustus, vor seinen Feinden Rettung gesucht habe. Die 1576 in Köln veröffentlichte kurze Genealogie der Großfürsten von Moskau, anhand ihrer eigenen handschriftlichen Chroniken erstellt, berichtete von der Ankunft eines ehrbaren Mannes aus dem Geschlecht des römischen Kaisers Augustus, namens Fürst Rurik, der „von den Deutschen, von den Preußen“ her nach Rußland gekommen sei. Folglich störte die Aureole des alten römischen Kaiserrechts die russischen Aristokraten nicht im geringsten Maße daran, sich als nordischen Uradel, als Fürsten germanischen Blutes zu betrachten. In der damaligen russischen bildenden Kunst finden sich immer wieder Motive, die im katholisch-protestantischen, durch den Rahmen rationalistischer Dogmen eingeengten Westen eindeutig als „ketzerisch“ abgelehnt worden wären. Russische Künstler schmückten die Freskomalereien der Moskauer Epiphanias-Kathedrale, der Hauskirche der russischen Zaren, mit Bildnissen der „Heiden“ Aristoteles, Plato, Vergil und Homer, und die der Gotteshäuser des Neuen Erlöserklosters mit Bildnissen von Orpheus, Ptolemaios, Plutarch, Homer und Plato etc. Diese Hinwendung russischer Künstler zu den Kulturschätzen der Antike verlief parallel zum verstärkten Interesse an der russischen Thematik in der westeuropäischen Kunst und Literatur. Es sei nur auf William Shakespeares „Wintermärchen“, dessen Heldin sich eine „russische Kaisertochter“ nennt, oder auf Thomas Lodges Stück „Margarethe von Amerika“ hingewiesen, das vom Schicksal einer „Tochter des Moskauer Königs“ handelt. Fast den gleichen Inhalt hat auch Robert Greenes Novelle „Pandosto“.
Der Hauptrivale Rußlands im Livländischen Krieg war Polen, schon vorher durch die offene Unterstützung der protobolschewistischen Hussiten in deren Kampf gegen das traditionelle Europa belastet (obwohl in erster Linie deutschfeindlich, fügte das Hussitentum auch den Tschechen selbst einen schweren Schaden zu). Polen war damals mit Litauen in einer Personalunion verbunden, aus der bald eine Realunion wurde – ab 1569 gehörte Litauen zu Polen. Ursprünglich hatte das Land fast 400 Jahre lang, bis 1230, zu Rußland gehört und war von den Rurikiden regiert worden. Erst durch den Machtverlust der Kiewer Rus konnte sich ein litauischer Fürst zum König krönen lassen. Während Rußland von der Goldenen Horde heimgesucht wurde, stieg Litauen zu einer europäischen Großmacht auf, die schließlich nicht nur Teile des heutigen Polens, Weißrußland und die Ukraine umfaßte, sondern auch das westliche Rußland, und die bis ans Schwarze Meer reichte, wo Litauen an das Khanat der Krimtataren stieß, das sich von dem Herrschaftsgebiet der mongolischen Goldenen Horde gelöst hatte und unter osmanischer Oberhoheit stand. Die Krimtartaren unternahmen bis ins 18. Jahrhundert Feldzüge in die Ukraine und nach Rußland, um Sklaven zu erbeuten, die sie im Osmanischen Reich verkaufen konnten. Ab 1386 errangen die litauischen Herrscher auch den polnischen Königsthron und begründeten die erwähnte Personalunion. Ab diesem Zeitpunkt wurde die orthodoxe Bevölkerung Litauens zunehmend diskriminiert.
Anders als Litauen hatte Livland im Mittelalter nicht zu Rußland gehört, sondern war als Staat vom Deutschen Orden geschaffen worden. Schon im 13. Jahrhundert hatte der Deutsche Orden das russische Fürstentum Pskow angegriffen, war 1242 aber von Alexander Newski in der Schlacht auf dem (zugefrorenen) Peipussee geschlagen worden. Auch in den folgenden Jahrhunderten war Pskow immer wieder Angriffen seitens des Deutschen Ordens, aber auch seitens Polen-Litauens ausgesetzt. Dies änderte sich erst im Livländischen Krieg von 1480/81, in dem Zar Iwan III. Pskow unterstützte und weit in livländisches Gebiet vordringen konnte. Ausgelöst vom Niedergang des livländischen Ordensstaates rangen Schweden, Polen-Litauen und Rußland dann von 1558–1583 um die Vorherrschaft im Land. Iwan der Gestrenge versuchte, Livland dem Russischen Reich einzuverleiben, doch der letzte Landesmeister des Deutschen Ordens in Livland unterstellte das Gebiet der polnischen Lehnshoheit, während sich die Stadt Reval Schweden unterstellte. Der letzte Abschnitt des Livländischen Krieges wurde dann für das traditionelle Europa zur entscheidenden Auseinandersetzung.
Darin kämpften die Polen und Litauer als offene Verbündete der Hohen Pforte, die es nach der schweren Niederlage des türkisch-tatarischen Heeres in der erwähnten Schlacht bei Molodji vorzog, die Strategie zu ändern und nunmehr Polen-Litauen im türkischen Interesse gegen Rußland weiterkämpfen zu lassen. Während Moskau und Wien um die polnische Thronfolge wetteiferten, schickte der Sultan eine 120.000 Mann starke Streitmacht mit seinem Strohmann – dem „polnischen Thronanwärter“ Stefan Batory, Fürst des türkischen Vasallenstaates Siebenbürgen – nach Polen. Die polnisch-litauische „Adelsnation“ wurde vor die Wahl gestellt, entweder den ihr völlig unbekannten Siebenbürger Fürsten von Istanbuls Gnaden zum König zu küren oder alle Schrecken einer neuen Asiateninvasion über sich ergehen zu lassen. Die Szlachta wählte Batory zum König der stärksten Großmacht Mittel- und Osteuropas. Im Interesse des islamischen Großreichs vermochten es die Polen und Litauer (mit schwedischer Hilfe), die Truppen Zar Iwans des Gestrengen aus so gut wie allen Städten des litauischen Rußlands und des Baltikums zu vertreiben. Die Einnahme von Pskow/Pleskau mißlang Stefan Batory jedoch. Mit dieser glücklichen Note endete der verlustreiche und von Rußland verlorene Livländische Krieg. Das moslemisch-katholische Bündnis hat im Endeffekt die russischen Normannennachkommen daran gehindert, sich den Zugang zur Ostsee zu verschaffen, von wo ihre nordgermanischen Vorfahren, die warägischen Rurikiden, einst gekommen waren. Erst Zar Peter dem Großen war es beschieden, diesen Auftrag zu erfüllen. Dies war jedoch nicht nur ein großes Glück, sondern auch ein fast ebenso großes Unglück für Rußland. Denn Zar Peter, der seine Feinde eigenhändig köpfte, führte nicht nur eine Kopfsteuer für die Bauern und Bürger ein, sondern errichtete auch sein „Petersburg“ mit geradezu stalinistischen Methoden, zwang die Kirche unter die Macht des Staates und begann mit der Verfolgung der „Altgläubigen“ – jenem Drittel des russischen Volkes, das die von Peter durchgesetzten „Reformen“ der orthodoxen Kirche nicht mitmachen wollten. Auch wenn die offizielle Geschichtsschreibung Iwan IV. verurteilt und Peter I. glorifiziert, ändert dies nichts an der Tatsache, daß Zar Peter bei der Durchsetzung seiner politischen Ziele rücksichtsloser vorging als Zar Iwan IV.
In den Jahren des Livländischen Krieges sahen die Gewässer des „Warägersees“, wie die Ostsee seit alters her in Rußland hieß, nach langer Unterbrechung wieder Kriegsschiffe mit russischen Flaggen an den Masten. Nach der Eroberung Narvas und anderer Ostseehäfen verwirklichte Iwan der Gestrenge den uralten Traum von einer russischen Flotte, ohne die der nordische bzw. nordeuropäische geopolitische Raum unvollkommen geblieben wäre. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang folgende historische Tatsache: Zum ersten russischen Flottenführer ernannte Zar Iwan einen Nordgermanen, nämlich Carsten Rohde, der vom Moskowiter Autokraten mit dem ihm übertragenen Kommando über das russische Ostseegeschwader (einschließlich mehrerer in ehemals hanseatischen Häfen erworbener Kriegsschiffe) einen Schutz- bzw. Kaperbrief erhielt, der ihn dazu berechtigte, „… dem Brief unserer Majestät gemäß sich der Feinde mit Gewalt zu bemächtigen, deren Schiffe mit Feuer und Schwert zu bekriegen, zu entern und zu vernichten …“ Die Schiffsmannschaften bestanden größtenteils aus Russen (meistens Archangelsker Pomoren), doch auch aus Skandinaviern (darunter z.B. der bekannte norwegische Pirat Hans Dietrichsen). Bemerkenswerterweise kämpfte dieses im Zeitalter der europäischen Renaissance entstandene russische Geschwader unter der roten Fahne, der historischen Farbe der Wenden, Balten und Skandinavier (vgl. die Staatsflaggen Lettlands, Dänemarks und Norwegens, die Weiß und Rot in verschiedenen Variationen kombinieren). Die Person des „Seehelden“ Carsten Rohde erscheint uns ziemlich rätselhaft. Als sein Geburtsland gilt Dithmarschen, eine Art norddeutsche Bauern- bzw. Seeräuberrepublik, deren Bewohner ihre Unabhängigkeit in der Schlacht bei Hemmingstedt 1500 gegen die Truppen der dänisch-schwedischen Kalmarer Union zu behaupten vermochten. Unter dem Kommando des kampferfahrenen Admirals Carsten Rohde gelang es der russischen Ostseeflotte, jahrelang polnische und schwedische Handelsschiffe zu kapern und feindliche Kriegsschiffe erfolgreich zu bekämpfen, bis Rohde infolge der Zuspitzung der vorher freundschaftlichen russisch-dänischen Beziehungen in Dänemark interniert wurde.
Alle Versuche, Zar Iwan den Gestrengen als „eurasischen“ oder vielmehr „protosowjetischen“ Herrscher darzustellen, sollten mit der gleichen Ironie betrachtet werden, wie das „Meisterwerk“ des sowjetischen Filmemachers Sergei Eisenstein, dessen in Stalins Auftrag gedrehter Film „Iwan der Schreckliche“ als nichts anderes denn eine Art sowjetisch-eurasischer Verleumdung der russischen Geschichte, des in seinen Ursprüngen nordeuropäischen russischen Volkes und eines der größten Zaren in der Geschichte Rußlands zu betrachten ist.

Auch die Erschließung Sibiriens begann unter Iwan IV.: Der Kosaken-Ataman Jermak überschritt den Ural und eroberte mit weniger als tausend Mann im Gefolge das Khanat Sibir. – Das in der Moskauer Tretjakow-Galerie hängende Bild von Wassili Surikow illustriert dramatisch den Vorstoß der Russen nach Asien.