Die Reichsidee war dem Nationalsozialismus Ausdruck für die geschichtliche Ordnung, die das deutsche Volk zur Einheit und zur bestimmenden Mitte der europäischen Völker machte. Die Sehnsucht nach dem Reich und dem Mythos dieses Reiches war bei den Deutschen immer vorhanden. Die Erinnerung an die Reiche, die ihrer „nordischen Führerschaft“ ihre Entstehung verdankten, etwa an Chlodwig, Theoderich, sowie an die stolze deutsche Kaisergeschichte wurde erneuert. Karl der Große, der das germanische Abendland und die Idee des Reiches begründete, seien die stärksten Erinnerungen des europäischen Kontinents und zugleich die stärkste reale Kraft für eine dauernde geschichtliche Ordnung, hieß es in einer offiziellen weltanschaulichen Schrift des Nationalsozialismus.
Von Werner Bräuninger
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Trotz der angewandten militärischen Gewalt beim Griff nach Prag im März 1939 sahen viele Deutsche in Hitler nun erst recht den Vollender ihrer Geschichte. Aber in Wirklichkeit war damit der Rubikon bereits überschritten. Der hochrangige SS-Jurist Reinhard Höhn vergaß nie jenen Tag im März 1939, als ihm der einstige „konservative Revolutionär“ und nunmehrige Stellvertreter Reinhard Heydrichs im Reichssicherheitshauptamt, Dr. Werner Best, bei einem Morgenritt im Berliner Tiergarten begegnete. „Kamerad Höhn“, sagte Best, „das ist das Ende. Bisher haben uns die Leute geglaubt, daß der Nationalsozialismus die völkische Idee verkörpert und daß diese völkische Idee Grenzen kennt. Mit dem Einmarsch in Prag aber wird der Nationalsozialismus zum Imperialismus“. Tatsächlich war Hitler bisher in Verfolgung des nationalen Selbstbestimmungsrechtes der Völker moralisch unwiderlegbar gewesen. Bisher hatte er nur Deutsche heimgeführt, jetzt aber griff er nach einem fremden Volk. Diese Wendung zum Imperialismus war auch der deutschen Reichsidee im Grunde fremd, obwohl Böhmen immer ein Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewesen war. Auch das durch den Versailler Vertrag vom deutschen Reichsgebiet abgetrennte Memelland kam kurz darauf, fast unbemerkt und „nebenbei“, wieder zu Deutschland; das 1935 noch so renitente Litauen hatte sogar eingewilligt und Hitler hielt auch in Memel einen umjubelten Einzug. Auffallend ist, wie viele Konflikte nun binnen kürzester Zeit auftraten und wie vehement Hitler danach trachtete, diese möglichst umgehend einer Lösung zuzuführen, da er annahm, ihm würde nicht mehr allzu viel Lebenszeit verbleiben und keiner der ihm Nachfolgenden besäße jemals wieder seine Autorität.
Auf den Vorwurf der Annexionspolitik entgegnete er, daß er lediglich „alte deutsche Kurfürstentümer“ dem Reich wiedergegeben habe: „Im Rahmen des heutigen Deutschen Reiches befindet sich kein Gebiet, daß nicht seit ältesten Zeiten zu ihm gehört hat, mit ihm verbunden war oder seiner Souveränität unterstand“, so am 28. April 1939 unter dem frenetischen Beifall der Abgeordneten des Reichstags. Und am 23. Mai verkündete er vor den Spitzen der Wehrmacht in der Neuen Reichskanzlei: „Weitere Erfolge können ohne Blutvergießen nicht mehr errungen werden“ – er wußte also darum. Auch beim Konflikt mit Polen ging es ihm nicht alleine um Danzig, sondern um den Erwerb neuen Lebensraums für das deutsche Volk. Seit dem 30. August 1939 hatte man in Berlin zwei volle Tage lang auf das Erscheinen oder zumindest auf die Ankündigung des Besuchs polnischer Unterhändler gewartet, um den Frieden zu retten. Aber niemand traf in der Reichshauptstadt ein. Daher ist an dieser Stelle gleichwohl in Erinnerung zu rufen, daß nicht Hitler es war, der England und Frankreich am 3. September den Kampf ansagte, sondern diese dem Reich den Krieg erklärten.
Im Anschluß an seine Reise durch das eroberte Frankreich hatte Hitler gegenüber seinem Architekten Hermann Giesler geäußert, er werde alles daran setzen Frieden zu schließen, wenn möglich sogar in Münster, gewissermaßen als geschichtliche Zäsur. Es sei noch nicht zu spät, betonte er, und er werde bei seinen Friedensvorschlägen bis an die Grenzen des überhaupt Machbaren gehen, soweit es die Würde der deutschen Nation zulasse. Schon wenige Monate nach dem Sieg über Frankreich ordnete er in einer versöhnlichen Geste an, daß 100.000 kriegsgefangene Poilus, die bereits am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten, freizulassen seien. In Frankreich verfolgte Deutschland eine geschickte Besatzungspolitik, initiiert vor allem von dem deutschen Botschafter in Paris, Otto Abetz, der die zur Kollaboration bereiten Franzosen geschickt hofierte. Der deutsch-französische Kulturaustausch unter der Ägide des Präsidenten des Deutschen Instituts Karl Epting und des in der Kulturabteilung der Botschaft tätigen „NS-Sonderführers“ Gerhard Heller erlebte daraufhin eine ungeahnte Blüte. Selbst die Werke von Sartre, Camus und Claudel durften ungehindert erscheinen. Arno Breker veranstaltete eine große Ausstellung in der Pariser Orangerie und zahlreiche französische Künstlerkollegen besuchten ihn in seinem Atelier Jäckelsbruch. Herbert von Karajan gab Gastspiele mit der Berliner Staatsoper in Paris. So klingende Namen wie Paul Léautaud, Jean Cocteau, Jean Marais, Sacha Guitry, Henri Flammarion oder Serge Lifar zeigten offen ihre Sympathie für die Politik des neuen französischen Staatschefs Marschall Pétain und der Kollaboration. Daß dieser bei den Feierlichkeiten zur Überführung der Gebeine von Napoleon Bonapartes Sohn, des Herzogs von Reichstadt, von Wien nach Paris, die Hitler seinerzeit in Paris befohlen hatte, im Invalidendom nicht zugegen war, weil er Angst davor hatte, aus diesem Anlaß von den Deutschen gekidnappt zu werden, sah Hitler geradezu als persönliche Beleidigung an. Als unrühmliches Kapitel der deutschen Besatzungszeit in Frankreich muß freilich der von Göring aus privaten, raffgierigen Motiven und von Alfred Rosenbergs Einsatzstab veranlaßte Kunstraub größten Stils genannt werden. Die Ritterlichkeit, die die deutsche Wehrmacht im Westfeldzug gezeigt hatte, fand auf dem kulturellen Sektor wahrlich keine Entsprechung.
Hitler entfaltete in diesen Monaten eine regelrechte diplomatische Gesprächsoffensive. Er traf sich wiederholt mit seinem Bundesgenossen Mussolini sowie dessen Außenminister Graf Ciano, dem italienischen Botschafter in Berlin Alfieri, dem Generalstabschef Cavallero, der Hitler stets als „Mein Führer“ ansprach oder Generaloberst Gariboldi. Auch der Parteisekretär des Partito Nazionale Facista (PNF) Aldo Vidussoni und weitere hochrangige italienische Faschisten wie Farinacci, Preziosi, Galbiati, Pavolini, Tardini und Ricci sprachen bei Hitler vor. Er empfing aber auch zahlreiche Militärs verbündeter oder neutraler Staaten, mehrfach den rumänischen Generalstabschef Steflea, sowie eine Delegation türkischer Offiziere, den bulgarischen König, den ungarischen Reichsverweser Horthy und den Ministerpräsidenten Graf Teleki, den rumänischen Staatsführer Antonescu und den kroatischen Staatschef Paveli?. Ausländische Botschafter und Gesandte machten Hitler ihre Aufwartung, ebenso wie die japanischen Außenminister Matsuoka und Oshima, der Leiter der niederländischen „Nationaal-Socialistische Beweging“ Anton Mussert und der ehemalige irakische Ministerpräsident Raschid Ali al-Gailani. Zu dem Dreimächtepakt, den das Reich im September mit Italien und Japan geschlossen hatte, kamen nun noch Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Slowakei hinzu, zu dessen Staatspräsidenten Tiso Hitler meinte „das alte Europa hat sich überlebt“. Europa schien für einen Moment lang tatsächlich faschistisch zu werden oder zumindest unter starken faschistischen Einfluss zu gelangen. Das bekunden nicht nur die Gefolgschaften, die in den einzelnen europäischen Ländern bereits lange zuvor, etwa von Codreanu, José Antonio Primo de Rivera, Oswald Mosley, Degrelle, Mussert, Paveli?, Quisling oder Szalási mobilisiert wurden und die sich, in einer gewissen Anciennität, entweder zu Mussolini oder Hitler als Leitbild bekannten.
Der Präventivschlag des nationalsozialistischen Reiches gegen den Bolschewismus im Juni 1941 nahm schon bald den Charakter eines wahren Kreuzzuges an, den insbesondere die militärischen Eliteverbände der Waffen-SS als solchen ansahen, weshalb sie ihre Divisionen im Laufe der folgenden Jahre nahezu vollständig internationalisierte, so daß man mit einigem Recht von einem „europäischen Heer“ sprechen kann. Über 500.000 Freiwillige aus dreißig Nationen hatten sich zum Kampf gegen Stalins Reich gemeldet; Rumänen, Bulgaren, Kroaten, Finnen, Ungarn, Italiener, Slowaken, Dänen, Norweger, Schweden, Holländer, Flamen, Wallonen, Franzosen, Spaniens „Blaue Division“, Schweizer, Ukrainer, Letten, Esten, Litauer, Galizier, Turkmenen, Muslime, Kaukasier, Kosaken und viele andere traten in eine der 38 Divisionen der Waffen-SS ein, um durch Taten zu beweisen, daß sie für ein künftiges Europa unter deutscher Führung ihr Leben einzusetzen bereit waren. Sogar eine „Legion Freies Indien“ entstand, ein osttürkischer Waffenverband sowie ein „British Freecorps“. In der SS-Junkerschule Bad Tölz wurde das Führerkorps dieser neuartigen Kampfverbände herangebildet. Viele Vorbehalte, die man gegen das nationalsozialistische Deutschland haben konnte, auch die Tatsache, daß das eigene Land inzwischen vielleicht von deutschen Truppen besetzt war, verschwanden bei vielen ihrer Angehörigen vor diesem Aufgehen in einer größeren Idee als der des eigenen Nationalstaates. Die führenden französischen Faschisten wie Doriot, Darnand und Déat waren sogar des Glaubens, daß das Blut, welches die französischen Freiwilligen der Waffen-SS im Osten vergießen würden, Frankreich das Tor zu Europa öffnen werde.
Beispielhaft für die Motivationen dieser europäischen Freiwilligen mag der letzte Tagesbefehl des Führers des Freikorps Danmark SS-Sturmbannführer Christian Frederik von Schalburg an seine Männer sein, den er am 22. Mai 1942 erließ: „Jedermann im Freikorps ... kämpft um die Zukunft aller germanischen Völker und um die Erfüllung des ewigen Germanentraumes von dem Reich, um das alle großen Germanen, sei es der deutsche König Heinrich I., sei es der Dänenkönig Knut der Große, sei es unser Führer und Oberster Befehlshaber Adolf Hitler gekämpft haben ... Gleich, wo er uns einsetzen wird, soll er wissen, daß wir im Kampf unter dem alten Ostfeldzugszeichen, dem Danebrog, treu kämpfen werden für Dänemarks Ehre und das Großgermanische Reich“. Nur wenige Tage später ist Schalburg bei Demjansk gefallen. Hitler würdigte die Freiwilligen der europäischen Waffen-SS öffentlich bei nahezu jeder sich ihm bietenden Gelegenheit. Schwierig gestalteten sich allerdings die Beziehungen zu Francos Spanien „Wenn die spanische Division dereinst in ihre Heimat zurückkehrt“, so Hitler, „werden wir ihr und ihrem tapferen General kein anderes Zeugnis ausstellen können als die Anerkennung der Treue und Tapferkeit bis in den Tod!“ Dem aktiven Kriegseintritt an der Seite Deutschlands entzog sich Franco jedoch immer wieder durch geschicktes Taktieren, und die „Blaue Division“ rief er aus Rußland zurück, als sich das Kriegsglück von Deutschland abwandte. So garantierte der spanische Caudillo, der Mussolini und Hitler letztlich seine Macht verdankte, seinem Land nach 1945 ein Minimum an Bewegungsspielraum und Akzeptanz im Konzert der Mächte. Er ließe sich lieber drei oder vier Zähne ziehen, als eine solche Begegnung wie die mit Franco noch einmal ertragen zu müssen, entrüstete sich Hitler anschließend über den spanischen Generalísimo. Ungeachtet dessen empfing er den spanischen Parteiminister Arrese sowie diverse spanische Botschafter und die Generäle Muñoz Grandes und Campos, Innenminister Serrano Suner und Generalstabschef Vigón.
Wie die Waffen-SS, so war auch die deutsche Politik seit 1942 weitgehend „internationalisiert“. Als der Chef der belgischen Rexisten und Führer der wallonischen Freiwilligenlegion der Waffen-SS, Léon Degrelle, im Januar 1943 das Hotel Adlon in Berlin betrat, erkannte er den Großmufti von Jerusalem und vornehme Araber, bulgarische und rumänische Staatsmänner, deutsche Admirale, einen spanischen General, hohe europäische Offiziere der Waffen-SS, einen orthodoxen Patriarchen, den französischen Botschafter, Ritterkreuzträger und italienische Kriegsinvaliden in trauter Runde. Schon im Dezember 1941 hatte Hitler in Berlin den Großmufti von Jerusalem Sayid Amin al Husseini empfangen und wenig später den Inder Subhash Chandra Bose, einen der Führer der Indischen Unabhängigkeitsbewegung, der dann die Indische Legion im Rahmen der Waffen-SS ins Leben rief. Die Europaplanungen wurden vor allem im Europaamt der SS konzipiert. In jeweiliger Anpassung an das Kriegsgeschehen wurden drei große „Generalpläne“ ausgearbeitet, 1943, 1944 und 1945. Emanzipiert von allen großgermanischen Ambitionen Hitlers und Himmlers entwarf man den modernen Plan einer „Europäischen Eidgenossenschaft“ und einer „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“, selbst ein europäischer Paß sollte eingeführt werden. Die deutschen Entwürfe für ein künftiges Europa waren in ihrer Mehrzahl allerdings zu uneinheitlich, als daß sie im Auslande wirklich hätten zünden können. In letzter Stunde wurde auch noch das Programm einer „Europäischen Friedensordnung“ entwickelt. Es geschah all dies aber nur auf Initiative einer recht kleinen intellektuellen Minderheit unter Leitung des SS-Hauptsturmführers Alexander Dolezalek innerhalb des heterogenen SS-Imperiums– und um Jahre zu spät.
Ob Hitler das Wesen der französischen Kollaboration, des römischen Universalismus oder des Eurofaschismus überhaupt je ganz erfaßt hat, darf bezweifelt werden. Der französische Ministerpräsident Laval rief ihm während einer Unterredung zu: „Sie wollen den Krieg gewinnen, um Europa zu schaffen – Sie müssen Europa schaffen, um den Krieg zu gewinnen“, doch blieb sein Appell ungehört. Der antihumanistische Akzent der Hitlerschen Politik, wie auch deren affektive antieuropäische Tendenz, hinderten ihn in vielfältiger Weise daran, der „Befreier Europas“ zu werden. In dieser Hinsicht unterschied er sich auffällig von Benito Mussolini, der die faschistische Doktrin schon frühzeitig als „Fascismo universale“ auslegte und proklamierte. Es wird oft übersehen, daß Rom bis in die Mitte der 1930er Jahre das Zentrum aller europäischen Parteien und Bewegungen war, die den Kampf gegen Kommunismus und die bürgerlichen Demokratien aufgenommen hatten. Mussolini selbst bestätigte den universalistischen Charakter des Faschismus schon in einer Erklärung aus dem Jahr 1930, in dem er verlautbarte, daß die faschistische Idee und Doktrin zwar italienisch in ihren Einrichtungen, aber universell in ihrem Geiste sei. In gewisser Hinsicht hatte er damit eine Art „faschistischer Internationale“ propagiert, gemäß seiner Prophezeiung aus den frühen 1930er Jahren, in der es hieß „heute sage ich Euch in aller Gewissensruhe, das 20. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Faschismus sein“. Zur Vereinheitlichung dieser italienischen Europa-Zirkel hatte er im Juni 1933 die Comitati d’azione per l’universalità di Roma (CAUR) ins Leben gerufen. Man könne ein faschistisches Europa vorhersagen, so Mussolini, denn einzig der Faschismus löse das Problem der Beziehungen zwischen Staat und Individuum. Der Gegensatz „Moskau – New York“ ließe sich nur mit der römischen Lehre und Praxis überwinden. Von solchen Gedanken war Hitler weit entfernt.
Immerhin aber hatten sich unter dem Signum von „Buch und Schwert“ und der Präsidentschaft Hans Carossas mehr als zweihundert Schriftsteller aus vierzehn europäischen Staaten in Weimar zu einem „Europäischen Schriftstellerkongress“ versammelt, unter ihnen Robert Brasillach, Pierre Drieu la Rochelle, Abel Bonnard und Marcel Jouhandeau. Während im Osten die deutschen und verbündeten Armeen den Todfeind der europäischen Kultur schlugen, so hieß es, treffe sich in Weimar eine geistige Auslese der europäischen Nationen als „Korps der Ideen“ gegen den Bolschewismus. Ähnliche Veranstaltungen führte man auch für französische Musiker und Filmschaffende durch, die auf ein ähnlich starkes Interesse stießen. Nahezu allen aber wurde nach dem Kriege die Rechnung über ihr „Vergehen“ aufgemacht. Die Weimar-Festspiele der deutschen Jugend, stets mit einer anspruchsvollen kulturellen Grundsatzrede Baldur von Schirachs eröffnet, wurden 1942 erstmals „europäisiert“ und auf Florenz ausgedehnt. Ein sichtbares Zeichen europäischen Einigungswillens der Achsenmächte war auch der von Schirach initiierte Europäische Jugendkongreß im September 1942 in Wien, der die faschistischen und nationalsozialistischen Jugendverbände Europas zusammenführte.
In der Phase der größten Ausdehnung des nationalsozialistischen Reiches versuchten die Deutschen, eine Neudefinition des Reichsbegriffs vorzunehmen. Das Reich hatte sich seit dem Rußlandfeldzug von Großdeutschland zum „germanischen Reich“ gewandelt und in diesem Sinne versuchte man Einfluß auf Mussert, Degrelle oder den Norweger Quisling zu nehmen. Hitlers Gespräche mit diesen und den Diplomaten jener Länder waren oft bestimmt von Rücksichtnahme und Versprechungen, aber auch der Ausdruck seines unklaren politischen und strategischen Konzepts, bei dem er völlig offenließ, wie deren Zukunft in einem „germanischen Reich“ aussehen würde, ob etwa die Niederlande ein selbständiger Staat blieben würden oder nicht. Für Hitler war schon lange klar, daß er Holländer, Flamen, Dänen und Norweger in sein „Großgermanisches Reich“ aufnehmen wollte. Um dessen Kern von bis zu 150 Millionen Menschen hätte sich dann das gruppiert, was von Europa noch übrig war, so daß man von Albert Speers Hauptstadt „Germania“ aus einen Raum von etwa 400 Millionen Menschen beherrscht hätte. „Die Vereinigten Staaten von Europa unter deutscher Führung. Das muß unser Endziel sein“, hatte Goebbels in seinem Tagebuch ebenfalls notiert. Doch sollten wir nicht vergessen: Rußland wäre durchaus zu besiegen gewesen! Wäre es Feldmarschall Rommel im Jahre 1942 gelungen, mit dem Afrika-Korps den Suez-Kanal zu erobern, dann hätte Hitlers Plan seine Verwirklichung finden können, weiter nach dem Osten vorzustoßen, Palästina zu durchqueren und das Territorium des heutigen Irak und Iran einzunehmen. Von dort aus hätte man sich mit den deutschen Armeen vereinigen können, die bereits durch die Ukraine in den Südraum der Sowjetunion eingedrungen waren. Der Sieg wäre der deutschen Wehrmacht dann wohl kaum noch zu nehmen gewesen. Bei einem Fall Rußlands wären durch eine Südexpansion Japans die Kräfte der USA voll und ganz gebunden gewesen und Großbritannien hätte Hitlers Friedensangebot dann wohl oder übel annehmen müssen. In einer einzigen, umfassenden Zangenbewegung um Nordafrika, Vorderasien und dem Kaukasus hätte man sonst nach Afghanistan marschieren können, um England in Indien zu treffen.
Dem Gedanken des Universalreiches wollte Adolf Hitler wieder seine alte Sinngebung zurückgeben. Doch der Staat waren ihm und der NSDAP zu statisch und das Reich zu übernational. Weniger das Reich, sondern der territoriale Machtstaat stand Hitler vor Augen.
Er begriff die deutsche Reichsidee niemals nur als deutschen Nationalstaat, sondern eher in der Tradition des römischen Imperiums und des Ersten Reiches der Deutschen. Mit einer absolut sicheren Überzeugung und Selbstverständlichkeit sprach er über das Beispiel, das die großen deutschen Kaiser ihm immer gegeben hätten: „Einst sind deutsche Kaiser und Reiter zu Roß die gleichen Wege geritten. Sie sind bis in das Gelobte Land, bis Palästina, sie sind unzählige Male über die Alpen. Was wir tun, ist nichts Einmaliges in der Geschichte. Unsere Vorfahren haben es genau so getan!“ Im „Reich“ sah man seit Kriegsbeginn die führende, ordnende Macht auf dem Festlande, wie es in der großen Kaiserzeit des Mittelalters gewesen war. „Reich“ ging über „Staat“ hinaus, in der Zusammenfassung verschiedener Elemente zu höherer Einheit und Rangordnung, Führung durch die Deutschen und Sendung, die der Staat allein nicht erfüllen konnte. Die Reichsidee, so Alfred Rosenberg, habe ein gewisses identitätsstiftendes abendländisches Gefühl erzeugt. Jetzt sei der Nationalsozialismus Herr über die Reichsidee und nach der Machtübernahme ein Diener des Reichsgedankens geworden. An der Kraft, wie die NS-Bewegung diesem Gedanken diene, werde sie von der Geschichte einst gemessen werden. Das Reich als Europas gestaltende Ordnungsmacht, als Träger der gesamtgermanischen Zukunft, ist eine Konstante der NS-Geschichtsbetrachtung. Aber alle Analogiebildungen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Reichsbegriff der NSDAP in seinem Wesen nur wenig mit der mittelalterlichen Reichsidee zu tun hatte. Die verantwortlichen Persönlichkeiten dieses Interims, allen voran Hitler selbst, sahen fast ausschließlich die Rasse als gestaltende Kraft in der Geschichte an – und das verstellte ihnen den Blick auf die staatspolitischen Notwendigkeiten, wie sie Carl Schmitt bereits 1933 in seiner Schrift „Staat – Volk – Bewegung“ gesehen hatte. Viel zu spät, im Dezember 1944, tat Léon Degrelle den verzweifelten Ausruf: „Sagt uns, wofür wir kämpfen, nicht immer nur, wogegen. Nach dem Krieg muß Europa ein eindeutiges Ziel haben. Welches ist es“? Nach Degrelle waren die Deutschen in ihre Länder eingefallen, der „hochfahrende Stolz der Herrscher“, wie er sagte, brachte ihn auf und er forderte „ein gleiches Europa – oder kein Europa!“. Aber sein Ruf verhallte im Nichts, auch wenn Hitler gesagt haben soll „hätte ich einen Sohn, er müßte sein wie Degrelle“.
In seinen berühmten „letzten Gesprächen“ aus dem Frühjahr 1945 betonte Hitler noch einmal, daß der Nationalsozialismus keine universalistische Lehre und kein „Exportartikel“ gewesen sei. Das hatte den Nationalsozialismus immer vom Faschismus unterschieden. In Deutschland hätte es keinen „Kongreß von Montreux“ gegeben, der im Dezember 1934 am Genfer See von europäischen Faschisten unter der Losung „Fascismo Universale“ veranstaltet wurde. Und genau das war es auch, was Pierre Drieu la Rochelle in seiner „Faschistischen Bilanz“ am Deutschland Hitlers so vehement kritisierte, bevor er am Morgen des 16. März 1945 den Gashahn aufdrehte.
Hitler hat sich nach eigener Aussage als „Europas letzte Chance“ verstanden. Aber die Götterdämmerung im Berliner Führerbunker nahm schließlich ihren Lauf. Es waren französische Freiwillige der Waffen-SS-Division „Charlemagne“, die als letzte überhaupt die Reichskanzlei in Berlin verteidigten. Zu den Männern der „Charlemagne“ kamen noch einige weitere europäische Freiwillige, wie Finnen, Balten, Dänen, sowie eine Handvoll Holländer und Spanier, ja sogar einige Schweizer hatten sich angeschlossen. Das Zeichen der Division wurde dem Gewand Karls des Großen entlehnt und stellt auf einem Wappenschild den germanischen Adler auf goldenem sowie die drei bourbonischen Lilien Frankreichs auf blauem Grund dar. Wie ein Symbol scheint es, daß im Namen jener übernationalen Waffeneinheit noch derjenige präsent war, der einst die deutschen Stämme mit der Schärfe des Schwertes zusammenzwang und unter dem der Gestaltungskampf um das Reich mit dem Ringen um die europäische Einigung seine Verschmelzung erfuhr.

Während Mussolini eine „faschistische Internationale“ propagierte und der Auffassung war, daß sich der Gegensatz Moskau – New York nur mit der italienischen Lehre und Praxis überwinden ließe, war Adolf Hitler von solchen Gedanken weit entfernt. Er dürfte weder die tatsächlichen Gründe der französischen Kollaboration noch das Weltbild des römischen Universalismus oder des Eurofaschismus ganz erfaßt haben. Die letzten Verteidiger der Reichskanzlei im April 1945 waren jedenfalls französische Freiwillige der Waffen-SS-Division Charlemagne. – Der britische Historiker Tony Le Tissier, der letzte Direktor des alliierten Kriegsverbrechergefängnisses in Berlin-Spandau, hat ihnen ein Buch gewidmet.

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