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Edmund Burke

Edmund Burke (1729–1797) gehörte mit Oscar Wilde, George B. Shaw, William Butler Yeats und James Joyce zu jenen Größen der englischen Geistesgeschichte, die Söhne Irlands sind. Sein Buch über die Französische Revolution publizierte er zu einem Zeitpunkt, als diese noch ganz in liberaler Richtung zu verlaufen schien und von fast allen tonangebenden Geistern Europas freudig begrüßt wurde. Doch Edmund Burke, der selber ein Whig war und zu den führenden Mitgliedern der liberalen Fraktion des britischen Unterhauses zählte, sah die totalitäre Wendung der Revolution und den Terrorismus der Jakobiner ebenso voraus, wie den Aufstieg eines „militärischen Befehlshabers“ – Napoleons – mit allen Folgen, die sich daraus ergaben. – Portrait von Edmund Burke von Sir Joshua Reynolds

„Ein revolutionäres Buch gegen die Revolution“

Es gibt drei klassische Werke der politischen Standortbestimmung und Zeitdiagnose, die zwar schon vor weit mehr als hundert Jahren erschienen sind, aber bis heute ihre Aktualität bewahrt haben. Hinzu kommt, daß alle drei Bücher auch als literarische Meisterwerke angesprochen werden dürfen. Sie fesseln nicht nur durch ihre Botschaft, sondern auch durch Stil, Ausdruckskraft und schriftstellerische Brillanz. Und jede der drei Schriften steht exemplarisch für eine der großen politischen Grundhaltungen und Geistesströmungen, die nach wie vor unsere Welt prägen. Es sind dies John Stuart Mills „Über die Freiheit“ – die Programmschrift eines nachdenklichen, die Gefahren des Massenzeitalters hellsichtig erkennenden Liberalismus; dann das „Kommunistische Manifest“ von Karl Marx, das visionäre Brevier der geschichtlich einflußreichsten Form des Sozialismus; und schließlich die „Betrachtungen über die Französische Revolution“ von Edmund Burke aus dem Jahre 1790.

Von Gerd-Klaus Kaltenbrunner

Dieses Buch ist seit jeher die Bibel aller Konservativen, insbesondere der britischen und amerikanischen. Es hat aber auch schon früh in Deutschland leidenschaftliche Leser gefunden. Zu ihnen gehören der romantische Dichter Novalis, der mit bürgerlichem Namen Friedrich von Hardenberg hieß; der Literaturkritiker und Staatsphilosoph Adam Müller; vor allem aber Friedrich Gentz, der Schüler Kants, später Diplomat und Vertrauter des großen österreichischen Staatsmannes Fürst Metternich. Gentz hat Burkes ebenso temperamentvolle wie erhellende Schrift bereits 1793 ins Deutsche übersetzt. „Die Größe des Stils und die Majestät der einzelnen Gedanken zwingt selbst den entschiedensten Tadler, die Begeisterung des Bewunderers zu teilen“, urteilte Gentz, und er schrieb aus eigener Erfahrung. Die „Reflections“ waren sein Schicksalsbuch geworden. Als er sie zu lesen begann, war er ein begeisterter Verfechter der revolutionären Ideale; als er die Lektüre beendet und das Buch dann noch öfters studiert hatte, schlug er sich ein für alle Male auf die Seite der überlieferten Ordnung.

Edmund Burke wurde am 12. Januar 1729 in Dublin geboren. Er starb an Magenkrebs am 8. Juli 1797 in Beaconsfield. Eine Inschrift in der Kirche erinnert noch heute an den Mann, der ausdrücklich hier, nicht in der Westminster Abbey bestattet sein wollte. Während Feinde den bereits todkranken Burke für verrückt erklärt hatten, weil dieser auf offener Straße Pferde geküßt habe (man denkt dabei an eine ähnliche Turiner Szene, die im Januar 1889 Nietzsches Zusammenbruch offenkundig gemacht hat), war der auf dem Sterbebett liegende Revolutionsverächter von der Furcht gequält worden, sein Leichnam könnte von Jakobinern geschändet werden. Dies blieb ihm jedoch erspart. Beaconsfield hat später sogar eine rühmliche Rolle in der Geschichte des britischen Konservatismus gespielt. Benjamin Disraeli, der Sohn Israels in der Nachfolge des Iren Burke unter Victoria, hatte hier seinen Wahlkreis. Als er Premierminister geworden war und die Erhebung der englischen Königin zur Kaiserin von Indien durchgesetzt hatte, wurde ihm – dem Enkel eines aus Venedig eingewanderten jüdischen Kaufmanns – der Grafentitel verliehen. Disraeli aber nannte sich fortan „Earl of Beaconsfield“ – der Name seines Wahlsprengels und des Sterbeorts von Burke diente als neuer Adelsname.

Mit Oscar Wilde, George B. Shaw, William Butler Yeats und James Joyce gehört Burke zu jenen Größen der englischen Geistesgeschichte, die Söhne Irlands sind. Manche Züge im Charakter dieses schwierigen, kühnen und leidenschaftlichen Geistes hängen wohl mit seiner Abstammung zusammen. Zu den hervorragenden Eigenschaften seines Charakters gehörten: Begeisterungsfähigkeit, Phantasie, Gerechtigkeitssinn, Mitgefühl für Leidende und Unterlegene. Er war zeitlebens ein Verteidiger der „lost causes“, des scheinbar Aussichtslosen und Unzeitgemäßen. Ein romantischer Einschlag ist unverkennbar, und nicht von ungefähr haben die deutschen Romantiker – Novalis, Friedrich Schlegel und, allen voran, Adam Müller – sich zu ihm besonders hingezogen gefühlt.

Erhabenheit

Bevor er sich der Politik zuwandte, hatte Burke eine wegweisende Schrift über das Erhabene und das Schöne veröffentlicht, die Lessing, Herder, Kant, Schiller und Hegel beeinflußte. In ihr wird, zum erstenmal in der Geschichte der Ästhetik, das Erhabene als eigenes Phänomen dem Schönen entgegengesetzt, ja sogar übergeordnet. Während Burke das Schöne, ganz im Sinne des Rokoko, mit dem Zarten, Lieblichen und Anmutigen gleichsetzt, ist ihm das Erhabene geradezu ein Synonym für das übermächtig Gewaltige, Schreckliche und Dunkle. So ist die Nacht erhabener als der Tag; Einsamkeit, Stille und Wildnis erregen eher das Gefühl des der Wirklichkeit des Erhabenen angemessenen Erschauerns als die entgegengesetzten Zustände. Burke bringt Beispiele aus Homer, Shakespeare und Milton, vor allem aber aus dem Alten Testament, aus dem Buch Hiob und den Psalmen, wo sich so viele eindringliche Sätze über die majestätische Erhabenheit Gottes und der Wunder seiner Schöpfung finden. Dieser vom mysterium tremendum gepackte Burke ist kein Zeitgenosse des Rokoko mehr. Er gemahnt an William Blakes und Johann Heinrich Füßlis Bilder, an die von den Romantikern neu entdeckte Welt des Dämonischen und Numinosen. Goethes Wort im „Faust“ fällt einem dazu ein: „Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil. Wie auch die Welt ihm das Gefühl verteure, ergriffen fühlt er tief das Ungeheure.“

Als etwas Ungeheures fühlte Burke auch die Französische Revolution, und dies schon zu einem Zeitpunkt, da sie noch ganz in liberaler Richtung zu verlaufen schien und von fast allen tonangebenden Geistern Europas freudig begrüßt wurde. Burkes grundsätzliche Kritik wirkte umso überraschender, als viele Zeitgenossen in ihm den möglichen Führer einer Bewegung gesehen hatten, die in England nach französischem Vorbild neue politische Verhältnisse schaffen würde. Seiner Parteizugehörigkeit nach war er auch kein Tory, sondern ein Whig; er gehörte zu den führenden Mitgliedern der liberalen Fraktion des britischen Unterhauses. Wiederholt war Burke als Gegner staatlicher Zentralisation und absolutistischer Neigungen des Königs aufgetreten. In gleicher Weise kämpfte er gegen die Unterdrückung der irischen Katholiken und für eine Reform der Verwaltung in den Kolonien. Er hielt die Emanzipationsbestrebungen der nordamerikanischen Siedler für berechtigt und klagte Warren Hastings, den Generalgouverneur in Indien, wegen Ausbeutung und Korruption an. Er pries Adam Smiths Buch über den Wohlstand der Nationen, und dieser gestand, Burke sei der einzige, der ohne vorgängige Verständigung so dächte wie er. Der geistige Vater des englischen Konservatismus war somit weder ein Engländer noch ein Konservativer, sondern ein Ire und ein Liberaler. Und dennoch enthält seine in wenigen Wochen verfaßte Polemik gegen die Französische Revolution alle Argumente, die seit dem neunzehnten Jahrhundert von konservativer Seite immer wieder gegen umstürzlerischen Radikalismus und politisches Experimentieren vorgebracht werden.

 

 

Die „Reflections on the Revolution in France ” (Betrachtungen über die Französische Revolution) sind hochaktuell, weil Burke am französischen Beispiel ein Muster herausarbeitet, dem alle bisherigen politischen Revolutionen gefolgt sind.

Während Edmund Burke das Unabhängigkeitsbestreben der nordamerikanischen Kolonien rechtfertigte und unterstützte, wandte er sich leidenschaftlich gegen die aufklärerische Annahme, daß gute Politik in der Ausführung idealer Konzepte bestehe.

Der Staatsmann weise keine Ähnlichkeit mit einem Ingenieur auf, politische Klugheit bestehe eben nicht darin, irgendwelche (noch so richtige) Doktrinen unvermittelt in die Wirklichkeit umzusetzen. Im Gegenteil gilt es immer und überall, die konkreten Umstände und die geschichtlichen Verhältnisse zu berücksichtigen. 

Seine „Betrachtungen“ beinhalten über diese Analysen hinaus noch etliche klassisch formulierte Grundsätze konservativer Staatsklugheit, vom Plädoyer für eine gemischte Verfassung bis zur natürlichen Elitenbildung und dem Gedanken, daß ein gesunder Staat eine Gemeinschaft der Lebenden, der Toten und der Ungeborenen sei. 

 

Wegweisend war auch Edmund Burkes Schrift über das Erhabene und das Schöne, in der er zum ersten Mal in der Geschichte der Ästhetik das Erhabene als eigenes Phänomen dem Schönen nicht nur entgegensetzt, sondern sogar überordnet. Während Burke das Schöne ganz im Sinne des Rokoko mit dem Lieblichen und Anmutigen gleichsetzt, ist ihm das Erhabene Synonym für das übermächtig Gewaltige, Schreckliche und Dunkle. Die Nacht, die Einsamkeit, die Wildnis, die Welt des Dämonischen und des Numinosen gehören hier her. – „Ein Traum der Vernunft.“, Gemälde von Johann Heinrich Füssli

Gerd-Klaus Kaltenbrunner
Vom Geist Europas
Ursprünge und Porträts, Band II
384 Seiten, HC
Ares Verlag, 2019
€ 32

Grundzüge jeder Revolution

Die „Reflections“ sind keine systematische Abhandlung, sondern eine zum unmittelbaren Gebrauch bestimmte Streitschrift. Ihr Stil ist der eines parlamentarischen Appells, und Gentz bemerkt treffend: „Burkes Werk ist, nach einem strengen Maßstab beurteilt, nichts als eine Rhapsodie; aber eine Rhapsodie, aus der sich das vollständigste und regelmäßigste System entwickeln läßt.“ Ebenso stimmig ist der Vergleich: „Wer in einem großen Getümmel sichtbar sein will, muß einen erhöhten Standort suchen; und wer ein Ungewitter überschreien will, der muß mit der Stimme des Donners reden.“ Edmund Burke gehört in Wort und Tat zu den „Söhnen des Donners“, von denen im Evangelium nach Markus die Rede ist.

Burkes Buch ist in mehrfacher Hinsicht eine fesselnde Lektüre. Es fasziniert als prophetische Deutung der Französischen Revolution, die, als Burke sein Werk verfaßte, noch im Honigmond freiheitlich-humanistischer Illusionen stand. Auch die meisten der großen deutschen Geister – unter ihnen Kant, Schiller, Klopstock, Fichte, Görres und Hegel – feierten damals noch die Umwälzungen in Paris als Anbruch eines menschenbeglückenden Zeitalters. Anders Burke! Er gewahrte bereits in den bejubelten Anfängen den Beginn eines mörderischen Nivellierungsprozesses. Er sah den Terrorismus der Jakobiner ebenso voraus wie den Aufstieg eines „militärischen Befehlshabers, der es dahin bringen wird, aller Augen auf sich allein zu richten.“ Burke hat also, obgleich beide um 1790 noch völlig unbekannte Figuren der revolutionären Szene waren, sowohl Robespierre als auch Napoleon – die blutige Schreckensherrschaft des radikalen Klubs und die imperiale Militärmonarchie Bonapartes – präzise vorausgesagt.

Wer heute Burkes „Betrachtungen“ liest, wird es naturgemäß kaum tun, um sich über die Geschichte der Französischen Revolution zu informieren. Wenn das Buch trotzdem unvermindert aktuell und faszinierend ist, dann aus einem andern Grund. Sein Verfasser hat am Modell der Ereignisse von 1789 die immer wiederkehrenden Grundzüge und Grundelemente einer jeden extremen Umwälzung herausgearbeitet. Burke ist der illusionslose Analytiker des Dilemmas fast aller Revolutionen; er erblickt hinter dem wechselnden Flitter der propagandistischen Parolen und von Moral triefenden Phrasen die mit beinahe naturgesetzlicher Gewalt zum Durchbruch drängenden Konstanten: Willkür, Brutalität, Chaos, Terror und schließlich den Umschlag von entfesselter Liberalisierung in gnadenlose Tyrannei. Edmund Burke hat somit mittelbar auch alle späteren revolutionären Katastrophen voraussehend dargestellt. Wer seine „Betrachtungen“ liest, der bemerkt plötzlich mit Staunen, daß von ihnen auch Licht fällt auf die russische „Oktoberrevolution“ von 1917, die Ereignisse in Iran unter Ajatollah Khomeini, das Sandinistenregime in Nicaragua, aber auch auf die „Kulturrevolution“ in den angelsächsischen Ländern, die ja noch keineswegs beendet ist. Burke spricht deutlich aus, daß jeder politischen Systemveränderung eine „philosophische Revolution“ vorangeht. Er entlarvt eine gewisse Sorte von „kritischen Intellektuellen“ als neuen „Klerus“, der unduldsamer und fanatischer sei als die herkömmliche Priesterschaft. Die künftigen Galgen, Fallbeile und Konzentrationslager werden in akademischer Windstille vorweg legitimiert.

Konservative Staatsklugheit

Burkes Buch enthält darüber hinaus auch einige klassisch formulierte Grundsätze konservativer Staatsklugheit. Dazu gehört etwa sein Plädoyer für eine „gemischte Verfassung“, in der sich demokratische, aristokratische und monarchische Elemente im Gleichgewicht befinden. Erwähnt sei auch seine Zustimmung zu einer „natürlichen Aristokratie“, die er keineswegs mit dem erblichen Adel gleichsetzt – heute würde er vielleicht von „Elitebildung“ sprechen. Schön ist auch sein Gedanke, daß ein gesunder Staat „eine Gemeinschaft nicht nur zwischen denen, die leben, sondern zwischen den Lebenden, den Toten und den Ungeborenen“ sei. Geistreich sind auch seine Bemerkungen – 1790 formuliert! –: „Es ist das Unglück unseres Jahrhunderts, daß alles diskutiert werden kann ... Eine der Hauptursachen unserer Fortschritte finden wir darin, daß wir die Einsichten nicht verachten, die unsere Vorfahren hinterließen.“ Beherzigenswert erscheint mir auch der Ratschlag, daß diejenigen, die regieren oder sich als regierungsfähig erweisen wollen, über etwas verfügen sollten, was heute überaus rar ist: „Muße zum Lesen, zum Nachdenken und zum Meinungsaustausch.“ Ebenso unveraltet erscheint seine Maxime: „Alle Regierungen, ja alle menschlichen Freuden und Genüsse, jede Tugend und jede kluge Handlung ist auf einen Kompromiß, ein Gleichgewicht gegründet. Wir wägen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten ab; wir nehmen und geben; wir beanspruchen einige Rechte nicht, um uns dafür anderer erfreuen zu können; und wir wollen lieber glückliche Bürger als spitzfindige Wortfuchser sein.“ Ungeachtet ihrer rhetorisch-rhapsodischen Eigenart, ungeachtet auch etlicher Hinweise und Anspielungen auf nicht mehr jedermann bekannte Personen und Ereignisse, sind Burkes „Reflections“ heute noch eine hinreißende Lektüre. Der unmittelbare Anlaß, dem sie ihre Entstehung verdanken, ist längst historisch geworden, doch die Grundprobleme und Perspektiven haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Wer zum Kern seines Denkens vordringt, wird überdies bemerken, daß es, entgegen dem äußeren Anschein, nur einen Burke gibt. Der freiheitliche Lösungen bevorzugende Politiker und politische Denker ist derselbe, der die Französische Revolution (und vor allem die in ihr sich offenbarende Ideologie) ablehnen mußte.

Burke wurde konservativ, weil er ein Liberaler war – ein Liberaler freilich, den Welten vom heutigen „Liberalismus“ trennen. Er wendet sich leidenschaftlich gegen die aufklärerische Annahme, daß gute Politik in der Ausführung idealer Konzepte bestehe. Politische Theorie und Praxis verhalten sich für ihn nicht zueinander wie Reißbrett und Baustelle. Der wahre Staatsmann weist keine Ähnlichkeit mit dem Ingenieur oder Chemiker auf. Politische Klugheit besteht nicht darin, daß irgendwelche Doktrinen (und mögen diese noch so „richtig“ sein) unvermittelt in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Immer und überall gilt es, den Zufall, die konkreten Umstände, die geschichtlichen Verhältnisse, die „circumstances“, zu berücksichtigen.
Burke, der die amerikanische Revolution als berechtigt anerkannte, verdammte die französische, weil sie ihm als eine Ausgeburt abstrakten Spekulierens und Vernünftelns erschien, weil sie nicht an überkommene Rechte, Freiheiten und Institutionen anknüpfte, sondern sich auf doktrinäre Prinzipien und ideologische Fiktionen berief. Wo andere bloß das Abschneiden alter Zöpfe und edelmütigen Reformeifer sehen, nimmt Burke den Beginn eines gnadenlosen Reduktions- und Nivellierungsprozesses wahr, einen verhängnisvollen Schwund an menschlicher Substanz. Von allem Anfang deutet er die Französische Revolution als ein Ereignis von metapolitischen Dimensionen. Vom neuen Schlag des moralisierenden Politintellektuellen befürchtet er das Schlimmste. Er sieht, wie in ihren akademischen Hainen bereits die Galgen und Fallbeile aufgerichtet werden. Burkes Schrift ist eine Kritik dieses neuen Intellektuellentypus, der sich anschickt, das Erbe der Könige, Stände und Parlamente anzutreten. Die „philosophische Revolution“ in Frankreich sei von räsonierenden Literaten und fanatischen Doktrinären bewirkt worden. Er beklagt den „kleinlichen, intoleranten Sektierergeist“ und die neue „Bigotterie“ dieser radikalen Ideologen. Mit Hilfe eines „literarischen Monopolsystems“ schwärzen sie alles an, was sich der Loge des Fortschritts widersetzt, und wo Räsonnement und Witz nicht ausreichen, wird die Intrige zu Hilfe gerufen. Sie haben „eine unterirdische Mine“ gelegt, die in einer gewaltigen Explosion die Erfahrungen von Jahrhunderten verschütten wird. Burke hat erkannt, daß die Demokratie nicht weniger totalitär sein kann als das Regime eines einzigen. Herrschaft der Mehrheit bedeutet nicht notwendig Freiheit für alle. Die Menschen haben ein Recht, gut regiert zu werden. Es gibt aber keine notwendige Verbindung zwischen guter Regierung und Demokratie im Sinne von uneingeschränkter Herrschaft der Majorität oder einer ihr entsprechenden Parteienkoalition. Nur zu oft besteht eine Kluft zwischen dem begehrlichen Willen der vielen und dem wohlverstandenen Interesse der Gesamtheit. Burke ist daher ein Anwalt der „gemischten Verfassung“, von der bereits oben flüchtig gesprochen wurde: „Ich hasse die Tyrannei, aber ich hasse sie am meisten, wo die meisten davon betroffen sind. Die Tyrannei der Menge ist nur eine vervielfältigte Tyrannei.“

Notwendige Vor-Urteile

Mit seiner traditionsbejahenden Haltung verbindet Burke das Bekenntnis, daß der Mensch von Natur aus ein religiöses Wesen sei. Alles, was die Größe Europas ausmacht, verdanke sich dem Geist des Gentleman wie dem Geist der Religion. Dazu gehört auch, daß ein Gemeinwesen nur dann intakt ist, wenn nicht alles hinterfragt, kritisiert und zerredet wird. Ausdrücklich rehabilitiert Burke die von den Aufklärern so verpönten „Vorurteile“ (prejudices). Wir haben ja gar keine Wahl, vorurteilslos zu sein oder nicht. Wir haben nur die Wahl zwischen erprobten und noblen Vorurteilen, in denen sich die unbewußte Lebensweisheit zahlloser Generationen akkumuliert, und den willkürlichen Abstraktionen ehrgeiziger Sophisten. „Eine der Hauptursachen unserer Fortschritte finden wir darin,“ sagt Burke, „daß wir die Kenntnisse nicht verachten, die uns unsere Voreltern hinterließen.“ Das Leben eines Individuums reicht nicht aus, die zum Leben notwendigen Einsichten und Haltungen selbst zu erwerben. Der einzelne ist angewiesen auf „das allgemeine Kapital aller Zeiten und Völker“, jenen Schatz an ihn orientierenden und motivierenden „Vor-Urteilen“, und es empfiehlt sich, „das Vorurteil beizubehalten mit der Weisheit, der es zur Hülle dient, als das Gewand wegzuwerfen und die nackte Weisheit stehen zu lassen, weil ein Vorurteil, das ein Prinzip der Weisheit enthält, zugleich eine Kraft, um dies Prinzip zu beleben, und ein Gefühl der Zuneigung, um ihm Dauer zu verschaffen, bei sich führt.“ Ähnliches hat um 1970 Konrad Lorenz verlauten lassen. Und im Jahre 1990 äußerte die sich zum freiheitlichen Sozialismus bekennende Philosophin Jeanne Hersch bekümmerte Worte, die wie ein Refrain auf Burke klangen: „Es gibt nichts mehr, was die Leute von heute als selbstverständlich betrachten. Nichts ist mehr selbstverständlich. Ich muß gestehen, daß dies mir Angst macht, ebensoviel Angst wie die großen politischen Gefahren, denen wir vielleicht ausgesetzt sein werden.“

Burke war ein freiheitlicher Geist, doch er schrieb auch die Sätze: „But what is liberty without wisdom, and without virtue?“ – „Die Menschen eignen sich zur bürgerlichen Freiheit in genauem Verhältnis zu ihrem Willen, ihrem eigenen Appetit moralische Fesseln anzulegen; im Verhältnis, wie sie lieber auf den Rat der Urteilsfähigen und Rechtschaffenen als auf die Schmeicheleien von Lumpen hören; im Verhältnis, wie ihre Liebe zur Gerechtigkeit ihre Habsucht übertrifft. Die Gesellschaft kann nicht existieren, ohne daß irgendwo eine Bremse des ungezügelten Willens und des Appetits eingebaut ist, und je weniger die Menschen selbst in ihrem eigenen Innern darüber verfügen, um so mehr muß sie ihnen von außen angelegt werden. Es liegt im ewigen Lauf der Dinge beschlossen, daß Menschen von ungezügeltem Charakter nicht frei sein können.“
Diese Bemerkungen finden sich in einem Brief, den Burke an ein Mitglied der Pariser Nationalversammlung schrieb. Sie sind nach wie vor aktuell. Man liest Burke, den Kritiker der Revolution, des Utopismus, der Gleichmacherei und der totalitären Demokratie, wie eh und je mit großem Gewinn. Sein bitteres Wort trifft heute noch mehr als vor zweihundert Jahren zu: „Die Zeiten der Ritterlichkeit sind dahin. Das Jahrhundert der Sophisten, Ökonomisten und Kalkulatoren ist an ihre Stelle getreten, und der Glanz Europas ausgelöscht ...“ Seinen „Betrachtungen“ hat Novalis, der zu den Lesern der Gentz?schen Übersetzung gehörte, begeistertes Lob gezollt: „Es sind viele antirevolutionäre Bücher für die Revolution geschrieben worden. Burke hat aber ein revolutionäres Buch gegen die Revolution geschrieben.“ Am erstaunlichsten aber ist vielleicht das Kompliment eines nichtkonservativen Denkers, des einflußreichen britischen Staatswissenschaftlers und Sozialistenführers Harold J. Laski: „Burkes Werk lebt weiter als Handbuch politischer Weisheit, ohne das die Staatsmänner wie Seeleute auf einem unbekannten Meer sind.“

Veröffentlicht in dem Buch „Vom Geist Europas“ (Band II)

Die Essays des Universalgelehrten Gerd-Klaus Kaltenbrunner erschließen die dreitausendjährige europäische Geistesgeschichte in einzigartiger Weise. Beiträge über Pythagoras, Sokrates, Cicero, Vergil, Ovid, Apollonios von Tyana, Boethius, Schota Rustaweli, Ramon Llull, Meister Eckhart, spanische Mystik, Jakob Böhme, Christoffel von Grimmelshausen, Emanuel Swedenborg, Edmund Burke, Edward Gibbon, Friedrich W.J. Schelling, Clemens Brentano, Justinus Kerner, Carl Gustav Carus, Jean-Henri Fabre, Eduard von Hartmann, Alfred North Whitehead, Miguel de Unamuno, Pavel Florenskij, René Guénon, Lucian Blaga, Lettlands Poesie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 Alle konservativen Wahrheiten des letzten Jahrhunderts sind verklungen, aber seine Predigt von der Heiligkeit der Tradition und von der menschlichen Natur, die nach ihr verlangt, wird ewig lebendig bleiben, mag seines Namens auch wenig mehr gedacht werden. ... Die Einsichtigen unter uns wissen wohl, daß das Erscheinen eines solchen Mannes das einzige, große Mittel ist, unserer Gemeinschaft neues Leben zu geben.

Georg Quabbe: Tar a Ri.
Variationen über ein konservatives Thema. Berlin 1927, S. 188

 
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