Litauen schafft es nur sehr selten in die internationalen Schlagzeilen. Die südlichste der drei baltischen Republiken drängt auch nicht ins Rampenlicht, sondern wirkt lieber fleißig im Hintergrund, um die Sache des kollektiven Westens voranzutreiben. So war es für Litauen selbstverständlich, den NATO-Beschluß nach Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes mitzutragen, und Vilnius (dt. Wilna) erklärte nach dem Gipfeltreffen von US-Präsident Donald Trump mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin am 15. August 2025 in Anchorage, Alaska, seine Bereitschaft, zur Friedenssicherung in der Ukraine Truppen entsenden zu wollen.
Von Dr. Bernhard Tomaschitz
Der Grund für die dezidiert antirussische Außen- und Sicherheitspolitik Litauens liegt in negativen historischen Erfahrungen mit dem russischen Zarenreich und vor allem mit der Sowjetunion, die das Land 1940/41 und dann von 1944 bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1990 besetzt hatte. Vor allem am Ende des Zweiten Weltkriegs, als die UdSSR jeden Widerstand in Litauen im Keim erstickte, wütete der Rote Terror gnadenlos. Das „Schwarzbuch des Kommunismus“ gibt darüber Auskunft: „Nach einer recht lückenhaften Statistik kam es in der Zeit vom 1. Januar bis zum 15. März 1945 allein in Litauen zu 2.257 ‚Säuberungsoperationen‘. Diese Operationen brachten über 6.000 ‚Banditen‘ den Tod. Weitere 75.000 ‚Banditen, Fahnenflüchtige und Mitglieder nationalistischer Gruppen‘ wurden verhaftet. 1945 wurden mehr als 38.000 ‚Angehörige von in sozialer Hinsicht fremden Elementen, Banditen und Nationalisten‘ aus Litauen deportiert. Bezeichnenderweise verzeichnen die Gulag-Lager zwischen 1944 und 1946 einen spektakulären Zuwachs an ukrainischen und baltischen Häftlingen: Die Ukrainer nehmen um 140 % zu, die Balten um 420 %.“
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Als sich 1989 das Entstehen von Unabhängigkeitsbewegungen im Baltikum abzuzeichnen begann, wurden die USA aktiv, indem sie die litauische Unabhängigkeitsbewegung „Sajudis“ unterstützten. Laut dem Autor Bernhard Rode spielte die litauische Diaspora in den USA und in Kanada bei der finanziellen Unterstützung von Sajudis eine bedeutende Rolle, und im Hintergrund zog Washington die Fäden. Rode führt in „Das Eurasische Schachbrett“ aus: „Mit amerikanischer Rückendeckung kam es in der Folge dann auch zur Gründung einer eigenen litauischen Staatsbank, und ‚Bankfachleute aus den Vereinigten Staaten bereiteten längst die Einführung einer eigenen litauischen Währung vor‘. Während die litauisch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen immer schlechter wurden, richteten sich die Hoffnungen der neuen litauischen Führung auf die USA, welche ihr ‚klarmachten, dass nur ein nicht-kommunistisches Litauen auf Anerkennung und finanzielle Unterstützung hoffen konnte‘ – eine klare Aufforderung also, den Bruch mit Moskau nunmehr offen zu vollziehen, was in der Folgezeit auch in die Tat umgesetzt wurde.“
Doch in seinem Bestreben, seinen Macht- und Einflußbereich in Osteuropa auszuweiten, mußte Washington in Litauen einen empfindlichen Rückschlag hinnehmen. Denn bei der Parlamentswahl im Herbst 1992 siegten die in Sozialdemokraten umbenannten Ex-Kommunisten haushoch, während die prowestliche Unabhängigkeitsbewegung „Sajudis“ von Staatspräsident Vytautas Landsbergis ein regelrechtes Debakel erlitt. In der Regierung zeigten dann die Postkommunisten nur wenig Interesse, Litauen außen- und sicherheitspolitisch an die USA und die NATO heranzuführen. Deshalb machten sich 1994 die Parteistiftungen der Republikaner und der Demokraten, das International Republican Institute (IRI) und das National Democratic Institute (NDI) daran, diesen baltischen Staat endgültig dem US-Einflußbereich einzuverleiben, wobei die republikanische Parteistiftung federführend tätig war. Wie die Anfang Juli 2025 aufgelöste US-Entwicklungshilfebehörde USAID in einem Bewertungsbericht aus dem Jahr 1996 festhielt, konzentrierte sich das IRI anfangs auf die Gemeindewahlen 1995 und nahm dabei Parteien in der Mitte oder auf der Rechten unter seine Fittiche. Danach standen die Parlamentswahlen im Oktober 1996 im Vordergrund, und zudem wurden die für Frühjahr 1997 geplanten Regionalwahlen und die Präsidentenwahl 1998 anvisiert.
Das Ergebnis der Parlamentswahl 1996 entsprach ganz dem Wunsch der USA: Die Konservativen gewannen 70 der insgesamt 141 Sitze im Parlament, die Christdemokraten 16, während die Ex-Kommunisten von 73 auf zwölf Mandate abstürzten. Das IRI erklärte, seine Anstrengungen hätten „konkrete Auswirkungen auf das Verhalten der politischen Parteien, vor allem auf lokaler Ebene. Viele politische Aktivisten haben uns überzeugend erklärt, dass sie zum ersten Mal an einer Telefon-Wahlkampagne und an Hausbesuchen teilgenommen haben, ihre Parteistrukturen neu organisierten sowie bessere Beziehungen zu den Medien entwickelten“. Außerdem sei bei der Schulung von Graswurzel-Aktivisten in Litauen neben dem IRI keine andere Organisation aus dem Ausland beteiligt gewesen.
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Ein Grund, warum sich die USA besonders für die rund 65.000 Quadratkilometer große und drei Millionen Einwohner zählende baltische Republik interessierten, ist ihre geographische Lage. Einerseits ist Litauen ein Anrainerstaat der Ostsee, und andererseits geht es um die sogenannte Suwalki-Lücke. Bei der Suwa?ki-Lücke handelt es sich um ein rund 100 Kilometer langes, bewaldetes Flachlandgebiet, das Polen und Litauen verbindet und an Weißrußland, einen Verbündeten Rußlands, sowie an die russische Exklave Kaliningrad/Königsberg, also den nördlichen Teil des ehemaligen Ostpreußen, grenzt. Es gilt, wie das Magazin „Politico“ im April 2025 schrieb, „als einer der verwundbarsten Teile der NATO und dient als wichtiger Landkorridor, der die baltischen Staaten mit dem Rest des Bündnisses verbindet“. Oder anders ausgedrückt: In den Planungsstäben der NATO geht die Befürchtung um, die Suwalki-Lücke könnte Ziel eines russischen bzw. eines koordinierten russisch-weißrussischen Angriffes sein.
Wie „Politico“ näher ausführte, baut Litauen die Straßenverbindung von der Hauptstadt Vilnius ins polnische Augustów auf, um sie auch für Militärtransporte tauglich zu machen. Zudem verläuft durch Litauen und damit auch durch die Suwalki-Lücke die Via Baltica, eine von der estnischen Hauptstadt Tallinn (dt. Reval) nach Warschau führende Verkehrsverbindung, der in den NATO-Planungen eine besondere Rolle zukommt. Litauen modernisiert auch seinen Anteil an der Via Baltica, und der stellvertretende Verteidigungsminister Tomas Godliauskas sagte gegenüber dem Politmagazin zum strategischen Wert der beiden Straßenverbindungen: „Diese Straßen sind für uns aus der Sicherheits- und Verteidigungsperspektive von entscheidender Bedeutung. Sie waren immer schon Teil unserer zivil-militärischen Planungen als wichtige Bodenrouten für die Unterstützung der Verbündeten während einer Krise.“ Die Via Baltica spielte übrigens bezüglich der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten eine wichtige Rolle. Am 23. August 1989, dem 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, bildeten Esten, Letten und Litauer eine 600 Kilometer lange Menschenkette entlang dieser Fernstraße, was als Auftakt der Unabhängigkeitsbewegung gilt. „Der Hitler-Stalin-Pakt ist nach wie vor die Grundlage, auf die sich das heutige Europa stützt, das Europa, zu dem auch wir einst gehörten“, hieß es in dem offiziellen Demonstrationsaufruf.
Aber es gibt auch Stimmen, die vor einer Überwertung der Suwalki-Lücke warnen. Im September 2022 schrieb die britische Denkfabrik Chatham House über „Mythen“ und „Mißverständnisse“ bezüglich der Suwalki-Lücke. So sei unklar, warum russische politische Führer und Militärplaner jemals das Bedürfnis verspüren sollten, „die Lücke zu schließen“, geschweige denn Territorium in den baltischen Staaten zu erobern, um potentielle NATO-Verstärkungen auf diese Weise abzuschneiden. Außerdem würde ein größerer Angriff auf die baltischen Staaten fast unweigerlich zur Aktivierung der Artikel-5-Beistandsklausel des Nordatlantikvertrags führen, „was zu einer Eigendynamik führen könnte, die für den Kreml schwer zu kontrollieren wäre“. Und schließlich verweist Chatham House darauf, daß eine Blockade der Suwalki-Lücke ein zweischneidiges Schwert ist, denn NATO-Truppen können genauso gut russische Militäranlagen in der Region bedrohen, insbesondere im Königsberger Gebiet. Im Falle eines offenen Konflikts sei Kaliningrad ebenso von Isolation und Blockade durch die NATO bedroht wie die baltischen Staaten von Rußland.
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Die USA sind jedenfalls voll des Lobes für Litauen. Seitens des Außenministeriums wird betont: „Als NATO-Verbündeter und EU-Mitglied ist Litauen zu einem starken, effektiven Partner geworden, der sich für die Förderung demokratischer Prinzipien im In- und Ausland einsetzt.“ Dreh- und Angelpunkt der bilateralen Beziehungen bleibe jedoch die Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich, wo das US-Außenministerium Litauen von 2017 bis 2022 im Rahmen des Foreign Military Financing knapp 280 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat. Anerkennend erwähnt wird auch die enge Zusammenarbeit zwischen Litauen und der NATO zur Unterstützung der Ukraine sowie die litauischen Waffenlieferungen an Kiew. Als die litauische Regierung im Mai 2024 strategische Leitlinien für die Beziehungen zu den USA beschloß, hieß es in einer Erklärung des litauischen Außenministeriums, die strategischen Leitlinien betonten die „Notwendigkeit, die politische Aufmerksamkeit der USA für Litauen aufrechtzuerhalten, die militärische Präsenz der USA in Litauen fortzusetzen, die Beziehungen zur US-Regierung und zum Kongress zu stärken“.
Bei der Unterstützung der USA geht Vilnius manchmal so weit, gehörig über das Ziel hinaus zu schießen. 2021 zog Litauen den großen Ärger Chinas auf sich, als es Taiwan die Errichtung eines Vertretungsbüros unter dem Namen „Taiwanesische Repräsentanz in Litauen“ gestattete. Peking sah darin eine direkte Bedrohung seines Ein-China-Prinzips und eine stillschweigende Billigung der taiwanesischen Unabhängigkeitsbestrebungen. Die Gestattung der Verwendung des Namens „Taiwan“ stellt eine undiplomatische und politisch unkluge Provokation Chinas dar. Beispielsweise heißt das taiwanesische Vertretungsbüro in Österreich „Taipei (Taipeh, Anm.) Wirtschafts- und Kulturbüro“. Jedenfalls blieb das Verhalten Litauens nicht ohne Folgen: China berief seinen Botschafter aus Vilnius zurück, wies den litauischen Botschafter in Peking aus und verhängte Wirtschaftssanktionen gegen den baltischen Staat.
Ob insbesondere die Politik Litauens gegenüber Rußland im nationalen Interesse ist, muß stark bezweifelt werden. Der geopolitische Analyst Stefan Korte weist in seinem Buch „Geopolitische Umwälzungen in Osteuropa“ darauf hin, daß Litauen sehr intensiv bemüht zu sein scheint, „seinem vermeintlichen Partner, aber definitiven Hegemon, zu beweisen, wie loyal es ist, und übersieht dabei die Konsequenzen und Probleme, die sich daraus für das eigene Volk und den Staat ergeben könnten, beziehungsweise werden“. Korte führt den Streit mit der Volksrepublik China und Transportverbote für weißrussisches Kalium an den Ostseehafen Klaip?da (Memel) an und bezeichnet die rund einen Monat lang dauernde Sperrung des Landtransits für russische Züge in die Königsberger Oblast im Juni 2022 als „Krönung des außenpolitischen Harakiris“. Dies sei eine mehr als gewagte Handlung gewesen, „wenn man bedenkt, dass die Vereinbarung des Transitverkehrs ein wesentlicher Bestandteil für die Anerkennung der litauischen Unabhängigkeit durch Russland war. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Russen deutlich reagierten, indem sie die Staatsgrenzen Litauens nicht mehr offiziell anerkennen wollten. Dass diese Aktion zu einer schnellen und handfesten Eskalation in der Region hätte führen können, musste jedem der beteiligten Parteien von vornherein klar sein“.
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Die Frauen von Nidden
Die Frauen von Nidden standen am Strand,
Über spähenden Augen die braune Hand,
Und die Boote nahten in wilder Hast,
Schwarze Wimpel flogen züngelnd am Mast.
Die Männer banden die Kähne fest
Und schrieen: „Drüben wütet die Pest!
In der Niedrung von Heydekrug bis Schaaken
Gehen die Leute im Trauerlaken!“
Da sprachen die Frauen: „Es hat nicht Not,
Vor unsrer Türe lauert der Tod,
Jeden Tag, den uns Gott gegeben,
Müssen wir ringen um unser Leben.
Die wandernde Düne ist Leides genug,
Gott wird uns verschonen, der uns schlug!"
Doch die Pest ist des Nachts gekommen
Mit den Elchen über das Haff geschwommen.
Drei Tage lang, drei Nächte lang
Wimmernd im Kirchstuhl die Glocke klang.
Am vierten Morgen schrill und jach
Ihre Stimme in Leide brach.
Und in dem Dorfe, aus Kate und Haus,
Sieben Frauen schritten heraus,
Sie schritten barfuß und tiefgebückt
In schwarzen Kleidern buntgestickt.
Sie klommen die steile Düne hinan,
Schuh und Strümpfe legten sie an,
Und sie sprachen: „Düne, wir sieben
Sind allein noch übriggeblieben.
Kein Tischler lebt, der den Sarg uns schreint,
Nicht Sohn und nicht Enkel, der uns beweint,
Kein Pfarrer mehr, uns den Kelch zu geben,
Nicht Knecht noch Magd ist mehr unten am Leben. –
Nun, weiße Düne, gib wohl acht:
Tür und Tor ist dir aufgemacht,
In unsre Stuben wirst du gehn,
Herd und Hof und Schober verwehn.
Gott vergaß uns, er ließ uns verderben.
Sein verödetes Haus sollst du erben,
Kreuz und Bibel zum Spielzeug haben, –
Nur, Mütterchen, komm uns zu begraben!
Schlage uns still ins Leichentuch,
Du unser Segen, einst unser Fluch. –
Sieh, wir liegen und warten ganz mit Ruh" –
Und die Düne kam und deckte sie zu.
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Eine Erklärung, warum Litauen international mit offenkundiger Selbstüberschätzung auftritt, könnte in seiner Geschichte liegen. Denn anders als die beiden anderen baltischen Staaten, Estland und Lettland, die erst nach dem Ersten Weltkrieg (erstmals) die staatliche Unabhängigkeit erlangten, war Litauen bereits im späten Mittelalter eine bedeutende Macht. Litauen wird als Litua erstmals 1009 in den Quedlinburger Annalen erwähnt als ein Gebiet an der Grenze zu altpreußischen Ländereien, wo Heiden den Heiligen Bruno ermordeten. Bis Ende des 14. Jahrhunderts galten die Litauer als „letzte Heiden“ Europas, was zu ständigen Konflikten mit dem Deutschen Orden führte. Dennoch entwickelte sich Litauen, wie die Bundeszentrale für politische Bildung ausführt, zu einer europäischen Großmacht. Großfürst Mindaugas, der aus Anlaß seiner Krönung 1253 die katholische Taufe annahm, sie später jedoch wieder ablegte, gilt als Staatsgründer. Unter Großfürst Gediminas wurde 1321 Kiew erobert, und 1410 besiegten die Litauer gemeinsam mit dem polnischen Heer in der Schlacht bei Tannenberg den Deutschen Orden. Dazu stellt die litauische Botschaft in Österreich mit Stolz fest: „Das Großfürstentum Litauen reichte nun von der Ostsee bis ans Schwarze Meer und von Polen bis Smolensk. Es wurde zur bedeutsamen Großmacht in Ost- und Mitteleuropa und war damit auf dem Gipfel seiner Macht.“
Als wichtiges Jahr in der litauischen Geschichte gilt 1385. In jenem Jahr bestieg Großfürst Jogaila als König Wladislaw II. Jagiello den polnischen Thron und ließ im Gegenzug sein Land christianisieren. Damit wurde die polnisch-litauische dynastische Union von Krewo gegründet, die bis 1569 bestand, als die Polnisch-Litauische Union, auch Union von Lublin genannt, errichtet wurde. Für diesen Staat wurde auch der Begriff Rzeczpospolita verwendet, der der sich vom lateinischen res publica ableitet. Rzeczpospolita bedeutet jedoch nicht „öffentliche Sache“, sondern „Gemeinwohl“. In den Augen des polnischen Adels war Rzeczpospolita als „Gemeinwohl“ ein Gemeinwesen, das von allen Bürgern geteilt wurde (was damals allerdings nur Angehörige des Adels bedeutete). Als solche wurde sie als eine Fortführung und Weiterentwicklung der römischen republikanischen Ideale wahrgenommen.
Die Gründung der Polnisch-Litauischen Union und ihr Aufstieg zur osteuropäischen Großmacht beflügelten auch das Bildungswesen. Im Jahr 1579 wurde die Universität Vilnius gegründet, welche die älteste Osteuropas ist. Und die Polnisch-Litauische Union hatte auch eine Konsequenz, die sich bis heute auswirkt: Weil Litauen unter polnischen Einfluss geriet, blieb es katholisch, während das heutige Estland und Lettland, wo der baltendeutsche Adel die Richtung vorgab, im Zuge der Reformation protestantisch wurden. Allerdings erwies sich die Rzeczpospolita auf Dauer nicht praxistauglich, was deren Ende zu Folge hatte, wie die Bundeszentrale für politische Bildung ausführt: „Im 18. Jahrhundert lähmte sich Polen-Litauen innenpolitisch zusehends durch das Vetorecht im Adelsparlament selbst und geriet außenpolitisch unter den Druck seiner Nachbarn. Im Zuge der Teilungen des Landes 1772, 1791 und 1795 verleibte sich Russland auch Kurland und weite Teile Litauens ein. Damit waren erstmals die Siedlungsgebiete der Esten, Letten und Litauer nahezu vollständig unter einer Herrschaft vereint, nur einige Litauer lebten weiterhin in Ostpreußen (‚Kleinlitauen‘)“.
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Ännchen von Tharau
Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt,
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
Auf mich gerichtet in Lieb’ und in Schmerz.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!
Käm alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,
Wir sind gesinnt, beieinander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotigung sein.
Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt,
So wird die Lieb’ in uns mächtig und groß
Durch Kreuz, durch Leiden und traurigem Los.
Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt;
Ich will dir folgen durch Wälder und Meer,
Eisen und Kerker und feindliches Heer.
Ännchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn,
Mein Leben schließ’ ich um deines herum.
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Als Teil des Zarenreiches revoltierten die Polen und Litauer zweimal gegen die russische Herrschaft, und zwar 1830/31 mit dem Novemberaufstand und 1863/64 mit dem Januaraufstand. Beide Aufstände scheiterten jedoch und führten zu verstärkter Repression durch Russland. Nach dem Novemberaufstand begann Zar Nikolaus I. ein intensives Russifizierungsprogramm, und die Universität von Vilnius wurde geschlossen. Trotz der Repressionen konnten aber der litauische Sprachunterricht und das kulturelle Leben in Litauen bis zum Januaraufstand weitgehend fortgesetzt werden. Das Scheitern des Januaraufstands, der zu einer Zeit des nationalen Erwachens stattfand, hatte ein bis 1904 bestehendes Verbot des Drucks litauischer Bücher in lateinischen Buchstaben zur Folge. Obwohl der Druck litauischer Sprache mit kyrillischen Buchstaben erlaubt war, setzte ein reger Bücherschmuggel ein. Seitens der litauischen Botschaft in Österreich heißt es dazu: „Der Bücherschmuggel entstand als Widerstandsbewegung gegen eine Maßnahme des zaristischen Russlands. (…) Das Bücherschmuggeln bestand in der Herausgabe litauischer Druckerzeugnisse im Ausland (das waren vor allem das damalige Preußen, Kleinlitauen und Amerika), deren Schmuggel über die Grenzen und weitere Verbreitung im Lande. Diese kulturelle Gegenbewegung, die sich hauptsächlich aus Bauern zusammensetzte und als Teil der nationalen Bewegung zu betrachten ist, war ein wichtiger Faktor bei der Wiederherstellung der Unabhängigkeit im Jahr 1918.“
Zuvor war Litauen im Sommer 1915 vom Deutschen Reich besetzt worden, und nachdem am 16. Februar 1918 der Litauische Staatsrat die Unabhängigkeit proklamiert hatte, gab es in Berlin Überlegungen, Litauen dem Deutschen Reich und insbesondere Preußen anzugliedern. Diese Pläne versuchte der Litauische Staatsrat durch Gründung einer konstitutionellen Monarchie zu durchkreuzen, und am 4. Juni 1918 stimmte sein Präsidium dafür, die litauische Krone dem deutschen Adligen Herzog Wilhelm Karl von Urach anzubieten. Mindaugas II., so der Herzog Wilhelm angebotene Königsname, hat jedoch nicht nur Litauen nie betreten, sondern auch die angebotene Königswürde mangels Zustimmung der deutschen Reichsregierung nicht angenommen. Die erste Zeit der Unabhängigkeit sollte für den jungen Staat äußerst turbulent verlaufen. Im Dezember 1918 begann der Litauisch-Sowjetische Krieg, und bereits Ende Januar 1919 kontrollierte die Rote Armee rund zwei Drittel des litauischen Territoriums. Der Angriff der Roten Armee konnte jedoch durch litauische und deutsche Freiwillige gestoppt werden, und mit dem am 12. Juli 1920 unterzeichneten sowjetisch-litauischen Friedensvertrag erkannte Sowjetrußland die Unabhängigkeit Litauens an. Genau drei Monate später brach für den jungen Staat aber neues Ungemach an: Am 12. Oktober 1920 marschierten polnische Truppen in Litauen ein und besetzten die Hauptstadt Vilnius, obwohl Polen im Vertrag von Suwa?ki vom 7. Oktober 1920 auf gemischtsprachige Gebiete rund um Vilnius offiziell verzichtet hatte. Litauen verlegte daraufhin seine Hauptstadt nach Kaunas. 1923 erkannte der Völkerbund die Besetzung des Wilnaer Gebietes durch Polen an, und Litauen erhielt gewissermaßen als Kompensation das Memelland, das mit dem Versailler Friedensdiktat vom Deutschen Reich getrennt und zu einem französischen Mandatsgebiet geworden war.
Im Gebiet um Vilnius lebt heute noch die polnische Minderheit, die etwa 6,5 Prozent der Gesamtbevölkerung Litauens stellt. Laut Volkszählung von 2011 lebten 1.977 Deutsche in Litauen, was gerade einmal 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Und anders als in Estland und Lettland, wo die Baltendeutschen die Oberschicht bildeten, spielte die deutsche Minderheit in Litauen nie eine bedeutende Rolle. Die erste Ansiedelung von Deutschen geht auf Anwerbungen durch die litauischen Fürsten Mindaugas und Gediminas im 13. und 14. Jahrhundert zurück, und erst im 19. Jahrhundert kam es dann wieder zu einer nennenswerten deutschen Einwanderung. Dabei handelte es sich meist um Kleinbauern aus den ostpreußischen Grenzgebieten, von denen viele Nachfahren von Salzburger Protestanten waren, die 1731/32 aus dem katholischen Erzbistum Salzburg vertrieben wurden und unter dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. eine neue Heimat in den damals entvölkerten Provinzen Ostpreußens fanden.
Wie andere Staaten in Europa in der Zwischenkriegszeit glitt auch Litauen in ein autoritäres System ab. 1926 kam es zu einem Putsch, nachdem die Parlamentswahl einen Linksruck gebracht hatte. 1939 besiegelte dann der Molotow-Ribbentrop-Pakt, der in einem Geheimprotokoll die Interessensphären der Sowjetunion und des nationalsozialistischen Deutschen Reiches in Osteuropa festlegte, das Ende der Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten und damit auch jener Litauens. Nachdem die Rote Armee das damals zu Polen gehörende Wilnaer Gebiet erobert hatte, schlossen die Sowjetunion und Litauen am 10. Oktober 1939 einen Beistandspakt, mit welchem die UdSSR Litauen das Wilnaer Gebiet übertrug und im Gegenzug 20.000 Soldaten im Land stationierte.
Im Frühjahr 1940 erhöhten dann die Sowjets den diplomatischen Druck auf Litauen und stellten dem Land am 14. Juni 1940 ein Ultimatum: Moskau forderte die Bildung einer neuen prosowjetischen Regierung und die Aufnahme einer unbegrenzten Anzahl von Truppen der Roten Armee. Da sowjetische Soldaten bereits im Land waren, blieb Litauen nichts anderes übrig, als das Ultimatum zu akzeptieren, und Präsident Antanas Smetona floh, als 150.000 sowjetische Soldaten die litauische Grenze überquerten. Der sowjetische Vertreter Wladimir Dekanosow bildete die neue prosowjetische Marionettenregierung unter der Führung von Justas Paleckis und organisierte Schauwahlen für den sogenannten Volksseimas. Auf seiner ersten Sitzung am 21. Juli stimmte der Volksseimas einstimmig für die Umwandlung Litauens in die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik und beantragte den Beitritt zur Sowjetunion. Der Antrag wurde am 3. August 1940 vom Obersten Sowjet der Sowjetunion genehmigt, womit die Formalisierung der Annexion abgeschlossen war. Unmittelbar nach der Besatzung begannen die sowjetischen Behörden mit der raschen Sowjetisierung Litauens. Von 1941 bis 1944 stand Litauen unter deutscher Besatzung, und nachdem die UdSSR das Land wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatte, setzte der rote Terror erneut ein. Zwischen 1944 und 1953 wurden fast 120.000 Menschen deportiert, was fünf Prozent der Bevölkerung entsprach. Die sowjetkommunistische Fremdherrschaft dauerte bis 1991, als Litauen seine Unabhängigkeit wiedererlangte.