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Dekonstruktion und Rekonstruktion

Der Westen zwischen Selbstauflösung und Selbstbehauptung

Die Universalisierungs- und Hegemonieansprüche des Westens haben diesen entgrenzt, überdehnt und überfordert. Statt sich aber einer neuen Strategie, etwa einer „Selbstbehauptung durch Selbstbegrenzung“, zuzuwenden, wurde das Scheitern des Hegemoniestrebens in einen utopischen Globalismus umgelenkt, in dem die „eine Menschheit“ partikularen Interessen vorgeordnet wird. Mit der vorrangigen Wahrnehmung weltweiter Probleme („to woke“ heißt wahrnehmen) erfuhren die Interessen und Identitäten des Nahraumes zunehmende Geringschätzung. Wie schnell globales Denken zu lokalem Ruin führt, läßt sich etwa am Zustand der Infrastruktur in Deutschland erkennen.

Von Univ.-Prof. Dr. Heinz Theisen

Hinter dem woken Gutmenschentum verbirgt sich der Wille, den verlorenen Glauben an Gott und an die Existenz einer Wahrheit durch Moralismus zu kompensieren. Eine Folge ist die Migrationspolitik in Europa, die sich in ihren Untiefen als Perversion der Nächsten- in Fernstenliebe deuten läßt. Die widernatürliche Selbstverleugnung von eigenen Interessen etwa an geschützten Grenzen, an günstiger Energie und industriellem Wohlstand ist nur aus unbewußten religiösen Antrieben und ihrer Bereitschaft zum Selbstopfer erklärbar. Mit rationalen Einwänden ist sie nicht mehr erreichbar.

Bei den „Postcolonial Studies“ handelt es sich um den Versuch, den Westen moralisch zu diskreditieren. Ihren Seminaristen ist es gelungen, eine Koalition zwischen ultraliberalen Entgrenzern des Handels, globalistischen Entgrenzern des Nationalstaates und woken Entgrenzern der Geschlechter auf den Weg zu bringen. Die totale Entgrenzung vereint die schlechtesten Extreme von Liberalismus und Sozialismus in sich. Die totale Freiheit des einzelnen bis hin zur Selbstkonstruktion des Geschlechts und die Ausdehnung dieser Rechte auf alle Kulturen wird gefordert. Mit der freien Geschlechterwahl erhebt sich der Mensch vom Geschöpf Gottes zum Selbstschöpfer. – Werbebild der Universität Kent für den Studiengang „Postcolonial Studies“.
Die Linken tun, was die Linke immer tut: Sie zerstören das Alte, um auf dessen Ruinen ihre Fortschrittsprojekte vorantreiben zu können. Als eigentliche Verräter am Westen, an den Werten des Christentums, der Aufklärung und des Bürgertums erweisen sich die ehemals bürgerlichen Parteien. Sie haben ihre metaphysische Orientierung verloren und beschränken sich darauf, das Bordservice im woken Zug des Zeitgeistes zu verbessern und die Fahrtgeschwindigkeit zu reduzieren. Heute muß ihr Etikettenschwindel, als „christliche Parteien“ aufzutreten, als Betrugsversuch am Wähler gelten. – Friedrich Merz
(Bildquelle: Wikimedia Commons/Sandro Halank, CC BY-SA 4.0)

Wenn es darüber auch nicht mehr um richtig oder falsch, sondern um gut oder böse, letztlich um Glaube oder Unglaube geht, werden selbst Dialogangebote als Versuchungen dunkler Kräfte abgewiesen. Wenn zudem in postmodernen Diskursen jeder über seine eigene Wahrheit glaubt verfügen zu können, braucht eine rationale Verständigung nicht einmal mehr angestrebt zu werden, und die Politik verkommt zum reinen Machtkampf der Guten gegen die Bösen.
Der im 19. Jahrhundert aufgekommene Glaube, daß das „Heilsgeschehen“ in der Weltgeschichte (Karl Löwith)2 stattfinde und durch stetige Fortschritte erkämpft werden müsse, hat einen neuen Anlauf genommen. Der Fortschritt als Prozeß der moralischen Höherentwicklung – diese Grundannahme eint von jeher alle linken Strömungen.3 Zur Steigerung der Aufmerksamkeit werden den noch Ungläubigen unablässig apokalyptische Schrecken angedroht – von der Klimakatastrophe bis zu den Russen vor Berlin –, sofern sie nicht endlich die Wege des Heils zu beschreiten lernen. Nachdem die Gleichheitsideologie sich im sozial-ökonomischen Feld durch die Globalisierung als unmöglich erwiesen hatte, wurde die Aufmerksamkeit im sogenannten Kulturmarxismus auf weiche moralische Felder verlagert, vor allem auf die Identitäten von Minderheiten und auf die freiwillige Aufnahme selbst von illegalen Migranten.

Je größer die Aufmerksamkeit für solche Themen wurde, desto weniger blieb für Gefahren übrig, die nicht in den ideologischen Kontext paßten wie zum Beispiel die Islamisierung Europas. Schon die Unterscheidung von Muslimen, Juden und Christen gilt inzwischen als „rassistisch“. Der Dekonstruktion von Unterscheidungen folgt die von physischen Grenzen und damit nach und nach auch der staatlichen Ordnung. Die „No-border-no-nation“-Ideologie geht mit ihren physischen Konsequenzen in eine Dekonstruktion des westlichen Kulturkreises über. Heute sind wir in der Postmoderne an dem Punkt angekommen, wo selbst die Gleichheit zwischen Schöpfer und Geschöpf und zwischen Wahrheit und Unsinn eingefordert wird. Dafür müssen alle Unterschiede zwischen den Menschen, seien es ihre Leistungen, ihre Hierarchien, ja sei es die Biologie, dekonstruiert werden. Die Ursünde der Wissensanmaßung schimmert bei anmaßenden Expertenurteilen und noch mehr bei der Meinungsfreude moralisierender Nichtsnutze hervor, die die Eigenlogik sowohl der Wirtschaft (Gewinn) als auch der Politik (Macht) dekonstruieren und damit die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft untergraben.

Auflösung des Westens als politisches Ziel

Bei den „Postcolonial Studies“ handelt es sich um den Versuch, den Westen moralisch zu dekonstruieren und zu diskreditieren. Ihren Seminaristen ist es gelungen, eine Koalition zwischen ultraliberalen Entgrenzern des Handels, globalistischen Entgrenzern des Nationalstaates und woken Entgrenzern der Geschlechter auf den Weg zu bringen. Die totale Entgrenzung vereint die schlechtesten Extreme von Liberalismus und Sozialismus in sich. Der Ultraliberalismus fordert die totale Freiheit des einzelnen bis hin zur Selbstkonstruktion des Geschlechts, und der neue Globalsozialismus die Ausdehnung aller Rechte auf alle Kulturen. Mit der freien Geschlechtswahl erheben sie sich vom Geschöpf Gottes zum Selbstschöpfer. Beider Energie fließt zusammen in eine Dämonisierung Andersdenkender, in den „Kampf gegen Rechts“, den sie in stalinistischer Diktion zum Kampf gegen den „Faschismus“ stilisieren.
Postmoderne Lebensstrategien verwerfen alles Vorgegebene zugunsten einer maximalen Flexibilität. Dementsprechend haben Unterschiede der Herkunft und Zugehörigkeiten keine Bedeutung mehr. Man soll nicht einmal mehr fragen dürfen, woher jemand kommt. Feststehende Identitäten gelten als bloße Konstrukte, womit die Herkunft und die Einbettung des Menschen in eine Nation, eine Ethnie, eine Klasse oder eine Religion verleugnet wird. Ein Überleben der westlichen Kultur in Gestalt ihrer christlich-aufklärerischen Anschauungen und ihres bürgerlichen Pflichtenethos ist nach diesem Weltbild nicht vorgesehen. Im Gegenteil wird von der „white supremacy“ die Selbstauflösung in eine globale Regenbogenkultur gefordert.

Der Verrat der Konservativen und die neuen Rechten

Die Linken tun, was die Linke immer tut. Sie zerstören das Alte, um auf dessen Ruinen ihre Fortschrittsprojekte vorantreiben zu können. Als die eigentlichen Verräter am Westen, an den Werten des Christentums, der Aufklärung und des Bürgertums erweisen sich die ehemals bürgerlichen Parteien. Nachdem auch sie ihre metaphysische Orientierung verloren hatten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als linke Ideen mal etwas zu kritisieren, mal etwas zu plagiieren. Über diese permanenten Anpassungen wurden sie zunächst relativistisch, dann nihilistisch bis hin zu dem Punkt, an dem der Etikettenschwindel einer „christlichen Partei“ als Betrugsversuch am Wähler gelten muß.
Diese Entgrenzungen auf allen Ebenen können kein gutes Ende nehmen. Die Schuldenberge, die der Westen durch seinen „faustischen“ Drang ins Uferlose angehäuft hat, werden niemals zurückgezahlt, und die Schuldendienste werden immer höher werden. Sie erfordern beständige Steuer- und Abgabenerhöhungen der Bürger und zugleich die Reduzierung öffentlicher Dienstleistungen. Das Schneeballsystem wird früher oder später in Inflationierung und in eine Auflösung der staatlichen Ordnung übergehen, wie es schon im Alten Rom der Fall war. Die westliche Hälfte des römischen Reiches kollabierte, als die Zentrale nicht mehr über genügend Mittel verfügte, um ihren fiskalischen Gesellschaftsvertrag zu erfüllen und die Interessen ihrer steuerzahlenden Eliten zu schützen.Bevor „wir“ wieder konservativ werden können, müssen erst die Voraussetzungen für zu bewahrende Werte und Strukturen geschaffen werden. Der Konservative findet heute nicht mehr viel vor, was noch konserviert werden könnte. Darüber wird die Dekonstruktion der Utopien zur vorrangigen Aufgabe eines Bürgertums, das sich der Bewahrung des Eigenen – Bürger kommt von Burg – verpflichtet weiß.5

Innerhalb der westlichen Welt bauen sich von Ungarn bis in die USA Gegenbewegungen zur Selbstauflösung des Westens auf. Das Vordringen der „Rechten“, d. h. der die Selbstbehauptung des Eigenen fordernden Kräfte, ist eine dialektisch selbstverständliche Konsequenz. Giorgia Meloni sieht den Unterschied zwischen Links und Rechts darin liegen, ob vorgegebene Identitäten geachtet werden oder nicht. Die Linke wollen sich ihre Identität konstruieren, Selbstschöpfer sein statt nur Geschöpf. Die Rechte will nicht etwas werden, sondern sie will bleiben, was sie ist. In ihrem Fall „eine Frau, eine Italienerin, eine Christin, eine Europäerin.“Doch die Dekonstruktionen haben längst die wichtigsten Institutionen des Westens erreicht. Die Europäische Union dekonstruiert mit ihrem anmaßenden Zentralismus den demokratischen Nationalstaat, mit ihren offenen Grenzen die innere Sicherheit, mit endlosen Alltagsregularien die Selbstverantwortung und mit ihrem „Green Deal“ die eigene Industrie. Die NATO hat sich nach 1991 als Defensivbündnis dekonstruiert, um sich dann als Global Player und Offensivbündnis neu entwerfen zu können.

 

Innerhalb der westlichen Welt finden von Ungarn bis in die USA Gegenbewegungen zur Selbstauflösung immer mehr Zulauf. „MAGA“ bringt das Ziel einer Rückkehr zu den besseren Elementen der westlichen Kultur auf den Punkt. Um eine Rekonstruktion vergangener Tugenden einzuleiten, muß Donald Trump zunächst Disruptor sein. Sein Auftreten hat nichts von der vermeintlich bürgerlichen Anpassung der „Konservativen“ an die woke Linke an sich. Er hat sich nie von politischen Korrektheiten das freie Denken und Reden verbieten, sondern dem gesunden Menschenverstand immer sein Recht zukommen lassen.
(Bildquelle: Wikimedia Commons/Gage Skidmore, CC BY-SA 2.0)

Trumps Antworten auf Überdehnung und Niedergang des Westens

Innerhalb der westlichen Welt bauen sich von Ungarn bis in die USA Gegenbewegungen zur Selbstauflösung des Westens auf. Die Parole „Make America Great Again“ (kurz: MAGA) bringt das Ziel einer Rückkehr zu den besseren Elementen der westlichen Kultur auf den Begriff. Um eine Rekonstruktion vergangener Tugenden einzuleiten, muß Donald Trump zunächst Disruptor sein. Sein Auftreten hat nichts von der shitstorm-bürgerlichen Anpassung der „Konservativen“ an die woke Linke an sich. Er hat sich nie von politischen Korrektheiten das freie Denken und Reden verbieten lassen, sondern dem common sense (gesunden Menschenverstand) zu seinem Recht verholfen. Intuitionen sind in einer hyperkomplexen Welt oft trefflicher als ideologische Anmaßungen. Dies gilt schon hinsichtlich der Weltordnung selbst. Die Vorstellung von einer multilateralen Welt, in der alle Mächte im Einklang mit dem Völkerrecht agieren, ist ein verantwortungslose Form der Weltfremdheit. Sie entspringt dem dekadenten Wunsch, nicht mehr kämpfen zu wollen. Hier ist nicht weniger als ein Kampf gegen Dekadenz und eine Rückkehr zur Realpolitik gefordert, die den Drang nach mehr Macht als eine aus der allgegenwärtigen Unsicherheit des Menschen resultierende anthropologische Konstante betrachtet. Auch in der internationalen Politik kann Macht daher nicht abgeschafft und moralisierend überwunden, sondern nur eingehegt und gestaltet werden, etwa durch eine Balance of Power, durch Abschreckung und Bündnissysteme.

Eine Rekonstruktion der Realpolitik könnte an Strategien anknüpfen, die seit dem Wiener Kongreß von 1815 und auch im Kalten Krieg Geltung hatten. Zur Anerkennung von Multipolarität gehört, sowohl die Grenzen anderer Mächte – auch potentieller Feinde – zu achten als auch die eigenen Grenzen vor ihnen zu schützen. Die Grenzsicherung der USA zu Mexiko oder der EU im Mittelmeer ist demnach wichtiger als das Irrlichtern und Intervenieren in anderen Kulturkreisen.
Trump kann der politischen Verständigung den Vorrang gegenüber religiösen und ideologischen Konflikten geben, weil er letzteren wenig Bedeutung beimißt. Sein weltanschauliches Desinteresse ist gut für den Frieden. Es sind die Anmaßungen von Intellektuellen, die immer wieder zu verheerenden ideologischen Irrtümern beigetragen haben. Trump ist weder Ideologe noch naiv. Seine im New Yorker Immobilienmilieu geschulte Bauernschläue läßt sich auch nicht von lügenden Mullahs einseifen.

Er träumt nicht von der Gleichheit der Kulturen und läßt etwa Saudi-Arabien Saudi-Arabien sein. Er „dealt“ mit undemokratischen Regimen, weil er Demokratie nicht als die allein gültige Systemform auf Erden erachtet. Bekenntnisse zur Demokratie sind ihm jedenfalls keine Kriege wert. Rußland und Putin bewertet er nicht nach moralischen, sondern nach geopolitischen Kategorien. Die NATO will Trump als ein Bündnis rekonstruieren, das sich auf den Westen begrenzt. Den Europäern hat er klar gemacht, daß ihre dekadente Verweigerung von Wehrhaftigkeit nicht mehr durch amerikanisches Engagement ersetzt wird, und in wenigen Monaten ein Einknicken der anderen NATO-Mitgliedern erreicht. Mit ihrer Selbstverpflichtung auf eine drastische Erhöhung des Verteidigungs­haushaltes kann er geradezu eine Erzieherfunktion im westlichen Bündnis beanspruchen. Eine bessere Strategie ist noch wichtiger als die Anhäufung von Waffen. Die fehlgeleiteten westlichen Energien in den Ukrainekrieg will Trump – nach den notwendigen neuen Grenzziehungen zu Rußland – auf andere Problemfelder umlenken, vor allem auf den Kampf gegen illegale Migration, aber auch auf die Eindämmung von China und den Iran.

Hinsichtlich des Ukrainekrieges vertritt er eine Haltung, die quer zum Gesinnungseifer der Westeuropäer steht, die meinen, sich im Geist des Universalismus in die Angelegenheiten des osteuropäischen Kulturkreises einmischen zu sollen. Eine multipolare Ordnung fordert von den Großmächten auch, sich nicht gegenseitig in Frage zu stellen und nicht in den Vorgarten einer konkurrierenden Großmacht vorzudringen. Die Entneutralisierung der Ukraine durch die Vorgängerregierungen Obama und Biden hatte das Unheil heraufbeschworen. Mit seinem Respekt vor der Machtsphäre Rußlands leitet er den Übergang von einer kriegsträchtigen Hegemoniepolitik zu einer Geopolitik ein, die auch geographische Realitäten akzeptiert und Großmächte anders beurteilt als Kleinstaaten. Dieser Paradigmenwandel von der Universalität des Westens zur multipolaren Weltordnung hilft bei der Rekonstruktion der Koexistenzstrategien des Kalten Krieges.Im „America First“ stehen zunächst die eigenen nationalen, sodann – wie er mit seinem Einsatz für Israel bewiesen hat – die Interessen von Bündnispartnern im Vordergrund. Die Einsicht in die Notwendigkeit robuster Grenzen leitet das Ende des Globalismus ein: mit der Abkehr von den Projekten der WTO und dem Weltklimaabkommen, effektiverem Grenzschutz, klarer Parteinahme für das westliche Israel und mit Zöllen als Mittel zur Ordnung der Wirtschaftsbeziehungen.

Die Strategie einer Selbstbehauptung durch Selbstbegrenzung erfordert aber auch, den Übergriffigkeiten anderer Mächte in die westliche Hemisphäre entgegenzutreten. Diese Gefahr sieht Trump nicht von Rußland, sondern von China ausgehen. Die handelspolitische Eindämmung Chinas ist zugleich im wirtschafts- und im sicherheitspolitischen Interesse des Westens. Die lange Liste unlauterer Handelspraktiken Chinas – staatliche Subventionen, Dumping-Preise, Zwangsarbeit, Diebstahl geistigen Eigentums, strategisches Infiltrieren von Lieferketten, Ausbeutung hochmoderner westlicher Technologie zur Verfolgung militärischer Ziele, Cyberangriffe auf die Wirtschaft anderer Staaten – hat mit fairem Handel nichts zu tun. Es war die reine Naivität eines sich liberal gebenden internationalen Gutmenschentums, dies alles unter dem Etikett des „freien Welthandels“ zugelassen zu haben. Der Freihandel der vergangenen Jahrzehnte hat Arbeitsplätze in China geschaffen und in den USA vernichtet. Er war die Voraussetzung für den Aufstieg Chinas zur Weltmacht. 2024 belief sich die chinesische Wirtschaftsleistung kaufkraftbereinigt und gemessen am BIP auf 38,22 Billionen Dollar und die der USA auf 29,2 Billionen.

Nach Schätzungen kostet der Diebstahl geistigen Eigentums durch China amerikanische Unternehmen weltweit jährlich bis zu 600 Milliarden US-Dollar. Das sind auf jeden einzelnen Amerikaner umgerechnet beinahe 2.000 US-Dollar. Einem aktuellen Bericht des Branchenverbands der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche (Bitkom) gemäß kosteten Cyberangriffe und Wirtschaftsspionage die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr fast 270 Milliarden Euro, 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Das sind umgerechnet über 3.000 EUR pro Kopf.Unbestritten sind Zölle ein zweischneidiges Schwert für den Welthandel, aber dies bedeutet eben auch, daß sie nicht per se des Teufels sind. Sie können dem einen nutzen und dem anderen schaden, gleiches gilt auch für den Freihandel. Trump will die USA auch deshalb reindustrialisieren, um sie stärker von China abkoppeln zu können. Für die Souveränität der USA müssen die Handelsdefizite reduziert, Energie billiger und die amerikanische Wirtschaft wettbewerbsfähiger gemacht werden.9

Bevor „wir“ wieder konservativ werden können, müssen erst die Voraussetzungen für zu bewahrende Werte und Strukturen geschaffen werden. Giorgia Meloni sieht den Unterschied zwischen Links und Rechts darin liegen, ob vorgegebene Identitäten geachtet werden oder nicht. Die Linken wollen sich ihre Identität selbst konstruieren und Selbstschöpfer werden statt nur Geschöpf. Meloni will bleiben, was sie ist: Eine Frau, eine Italienerin, eine Christin, eine Europäerin.
(Bildquelle: Wikimedia Commons/Governo italiano, CC BY 3.0 IT)

Make Europe Great Again?

Die Europäer sind mit ihrer Teilhabe am Krieg in der Ukraine nach Osten überdehnt und nach Süden gegenüber der Massenmigration aus der islamischen Welt schutzlos. Nach innen sind die Staaten der EU und die Gesellschaften des Westens über die Wahrnehmungen dieser Gefahren zerstritten. Seit der Wiederwahl von Trump ist die EU zudem mit den USA zerstritten. Dem amerikanischen Präsidenten werfen ihre Mitgliedstaaten zugleich mangelndes Engagement in der Ukraine und Überengagement für Israel vor. Offenkundig besteht zwischen den USA und der EU keine Übereinkunft über die Grenzen des Westens und den ihnen drohenden Gefahren.

Die Selbstüberschätzung der Westeuropäer beginnt schon beim Namen: Wie selbstverständlich setzen sich die Vertreter der EU mit Europa gleich. Dabei ist schon die religiös-kulturelle Teilung Europas nach einem westlichen, (ehemals) katholisch-protestantischen und einem russisch-orthodoxen Christentum grundlegend für das teils exzessive, teils überaus skeptische Freiheitsverständnis. Die geplante Ausdehnung der EU bis in teils muslimische Balkanstaaten und in die russische Einflußsphäre (Ukraine, Georgien) überdehnt bereits die kulturelle Zusammengehörigkeit bis zu dem Punkt, an dem die Ausdehnung mit der Auflösung der EU einherzugehen droht. Diese wird nur eine Zukunft haben, wenn sie ihre kulturellen und politischen Grenzen erkennt und zu beschützen in der Lage ist. Selbstverständlich wäre es möglich, Europas Grenzen zu sichern. Australien oder auch Ungarn und Polen in der EU beweisen dies seit vielen Jahren. Allein es fehlt der Wille. In der neuen Ratspräsidentschaft Dänemarks deutet sich jedoch ein Umdenken bezüglich irrealer Asylgesetze an. Die wahre Bedrohung für Europas Sicherheit kommt weitgehend ungehindert aus dem Süden. Nicht Rußland, sondern der Islam droht Europa zu übernehmen – ohne daß die Bedrohung überhaupt allseits bemerkt wird. Die EU braucht wirksame Grenzbarrieren; die Grenzstaaten müssen ermächtigt werden, ihre Streitkräfte einzusetzen.

Die Selbstbehauptung der EU würde mehr Dezentralität nach innen und mehr Einheit und Stärke nach außen voraussetzen. Die Alternative eines „Ja oder Nein“ zu Europa würde in der Dialektik einer Vielfalt nach innen und gleichzeitigen Einheit und Stärke nach außen aufgehoben. Eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft wäre über ein gemeinsames Oberkommando herstellbar. Die EU bräuchte Zusammenarbeit in allen Bereichen, die der Verteidigung der lebenswichtigen Interessen dienen: Zugang zu strategischen Ressourcen, Kontrolle der Außengrenzen, gemeinsame Verteidigung. Dieser enorme Machtzuwachs, vergleichbar mit dem einer gemeinsamen Handelspolitik, müßte durch Dezentralisierung anderer Felder zugunsten der Nationalstaaten kompensiert werden. Als institutionelles Modell einer solchen Wende könnte das Heilige Römische Reich dienen. Ein halbes Jahrtausend gelang es diesem, seine Grenzen erfolgreich zu verteidigen und gleichzeitig die Freiheit und die Vielfalt unzähliger Königreiche und Städte zu gewährleisten. Nationale Identitäten und ein christlich-abendländischer Patriotismus sind keine Gegensätze.

Dem geistig-moralisch verwahrlosten Westeuropa bleibt vor allem die Hoffnung, daß aus den USA noch immer Gutes (wie auch Schlechtes) nach Europa übergeschwappt ist. Bei der überfälligen, aber wiederum übertriebenen und vor allem in die falsche Richtung, nämlich nach Osten statt nach Süden, gelenkten Aufrüstung der NATO ist schnelle Einsicht eingekehrt.
Bis zur Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit wären die Europäer gut beraten, ihre Stärkung nicht gegen die USA, sondern im Rahmen des westlichen NATO-Bündnisses zu suchen. Mit diesem drückt sich auch die Zusammengehörigkeit des Westens als Kulturkreis aus. Die amerikanische Kultur ist in vielerlei Hinsicht ein Produkt europäischer Philosophie und Theologie wie auch natürlich der Migrationsbewegungen, die aus Europa kamen.

Der zum katholischen Glauben konvertierte US-Vizepräsident James David Vance verbindet seine Appelle gegen die sozial ruinösen Folgen des Globalismus mit der notwendigen Rekonstruktion christlicher Tugenden. Er benennt einen auf Augustinus und Thomas von Aquin zurückgehenden „Ordo amoris“ als Leitbild einer Realpolitik, die sich am Möglichen orientiert: Jeden Menschen auf der Erde als Nächsten anzusehen, wie es Papst Franziskus als Reaktion auf Vance umgehend forderte, ist irreal und leistet dem ersatzreligiösen Globalismus Vorschub.

Christentum als Leitkultur

Die Ursünde der Wissensanmaßung steht am Beginn aller totalitären Projekte: von der Schaffung einer sozialistischen Natur des Menschen bis zur Universalität unserer Werte oder der neuen Geschlechterordnung. Seit dem Turmbau von Babel wissen wir, wie das endet. Aus der Bibel könnten wir mehr Demut und Bescheidenheit lernen.

Eine Rekonstruktion der biblischen Weisheiten wird nicht zu neuer Massengläubigkeit führen, aber das Bewußtsein von kulturtragenden Gemeinsamkeiten schärfen. Mangelnde Einsicht in die kulturprägende Rolle einer Religion erzeugt ein kulturelles Vakuum, in das innere und äußere Feinde eindringen. Ohne eine gelingende Rekonstruktion unserer Kultur gibt es keinen Grund, sie zu verteidigen. Dementsprechend hielt man es in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr für nötig, Vorkehrungen zu ihrer Verteidigung zu treffen. Rod Dreher definiert Kultur als eine Lebensweise, die der gemeinsamen Gottesverehrung eines Volkes entspringt. Das für uns Heiligste bestimme Form und Inhalt unserer Kultur. Das lateinische Wort cultus bedeute „Anbetung oder Gottesverehrung“. Das Revolutionäre unserer Zeit liege darin, daß der Westen erstmals in der Geschichte der Menschheit den Versuch unternommen habe, eine Kultur auf der Abwesenheit des Glaubens an eine höhere Ordnung aufzubauen. In diesem Sinne sei der Westen dabei, eine Anti-Kultur zu errichten.10

Nur wenige Geisteswissenschaftler widmen sich der normativen Aufgabe einer Rekonstruktion der eigenen Kultur. Noch immer mühen sie sich mit der Dekonstruktion der Werte und Institutionen ab, um damit globalen Idealen und Szenarien den Weg zu bereiten. David Engels hält hingegen den Niedergang der Transzendenz und einer höheren Realität jenseits unterschiedlicher Perspektiven für den Kern des Niedergangs. Er finde sich schon in den öffentlichen Diskursen. Jedes konstruierte Denken müsse, bewußt oder unbewußt, auf apriorischen Grundlagen beruhen, wenn es nicht in der Sterilität bloßer Dekonstruktion versinken und letztlich Relativismus und Nihilismus das Tor öffnen wolle. Wird Gott durch die Verabsolutierung der Nation oder des Fortschritts ersetzt, weiche der absolute und transzendental begründete Rahmen des Abendlandes dem Relativismus des bloßen Aushandelns.11 Im Kontext des Globalismus wird die christliche Soziallehre neue Bedeutung erlangen. US-Vizepräsident James D. Vance hat als junger Autor die Dekonstruktion der Industriearbeiterschaft im Mittleren Westen in seinem Buch „Hillbilly Elegy“ (2016) analysiert. Während die Global Players mit Hilfe neuer Technologien Entgrenzungen als Wert in sich feierten, blieben den Local Players nach dem Verlust ihrer Arbeit und damit ihrer Identität nur billige Konsumgüter und staatliche Sozialhilfen übrig. Die damit einhergehende seelische Demoralisierung trug in den einst bürgerlichen Milieus zur Verbreitung der Drogenszene bei.

Der zum katholischen Glauben konvertierte Vance verbindet seine Appelle gegen die sozial ruinösen Folgen des Globalismus mit der notwendigen Rekonstruktion christlicher Tugenden. Er benennt einen auf Augustinus und Thomas von Aquin zurückgehenden „Ordo amoris“ als Leitbild einer Realpolitik, die sich am Möglichen orientiert. Jeden Menschen auf der Erde als Nächsten anzusehen, wie es Papst Franziskus als Reaktion auf Vance umgehend forderte, ist irreal und leistet dem ersatzreligiösen Globalismus Vorschub. Mit dem Subsidiaritätsprinzip der christlichen Soziallehre steht eine Theorie bereit, die aktueller und notwendiger nicht sein könnte. Sie lehrt, sich zuerst um die Seinen, die Kommune, den eigenen Staat und – auf dieser Grundlage – dann erst um weitergehende, immer abstrakter werdende Kategorien wie eben jener von der „einen Menschheit“ zu kümmern. Der allumfassenden Liebe wird damit eine abgestufte Verantwortungsethik entgegengehalten. Auch in diesem Feld brauchen wir keine neuen Visionen und Innovationen, sondern die Rückkehr zu einer bewährten Weisheitslehre.

Zeitenwende nach dem Ukraine-Krieg?

Über den Ukrainekrieg ist das geopolitische Denken im Westen wieder in Mode gekommen. Zuvor wurde es finsteren Kräften in amerikanischen think tanks überlassen, bar jeder Anschauung mit wohlklingenden Begriffen ihre imperialen Überdehnungsprojekte zu entwerfen. Angesichts des Ringens zwischen dem Islam, Israel und Europa werden wir geopolitische um geokulturelle Kategorien ergänzen müssen. Experten zum Nahen Osten sollten sich schon mit den dortigen Religionen auskennen. Nachdem der westliche Anspruch auf Unipolarität und Hegemonie mit der vorangetriebenen Entneutralisierung der Ukraine und Georgiens die Einflußsphäre und Sicherheitsinteressen Rußlands in Frage gestellt hatte, kam es zu dem fraglos völkerrechtswidrigen Angriff Rußlands. Durch die Geld- und Waffenlieferungen von NATO-Staaten an die Ukraine droht die indirekte Konfrontation des Westens mit Rußland in eine direkte umzuschlagen. Gespräche zwischen Trump und Putin haben diese Gefahr verringert.

Selbst befreundete Staaten wie Brasilien und Indien verweigerten dem Westen bei den Rußland-Sanktionen die Solidarität und orientieren sich zudem an einem neuen Staatenbündnis: der BRICS-plus. In ihr spielt die ideologische Ausrichtung der politischen Systeme keine Rolle. Sie entzieht sich der Zweiteilung nach westlichen Demokratien und Autokratien.12 Eine Rekonstruktion Europas könnte mit der Teilung zwischen einer dann russischen Ost-Ukraine und einer dann west-europäisch orientierten West-Ukraine in ein neues Gleichgewicht der Mächte in Europa übergehen.13 Emmanuel Todd ist davon überzeugt, daß die Bemühungen der USA, Deutschland von Rußland zu trennen, letztlich scheitern werden. Die ihnen gemeinsame Geburtenrate von 1,5 Kindern pro Frau stimme Russen und Deutsche versöhnlich und nähere sie einander an. Sie könnten nicht mehr gegeneinander Krieg führen. Hingegen würden sich ihre wirtschaftlichen Spezialisierungen gegenseitig so gut ergänzen, daß sie den Chancen der Kooperation nicht dauerhaft entgegenstehen werden.14

Es ist alles eine Frage der Kategorie: Gemäß der moralischen Kategorie haben die Ukraine und ihre Helfer recht, gemäß der kühlen, geopolitischen Sicht war es töricht, den Großmachtstatus Rußlands in Frage zu stellen. Diese Sicht hat sich der Realist Trump zu eigen gemacht. Jetzt will das Mündel EU Vormund sein und den Krieg zur Not aus eigener Kraft fortsetzen. Anders als wohl ein großer Anteil der weltweit ca. 2 Milliarden Muslime sehen sich die Russen – Angehörige des christlichen Kulturkreises – nicht als geborene Feinde des Westens. Den strategischen Irrtümern des Westens liegt die Verkennung des Unterschieds von Autoritarismus und Totalitarismus zugrunde. Der Autoritarismus von Rußland und China ist ein Übel, aber eben das kleinere Übel. Während autoritäre Regime primär an ihrer Herrschaftssicherung und Stabilität interessiert sind, richten totalitäre Regime, gleichviel ob kommunistisch, nationalistisch oder islamistisch, ihre Herrschaft auf Ausdehnung aus. Der religiöse Totalitarismus ist aufgrund seiner auf das Absolute und damit auch ins Grenzenlose zielenden Eigendynamik wesensmäßig nicht zu beschwichtigen; er kann nur immer wieder eingedämmt werden.

Die autoritäre Oligarchie Rußland erhebt im Gegensatz zur kommunistischen Zeit und im Gegensatz zum Islam keine universalistischen Ansprüche. Was aus Ländern wurde, die auf ihren eigenen Territorien dem Islam zu viel Raum gewährten, sieht man heute am Libanon (ehemals christlich), an Pakistan (ehemals hinduistisch), an Afghanistan (ehemals buddhistisch), an Ägypten (ehemals koptisch-christlich) und am Iran (ehemals laizistisch und pro-westlich). Die Blindheit des Westens gegenüber seinen Feinden ist nur aus der jahrzehntelangen Dekonstruktion kultureller Bildungsinhalte erklärbar, in der statt der Selbstbehauptung die Selbstkritik bis hin zur Selbstauflösung der eigenen Identität im Mittelpunkt standen. Im Zusammenprall mit dem Islam gewähren die Europäer jene Toleranz, die gegenüber dem politischen Totalitarismus ihnen schon zweimal zum Verhängnis geworden ist. Selbst wenn von den etwa 50 Millionen Muslimen in Europa nur jeder Zehnte Islamist ist, erwächst daraus ein Sicherheitsproblem – zuerst und vor allem für die jüdischen Mitbürger in Europa. Die schleichende Eroberung Europas erfolgt derzeit noch meist friedlich mittels Inanspruchnahme der sozialen Infrastruktur. Aber der Judenhaß ist in Europa schon manifest geworden.

 

Die meisten Geisteswissenschaftler mühen sich nach wie vor mit der Dekonstruktion der Werte und Institutionen ab, nur wenige widmen sich der Aufgabe einer Rekonstruktion der eigenen Kultur. Zu ihnen zählt der Historiker David Engels, der das Schwinden der Transzendenz für die eigentliche Ursache des Niedergangs hält. Davon abgesehen wird Europa in der Zukunft auch nur dann bestehen können, wenn es sich die Politik des römischen Kaisers Augustus zum Vorbild nimmt, der „Rom“ von einer ethnischen zu einer zivilisatorischen Identität umgelenkt hat, die sowohl inklusiv als auch konservativ war. Nichtrömer konnten sich durch den Nachweis ihrer Loyalität gegenüber dem Staat, durch Militärdienst oder durch das Erlernen der lateinischen Sprache in verschiedene Formen der Staatsbürgerschaft integrieren.
Bildquelle: European Conservative
Arnold Toynbee (1889–1975) hat in seinem Monumentalwerk „A Study of History“ den Aufstieg und Niedergang von 26 Zivilisationen erforscht. Bei allen Unterschieden ist ihnen eins gemeinsam: Sie alle sind nicht an äußeren Ursachen, sondern an sich selbst zugrunde gegangen.
(Bildquelle: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 NL)

Kampf für die Zivilisation

In der deutschen Geistesgeschichte gibt es die Unterscheidung von den ideellen Werteordnungen der Kulturen und den Funktionslogiken der Zivilisation. Eine Zivilisation als geordnetes und funktionierendes Zusammenleben erfordert vor allem Kooperation zwischen den ausdifferenzierten wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Funktionssystemen, die kulturelle und politische Unterschiede auf einer höheren Stufe aufzuheben helfen.

Die größte Gefahr liegt in ihrer Leugnung – und in der damit verbundenen Wahrnehmung einer falschen Gefahr. Die im Vergleich marginalen Unterschiede zwischen der autoritären Oligarchie Rußlands und den korrupten liberalen Oligarchien der Ukraine werden vom Westen für wichtiger erachtet als der Kulturkampf, der vom Nahen Osten nach Europa übergreift. Der Herd des heutigen Islamismus ist lokalisierbar. Seit der Machtergreifung 1979 setzten die Mullahs ihre Macht nicht nur im Iran mit brutaler Gewalt durch, sondern auch international zur Ausweitung ihrer Mission. Sie setzen alles daran, den Nahen Osten in ihrem Sinne zu destabilisieren, ob im libanesischen Bürgerkrieg durch die Unterstützung der Hisbollah gegen die damals noch gegebene christliche Vorherrschaft, ob durch Unterstützung der Huthis im Jemen, ob durch die von Hamas, Hisbollah und Huthis gegen Israel. Während viele Kommentatoren den Nahostkonflikt vornehmlich nach moralischen und territorialen Kriterien kommentieren, hat Trump hat mit der Bombardierung iranischer Atomanlagen die Eindämmung des Übels als westliche Aufgabe anerkannt.

Gemäß der bloß binären Unterscheidung nach Demokratie und Diktatur ist der Westen von Feinden umringt. Im Glauben, daß die autoritären Mächte China und Rußland globale Ambitionen hegen, scheint er sogar seinen Wohlstand opfern zu wollen.15 Auch hier schimmert der westliche Universalismus durch, der sich für das Maß aller Dinge hält. Die Kernthese unterstellt Rußland und China einen Willen zur Weltmacht. Die Machteliten in Rußland und China gingen auch deshalb zur Konfrontation mit dem Westen über, weil sie sich von demokratischen Bewegungen im Innern bedroht fühlen. Mit der Präsidentschaft von Donald Trump brauchen sie keine Angst mehr vor Interventionen zu hegen, die vom Westen vorangetrieben werden. Der „Imperialismus“, der beiden Mächten unterstellt wird, müßte im Rahmen einer multipolaren Weltordnung eingedämmt werden – wie der westliche auch. Ein defensiver Imperialismus, der sich auf die Stabilisierung der eigenen Machtsphäre begrenzt, sollte als Ordnungsentwurf anerkannt werden. Wo eine imperiale Macht fehlt, wie im Nahen Osten, droht endlose Gewalt und Chaos.

Im Rahmen der Unterscheidung von Autoritarismus und Totalitarismus sollte auch an der Unterscheidung von Islam und Islamismus festgehalten werden. Sie ermöglicht eine Politik des „Teile und verteidige“ durch Koexistenz gegenüber gemäßigten islamischen Staaten und – dann oft mit ihrer Hilfe – der Eindämmung des totalitären Islamismus. Im Verhältnis Israels zu den Arabern könnte der alte Kampf der Mächte und Kulturen idealerweise in einen Kampf für die Zivilisation übergehen, der sich gemeinsam gegen islamistische und selbstzerstörerische Barbarei wendet. Nur ein Paradigmenwandel vom Kampf der Religionen zum Kampf für die Zivilisation, wie er sich im Abraham-Abkommen andeutet, böte auf Dauer eine Chance auf die Existenz Israels durch Koexistenz mit seinen Nachbarn.16 In einer statt auf politischen und kulturellen Wettbewerb auf Stabilität und Entwicklung ausgerichteten Weltzivilisation wären die Mächte aufeinander angewiesen. Während die amerikanische Regierung in diese Richtung arbeitet, fehlt es den Europäern an geopolitischen und geostrategischen Einsichten in die Notwendigkeit einer multipolaren Weltordnung.

Ist es denn noch möglich?

Der Untergang des Westens ist aus der kulturphilosophischen Perspektive eines Oswald Spengler nur eine Frage der Zeit. Sofern man die Weltgeschichte als ständigen Kampf gegen das Unheil wahrnimmt, kann es aber immer nur um neue Aufschübe gehen. Auch Kulturen sind sterblich, und es ist nur die Frage, wie lange sich der Tod der westlichen Kultur aufschieben läßt. Arnold J. Toynbee (1889–1975) hat in seinem Monumentalwerk „A Study of History“ (Der Gang der Weltgeschichte) Aufstieg und Niedergang von 26 Zivilisationen erforscht. Bei allen äußerlichen Unterschieden erkannte er, daß sie alle nicht aus äußeren Ursachen, sondern an sich selbst zugrunde gegangen sind. Sie hätten sich jeweils um unmittelbare Bedrohungen nicht ausreichend gekümmert, vielmehr sich in angenehmeren Inhalten verzettelt. Am bekanntesten ist der eifernde Diskurs der Stadtherren von Konstantinopel über die Natur der Engel, als die Osmanen bereits vor den Toren standen; vielleicht eine Parallele zu den Geschlechterdebatten von heute. Aber wir können auch aus Erfolgen lernen und Einsichten aus der Antike schöpfen. David Engels empfiehlt uns etwa die Kulturpolitik des römischen Kaisers Augustus. In einer zum heutigen Europa ähnlichen Situation hat er Rom von einer ethnischen zu einer zivilisatorischen Identität umgelenkt, die sowohl inklusiv als auch konservativ war. Nichtrömer konnten sich durch den Nachweis ihrer Loyalität gegenüber dem Staat, durch Militärdienst oder durch das Erlernen der lateinischen Sprache in verschiedene Formen der Staatsbürgerschaft integrieren.

Toynbee hat weiterhin erkannt, daß in untergehenden Kulturen die Oligarchien zu einer immer despotischeren Form der Herrschaftssicherung übergehen.17 Parallelen zur deutschen Gesinnungsoligarchie aus Bildung, Medien, „Zivilgesellschaft“ und Justiz sind offenkundig. Nur neue kreative Minderheiten werden die Rekonstruktion des Westens ermöglichen. Sie sollten keine Gegenextreme bilden, sondern nach tragfähigen Synthesen zwischen Globalismus und Nationalismus, Offenheit und Sicherheit, Freiheit und Ordnung, ökonomischen Vernetzungen und dezentralen politischen Strukturen suchen. Globale Prozesse erfordern die Konnektivität weltweiter Netzwerke, und diese sind auf die Tragfähigkeit dezentraler politischer Strukturen wie vor allem von souveränen Nationalstaaten angewiesen. Die Netzwerke werden von den Knoten zusammengehalten.

Die nachkommunistischen Länder Mitteleuropas verspüren anders als das woke Westeuropa keinen Drang zur Selbstauflösung ihrer Freiheit und Unabhängigkeit, auch nicht gegenüber einer zentralistisch agierenden EU. Das vor allem von Ungarn verfochtene Paradigma einer Selbstbehauptung des Eigenen greift auf andere europäische Demokratien über. Auch in Westeuropa erkennt man Anläufe für Sprünge von der Dekonstruktion zur Rekonstruktion. Die Beschwörung vergangener Tugenden gilt manchen als rückwärtsgewandte Utopie. Dies gilt aber nicht für zeitlos gültige Werte und Strukturen. Kulturen sind zerstörbar, wandelbar und wieder aufbaubar. Aber auch wenn sich letzteres heute als nicht mehr möglich erweisen sollte, ist es dennoch unsere Pflicht, die Erinnerung an unser Erbe für künftige Generationen zu retten.18 Schließlich bleibt die Hoffnung auf jene Rettungsboote, deren Passagiere wichtige Elemente der eigenen Kultur im kleinen Kreis fortführen werden.

Spanien war 781 Jahre lang von Muslimen besetzt und wurde doch wieder eine christliche und später eine demokratische Nation. Europa hat den Dreißigjährigen Krieg und zwei Weltkriege überstanden – nicht, indem es sich ganz neuen Ideen, sondern indem es sich den besseren Elementen seiner eigenen Kultur zugewandt hat. Die wichtigste Voraussetzung für alle weiteren Rekonstruktionen wäre jenes freie Denken in offenen Diskursen, das noch vor Jahrzehnten als Minimum jeder Form von Bildung gegolten hatte. Aus einer Rekonstruktion des dialektischen Denkens könnten die notwendigen neuen Synthesen hervorgehen und die Spaltungen der Gesellschaft aufgehoben werden. Dazu könnte jeder mutige Bürger seinen Beitrag leisten.

 

Prof. Dr. Heinz Theisen lehrte Politikwissenschaft an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. Lehrtätigkeiten als Gastprofessor in Palästina und Israel.

Anmerkungen

1) Heinz Theisen, Selbstbehauptung. Warum Europa und der Westen sich begrenzen müssen, Reinbek 2022.

2) Karl Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie, 2. Aufl., Stuttgart 1953.

3) Karlheinz Weißmann, Rechts oder Links. Von der Notwendigkeit politischer Unterscheidung, Berlin 2025.

4) Peter Heather und John Rapley, Stürzende Imperien. Rom, Amerika und die Zukunft des Westens, Stuttgart 2023, 237.

5) Martin Sellner, Regime Change von rechts. Eine strategische Skizze, Schnellroda 2023, 184. Das rechte Lager sei tatsächlich oppositionell, weil es die entscheidenden Grundlagen von Marxismus und Liberalismus (Individualismus, Egalitarismus, Progressismus) ablehnt und Volk und Nation nicht nur als politische Daseinsformen erhalten will, sondern als ein Wert an sich betrachtet.

6) Giorgia Meloni, Ich bin Giorgia. Meine Wurzeln, meine Vorstellungen, München 2025.

7) Ansgar Graw, Die Ära Trump. Chancen und Risiken für Amerika und die Welt, München 2025.

8) Eröffnungsrede von Chargé d?Affaires a. i. Alan Meltzer bei der German-American Trade and Tech Conference, in: Amerika-Dienst-Newsletter vom 27. Juni 2025.

9) Vgl. Bruno Bandulet, Zoll oder nicht Zoll, Cato 4/2025, 24–27.

10) Rod Dreher, Die Benedikt-Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft, 2. Aufl., Kißlegg 2018, 78.

11) David Engels, Freiheit und Ideal. 12 Lebensbilder des Widerstandes, Edition Sandwirt, Moss 2023, 95.

12) Hauke Ritz, Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas, Frankfurt/M. 2023.

13) Zu dem imperialen Ausgreifen des Westens in die Ukraine, der dem Krieg vorausging, vgl. Günter Verheugen, Petra Erler, Der lange Weg zum Krieg. Rußland, die Ukraine und der Westen: Eskalation und Entspannung, 6. Aufl., München 2024.

14) Emmanuel Todd, Der Westen im Niedergang. Ökonomie, Kultur und Religion im freien Fall, Frankfurt /M. 2024.

15) Vgl. Ulrich Speck, Der Wille zur Weltmacht. Wie Rußland und China die freiheitliche Ordnung attackieren, München 2025, 22.

16) Chaim Noll, Heinz Theisen, Verteidigung der Zivilisation. Israel und Europa im Kampf gegen den Islamismus, Reinbek 2024.

17) Arnold Toynbee, Der Gang der Weltgeschichte, 2. Aufl., München 1979.

18) David Engels, Freiheit und Ideal, a. a. O, 44.

 

 

 

 
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