Archiv > Jahrgang 2025 > AL II/2025 > Johannes Agnoli: Subversion als Wissenschaft 

Johannes Agnoli: Subversion als Wissenschaft

Michael Hewener (Hrsg.)
Johannes Agnoli oder: Subversion als Wissenschaft
176 Seiten, brosch.
Karl Dietz Verlag, 2025
€ 14,00

Von Werner Olles

Ein ikonisches Bild: Im Auditorium maximum der Technischen Universität in West-Berlin findet am 17. Februar 1968 der „Internationale Vietnam-Kongreß“ statt. Unter einer überdimensionalen Fahne der FNL, die die Aufschriften „Für den Sieg der vietnamesischen Revolution“ und „Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es die Revolution zu machen“ trägt, applaudieren die rund 5.000 Teilnehmer stehend der Eröffnungsrede des SDS-Bundesvorsitzenden Karl Dietrich Wolff. An dem langen Podiumstisch hat sich die Führungsriege des SDS erhoben: Rudi Dutschke, Günter Amendt, Christian Semler, Gaston Salvatore, dahinter Hans-Jürgen Krahl, ganz rechts im Hintergrund ein junger Mann Mitte zwanzig, Verfasser dieser Zeilen, dessen Aufgabe die Sicherheit des SDS-Bundesvorsitzenden ist. Ganz links auf dem Podium ein Mann im weißen Hemd mit Krawatte, der sich auch altersmäßig von den jungen Männern abhebt: Johannes Agnoli. Nach den agitatorisch-kämpferischen Reden von Wolff, Dutschke und Krahl wird der Verfasser der Bibel der Neuen Linken, des SDS und der APO, „Die Transformation der Demokratie“, bei der großen Demonstration am nächsten Tag zwar nicht dabei sein, aber sein bestimmender Einfluß auf die 67/68er-Studentenbewegung hat ihn ohnehin bereits zu einem ihrer wichtigsten Vordenker gemacht.

Giovanni Agnoli – zu Johannes sollte er erst später werden –, kommt am 22. Februar 1925 in Valle di Cadore, einem kleinen Dorf in den Dolomiten, zur Welt. Noch in der Grundschule wird er Mitglied der faschistischen Jugendorganisation „Gioventù Italiana del Littorio“, steigt schließlich zum Provinzialführer der faschistischen Oberschuljugend und mit 18 Jahren zum Mitarbeiter in der „Kommission für Kultur“ und Redakteur der Zeitschrift „Dolomiti“ auf. Hier schreibt er: „An unsere richtige Sache zu glauben, an die Idee, für die heute viele junge Männer sterben, weil nur wir das Recht haben, uns Verteidiger der Kultur zu nennen: weil unser Glaube nicht nur den Namen Faschismus trägt, vielmehr den Namen Europa.“ Den Zweiten Weltkrieg versteht der junge Agnoli als einen Kampf der Kultur des Kapitalismus, verkörpert durch die USA und England, und der Kultur der Arbeit, vertreten durch das Bündnis zwischen Italien und Deutschland, als einen Kampf der „Macht des Goldes“ gegen die „Kraft der Arbeit des Volkes“. Er verehrt den Dichter Ezra Pound, den Soziologen und Ökonomen Vilfredo Pareto und den Staatstheoretiker Niccolò Machiavelli und meldet sich 1943 nach dem Sturz Mussolinis und der deutschen Besatzung Italiens freiwillig zur Waffen-SS, die den passionierten Bergsteiger zu den Gebirgsjägern der Wehrmacht überstellt, mit denen er gemeinsam die Partisanen Titos in Jugoslawien bekämpft. Im Mai 1945 gerät er in britische Gefangenschaft, doch auch nach seiner Entlassung 1948 ist seine Begeisterung für Deutschland ungebrochen. Mit einem Kriegsteilnehmer-Stipendium beginnt er das Studium der Philosophie, belegt Vorlesungen bei Eduard Spranger, wird zum Dr. phil. promoviert und legt bei Theodor Eschenburg ein Examen in Politikwissenschaft ab. 1957 tritt Agnoli in die SPD ein, aus der er 1961 als Mitglied der Sozialistischen Förderergesellschaft wegen des Unvereinbarkeitsbeschlusses mit dem SDS ausgeschlossen wird. Auf Empfehlung von Wolfgang Abendroth avanciert er zum Assistenten von Ossip K. Flechtheim am Otto-Suhr-Institut und habilitiert sich dort 1972.

Das von Michael Hewener herausgegebene Buch „Johannes Agnoli oder: Subversion als Wissenschaft“– rechtzeitig zu seinem 100. Geburtstag erschienen – präsentiert nach einer Einleitung des Herausgebers über Leben und Werk Agnolis und seine Konversion von rechts nach links neun programmatische Originaltexte. Hier wird deutlich, daß Agnoli das Repräsentativsystem, den Parlamentarismus und das vom Grundgesetz konzipierte Leitbild der Demokratie klar ablehnt, die liberale Demokratie und den Verfassungsstaat als eine konstitutionelle Oligarchie kritisiert, die die Wähler über ihre Machtlosigkeit täuschen, während das Grundgesetz als Klassenkompromiß die Massen von der Macht fernhalten soll. Später wird Agnoli, der sich nun selbst als „libertären Marxisten“ bezeichnet, von Wolfgang Kraushaar und Götz Aly vorgeworfen, über seine Vergangenheit weitgehend geschwiegen zu haben, während der Herausgeber, aber auch Kollegen Agnolis, wie Wolf-Dieter Narr und Richard Stöss, dies entschieden zurückwiesen. Agnoli habe in geselliger Runde freimütig über seine Jugendzeit gesprochen und seine damalige Begeisterung für den Faschismus nie geleugnet. Tatsächlich hat er dies nie verdrängt und sich zeitlebens mit dem Faschismus auseinandergesetzt.

Die Subversion als Inbegriff der Befreiung, das Unbehagen an und in der Demokratie stellen die historische Bedeutung Agnolis auf eine Stufe mit Herbert Marcuses Grundlagenwerk „Der eindimensionale Mensch“. Die Systemarchitekturen und Phrasendrescher der diversen Marxismen/Leninismen in den unseligen K-Gruppen nach der Auflösung des SDS waren Agnoli zuwider, weil sie das Gegenteil von subversiver Aufklärung und Kritik der reinen Vernunft waren. Als Praktiker der Aufklärung waren ihm Propaganda und lügenhafte Publizistik ein Greuel, und für die handelsübliche Polemik von Habermas gegen den Machiavellismus und die ihm innewohnende Ironie hatte er nur Hohn und Spott übrig. So unterscheidet er sich auch vom akademischen Marxismus, der den Moment des Naiven in der Politik vorschnell negiert. Dies immunisierte ihn gegen jegliches Theoretisieren und gespreiztes Gerede, das sich selbst genügt. Forderungen, das Private habe politisch zu sein, widersprach er energisch, gerade das Private müsse vom Politischen befreit werden. Sein Nach- und Vordenken fand er wichtig, aber nicht bierernst, lässig formulierte Kalauer gehörten im Gegensatz zu all den „Politisierten“ bei ihm dazu, denn der Intellektuelle müsse die Politik nicht zu seinem Lebensinhalt machen.
Die Transformation der Demokratie, die er frühzeitig prophezeit hat, ist inzwischen an ihr Ende gelangt. Agnoli wurde als „Staatsfeind auf dem Lehrstuhl“ beschimpft, er hat dem nicht widersprochen, während die Berufsrevolutionäre von 68 darüber jammerten, daß der Staat sie nicht als Lehrer oder Lokführer anstellen wollte. Ihnen gab er mit auf den Weg, daß es doch etwas merkwürdig sei, den Staat um einen gutbezahlten Posten anzubetteln, damit man ihn umso besser bekämpfen kann. All dies macht die Lektüre von Agnolis Essays und Aufsätzen auch heute noch zum Vergnügen, da sich seine Texte von den Schriften der üblichen linken Phrasendreschmaschinen wohltuend abheben und gleichzeitig spüren lassen, daß hier ein echter Denker am Werk ist, dem es nicht um pathetische Beschwörungen der Arbeiterklasse oder des Sozialismus geht, sondern um rücksichtslose Kritik und Destruktion. Obwohl er sich zeitlebens von Adorno und Horkheimer abgrenzt, verbindet gerade dies ihn mit den beiden Denkern der Kritischen Theorie und der „Negativen Dialektik“. Seine Erkenntnis, warum vermeintlich gegen das Bestehende gerichtete Bewegungen gerade dessen Geschäfte besorgen, und es meist noch zu Schlimmerem wenden, haben sich heute in einem Ausmaß bewahrheitet, das Agnoli wohl selbst nicht ahnen konnte oder wollte.

Daß die radikale Linke dem Kollaps der Modernisierung erliegen würde und durch mehrere „Durchsetzungskrisen“ hindurch zu dem wurde, was sie heute ist, ein beliebiges Grüppchen ohne jeden revolutionstheoretischen Impetus, war für Agnoli als radikalem Kritiker der Transformation des Bürgers zur Ware völlig klar. Jene Mischung aus ebenso rührendem wie ranzigem Politikaster- und ungebrochenem Draufgängertum, das man eigentlich nur bei den schmählich verblichenen ML-Sekten vermutete, hat inzwischen sämtliche Restbestände der Linken infiziert. Einen Denker von solchem Format, wie es Agnoli eigen war, sucht man heute dort vergeblich. Die intellektuelle Rechte hat indes in beschämender Weise um seine staatstheoretischen Ideen immer einen großen Bogen gemacht, obwohl problemlos zu erkennen war und ist, welchen metapolitischen Mehrwert sie daraus hätte ziehen können. Zwei Denkwelten haben seine Aussage „Rebellion ist immer gerechtfertigt!“ offenbar als Determinismusproblem oder krisentheoretisches Aufhebungsdenken mißverstanden und damit ihren Orthodoxismus in die Endlosschleife ahistorischer Bahnen gelenkt. Ein falscher Determinismus ist jedoch weniger Agnolis Denken inhärent als in gewisser Weise den dogmatischen linken und rechten Geschichtsinterpretationen staatlicher Legitimationsideologie, subjektloser Herrschaft und einer verkürzten Gesellschaftskritik. Wohlstandschauvinismus und Zusammenbruch des Realismus führen nun einmal zum Rien ne va plus und damit zum Tod des sterblichen Geistes in der bunten Multi-Kulti-Risikogesellschaft. So erweisen sich Linke und Rechte gleichermaßen als Dinosaurier einer untergehenden Zivilisation, die Kultur zu nennen einer Unverschämtheit gleichkäme.

Am 4. Mai 2004 ist Johannes Agnoli in San Quirico di Moriana bei Lucca in seinem geliebten Italien gestorben.

 

 

 

 

 

 

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com