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Nicholas Roerich

Nikolaj Konstantinovich Roerich (1874–1947)

Spiritueller Maler und Himalaya-Erkunder

Einer der bedeutenden, wenngleich weitgehend vergessenen, spirituellen Maler des 20. Jahrhunderts ist der 1874 in St. Petersburg geborene Nicholas Roerich. Der Vater war Deutschbalte aus Lettland, die Mutter war tatarisch-russischer Herkunft. Offenbar konnte die Familie des Vaters auf eine lange Ahnenreihe zurückblicken. Ein frühes Mitglied der Roerichs fungierte demnach im 13. Jahrhundert als Oberhaupt der Tempelritter. Ein anderes diente im russisch-schwedischen Krieg gegen Peter den Großen als schwedischer Offizier.

Von Dr. Claus-M. Wolfschlag

Roerich studierte in seiner Geburtsstadt Rechtswissenschaft und Kunst. Frühzeitig gelang es dem Maler, Aufmerksamkeit bei Sammlern und dem intellektuellen Milieu seiner Zeit zu erlangen. Nach einem Paris-Aufenthalt 1900 bis 1901 heiratete er eine Pianistin und bekam kurz darauf zwei Söhne, Georg und Svetoslav. Roerich wurde Sekretär und danach Direktor der „Gesellschaft zur Förderung der Künste“, einer Schule, die auch der junge Marc Chagall besuchte. 1903 und 1904 bereiste er mit seiner jungen Familie 40 russische Städte, um die dortigen Baudenkmale kennenzulernen. Das Paar beschäftigte sich zudem früh mit hinduistischen Lehren und gründete außerdem die theosophische Vereinigung Agni Yoga. 
Die Oktoberrevolution 1917 bildete einen Einschnitt in Roerichs Leben. Bereits zuvor war er aus gesundheitlichen Gründen mit seiner Familie nach Finnland gezogen, dann reiste er nach London, wo er die Bekanntschaft des Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore machte, und emigrierte schließlich in die USA. 1921 gründete er in New York das „Master Institute of United Arts“. Da er bereits frühzeitig für das Theater gearbeitet hatte, entwarf er dort nun auch weiterhin Bühnenbilder und Kostüme, oft unter Verarbeitung folkloristischer Motive. Eine große Ausstellung seiner Bilder tourte durch die USA, und Roerich hielt zahlreiche Vorträge.

Alle Abbildungen auf dieser Seite wurden uns freundlicherweise vom in Manhattan gelegenen Nicholas Roerich Museum, dessen Besuch wir sehr empfehlen, zur Verfügung gestellt.
Adresse:
319 West 107th Street,
New York NY 10025
Öffnungszeiten:
Samstag/Sonntag: 12–17 Uhr, Dienstag–Freitag: 12–16 Uhr, Montag geschlossen.
www.roerich.org

Anfänglich war Roerich stark von der slawischen Tradition beeinflusst. Unter anderem schuf er in dieser Phase christliche Fresken für die unweit Smolensk liegende Heilig-Geist-Kirche der Künstlerkolonie Talaschkino. Als Sujet wandte er sich häufig der slawischen Frühgeschichte zu. Man sieht bei ihm urtümliche Flechtwerksiedlungen mit Reetdächern und rudernde Alt-Slawen auf Einbäumen, zum Beispiel in dem 1897 gemalten Ölbild „Der Bote“. In „Der Stapellauf der Schiffe“ von 1915 erkennt man eine Gruppe Männer am Fuße einer Burg ein Schiff mit geschnitztem Tierkopf am Bug ins Wasser ziehend. Die Szenerie zeigt den kulturellen Einfluss der germanischen Waräger, die den Schiffbau in die von Slawen bewohnten Regionen brachten.

Der naturalistische Stil mit Tendenz zum Spätimpressionismus, dem Roerich in seiner Anfangszeit anhing, wich allerdings zunehmend einem flächigeren, bunteren und zur Abstraktion tendierenden Duktus. Etwa bei „Die Tochter des Drachen“ von 1906, wo sich ein schwarzer Ritter im Kampf mit einem Ungetüm befindet, während die langhaarige Prinzessin fast teilnahmslos daneben steht. Der Bühnenbildentwurf „Der Hof von Prinz Wladimir Galitsky“ von 1914 zeigt sich ebenso vom ornamentalen Jugendstil beeinflusst. In dem Temperagemälde „Und wir fürchten uns nicht“ von 1922 sieht man zwei ruhig in einer Schneelandschaft stehende, in schwarze Kutten gekleidete, christliche Mönche, denen sich ein Bär nähert. Hier hat Roerich eine teils an Franz Marc oder Alexej von Jawlensky erinnernde expressionistische Abstraktion erreicht, die fortan zu seinem Markenzeichen werden sollte. Oft sieht man nun in seinen Bildern kleine Menschen oder Menschengruppen in einer riesigen, abstrahiert dargestellten Berglandschaft. Teile der Natur nehmen dabei eine figürliche Gestalt an, beispielsweise durch bestimmte Fels- oder Wolkenformationen. Sie fungieren damit als göttliche Boten, wenn nicht als Erscheinung des Göttlichen per se. In „Wächter des Schnees“ (1922) nehmen verschneite Nadelbäume die Gestalt von Phantasiegestalten an. In „Die heilige Sophia – Die Weisheit des Allmächtigen“ (1932) erscheint Sophia mit Krone und Heiligenschein in einer feuerroten Wolke über einer Stadt reitend. In ihrer Hand hält sie Roerichs Friedensfahne, einen drei Kreise umschließenden Ring, die für Kunst, Wissenschaft und Religion stehen. Bei „Issa und der Schädel des Riesen“ (1932) sieht man Jesus mit Heiligenschein in einer urtümlichen Landschaft vor einem felsgroßen Totenschädel verweilen – ein Symbol für die großen Lehren, die er in die Welt hinaustragen wird. Derlei „Belebungen“ der Naturphänomene finden sich des öfteren in jener Zeit, vor allem bei Jugendstilmalern, etwa Ludwig Fahrenkrog oder Hermann Hendrich.

Des öfteren finden sich auch geheimnisvolle Symbole in Roerichs Naturbildern, eingraviert oder gemalt auf großen Steinen. In „Die drei Schwerter“ von 1932 sieht man neben den Hiebwaffen angedeutete Tiergestalten auf einen Felsen gemalt. Das Bild wird als Mahnung angesichts der kriegerischen Spannungen der 1930er Jahre interpretiert. In „Der weiße Stein“ von 1933 ist auf einem hell erleuchteten Felsen inmitten düsterer Nacht ein aufgemaltes Pferd mit einer heiligen Flamme auf seinem Rücken zu sehen.

Shambhala

Seine Mission aber sollte Roerich 1923 finden, als er in das damals noch britische Indien reiste. Bereits zuvor sind Einflüsse der indischen Dekkan-Periode auf Roerichs Malerei feststellbar, und dies besonders deutlich in Gemälden seines London-Aufenthalts: „Lied des Morgens“ und „Die Sprache der Vögel“ von 1920. Roerich unternahm nun auf der Suche nach Shambhala, dem verheißenen Land, weite Exkursionen, die ihn unter anderem nach Tibet, in die Mongolei und die Mandschurei führten. Seine zweite Heimat fand er schließlich in der Ortschaft Naggar im indischen Himalaya-Gebiet. Von hier aus erforschte er ausführlich die Hochgebirgsregion und machte diese fortan zum Hauptgegenstand seiner Gemälde.

Bereits frühzeitig hatte sich Roerich in seinen Bildern mit Religiosität und Spiritualität beschäftigt. So widmete er sich beispielsweise im Rahmen seiner „Sancta“-Serie des Jahres 1922 der Askese in alten christlich-orthodoxen Klöstern. Roerich malte 1923 das Bild „Moses, der Anführer“, das den auf einem Berggipfel und unter einer bizarren Wolkenformation knienden Auserwählten Gottes zeigt. Er malte 1931 den heiligen Panteleimon auf einer bunten Heilkräuterwiese.  Und zunehmend wandte er sich der Spiritualität der Himalaya-Region zu, deren Berge und Klöster er in ein magisches Spiel aus Licht und Dunkelheit tauchte. Nun erscheinen in seinen Bildern asiatische Gestalten vor einer beeindruckenden Gebirgskulisse: Ein tibetanischer Reiter in „Erinnern“ von 1924, ein vor seiner Höhle meditierender lamaistischer Mönch in „Die Botschaft des Adlers“ von 1927 oder Mongolen vor ihren in der weiten Steppe stehenden Jurten. Mehrere Bilder Roerichs beschäftigten sich auch mit dem tibetischen Nationalepos des Gesar Khan. Roerich zeigte sich dabei beeindruckt von der Interpretation des Mythos durch die Tibet-Forscherin Alexandra David-Néel: „Gessar Khan ist ein Held, dessen nächste Inkarnation in einem Ort im nördlichen Shambhala stattfinden wird, wo er seine Gefährten und Führer, die ihn während seines vergangenen Lebens begleiteten, vereinen wird. Sie werden wieder in Shambhala inkarnieren, von dem sie sich durch die geheimnisvolle Kraft ihres Anführers oder durch geheimnisvolle Stimmen, die nur die Eingeweihten hören, hingezogen fühlen werden.“

Der Künstler engagierte sich allerdings auch gesellschaftlich. Er initiierte den Roerich-Pakt, einen Vorläufer der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten. Aufgrund seines Einsatzes für einen „Frieden durch Kultur“ wurde er dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert: 1929, 1932 und 1935. 1942 besuchten ihn Jawaharlal Nehru und seine Tochter, die spätere Indira Ghandi.  Nicholas Roerich starb 1947 in Naggar. Sein künstlerisches Schaffen wird auf 7000 Bilder geschätzt. Hinzu kommen Gedichtbände, Essays, Kurzromane, Erzählungen. Roerich hatte auch Einfluss auf andere Künstler und Schriftsteller, darunter H. P. Lovecraft und Christian Kracht. Sammlungen seiner Werke befinden sich heute unter anderem in drei eigenen Roerich-Museen in Nowosibirsk, Moskau und New York.

 

 
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