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Hitlers Antisemitismus und seine Quellen

Dirk Bavendamm
Der junge Hitler
Korrekturen an einer Biographie 1889–1914
592 Seiten, HC
Ares Verlag, 2009
€ 15,00
Ralf Georg Reuth
Hitler
Eine politische Biographie
688 Seiten, E-Book
Piper Verlag, 2017
August Kubizek
Adolf Hitler mein Jugendfreund
294 Seiten, HC
Leopold Stocker Verlag, 2002
€ 28,00
Dirk W. Oetting
Verbrannte Erde
Kein Krieg wie im Westen: Wehrmacht und Sowjetarmee im Russlandkrieg 1941–1945
384 Seiten, HC
Ares Verlag, 2011
€ 32,00
David G. Dalin
Das Märchen von Hitlers Papst
Wie Pius XII. Juden vor den Nazis rettete
196 Seiten, HC
Ares Verlag, 2023
€ 30,00

Eine der aufschlußreichsten Studien über einen scheinbar vertrauten deutschen Staatsführer ist Ralf Georg Reuths fast 700 Seiten umfassendes Buch Hitler: Eine politische Biografie. Was Sachlichkeit und Forschungsfleiß betrifft, zählt dieses Werk zu den besten Bänden über eine anrüchige Figur der Geschichte. Besonders hervorzuheben ist Reuths Fähigkeit, ein heikles Thema zu behandeln, ohne den Leser mit tendenziösen Standpauken über einen angeblichen deutschen Sonderweg zu belästigen.

Von Univ.-Prof. Paul Gottfried

Von anderen thematisch ähnlichen Werken hebt sich Reuths Buch durch vier Besonderheiten ab. Zuallererst stellt er klar, daß Hitlers Antisemitismus keineswegs die Folge einer bornierten Kinderstube oder seines Wiener Aufenthalts zwischen 1909 und 1913 war. Als bedürftiger Künstler hat Hitler keinerlei Groll gegen die Wiener Juden gezeigt. Wie Brigitte Hamann in Hitlers Wien feststellt, bezeugte der spätere Antisemit sogar judenfreundliche Tendenzen, zum Beispiel bei seiner Unterstützung der Musik von Gustav Mahler, der wegen seiner jüdischen Herkunft von ungerechten Kritikern schlechtgemacht wurde. Bis zur Niederschlagung der kommunistischen Räterepublik in München im Frühjahr 1919, einem blutigen Aufstand, der hauptsächlich von ostjüdischen Radikalen vorbereitet wurde, gab Hitler keinerlei Anzeichen, Juden abzulehnen.

Dies gilt insbesondere für seinen elterlichen Haushalt, in dem ein jüdischer Arzt für die Gesundheit der Familienmitglieder sorgte. Wie Hamann und Reuth überzeugend belegen, erfand Hitler seine angebliche frühere, glühende Abneigung gegen das jüdische Volk in seiner nicht immer vertrauenswürdigen Selbstbiographie Mein Kampf, einer schwülstigen Schrift, die erst nach seiner Verwandlung zum Antisemiten verfaßt wurde. Leider nehmen viele Biographen diese fragwürdige Vorgeschichte von Hitlers Einstieg in die politische Welt für bare Münze.

Wie Reuth ausführlich darlegt, begann Hitler nach seinem Umzug nach München und der Auflösung seiner Militäreinheit mit leidenschaftlichen Antisemiten zu verkehren. Die bayerische Hauptstadt wurde nach der Niederwerfung des kommunistischen Aufstands zum Sammelbecken antisemitischer Aktivitäten und Propaganda. Hitler traf hier auf Ernst Röhm, Rudolf Heß, den Mitbegründer der NSDAP Gottfried Feder und viele andere zukünftige Parteigenossen. Auch seine Kontakte zu den rassistischen, antijüdischen Mystikern der Thule-Gesellschaft waren von großer Bedeutung. Aus dieser 1919 gegründeten „Studiengruppe zum germanischen Altertum“, die mit dem jüdischen Geist in Konflikt stand, rekrutierten sich zahlreiche Mitglieder der NSDAP. Nicht zuletzt nahm der eintönige, antisemitische Schriftsteller Dietrich Eckart Hitler unter seine Fittiche, prägte ihn und stellte ihn der Thule-Gesellschaft vor.

Bolschewismus first

Ergänzend zum Münchener antijüdischen Umfeld waren es die „weißen“ Flüchtlinge aus Sowjetrußland, die die bedeutende jüdische Beteiligung an der russischen Oktoberrevolution und der darauffolgenden kommunistischen Diktatur anprangerten. Aus all diesen Kreisen ertönte unisono das gleiche Zetergeschrei, daß die jüdische Präsenz in Europa das bolschewistische Ungeheuer hervorgebracht habe. Diese Aktivisten, die die Bedrohung eines „jüdischen Bolschewismus“ überbetonten, zeigten Hitler einen vermeintlich sinnstiftenden Entwicklungspfad auf.

Reuth war Habilitand des umstrittenen Historikers Andreas Hillgruber, der in seiner Arbeit die monomanische Bekämpfung des kommunistischen und sowjetischen Erzfeinds durch Hitler hervorhob. Reuth folgt dieser Linie, wenn er Hitlers antikommunistische Zwangsvorstellung thematisiert. Wie Hillgruber und Ernst Nolte ist auch Reuth der Ansicht, daß Hitlers Antisemitismus aus seinem Abscheu gegenüber kommunistischen und sowjetischen Gräueltaten abgeleitet werden kann.

Außenpolitisch steht Hitler vor allem für die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion, die er als unvermeidlich ansah und die gnadenlos mit dem Ziel der Ausrottung der dortigen Bevölkerung und ihrer Ideologie geführt werden mußte. Hillgruber versuchte, entgegen den gängigen Anschuldigungen, keinesfalls, Hitlers Mord an den europäischen Juden zu verharmlosen, eine Untat, der eine Hälfte seines Buches Zweierlei Untergang gewidmet ist. Die Annahme, mit der sowohl Hillgruber als auch Reuth argumentieren, ist der Vorrang des Antikommunismus in Hitlers Vernichtungspolitik gegenüber den europäischen Juden.

Als Hitler die Möglichkeit eines temporären Bündnisses mit Stalins Regierung zur Vermeidung eines Zweifrontenkriegs bedachte, zog er Trost daraus, daß Stalin gegen vorwiegend jüdische Kommunisten Schauprozesse führte. Und was Hitler noch besser paßte, war, daß Stalin die Beschuldigten hinrichten ließ. Während der Nichtangriffspaktverhandlungen mit der Sowjetunion wollte Hitler glauben, daß Stalins „Rechtsruck“ seinen Übergang von einer jüdisch geprägten revolutionären Ausrichtung zu einem russischen Nationalsozialismus bedeutete. Wesentlich für diese Umwandlung, so Hitler, war die Grundlegung einer antisemitischen Politik. Für Hitler bildeten Juden und Bolschewismus ein Gespann; aufgrund dieser Kopplung nahm er an, daß Stalins Wendung zur Judenverfolgung einen Bruch mit dem kommunistischen Internationalismus darstellte.

Natürlich wirft dies die Frage auf, ob es aus Hitlers Sicht möglich war, diese beiden Haßobjekte voneinander zu trennen. Fest steht, daß der Kampf gegen den Kommunismus während seines politischen Aufstiegs das zentrale Thema war. Es ist in Betracht zu ziehen, daß in verschiedenen deutschen Gebieten zwischen den beiden Weltkriegen mehrere kommunistische Aufstände mit begleitenden Ausschreitungen stattfanden. Überdies war die KPD die Hauptkonkurrentin der NSDAP, als beide um die Stimmen der Arbeiterschaft rangen, ein Wettbewerb, der sich nach Beginn der Depression 1929 erheblich verschärfte. Die Schutzstaffel lieferte sich brutale Straßenschlachten mit bewaffneten kommunistischen Banden und nicht mit jüdischen deutschen Staatsbürgern. Bis zu seinem Machtantritt hätte Hitler also massive antisemitische Propaganda nichts gebracht.

Doch schon seit Hitlers frühen Jahren als NS-Aktivist bestand die Verbindung von diesen zwei Feindbildern und im vierten Leitsatz des nach dem Ersten Weltkrieg aufgestellten und von ihm aufrechterhaltenen NSDAP-Programms wird dargelegt, daß die Partei aufgrund der Nichtzugehörigkeit der Juden zum deutschen Volk darauf abzielte, den in Deutschland ansässigen Juden ihre Bürgerrechte zu entziehen. Die meisten deutschen Juden, die mit den Unruhestiftern nichts zu tun hatten, sollten daher den Verlust ihres bürgerlichen Standes erleiden.

Die antisemitischen Aktivitäten in Europa nahmen bereits im 19. Jahrhundert zu, als gegen eine jüdische „Streberklasse“ agitiert wurde, die sich im finanziellen und gewerblichen Bereich sowie später in höheren Berufsständen durchsetzte. Diese ältere antisemitische Strömung ebnete später den Weg für die Haßorgien der Nazis. Auch der Zustrom zahlreicher Ostjuden nach Wien und in verschiedene deutsche Städte, die von den vorrückenden russischen Streitkräften flohen, sorgte für zunehmende Überfremdungsängste der Eingeborenen.

Mit der zunehmenden Unterstützung Hitlers durch die deutsche Wählerschaft, dessen Partei sich während der Weltwirtschaftskrise von zwei auf 113 Mandate vergrößerte, verschob sich der Fokus seiner Rhetorik von antisemitischen Themen hin zu Wirtschaftsfragen und der Bedrohung des deutschen Bürgerstandes durch die Kommunisten. In dieser Krisenzeit fand Hitlers antijüdische Rhetorik wenig Anklang, und wenn sie sich in seine Reden einschlich, diente sie nur als Beiwerk. Hin und wieder wechselte Hitler in seinen Reden zu den „Novemberverbrechern“, den deutschen Abgeordneten, die das Versailler Diktat unter Zwang unterzeichnet hatten. Aber das änderte nichts an der Hauptsache. Bei der deutschen Wählerschaft zwischen den beiden Weltkriegen waren es vor allem der Kommunismus und eine marode Wirtschaft, nicht der Antisemitismus, die die Hauptsorgen darstellten.

Eine dritte Besonderheit von Reuths Studie ist seine ausgewogene Bearbeitung der Frage, ob Hitlers Entschluß, Rußland anzugreifen, von der russischen Seite aus herausgefordert wurde. Wie Sean McMeekin in Stalins Krieg zeigt, hatte Hitler vor dem Überfall im April 1941 einen begründeten Verdacht, daß Stalin Pläne schmiedete, gegen Deutschland loszuschlagen. Der deutsche Botschafter in Moskau und der dortige Militärattaché Ernst Köstring informierten Hitler im Juni 1940 über sowjetische Truppenkonzentrationen an der rumänischen Grenze und Truppentransporte in der Westukraine, was für Hitler ein weiteres Indiz für eine sowjetische Aggression darstellte. Gerade die rumänischen Ölfelder, die nun von den sowjetischen Truppen bedroht wurden, waren für die deutsche Kriegsführung unentbehrlich.

Das Faß zum Überlaufen brachte, daß sowjetische Truppen, als sie sich die baltischen Staaten einverleibten, einen litauischen Grenzstreifen besetzten, der deutschem Territorium nahe lag. Der Streifen gehörte laut dem deutsch-sowjetischen Vertrag vom September 1939 zum deutschen Interessensgebiet, das Stalins Soldaten ungestraft übertraten. Diese beunruhigenden Schritte wurden vorgenommen, als Hitler seinen erfolgreichen Westfeldzug gegen Frankreich abschloß, was Stalin in Panik versetzte. Daß der sowjetische Führer vorhatte, Deutschland niederzumachen, ehe sein expansionistischer Nebenbuhler nach weiterer Beute greifen konnte, ist durchaus glaubwürdig, auch wenn Hitler vorwegnehmend die Kämpfe eröffnete und nach der Einnahme des russischen Erdbodens Massenmord anordnete.

Wie McMeekin nachweist, brachten es die sowjetischen Besatzer auch fertig, mehr Einwohner, insbesondere Polen, in ihrem Interessengebiet zu vertilgen und mehr Territorium in Osteuropa zu übernehmen, als es die Deutschen während des Zeitlaufs der vorgetäuschten Freundschaft der beiden unwahrscheinlichen Bundesgenossen vermochten. Die Vorstellung, die mir meine Professoren als Habilitand eintrichterten, daß die sowjetische Regierung ihren Vertrag mit Nazideutschland einging, um die ansonsten unbeschützte Bevölkerung vor einer rohen faschistischen Gewaltherrschaft zu schützen, erwies sich – wenig überraschend – als grundfalsch.

Bruch und keine Kontinuität in der deutschen Geschichte

Reuth macht letztlich auch klar, daß Hitlers Machtübernahme keine „Zwangsläufigkeit“ in der deutschen Geschichte enthüllt. Der Nationalsozialismus stand in keiner Kontinuität zum Wilhelminischen Zeitalter, Hitlers Programm und seine Ideologie vom Rassenkampf stellten im Gegenteil einen tiefen Bruch der deutschen Geschichte dar. Der Nationalsozialismus war, wie Hannah Arendt schrieb, „der Zusammenbruch aller deutschen und europäischen Traditionen“. Es war gerade nicht irgendeine deutsche Tradition, die den Nazismus herbeigeführt hat, sondern die Verletzung aller Traditionen. Voraussetzung dafür war das Befindlichkeitschaos, das die Nation nach der unverstandenen Niederlage im Weltkrieg, der Revolution und schließlich der Demütigung durch den Versailler Diktatfrieden ergriff. Bestimmend war dabei die große Angst vor einer Zukunft, die mit dem Bolschewismus, der vom Osten her drohte, schon begonnen zu haben schien.

Die bereits überholte und nie besonders überzeugende Ansicht, daß Deutschland zu einem solchen Weg vorausbestimmt war, weil ihm bei der Reichsgründung ein „Demokratiedefizit“ anhaftete oder weil das Zweite Reich als Generalprobe für Hitlers Gewaltherrschaft einzustufen sei, fällt vor Reuths und Arendts Gegenposition vollständig zusammen. Der staatspolitische und ideologische Gegensatz zwischen dem deutschen Rechtsstaat und dem, was Hitler hervorbrachte, ist zu offensichtlich, als daß man ihn zugunsten einer aufgeplusterten Kontinuitätsthese unbeachtet lassen könnte. Das bedeutet freilich nicht, daß alles, was die wilhelminische Regierung in Gang setzte, wohlüberlegt und gut begründet war. Es gibt aber keinen geradlinigen Weg von dem, was seine Kritiker als Deutschlands zurückgebliebene Verfassungsentwicklung vor dem Ersten Weltkrieg bemängeln (vorausgesetzt, diese Einschätzung ist korrekt), hin zu den Massenmorden des Dritten Reiches.

Der Kurswechsel war zu katastrophal, als daß man ihn als Folge eines gescheiterten Versuchs bezeichnen könnte, das alte Deutschland in eine Nachbildung der englischen oder amerikanischen Staatsform umzuwandeln. Dieses Steckenpferd der Vergangenheitsbewältiger, daß ein versäumter Nachholbedarf den Nazismus irgendwie verursachte, ist schwer verständlich. Andere Staaten haben sich bei weitem weniger angloamerikanische politische Merkmale zu eigen gemacht, ohne das gleiche Verhängnis wie die Deutschen zu erfahren.

An die deutsche Niederlage unter Hitler, so Reuth, knüpften sich folgenschwerere Konsequenzen als an die deutsche Kapitulation im November 1918. Während das frühere Unterliegen in eine eingeschränkte Souveränität, die Abtretung von deutschen Territorien und demütigende Reparationen mündete, kennzeichnete das Ende der NS-Herrschaft eine neue Qualität. Mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 hörte das Land auf, eine unabhängige Nation zu sein. Stattdessen wurde es zur Beute der Siegermächte und zum Gegenstand einer vor der Eroberung geplanten Kollektivumerziehung zur Auslöschung des deutschen Kulturguts und althergebrachter deutscher Wertevorstellungen. Wie Reuth mit gutem Grund feststellt: „Nie war die Diskrepanz zwischen dem Gewollten und dem tatsächlich Erreichten größer gewesen als im Falle Hitlers.“ Hitlers Alternative zu seinem Ziel eines deutsch beherrschten Europas, „daß Deutschland überhaupt nicht mehr sein wird“, traf in einem politischen und volksnationalen Sinn ein.

Bei allen wertvollen Einsichten in Reuths Werk halte ich es für wichtig, auf einen bemerkenswerten Sachfehler aufmerksam zu machen. Reuths Zuschreibung antisemitischer Empfindungen zu dem während des kommunistischen Aufstands amtierenden päpstlichen Nunzio in München, Eugenio Pacelli (dem späteren Pius XII.), mutet unbegründet an. Diese Beschuldigung, die in John Cornwells Hitler’s Pope (1999) auftritt, basiert auf ein paar abfälligen Äußerungen in Pacellis Beschreibung des Aufruhrs, in denen er den russisch-jüdischen Ursprung der Revolutionäre unglimpflich, aber verständlicherweise erwähnt. Das wurde aufgewogen durch Pacellis Anstrengungen, die in Gefahr geratenen Juden in Rom vor der Verfolgung zu schützen. Eine Auflistung seiner Verdienste den verfolgten Juden gegenüber findet man in The Myth of Hitler’s Pope (2005), einer von David G. Dalin, einem Rabbiner und renommierten Historiker, verfaßten Widerlegung von Cornwells Anklage.

Ebenso kritikwürdig ist Reuths Markierung von Engelbert Dollfuß als „Faschisten“, ohne auf die Besonderheiten des „Austrofaschismus“ einzugehen. Im Gegensatz zu Mussolinis teilweise neuheidnischem, auf einem Duce basierendem Staatsbegriff vertrat die österreichische Regierung unter Dollfuß einen ausgeglichenen katholischen Klerikalismus, der 1934 gegen Hitlers versuchte Übernahme Österreichs kämpfte – eine Tat, die Dollfuß das Leben kostete. Es ist irreführend, diesen Staat schlichtweg als „faschistisch“ zu bezeichnen.

 

 
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