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Vom „Roten Oktober“ zur „Wiedergeburt Rußlands“

Eine kurze Geschichte der Sowjetunion

Daß die Oktoberrevolution für das 20. Jahrhundert ein ebenso zentrales Ereignis darstellte, wie es die Französische Revolution für das „lange 19. Jahrhundert“ gewesen war, stellte schon Eric Hobsbawm in seinem vielbeachteten Werk „Das Zeitalter der Extreme“ fest. Das 20. Jahrhundert war somit gewissermaßen auch ein „sowjetisches Jahrhundert“.

Von Prof. Dr. Reinhard Olt

Fast auf den Tag genau 69 Jahre nach ihrer Gründung hörte die Sowjetunion auf, zu existieren. Mit der „Erklärung von Alma Ata“ (damals Hauptstadt Kasachstans) wurde die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR/CCCP) formell durch die neue Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) ersetzt. Die sowjetische Staatsflagge wurde eingeholt, die russische auf dem Kreml gehißt. Der russische Präsident Boris Jelzin löste Michail Gorbatschow ab, den letzten Generalsekretär der KPdSU und zugleich Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Jelzin zog dort ein, wo Zaren, Popen und Bojaren jahrhundertelang über die Geschicke des alten Rußland bestimmt und wo nach der Gründung des bolschewistischen Staatswesens am 30. Dezember 1922 Lenin, Stalin, Chruschtschow, Breschnew, Andropow und Tschernenko danach getrachtet hatten, den „neuen Menschen“ zu schaffen und die Welt zu beglücken, will sagen: in eine sozialistisch-kommunistische zu verwandeln. Die Moskauer Burg oder Festung, was „Kreml“ bedeutet, in der der sich von all seinen Vorgängern habituell unterscheidende und bewußt absetzende Gorbatschow sich als mutiger Reformer versuchte, ging in russisches Eigentum über; die einstige sowjetische Staatsbank wurde Rußland unterstellt und ist heute die russische Nationalbank.

Das für damalige Verhältnisse revolutionäre Gemeinwesen, das Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, geschaffen und in den Anfangsjahren geformt hatte, der Staat, dem er die Bestimmung mit auf den Weg gegeben hatte, er werde absterben und an seine Stelle werde die klassen- und schrankenlose kommunistische Gesellschaft treten, in der jeder nach seinen Bedürfnissen versorgt werde, löste sich in unabhängige Republiken auf, die von der Idee der Freiheit und der nationalen Eigenständigkeit erfüllt und getragen sind. Die Nachfolgestaaten sind: Rußland, die Ukraine, Weißrußland, Moldawien, Armenien, Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Kirgisien. Georgien stand der neuen, aber alsbald obsolet gewordenen GUS fern. Die drei baltischen Republiken hatten sich schon im August 1990 – unmittelbar nach dem Putsch gegen Gorbatschow – aus dem Zwangsgebilde SU gelöst und konnten ihre internationale Anerkennung erwirken. Zerborsten ist die Sowjetunion vor allem an ihren inneren Widersprüchen, weniger durch Einwirkung von außen. Den Todesstoß versetzten ihr die ungelöste nationale Frage und sieben Jahrzehnte der Mißwirtschaft. Beides rührte von einer dem Staat übergestülpten Ideologie her, die den Plan vergötterte und buchstäblich über Leichen ging.

Der Moskauer Kreml, was in der deutschen Übersetzung „Burg“ oder „Festung“ bedeutet.
Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, hatte dem von ihm geschaffenen Staat die Bestimmung mit auf den Weg gegeben, er werde absterben, und an seine Stelle werde die klassen- und schrankenlose kommunistische Gesellschaft treten. Zu diesem Zweck diente der „Rote Terror“, die Vernichtung aller „Klassenfeinde“. In einer Anweisung an die Tscheka hieß es: „Sucht nicht Beweise für des Angeklagten Versündigung in Wort und Tat gegen die Sowjetmacht. Das Wesentliche ist, welcher Klasse er angehört […] das entscheidet über sein Schicksal.“ In der von Lenin geschaffenen Sowjetunion unterwarf sich die kommunistische Partei den Staat zur Gänze.
Zum ersten Staatsoberhaupt der Sowjetunion wurde Lenins revolutionärer Mitstreiter Michail Iwanowitsch Kalinin.
Grigori Jewsejewitsch Sinowjew (Bild) organisierte gemeinsam mit Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzki, und anderen den „Roten Terror“: Erschien jemand zehn Minuten zu spät am Arbeitsplatz, hatte er eine Anklage wegen Sabotage, erschien er fünf Minuten zu früh, eine wegen Spionage zu gewärtigen. Als die Arbeiterschaft dagegen demonstrierte, erließ Trotzki den Befehl: „Erschießt sie wie Enten auf dem Teich!“ Obwohl Sinowjew Stalin nach Kräften unterstützte, ließ ihn dieser später hinrichten.

Staatsgründung und Kriegskommunismus

An der Wiege der Sowjetunion stand der Sieg der Bolschewiki über die bürgerlichen Februarrevolutionäre des Jahres 1917, die den Zarismus hinweggefegt hatten. Dem bolschewistischen Staatsstreich, dem „Roten Oktober“, folgte das, was als „Kriegskommunismus“ in die Geschichtsschreibung einging. Zwischen 1918 und 1921 kamen Reichsauflösung, Kampf gegen die „konterrevolutionären Weißen“ sowie gegen ausländische Interventionstruppen zusammen mit wirtschaftlicher Zerrüttung, Hunger, Massensterben sowie Bevölkerungsrückgang. Es war dies eine Phase des von Lenin proklamierten „Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus“. Die feste Stütze dabei war die „Partei neuen Typs“, die sich Lenin selbst geschaffen hatte. Sie war straff zentralistisch organisiert, die Funktionäre fochten mit einer kaum vorher gekannten Disziplin, und sie waren ihrer höchsten Autorität, Lenin, unbedingt gehorsam. Das gewählte Zentralkomitee (ZK) und (seit 1919) das Politbüro gehorchten ihrem Woschd („Führer“), wie es Max Weber ausdrückte, „kraft affektueller Hingabe an die Person und ihre Gnadengaben“.

An der Spitze dieser einzig intakten Organisation wirkte Lenin den von ihm hervorgerufenen Auflösungserscheinungen in ganz Rußland im Sinne der gewünschten Umwälzungen entgegen. Wichtigstes Machtmittel dazu war der „Rote Terror“. Das rücksichtslose Vorgehen war vor allem ideologisch bestimmt und richtete sich grundsätzlich gegen den Klassenfeind. Die Bourgeoisie als Klasse auszurotten war Auftrag der „Außerordentlichen Kommission“ (TschK, „Tscheka“), jener von dem Polen Feliks Dserschinski aufgebauten Geheimpolizei. „Sucht nicht Beweise für des Angeklagten Versündigung in Wort und Tat gegen die Sowjetmacht. Das Wesentliche ist, welcher Klasse er angehört, wie seine Abstammung und Bildung ist. Das entscheidet über sein Schicksal“, hieß es in einer Anweisung an die Tschekisten.

Der Sowjetstaat, die zunächst Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (RSFSR), kannte nach der Verfassung vom Juli 1918 neben der Aufgabe der „Niederhaltung der Bourgeoisie“ zwar Pflichten für alle, Rechte aber nur für die Werktätigen. Darunter verstand man Arbeiter, Bauern und Parteifunktionäre. Die RSFSR verwirklichte auch den Grundsatz der Einheit der Gewalten: Sie waren alle im Obersten Sowjet („Rat“) und in dessen Vollzugsausschuß (Exekutivkomitee) vereint. Die Zentralisierung der Macht blieb somit trotz des formell föderativen Staatsaufbaus gesichert. Den nichtrussischen Völkern gewährte man eigene Sowjetrepubliken, Autonome Republiken oder Autonome Gebiete, womit Lenin dem äußeren Schein nach die Forderungen erfüllte, die sie schon während der zaristischen Herrschaft erhoben hatten. Die in den jeweils einander über- respektive untergeordneten Sowjets praktizierten Formen der Zentralgewalt blieben davon unberührt. Die Verfassung war „nach außen hin“ offen. Sie erlaubte es, den von der Fläche her gegenüber dem Bestand vor der Revolution amputierten russischen Staat durch Einbeziehung oder Neuschaffung autonomer Gebiete oder Republiken auszudehnen.

Fünf Jahre später konnten relativ mühelos die im Bürgerkrieg gewonnenen Territorien erst durch Bündnisverträge und schließlich am 30. Dezember 1922 mittels Staatsvertrags angeschlossen und zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) erweitert werden. Die UdSSR erhielt sieben Monate darauf eine Verfassung. Der Ursprungsbund bestand zunächst aus der russischen, der ukrainischen, der weißrussischen und der transkaukasischen Sowjetrepublik. Die transkaukasische wurde später in die georgische, die armenische und die aserbaidschanische Sowjetrepublik aufgeteilt, und aus der russischen wurden 1924 die usbekische, 1925 die turkmenische, 1929 die tadschikische, 1936 die kasachische und die kirgisische Sowjetrepublik herausgelöst und dem Rang nach der RSFSR gleichgestellt. Gemäß der Verfassung vom Juli 1923 „wählten“ die Räte der Unionsrepubliken den Allunionssowjet, die höchste Stufe der Sowjetpyramide. Aus dessen Mitte wurden zwei Kammern, der Unions- und der Nationalitätensowjet, bestimmt und das Zentrale Exekutivkomitee beschickt. Letzteres bestimmte sein Präsidium und „wählte“ aus dessen Mitte den Vorsitzenden des Präsidiums (nominelles Staatsoberhaupt) sowie den Rat der Volkskommissare (Kabinett) und dessen Vorsitzenden (Regierungschef). Der erste Regierungschef war Lenin, das erste Staatsoberhaupt dessen revolutionärer Mitstreiter Kalinin. Der neue Sowjetstaat war über die Vergabe der Ämter in Personalunion mit der Kommunistischen Partei verschmolzen; seine „Kommandoebene“ deckte sich mit der der Partei, und daraus ergab sich alsbald die Herrschaft der KPdSU über alle Institutionen, indem sie sich den von ihr geschaffenen Staat völlig unterwarf.

Mit der Stabilisierung der staatlichen Verwaltung ging die Aufstellung der Sowjetarmee einher. Lenins Mitstreiter Leo Trotzki (eigentlich Lew Dawidowitsch Bronstejn) reorganisierte die „Rote Garde“, auf die sich die Bolschewiki während des Aufstands im Oktober 1917 und des nachfolgenden Bürgerkriegs gestützt hatten, und baute sie systematisch aus. Die Freiwilligkeit des Beitritts und die unorganisierte Bewaffnung der ursprünglich lokal und regional operierenden aufständischen Kräfte mußten, als sie sich den Anforderungen des Bürgerkriegs nicht gewachsen zeigten, zugunsten der Rückkehr zu einer straffen Ordnung aufgegeben werden. Trotzki führte die früher erbittert bekämpften militärischen Grundsätze und die abgeschafften Ränge wieder ein. Es wurden wieder Offiziere ernannt, militärische Unterordnung und Todesstrafe wiedereingeführt. Und schon im Februar 1918 griff man auf Zwangsmobilisierung und zentrale Kommandostruktur zurück.

Dem wirtschaftlichen Niedergang und den nahezu anarchischen Zuständen in der im Aufbau begriffenen Industrie begegnete Lenin mit über drakonische Strafen erzwungener Arbeitsdisziplin. Stillschweigend wurde die ehedem propagierte Arbeiterselbstkontrolle beseitigt. Auf geringste Verfehlungen standen Maßnahmen, die im günstigsten Fall das Einkommen, im ungünstigen Freiheit und Leben bedrohten. Erschien jemand zehn Minuten zu spät am Arbeitsplatz, hatte er die Anklage der Sabotage, erschien er fünf Minuten zu früh, die der Spionage zu gewärtigen. Das traf auf den Widerstand derer, die sich eigentlich als „Fundament und Stütze der neuen Herrschaft“ wähnten, der organisierten Arbeiterschaft. Die Menschewiki („Minderheitler“) begannen daher, die Arbeiter gegen die Bolschewiki („Mehrheitler“) zu mobilisieren. (Die Begriffe gehen auf die Flügel der ursprünglichen Sozialdemokratischen Partei Rußlands zurück.) Auch unter den Bolschewiki erhob sich die sogenannte Arbeiteropposition. Als Ende 1920 in Petrograd unter der Protestlosung „Wir sind zu Sklaven geworden“ gegen die Herrschaft der bolschewistisch beherrschten Sowjets der Stadt gestreikt wurde, ließ Stadtparteichef Sinowjew den Ausstand durch Offiziersschüler „liquidieren“. Und als sich im März 1921 in der Petrograd vorgelagerten Festung Kronstadt Arbeiter und Matrosen unter der Losung „Für die Sowjets, gegen die Diktatur der Bolschewiki“ erhoben, ließ Trotzki unter dem Tagesbefehl „Erschießt sie wie Enten auf dem Teich!“ den Aufstand von regulären Truppen niederwerfen, die unter dem Kommando Tuchatschewskijs standen, den Stalin später (ebenso wie Trotzki) ermorden ließ.

Die NEP

Im Zeichen wachsender Versorgungsschwierigkeiten, sinkender Produktion und um die zukünftige Rolle der Gewerkschaften streitender Fraktionen in der Partei rückte die Geburtsstadt der Revolution an der Newa in den Mittelpunkt des Geschehens: Straßendemonstrationen und Streiks bestimmten das Stadtbild. Das spätere Leningrad wurde unter Kriegsrecht gestellt. Die Ereignisse, die von Bauernunruhen gegen die Zwangsabgabe von Nahrungsmitteln und Protesten gegen die Verstaatlichung von Kleinbetrieben begleitet waren, leiteten eine Wende in der Innenpolitik der Bolschewiki ein. Der in Moskau zusammengekommene X. Parteikongreß faßte zwei einschneidende Beschlüsse. So setzte Lenin gegen erheblichen Widerstand ein Verbot innerparteilicher Oppositionsgruppen durch und stellte Fraktionsbildung unter Strafe. Der Beschluß führte zur Verfolgung nicht nur tatsächlicher, sondern auch potentieller Gegner der Partei. 1922 fand in Moskau ein politischer Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre statt, der Proteste selbst in den internationalen sozialistischen Organisationen hervorrief. Mit einer weiteren Verfügung wurden die bäuerlichen Getreidezwangsablieferungen durch eine Naturalsteuer ersetzt, was bedeutete, daß die Bauern Produktionsüberschüsse fortan frei verkaufen durften. Der Beschluß setzte die schrittweise Ablösung des Kriegskommunismus durch die „Neue Ökonomische Politik“ (Nowaja ekonomitscheskaja politika – NEP) in Gang.

Die Folge war eine spürbare Lockerung des staatlichen Zugriffs auf die Wirtschaft. Privates Unternehmertum, besonders im Kleingewerbe, im Handel und in der Landwirtschaft, wurde wieder zugelassen. Die im Kriegskommunismus mit der Natural- und Verteilungswirtschaft offiziell abgeschafften Marktmechanismen, die inoffiziell in Maßen weiterbestanden hatten, konnten sich neu entfalten. Nikolai Bucharin, der Theoretiker der NEP, faßte den „Kurs zurück“ zusammen: Das sozialistische Wirtschaftsprinzip der Genossenschaften, das nicht auf Profit gerichtete Formen kooperativ kontrollierter und verwalteter Vermögens- und Wirtschaftsaktivität bedeutete, solle über den wieder zugelassenen Markt in friedliche Konkurrenz zu den aus der zaristischen Vergangenheit erhaltenen ökonomischen Formen treten, sich aufgrund seiner potentiellen Überlegenheit behaupten und so die anderen Wirtschaftsformen in das bessere Einheitssystem der sozialistischen Wirtschaft integrieren. Dank der NEP, die zu einem Nebeneinander von Marktmechanismen und genossenschaftlichen Wirtschafts- und Eigentumsformen führte, gelang es der jungen Sowjetunion immerhin, binnen weniger Jahre die Industrie auf den Vorkriegsstand zu bringen und die Versorgungsschwierigkeiten, die 1921 zu einer schweren Hungersnot geführt hatten, einzudämmen.

Hinter den Beschlüssen verbarg sich allerdings ein grundlegendes Problem der Bolschewiki in den 1920er Jahren: Die NEP entwickelte eine so starke Eigendynamik, daß sich die außerhalb staatlicher Kontrolle stehenden Freiräume vergrößerten, nicht nur in der Ökonomie, sondern auch in Kultur und Wissenschaft. Einem Verschwinden der nichtproletarischen Klassen, der Heranbildung einer einheitlichen Klasse von ländlichen und städtischen Arbeitern als Gliedern der sozialistischen Gesellschaft – alldem stand die NEP entgegen. Als visionäres Ziel war das „Absterben des Staats“ zugunsten der „sozialistischen Demokratie“ proklamiert und propagiert worden, in der die Überflußproduktion einen jeden nach seinen Leistungen entlohnen und versorgen sollte. Allerdings lief die propagierte Trennung von Staat und Gesellschaft dann mehr und mehr auf eine Unterordnung der verschiedenen sozialen Gruppen unter den Staat und damit unter die Partei hinaus. Es ging nicht mehr um die Autonomie der Gesellschaft gegenüber dem Staat, sondern um die Herrschaft der Partei über den Staat und die Gesellschaft. Deshalb hatte Lenin abweichende Meinungen in der Partei rigoros bekämpft. Und Stalin setzte diese Politik nach Lenins Tod (21. Januar 1924) mit umso größerer Rigorosität und Unbarmherzigkeit fort, etwa indem er zusammen mit Bucharin in der 1927 stattfindenden Diskussion im Zuge der Debatte über eine intensivere Industrialisierung die linke Opposition um Trotzki ausschaltete. Damit aber wurde auch der NEP ein Ende gesetzt.

Josef Wissarionowitsch Dschughaschwili, genannt Stalin, führte die „Neue Ökonomische Politik“ anfangs ohne Abstriche weiter und gab später die Losung der „Revolution von oben“ aus. Die NEP wurde liquidiert, Schauprozesse gegen Abweichler in Partei, Armee und sogar in den Terrororganisationen GPU und NKWD mit zehntausenden Opfern geführt. Unter Stalin wurden die ersten Fünfjahrpläne eingeführt und die Verfolgung der Kulaken als Klasse begonnen. Nicht nur begüterte Bauern, sondern jeder, der sich der Einziehung seiner Hofwirtschaft widersetzte, war des Todes. Die Folge dieser „Entkulakisierung“ war 1932 eine riesige Hungersnot; binnen eines Jahrs verringerte sich der Großviehbestand der Sowjetunion um mehr als die Hälfte. Millionen Menschen starben. Während des „Großen Vaterländischen Kriegs“ (des Zweiten Weltkriegs) lockerte Stalin diverse Zwangsmaßnahmen und vor allem die Christenverfolgung ein wenig, um sie nach dem Sieg umso intensiver wiederaufzunehmen. Im Juni 1945 ließ er sich zum „Generalissimus“ ernennen.
Unter Stalin entstanden in der Sowjetunion die Lager des GULag, die mit Millionen von Menschen gefüllt wurden, die ohne jeden Lohn gewaltige Arbeitsleistungen für den Sowjetstaat erbringen mußten. Ihr Chronist wurde der russische Dissident Alexander Solschenizyn. Der Literaturnobelpreisträger wurde 1974 aus der Sowjetunion ausgewiesen.
Den aufkeimenden ukrainischen Nationalismus bekämpfte Stalin nicht zuletzt mittels einer eigens hervorgerufenen Hungersnot, des „Holodomor“. Nicht nur abertausende Ukrainer wurden wegen der Unterstützung der deutschen Wehrmacht deportiert, sondern auch 250.000 Krimtataren. – Denkmal für die Opfer der Hungerkatastrophe in Kiew.
Andrei Alexandrowitsch Schdanow war ein enger Mitarbeiter Stalins und Organisator der stalinistischen Kulturpolitik, in der Schriftsteller wie Anna Achmatowa und Boris Pasternak, Regisseure wie Sergei Eisenstein und Komponisten wie Sergei Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch bekämpft wurden. Nach dem Tode Schdanows kam es zu einer neuen „Säuberungswelle“, das Moskauer „Ärztekomplott“ jüdischer Mediziner wurde „aufgedeckt“.

Stalin: „Revolution von oben“

In seinem „Testament“ hatte Lenin zwar nicht die Nachfolge in Partei- und Staatsführung geregelt, wohl aber über eine Charakterisierung seiner nächsten Mitarbeiter doch den Blick darauf gelenkt. Trotzki und Stalin bezeichnete er als die beiden Begabtesten. Und doch hegte er Bedenken: gegen Trotzki wegen dessen „zu weit reichenden Selbstbewußtseins“, gegen Stalin wegen der Befürchtung, der 1922 mit dem Amt des Generalsekretärs Betraute werde „die gewaltige Macht in seinen Händen nicht mit genügend Behutsamkeit nutzen“. So schlug er vor, den Georgier von diesem Posten zu entfernen und durch einen „geduldigeren, loyaleren, höflicheren Genossen“ zu ersetzen. Stalin hatte indes das Amt des Generalsekretärs längst zur systematischen Bindung des Apparats der Partei an seine Person genutzt. Und so dürfte ihm die Vertrautheit mit ihrem „Innenleben“ auch zupaß gekommen sein, als es darum ging, diese testamentarische Klippe listig zu umschiffen: Lenins Vermächtnis wurde vier Monate nach seinem Tode überhaupt erst vor dem Zentralkomitee verlesen. Sinowjew, Stalins Getreuer in der engeren Parteiführung, vermochte die Entscheidung des ZK insofern entscheidend zu beeinflussen, als er Stalins Verdienste um die Revolution pries und sein Wirken als Volkskommissar für das Nationalitätenwesen rühmte. Damit behielt der Georgier die Macht faktisch in Händen.

Mit ihrem Gebrauch ging Stalin zunächst tatsächlich behutsam um, so als wolle er Lenins Bedenken entkräften. Anfänglich führte er die NEP ohne Abstriche weiter. Dies änderte sich erst, als es ihm gelungen war, vor allem Trotzkis und des „populären“ Bucharins Einfluß im ZK einzudämmen und die Gruppen in der kollektiven Parteiführung listig gegeneinander auszuspielen. Entschieden wurde der ideologisch verbrämte und immer wieder unter Berufung auf Lenin ausgetragene Machtkampf schließlich in der Phase, der Stalin später den Namen „Revolution von oben“ gab: zwischen 1927, dem Abbruch der NEP, und 1938. Er gipfelte in der physischen Liquidierung all derer in der Parteiführung, die im Jahrzehnt der Schauprozesse des „linken“ oder „rechten Abweichlertums“ angeklagt und unter Bezichtigungen wie Verschwörung, Spionage, angeblichen Mordplänen gegen Stalin oder beabsichtigter „Einführung des Kapitalismus in Rußland“ hingerichtet wurden. Nach und nach traf es Sinowjew, Kamenew, Pjatakow, Radek, Bucharin, Rykow und Krestinskij. Trotzki, der nach Zentralasien verbannt worden und dann nach Mexiko emigriert war, ließ Stalin 1940 dort umbringen.

Auf die Tschistka („Säuberung“) in der Parteiführung folgte die „Säuberung“ der Armeespitze. Ihr fielen etwa 20.000 Offiziere zum Opfer, unter ihnen die Marschälle Tuchatschewskij, Jegorow und Blücher. Und schließlich traf es sogar die, mit deren Hilfe die Ausschaltung der anderen erst möglich geworden war: die Führer der Terrororganisationen GPU und NKWD in der Nachfolge der Tscheka, Jagoda und Jeschow. Die „Revolution von oben" entsprang der These Stalins vom „Sozialismus in einem Lande“, nachdem Lenins Glaube an die Weltrevolution vom Zusammenbruch des kommunistischen Aufstands in Deutschland, aber auch von dem mißlungenen Experiment der ungarischen Räterepublik des Béla Kun erschüttert worden war. Dies nutzte der Diktator, um sich ganz auf die Stabilisierung und Ausweitung der von ihm propagierten „Generallinie“ im Innern zu konzentrieren. Wirtschaftspolitisch forcierte er den Kampf gegen das bäuerliche Privateigentum, mit brutaler Gewalt trieb er die Kollektivierung der Landwirtschaft und die zentral überwachte Industrialisierung voran.

Entkulakisierung

Die gewaltigste Umkrempelung auch des äußeren Erscheinungsbilds des gerade zehn Jahre alten Sowjetstaats begann im Dezember 1927 mit den „Direktiven für die Erstellung eines Fünfjahrplans der Volkswirtschaft“. Hatte Lenins Umgestaltung mit den Mitteln des Terrors der Enteignung und der „Liquidierung der Bourgeoisie als Klasse“ gegolten, so setzte sich Stalin die Enteignung der mäßig begüterten Mittelbauern, die „Liquidierung der Kulaken als Klasse“, zum Ziel. Wer sich der Einziehung seiner Hofwirtschaft widersetzte, war des Todes: Entweder wurde er als Konterrevolutionär umgebracht, oder man deportierte ihn in den hohen Norden, nach Sibirien oder in den Fernen Osten, wo er mit den Seinen in Gebieten, in denen keinerlei Vorbereitungen zur Aufnahme getroffen worden waren und in denen es „weder Häuser noch Gebäude irgendwelcher Art gab“, binnen kurzem jämmerlich zugrunde gehen mußte.

Diese „Entkulakisierung“ bewirkte 1932 die zweite Hungersnot. Die von der Ausrottung verschont gebliebenen Bauern reagierten auf die Kollektivierungspolitik mit Notschlachtungen größeren Ausmaßes und mit der Vernichtung von Getreide und Geräten, obschon darauf drakonische Strafen standen. Binnen eines Jahrs verringerte sich der Großviehbestand um mehr als die Hälfte. Die Opfer der Hungerkatastrophe gingen in die Millionen. Sein Ziel, die Überführung bäuerlichen Privateigentums in Kollektiv- und Staatswirtschaften (Kolchosen und Sowchosen), hatte Stalin in einem Jahrzehnt – gerechnet seit der Abschaffung der NEP – erreicht: 1937 waren bereits 93 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche „vergesellschaftet“. Überhaupt ist die einschneidendste Phase in der Geschichte der Sowjetwirtschaft mit dem Namen Stalins verbunden. An der Wende von 1928 zu 1929 leitete er eine grundlegende Veränderung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefüges des jungen Sowjetstaats ein. Nach der Devise „Es gibt keine Festung auf der Welt, die die Werktätigen und die Bolschewiki nicht nehmen könnten“ wurde gegen die NEP agitiert und gegen den Willen ihrer prominenten Vertreter Bucharin, Rykow und Tomski ein gigantisches Industrialisierungs- und Kollektivierungsprogramm beschlossen. Zugleich begann Stalin mit dem Aufbau der „Landwirtschaft neuen Typs“, der an industriellen Fertigungsverfahren angelehnten Kollektivwirtschaft. Per Fünfjahrplan diktierten nun Staat und Partei unter pausenlosem Einsatz von Presse, Rundfunk, Bürokratie und Geheimdienst die Entwicklung für die Zukunft.

Der mit Not, Elend und Massenvernichtung erkaufte „Erfolg“ blieb nicht lange aus. Schon in den 1930er Jahren überholte die Sowjetunion industriell England und Deutschland. Auf der Weltrangliste der Ökonomie stand sie hinter den ihr immer überlegenen Vereinigten Staaten. Zwischen 1929 und 1939 erhöhte sich der Anteil der städtischen Bevölkerung von 19 auf 33 Prozent. Die Industrie erwirtschaftete 1937 bereits mehr als die Hälfte des Nationaleinkommens. Durch die radikale Zerschlagung der bäuerlichen Sozialstruktur, die an der Einzelhofwirtschaft und der dörflichen Selbstverwaltung (Semstwo) hing, zugunsten einer auf industriellen Normen aufgebauten Kollektivlandwirtschaft kam es nun im Gegensatz zu 1917 und 1928 nicht mehr zu ernsthaften Lieferungsverweigerungen. „Stoßtrupps“, bestehend aus 25.000 ideologisch zuverlässigen Arbeitern, den „besten Söhnen des Vaterlands“, wurden auf das Land geschickt, um die Zusammenfassung der Einzelhofwirtschaften zu großen, 90 und mehr Höfe umfassenden Kolchosen ins Werk zu setzen und die „Klasse der Kulaken“ zu liquidieren. Unter Kulaken verstand man Bauern, die es unter der „Neuen Ökonomischen Politik“ zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatten und im Dorf den Ton angaben, aber auch all jene, die sich gegen die Kollektivierung wehrten.

Die Kollektivierung endete für die Betroffenen in einem Desaster. Der Widerstand der Bauern wurde zwar gewaltsam gebrochen und eine Bevölkerungsbewegung vom Land in die Stadt zugunsten der Industrie in Gang gesetzt; die Nahrungsmittelerzeugung jedoch ging rapide zurück. Daß die Sowjetunion trotz weniger vorhandenen Brot- und Futtergetreides, somit Mehls und Brots und Fleischs, in der Industrieproduktion beachtliche Resultate aufzuweisen hatte, kann folgendermaßen erklärt werden: Die Bolschewiki bürdeten den Arbeitern die Last der Industrialisierung auf. Mit Appellen an den über die Jahre erhalten gebliebenen revolutionären Optimismus erzeugte der Staat die Hoffnung, daß die Härten der Gegenwart als Vorleistung für eine bessere Zukunft erbracht würden. Auch wurde versucht, die Freiheitsbegrenzungen der Arbeiter durch leichteren Zugang zu Führungspositionen, die mit materiellen Vorteilen verbunden waren, wettzumachen. Aufstiegsmöglichkeiten waren aufgrund von Denunziation und Verhaftung der bürgerlichen, nicht mit den Bolschewiki verbundenen Spezialisten reichlich vorhanden.

Materielle Besserung trat erst Mitte der 1930er Jahre ein, als allmählich neue, der Sache der Bolschewiki verbundene „Kader“ sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Industrie Fuß gefaßt hatten und der Staat gezielt in das Verkehrswesen und die Konsumgüterindustrie zu investieren begann. Fortan standen mehr Maschinen für die Industrie und Traktoren für die Landwirtschaft zur Verfügung. Auf dem Land verbesserte sich das psychologische Klima durch die Gewährung kleiner privater Anbauparzellen. Das Ziel, die UdSSR „aus einem rückständigen Agrar- in ein Industrieland zu verwandeln“, konnte – für damalige Verhältnisse – weitgehend verwirklicht werden. Sibirien wurde infolge massiven Material- und Menscheneinsatzes (Verbannung, Straflager, Völkerdeportation) allmählich erschlossen; in der Förderung von Kohle und Öl erreichte man Autarkie.

GULag

Die nach und nach herbeigeführten Erfolge wurden freilich teuer erkauft. Von den Folgen dieser radikalen Umwälzung unter Stalin erholte sich die Sowjetunion im Grunde bis zu ihrem Ende unter Gorbatschow nicht. Die über den Ausbau des Schulwesens betriebene Heranbildung eines technisch geschulten industriellen Nachwuchses führte in der Industriearbeiterschaft weg vom mitdenkenden und zupackenden Handwerker und hin zum auf Kommando tätigen Verrichter einer speziellen Tätigkeit im Produktionsprozeß. In der mechanisierten Agrarwirtschaft wurden die Bauern zu ländlichen „Arbeitssoldaten“ und verkümmerten zu in Arbeitsbrigaden gegliederten vom Staat gänzlich Abhängigen. Die vom Land in die Städte strömenden Kollektivierungsopfer erhielten ihren Arbeitsplatz zugewiesen. Jederzeit konnte der Arbeiter von der Fabrik in den Kolchos (oder umgekehrt) beordert werden. Überall stand er einem „Soll“ gegenüber, drohten strenge Strafen. Die mit immer mehr Menschen gefüllten Arbeitslager, deren Funktionsweise und Verwaltung als GULag (Gosudarstwennaja Uprawlenija Lagera) niemand eindrücklicher beschrieben hat als Alexander Solschenizyn, verwirklichten einen großen Teil der gewaltigen Planvorgaben. Ihre Insassen, Millionen von Menschen, hatten ohne Lohn zu schuften. Was Stalins „Revolution von oben“ für den Sowjetstaat erbrachte, wurde durch eine unglaubliche Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und einen Menschenverschleiß sondergleichen erkauft.

Schinderei, Quälen der Opfer bis zum Tod – das stand schließlich auch als „Programm“ über einer anderen Maßnahme der „Revolution von oben“, die darauf gerichtet war, den „neuen Menschen“, den „Sowjetmenschen“, und endlich das einheitliche „Sowjetvolk“ (Sowjetskaja naroda) zu schaffen. War es in den 1930er Jahren Stalins Ziel gewesen, mittels der Verwandlung der Sowjetunion in ein riesiges Lager der Umerziehung die soziale Einebnung zu betreiben, so bot ihm der Krieg die willkommene Gelegenheit, ganze Völkerschaften und nationale Minderheiten geschlossen zu deportieren und sie der Ausrottung preiszugeben. Der Despot ließ sogar die von ihm als Volkskommissar für das Nationalitätenwesen nach der Revolution ausgearbeitete und ins Werk gesetzte marxistisch-leninistische Nationalitätentheorie („National in der Form, sozialistisch im Inhalt“) zugunsten der nun propagierten Sowjetgesellschaft fallen, in der es zu einer ethnischen Verschmelzung (Assimilation) kommen sollte.

Baltikum, Ukraine und Weißrußland

Assimilationsdruck und Beseitigung der sich Widersetzenden zeigten sich besonders deutlich im Baltikum. 1945 wurden Litauen, Lettland und Estland zu „sozialistischen Sowjetrepubliken“, wurden 140.000 Esten, 150.000 Letten und ca. 350.000 Litauer nach Sibirien deportiert. Eine Art „linguistische Eingliederung“ in die proklamierte Sowjetgemeinschaft traf die Rumänen in Bessarabien. Das zeigte sich schon unter der von Stalin insinuierten Bezeichnung „Moldawien“ für das annektierte Gebiet, der gleichnamigen späteren Teilrepublik. Die Bevölkerung besteht zu nahezu zwei Dritteln aus ethnischen Rumänen. Sie wurden in der sowjetischen Ethnographie „Moldawier“ genannt, um ihre direkte Verwandtschaft mit den Rumänen im benachbarten Mutterland zu verschleiern.

Es war auch kein Zufall, daß die sowjetische Geschichtsschreibung unablässig darauf verwies, nach der Oktoberrevolution habe die Ukraine als eine der ersten Republiken den Wunsch geäußert, sich mit der Russischen Föderation zu vereinigen, weil sie die Wiege der ostslawischen Völkerfamilie gewesen sei. Der wahre Grund lag darin, daß auch in der Ukraine nach dem Zusammenbruch des dortigen deutsch-österreichischen Marionettenstaats die Bolschewiki die Macht übernommen hatten, um die Sehnsucht der Ukrainer, ihr Nationalbewußtsein, zunichte zu machen. Der nach Auflösung der Habsburgermonarchie und nach der Oktoberrevolution von der Ukrainischen Nationalbewegung unternommene Versuch der Errichtung eines nationalukrainischen Staatswesens wurde grausam unterdrückt. Stalin ließ den in den 1920er und 1930er Jahren auch als Folge der Zwangskollektivierung abermals aufkeimenden ukrainischen Nationalismus nicht zuletzt mittels eigens hervorgerufener Hungersnot unerbittlich verfolgen. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg hatten viele Ukrainer gehofft, mit deutscher Hilfe den eigenen Staat zu erringen. Diese Hoffnung, die auch von Hitlerdeutschland rasch enttäuscht wurde, geriet von 1944 an mit der raschen Zurückdrängung der Wehrmacht Abertausenden zum tödlichen Verhängnis. Ebenso erging es 250.000 Krimtataren, die unter dem Vorwurf der Kollaboration mit dem Feind nach Sibirien und Zentralasien deportiert wurden.

Dem westlichen „Brudervolk“ der Russen, den Weißruthenen, erging es nicht viel besser. Nach einer Phase der weitgehend selbständigen Entwicklung in den 1920er Jahren setzten mit den stalinschen Zwangsmaßnahmen die Russifizierung Weißrußlands und eine enge Anbindung an die Moskauer Zentrale ein. Nach dem Zweiten Krieg wurde Weißrußland bis zur Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg, der Curzon-Linie, ausgedehnt. Das hatte zur Folge, daß gegen 1,5 Millionen Polen von dort in die früheren deutschen Ostgebiete umgesiedelt wurden, aus denen die angestammte Bevölkerung vertrieben worden war. Ein Teil dieser Zwangsumsiedlungspolen und Hunderttausende offen antikommunistische Polen wurden ebenfalls nach Sibirien und Mittelasien deportiert.

Kaukasus und Mittelasien, Juden und Deutsche

1921 war die Grusinische Sozialistische Sowjetrepublik (Georgien) ausgerufen und gegen den Widerstand auch georgischer Bolschewiki mit Armenien und Aserbaidschan zur Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik zusammengeschlossen worden. Diese löste Stalin 1936 auf. Georgien wurde Unionsrepublik. Es folgten mit den Methoden des Terrors vorangetriebene Sowjetisierung und Kollektivierung. Die Säuberungen seit 1937 wurden in kaum einer anderen Sowjetrepublik mit brutalerer Gewalt vorgenommen als in der Heimat Stalins, des einstigen Tifliser Klosterzöglings aus Gori.

Als der Diktator die Transkaukasische Föderation 1936 auflöste, wurde auch Armenien Unionsrepublik. Es folgten Kollektivierung, Sowjetisierung, politische Säuberungen, Terror. Auch in der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik beseitigten stalinistische Zwangsmaßnahmen in den 1930er Jahren die herkömmliche patriarchalische Gesellschaft, in der die Beys, Großgrundbesitzer, und die islamische Geistlichkeit den Ton angegeben hatten. In Turkmenien traf die schon 1926 begonnene Kollektivierung zunächst auf harten Widerstand der Landbevölkerung. Dem machte erst die „Entkulakisierung“ ein Ende, als – vor allem mit antireligiöser Propaganda und physischer Gewalt – die islamischen Traditionen (Koranschulen) erstickt wurden. Ähnlich Tadschikistan: In 1920er Jahren kam es dort zunächst zu einer „Retadschikisierung“ auf der Grundlage des Islam und einer Alphabetisierungskampagne. Sie fand mit der Zwangskollektivierung und Sowjetisierung in den 1930er Jahren ihr Ende, als es Moskau 1934 gelungen war, die ganz Turkestan erfassende rebellische Autonomiebewegung der Basmatschen zu zerschlagen. Stalin ließ daraufhin die gesamte tadschikische Führungsschicht ausrotten und durch Russen ersetzen. In Kasachstan setzte die Russifizierung erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein, vor allem während der Neulandgewinnungskampagne unter Chruschtschow. Das führte dazu, daß die Kasachen heute gerade noch etwa die Hälfte der Einwohnerschaft stellen. Der Anteil der Russen liegt bei 38 Prozent, den Rest bilden nationale Minderheiten.

Den kleinen Völkern des Nordens und Sibiriens hatte man nach der Oktoberrevolution erst eine „literaturfähige“ Schriftsprache geschaffen. Deren Bindung an das kyrillische Alphabet erbrachte aber den Verschmelzungszwang über die kulturelle Russifizierung. Am Nordhang des mittleren Kaukasus teilten sich Tschetschenen und Inguschen eine nach Unabhängigkeit strebende Autonome Republik. Kriegerische Auseinandersetzungen nach Auflösung der SU erbrachten die formelle Eigenstaatlichkeit – allerdings bei Zugehörigkeit zu Russland. Besonders die Inguschen waren im Zweiten Weltkrieg durch Deportation stark dezimiert worden. Die benachbarten Kalmücken wurden wie die Krimtataren der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt und nach Sibirien deportiert. Unter größtem Assimilationsdruck standen auch die Juden in der Sowjetunion. Immer wieder kam es zu Pogromen, und erst jüngst war wieder zu hören, daß besonders unter russischen Intellektuellen der Antisemitismus aufs neue um sich greife. Heute zählen die etwa 1,8 Millionen jüdischen Bürger zur zumeist städtischen Intelligenz. Sie leben, von zwei Schwerpunkten in Usbekistan und Moldawien abgesehen, vor allem in Rußland, in der Ukraine und in Weißrußland. Stalin hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen: Er schuf die Jüdische Autonome Region Birobidschan bei Chabarowsk an der Grenze zu China. Dort sind allerdings nur ungefähr 10.000 Bewohner Juden. Die Vorfahren von neun Zehnteln aller sowjetischen Juden sprachen einst Jiddisch, eine dem Mittelhochdeutschen ähnliche Sprache. In der letzten Volkszählung vor Auflösung der Sowjetunion gaben 1988 mehr als 80 Prozent Russisch als Muttersprache an. Besonders unter Gorbatschow, als die Möglichkeit dafür bestand, verließen Zehntausende Juden das Land in Richtung Israel.

Schließlich die Rußlanddeutschen: Sie hatten sich in zwei großen Siedlungsströmen unter Katharina der Großen und gegen Mitte des 19. Jahrhunderts an der Wolga (von 1924 bis zur Auflösung und Deportation existierte dort eine Autonome Republik der Wolgadeutschen), in der Ukraine, in Wolhynien, in Bessarabien, auf der Krim, am Schwarzen Meer, im Kaukasus und später in Tochtersiedlungen im Altai niedergelassen. Im August 1941 wurden sie unter dem Vorwurf der Spionage- und Zersetzungsarbeit für Deutschland als „Fünfte Kolonne“ von Stalin in den asiatisch-sibirischen Teil des Lands verbannt. Seit den Lockerungen unter Gorbatschow übersiedelten ungefähr zwei Millionen als Spätaussiedler nach Deutschland; erste hoffnungsvolle Aussichten auf ein Wiedererstehen der Wolgarepublik – im Obersten Sowjet der kurz vor der Auflösung stehenden SU war darüber sogar ein formeller Beschluß gefasst worden – zerstoben auf dem dafür als Grundterritorium vorgesehenen aufgelassenen Militärareal zwischen den Städten Marx, Engels und Saratow.

Gebietsgewinne

Als Folge des Zweiten Weltkriegs konnte die UdSSR bedeutende territoriale Gewinne verzeichnen: Nordostpreußen, Ostpolen, die Karpathoukraine, die Nordbukowina und Bessarabien, dazu die baltischen Staaten. Ihre Fläche umfaßte damit 22 Millionen Quadratkilometer, ein Sechstel der Erde. An seinen Grenzen baute Moskau zudem einen „Sicherheitsgürtel“, einen „Vorhof“ (Glacis) aus Staaten auf, die unter politisch-militärischem Druck ihr Gesellschaftssystem nach sowjetischem Vorbild zu ordnen hatten: Ostmittel- und Südosteuropa – Ausnahme: das neutrale Jugoslawien, wo ein titoistisches System errichtet wurde – sowie Nordkorea.

Generalissimus

Nach der Lockerung in der Phase des „Sowjetpatriotismus“ – Zwangsmaßnahmen und vor allem die Christenverfolgung wurden während des „Großen Vaterländischen Kriegs“ wenn nicht ganz eingestellt, so doch erheblich vermindert – verstärkte Stalin die vor dem Krieg eingeleitete Zentralisierung: Die Befugnisse des Obersten Verteidigungsrats gingen auf Politbüro und Parteigeneralsekretariat über. Und im Juni 1945 ließ er sich zum Generalissimus ernennen, was soviel bedeutete wie „Herrscher über alles und alle“.

Die Zahl der Parteimitglieder hatte sich gegenüber dem Vorkriegsstand verdoppelt. Etwa 60 Prozent waren Funktionäre, sogenannte Apparatschiks, die für die Partei wirkten und von ihr respektive dem Staat – was ja eines war – bezahlt wurden. Obwohl Massenpartei, blieb die KPdSU aber ein bloßes Herrschaftsinstrument Stalins. Zudem hielt in ihren Reihen die Atmosphäre aus Furcht und Mißtrauen auch nach 1945 an. Willkürliche Maßregelungen und Verunglimpfungen kennzeichneten die kulturpolitische Kampagne Schdanows zur Verherrlichung des Staats im „Sozialistischen Realismus“ und der geradezu hymnischen Verehrung und Verklärung seines Woschd, Stalins eben. Der Wiederaufbau der Industrie vollzog sich rasch: 1948 erreichte die Gesamtproduktion den Vorkriegsstand, bis 1952 konnte sie verdoppelt werden, ohne daß allerdings der Lebensstandard verbessert worden wäre. Trotz der 1946 begonnenen Reorganisation der Landwirtschaft stagnierte die Erzeugung auf Kolchos- und Sowchosland, obwohl 40 Prozent aller sowjetischen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig waren. Die jährliche Wachstumsrate der Industrieproduktion betrug dagegen etwa 13 Prozent. 1950 wurde die Zusammenlegung mehrerer Kollektivlandwirtschaften zu Großkolchosen (bis Herbst 1953 insgesamt 252.000 Betriebe zu 94.800 Großbetrieben mit durchschnittlich 1700 Hektar Ackerfläche) dekretiert.

Im Februar 1946 hatte Stalin seine „Zwei-Welten-Theorie“ entwickelt: Der „sozialistischen“ stehe die „kapitalistische“ gegenüber. Außenpolitisch schlug sich das unter anderem in der Berlinblockade und im Koreakrieg nieder. Es begann der Kalte Krieg. Die Spannungen im „Vorhof“, namentlich in Polen und Ungarn, nahmen zu. In der Deutschlandfrage und während der Marshallplan-Konferenz in Paris 1947 zeigten sich Risse in der „Anti-Hitler-Koalition“, die schließlich zum Bruch zwischen Ost und West führten. Der vierte Fünfjahrplan gab die Beseitigung der Kriegsschäden, verstärkten Wohnungsbau und industrielle Großprojekte vor. Die Kolchosen wurden bei strikter Beschränkung des privaten Nutzlands auf die vorgeschriebene Größe von einem halben Hektar reorganisiert und straffer Parteiaufsicht unterstellt. 1947 wurden die Rationierung der Lebensmittel abgeschafft und der Rubel aufgewertet.

Nach dem Tode des „Kulturzaren“ Schdanow kam es noch einmal zu einer Tschistka im Parteiapparat. Malenkow, Chruschtschow und Geheimdienstchef Berija entmachteten unter den gefälligen Blicken Stalins Schdanows Anhänger. Im Januar 1953 wurde dann das Moskauer „Ärztekomplott“ aufgedeckt. Mehrere vor allem jüdische Mediziner sahen sich des Vorhabens der Beseitigung des „weisen Vaters aller Völker“ bezichtigt. Der Vorgang sollte wohl den Anlaß für eine neue Welle der Säuberung und für das Vorgehen gegen Juden abgeben; er endete aber mit dem Tode des „geliebten Führers“. Als Stalin am 5. März 1953 starb, hinterließ er eine nach Plan rücksichtslos umgebaute Kommandowirtschaft, eine systematisch umgestülpte Gesellschaftsordnung, die er 1936 in eine auf ihn zugeschnittene Verfassung gegossen hatte, und in Sonderheit eine gründlich veränderte „ethnische Landkarte“ der Sowjetunion. Seine Nachfolger versuchten zwar, die der Lehre Lenins nach als verdammungswürdig erkannten Auswüchse des „Stalinismus“ zu beseitigen, kurierten letztlich aber nur an Symptomen, ohne das Übel an der Wurzel zu packen. Die marxistisch-leninistische Staats- und Gesellschaftstheorie stellten sie nie wirklich in Frage.

Nach dem Ableben Stalins wurde Nikita Chruschtschow zum ersten Sekretär des Zentralkomitees, der Stalins Schergen Berija als Innenminister schließlich stürzen und hinrichten lassen konnte. Chruschtschow leitete eine Politik der „Entstalinisierung“ ein, förderte die Landwirtschaft und begann ein gigantisches Siedlungs- und Landbauprogramm, das in unerschlossenen Gebieten wie Sibirien Neuland urbar machen sollte. Unter Chruschtschow wurde das erste industriell genutzte Atomkraftwerk Rußlands eröffnet, Kunst und Kultur erfreuten sich einer gewissen „Liberalisierung“, doch die Kirchenverfolgung dauerte unvermindert an. Unter Chruschtschows Herrschaft wurden sogar mehr Kirchen und Klöster geschlossen als unter Lenin und Stalin. Auch bei den Atomwaffen gelang es der Sowjetunion unter Chruschtschow, mit den USA gleichzuziehen, und der erste künstliche Erdsatellit „Sputnik“ bewies die technologische Leistungsfähigkeit der kommunistischen Supermacht. Sogar mit dem amerikanischen Präsidenten Kennedy traf sich Nikita Chruschtschow in Wien.
Unter Nikita Chruschtschow wurde 1957 Andrei Gromyko zum Außenminister, der bald der dienstälteste Außenminister der Welt und erst von Gorbatschow abgelöst wurde. Zur sowjetischen Nomenklatur zählte Gromyko freilich nicht; erst 1973 wurde er Vollmitglied des Politbüros.
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Chruschtschow: Entstalinisierung und „Tauwetter“

Einen Tag nach dem Ableben des schlimmsten aller sowjetischen Diktatoren ging die höchste Kommandogewalt in Partei und Staat auf eine kollektive Führung über. Regierungschef wurde Malenkow, Außenminister Molotow, Innenminister Berija. Chruschtschow übernahm den Posten des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees, den Stalin bis zum Tode innegehabt hatte. Als es Chruschtschow im Juni 1953 gelang, Berija, den als Leiter der Staatspolizei zutiefst gehaßten Schergen Stalins, als Innenminister zu stürzen, verhaften und hinrichten zu lassen, war ihm ein weiterer Schritt auf dem Wege zur Macht gelungen.

Außenpolitisch signalisierte der Waffenstillstand in Korea die Abkehr Moskaus von der grundsätzlichen Konfrontation mit dem Westen und das Heraustreten aus der weltpolitischen Isolation. Malenkow propagierte die Richtlinien für den „Neuen Kurs“ (Schwenk von der Rüstungswirtschaft auf die Konsumgüterindustrie, Förderung der Landwirtschaft zur Steigerung der Erträge, Stärkung der „sozialistischen Gesetzlichkeit“). Das kam den Forderungen der „Arbeiterintelligenz“ und der bürokratisch-technischen Mittelschicht, die längst eine Art „Staatsbourgeoisie“ bildeten, aber ohne wirkliche Mitwirkungsmöglichkeit geblieben waren, entgegen. Als die erste sowjetische Wasserstoffbombe gezündet werden konnte, hatte die neue Kremlführung das Gefühl, anders als in den ersten Nachkriegsjahren für militärische Eventualfälle gerüstet zu sein. Im September 1953 beschloß ein Zentralkomiteeplenum Maßnahmen zur raschen Steigerung der Agrarproduktion, die deutlich Chruschtschows Handschrift trugen. Am 13. September wurde dieser zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees gewählt. Daraufhin leitete er ein gigantisch anmutendes Siedlungs- und Landbauprogramm ein, das die Gewinnung von „Neuland“ in Westsibirien, Nordkasachstan, im Wolgagebiet und im Nordkaukasus vorsah. Auch die Zahl der Sowchosen sollte erhöht werden. Bis 1956 wurden denn auch 36 Millionen Hektar Brach- und Neuland erschlossen, wobei allerdings bald die Gefahren der monokulturellen Nutzung sichtbar werden sollten. Mit dem Vorantreiben der landwirtschaftlichen Erzeugung – Chruschtschow wollte bis 1970 die Vereinigten Staaten in der Agrar- und Industrieproduktion „überholen“ und verkündete das auch immer wieder großsprecherisch – gingen Anstrengungen zur Steigerung der industriellen Fertigung einher. Ein besonderer Ausdruck des Willens zur „Erzeugungsschlacht nach sozialistischen Wettbewerbsbedingungen“ war die Inbetriebnahme des ersten industriell genutzten Atomkraftwerks in Obninsk bei Moskau im Juni 1954.

Zur Entfachung des Leistungsanreizes in Industrie und Landwirtschaft mußte auch die der schöpferischen Intelligenz kommen, die unter Stalin zum Kriechertum verkümmert war. Auf einem Schriftstellerkongreß strich man jene Bestimmung im Statut, nach der die Wahrheitstreue von der „Zielsetzung einer ideologischen Umformung der Werktätigen im Geiste des Sozialismus“ abhängen sollte, und redete statt dessen einer „kritischen Literatur“ das Wort. Daraus entstand die nach einer 1954 erschienenen Novelle von Ilja Ehrenburg benannte „Tauwetter“-Periode. Sie bedeutete für Literatur, Kunst und Kultur die Abkehr von der strengen Reglementierung und eine gewisse „Liberalisierung“. Dem standen aber die wieder einsetzende Verstärkung der atheistischen Propaganda und die zunehmende Christenverfolgung gegenüber, die zu einer Welle von Verhaftungen von Priestern und Laien vorwiegend der Russischen Orthodoxen Kirche führte. Während der Amtszeit Chruschtschows wurden 8000 Kirchen und Klöster geschlossen und größtenteils zu Lagerhallen entweiht, mehr als unter Lenin und Stalin.

Im Februar 1955 löste Bulganin Malenkow als Regierungschef ab. Die Übergabe des Verteidigungsministeriums an Marschall Schukow, den Helden von Berlin, wies den Weg zu steigendem Einfluß der Armee (Erhöhung der Verteidigungsausgaben) auf die Politik von Partei und Regierung. Es folgte mit der Unterzeichnung des „Vertrags über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“ das Bündnis des Warschauer Pakts als Antwort auf die Gründung derNATO. Gleichwohl ließ Moskau mit der Ratifizierung des österreichischen Staatsvertrags einen gewissen Entspannungswillen in Europa erkennen. Als daraufhin Außenminister Molotow die Zweckmäßigkeit des österreichischen Staatsvertrags und der Wiederannäherung an Jugoslawien im Zentralkomitee in Frage stellte, setzte Chruschtschow seine Außenpolitik gegen die „Anti-Partei-Opposition“ durch. Die Grundlinien der Wirtschaftspolitik Chruschtschows waren von der zweiten Jahreshälfte 1954 an wieder auf die vorrangige Förderung der Schwer- und Investitionsgüterindustrie gerichtet, ohne daß dadurch allerdings der Konsumgüter- und der Landwirtschaftssektor vernachlässigt werden sollten. Chruschtschow rügte Malenkows „Konsumismus“, konnte aber dessen „Neuen Kurs“ nicht gänzlich zurücknehmen. Mit Unterstützung der Molotowfraktion, die auf Beibehaltung einer im Grunde stalinistischen Innen- und Außenpolitik setzte, konnte Chruschtschow im ZK eine Mehrheit gegen Malenkows auf Ausgleich in den internationalen Beziehungen bedachte Politik mobilisieren. Nach dessen Entlassung setzte er dann sein Konzept der „friedlichen Koexistenz“ unter der Voraussetzung militärischer Stärke durch.

Von Mitte der 1950er Jahre an bemühte sich Moskau unter Chruschtschow durch Aufnahme diplomatischer Beziehungen und Vergabe von „Entwicklungshilfe“ um die im Entkolonialisierungsprozeß entstehenden Staaten der Dritten Welt, wobei der Kreml sein Augenmerk zunächst besonders auf Afrika richtete. Die Mittelosterklärung vom April 1955 stellte die UdSSR als Schutzmacht der Unabhängigkeit und der nationalen Interessen der Staaten des Nahen und Mittleren Ostens dar. Die Unterstützung für Ägypten während der Suezkrise 1956 stärkte das sowjetische Ansehen in der arabischen Welt. Im eigenen Lager aber drohte Moskau dem „Polnischen Frühling“ mit Intervention, während es den Aufstand in Ungarn im Herbst 1956 militärisch niederschlug, um seine hegemoniale Stellung zu sichern. Als „mildes Zwischenspiel“ hatten sich im September 1955 auch die Verhandlungen mit Adenauer erwiesen. Vereinbart wurden die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen, die Erweiterung des Handels und die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen, die dann tatsächlich im Laufe des Jahres 1956 im Lager Friedland (Niedersachsen) eintrafen und sich von dort aus in ihre kaum mehr wiederzuerkennenden Heimatorte aufmachten, wo sie sich nur mehr schwierig zurechtfanden.

Im Innern konnte sich Chruschtschow erst nach dem berühmten XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 durchsetzen: gegen die Gefolgsleute Molotows, Kaganowitschs und Woroschilows. In einer Geheimrede rechnete er mit den Verbrechen der Stalinzeit ab und gab eine auf Lenin bezogene Interpretation des Marxismus-Leninismus – Beseitigung des Personenkults und Stärkung der Partei. Daraufhin kam es in Stalins Heimat Georgien zu Unruhen, die blutig niedergeschlagen wurden. Schepilow löste Molotow als Außenminister ab. Im Juni beschloß das ZK die „Überwindung des Personenkults“: Die Kritik daran zeitige „vom Standpunkt der Interessen und des Endziels der Arbeiterklasse aus zweifellos ein positives Ergebnis“, hieß es zur Begründung.

Im Februar 1957 löste Gromyko Schepilow als Außenminister ab. Parteichef Chruschtschow versprach neue wirtschafts-, besonders agrarpolitische Großprojekte. Als die Reformströmungen in den Volksdemokratien und in der Sowjetunion, die Forderung nach „Polyzentrismus im sozialistischen Lager“, die Gefahr eines Verlusts der beherrschenden Stellung der Sowjetunion andeuteten, gelang es der Fronde Malenkow-Molotow-Kaganowitsch, im Präsidium des ZK eine Mehrheit für die Absetzung Chruschtschows zu finden. Dieser aber organisierte im Gegenzug eine Plenarsondersitzung des Zentralkomitees, auf der die drei zu „Parteifeinden“ erklärt und ihrer Ämter enthoben wurden. Breschnew, Verteidigungsminister Schukow und (als Kandidat) Kossygin rückten ins ZK-Präsidium nach. Chruschtschow konnte zudem im Dezember das Parteisekretariat durch Gefolgsleute erweitern. Erst als im März 1958 Bulganin als Ministerratsvorsitzender, mit dem Adenauer die Rückführung der letzten Kriegsgefangenen und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen ausgehandelt hatte, zurücktreten mußte, aus dem ZK ausgestoßen und ebenfalls zum „Parteifeind“ erklärt wurde, hatte Chruschtschow Partei und Regierung fest in der Hand. Die erfolgreiche Erprobung einer Interkontinentalrakete und der erste künstliche Erdsatellit steigerten das Prestige der Sowjetunion, riefen in den Vereinigten Staaten den „Sputnikschock“ hervor und erwiesen sich sich als Krönung der Laufbahn des damaligen Kremlherrn.

Das von ihm angestrebte Ziel eines „Wohlfahrtskommunismus“ konnte mit den gegebenen wirtschaftlichen Mitteln freilich nicht erreicht werden. Die Landwirtschaft entwickelte sich mehr und mehr zu einem Faß ohne Boden. Dem Prestige abträglich war der Einkauf von Weizen und Mais beim amerikanischen Weltmachtrivalen. Ökonomisch wies der XXII. Parteitag mit seinen Forderungen nach einer größeren Rolle des Markts, seiner Stellungnahme gegen die überzentralisierte Planwirtschaft und das damit verbundene administrative System wieder Parallelen zu Wirtschaftsideen der NEP-Jahre unter Lenin auf. Aber eine offene ideologische und theoretische Auseinandersetzung mit den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen blieb aus. Chruschtschow modifizierte die seit 1958 geltende sowjetische Militärdoktrin, wonach sich „lokale“ Kriege unvermeidlich zu einem Weltkrieg ausweiten müßten. Das „sozialistische Lager“ werde zwar alles tun, sie zu verhindern, doch nationale Befreiungskriege seien unumgänglich und würden von der UdSSR unterstützt werden. Mit dem amerikanischen Präsidenten Kennedy traf sich Chruschtschow im Juni 1961 in Wien. Trotz aller Krisen im Ost-West-Verhältnis, vor allem wegen Deutschland (Bau der Mauer ab 13. August) und Moskaus Militärpräsenz in Kuba, stand diese Zusammenkunft am Beginn einer gewissen Entspannung zwischen Moskau und Washington, ohne indes den Kalten Krieg und die geopolitische Rivalität der beiden Supermächte zu beenden.

Im Innern ließ Chruschtschow über eine Revision des Parteistatuts, das „ultralinke“ Richtungen ebenso wie „ultrakonservative“ verwarf, das Prinzip der kollektiven Führung erstmals zum höchsten Prinzip der Parteileitung erklären. Alle wichtigen Entscheidungen mußten seitdem durch ein Kollegialorgan getroffen werden. Der XXII. Parteitag bestätigte zwar Programm und Statut der KPdSU. Allerdings führten die Annäherung an die Vereinigten Staaten („friedliche Koexistenz“) nach dem Bau der Berliner Mauer und noch vor der friedlichen Beilegung der Kubakrise im Oktober, der Konflikt mit Peking, die überstürzte Umorganisation im Parteiapparat, wirtschaftliche Mißerfolge und das Aufkommen liberalerer Kräfte in der sowjetischen Gesellschaft (Kunst und Kultur) zu Mißtrauen und Widerstand in den Führungsgremien. Chruschtschow begegnete dem mit einer zweiten Entstalinisierungswelle. Sie fand am 30. Oktober 1961 in der spektakulären Entfernung des Leichnams Stalins aus dem Leninmausoleum ihren Höhepunkt.

Drei Jahre später stand wieder die Frage nach Steigerung der landwirtschaftlichen Erzeugung im Plenum des ZK zur Debatte. Nach Mißernten hatte Moskau zwölf Millionen Tonnen Getreide in den Vereinigten Staaten kaufen müssen. Die oppositionelle Stimmung im zweithöchsten Führungsgremium der Partei gegen „Djadja [Onkelchen] Nikita“, wie sich Chruschtschow von seinen Landsleuten in Anlehnung an eine Novelle Anton Tschechows („Djadja Wanja“) gern nennen ließ, nahm zu. Doch der Parteichef ahnte offenbar nichts. Als er auf der Krim Urlaub machte, versetzten ihm die, die er ins ZK geholt hatte, den politischen „Todesstoß“. Man rief ihn zurück und stellte ihn vor vollendete Tatsachen. Am 15. Oktober setzte ihn das Plenum des ZK als Ersten Sekretär ab und wählte Breschnew zum Nachfolger im Parteivorsitz; Kossygin übernahm das Amt des Ministerpräsidenten und Podgorny den Vorsitz im Obersten Sowjet (nominell Staatsoberhaupt). Die letzten sieben Lebensjahre verbrachte Chruschtschow in Bedeutungslosigkeit auf der ihm verbliebenen Regierungsdatscha. Als er 1971 verstarb, wurde er nicht wie sonstige Sowjetgrößen vor und nach ihm an der Kremlmauer, sondern auf dem Friedhof des Neujungfrauenklosters (Nowodewitschi-Monastir) unter großer Anteilnahme der Moskauer Bevölkerung bestattet.

Mißernten und sonstige Fehlschläge führten zur Entmachtung Chruschtschows, den das Zentralkomitee als „Ersten Sekretär“ abwählte und an seiner Stelle Leonid Breschnew installierte. Dieser versuchte zuerst, Chruschtschows Reformpolitik fortzusetzen, und suchte insbesondere den Ausgleich mit den USA. Je mehr Breschnew jedoch seine Macht etablieren konnte, desto mehr erstarrte auch das politische System der Sowjetunion.
Viele bedeutende Regimekritiker, unter ihnen Andrei Sacharow, wurden unter Breschnew verbannt. – Letzterer in die Stadt Gorki, die heute wieder Nischnij Nowgorod heißt.

Breschnew: erst Aufbruch, dann Versteinerung

Anders als der temperamentvoll-unstete Chruschtschow war die neue Führungstroika von ausgemachter Steifheit. Sie schuf einen Machtapparat aus Technokraten. Das bestimmende Prinzip ihrer Innenpolitik hieß Ruhe, Ordnung, Überwachung. Wirtschaft und Bürokratie wurden unter erhöhte Disziplinaraufsicht gestellt, gegen „Dissidenten“ ging man weit entschiedener vor als zu Zeiten Chruschtschows. In der Außenpolitik kalkulierte Gromyko, der nicht zum engeren Führungskreis zählte und erst 1973 Vollmitglied des Politbüros werden sollte, die Möglichkeiten für Kooperation und Konflikt nach dem jeweiligen Interesse Moskaus. An die Stelle der Entstalinisierung trat eine vorsichtigere Bewertung des Diktators. Das Prinzip der kollektiven Führung wurde aber herausgestellt. Im März 1965 beschloß das Plenum des ZK wieder einmal Maßnahmen zur Entwicklung der Landwirtschaft. Die Malaise war unübersehbar. Über höhere Agrarpreise und stabile Ablieferungsquoten sollten den Kolchosbauern mehr Anreize geboten werden. Schlechte Ernteergebnisse verhinderten aber drei Jahre hintereinander eine wesentliche Verbesserung. Die neue Führung setzte auf das „Charkower System“ des Ökonomen Liberman. Die Zentralisierung der Wirtschaftsverwaltung wurde zwar beibehalten, einzelne Entscheidungen, beispielsweise über das Prämiensystem und die Finanzverwaltung, hingegen an die jeweiligen Betriebsleitungen abgetreten. Da die Preisbindung bestehen blieb, blieben allerdings auch die Erfolge aus.

Auf dem XXIII. Parteitag 1966 stellte die Troika ihre Autorität als kollektive Führung unter Beweis. Ein neues Parteistatut führte das Politbüro wieder ein, desgleichen das Amt des Generalsekretärs der KPdSU, das Breschnew übernahm. Träger der Staatsmacht waren von nun an ZK-Sekretariat und Politbüro der Partei und das Präsidium des Ministerrats als Regierung. Wirtschaftspolitisch drehte sich wieder alles um die Vorherrschaft der Schwerindustrie und die stärkere Berücksichtigung von Konsumgüterindustrie und Landwirtschaft. Außenpolitisch setzte die neue Führung den Kurs Chruschtschows fort: Ausgleich mit den Vereinigten Staaten und mit ihren Verbündeten, Entspannung bei Sicherung der Hegemonialstellung als Supermacht unter Voraussetzung der militärischen Stärke, vor allem der nuklearen Ebenbürtigkeit mit Washington. Ihr Militärkonzept zielte auf Erhalt des bestehenden militärischen Gleichgewichts mit Amerika und setzte auf die Entwicklung strategischer Kampfmittel und den Ausbau der mit Atomwaffen bestückten U-Boot-Flotte. Im Juli 1968 unterzeichnete Moskau mit Washington und London den Vertrag über die Nichtverbreitung von Atomwaffen („Nonproliferation“).

Was unter der Breschnew-Doktrin zu verstehen war, erlebte die Welt in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968: Moskau beendete durch Einmarsch von Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei den „Prager Frühling“. Die Auseinandersetzungen über die Invasion reichten bis ins Politbüro, und die Proteste sowjetischer Intellektueller führten die schon unter Chruschtschow entstandene Bewegung politischer „Nonkonformisten“ in die „Demokratische Bewegung“ der „Dissidenten“, der „engagierten Andersdenkenden mit verschiedenen Auffassungen über Verschärfung der inneren Kontrollen“. Über die Breschnew-Doktrin (der „beschränkten Souveränität der sozialistischen Staaten bei Bedrohung des sozialistischen Weltsystems“) wurde der Einmarsch („in den von Konterrevolution bedrohten tschechoslowakischen Bruderstaat“) begründet.

Im März 1969 spitzte sich der Konflikt mit Peking, dem fortwährenden Rivalen in der „kommunistischen Weltbewegung“, zu: Es kam zu Gefechten zwischen chinesischen und sowjetischen Grenztruppen am Grenzfluß Ussuri. Moskau wies die chinesischen Gebietsforderungen (zwischen Ussuri und Pazifik) und Pekings Begehr neuer Grenzverhandlungen brüsk zurück. Als außenpolitischer Erfolg Moskaus konnte der am 12. August 1970 geschlossene Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der UdSSR über Gewaltverzicht und Normalisierung der Beziehungen gewertet werden. In der Wirtschaftspolitik wiederholten sich hingegen die stereotypen Bekundungen. So während des XXIV. Parteitags, als der neue Fünfjahrplan zur „Diskussion“ gestellt war: Konsumgüterindustrie und Landwirtschaft sollten gefördert werden, Schwer- und Investitionsgüterindustrie weiterhin Vorrang behalten. Auch innenpolitisch machte sich der Parteitag bemerkbar. Gefordert wurden straffere Kontrollen auf allen staatlichen und gesellschaftlichen Feldern durch die Partei sowie verstärkte ideologische Erziehungsarbeit. Im März 1971 kam es zum Umtausch der Parteibücher: Fast 2,6 Millionen neue Mitglieder waren zur KPdSU gestoßen, 347.000 bisherige Mitglieder erhielten wegen „Abweichung von der Parteinorm und Disziplinarverfehlungen“ keine neuen Ausweise. Im selben Jahr wurde die stalinistische Devise vom „sowjetischen Volk als einer neuen historischen Menschengemeinschaft“ zur Generallinie erhoben.

Es folgen Zeiten der Höhepunkte des Breschnewismus. Mit dem Auslaufen atomgetriebener Schlachtschiffe aus dem Schwarzen Meer weitete die UdSSR ihre militärische Präsenz auf alle Weltmeere aus und wetteiferte hinsichtlich maritimer Machtpolitik mit den Vereinigten Staaten. Moskau sicherte den Staaten Asiens Unterstützung für ihre nationalen Belange zu. Neben der (nicht erreichten) diplomatischen Isolation Chinas bemühte sich Moskau in Asien um die Erschließung von Rohstoffquellen und um wirtschaftlich-technische Großprojekte. Die Zusammenarbeit mit Japan scheiterte freilich an der Kurilenfrage. 1974 unterzeichneten Breschnew und der amerikanische Präsident Ford in Wladiwostok eine Vereinbarung, wonach bis 1977 das SALT-I-Abkommen zur Begrenzung strategischer Waffen durch ein bis 1985 gültiges SALT-II-Abkommen abgelöst werden sollte. Während der Plenartagung des ZK setzte Breschnew seine Auffassung über den Vorrang der Entspannung vor der Ideologie durch. Als Konzession an die „Dogmatiker“ wurde in der Wirtschaftspolitik aufs Neue der Vorrang der Schwerindustrie beschlossen.

Als 1975 in Helsinki die KSZE-Schlußakte unterzeichnet wurde, gehörte zu den Unterzeichnern auch ein gefeierter Breschnew. Das hinderte ihn aber nicht, mit noch härteren Maßnahmen gegen Dissidenten vorzugehen und im Parteizentralorgan „Prawda“ („Wahrheit“) die Forderung nach Liberalisierung im Sinne des westlichen Pluralismus zurückzuweisen. Neun Dissidenten gaben daraufhin in Moskau die Gründung einer Gruppe bekannt, die die Einhaltung der KSZE-Schlußakte in der UdSSR überwachen wollte. Sie wurde als „gesetzwidrig“ verwarnt. Im Zenit der Macht und des internationalen Ansehens stand Breschnew, der sich immer mehr zur bestimmenden Figur der Troika herauskristallisiert hatte, als ihm das Präsidium des Obersten Sowjets den Rang eines Marschalls der Sowjetunion verlieh. Im Juni 1976 verdrängte er zudem Podgorny aus dem Amt des Staatsoberhaupts. Sein internationales Ansehen verblaßte jedoch erheblich, als er am 27. Dezember 1979 die Sowjetarmee in Afghanistan einmarschieren ließ und zwei Wochen später den Regimekritiker Sacharow, die Symbolfigur der Bürgerrechtler, nach Gorkij (heute wieder Nischnij Nowgorod) verbannte. Amerika und weitere westliche Staaten reagierten mit Sanktionen und dem Boykott der Moskauer Olympiade auf den sowjetischen Einfall in Afghanistan.

Während der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Sowjetunion 1972 war die „multinationale Sowjetgesellschaft“ beschworen worden. Unter dieser verbalen Chiffre verbarg sich in Wirklichkeit aber die Fortsetzung des rigiden Russifizierungsprozesses, dem die nichtrussischen Völker unterlagen. Damals nahmen die Regungen nationalen Eigenständigkeitsbewußtseins zu. Der Anteil der nichtrussischen überstieg allmählich den der russischen Bevölkerung, vor allem wegen der höheren Geburtenraten in den (islamischen Werten verhafteten) zentralasiatischen und kaukasischen Republiken. Gegen die Russifizierung wandten sich, vorwiegend auch aus religiös-nationalen Gründen, Juden, Balten, Ukrainer und Krimtataren. Als Sacharow in einem Memorandum die Demokratisierung der UdSSR forderte, setzte die Kremlführung die althergebrachten Instrumente zur Disziplinierung und Unterwerfung der unbotmäßigen Dissidenten- und Nationalitätenbewegungen ein: politische Strafprozesse, langjähriger Freiheitsentzug in Gefängnissen und Lagern, Zwangseinweisung in psychiatrische Verwahranstalten, freiwillige oder Zwangsemigration und Ausbürgerung. Der spektakulärste Fall war die Ausweisung des Literaturnobelpreisträgers Solschenizyn. 1974 waren westlichen Menschenrechtsorganisationen 10.000 politische Häftlinge bekannt.

Die Entwicklung in Polen, das Aufkommen einer gegen die Partei in Warschau und vor allem gegen die Moskauer Vorherrschaft gerichteten Gewerkschaftsbewegung mit dezidiert politischen Absichten, traf die überalterte sowjetische Führung unvorbereitet. Breschnews zunehmende Senilität und die im Westen als „Herrschaft der Gerontokraten“ bezeichnete Parteiführung taten ein übriges. Lethargie und Agonie breiteten sich aus. Der Schwung des Jahres 1964 war nach 18 „fetten“ Jahren zum Stillstand gekommen. Unter Gorbatschow sollte die Ära Breschnew als „Stagnationsperiode“ zum festen Bestandteil des politischen Vokabulars werden.

Zum Nachfolger Breschnews wählte das Politbüro den KGB-Chef Juri Andropow, der allerdings nicht einmal ein ganzes Jahr lang bis zu seinem Tod der Führer der Sowjetunion blieb. In der kurzen Zeit, die ihm blieb, wandte sich Andropow gegen Korruption und Machtmißbrauch und nahm dabei sogar Breschnews Familie ins Visier.
Nach Andropows Tod wurde schließlich Konstantin Tschernenko, der Favorit Breschnews, zum Generalsekretär der KPDSU gewählt, doch verstarb auch er nach wenig mehr als einem Jahr an der Macht.
Am 11. März 1985 wurde Michail Sergejewitsch Gorbatschow zum Generalsekretär des ZK gewählt. Nach Kräften versuchte er, die Sowjetunion zu retten; zahlreiche Minister und Gebietsparteisekretäre wechselte er unmittelbar nach Amtsantritt aus. Seine Losungen „Glasnost“ und „Perestrojka“ verkündeten seinen Willen zum Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft. Er entließ Gromyko als Außenminister und ersetzte ihn durch den georgischen Parteichef Schewardnadse; er löste mehrere sibirische Straflager auf und ließ den Regimekritiker Sacharow nach Moskau zurückkehren. 1990 wurde Gorbatschow sogar der Friedensnobelpreis verliehen.
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Gorbatschows großer Gegenspieler wurde Boris Jelzin, der ursprünglich nur Gebietsparteichef von Swerdlowsk (also Jekaterinburg) gewesen, auf Gorbatschows Geheiß hin jedoch zum Parteichef der Hauptstadt Moskau ernannt worden war. Als kommunistische Putschisten Gorbatschow zu stürzen und die Macht zu ergreifen versuchen, setzte sich Jelzin durch und wurde zum ersten Präsidenten Rußlands, verhinderte die Auflösung der Sowjetunion und verbot die KPDSU.
Gemeinsam mit dem weißrussischen Parlamentspräsidenten Schuschkjewitsch und dem ukrainischen Präsidenten Krawtschuk begründete Jelzin schließlich im Jahr 1991 die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten.

Andropow und Tschernenko

Der Rückgang des wirtschaftlichen Wachstums, die sich verbreitende Ordnungs- und Disziplinlosigkeit, Versorgungsschwierigkeiten, Korruption sowie zunehmende nationale Spannungen vor allem im Kaukasus und in den baltischen Sowjetrepubliken führten in der politischen Führung zu heftigen Diskussionen über Möglichkeiten, einer wachsenden Staats- und Gesellschaftskrise vorzubeugen. Breschnews Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends; seine Hinfälligkeit und die daraus resultierende Lähmung der Partei- und Staatsführung forcierten die Auseinandersetzungen um die Nachfolge in den Leitungsgremien.

Als im Januar 1982 der Chefideologe Suslow starb, bestimmte das Politbüro nicht den von Breschnew offenbar favorisierten Tschernenko, sondern den 68 Jahre alten KGB-Chef Andropow zum Nachfolger. Und zwei Tage nach dem Dahinscheiden Breschnews im November desselben Jahrs wurde Andropow Generalsekretär und bald darauf auch Vorsitzender des Verteidigungsrats und Staatsoberhaupt. Damit gingen alle von Breschnew mit byzantinischem Prunk zur Selbsterhöhung wahrgenommenen Ämter auf den angeblich feinnervigen Andropow über. Vor allem die Intellektuellen atmeten auf. Sie versprachen sich ein zweites Tauwetter. Andropow begann mit einer die Sowjetbürger jäh aufschreckenden Kampagne gegen Korruption und Machtmißbrauch. Alsbald wurden die Verstrickungen führender Parteifunktionäre der zentralasiatischen „Baumwoll-, Devisen- und Schmuckmafia“ ans Licht gezerrt und sogar gegen Breschnews Familie staatsanwaltschaftliche Ermittlungen eingeleitet. Sein Elan wurde jedoch bald durch eine schwere Nierenerkrankung gebremst. Andropow verschied im Februar 1984. Unter seinem Nachfolger Tschernenko, Breschnews Wunschkandidat von einst, versank fast alles Begonnene wieder in Trägheit und Stumpfsinn.

Gorbatschow: unfreiwilliger Liquidator

Am 10. März 1985 stirbt auch Tschernenko. Tags darauf wird Gorbatschow, seit 1980 Mitglied des Politbüros, vom ZK einstimmig zum Generalsekretär gewählt. Kaum im Amt, kritisiert der neue Kremlchef die Mißstände in der Innen- und Wirtschaftspolitik. In den ersten zehn Monaten seiner Amtszeit werden drei Dutzend Minister und mehr als 50 Gebietsparteisekretäre ausgewechselt. Unter den weltweite Berühmtheit erlangenden Losungen „Glasnost“ und „Perestrojka“ verkündet Gorbatschow den Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft.

Im April läßt er drei neue Mitglieder ins Politbüro wählen: KGB-Chef Tschebrikow, seinen späteren Opponenten Ligatschow und den Wirtschaftsmanager Ryschkow. Den „dienstältesten Außenminister der Welt“, Gromyko, befördert er kurz danach auf den Posten des einflußlosen Staatsoberhaupts und ersetzt ihn durch den georgischen Parteichef Schewardnadse. Im Frühjahr 1986 findet der XXVII. Parteitag statt. Dort werden „wirklich revolutionäre Veränderungen in der Wirtschaft“ proklamiert. Gorbatschow besucht Industriebetriebe und verkündet den „Kampf gegen den Alkoholismus“. Am 28. April, zwei Tage nach der Katastrophe, geben die sowjetischen Medien den GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl bekannt; an den Folgen sollen mehr als 30.000 Menschen gestorben sein. Im Dezember veranlaßt Gorbatschow die Rückkehr des Regimekritikers Sacharow nach Moskau. Anfang 1987 wird die erste größere Gruppe politischer Häftlinge „begnadigt“, 1989 werden mehrere sibirische Straflager aufgelöst. Auf einer ZK-Sitzung im Januar 1987 brandmarkt Gorbatschow in bis dahin beispielloser Weise die „Fehler der Vergangenheit“ und fordert eine Änderung des Wahlsystems. Die Ersten Sekretäre der Partei müßten von den Republiks- bis hinunter zu den Stadt- und Dorforganisationen geheim gewählt werden; es müßten mindestens zwei Kandidaten zur Wahl stehen. Boris Jelzin, Gebietsparteichef von Swerdlowsk (Jekaterinburg, dort wo einst auf Lenins Geheiß die Zarenfamilie im Keller des Opatjew-Hauses, das Jelzin abbrechen ließ, erschossen worden war) wurde 1985 von Gorbatschow persönlich zum (traditionell prestigeträchtigen und einflußreichen) Parteichef der Hauptstadt Moskau bestimmt, im November 1987 jedoch wegen seiner Kritik am „Verlauf der Perestrojka“ abgesetzt und ins Bauministerium abgeschoben.

Im Februar 1988 kommt es in Nagornyj Karabach, einer zur islamisch geprägten Sowjetrepublik Aserbaidschan gehörenden, von christlichen Armeniern bewohnten Enklave, zu schweren Unruhen. Sie greifen auf Aserbaidschan über und weiten sich im Januar 1990 zum Bürgerkrieg aus. Moskau setzt Truppen ein. Am 30. September wird Ligatschow, der orthodox-kommunistische und lange als „zweiter Mann“ nach Gorbatschow geltende Chefideologe der Partei, im Rahmen umfangreicher Umbesetzungen in der Parteiführung entmachtet und auf den Posten des Zentralkomiteesekretärs für die Agrarpolitik abgeschoben. Am 15. und 16. März 1989 beschließt das Agrarplenum des Zentralkomitees eine „Reform der Landwirtschaft“ sowie die „Auflösung der zentralen Agrarbehörde“. Den Bauern sollen Staatsland in Pacht übergeben und Betriebsmittel zur Verfügung gestellt werden, die staatlichen Kollektivbetriebe allerdings beibehalten bleiben. Nach zunehmendem Unmut in der Bevölkerung wegen der gravierenden Versorgungsmängel, nach von Jelzin und den Reformkräften initiierten Demonstrationen für mehr Demokratie und Pluralismus widerrät Gorbatschow im Juni 1990 vor dem Kongreß der Volksdeputierten radikalen Reformen und Parteienpluralismus. Einen Monat später streiken die Arbeiter in den sowjetischen Kohlerevieren. Ministerpräsident Ryschkow geht nach langen Verhandlungen auf die Forderungen ein. Die Streiks werden beendet, die Zusagen freilich nicht eingelöst. Auf einem informellen Treffen schließen sich etwa 400 Reformgesinnte, die sich um Jelzin scharen, im sowjetischen Kongreß der Volksdeputierten zu einer „Interregionalen Gruppe“ zusammen. Sie setzt sich für die „Beschleunigung der Perestrojka“ ein.

Die Sowjetunion zerfällt

Am 23. August 1989, dem 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts, hatten mehr als eine Million Menschen eine „Kette“ quer durch Estland, Lettland und Litauen gebildet, um für die Unabhängigkeit der baltischen Sowjetrepubliken zu demonstrieren. Im November erklärt das aus freien Wahlen hervorgegangene estnische Parlament den 1940 erzwungenen Anschluß der Republik an die Sowjetunion für „null und nichtig“, Litauen und Lettland folgen dem Beispiel. Das aus halbfreien Wahlen hervorgegangene sowjetische Parlament wählt Gorbatschow am 15. März 1990 zum Präsidenten. Dieser erklärt die Unabhängigkeitserklärungen der baltischen Republiken für ungültig; der Oberste Sowjet gesteht Estland, Lettland und Litauen lediglich wirtschaftliche Eigenständigkeit innerhalb der Sowjetunion zu. Gorbatschow kündigt den Übergang zur „kontrollierten Marktwirtschaft“ an; ein ZK-Plenum hatte nach erbitterten Auseinandersetzungen sein Wirtschaftsreformprogramm gebilligt. Auf einem ZK-Plenum im September 1989 zu „Fragen der zwischennationalen Probleme“ (Nationalitätenkonflikte) waren die Politbüromitglieder Schtscherbitzki und Tschebrikow abgewählt, der neue Chef des Geheimdiensts KGB, Krjutschkow, aufgenommen worden. Der verkündet, auch im KGB werde mit Reformen begonnen; der Dienst werde sich gegenüber der Gesellschaft „öffnen“.

Im Januar 1990 verhängt das Präsidium des Obersten Sowjet über Nagornyj Karabach und andere Gebiete den Ausnahmezustand, nachdem es zwischen Armeniern und Aserbaidschanern zu blutigen Auseinandersetzungen gekommen war. Die entsandten Truppen der Armee und des Moskauer Innenministeriums erhalten Schießbefehl. Als Georgien, das wie die baltischen Republiken nach Unabhängigkeit strebte, schon zuvor zum Widerstand gegen die Moskauer Zentralmacht aufgerufen hatte, waren bei einer friedlichen Demonstration im April 1989 in Tiflis von regulären sowjetischen Truppen zahlreiche Menschen getötet worden. Es waren schreckliche Bilder, die damals um die Welt gingen: Soldaten erschlugen Demonstranten auf dem Tifliser Hauptplatz mit ihren Klappspaten. Gorbatschow ruft später dazu auf, das Machtmonopol der Partei fallenzulassen, ihre „führende Stellung in Staat und Gesellschaft“ aus der Verfassung zu streichen und das Regierungssystem nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten zu reformieren. Am 1. Mai 1990 werden Gorbatschow und die gesamte Sowjetführung während der traditionellen Parade auf dem Roten Platz ausgebuht. Bei der Wahl zum Parlamentspräsidenten setzt sich Jelzin gegen den von Gorbatschow vorgeschlagenen früheren Innenminister Wlassow durch. Gut einen Monat später, am 4. Juli, spricht sich der XXVIII. Parteitag der KPdSU nur halbherzig für die Fortsetzung des Reformkurses aus. Jelzin verläßt die Sitzung und erklärt kurz darauf seinen Austritt aus der KPdSU. Am 15. August rehabilitiert der sowjetische Präsident ausgebürgerte Intellektuelle, darunter den in den Vereinigten Staaten lebenden Solschenizyn.

Am 16. September fordern in Moskau 200.000 Demonstranten den Rücktritt der Regierung und einen raschen Übergang zur freien Marktwirtschaft nach einem 500-Tage-Programm Jelzins, das von jungen Ökonomen, die in Amerika einen Teil ihrer Zeit als Wissenschaftler hatten verbringen dürfen, ausgearbeitet worden war. Eine Woche später erhält Gorbatschow vom Obersten Sowjet weitreichende Vollmachten zur Gestaltung des „Umbaus der Wirtschaft“ sowie zur „Wiederherstellung von Recht und Ordnung“. Im Oktober 1990 wird Gorbatschow der Friedensnobelpreis zuerkannt; wegen der Krise im Land kann er ihn zunächst nicht in Oslo entgegennehmen. Im Dezember 1990 tritt der vierte Kongreß der Volksdeputierten (Parlament) zusammen. Er billigt die von Gorbatschow vorgeschlagenen Verfassungsänderungen und erweitert die Macht des Präsidenten. Eine Mehrheit spricht sich für den Erhalt der Union aus. Am 20. Dezember erklärt Schewardnadse seinen Rücktritt vom Amt des sowjetischen Außenministers. Er begründet den Schritt mit unablässiger Kritik an seiner Amtsführung. Es gebe Kräfte in der Partei und im Militär, die auf eine Wiederherstellung der Diktatur hinarbeiteten.

Die Lage im Land verschärft sich, als die „Schwarzen Barette“, Spezialeinheiten der Truppen des sowjetischen Innenministeriums, in Litauen und in Lettland „zum Schutz des Bestands der Sowjetunion“ eingreifen, angeblich gerufen von „Nationalen Rettungskomitees“. Gorbatschow will davon nichts gewußt haben. In Vilnius (Wilna) und Riga besetzen diese Einheiten wichtige Gebäude und umstellen die Parlamente. Es gibt Tote und zahlreiche Verletzte. Am 1. März 1991 treten 30.000 Bergarbeiter in allen Teilen der Sowjetunion in den Streik. Sie verlangen die Einlösung der Zusagen Ryschkows nach dem ersten großen Ausstand. Erst dem wegen seiner oppositionellen Haltung gegen die Einparteiherrschaft populären Jelzin, dem (Parlaments-)Präsidenten der russischen Teilrepublik der Sowjetunion, gelingt es, die Arbeiter wieder zur Aufnahme ihrer Tätigkeit zu bewegen.

Zwei Wochen später sprechen sich in einem Referendum 76 Prozent der Sowjetbürger auf vage Weise für den Erhalt der Union aus; die Russen votieren gleichzeitig ganz konkret für ein eigenständiges Rußland. Im Juni wird Jelzin in freien, geheimen Wahlen mit mehr als zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen gegen den von der Partei favorisierten Ryschkow zum ersten Präsidenten Rußlands gewählt. Gorbatschow und sein russischer Gegenspieler einigen sich auf die Ausarbeitung eines neuen Unionsvertrags; am 12. Mai befindet der sowjetische Präsident, das Land befinde sich „am Rande des Chaos“. Alsbald unterzeichnen Gorbatschow, Jelzin und acht andere Republikpräsidenten den Entwurf für den neuen Unionsvertrag. Die drei baltischen Republiken, Moldawien und Georgien, die an den Verhandlungen nicht teilnehmen, lehnen den Entwurf ab. Der für den 20. August geplanten Unterzeichnung des Vertrags über die „Union Souveräner Sowjetrepubliken“ kommt ein Staatsstreich zuvor. Aus dem gescheiterten Putsch gegen Gorbatschow, initiiert von einem aus Hardlinern bestehenden „Rettungskomitee“, geht der vom Volk gewählte und sich den Putschisten entgegenstellende russische Präsident Jelzin gestärkt hervor. Sowohl in Moskau als auch in dem im September rückbenannten St. Petersburg war es Jelzin, seinem Vizepräsidenten Ruzkoj, Bürgermeister Sobtschak und der sich um sie scharenden Bewegung „Demokratisches Rußland“ gelungen, die von der achtköpfigen Junta unter Führung des Gorbatschow-Stellvertreters Janajew und des KGB-Chefs Krjutschkow aufgebotenen Militäreinheiten von ihrem Tun abzuhalten. Ein größeres Blutvergießen wird vermieden, der auf der Krim unter Hausarrest stehende, für abgesetzt erklärte Gorbatschow „gerettet“.

Mit dem Scheitern des Putschs geht eine Welle des Aufatmens durch das Land. Der Volkszorn läßt Stück für Stück die alten Herrschaftszeichen verschwinden. Symbolkräftig ist die Beseitigung des Standbilds Dserschinskis, des Gründers der Vorläufer des KGB, vor der Lubjanka. Nach und nach verschwinden vielerorts auch Denkmäler für den Staatsgründer Lenin. Als Gorbatschow in sein Amt zurückkehrt, muß er feststellen, daß sich die realen Machtverhältnisse zu seinen Ungunsten verkehrt haben. Jelzin suspendiert die KPdSU, die Gorbatschow immer noch demokratisieren zu können glaubte. Sodann setzt ihn der russische Präsident einem Wechselbad aus Zusammenarbeitsbekundungen und Demütigungen aus; Jelzin arbeitet zielbewußt auf die faktische Entmachtung Gorbatschows hin.

Rußland übernimmt Schritt für Schritt Zuständigkeiten der alten Union. Trotz mehrerer Versuche kann man sich nicht auf Gorbatschows Konzept für eine neue Union einigen. Statt dessen hat der sowjetische Präsident immer mehr Befugnisse an den russischen abzutreten. Die politische Entwicklung ist von rapidem wirtschaftlichen Verfall und zunehmenden sozialen und nationalen Spannungen begleitet. Völker und Republiken wenden sich von Moskau ab. Weder über den einzuschlagenden Weg zur Wirtschaftsreform noch über das Wesen der anzustrebenden neuen Union kann man sich verständigen. Jelzin scheint dies auch gar nicht mehr zu wollen. Er setzt seine eigene, auf Rußland bezogene Wirtschaftspolitik ins Werk, bietet anderen Republiken Zusammenarbeit an. Aus dieser Situation heraus, und weil man ein für allemal die Gängelung des alten Zentrums loswerden will, kommt es zu einem Treffen zwischen Jelzin, dem zuvor von der Bevölkerung eindrucksvoll bestätigten ukrainischen Präsidenten Krawtschuk und dem weißrussischen Parlamentspräsidenten Schuschkewitsch in Brest, auf dem der (slawische) Dreibund, die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, aus der Taufe gehoben wird. Im Abkommen von Minsk werden am 8. Dezember 1991 der Vertrag vom 30. Dezember 1922 über die „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ außer Kraft gesetzt und die UdSSR für völkerrechtlich nicht mehr existent erklärt. Die zentralasiatischen Republiken sowie Aserbaidschan, Armenien und Moldawien treten am 21. Dezember der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten bei. Das Ende der UdSSR ist besiegelt.

 
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