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Mit Kaja Kallas ist seit Dezember 2024 eine Estin quasi das Gesicht der Europäischen Union, denn sie bekleidet das Amt der EU-Außenbeauftragten. Doch bisher ist die ehemalige Ministerpräsidentin Estlands weniger mit Diplomatie aufgefallen, sondern mit Scharfmacherei – Böswillige sprechen sogar von Kriegstreiberei – gegen Rußland. Nachdem im Februar 2025 der neue US-Präsident Donald Trump damit begann, sein Wahlkampfversprechen einer möglichst raschen Beendigung des Ukrainekriegs umzusetzen, und mit seinem russischen Amtskollegen telefonierte, forderte Kallas, die EU müsse „Putin unter Druck setzen“, und meinte nach einem Treffen der Außenminister der USA und Rußlands in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad „Die Russen sind die Gewinner“, weil klar geworden war, daß die Maximalforderungen des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij nicht viel mehr als Wunschdenken sind.
Von Dr. Bernhard Tomaschitz
Die Gründe für Kallas’ offenkundige antirussische Haltung sind in der Geschichte ihres Heimatlands zu suchen, zumal die Beziehungen zwischen Estland und Rußland von schweren historischen Altlasten geprägt sind. Von 1710 bis 1918 war der baltische Staat, der etwa halb so groß wie Österreich ist und knapp 1,4 Millionen Einwohner zählt, Teil des Russischen Reichs. Und als Untertanen des Zaren hatten es die Esten, die eine finno-ugrische Sprache sprechen, nicht einfach. Vladislav B. Sotirovi?, ein ehemaliger Universitätsprofessor in Vilnius (Litauen), schrieb: „Die estnische, lettische und litauische Sprache sind ständig bedroht, aus verschiedenen politischen und anderen Gründen in ihrer Region in eine Minderheitsposition gedrängt zu werden. […] In Estland zum Beispiel blieb die deutsche Sprache lange Zeit die Sprache der Eliten (wie die polnische Sprache in Litauen), trotz einer intensiven Russifizierungspolitik während der Zarenzeit und der Einführung der russischen Sprache als Verwaltungssprache im Jahr 1880.“
Die Esten waren in der Geschichte also gewissermaßen von den Deutschen und Russen eingekeilt. So gehörte der südliche Teil der heutigen Republik Estland einst als Teil Livlands zum Herrschaftsgebiet des Deutschen Ordens. Die Ritter des Deutschen Ordens waren es auch, die im 13. Jahrhundert die in Livland lebenden Esten unterwarfen und zwangschristianisierten. Nach dem Zerfall des Ordensstaats begann 1558 der russische Zar Iwan IV. „der Schreckliche“ einen Eroberungsfeldzug, der den bis 1583 dauernden Livländischen Krieg auslöste. Im Zuge dieses Kriegs unterstellte sich der festländische Teil Estlands dem Schutz des Königreichs Schweden. Doch rund 150 Jahre nach Iwans Eroberungsversuch konnte Rußland 1710 im Zuge des Großen Nordischen Kriegs Estland und Livland erobern, womit diese Gebiete Teile des Zarenreichs wurden. Sotirovi? weist darauf hin, daß „nach dem Großen Nordischen Krieg von 1700 bis 1721, der damit begann, daß das Königreich Schweden Rußland den Krieg erklärte und ihn verlor, weder Estland noch Lettland in das Russische Reich aufgenommen wurden, sondern daß es schwedische ostbaltische Provinzen gab, die als Kriegsreparation an Russland abgetreten wurden“. Sotirovi? merkt an, daß die zuvor weitgehend unbekannten Nationen Estland und Lettland mit ihrer Unabhängigkeit 1918 zum ersten Mal in Europa und in der Weltgeschichte in Erscheinung traten. Litauen, die südlichste der drei baltischen Republiken, spielte im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit als Großfürstentum Litauen eine historische Rolle.
Recht spärlich sind übrigens die Hinweise zur Herkunft der Esten. So ist in der „Encyclopaedia Britannica“ zu lesen: „Die Esten werden erstmals von dem römischen Historiker Tacitus (1. Jahrhundert n.Chr.) in der ‚Germania‘ erwähnt. Ihr politisches System war patriarchalisch und basierte auf Sippen, die von Ältesten geleitet wurden. Die ersten Eroberer des Lands waren die Wikinger, die ab Mitte des 9. Jahrhunderts auf ihrem Weg in das slawische Hinterland durch Estland und Lettland zogen. Im 11. und 12. Jahrhundert versuchten die Dänen und Schweden, die Esten zu christianisieren – ohne Erfolg. Zwischen 1030 und 1192 fielen die Russen 13mal in Estland ein, konnten aber keine Vorherrschaft erlangen.“
Der römische Geschichtsschreiber Tacitus beschrieb um 100 n.Chr. die „Aestii“, wie einer deutschen Übersetzung der „Germania“ von 1876 zu entnehmen ist, folgendermaßen: „Weiter nun werden an der rechten Küste des Suevenmeeres [Ostsee] der Aestier Völkerschaften bespült, deren Gebräuche und ganzes Aeußere wie der Sueven sind, die Sprache näher der britannischen. Sie verehren die Göttermutter. Als Abzeichen dieses Glaubens tragen sie Eberbilder; dieß, statt Waffen und Schutz von Allen, stellt den Anbeter der Göttin auch mitten unter Feinden sorglos sicher. Selten ist des Eisens, häufig der Knüttel Gebrauch. Getreide und die andern Feldfrüchte bauen sie mit einer für die gewohnte Trägheit der Germanen großen Geduld. Indessen auch das Meer durchsuchen sie und sammeln, unter allen die Einzigen, zwischen Untiefen und am Strande selbst, den Bernstein, bei ihnen Gläsum genannt. Doch was dessen Natur sei oder welcher Art er entstehe, das haben sie als Barbaren nicht untersucht oder ergründet.“
Ob es sich bei den von Tacitus erwähnten Aestiern um Esten bzw. deren unmittelbare Vorfahren handelt, ist fraglich und schwer festzustellen. Fest steht nur, daß das Gebiet des heutigen Estland vor rund 11.000 Jahren nach dem Ende der letzten Eiszeit erstmals besiedelt wurde. Es wird angenommen, daß die Vorfahren der Esten während der frühen Bronzezeit (um 1800 v.Chr.) kamen und auch die finno-ugrische Sprache mitbrachten. Das älteste bekannte Endonym der Esten ist Maarahvas, was wörtlich „Landvolk“ bedeutet und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet wurde, als es während des nationalen Erwachsens allmählich durch Eesti rahvas („estnisches Volk“) ersetzt wurde. Bis dahin waren estnische Sprache und Kultur den Bauern vorbehalten, während die Oberschicht Deutsche waren.
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Besonders hervorzuheben ist hier der baltendeutsche Adel, dessen Mitglieder im zaristischen Rußland häufig beachtliche militärische Karrieren machten oder sich als Entdecker und Forscher – etwa Ferdinand von Wrangel, der Entdecker der im Arktischen Ozean gelegenen Wrangelinsel – einen Namen machten. Daß die Baltendeutschen bei dem Zaren hoch im Kurs standen, hatte gute Gründe, wie Igor Barinov vom Institut für Slawistik der Russischen Akademie der Wissenschaften schrieb. Demnach war der Landadel bis Anfang des 20. Jahrhunderts als die tragende Säule der baltischen Provinzen intakt geblieben. Ergänzt wurde der deutsche Adel von wirtschaftlich aktiven und gebildeten Abkömmlingen aus anderen, nichtadligen Ständen in den Städten, wobei – im Gegensatz zur Masse der Landbevölkerung, die im großen und ganzen aus Esten und Letten bestand – die deutsche Herkunft als gemeinsames Merkmal diente. In der ungeschriebenen Hierarchie des Zarenreichs hatten deutsche Lutheraner lange Zeit Führungspositionen inne und galten als Grundpfeiler und Mittler der zaristischen Politik im Baltikum.
Als Estland und Lettland nach dem Ersten Weltkrieg ihre Unabhängigkeit erlangten, begrenzten neue Gesetze den privaten Grundbesitz in einem Maße, das zur Aufteilung der alten Rittergüter führte, was eine erste Auswanderungswelle ins Deutsche Reich zur Folge hatte. Doch noch 1934 stellten die Deutschen mit etwas mehr als 16.000 Angehörigen 1,5 Prozent der Bevölkerung Estlands. Das sollte sich schon wenige Jahre später ändern. In einem Zusatzprotokoll zum Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 wurde zwischen den beiden Ländern Einvernehmen über die Übersiedlung von Reichsangehörigen und Deutschstämmigen von den sowjetischen in die deutschen Interessengebiete oder nach Deutschland hergestellt. Infolgedessen kam es zur Umsiedlung des überwiegenden Teils der Baltendeutschen ins Deutsche Reich, und laut Volkszählung 2021 lebten in Estland nur mehr 2570 Deutsche, was gerade einmal 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht.



Tallinn ist bis heute eine der schönsten gotischen Städte Europas geblieben.


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Im späten 19. Jahrhundert begann sich auch ein estnisches Bürgertum herauszubilden, in dem die Idee nationalstaatlicher Unabhängigkeit an Popularität gewann. Rückenwind erhielt die estnische National- und Unabhängigkeitsbewegung durch die Ereignisse in Rußland. Der Petersburger „Blutsonntag“ 1905 und der russische Generalstreik im selben Jahr brachten revolutionäres Gedankengut auch in die baltischen Provinzen, woraufhin es zu Kämpfen zwischen den aufständischen Bauern und dem russischen Militär kam.
Anders als in Rußland war im Jahr 1917 in Estland nicht die Oktoberrevolution das prägende politische Ereignis, sondern die Februarrevolution, die den Sturz des Zaren brachte. Bereits Ende März wurde der Wunsch formuliert, das auf mehrere Provinzen aufgeteilte estnische Siedlungsgebiet zusammenzulegen. Dies wurde durch den bis dahin größten Demonstrationszug von 40.000 Esten in Petrograd, wie Sankt Petersburg damals hieß, zum Taurischen Palais, dem Sitz der Provisorischen Regierung, verdeutlicht. So wurden das ehemalige Gouvernement Estland, Nordlivland und die Inseln zu einer administrativen Einheit zusammengefaßt. Unmittelbar vor der Besetzung Revals, wie die Hauptstadt Tallinn damals genannt wurde, durch deutsche Truppen gelang es einem sogenannten Rettungskomitee, den selbständigen Freistaat zu proklamieren. Die Befürworter der Unabhängigkeit nutzten wohl das vorherrschende Machtvakuum, das durch den ausgehenden Weltkrieg und die bolschewistische Oktoberrevolution entstanden war, und proklamierten die souveräne Republik Estland. Dieser Akt wurde von der deutschen Besatzungsmacht nicht anerkannt, dennoch gilt der 24. Februar 1918 seitdem als Gründungstag der Republik Estland. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg waren die Deutschen im November 1918 zum Abzug aus Estland gezwungen. Darin sahen die Bolschewisten eine Chance, Estland ihrem Herrschaftsbereich einzugliedern, und am 18. November fielen zwei Divisionen der Roten Armee in Estland ein. Im Jänner 1919 waren die Bolschewisten bis auf 30 Kilometer an die Hauptstadt Tallinn herangekommen, konnten aber durch einen Gegenangriff der Esten aufgehalten werden.
Dennoch bekamen die Teile Estlands, die von den Bolschewisten besetzt werden konnten, die Menschenverachtung des Kommunismus in voller Härte zu spüren. Im „Schwarzbuch des Kommunismus“ ist darüber zu erfahren: „Wo immer die Bolschewiki als Besatzer auftraten, sind Massaker festzustellen: Am 14. Januar 1920 töteten sie in Tartu am Vorabend ihres Rückzugs 250 Menschen und mehr als tausend im Distrikt Rakvere. Bei der Befreiung von Wesenburg am 17. Januar wurden drei Gräber geöffnet (86 Leichen). In Dorpat waren am 26. Dezember 1919 Geiseln gefoltert und anschließend erschossen worden; ihre Arme und Beine waren gebrochen und in einigen Fällen die Augen ausgestochen worden. Am 14. Januar konnten die Bolschewiki kurz vor ihrer Flucht noch zwischen 20 und 200 Gefangene hinrichten, darunter den Erzbischof Platon. Da die Opfer mit Axt- und Kolbenschlägen niedergemetzelt worden waren – man fand einen Offizier, dem man die Epauletten auf den Körper genagelt hatte! –, konnte man sie schwer identifizieren.“ Am 2. Februar 1920 erkannten die Bolschewisten die Unabhängigkeit Estlands im Frieden von Tartu an.
Allerdings sollte die Unabhängigkeit nur 20 Jahre lang dauern. Denn Estland wurde am 16. Juni 1940 auf Befehl des sowjetischen Diktators Josef Stalin von der Roten Armee besetzt – ebenso wie Lettland und Litauen einen Tag zuvor – und im Oktober 1940 annektiert. Für die Bevölkerung nicht nur Estlands, sondern auch der beiden anderen baltischen Republiken bedeutete dies, sofern sie nicht mit den neuen Machthabern kollaborierte, Terror, Entrechtung und Erniedrigung. Auch darüber gibt das „Schwarzbuch des Kommunismus“ Auskunft: „Insgesamt sollten im Juni 1941 85.716 Menschen deportiert werden, darunter 25.711 Balten [also Esten, Letten und Litauer]. In seinem Bericht vom 17. Juni 1941 stellte Merkulow, die Nummer zwei des [sowjetischen Geheimdienstes] NKWD eine Bilanz über den baltischen Teil der Operation auf. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 1941 sind 11.038 Familienangehörige der ‚bürgerlichen Nationalisten‘, 3240 Familienangehörige der ehemaligen Gendarmen und Polizisten, 7124 Familienangehörige der ehemaligen Grundbesitzer, Industriellen und Beamten, 1649 Familienangehörige der ehemaligen Offiziere und schließlich 2907 ‚Diverse‘ deportiert worden. Aus dem Dokument geht klar hervor, daß die Familienoberhäupter schon vorher verhaftet und – wahrscheinlich – hingerichtet worden sind.“ Den Balten, die von Stalins Schergen festgenommen worden waren, stand eine wochen-, wenn nicht monatelange Fahrt zusammengepfercht in Güterwaggons bevor, die viele nicht überlebten.
Das „Unternehmen Barbarossa“ am 22. Juni 1941 beendete vorläufig den roten Terror, jedoch waren wegen der deutschen Besatzung des Lands die Juden braunem Terror und Vernichtung ausgesetzt. Im Herbst 1944 besetzte die Rote Armee Estland erneut, das bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 eine „Sozialistische Sowjetrepublik“ blieb. Auch wenn der rote Terror merklich nachließ, mißtrauten die Sowjets den Esten und versuchten, durch die gezielte Ansiedlung von Russen estnische Unabhängigkeitsbestrebungen im Keim zu ersticken oder zumindest erheblich zu erschweren. Lag der russische Bevölkerungsanteil in Estland im Jahr 1934 bei 8,2 Prozent, so sollte er bis 1979 auf 27,9 steigen und 1989 mit 30,3 Prozent seinen Höchststand erreichen. Wäre die Sowjetunion nicht 1991 zerfallen und Estland ihr Teil geblieben, wären die Esten heute vermutlich eine Minderheit im eigenen Land. Jedenfalls nahm der russische Bevölkerungsanteil in Estland seit der Unabhängigkeit kontinuierlich ab und lag 2021 bei 23,2 Prozent.
Das Verhältnis Estlands zu seiner russischen Minderheit ist nicht einfach. Viele der Russen, die in Estland leben, sind Nachkommen russischer Einwanderer der zweiten oder dritten Generation, ohne daß sie estnische Staatsangehörige sind. Der Grund dafür liegt im estnischen Staatsbürgerschaftsgesetz, welches Russen oder deren Nachkommen, die zu Sowjetzeiten ins Land kamen, nicht automatisch zu Staatsbürgern macht. Nur Personen, die vor dem 16. Juni 1940 die estnische Staatsangehörigkeit besaßen, sowie deren Nachkommen sind automatisch estnische Staatsbürger. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags führt dazu aus: „Damit sind nahezu alle Russischstämmigen nicht automatisch Staatsbürger. Jedoch haben alle, die legal in Estland leben, die grundsätzliche Möglichkeit, die estnische Staatsangehörigkeit zu beantragen und zu erlangen. Alleine von 1990 bis 1998 wurde so über 100.000 Menschen die Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung verliehen.“ Verschwiegen wird jedoch, daß für die Einbürgerung die Absolvierung eines als sehr schwierig geltenden estnischen Sprachtests erforderlich ist.
Außerdem werden in Estland Russen nicht als autochthone Minderheit, sondern als Einwanderer betrachtet und, sofern sie nicht die estnische Staatsangehörigkeit erworben haben, als „Personen ungeklärter Staatsangehörigkeit“ geführt. Dabei handelt es sich, so der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags, um eine Art „post-sowjetischer Staatenlosigkeit“. Laut estnischer Statistikbehörde Eesti Statistika hat knapp die Hälfte der Menschen ausländischer Herkunft in Estland die estnische Staatsbürgerschaft, aber nur 11,6 Prozent bezeichnen sich als ethnische Esten und nur neun Prozent als estnische Muttersprachler. 39,8 Prozent der nicht einheimischen Bevölkerung besitzen die Staatsbürgerschaft der Russischen Föderation; darüber hinaus sind 32,7 Prozent aller Menschen ausländischer Herkunft staatenlos und besitzen den sogenannten grauen Paß, wie das estnische Reisedokument für Nichtstaatsangehörige genannt wird.
Außen- und sicherheitspolitisch bestimmt die Furcht vor dem großen Nachbarn im Osten Estland, weshalb die kleine Republik Schutz in großen Gemeinschaften bzw. Bündnissen sucht. 2004 trat Estland der Europäischen Union und der NATO bei. Der „Geopolitical Monitor“ erklärte, „einer der wichtigsten Bausteine für jeden Staat ist ein gründliches Verständnis seiner Vergangenheit und wie die Vergangenheit dazu beitragen kann, seine Zukunft zu gestalten. Da viele Staaten imperiale Hinterlassenschaften haben oder im Laufe der Jahrhunderte zwischen Imperien hin- und hergeworfen wurden, kann die Vergangenheit sowohl eine Waffe als auch ein Werkzeug sein, je nachdem, wer sie führt. In Estland wird die Vergangenheit seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1991 im Dienste eines erneuerten National- und Identitätsgefühls im modernen Europa des 21. Jahrhunderts effektiv genutzt“. Ein wichtiger Teil estnischer Identitäts- und Geschichtspolitik war und ist die Entfernung von Denkmälern aus sowjetischer Zeit.
Die klare Abgrenzung von der russischen bzw. sowjetischen Geschichte darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß während der kommunistischen Herrschaft auch Esten eine steile Karriere machen konnten, wie das Beispiel Siim Kallas’ zeigt. Der Vater von Kaja Kallas begann seine berufliche Laufbahn im Finanzministerium der Estnischen Sowjetrepublik. Offenkundig sehr parteitreu, war er von 1986 bis 1989 stellvertretender Herausgeber der Parteizeitung „Rahva Hääl“. Allerdings erkannte Kallas sen. die Zeichen der Zeit und wurde in klassischer Wendehalsmanier ein Befürworter der Unabhängigkeit Estlands. In der Folge wurde er Ministerpräsident seines Heimatlands und sogar EU-Kommissar.
In EU und NATO sorgte Estland zusammen mit Lettland und Litauen immer wieder mit einer klaren antirussischen Haltung für Aufsehen, wie der „Geopolitical Monitor“ anmerkte: „Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 und dem Beitritt zur EU und der NATO im Jahr 2004 hat die estnische Führung ihre Position und Haltung gegenüber Rußland beibehalten, auch wenn Tallinns europäische Partner weiter westlich nur allzu eifrig darauf bedacht waren, neu anzufangen.“ Damit ist gemeint, daß bis Mitte der 2010er Jahre große und einflußreiche EU-Mitglieder wie Frankreich und Deutschland an guten und engen Beziehungen zu Rußland interessiert waren. Tallinn scheint in der Mitgliedschaft bei EU und NATO das Allheilmittel für die Gewährleistung der Sicherheit zu sehen. So ist auf der Internetseite des estnischen Verteidigungsministeriums zu lesen: „Dank unserer Mitgliedschaft in der NATO und der Europäischen Union ist die Sicherheit Estlands besser gewährleistet als je zuvor. Die NATO und die EU tragen dazu bei, die Stabilität der internationalen Position Estlands und seine Integration in den demokratischen Wertebereich zu gewährleisten. Die NATO-Mitgliedschaft sichert Estland eine glaubwürdige militärische Abschreckung und kollektive Verteidigung. Wie andere NATO-Bündnispartner konzentriert sich Estland auf die Entwicklung mobiler und durchhaltefähiger Streitkräfte und die zunehmende Beteiligung an internationalen Friedensmissionen.“
Auf Diplomatie oder Pflege guter nachbarschaftlicher Beziehungen zu Rußland zur Gewährleistung seiner Sicherheit setzt Estland offenkundig weniger oder gar nicht. Ob diese Strategie sinnvoll ist, muß kritisch hinterfragt werden, weil der kleine baltische Staat aufgrund seiner gemeinsamen Grenze mit Rußland im Falle einer Konfrontation zwischen der NATO und diesem Land für seinen östlichen Nachbarn ein primäres Angriffsziel würde und Zerstörungen im großen Ausmaß vorprogrammiert wären. Hier birgt insbesondere die Politik der EU, die in Sachen Ukrainekrieg im Gegensatz zu US-Präsident Donald Trump unbeirrt an ihrem Konfrontationskurs gegenüber Moskau festhält, großes Gefahrenpotential nicht nur für Estland, sondern für das Baltikum insgesamt, wie das US-Magazin „Responsible Statecraft“ am 18. Februar warnte: „Denn die größte Bedrohung für die Balten durch Rußland geht nicht von den russischen Ambitionen im Baltikum aus, sondern von der Gefahr, daß sich der Krieg in der Ukraine zu einem Konflikt zwischen der NATO und Rußland ausweitet.“ Mit anderen Worten: daß das Baltikum Kriegsschauplatz wird. Auch ist anzumerken, daß Estland, Lettland und Litauen zusammen mit einer Fläche von 175.000 Quadratkilometern rund halb so groß sind wie die Bundesrepublik Deutschland, allerdings mit zusammen sechs Millionen Einwohnern auch nur sehr dünn besiedelt. Sie wären im Kriegsfall von einer feindlichen Macht sehr leicht einzunehmen, ein Umstand, den die antirussische NATO-Propaganda weidlich ausnutzt.
Rußland wiederum betrachtet es als besondere Provokation, daß die Ostsee spätestens mit dem Beitritt Schwedens und Finnlands zum Nordatlantikpakt de facto zu einem NATO-Meer geworden ist. Rußland hat zwar zweifachen Zugang zur Ostsee – in Sankt Petersburg und in Königsberg/Kaliningrad –, jedoch sind alle anderen Anrainerstaaten dieses Meers NATO-Mitglieder, was die maritimen Möglichkeiten Moskaus erheblich einschränkt. Hinzu kommt, daß angesichts der gegenwärtigen Spannungen zwischen EU und NATO auf der einen und Rußland auf der anderen Seite bereits kleine Zwischenfälle schwere Konsequenzen haben können. Nachdem zu Weihnachten 2024 in der Ostsee zwischen Estland und Finnland das Stromkabel „Estlink 2“ und vier Datenkabel von einem Tanker beschädigt wurden und die NATO darin einen russischen Sabotageakt sah, sammelte sich vor Estland eine NATO-Flottille zum Schutz der Unterseekabel. „Die Gruppe wird in naher Zukunft wachsen, weitere Schiffe kommen hinzu, so daß wir am Ende etwa sechs, sieben Schiffe sein werden“, zitierte die britische Zeitung „The Guardian“ Erik Kockx, den belgischen Leiter einer Task force für Minenbekämpfungsmaßnahmen, die in die NATO-Operation „Baltic Sentry“ eingebunden ist. Je mehr NATO-Kriegsschiffe aber im rund 100 Kilometer breiten Finnischen Meerbusen unterwegs sind, desto mehr ist Rußland gezwungen, darauf zu reagieren, womit wiederum die Gefahr eines Zwischenfalls steigt.
Sicherheitspolitisch begibt sich Tallinn somit auf dünnes Eis. Ob das im Interesse des Lands und seiner Einwohner liegt, ist freilich einzig und allein eine Entscheidung der estnischen Regierung.