Am 25. Oktober (7. November) 1917 ereignete sich in Rußland, das bereits im Sommer 1917 vom Oberhaupt der bürgerlich-demokratischen Provisorischen Regierung Alexander Kerenskij (1871–1970) willkürlich zur Republik erklärt worden war, obwohl erst die einzuberufende Konstituierende Versammlung darüber entscheiden sollte, die bolschewistische Oktoberrevolution. Dabei handelte es sich nicht etwa um eine massive Volkserhebung, sondern um einen militärischen Staatsstreich, der dann während der mehr als 70 Jahre Sowjetmacht offiziell als die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ gefeiert wurde, obwohl ihn die Bolschewisten selbst in der Anfangsperiode ihrer Herrschaft schlicht als „Umsturz“ oder „Oktoberumsturz“ bezeichneten. Die bolschewistischen Roten Garden unter dem Kommando von Wladimir Antonow-Owsejenko (1883–1938), dem späteren Opfer stalinistischer Repressalien, stürzten mit Waffengewalt (obgleich ohne nennenswerten Widerstand) die Provisorische Regierung und kamen so gewaltsam an die Macht. An die Spitze der neuen bolschewistischen Regierung kam der Berufsrevolutionär Wladimir Uljanow (Parteipseudonym: Lenin). Uljanow alias Lenin (1870–1924) ist als Führer der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (der Bolschewiki) sowie als Regierungsvorsitzender (Vorsitzender des Rats der Volkskommissare) der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR; ab 1922 der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, UdSSR), als Gründer der Dritten Kommunistischen Internationale (Komintern) und des ersten kommunistisch orientierten Staats in die russische und die Weltgeschichte eingegangen.
Von Wolfgang Akunow
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Die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (der Bolschewiki) wurde nach der gewaltsamen Machtüberahme im Oktober/November 1917 in Russische Kommunistische Partei (der Bolschewiki) und nach der darauffolgenden Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) im Jahr 1922 in Kommunistische Allunionspartei (der Bolschewiki) umbenannt. Als „Volkskommissare“ wurden in Sowjetrußland die Minister bezeichnet. Nach der Meinung der Bolschewiki klang das Wort „Minister“ zu „bürgerlich“, da die Bolschewiki aber offiziell gerade dem „Bürgertum“ beziehungsweise der „Bourgeoisie“ den unerbittlichen Klassenkampf angesagt hatten, wurde das Wort „Minister“ von ihnen durch den Neubegriff „Volkskommissar“ ersetzt.
Bei der Dritten Kommunistischen Internationale (Komintern) handelte es sich um eine internationale Vereinigung der Bolschewisten (Kommunisten) aller Länder, die ihren Sitz im bolschewistischen Moskau hatte und zwecks Entfachung der permanenten Weltrevolution gegründet wurde, welche nach der Lehre der deutschen Ökonomen und Denker Karl Marx und Friedrich Engels zum unvermeidlichen Sieg der kommunistischen Idee und zur Errichtung der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft im Weltmaßstab führen sollte.
Neben Wladimir Uljanow alias Lenin standen Jakow Swerdlow (1885–1919), Vorsitzender des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees und danach amtierender Vorsitzender des Rats der Volkskommissare (der mit Lenin um die Macht rivalisierte und möglicherweise hinter dem mißlungenen Attentat auf Lenin 1918 steckte), Lew Rosenfeld alias Kamenew (1883–1936), Vorsitzender des Exekutivkomitee-Präsidiums des Moskauer Sowjets bzw. Arbeiter-und-Bauern-Abgeordnetenrats, Grigorij Radomyslskij alias Sinowjew (1883–1936), Vorsitzender des Petrograder Sowjets bzw. Arbeiter-und-Bauern-Abgeordnetenrats, Nikolaj Bucharin (1888–1938), kommunistischer Theoretiker und späterer Führer der „Rechtsopposition“ innerhalb der Kommunistischen Partei, Lew Bronstein alias Trotzkij (1879–1940), Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten und späterer Volkskommissar für Armee und Marine, sowie Jossif Dshugaschwili alias Stalin (1878–1953), anfangs Volkskommissar für Nationalitätenangelegenheiten (zuständig für Fragen der Kulturintegration der nationalen Minderheiten in die zu errichtende neue gesamtrussische sozialistische Kultur). Kamenew, Sinowjew und Bucharin fielen, gleich dem vorher erwähnten Antonow-Owsejenko und fast der gesamten „Leningarde“, Mitte der 1930er Jahre stalinistischen Repressalien zum Opfer, während Trotzkij 1940 im mexikanischen Exil in Stalins Auftrag von dem sowjetischen Geheimagenten Ramon Mercader ermordet wurde.
Am 26. Oktober (8. November) 1917 wurde der erste Erlaß der neuen Sowjetmacht veröffentlicht. Mittels dieses Dekrets proklamierte Sowjetrußland seinen Austritt aus dem Ersten Weltkrieg. Das bolschewistische Rußland unterzeichnete mit den Mittelmächten Deutschland, Österreich-Ungarn, Türkei und Bulgarien den Friedensvertrag von Brest-Litowsk. Der Austritt des neuen Rußland aus dem Krieg in Verletzung von Rußlands Verpflichtungen gegenüber den Ententemächten gehörte mit zu den Gründen der Entente-Truppeninvasion in Rußland zur Unterstützung der antibolschewistischen russischen Gegenregierungen, die weder das bolschewistische Regime noch den Frieden von Brest-Litowsk anerkannten und nach wie vor an Rußlands Verpflichtungen gegenüber der Entente festhielten.
Am gleichen Tag erließ die sowjetische Regierung das Dekret über den Grund und Boden, wonach das gesamte in Gutsherrenbesitz befindliche Ackerland in Bauernbesitz übergeben wurde. Dadurch wurde anscheinend der jahrhundertealte Traum der landarmen russischen Bauern von der eigenen Scholle erfüllt. In Wirklichkeit war das jedoch mehr Schein als Wirklichkeit, weil die Bolschewisten den gesamten Grund und Boden nicht an die Bauern zu vergeben, sondern zu verstaatlichen, die Bauern hingegen zu zwangskollektivieren. Zu diesem Zweck wurde staatlicherseits mit der Gründung von Staatsgütern (Sowchosen) und sogenannten landwirtschaftlichen „Kommunen“ (Vorläufer der späteren Kolchosen, d.h. Bauern-Kollektivwirtschaften) begonnen, in die die Bauern hineingezwungen wurden. Dieses im Rahmen der Politik des sogenannten Militär- beziehungsweise Kriegskommunismus in Angriff genommene bolschewistische Vorhaben stieß jedoch auf scharfen Bauernwiderstand und mußte deshalb auf einen späteren Zeitpunkt nach Beendigung des Bürgerkriegs verschoben werden.
Im November 1917 gründete die bolschewistische Regierung die berüchtigte Allrussische Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Banditentum und Sabotage (Tscheka), die eine regelrechte Terrorwelle gegen alle aktiven sowie passiven Gegner des Bolschewismus eröffnete (wobei z.B. Bauern, die Nahrungsmittel vom Lande in die Stadt brachten, um sie dort gegen Industriewaren auszutauschen, häufig zu „Wirtschaftssaboteuren“ und somit „Feinden der Sowjetmacht“ und des „Arbeiter- und Bauernstaats“ erklärt und abgeurteilt wurden). Der Hauptgrund, weshalb die bolschewistischen Machthaber möglichst viele Lebensmittel in ihren Griff zu bekommen strebten, bestand in der damit verbundenen Möglichkeit, alle zur Arbeit für das neue Regime zu zwingen, da die Nahrungsmittel nur per Lebensmittelkarten erhalten werden konnten, welche nur sowjetische Parteifunktionäre unterschiedlicher Ränge, regimetreue Arbeiter und Angestellte sowie Soldaten der Roten Armee erhielten. Bereits 1918 entstanden auf Lenins Geheiß auch die ersten bolschewistischen Konzentrationslager, die im Laufe der Zeit ins berüchtigte GULag-Zwangsarbeitssystem ausarteten. Weite Verbreitung fand auch das Geiselnahme- und Hinrichtungssystem als Abschreckungsmittel. So wurden z.B. als „Rache an der Weltbourgeoisie“ nach der Ermordung der deutschen Kommunisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Sowjetrußland hunderte „Vertreter der Ausbeuterklassen“ hingerichtet.
Im gleichen Monat setzte in Sowjetrußland die Beschlagnahme und Verstaatlichung des gesamten Privateigentums ein. In deren Ergebnis wurden nicht nur russische, sondern selbst ausländische auf sowjetrussischem Hoheitsgebiet befindliche Privatunternehmen von der bolschewistischen Regierung verstaatlicht, die sich kategorisch weigerte, die von der Verstaatlichung in Mitleidenschaft gezogenen ausländischen Unternehmer zu entschädigen.
Am 18. Januar 1918 trieben die Bolschewiken die in Petrograd tagende Konstituierende Versammlung, die Ende 1917 rußlandweit gewählt worden war und über Rußlands künftige Staats- und Regierungsform entscheiden sollte, mit Waffengewalt auseinander. Ein Teil der Abgeordneten konnte sich in Sicherheit bringen und bildete später den Kern des bewaffneten antibolschewistischen Kampfs in der Anfangsphase des von den Bolschewisten in Rußland entfachten Bürgerkriegs. Am 26. Januar wurde das bolschewistische Dekret über die Zeit verabschiedet. Bislang war der russische (julianische) Kalender zwei Wochen hinter dem europäischen (gregorianischen) Kalender zurückgeblieben; daher die oben angeführten Doppeldaten, bei denen die europäischen Kalenderdaten in Klammern stehen. Die Verabschiedung des Dekrets über die Zeit stellte Rußland auf den europäischen Kalender um. Kraft dieses Dekrets wurde auch die sogenannte Dekretzeit (die Umstellung des Stundenzeigers um eine Stunde nach vorn oder zurück je nach Jahreszeit) eingeführt. Dieses Dekretzeit-System war in Rußland bis 2011 gültig und bleibt in einigen Mitgliedländern der postsowjetischen Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) immer noch in Kraft.
In den Jahren 1918 bis 1922 beziehungsweise 1923 tobte in Rußland der Bürgerkrieg zwischen den Anhängern und Gegnern des Sowjetregimes. Einheimische Historiker tun sich mit der Bestimmung des genauen Beginn- und Enddatums dieses überaus verheerenden und blutigen Kriegs immer noch schwer, weil vereinzelte bürgerkriegsähnliche bewaffnete Auseinandersetzungen bereits 1917 ausbrachen und erst Mitte der 1930er Jahre endeten. Als Hauptgegner im Russischen Bürgerkrieg standen sich die bolschewistische Rote Armee und die antibolschewistische Weiße Bewegung bzw. Weiße Garde gegenüber. Keiner dieser beiden Hauptgegner (die in ihren Reihen gleichermaßen ehemalige zaristische Generale und Offiziere zählten, obwohl die meisten von diesen bei den Weißen dienten) dachte daran, das russische Zarenreich wiederherzustellen, geschweige denn das gestürzte Zarenhaus der Romanows wieder an die Macht zu bringen. Außer den „Roten“ und „Weißen“ beteiligten sich am Bürgerkrieg auch zahlreiche bewaffnete Freischärler, Banden (die „Grünen“) und Bauernwehren, die gegen alle kämpften, sowie baltische, kaukasische, transkaukasische, mittelasiatische, finnische, polnische, weißrussische und ukrainische Nationalisten, die ihre Länder durch Waffengewalt vom russischen Einfluß zu befreien bestrebt waren. Ein Kapitel für sich waren die Anarchisten, die unter ihrem Führer Nestor Machno auf ukrainischem Gebiet eine Art unabhängigen Bauernfreistaat zu bilden vermochten und aus taktischen Gründen mal mit den Roten, mal mit den Weißen paktierten. Obwohl die deutschen, österreichisch-ungarischen und türkischen Besatzungstruppen nach Beendigung des Ersten Weltkriegs aus den von ihnen gemäß dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk besetzten ehemals russischen Randgebieten (Finnland, Baltikum, Polen, Ukraine, Transkaukasus) abziehen mußten, blieben Entente-Invasionstruppen eine noch Zeitlang in Nord- und Südrußland sowie in Sibirien. Sie sympathisierten größtenteils mit den russischen „Weißen“, nahmen jedoch am aktiven bewaffneten Kampf gegen die „Roten“ fast nie und nirgends teil (von den Japanern in Sibirien abgesehen, die jedoch von den dort wie auch in Nordrußland stationierten Amerikanern in Schach gehalten wurden). Im Jahr 1918 erklärte die Sowjetregierung die „Internationale“, das „Kampflied der internationalen Arbeiterbewegung“, zur neuen russischen Staatshymne (die alte zaristische Hymne „Gott erhalte uns den Zaren“ war bereits im Februar 1917 nach dem Machtantritt der bürgerlich-demokratischen Provisorischen Regierung abgeschafft worden).
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Die durch den Bürgerkrieg geprägten Jahre 1918 bis 1921 standen ganz im Zeichen der Politik des „Kriegskommunismus“, deren festen Bestandteil die von der bolschewistischen Regierung den von ihr angeblich „befreiten“ Bauern auferlegte Nahrungsmittelablieferungspflicht bildete. Unter den Bedingungen des ruinierten russischen Finanzsystems (die Bolschewisten planten ursprünglich, die gesamte Geldwirtschaft als „kapitalistisch“ und „volksfeindlich“ abzuschaffen) wurde der Landbevölkerung von speziellen „Nahrungsmittelabteilungen“ der sowjetischen Regierungstruppen unentgeltlich (oder bestenfalls gegen Quittung, die „nach dem weltweiten Sieg der proletarischen Revolution“ einzulösen war) Landprodukte zur Versorgung der hungernden Stadtbevölkerung abgenommen. Der Umfang der Ablieferungspflicht war durch kein Staatsdokument geregelt. In der Praxis bedeutete dies, daß die zur Requirierung aufs Land ausgesandten Rotgardisten und Soldaten der Roten „Arbeiter-und-Bauern-Armee“ den Bauern so viele Lebensmittel abnahmen wie nur möglich. Es war kein Zufall, daß in Sowjetrußland während der „kriegskommunistischen Periode“ kein Geld im Umlauf war, sondern praktisch ein Rückfall in die Tauschhandelswirtschaft erfolgte. Das Fehlen von Geld gehörte, so die bolschewistischen Theoretiker, zu den Hauptmerkmalen der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft. In Wirklichkeit waren jedoch die Russen keinesfalls bereit, auf die Geldwirtschaft zu verzichten. Es kam zu zahlreichen antibolschewistischen Aufständen der meistens gut bewaffneten Landbevölkerung (die russische Armee bestand größtenteils aus Bauernsöhnen, die ihre Waffen aus dem Weltkrieg mitbrachten und gut zu gebrauchen verstanden). Außerdem führten die Zwangsrequirierungen zu Unruhen unter den größtenteils aus mobilisierten Bauern bestehenden Truppen der Roten Armee. Als große Hilfe für die in Bedrängnis gekommene bolschewistische Regierung erwiesen sich zahlreiche deutsche, österreichische und ungarische Kriegsgefangene, von denen viele, vor die Wahl zwischen dem langsamen Dahinsiechen im Gefangenenlager und dem Dienst in der Roten Armee gestellt, sich für den letzteren entschieden. Die Gesamtanzahl von allerlei „roten Internationalisten“ dieser Art belief sich auf gut 300.000, was beinahe ein Zehntel der gesamten Mannstärke der Roten Armee ausmachte.
Neben dem nach einem mißlungenen Attentat der antibolschewistischen Sozialrevolutionäre (oder vielleicht der Anhänger Swerdlows) auf Lenin 1918 begonnenen „roten Terror“ gegen alle „Konterrevolutionäre“ und Andersdenkenden setzte der Kampf der Bolschewisten gegen die Religion als „Opium des Volks“ (Karl Marx) ein. Aus ideologischen Gründen wurden alle Konfessionen verfolgt, Gotteshäuser geschlossen, Kirchenbesitz beschlagnahmt, Geistliche und Gläubige verfolgt (allerdings nicht wegen ihres Glaubens, sondern wegen „konterrevolutionärer Umtriebe“). Besonders scharfe Repressalien trafen die Russisch-Orthodoxe Kirche als einen der drei Hauptpfeiler des „volksfeindlichen zaristischen Regimes“ (Orthodoxie, Autokratie, Volkstum).
Am 12. März 1918 wurde Rußlands Hauptstadt nach mehr als 200 Jahren auf Beschluß der roten Regierung vom frontnahen Petrograd nach Moskau verlegt, wohin auch die Regierung umzog. Am 17. und 18. Juli 1918 erfolgte in den im Uralgebiet gelegenen Städten Jekaterinburg und Alapajewsk der bolschewistische Meuchelmord an den Familienangehörigen und Verwandten des letzten russischen Zaren. Der noch vor dem bolschewistischen Oktoberstaatsstreich durch die bürgerlich-demokratische Februarrevolution 1917 entmachtete und nach Sibirien verbannte letzte Kaiser aller Reußen Nikolaus II. wurde als „Bürger Nikolai Romanow“ mit Frau, Kindern, Leibarzt und Dienern im Jekaterinburger Ipatjew-Haus (in dem sie bislang inhaftiert gewesen waren) ohne Gerichtsverhandlung erschossen. Das Mordkommando befehligte der Bolschewik und Tscheka-Mitarbeiter Jakow Jurowskij (1878–1938). Sowohl russische als auch ausländische Historiker können bislang noch nicht zum eindeutigen Schluß darüber kommen, ob der Erschießungsbefehl direkt von den in Moskau residierenden bolschewistischen Staats- und Regierungsspitzen Wladimir Lenin und Jakow Swerdlow kam oder von den örtlichen bolschewistischen Behörden selbständig erteilt wurde (obwohl es immer mehr Beweise für die erste Version gibt). Nach der offiziellen bolschewistischen Version wurde die Familie und Dienerschaft des ehemaligen Zaren Nikolaus von ihren Wächtern erschossen, weil sich die Truppen der sibirischen „Weißen“ Jekaterinburg näherten. Falls der „Bürger Nikolai Romanow“ von den „Weißen“ befreit worden wäre, hätten letztere, bolschewistischen Behauptungen zufolge, diesen, auf seine Legitimität als Herrscher pochend, wieder an die Macht in Rußland bringen und dadurch die Sympathien der „rückständigen und unaufgeklärten, immer noch dem zaristischen Mythos frönenden“ Mehrheit der russischen Bevölkerung für die „Sache des Weißen Zaren“ (wie der Selbstherrscher aller Reußen seit alters her von dem Volksmund bezeichnet wurde) gewinnen wollen. Dese bolschewistische Behauptung bezeugt übrigens, daß sich die roten Machthaber durchaus darüber im Klaren waren, welcher Regierungsform die Sympathien der meisten „Bürger des freien Rußland“ in Wirklichkeit gehörte. Bekannt ist der Spruch des sowjetischen Kriegs-Volkskommissars Lew Trotzkij: „Wenn die Weißen die Losung eines Bauernzaren ausgerufen hätten, würden wir uns nicht einmal zwei Wochen halten können“. Trotzdem entbehrt die von den Bolschewiken als Tarnmantel für den von ihnen begangenen Zarenmord erfundene Version jeder seriösen Grundlage. Die russischen „Weißen“ waren gar nicht monarchistisch gestimmt. Zumindest was ihre Führungsschicht anbetraf, die die Wiederherstellung der Zustände nach der Februar- und vor der Oktoberrevolution von 1917 zum Ziel hatte, welche keinen Platz für einen Autokraten aus dem Hause Romanow mehr vorsahen.
Am 19. Juli 1918 wurde die Verfassung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) veröffentlicht. Die Bezeichnung „Sowjet-“ beziehungsweise „sowjetisch“ weist darauf hin, daß im politischen System des neuen Staats offiziell die Macht bei den Räten (Sowjets) der Arbeiter und Bauern als Vertreter des gesamten Volkes liegen sollte. In Wirklichkeit waren diese Sowjets lediglich ein Aushängeschild für die Gremien der auf rohe Waffengewalt gestützten allgegenwärtigen und allmächtigen bolschewistischen Partei, die sich völlig unbegründet für die „Vorhut“ des „Proletariats“ beziehungsweise der „Arbeiterklasse“ ausgab. Die Bezeichnung „föderativ“ deutet darauf hin, daß den einzelnen Teilregionen der weit ausgedehnten neuen roten Republik im Unterschied zum straff zentralisierten Russischen Kaiserreich eine gewisse Selbständigkeit bei der Regelung einiger politischer und wirtschaftlicher Fragen örtlichen Charakters zugestanden oder vielmehr zugesprochen wurde. Die Bezeichnung „sozialistisch“ in bezug auf die neue Republik deutete auf die von den bolschewistischen Machthabern proklamierte These hin, sie würden in Rußland in aller Kürze die sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung als Vorstufe der zum höchsten und endgültigen Ziel erklärten klassenlosen kommunistischen Gesellschaft errichten, die dann auf die ganze Welt übergreifen würde (wofür die von Moskau aus agierende Kommunistische Internationale sorgen sollte).
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Im Jahr 1918 brach in Sibirien der antibolschewistische Aufstand des Tschechoslowakischen Korps aus, der bis 1920 anhielt. Bei dem Tschechoslowakischen Korps handelte es sich um eine noch von der Zarenregierung im Russischen Kaiserreich 1914 aufgestellte bewaffnete Freiwilligentruppe. Sie bestand aus in Rußland wohnhaften Tschechen und Slowaken, welche sich bereit erklärt hatten, im russischen Wehrdienst die Waffen gegen die Mittelmächte (in erster Linie gegen Österreich-Ungarn) zu ergreifen. Sie hofften, nach Kriegsende einen eigenen, unabhängigen tschechoslowakischen Staat zu errichten. Unter ihnen waren tschechische Nationalisten tonangebend. Im Kriegsverlauf wurde das Freiwilligenkorps durch Kriegsgefangene sowie Überläufer tschechischer und slowakischer Nationalität aus den Reihen der österreichisch-ungarischen k.u.k. Armee verstärkt und ausgebaut. Der durch die neuen bolschewistischen Machthaber veranlaßte Austritt Rußlands aus dem Weltkrieg und der Frieden von Brest-Litowsk mit Österreich-Ungarn und Deutschland wurde von den tschechoslowakischen (sowie auch polnischen) Legionären im russischen Dienst als Verrat an deren nationaler Sache aufgefaßt. Die in Rußland an die Macht gelangte bolschewistische Regierungsspitze befahl im Einvernehmen mit den Mittelmächten den roten Lokalbehörden, die entlang der Transsibirischen Magistrale stationierten deutsch-, vor allem jedoch habsburgfeindlichen tschechoslowakischen Legionäre zu entwaffnen, welche an ihrem Willen festhielten, weiterhin gegen die Mittelmächte zu kämpfen. Das Tschechoslowakische Korps leistete den „roten“ (zu einem beachtlichen Teil aus deutschen, österreichischen und ungarischen „Internationalisten“, d.h. von den Sowjets mobilisierten ehemaligen Kriegsgefangenen bestehenden) Truppen bewaffneten Widerstand und bemächtigte sich bald, durch antikommunistische Lokalaufstände der örtlichen russischen „Weißen“ aktiv unterstützt, fast des gesamten Einzugsgebiets der Transsibirischen Eisenbahn. Doch nach der endgültigen Weltkriegsniederlage der Mittelmächte kehrten die Tschechoslowaken (von den Russen meistens als „Tschechen“) bezeichnet um und lieferten im Winter 1920 sogar den Obersten Regenten Rußlands und Kommandeur der „weißen“ Truppen in Sibirien, Admiral Alexander Koltschak, den „Roten“ aus, die ihn dann samt Stellvertreter kurzerhand ohne Gerichtsverfahren erschossen. Die „Tschechen“ erkauften sich den freien Rückzug bis nach Wladiwostok mit einem beachtlichen Teil des in Koltschaks Besitz befindlichen russischen Gold-Staatschatzes.
Am 29. Oktober 1918 wurde der (nach Lenins Tod 1924 nach Lenin benannte) Kommunistische Jugendbund (Komsomol) als Nachwuchsorganisation der Kommunistischen Partei der Bolschewiki gegründet. Im November 1918 endete der Erste Weltkrieg, in dem die Entente den Sieg davontrug (jedoch ohne Rußland, welches durch seinen den Bolschewiken zu verdankenden Kriegsaustritt und faktischen Frontwechsel nicht nur um den begehrten Siegeslorbeer, sondern auch um die Früchte seiner dreijährigen Kriegsbemühungen gebracht wurde). Allerdings wurde der Versailler Friedensvertrag, welcher den Kriegsabschluß offiziell besiegelte, erst im Juni 1919 unterzeichnet. In Rußland tobte inzwischen der Bürgerkrieg weiter, woran sich die Ententetruppen nur sehr zaghaft und mittelbar beteiligten.
In die Jahre 1920/21 fiel der Sowjetisch-Polnische Krieg. Der polnische Staatschef (und Sozialist) Józef Pi?sudski (1867–1935) führte ihn, um den ukrainischen Staatschef Simon Petlura (ebenfalls Sozialist) gegen die ukrainischen und russischen Sowjets zu unterstützen, aber auch, um die zur RSFSR gehörenden ehemaligen Gebiete des Ende des 18. Jahrhunderts unter Rußland, Österreich und Preußen aufgeteilten polnisch-litauischen Staates zurückzuerobern. Die RSFSR, im Schwarzmeergebiet mit Nestor Machnos bäuerlichen Anarchisten und an der Krim mit den Truppen des „weißen“ Generals Baron Pjotr Wrangel beschäftigt, verlor diesen Krieg gegen das durch die Entente (vor allem Frankreich) aktiv unterstützte Polen, mit dem es 1921 den Rigaer Friedensvertrag unterzeichnen mußte, wonach große Gebiete der Ukraine und Weißrußlands unter polnische Kontrolle kamen.
Am 7. Februar 1920 erschossen die Bolschewiken, wie bereits erwähnt, im sibirischen Irkutsk den Obersten Regenten Rußlands, Admiral Alexander Koltschak (1874–1920). Neben Koltschak zählten zu den Hauptführern der Weißen Bewegung:
Die namhaftesten Kommandeure der „Roten“ im Bürgerkrieg waren:
Nach dem vollkommen mißlungenen Versuch, die Politik des „Kriegskommunismus“ zu verwirklichen, der mit Bauernrevolten, Hungersnot (die Bauern versteckten ihre Landprodukte vor der Zwangsrequirierung und verringerten die Aussaatflächen, da ja für sie ohnehin zuwenig von der Ernte übrigblieb), Unruhen in der vorwiegend aus Bauernsöhnen bestehenden Roten Armee und dem Aufstand der aus bisher besonders revolutionstreuen Matrosen der Baltischen Flotte bestehenden Garnison von Kronstadt 1921 endete, sah sich die Sowjetregierung gezwungen, in der Wirtschaft „kapitalistische Elemente“ zuzulassen. Diese als taktisches Provisorium gedachte, von Lenin gutgeheißene, von der „linkskommunistischen Opposition“ und den Trotzkisten als opportunistisch abgelehnte Wende erhielt die Bezeichnung „Neue Ökonomische Politik“ (NÖP). Die im Zuge der NÖP wiederentstandene Privatunternehmerschaft im Handels-, Klein- und Mittel-Industrie-Bereich (die Großindustrie blieb nach wie vor im Staatsbesitz) wurde als „NÖP-Mannschaft“, „roter Kaufmannsstand“ oder als „Sowjetbourgeoisie“ bezeichnet. Die bisher praktizierte Nahrungsmittelablieferungspflicht wurde durch die sogenannte Lebensmittelsteuer bzw. Abgabesoll ersetzt. Der Unterschied bestand darin, daß den Bauern nun nicht mehr, wie bisher, so gut wie alles (bis hin zum Saatgut) abgenommen wurde, sondern ein gesetzlich geregelter Teil der von ihnen erzeugten Landprodukte.
Das Jahr 1922 gilt meistens als das letzte Jahr des Russischen Bürgerkriegs, in dem die bolschewistische Partei mittels ihrer Roten Armee den Sieg über all ihre Gegner davontrug. In Wirklichkeit ereignete sich der letzte „weiße“ Aufstand in Jakutien 1923. Auch in anderen Randgebieten in West wie in Ost herrschten mehr oder weniger bürgerkriegsähnliche Zustände, die mancherorts (wie z. B. in Mittelasien) bis in die 1930er Jahre anhielten. Doch das Rückgrat des antibolschewistischen Widerstands war gebrochen.
Am 19. Mai 1922 entstand im Zuge der bolschewistischen Gleichschaltungspolitik nach dem Muster der „klassenfeindlichen“ Pfadfinder der Kinderverband Junge Pioniere als Nachwuchs– und Kaderschmiede für den kommunistischen Jugendverband Komsomol.
Am 30. Dezember 1922 wurde in Moskau die Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) beziehungsweise Sowjetunion als „Keimzelle der künftigen Weltunion“ und „Vaterland der Werktätigen der ganzen Welt“ proklamiert. Dieser Weltherrschaftsanspruch wurde durch das neue Staatswappen verdeutlicht, worauf das kommunistische Hammer-und-Sichel-Emblem der gesamten Weltkugel aufgedrückt war. Die ersten Unionsrepubliken waren die Russische SFSR, die Ukrainische SSR, die Weißrussische SSR und die Transkaukasische SFSR (aus der später die drei sozialistischen Sowjetrepubliken Armenien, Aserbaidschan und Georgien entstanden). Später sollte die UdSSR um weitere Unionsrepubliken erweitert werden, deren Anzahl maximal 16 betrug, danach jedoch auf 15 reduziert wurde.
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Im Januar 1924 wurde die erste UdSSR-Verfassung verabschiedet. Nach dem im gleichem Monat erfolgten Tod des bereits geistig umnachteten Lenin entbrannte innerhalb der bolschewistischen Partei- und Staatsspitze ein erbitterter Machtkampf zwischen Stalin, Trotzkij, Kamenew, Sinowjew und Bucharin. Es ging dabei nicht nur und nicht so sehr um persönliche machtpolitische Ambitionen als vielmehr um grundsätzliche Fragen. Lenins „alte Garde“ bestand aus gebildeten marxistischen Theoretikern und Verfechtern der Idee der vielbeschworenen Weltrevolution. Diese mußte, so Trotzkij, permanenten Charakter tragen, d.h. unter Einsatz aller Ressourcen der UdSSR ununterbrochen von Land zu Land getragen werden, um den Weltimperialismus an allen Fronten zu bekämpfen. Nach der marxschen Lehre sollte der Sozialismus jedoch zuerst im dafür am meisten herangereiften kapitalistischen Staat siegen. Dies traf auf das vornehmlich bäuerlich und landwirtschaftlich geprägte Rußland offenbar nicht zu. Daher strebten die trotzkistischen „Weltrevolutionäre“ danach, die Revolution in die Welt des entwickelten Kapitalismus zu tragen, damit „alles nach Marx“ passiere. Dies sollte mittels der von Moskau aus per Komintern-Kanäle finanzierten und gelenkten Subversion im kapitalistischen Ausland oder gegebenenfalls mittels der Roten Armee erfolgen. Trotzkij wird der Spruch zugeschrieben: „Rußland ist ein Holzbündel, das wir in das Feuer der Weltrevolution werfen, um es erst recht zu entfachen“. Die meisten bolschewistischen „Oppositionellen“ waren Berufsrevolutionäre, die den größten Teil ihres Lebens, gleich ihrem Führer Lenin. im ausländischen Exil verbracht hatten und dort mehr zu Hause waren als im „rückständigen Rußland“. Sie brachten russischen Traditionen nichts als Verachtung entgegen, haßten nichts so wie den „großrussischen Chauvinismus“ und würden nach dem von ihnen erwarteten Sieg der Weltrevolution am liebsten in den „vom kapitalistischen Joch befreiten“ Westen umziehen, um von dort aus gemeinsam mit ihren westlichen Parteigenossen das „rückständige“ Rußland im neuen, marxistischen Sinne zu zivilisieren.
Ihnen war jedoch im damaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der Allrussischen Kommunistischen Partei (der Bolschewiki) Iossif Stalin, der praktisch für die gesamte Parteikaderpolitik zuständig war, ein Feind erwachsen, den sie nicht überwinden konnten. Im Unterschied zu Lenins „alter Garde“ war Stalin kein blinder marxistischer Fanatiker, sondern ein eiskalter Pragmatiker und ausgemachter Machiavellist. Seine Feinde geschickt gegeneinander ausspielend und auf den von ihm nach Lenins Tod massenhaft rekrutierten 250tausendköpfigen Parteinachwuchs gestützt, vermochte es Stalin, seine politischen Rivalen, vor allem Lew Trotzkij, zu überlisten und zu übertrumpfen. Stalin vermochte es, den Posten des ZK-Generalsekretärs zum höchsten Amt in der gesamten UdSSR zu erheben. Gleich ihrem Führer Stalin waren die von ihm „geschmiedeten“ neuen Parteikader keine Gegner der Weltrevolution per se. Sie waren jedoch im Unterschied zu den „flammenden Internationalisten“ leninistisch-trotzkistischen Schlags keinesfalls bereit, alles um der Weltrevolution Willen aufs Spiel zu setzen, vor allem nicht ihre einträglichen Pfründen. So erstarkte allmählich die Macht des lange Zeit ziemlich unscheinbaren Stalin. Sehr bald nach Lenins Tod ließ Stalin, der sich zu Lenins treuestem Anhänger und Schüler erklärte, die Stadt Petrograd nach dem Verstorbenen in Leningrad umbenennen. Lenins einbalsamierter Leichnam wurde auf dem Moskauer Roten Platz in einem eigens dafür errichteten Mausoleum zur Schau gestellt, damit sich die „Werktätigen“ ständig von seiner immerwährenden Präsenz und „Unsterblichkeit“ überzeugen konnten. Stalin aber galt seitdem als der „Lenin von heute“. Die von Stalin entwickelte, an sich völlig marxwidrige These von der Möglichkeit, den Sozialismus in einem einzelnen Land (d.h. in Sowjetrußland) und in kapitalistischer Umgebung zu erhalten und auszubauen, wurde posthum Lenin zugeschrieben. Letzterer konnte in seinem „ewig schwebenden“ Zustand diese ihm sanft in die Schuhe geschobene Behauptung natürlich nicht negieren …
Ende der 1920er Jahre wurde in der Sowjetunion mit der NÖP sowie mit der privaten Bauernwirtschaft kontinuierlich Schluß gemacht. Im Zuge der 1929 eingeleiteten Kollektivierung wurden alle privaten Bauernhöfe zwangsläufig zu Kollektivwirtschaften beziehungsweise Kolchosen zusammengeschlossen. Der früherere Privatbesitz jedes Bauern wurde zum Gemeingut der Kolchose erklärt. Alle Bauern, die sich der Zwangskollektivierung widersetzten, wurden zu „Kulaken“ (eigentlich Großbauern) erklärt und fielen grausamen Repressalien zum Opfer. Ziel der Zwangskollektivierung war es, die staatliche Kontrolle über die Bauernschaft und das Einsammeln von Landprodukten für den Staatsbedarf zu vereinfachen. Große Mengen der auf diese Art und Weise in den Staatsbesitz gelangenden Nahrungsmittel wurden zu Dumpingpreisen ins „kapitalistische“ Ausland exportiert, um aus den Erlösen die Industrialisierung des ausgesprochenen Bauernlands UdSSR zu finanzieren. Infolge der in vielen Gebieten ausgebrochenen Hungersnot waren in den 1930er Jahren millionenfache Menschenopfer auf dem Lande zu beklagen. Gemäß der Militärreform von 1925 wurde in der UdSSR der allgemeine Wehrdienst eingeführt. Die Rote Arbeiter-und-Bauern-Armee galt, trotz Trotzkijs Verbannung und Ausbürgerung, offiziell immer noch als „Armee der Weltrevolution“.
Im Jahre 1928 fing in der Sowjetunion die Industrialisierung an. Auf Stalins Geheiß wurde der massenhafte Bau von Industriebetrieben im gesamten Land eingeleitet, der aktiv durch „kapitalistische“ Unternehmer und Fachleute (vor allem US-amerikanische und deutsche) unterstützt wurde. So bewahrheitete sich Lenins Spruch, die Kapitalisten würden in ihrer Habgier den Bolschewisten alles liefern – bis hin zum Strick, womit man sie dann erdrosseln werde. Damals wurde auch der Erste Fünfjahresplan verabschiedet. Als Fünfjahrespläne wurden in der UdSSR die Planvorlagen und -kenndaten der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion bezeichnet, die von der sowjetischen Volkswirtschaft innerhalb von fünf Jahren erreicht werden sollten.
Im Jahre 1929 wurde der Ukas (Erlaß) über die Bildung von Maschinen-und-Traktoren-Stationen (MTS) auf dem Lande veröffentlicht, die auf die Produktion von Landmaschinen, die Belieferung von Kolchosen und Sowchosen damit sowie die Wartung und Instandhaltung dieser Maschinen spezialisiert waren. Am 14. August 1930 erschien die Regierungsverordnung über die allgemeine unentgeltliche Grundschulbildung. Das gedruckte kommunistische Ideengut sollte endlich allen von klein auf zugänglich gemacht werden.
Die 1930er Jahre standen ganz im Zeichen stalinistischer Massenrepressalien gegen alle tatsächlichen bzw. vermuteten Andersdenkenden (der Partei-Generallinie untreue Parteigenossen, Führungsspitzen der Roten Armee bis hin zu Marschällen, selbst hohe Komintern-Funktionäre) und der ebenso massenhaften Errichtung von Arbeitslagern, deren System von der Lager-Hauptverwaltung (GULag) kontrolliert und ständig ausgebaut wurde.
Am 7. August 1932 erschien die berüchtigte Regierungsverordnung „Über den Schutz des Eigentums der Staatsbetriebe, Kolchosen und Kooperativen sowie die Festigung des gesellschaftlichen [sozialistischen] Eigentums“. Sie erhielt im Volksmund die spöttische Bezeichnung „Drei-Ähren-Gesetz“, weil nach diesem Gesetz selbst der Diebstahl von drei Roggen- beziehungsweise Weizenähren vom Kolchos- oder Sowchosfeld eine Strafe von zehn Jahren Arbeitslager zur Folge hatte. Am 18. September 1934 wurde die UdSSR in den nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Völkerbund, die Vorläuferorganisation der späteren UNO, aufgenommen. Der Beitritt der Sowjetunion zum Völkerbund bedeutete die völkerrechtliche Anerkennung des bolschewistischen Regimes.
Der am 1. Dezember 1934 erfolgte Mord an Sergej Kirow (1886–1934) leitete eine neue Runde der Massenrepressalien ein, die als der „Große Terror“ in die sowjetische und Weltgeschichte eingingen. Kirow, der eigentlich Kostrikow hieß, ein verdienter bolschewistischer Parteifunktionär und erster Sekretär des Leningrader Gebietskomitees der Kommunistischen Partei, galt als Rivale Stalins. Daher wurden hinter dem in vielerlei Hinsicht mysteriösen Attentat Stalins Machenschaften vermutet, der diesen Anschlag zum Anlaß für den „Großen Terror“ nahm. Auf allen Gebieten wurden die Schrauben immer fester angezogen. Ab 9. Juni 1935 wurde jeder Fluchtversuch ins Ausland mit dem Tode bestraft.
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Von Juli bis Dezember 1929 ereignete sich der Sowjetisch-Chinesische Krieg, an dem jeder fünfte Rotarmist teilnahm und der somit der größte von der Sowjetunion geführte auswärtige Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg war. Ursache des Konflikts war die Besetzung des gesamten Gebiets der Chinesischen Ost-Eisenbahn, die bisher unter gemeinsamer sowjetisch-chinesischer Verwaltung gestanden hatte, durch chinesische Truppen. Die Chinesen wurden geschlagen, und die sowjetischen Truppen unter Wassilij Blüchers Kommando stießen bis zur (ehemals als „Gelbrußland“ zum russischen Zarenreich gehörenden) Mandschurei vor. Sie hüteten sich jedoch, weiter vorzudringen, um Japan nicht zu reizen, das es selbst auf die Mandschurei abgesehen hatte. Damals hielt Stalin einen offenen Waffengang gegen Japan noch für zu verfrüht.
Erst neun Jahre später, in der Zeitspanne vom 29. Juli bis zum 11. August 1938, kam es zum verlustreichen Sowjetisch-Japanischen Krieg am Chasan-See im Fernen Osten. Japan erhob dort Anspruch auf einen Teil des sowjetischen Hoheitsgebiets. Im Endergebnis wurde der Vorkriegszustand wiederhergestellt. Bereits im Sommer und Herbst des darauffolgenden Jahres brach jedoch der viel umfangreichere bewaffnete Konflikt zwischen japanischen Truppen (die von den Truppen des japanischen Vasallenstaats Mandschukuo unterstützt wurden) und sowjetisch-mongolischen Truppen im Gebiet des Flusses Chalchin Gol aus, der die Grenze zwischen dem UdSSR-Vasallenstaat Mongolei und Mandschukuo bildete. Dieser Konflikt, von japanischen Historikern als „der Zweite Russisch-Japanische Krieg“ bezeichnet, endete mit dem Rückzug der erfolglosen Japaner in die Mandschurei. Wichtig ist, daß es sich dabei praktisch um die erfolgreiche Verteidigung des ehemaligen mongolischen Einflußgebiets des Russischen Kaiserreichs gegen den japanischen Feind durch Stalins Rote Armee handelte.
In den späten 1930er Jahren machte sich auf sowjetischem Bildungs-, Kultur- und Kunstgebiet eine gewisse Neigung zur Rehabilitierung einiger bisher als „reaktionär“ verpönter Themen, die mit der russischen Geschichte verbunden waren, bemerkbar. So wurde in den Schulen nicht mehr die „Geschichte des Klassenkampfs“, sondern die „Geschichte der UdSSR“ als Fach unterrichtet, deren beachtlicher Teil sich mit dem vorrevolutionären Rußland im positiven Sinne auseinandersetzte. Das Augenmerk der bolschewistischen „ideologischen Inquisition“ galt nicht mehr dem mit Stumpf und Stiel auszurottenden „großrussischen Chauvinismus“, sondern vielmehr dem gnadenlos auszumerzenden „bürgerlichen Nationalismus“ der einzelnen nationalen Minderheiten der UdSSR. Von nun an hatten letztere zu ihrem „älteren russischen Bruder“ hochachtungsvoll aufzublicken (obwohl ethnische Russen in der obersten Parteispitze immer noch in der Minderheit waren). Die Weltgeschichte kannte schon vorher ähnliche Beispiele (es sei lediglich auf den gebürtigen Korsen Nabulione Buonaparte als „glühendster französischer Nationalist aller Zeiten“ verwiesen). Der gebürtige Georgier Stalin betrieb immer mehr die Rückeroberung der vorrevolutionären Teilgebiete des russischen Zarenreichs, die allerdings durch das angebliche Bestreben getarnt war, das Gebiet des „Vaterlands der Proletarier der ganzen Welt“ zu erweitern. Vergessen war die frühere kommunistisch-internationalistische Parole „Die Proletarier haben kein Vaterland“, unter der die Bolschewiken einst die russischen Weltkriegssoldaten dazu aufgerufen hatten, nicht mehr für deren angebliches russisches „Vaterland“ (das in Wirklichkeit das Vaterland der Ausbeuterklassen sei) zu kämpfen und den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. Auch die Parole „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ wurde allmählich immer stärker im Sinne von „Proletarier aller Länder, vereinigt euch durch den Beitritt zur Sowjetunion, dem wahren sozialistischen Vaterland des multinationalen Proletariats der Welt!“ umgedeutet.
Die militärische Zusammenarbeit zwischen den beiden „Verlierern“ des Ersten Weltkriegs, Deutschland und (Sowjet-)Rußland, begann noch in Zeiten der Weimarer Republik, ungeachtet der Komintern-Versuche, Deutschland durch Subversion und Anzetteln von Aufständen zu bolschewisieren. Deutsche Konstrukteure konnten auf sowjetischem Hoheitsgebiet ungehindert an der Entwicklung der Deutschland durch die Versailler Siegermächte verbotenen Luft- und Panzerwaffe arbeiten. Zahlreiche deutsche Fachleute leisteten beim Aufbau der sowjetischen Industrie tatkräftig Hilfe. Offiziere beider Armeen erhielten wechselseitige Ausbildung. Selbst Adolf Hitlers Machtübernahme in Deutschland 1933 änderte viel daran.
Am 23. August 1939 wurde in Moskau der sowjetisch-deutsche Molotow-Ribbentrop-Pakt unterzeichnet. Dabei handelte es sich um den vom sowjetischen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw Molotow – eigentlich Skrjabin – (1890–1986) und den deutschen Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop signierten beiderseitigen Nichtangriffsvertrag. Gemäß dem Geheimprotokoll zu diesem Pakt teilten Deutschland und die Sowjetunion das Gebiet des polnischen Staats untereinander auf. Am 1. September 1939 erklärte Deutschland Polen den Krieg, der sich bald zum Zweiten Weltkrieg ausweiten sollte. Im Gegenzug wurde von Frankreich und Großbritannien Deutschland der Krieg erklärt. Sowjetische Truppen besetzten die zu Vorkriegspolen gehörenden Gebiete Westweißrußland, Westukraine und ein litauisches Teilgebiet mit Wilna.
Von November 1939 bis März 1940 dauerte der Sowjetisch-Finnische Krieg (auch als „Winterkrieg“ bekannt). Die finnische Regierung lehnte Stalins Angebot ab, bestimmte finnische Gebiete in der Nähe Leningrads gegen bestimmte Gebiete des in Sowjetbesitz befindlichen Karelien auszutauschen. Zuerst versuchte Stalin, einen „Volksaufstand“ in Finnland gegen die dortige „reaktionäre bürgerliche Regierung“ vorzutäuschen, um der Roten Armee Anlaß zu geben, ihrer „internationalistischen Pflicht“ und „proletarischen Solidarität“ gemäß zu intervenieren. Als dieser Versuch fehlschlug, wurde zur Behauptung gegriffen, die finnische Artillerie habe sowjetisches Hoheitsgebiet beschossen, was als Kriegsvorwand diente. Unter großen Verlusten gelang es der Roten Armee, die in Finnland ab 1920 errichtete, nach dem finnischen Nationalhelden (und ehemaligen zaristischen General sowie Kommandeur der Weißen Garde im Finnischen Bürgerkrieg 1918) Karl Gustaf Emil Freiherr von Mannerheim (1867–1951) benannte Verteidigungslinie zu durchbrechen. Finnland mußte die von der UdSSR beanspruchten Gebiete abtreten.
Im Zeitabschnitt vom 28. Juni bis zum 4. Juli 1940 sah sich Rumänien gezwungen, seine Teilgebiete Bessarabien (gemäß dem sowjetisch-deutschen Geheimprotokoll zum Molotow-Ribbentrop-Pakt, da Bessarabien bis 1918 zu Rußland gehört hatte) und Nordbukowina (das im Protokoll nicht erwähnt war, weil es nie ein Teil Rußlands, sondern bis 1918 ein Teil der Habsburgermonarchie gewesen war) an die UdSSR abzutreten. Frankreich, der Hauptgarant der rumänischen Territorialintegrität, war gerade von Deutschland geschlagen worden und konnte daher nicht intervenieren. Im August 1940 wurden die (bereits seit 1939 unter faktischer sowjetischer Besatzung stehenden) drei baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen als neue Sozialistische Sowjetrepubliken in den Bestand der UdSSR aufgenommen. Offiziell erfolgte diese Einverleibung gemäß freier Volkswillensäußerung und unter dem Druck der von Nazideutschland ausgehenden Gefahr (in Wirklichkeit jedoch in Übereinstimmung mit den sowjetisch-deutschen Geheimprotokollen über die beiderseitige Aufteilung der Einflußbereiche in Europa).
Am 21. August 1940 ermordete Ramon Mercader, Geheimagent des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD) der UdSSR, Stalins wichtigsten Rivalen Lew Trotzkij, der sich Stalins Repressalien im fernen mexikanischen Exil eine Zeitlang entziehen hatte entziehen können. Am 22. Juni 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht in Verletzung der bisherigen deutsch-sowjetischen Verträge die UdSSR. So begann der deutsche Feldzug im Osten, der in die Geschichte der UdSSR als der Große Vaterländische Krieg des sowjetischen Volks eingegangen ist. Bekanntlich hat u.a. der deutsche Kommunist, Komintern-Mitarbeiter und sowjetische Geheimagent in Deutschland sowie in Japan, Dr. Richard Sorge, Stalin über das wahrscheinliche Datum des deutschen Angriffs in Kenntnis gesetzt, bei Stalin jedoch als „Provokateur und Doppelagent“ weder Glauben noch Gehör gefunden. – Wen die Götter bestrafen wollen, den schlagen sie mit Blindheit …
Dr. Wolfgang Akunow ist Historiker und Dolmetscher. Er lebt in Moskau und hat bereits zahlreiche Artikel zur russischen Geschichte im „Abendland“ bzw. der „Neuen Ordnung“ verfaßt.