Moldawien schafft es nur selten in die internationalen Schlagzeilen. Doch im Herbst 2020 gelang das der Republik Moldau, wie der zwischen Rumänien und der Ukraine eingezwängte Binnenstaat offiziell heißt, gleich zweimal. Zuerst im Oktober, als sich bei einer Volksabstimmung eine knappe Mehrheit dafür aussprach, den EU-Kurs des Lands in der Verfassung zu verankern, und dann Anfang November, als Präsidentin Maia Sandu in einer Stichwahl für eine zweite Amtszeit bestätigt wurde. Bei beiden Wahlgängen wurden Vorwürfe von Betrug und ausländischer Einflussnahme erhoben, und zwar sowohl vom prowestlichen Lager um Sandu, das Rußland einmal mehr Einmischung vorwarf, also auch von der von westlichen Medien als prorussisch bezeichneten Opposition, die von Manipulation sprach.
Von Dr. Bernhard Tomaschitz
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Jedenfalls gab es sowohl beim EU-Referendum als auch bei der Stichwahl ums Präsidentenamt Auffälligkeiten. So wurde bei beiden Abstimmungen das Ergebnis erst spät und dank Stimmen der Auslandsmoldawier – allerdings nur jener Moldawier, die in westlichen bzw. in EU-Ländern leben – zugunsten des prowestlichen Lagers gedreht. Der Investigativjournalist Seth Ferris machte auf den Umstand aufmerksam, daß „fast 500.000 in Rußland lebende Wahlberechtigte durch die Bereitstellung von nur zwei Wahllokalen in Moskau und die Zuteilung von nur 10.000 Stimmzetteln entrechtet wurden. Zur gleichen Zeit standen in der ganzen EU zahlreiche Wahllokale zur Verfügung“.
Die EU, die nach der georgischen Parlamentswahl sofort Betrugsvorwürfe erhob, weil in dieser Kaukasusrepublik nicht die ihr zugeneigte Opposition das Rennen machte, zeigte sich im Falle Moldawiens hingegen zufrieden und gratulierte Sandu. Anstatt auf Vorwürfe möglicher vom Regierungslager zu verantwortender Unregelmäßigkeiten einzugehen, wiederholte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell das Mantra der „Einmischung Rußlands“ und stellte Sandu und ihrer Gefolgschaft einen Persilschein aus: „Wir loben die moldauischen Behörden für die erfolgreiche Durchführung der Wahlen, trotz der beispiellosen Einmischung Rußlands unter anderem durch Stimmenkauf-Programme und Desinformation. Mit diesen hybriden Versuchen wurde versucht, die demokratischen Institutionen des Lands und seinen Weg in die EU zu untergraben.“
In Moldawien geht es nicht um Demokratie, sondern darum, diesen knapp 34.000 Quadratmeter großen und rund 2,5 Millionen Einwohner zählenden Binnenstaat in euroatlantischen Strukturen zu verankern. Weil dieser Staat aufgrund seiner Verfassung neutral ist, will der Westen deshalb zuerst mit aller Kraft die EU-Integration Chi?in?us vorantreiben, um das „Niemandsland“ zwischen Rumänien und der Ukraine zu beseitigen. Überhaupt müssen die Ereignisse in Moldawien immer auch mit Blick auf die benachbarte Ukraine betrachtet werden. Aufschlußreich ist diesbezüglich ein Bericht des Center für Strategic and International Studies (CSIS), einer Denkfabrik, die Größen der US-Rüstungsindustrie, wie beispielsweise die Konzerne Lockheed Martin, Northrop Grumman oder RTX (bis 2023 Raytheon) zu ihren Geldgebern zählt.
In dem am 10. Juni 2024 veröffentlichten Bericht heißt es, Moldawien stehe an einem historischen Scheideweg: „Mit einer prowestlichen Regierung an der Macht und einer äußerst fähigen Präsidentin an der Spitze ist Moldawien auf dem besten Weg zur europäischen Integration, wird aber durch seine historischen Verbindungen zu Rußland und seine Nähe zum anhaltenden Krieg in der Ukraine gefährdet.“ Dann stellt das CSIS die Behauptung auf, die politischen Zukünfte der beiden Länder seien miteinander verflochten: „Die Unabhängigkeit Moldawiens wird letztlich von der Fähigkeit der Ukraine abhängen, der kinetischen Aggression Rußlands standzuhalten, und die Chancen der Ukraine auf einen Sieg und Stabilität nach dem Krieg steigen mit der Gewißheit, daß sie in Moldawien einen widerstandsfähigen und stabilen Partner hat.“
Und der Atlantic Council, eine eng mit dem Nordatlantikpakt verbundene US-Denkfabrik, hielt Anfang Mai 2023 fest: „Ein russisch dominiertes Moldawien könnte zu einem südlichen Kaliningrad [russischer Oblast Königsberg im nördlichen ehemaligen Ostpreußen] werden, und in Verbindung mit der Krim könnte es Moskau mehr Kontrolle über das nördliche Schwarze Meer verschaffen und möglicherweise auch die maritimen Aktivitäten der Ukraine behindern. Und sollte Rußland Zugang zu mehr moldawischem Hoheitsgebiet erhalten und Chi?in?u auf seine Seite ziehen, würde Moskaus erweiterte Präsenz auch die Sicherheit Rumäniens bedrohen und die Südostflanke der NATO noch stärker unter Druck setzen.“ Der Atlantic Council schlug vor, Moldawien für die Eindämmung Rußlands einzusetzen und nach dem Vorbild der Ukraine die moldawischen Streitkräfte auszubilden und sie mit modernem westlichen Gerät auszurüsten.
Wie sehr die NATO an Moldawien interessiert ist, zeigt sich in der Erklärung des Gipfels in Vilnius 2023. Darin bekennt sich der Nordatlantikpakt zur Verstärkung der politischen und praktischen Unterstützung Moldawiens, um, wie es heißt, die Widerstandsfähigkeit des Lands zu stärken und seine politische Unabhängigkeit angesichts des sich verschlechternden Sicherheitsumfelds zu wahren. Auch bekräftigten die NATO-Staaten ihre Entschlossenheit, Moldawien bei der weiteren Integration in die EU zu unterstützen, was ein eindeutiger Hinweis auf die unter US-Ägide stattfindende, immer engere Verzahnung zwischen Europäischer Union und Nordatlantikpakt ist. Schließlich kündigte die NATO an, im Rahmen eines erweiterten Pakets auch weiterhin praktische Hilfe für den Aufbau von Verteidigungskapazitäten zu leisten, während Moldawien daran arbeitet, seine Sicherheits- und Verteidigungskapazitäten zu stärken und seine Streitkräfte zu modernisieren.
Die Annäherung an die NATO und erst recht ein Beitritt sind in Moldawien höchst umstritten. Präsidentin Sandu sagte in einem Interview dem Magazin „Politico“, „wenn wir als Nation irgendwann zu dem Schluß kommen, daß wir unsere Neutralität ändern müssen, sollte dies durch ein demokratisches Verfahren geschehen“. Mit „demokratisches Verfahren“ dürfte sie eine Verfassungsänderung durch das Parlament – sofern es eine entsprechende Mehrheit gibt – ins Auge fassen. Denn bei der anderen Möglichkeit eines „demokratischen Verfahrens“, einer Volksabstimmung, dürfte es für die Parteigänger Washingtons schwierig werden. Umfragen zufolge befürworten rund 60 Prozent der Moldawier die Neutralität ihres Lands, und wenig überraschend gibt es in keiner Umfrage eine Mehrheit für einen NATO-Beitritt. Die Moldawier sehen also in der Neutralität einen Sicherheitsgaranten und nicht im Kriegsbündnis NATO, wobei die benachbarte Ukraine, die sich von den USA als Werkzeug zur Schwächung Rußlands mißbrauchen läßt, als warnendes Beispiel dienen mag.
Seit seiner Unabhängigkeit 1991 im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion ist Moldawien ein Land, das zwischen dem Westen und Rußland hin- und hergerissen ist. Zwar sind rund drei Viertel der Einwohner ethnische Rumänen, aber es gibt auch starke historische Verbindungen zu Rußland. Die heutige Republik Moldau war einst Teil des im 15. Jahrhunderts gegründeten Fürstentums Moldau, das zuerst ein Vasallenstaat Ungarns und dann des Osmanischen Reichs war. Mit dem Frieden von Bukarest 1812 kam das Gebiet zwischen Pruth, Dnjestr und Schwarzem Meer, das großteils dem heutigen Moldawien entspricht, zum Russischen Reich und wurde als Gouvernement Bessarabien organisiert. Kurz nach der Oktoberrevolution, im Jänner 1918, eroberte das zur Entente gehörende Rumänien Bessarabien und gliederte es seinem Staatsgebiet ein, das nun zu Großrumänien wurde. Sowjetrußland bzw. die 1922 gegründete Sowjetunion betrachteten Bessarabien hingegen weiterhin als Teil ihres Staatsgebiets und forderten von Rumänien die Rückgabe.
Aufgrund eines geheimen Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin-Pakts wurden Bessarabien sowie die nördlich davon gelegene Bukowina im Juni 1940 von sowjetischen Truppen besetzt, am 2. August 1940 die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik mit Chi?in?u als Hauptstadt gegründet und die südlichen Gebiete der Ukraine angegliedert. Im Rahmen des deutschen Unternehmens „Barbarossa“ konnte Rumänien im Sommer 1941 Bessarabien erobern, verlor es aber drei Jahre später wieder an die Sowjetunion. Diese Zeit war grausam und hinterließ bis heute ihre Spuren in der moldawischen Gesellschaft, wie die US-Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace 2021 in einem Hintergrundbericht schrieb: „Jeder neue Invasor verfolgte, deportierte und richtete unzählige Tausende hin, die der Zusammenarbeit mit dem Vorhänger verdächtigt wurden. Das Ergebnis ist eine gespaltene Bevölkerung: Seit der Unabhängigkeit identifiziert sich eine Mehrheit – unabhängig von der Ethnie – mit ihrem sowjetischen Erbe, fürchtet Rumänien und wählt kommunistische oder sozialistische Parteien. Eine etwas kleinere Gruppe identifiziert sich mit ihrem rumänischen Erbe, fürchtet Rußland und wählt die rechten oder Mitte-rechts-Parteien. Eine Gruppe in der Mitte hält das Gleichgewicht.“
Vor allem aber ist die Gruppe in der Mitte das Zünglein an der Waage, das – je nach politischer Großwetterlage oder bekanntgewordenen Korruptionsskandalen – darüber bestimmt, ob sich Moldawien etwas mehr dem Westen oder doch lieber Rußland annähert. Auch die Günstlinge des Westens sind für Korruption anfällig, aber darüber sehen EU und USA gern hinweg, was wiederum für viele Moldawier prowestliche Parteien diskreditiert. Das Carnegie Endowment for International Peace weist darauf hin, daß 2009 eine proeuropäische Koalition aus rechten, Mitte-rechts- und Mitte-links-Parteien von den Kommunisten Vladimir Voronins, der von 2001 bis 2009 Staatspräsident gewesen war, die Macht übernahm. Allerdings wurde das proeuropäische Bündnis von Korruption und Machtkämpfen heimgesucht, und die Demokratische Partei, eine Mitte-links-Partei, geriet unter den Einfluß des Oligarchen Vlad Plahotniuc. Das Bekanntwerden eines gewaltigen Korruptionsskandals – eine Milliarde Dollar an Regierungsgeldern waren verschwunden, was den gesamten Staat in finanzielle Schieflage brachte – diskreditierte die „Proeuropäer“ endgültig und trieb zahlreiche Wähler zum ehemaligen Voronin-Verbündeten Igor Dodon, der mit seiner Sozialistischen Partei die linken Stimmen einsammeln konnte und bei der Präsidentschaftswahl 2016 siegreich war.
Zudem beflügelt die seit Beginn des Ukrainekriegs noch großzügiger fließende westliche Unterstützung die Korruption in diesem osteuropäischen Staat, wie im Mai 2023 die Nachrichtenseite „The Grayzone“ ausführlich berichtete. Dabei werde die Korruption in Moldawien mit Unterstützung Brüssels und Washingtons aktiv erleichtert und aufrechterhalten und gehe mit deren vollem Wissen, ihrer Zustimmung und sogar ihrer Unterstützung weiter. Kit Klarenberg, der Autor des Berichts, kommt deshalb zu folgendem Schluß: „Offensichtlich hat Washington eine entspannte Haltung gegenüber Bestechung auf hoher Ebene in Moldawien eingenommen. Solange westliche Oligarchen und Unternehmen profitieren und die Regierung in allen innen- und außenpolitischen Linien eine antirussische Linie vertritt, scheint sich Washington damit zufriedenzugeben, wegzuschauen.“
Ein weiteres innermoldawisches Problem ist der Transnistrienkonflikt. Transnistrien ist ein schmaler, etwas mehr als 3500 Quadratkilometer großer, östlich des Flusses Dnjestr gelegener Landstreifen mit einer durchaus wechselvollen Geschichte. Dieses Gebiet, das etwa kleiner ist als das Burgenland, kam 1792/93 nach dem Österreich-Russischen Türkenkrieg zum Russischen Reich und wurde 1924 Teil der von der Sowjetunion in der Ukraine gegründeten Moldauischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (MASSR). 1941 wurde Transnistrien von rumänischen Truppen erobert und nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Moldauischen Sowjetrepublik. Nach dem Zerfall der UdSSR 1991 sagte sich der je zu rund 30 Prozent von Rumänen, Russen und Ukrainern bewohnte Landstreifen von Moldawien los. Grund dafür waren Befürchtungen der nichtrumänischen Bevölkerung, das unabhängig gewordene Moldawien könnte sich Rumänien anschließen. Nachdem es Anfang 1992 zu Kämpfen gekommen war, stationierte Rußland gemäß dem am 22. Juli 1992 auch von Chi?in?u unterzeichneten „Übereinkommen über die Grundsätze für eine friedliche Lösung des bewaffneten Konflikts in der transnistrischen Region der Republik Moldawien“ 1200 Soldaten. Seitdem gilt Transnistrien als „eingefrorener Konflikt“, den „proeuropäische“ Kräfte gern in einen „heißen Konflikt“ verwandeln wollen – und so den Vorgaben der NATO und damit der USA folgen.
Im Jahr 1999 unterzeichnete Rußlands Präsident Boris Jelzin auf dem OSZE-Gipfel in Istanbul Protokolle, die den Abzug der russischen Arsenale und Wachposten vorschrieben. Während die Vereinigten Staaten behaupteten, daß die Istanbul-Protokolle für die ehemalige sowjetische 14. Armee und die russischen Friedenstruppen gälten, waren die meisten NATO-Verbündeten der Auffassung, daß das Abkommen nur für die ehemalige sowjetische 14. Armee gelte. Unter Jelzins Nachfolger Putin, der die Osteuropapolitik der USA mit großem Mißtrauen beobachtete, änderten sich die Verhältnisse. Dazu die Carnegie-Stiftung: „Rußland beteiligte sich bis 2003 an dem von den Istanbul-Protokollen angeordneten Rückzug, als Präsident Wladimir Putin ein geheimes Abkommen über Transnistrien mit dem damaligen moldawischen Präsidenten Voronin aushandelte. Bekannt als das ‚Kozak-Memorandum‘, hätte dies Rußland militärische Grundrechte in Moldawien und eine prorussische geopolitische Ausrichtung verschafft. Als Voronin sich unter westlichem Druck aus dem Deal zurückzog, stoppte Rußland den Rückzug.“
Mit Beginn des Ukrainekriegs im Februar 2022 wurde von westlicher Seite wiederholt geäußert, Rußland wolle die gesamte Südukraine bis zur moldawischen Grenze unter seine Kontrolle bringen, um eine Landbrücke nach Transnistrien zu schaffen und in weiterer Folge die Südukraine und Transnistrien seinem Staatsgebiet anzugliedern. Der bisherige Kriegsverlauf zeigt aber, daß der Kreml dieses Ziel, sofern er es jemals verfolgt hat, nicht erreichen wird. Der Transnistrienkonflikt ist ein großes Hindernis für die von den USA forcierte „euroatlantische Integration“ Moldawiens, also die Eingliederung dieses kleinen Lands in westliche Institutionen. Umgekehrt muß sich das prowestliche Lager in Moldawien die Frage stellen, ob die Aufgabe der Neutralität und ein möglicher Beitritt zur NATO im Interesse des Lands sind. Denn der Konfliktexperte Peter Korzun warnte vor ein paar Jahren, daß, wenn die russischen Friedenstruppen weg wären, „sich die Situation verschlimmern und ein Funke ausreichen würde, um die Feindseligkeiten wieder in Gang zu setzen – etwas, das seit 1992 verhindert worden ist“. Und durch die Beherbergung von Militäreinrichtungen, die von den USA betrieben werden, werde Moldawien zur Zielscheibe russischer Gegenmaßnahmen.
Derlei Bedenken spielen für die USA keine Rolle; für sie steht fest, daß Moldawien ihrer Hegemonialsphäre in Osteuropa angegliedert werden soll. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Entwicklungshilfebehörde USAID, die dazu festhält: „USAIDs Ziel ist es, ein wettbewerbsfähiges und demokratisches europäisches Land aufzubauen, das sich gegen böswillige Einflüsse wehrt.“ Mit „böswillige Einflüsse“ ist, ohne es beim Namen zu nennen, Rußland gemeint. Moldawien hat nach den Plänen Washingtons seine Funktion bei der Einkreisung Rußlands zu erfüllen, weshalb die USA auch sehr viel Steuergeld in die Hand nehmen. Seit 1992 investierten die USA 640 Millionen Dollar in USAID-Programme in Moldawien, wobei die sogenannte Zivilgesellschaft eine besonders wichtige Zielgruppe darstellt. Wie einem dem Kongreß übermittelten Bericht zu entnehmen ist, gab USAID im Haushaltsjahr 2024 55 Millionen Dollar für Moldawien aus, wobei eindeutig politische Ziele im Vordergrund stehen: „Die US-Hilfe wird Reformen unterstützen, die zur Festigung der hart erkämpften demokratischen Errungenschaften beitragen, die europäische Integration Moldawiens stärken und die Anfälligkeit für den böswilligen Einfluß des Kreml als Folge des russischen Kriegs in der Ukraine abschwächen.“ Außerdem verfolgen die USA auch wirtschaftliche Ziele. So werden auch die „Wettbewerbsfähigkeit des Privatsektors und die Verbesserung der Reform des Regulierungssystems“ genannt, da es auch um die „Steigerung transparenter und qualitativ hochwertiger ausländischer Investitionen“ gehe.
Für das Finanzjahr 2025 sieht USAID für Moldawien ebenfalls 55 Millionen Dollar vor, wobei bei der Verwendung der Mittel auch die Stärkung der Zivilgesellschaft genannt wird. Bezüglich der Steuerung der Zivilgesellschaft mit Geldern aus dem US-Haushalt sind auch die staatliche Stiftung National Endowment for Democracy sowie die Parteistiftungen von Republikanern und Demokraten, das International Republican Institute (IRI) und das National Democratic Institute (NDI) zu nennen. Das NDI gibt freimütig unter anderem die Unterstützung auch parteiübergreifender Netzwerke gewählter lokaler Beamter bei Initiativen zur Interessenvertretung gegenüber der nationalen Führung zu. Man kann genausogut von Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staats sprechen.
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Der bei der Präsidentschaftswahl unterlegene Kandidat der Opposition war Alexandr Stoianoglo. Sein Familienname klingt türkisch, was nicht überrascht, weil Stoianoglo, ein ehemaliger Generalstaatsanwalt, gagausischer Herkunft ist. Die Gagausen sind ein Turkvolk, das aber nicht der Religion des Propheten Mohammed anhängt, sondern christlich-orthodox ist. In Moldawien lebt der überwiegende Teil der insgesamt rund 150.000 Gagausen in der im Süden des Lands gelegenen autonomen Region Gagausien, rund 32.000 Gagausen leben in der Ukraine und weitere 14.000 in Rußland.
Die Herkunft der Gagausen ist bis heute umstritten, insgesamt werden dazu vier verschiedene Hypothesen vertreten. Der ersten Hypothese zufolge siedelte im Jahr 1261 der byzantinische Kaiser Michael VIII. Palaiologos eine Gruppe von Turkmenen aus Anatolien zur Sicherung der Nordgrenze des Reichs in der Dobrudscha an. Andere wiederum meinen, bei den Gagausen handele es sich um Nachkommen von Turkstämmen aus der eurasischen Steppe, und der griechischen und der bulgarischen Hypothese zufolge handelt es sich bei den Gagausen um Griechen bzw. Bulgaren, die im Zuge der osmanischen Eroberung turkisiert worden seien. Die gagausische Sprache weicht nur minimal vom Türkischen ab, weshalb sich Gagausen und Türken problemlos miteinander verständigen können.
Neuere genetische Studien sprechen jedoch für die griechische bzw. bulgarische Hypothese. So heißt es in einem 2009 im „American Journal of Human Biology“ veröffentlichen Artikel: „Die Analysen haben gezeigt, daß die Gagausen zu den Balkanpopulationen gehören, was darauf hindeutet, daß die gagausische Sprache einen Fall des Sprachenaustauschs in Südosteuropa darstellt.“ Allerdings konnten genetische Analysen nicht klären, aus welcher Balkanregion genau die Gagausen stammen, weil innerhalb dieses Volks eine genetische Heterogenität besteht.
Die Gagausen sind aber nicht nur für Genetiker und Volkskundler von Interesse, sondern auch für politische Beobachter. So stimmten in Gagausien im Oktober 95 Prozent gegen die EU-Annäherung, und bei der Stichwahl ums Präsidentenamt Anfang November erziele Stoianoglo ein ähnliches Ergebnis, was westliche Medien dazu veranlaßte, dieses autonome Gebiet als „prorussisch“ zu punzieren. Dabei wird außer acht gelassen, daß die Gagausen Rußland als Schutzmacht gegen moldauischen Nationalismus und Zentralisierungsbestrebungen Chi?in?us betrachten. Der türkische Journalist Erkin Oncan wies darauf hin, daß sich die Gagausen in der Auflösungsphase der Sowjetunion mit einer Welle des prowestlichen Nationalismus konfrontiert sahen. Dabei hätten antigagausische Parolen der moldawischen Nationalisten wie „Koffer – Bahnhof – Rußland“ die Spannungen verschärft.
Daß sich im Oktober 2024 die Gagausen mit überwältigender Mehrheit gegen einen EU-Kurs Moldawiens aussprachen, ist keine Überraschung, weil in der autonomen Region die Europäische Union als feindliches, antirussisches Gebilde wahrgenommen wird. So sprachen sich am 2. Februar 2014 bei einer von der moldawischen Regierung für illegal erklärten Volksabstimmung bei einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent rund 98 Prozent dafür aus, daß für den Fall, daß Moldawien seine Souveränität verliere, sich Gagausien für unabhängig erklären und sich der von Rußland geführten Eurasischen Wirtschaftsunion anschließen solle. Aufschlußreich ist die Reaktion der EU auf dieses für sie wenig schmeichelhafte Ergebnis. In einem Bericht des Europaparlaments wird das Referendum als „Waffe Rußlands“ bezeichnet, auch ist von der „Ausnutzung des ‚Volkswillens‘“ die Rede.
Die EU-Ambitionen der prowestlichen Führungen bergen somit für diesen osteuropäischen Staat gefährliches Konfliktpotential, was der türkische Journalist Oncan so zusammenfaßt: „Das Streben der moldawischen Zentralregierung nach europäischer Integration, gepaart mit ihren Anti-Autonomie-Maßnahmen gegen Gagausien und Transnistrien, sowie der politische Druck auf Einzelpersonen und Institutionen, die als prorussisch wahrgenommen werden, haben die Spannungen in der Region verschärft. Dies hat dazu geführt, da sich Moldawien zu einem neuen Brennpunkt ähnlich der Ukraine entwickelt hat, wobei die Anzeichen auf eine Eskalation der Spannungen hindeuten.“ Es bleibt nur zu hoffen, daß es dazu nicht kommt. Diesbezüglich entscheidend wird die Parlamentswahl im Juli 2025 sein, bei welcher die prowestliche Regierung voraussichtlich eine Niederlage einstecken müssen wird. Eine neue Regierung, die nicht die Interessen des Westens, sondern jene Moldawiens vertritt, könnte dann das notwendige Gegengewicht zu Präsidentin Sandu bilden und politischem Abenteurertum entgegenwirken.