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Vladimir Volkoff

Vladimir Volkoff (1932–2005) wurde als Sohn russischer Emigranten in Paris geboren. Der überaus produktive Publizist wurde bei uns vor allem als Verfasser der Jugendbuchreihe „Geheimagent Lennet“ bekannt. Der promovierte Philosoph war Zeit seines Lebens überzeugter Aristokrat, kämpferischer Antikommunist und tiefgläubiger orthodoxer Christ.

Und der Algerienkrieg

„Vermutlich gibt es Künstler, die ein für allemal die Form gefunden haben, die ihnen am besten konveniert, und sie haben recht, sich daran zu halten. Aber mein Temperament ist von anderer Art“, schrieb Vladimir Volkoff in „Nouvelles américaines“ (1986). Mehr als 70 Publikationen hinterließ der Romancier, Dramatiker, Dichter, Essayist, Biograph, Autor von Kurzgeschichten und Sachbüchern. Dieses vielfältige Werk speiste sich aus den vielfältigen Quellen, die den Schriftsteller ausmachten, der tiefgläubiger orthodoxer Christ, kämpferischer Antikommunist, überzeugter Aristokrat, studierter Altsprachler, promovierter Philosoph, Geheimdienstmann und Offizier im Guerillakrieg war.

Von Konrad Markward Weiß

Volkoff wird 1932 in Paris als Sohn russischer Emigranten geboren; der Vater, dessen Familie seit dem 16. Jahrhundert den Zaren gedient hatte, muß sich als Autowäscher verdingen und stößt 1939 als einfacher Soldat zur Fremdenlegion. Die Mutter, eine Verwandte Tschaikowskis, hält die Familie mit Stickarbeiten über Wasser und die Treue zur fernen Heimat hoch: Sie ist eine ebenso liebevolle wie fordernde Erzieherin Vladimirs, der bald für die französische Literatur entbrennt und sein gesamtes Werk in dieser Sprache verfassen wird. Nach dem Studium an der Sorbonne unterrichtet er an einem Jesuitenkollegium, bis er zum Wehrdienst einberufen wird und zunächst, trotz seines Wunschs, sich freiwillig zum Kampfeinsatz in Algerien zu melden, zögert – aus Rücksicht auf seine inzwischen alleinstehende Mutter –; doch diese: „Es ist Krieg. Du bist ein Volkoff. Selbstverständlich bist du ein Freiwilliger.“ 1958, inzwischen Offizier, beschließt Volkoff, sich nun „vollständig als Franzose anzunehmen, da mir französische Leben anvertraut sein würden“ – im Algerienkrieg, der ihn zutiefst prägen sollte.

Schon Kaiser Karl V. führte 1535 einen Kriegszug gegen die muslimischen Piraten Nordafrikas und eroberte Tunis. Der Anführer der Korsaren, Khair ad-Din Barbarossa, konnte jedoch nach Algier fliehen und sich mit seinen Männern dort festsetzen. 1574 eroberten die Osmanen auch Tunis zurück. – Die kaiserliche Flotte greift Tunis an.
Die von der nordafrikanischen Küste ausgehende Piraterie war auch der wichtigste Grund für die französische Invasion in Algerien, die 1830 begann. Die vollständige Kontrolle hatten die Franzosen aber erst 1881 erlangt. Mitte des 20. Jahrhunderts lebten bereits eine Million Europäer – vor allem Franzosen – in Algerien, die 40 Prozent des fruchtbaren Lands besaßen. Die Zahl der muslimischen Algerier hingegen war nach der französischen Eroberung von zwei auf neun Millionen angestiegen.
Vladimir Volkoff
Die Handgranate
128 Seiten, geb.
Karolinger Verlag, 2021
Der Algerienkrieg dauerte von 1954 bis 1962 und wurde von beiden Seiten mit großer Härte geführt. Die muslimischen Algerier verübten Terroranschläge gegen französische Soldaten und Zivilisten, ermordeten aber auch einheimische Araber, die gegenüber den Franzosen positiv gesinnt waren, und schnitten deren Kindern (nach einem Bericht des „Spiegel“) Nasen und Ohren ab. Dieser Krieg und die den meisten Europäern unverständliche Denkweise der Algerier sind auch Inhalt des Buchs von Vladimir Volkoff. Als Algerien die Unabhängigkeit erlangte, mußten fast 1,4 Millionen Menschen Algerien verlassen, neben französischen Siedlern vor allem die schon lange in Algerien ansässigen Juden. – Platz in Algier.
„Algerien […] hat keinerlei nationale Überlieferungen. Ehe die Franzosen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts damit begannen, das Land zu erobern, zu besiedeln und zu zivilisieren, hockten in den Felsennestern an der Küste einige Seeräuber-Häuptlinge […]. Im algerischen Hinterland zogen Hirtenstämme durch die Berge, ständig in Kämpfe um Weideland und Hammelherden verstrickt. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg gestand einer der namhaftesten algerischen Nationalisten […]: ,Ich habe die Geschichte des Landes studiert, die Schriften der Koran-Gelehrten gelesen, ich bin in die Moscheen und auf die Friedhöfe gegangen. Nirgends fand ich eine Spur der algerischen Nation.‘ Man kann noch weiter gehen: Daß es überhaupt heute eine algerisch-arabische Menschenmasse – also die rein quantitative Voraussetzung der Bildung einer Nation – gibt, ist allein den Franzosen zu verdanken. Noch 1880 wurde die eingeborene Bevölkerung des heutigen Algeriens auf etwa drei Millionen geschätzt. Heute leben rund neun Millionen Araber in Algerien. Das ist eindeutig ein Ergebnis der französischen Zivilisationsarbeit […].“ („Der Spiegel“ 21/1956).
Zwischen dem Dezember 1991 und dem Februar 2002 tobte ein überaus blutiger Bürgerkrieg zwischen islamistischen Kräften und der sozialistischen Regierung Algeriens, der bis zu 200.000 Tote forderte und mit einem Sieg der Machthaber endete. Auslöser waren die ersten freien Wahlen im Jahre 1990, die der islamistischen FIS eine Zustimmung von 54 Prozent brachten, während die Staatspartei FLN nur 17,5 Prozent erhielt. Schon bald annullierte die Armee die Wahl und löste die FIS auf. Die Islamisten sahen sich in den Untergrund gedrängt und begannen, zahlreiche Terrorakte zu verüben, denen nicht nur Repräsentanten des Regimes zum Opfer fielen, sondern auch viele Frauen, die sich „unislamisch“ verhalten haben sollten.
Die Oasenstadt Ghardaia in Zentralalgerien ist der Hauptort der strenggläubigen muslimischen Sekte der Mozabiten.

Algerien wird französisch

Wie die übrigen Barbareskenstaaten hatte auch Algier – formal Teil des Osmanischen Reichs, de facto seit langem unabhängig – über Jahrhunderte vom Menschenhandel gelebt, christliche Bewohner von Küstengebieten verschleppt und in die Sklaverei verkauft. 1830 auch aus innenpolitischen Gründen von Frankreich erobert, fehlte diesem insbesondere hinsichtlich des riesigen Hinterlands praktisch während seiner gesamten Präsenz im heutigen Algerien ein konsistenter Plan für den Status und die Zukunft des Lands. Erst nach Jahrzehnten voller Aufstände und deren Niederschlagungen konnte Algerien als dauerhaft befriedet gelten, gegen Ende der Epoche von Napoleon III. Schon diesem war allerdings die aussichtslose demographische Situation der dortigen Franzosen bewußt, die sich gerade durch die unbestreitbaren zivilisatorischen Leistungen Frankreichs, besonders im Bereich des Gesundheitswesens, noch verschärften: Eine Million algerienfranzösischer Siedler, die Pieds-noirs („Schwarzfüße“), steht beim Ausbruch des Algerienkriegs 1954 neun Millionen Moslems gegenüber.

Die marxistisch-nationalistisch-islamistische Front de libération nationale (FLN) setzt von Beginn an auf massive Terrorakte gegen die französische Zivilbevölkerung, die rasch auch die Hauptstadt erreichen, mit hunderten Toten und Schwerverletzten. Die französischen Repressalien, der Sieg in der folgenden „Schlacht von Algier“ durch die Fallschirmjäger von General Massu, zementieren wegen der Rohheit der eingesetzten Methoden endgültig die Antikriegsstimmung in Festlandfrankreich. Im algerischen Hinterland hält sich der militärische Arm der Rebellen, die Armée de libération nationale (ALN); bald aber werden dieser durch tausende Kilometer lange moderne Sperreinrichtungen an den Grenzen Algeriens sukzessive Rückzugsgebiete und Nachschub abgeschnitten, ohne die ALN aber vollständig unschädlich zu machen. Eine resultierende Kundgebung von Pieds-noirs in Algier 1958 entwickelt sich mit Unterstützung des Militärs zum Aufstand, der letztlich Charles de Gaulle, ausgestattet mit außerordentlichen Machtbefugnissen, zur Rückkehr an die Spitze des Staats verhilft. Seinen früheren Aussagen, wonach Algerien integraler Bestandteil Frankreichs sei, hatte dieser davor nicht widersprochen und entsprechende Erwartungen danach eher noch befeuert. 1959 bringt die massive Offensive von General Challe die Rebellen an den Rand des Zusammenbruchs: Die ALN verliert innerhalb weniger Monate die Hälfte ihrer Kämpfer, die aufgrund der Grenzbefestigungen auch nicht mehr ersetzt werden können, die FLN zunehmend ihre parallelstaatlichen Strukturen und deren Finanzierung durch eine den eigenen Landsleuten abgepreßte „Revolutionssteuer“. Auch verbreitete Sanktionen gegen diese, wie das Abschneiden von Lippen und Nase wegen „unislamischen“ Rauchens von Zigaretten, werden seltener. De Gaulle aber bietet den Algeriern 1960 dennoch überraschend die Selbstbestimmung an und läßt sich diesen Weg trotz des Aufstands während der „Woche der Barrikaden“ durch ein Referendum bestätigen. Die Terrororganisation OAS und der „Putsch der Generäle“ im April 1961 stellen letzte verzweifelte und erfolglose Versuche dar, das Ende der Algérie française abzuwenden.

99 % aller Franzosen haben mit Kriegsende 1961 Algerien verlassen; viele der wenigen Verbleibenden werden massakriert, vor allem aber bis zu 100.000 algerische Kämpfer für die französische Sache, die Harkis, ermordet, oft genug auf bestialische Weise. Eine Strafverfolgung der Täter in Algerien hat bis heute nicht stattgefunden, die französische Regierung unterließ schon damals praktisch jede Erwähnung dieser Verbrechen. Auch weil de Gaulle eine kulturelle und demographische Überfremdung durch Moslems befürchtet, lehnt er gegen alle Widerstände die Aufnahme der muslimischen Hilfstruppen Frankreichs ab. Tief beschämt, wird Volkoff diesen Verrat Zeit seines Lebens beklagen und anprangern.

Der Marineinfanterist befehligt in Algerien zunächst einen Außenposten, wird zum Nachrichtendienst versetzt und mit Spionage, Handstreichen und offensiver Spionageabwehr betraut. Später dient er in einer Einheit, die zivile Infrastruktur und Logistik schafft, mit dem Ziel, „die Bevölkerung dahin zu bringen, Frankreich vorzuziehen“. Sein künftiges Leben sieht er ganz in Algerien. Bald wird der junge Leutnant aber auch mit moralischen Fragen konfrontiert – insbesondere der Folter. Persönlich kann er sich jedoch heraushalten, da „ich es radikal ablehnte, irgend etwas zu tun, das meine Prinzipien mir verbaten“. Die quälenden Dilemmata dieses asymmetrischen Kriegs hat Volkoff in etlichen hochdramatischen Romanen immer wieder erörtert, unter anderem in „Le Tortionnaire“ (2006), dem Drama eines wie so oft stark an Volkoffs eigene Laufbahn und Persönlichkeit angelehnten blutjungen Offiziers; diesem allerdings gelingt es nicht, trotz ebenfalls hehrer Vorsätze und Ehrbegriffe, in einem zunehmend schmutzigen Krieg auf Dauer sauber zu bleiben. Romanfigur und Autor teilen hinsichtlich eines in sich zerrissenen Frankreich einen Traum: „Vielleicht könnte man mit Hilfe Algeriens die Teile wieder zusammenfügen. In Algerien wird es keine Rechte und keine Linke mehr geben, sondern ein gemeinsam zu verrichtendes Werk. ‚Wenn du die Menschen vereinen willst, gib ihnen einen Turm zu bauen‘, hat Saint-Exupéry gesagt.“

Erfolgreicher Romancier

Zurück in Frankreich gelingt ihm 1963 ein erster preisgekrönter Erfolg, der Science-fiction-Roman „Métro pour l’enfer“, wo Untote im Hamsterrad einer „gewaltigen, vollständig nutzlosen Maschinerie roboten“ – eine Metapher für seelenlose, durchtechnologisierte Riesenstädte. Eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit erlangt er anschließend durch seine langjährige Jugendbuchserie „Geheimagent Lennet“. Volkoff verlebt die folgenden Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten, wo er lehrt und im Old South dessen Abendrot erlebt. Sein literarischer Durchbruch erfolgt 1979 mit dem fesselnden Spionageroman „Die Umkehr“. Dessen Erzähler, der junge, russischstämmige Leutnant Volsky, hegt literarische Ambitionen und schiebt ansonsten eine ruhige Kugel in einem drittrangigen französischen Militärgeheimdienst. Volsky stampft eine Operation aus dem Boden, die seine Kragenweite deutlich übersteigt: das „Umdrehen“ des skrupellosen hochrangigen KGB-Offiziers Popov. Der Panzer des Tschekisten wird bei völlig unerwarteter Gelegenheit rissig: in einer russisch-orthodoxen Hinterhofkirche, wo alsbald ein metaphysisches Ringen beginnt. „Nach dem Tod von Bernanos und Mauriac […] gab es keine neue christliche Präsenz im französischen Roman, bis Volkoff 1979 auf die Bühne stürmte“, so ein Kritiker.

Bald darauf schlägt ihm der Chef des französischen Auslandsgeheimdiensts die Abfassung eines Romans über die bedrohliche sowjetische Spezialität „Desinformation“ vor; dieser Topos wird Volkoff zu einem Lebensthema. 1982 erscheint „Die Absprache“, in deren Mittelpunkt abermals ein Sohn weißrussischer Emigranten steht. Dieser wird vom KGB angeworben gegen das Versprechen, wohlbestallt nach Rußland „heimkehren“ zu dürfen – nach 30 Jahren treuer Dienste: der Manipulation der öffentlichen Meinung durch ein „Orchester“ französischer Intellektueller und Journalisten, das er meisterhaft dirigiert. Im Erscheinungsjahr, das sogar Le Monde „L’année Volkoff“ nennt, erhält das beklemmende Meisterwerk den Grand Prix du roman de l’Académie française; die darin bloßgestellte Presse und Intelligenzija aber sollten ihm nicht verzeihen.

Desinformation also: In etlichen Werken, wie der „Petite histoire de la désinformation“ (1999), analysiert Volkoff deren Akteure und ihr konkretes Handwerk wie die Unterwanderung westlicher Friedensbewegungen durch die UdSSR: „Wenn du den Krieg willst, bereite den Frieden vor – beim Gegner.“ 1991 „tritt ein nachgerade unglaubliches Ereignis ein: Der rote Riese bricht zusammen, ohne ein einziges Opfer zu fordern“. Das noch im selben Jahr erschienene „La trinité du mal“ ist, so auch der Untertitel, eine Anklageschrift zur Anwendung im postumen Prozeß gegen Lenin, Trotzki und Stalin. In Analogie zu den Nürnberger Prozessen fordert Volkoff die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofs, denn „der Welt war niemals etwas Entsetzlicheres zugestoßen als der Kommunismus“. 1995 markiert eine weitere Zäsur in der Laufbahn des bekenntnisstarken Schriftstellers: seine endgültige Kaltstellung durch die herrschenden Medien wegen seiner Parteinahme für Serbien während der Balkankriege, die sich auch in „La Crevasse“ (1996) und dem Politthriller „L’Enlèvement“ (2000) findet. Dort wird nebenbei auch der schwindende „Meinungskorridor“ selbst für demokratisch legitimierte Staatschefs behandelt – und der Vormarsch des Islam in Europa.

Volkoffs Werk insgesamt bleibt überaus vielfältig: In „Le Bouclage“ (1990) wird eine nicht näher bezeichnete europäische Mittelmeerstadt von so drastischer Kriminalität geplagt, daß ein neuer „Administrator“ ebenfalls zu drastischen Maßnahmen greift. Alles andere als harmlose Erbauungsliteratur, aber ungleich liebevoller in der Anlage sind die wundersamen „Chroniques angéliques“ (1997), deren Autor sich eingangs an seinen Schutzengel wendet: „Meine Hypothese in diesen Chroniken ist, daß Eure Engelsheere den Geheimdienst des lieben Gottes bilden. […] Sie erlauben es dem König der Könige, den stets ein wenig routinemäßigen gewöhnlichen Gang der Schöpfungsverwaltung zu überbrücken.“ Alle Episoden fußen auf der Bibel, manche außerdem auf Inspirationen von Tolstoi bis Bulgakow; „Le Professeur d’histoire“ (1985) schildert die späten Jahre eines hochkultivierten katholischen Reaktionärs und Gymnasiallehrers, der in seiner Epoche zunehmend verloren ist, denn „die Welt […] der Vergangenheit beruhte auf einem schlichten Grundprinzip: der Nachahmung der Besten durch die Übrigen. […] Heute bemüht sich der Generaldirektor zu reden wie der Hilfsarbeiter, paßt sich der Vater dem Söhnchen an. Auf den Kopf gestellte Nachahmung, gekonnt von unseren Regierungen befördert, die sich große Mühe geben, die Bollwerke des Unterschieds stückchenweise zu schleifen“.

Der Unterschied und die Besten – zwei für Volkoff so zentrale Elemente, daß er ihnen jeweils ein eigenes Werk widmet: 2004 erscheint „Pourquoi je serais plutôt aristocrate“, in dem er zunächst festhält, was Aristokratie bedeute – die Herrschaft der Besten – und was nicht: ein Synonym für den Adelsstand. Während die Demokratie auf dem Prinzip der Quantität beruhe, sei dieses der Aristokratie, die zumindest theoretisch nur das Kriterium der Qualität kenne, völlig fremd: „Ich weiß nicht, ob die ‚Herrschaft der Besten‘ jemals existiert hat, aber ich bin von diesem Ideal deutlich mehr angetan als von der Verwirklichung der Gelüste der größeren Zahl“, bekennt Volkoff.

Und dann der Unterschied: „In der westlichen, demokratischen, intellektuellen, pazifistischen, agnostischen Zivilisation, in der ich lebte, oblag es mir, den Gral einer anderen Zivilisation intakt zu halten: östlich, autokratisch, theokratisch, kriegerisch, orthodox. […] Ich war für den Kult des Unterschieds vorausbestimmt“. Diesem huldigt er in „Le complexe de Procuste“ (1981): Entscheidend ist für Volkoff, „sich als das wiederzuerkennen, was man ist – und wiedererkennen kann man sich nur, wenn man sich unterscheidet. […] Wie soll ich etwas lieben, das keine Identität hat? Wie soll ich eine Identität an etwas erkennen, das keine Unterschiede hat?“. Der natürliche Lauf der Dinge im Universum aber kenne nur eine Richtung – mit dem Endzustand vollständiger Undifferenziertheit –, so Volkoff, der ausgiebig den russischen Philosophen Konstantin Leontjew zitiert, der Weltrevolution, Weltkrieg und eine europäische Föderation voraussah. Wie jeder Organismus beginnt nach Leontjew auch jedes Staatswesen in ursprünglicher Einfachheit (und mit geringen Unterschieden), erlebt seine Hochblüte in der Ausdifferenzierung und schließlich die Simplifizierung des Niedergangs in Richtung Ununterscheidbarkeit – endgültig im Tod.

Der Tod

Dieser ereilt Vladimir Volkoff am 14. September 2005. Die Liste dessen, was er am Leben geliebt hat, ist lang; wirklich verabscheut habe er nur Flegelhaftigkeit, Pädophilie und Demokratie. Der streitbare „Dumas der Steppen“ – wie „Le Figaro“ ihn wegen seiner in Rußland angesiedelten historischen Romane bezeichnete – bereute nur, sich nie duelliert zu haben. Der Wahlspruch der Volkoffs lautete „Der Turm stürzt ein, aber ergibt sich nicht“, und seinem Freund Vladimir rief Jean Raspail nach: „Unermeßlich ist die Front, und wir sind so wenige; nun läßt Ihr Tod ganze Abschnitte der Mauer, wo Sie unermüdlich patrouillierten, fast ungeschützt zurück. […] Dieser Brief ist der letzte. Sie werden ihn dort oben lesen, im Frieden der Ewigkeit. Auf eine gewisse Weise beneide ich Sie: Sie wissen jetzt, warum Sie recht hatten“.

Der Wüstenstaat Algerien hat heute mehr als 45 Millionen Einwohner, die zu 96 %, allerdings im bergigen Norden, auf nur 20 % der Landesfläche leben.

 
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