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Weißrußland

Alexander Lukaschenko (geb. 1954) unterstützte als sowjetischer Politiker 1991 den Augustputsch gegen Gorbatschow und stimmte als einziger Abgeordneter des weißrussischen obersten Sowjet gegen die Loslösung Weißrußlands von der Sowjetunion. Seit 1994 ist er – mittlerweile in der sechsten Amtszeit – Präsident von Weißrußland.
Bildnachweis: WikiMedia Commons / tatarstan.ru (CC BY 4.0)

Auf schmalem Grat zwischen West und Ost

Im Zuge des Ukrainekriegs wird immer wieder über einen möglichen Kriegseintritt Weißrußlands spekuliert. Denn Rußland ist mit dem westlichen Nachbarn so eng wie mit keinem anderen seiner Nachbarstaaten verbunden. So ist Weißrußland nicht nur Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion und der Organisation des Vertrags über Kollektive Sicherheit (OVKS), eines von Moskau kontrollierten Militärbündnisses, vielmehr sind die beiden Staaten seit 1999 durch einen internationalen Vertrag miteinander verbunden, der auf die Schaffung einer Konföderation abzielte. Doch wirklich mit Leben erfüllt wurde dieser „Unionsstaat“ nie, weil vor allem Minsk bzw. der seit 1994 regierende weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko stets darauf bedacht war, nicht allzusehr in den Orbit des großen Nachbarn im Osten zu geraten und so viel Eigenständigkeit wie möglich zu bewahren.

Von Dr. Bernhard Tomaschitz

Lange Zeit versuchte Lukaschenko, das weißrussische Schiff zwischen Rußland auf der einen und dem aus EU und USA bestehenden westlichen Block zu navigieren – und war sogar bereit, Verschlechterungen der Beziehungen zu Moskau in Kauf zu nehmen, wie es gegen Ende der 2010er Jahre der Fall war. So erklärte Ende Jänner 2019 der weißrussische Vizeaußenminister Oleg Krawtschenko bei einer Veranstaltung der US-Denkfabrik Atlantic Council, sein Land wünsche trotz des neuen Kalten Kriegs zwischen dem Westen und Rußland gute Beziehungen zu beiden Seiten. Gleichzeitig warnte Krawtschenko den Westen aber davor, sein Land und andere ehemalige Sowjetrepubliken vor die Wahl zwischen Rußland und USA/EU zu stellen. „Diese Wahl, dieses Dilemma zwischen Ost und West, welches durch die gegenwärtige Lage aufgezwungen wurde, ist extrem kontraproduktiv und gefährlich.“ Dabei spielte Krawtschenko offenkundig auf die Ukraine an, deren Präsident Viktor Janukowitsch die Balance zwischen Rußland und dem Westen suchte, bis er Anfang 2014 durch den maßgeblich von den USA unterstützen Maidan-Putsch gestürzt wurde. Janukowitsch hatte den „Fehler“ begangen, nicht mit Rußland zu brechen und sich bedingungslos dem Westen, also USA, EU und NATO zuzuwenden.

Aufschlußreich ist auch, daß Krawtschenko sagte, die NATO-Aufrüstung in Osteuropa werde nicht „als eine unmittelbare Bedrohung für die Sicherheit Weißrußlands“ angesehen. Und Präsident Lukaschenko erklärte Anfang November 2018: „Die weißrussischen Streitkräfte können viel besser die Sicherheit gewährleisten und ihre Pflichten erfüllen als andere Länder, einschließlich der Russischen Föderation.“ Aus diesem Grund „sehe ich heute keine Notwendigkeit, bestimmte andere Länder, inklusive Rußland, einzuladen, um unsere Pflichten zu erfüllen. Deshalb sind wir absolut gegen fremde Militärstützpunkte, insbesondere Luftwaffenstützpunkte“.

Weißrussische Opposition

Doch heute, keine sechs Jahre später, ist die Lage völlig anders: Die russisch-weißrussischen Beziehungen sind so eng wie selten zuvor, und Weißrußland erlaubt Rußland die Stationierung von Atomwaffen auf seinem Boden, wofür es sogar seine Verfassung geändert hat. Grund für die Hinwendung Lukaschenkos nach Osten sind die Versuche der USA, dem Beispiel der Ukraine folgend in Minsk einen „Maidan“ zu inszenieren und ihn, der im Westen häufig als „letzter Diktator Europas“ bezeichnet wird, zu stürzen. So kam es nach der Präsidentenwahl am 9. August 2020 landesweit zu Protesten gegen Lukaschenko, der offiziellen Angaben zufolge mit 80 Prozent in seinem Amt bestätigt worden sein soll. Die Opposition sprach von massivem Wahlbetrug, und ihre Kandidatin Tichanowskaja reklamierte den Wahlsieg für sich.

Westliche Medien verschwiegen jedoch die wichtige Tatsache, daß die weißrussische Opposition auf vielfältige Weise durch subversiv tätige US-Stiftungen wie das National Endowment for Democracy (NED) unterstützt wird, dessen Mitbegründer Allen Weinstein 1991 gegenüber der „Washington Post“ sagte: „Vieles von dem, was wir heute tun, hat vor 25 Jahren die CIA im Geheimen gemacht.“ Für 2021 – neuere Zahlen wurden noch nicht veröffentlicht – listet das NED auf seiner Internetseite 32 Projekte auf, die finanziell unterstützt wurden. Dabei geht es vor allem um die Stärkung der Anti-Lukaschenko-Opposition. So schreibt das NED über den Verwendungszweck einer Förderung in Höhe von 51.000 Dollar: „Die Organisation wird zivilgesellschaftliche Initiativen unterstützen und koordinieren. Sie wird regionale zivilgesellschaftliche Initiativen unterstützen, Treffen einberufen, die Bürger mit führenden Vertretern der Zivilgesellschaft zusammenbringen, und Schulungen für neue zivilgesellschaftliche Aktivisten durchführen.“ Und über den Zweck einer Förderung in Höhe von 50.000 Dollar ist zu lesen: „Im Vorfeld künftiger Wahlen wird die überparteiliche Koalition eine umfassende Informationskampagne durchführen, um die Bürger über Wahlrechte und unabhängige Wahlbeobachtung aufzuklären. Während der Wahlkampagnen wird sie Aktivisten über Wahlrechte aufklären und Beobachter ausbilden und einsetzen, um Verstöße zu überwachen.“ Das halbstaatliche NED gibt hier ohne Umschweife eine beabsichtigte Einmischung in die Wahlen eines anderen Staats zu.

Was die Präsidentenwahl 2020 betrifft, reklamierten EU und USA den Wahlsieg für Tichanowskaja und verhängten Sanktionen gegen Weißrußland. Von westlichen Medien wurde Tichanowskaja sogar als die eigentliche Gewinnerin der Präsidentenwahl dargestellt, ein Narrativ, welches der Realität nicht entsprechen dürfte. Denn eine 2021 von Chatham House, einer unter anderem vom britischen Außenministerium finanzierten Denkfabrik, veröffentlichte Umfrage kam zu dem Ergebnis, daß nur zehn Prozent der Weißrussen glaubten, Tichanowskaja sei eine gute Präsidentin. Von Lukaschenko glaubten das hingegen 25 Prozent, und von dem unter fragwürdigen Umständen wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilen Oppositionspolitiker Viktor Babariko sogar 34 Prozent.
Die Massenproteste in Weißrußland 2020 zeigten, daß in diesem Fall die USA gescheitert sind, eine sogenannte Farbrevolution zum Zwecke eines Regimewechsels herbeizuführen. Daran konnte auch der Umstand nichts ändern, daß die weißrussische Protestbewegung mit Tichanwoskaja ein junges, weibliches Gesicht hatte – das es ohne das NED wahrscheinlich gar nicht gegeben hätte. Denn die für Osteuropa zuständige NED-Mitarbeiterin Nina Ognianova sagte im Mai 2021: „Wir glauben nicht, daß diese Bewegung, die so beeindruckend und inspirierend ist, aus dem Nichts kam – daß sie einfach über Nacht entstanden ist.“ Vielmehr habe das NED einen „bescheidenen, aber bedeutenden Beitrag“ zu den Protesten in Weißrußland geleistet. Und NED-Präsident Carl Gershman gab zu, daß seine Organisation „sehr, sehr eng“ mit Tichanowskaja zusammenarbeite.

 

Karte von Weißrußland. Bildnachweis: WikiMedia Commons / Arz, Sertmann (CC BY-SA 3.0)
Weißrußland innerhalb von Europa. Bildnachweis: WikiMedia Commons / Rei-artur (CC BY-SA 3.0)

Regimewechsel?

Der Grund, warum Washington den seit 1994 regierenden Lukaschenko stürzen will, ist nicht dessen autoritärer Führungsstil, sondern seine beharrliche Weigerung, sein Land in die US-amerikanische Hegemonialsphäre in Osteuropa einzugliedern. Die Nachrichtenwebsite „MintPress News“ beispielsweise bezeichnete „die standhafte Weigerung Lukaschenkos, Staatsvermögen zu privatisieren, der NATO beizutreten oder das Land für ausländische Ausbeutung zu öffnen“, als den „Hauptgrund für Washingtons Einwände“. Und der verstorbene Journalist und Autor Peter Scholl-Latour wies bereits 2006 in seinem Buch „Russland im Zangengriff“ darauf hin, daß Weißrußland von der Bush-Regierung deshalb – zusammen mit Ländern wie Myanmar, Kuba oder Simbabwe – mit dem Etikett „Vorposten der Tyrannei“ belegt und damit „zum Einsatz subversiver und robuster Umsturzmethoden freigegeben“ wurde, weil es sich „im Gegensatz zu allen ehemaligen Verbündeten und Randrepubliken der Sowjetunion in Osteuropa der dräuenden Forderung nach Einführung von Demokratie und Marktwirtschaft amerikanisch-europäischer Provenienz unbelehrbar und störrisch widersetzt“.

Daran konnte bis heute auch der 2004 unter Präsident George W. Bush vom US-Kongreß beschlossene „Belarus Democracy Act“ nichts ändern. In Abschnitt 4 dieses zwischenzeitlich mehrfach novellierten „Gesetzes über die Demokratie in Weißrußland“ wird „Hilfe zur Förderung von Demokratie, Zivilgesellschaft und Souveränität in Weißrußland“ aus Ziel der US-Politik genannt. Konkret gehe es um die „Unterstützung des Volks der Republik Weißrußland in seinem Streben nach Freiheit, Demokratie und Menschenrechten und in seinem Bestreben, der transatlantischen Gemeinschaft der Demokratien beizutreten“. Die Formulierung „transatlantische Gemeinschaft der Demokratien“ ist nichts anderes als eine Umschreibung der US-Hegemonialsphäre, zu der insbesondere EU und NATO zählen. Außerdem kündigt das Gesetz eine enge Zusammenarbeit unter anderem mit der Europäischen Union an, eine Vorgabe, welche Brüssel bis heute bereitwillig erfüllt.

Washington hat vor allem aufgrund der geographischen Lage großes Interesse, Weißrußland seiner Hegemonialsphäre einzuverleiben. Denn dieser Staat ist Teil jener von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichenden Region, die der britische Militärgeograph Sir Halford Mackinder (1861–1947) „Osteuropa“ nannte und deren Kontrolle für die Beherrschung der Welt entscheidend ist. Vor mehr als 100 Jahren postulierte Mackinder, der als Begründer der Geopolitik gilt: „Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland [das europäische Rußland und Westsibirien]. Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel [Eurasien]. Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“ Und über die heurige und historische geographische Bedeutung Weißrußlands klärt der „Geopolitical Monitor“ auf: „Aufgrund seiner Nähe zur nordeuropäischen Tiefebene und des Fehlens signifikanter geographischer Hindernisse ist Weißrußland ein Tor, das Rußland mit Europa verbindet. Eine solche geographische Lage ist sowohl für die Entwicklung wirtschaftlicher Beziehungen als auch für Machtprojektion nützlich, und zwar in beide Richtungen. Die schicksalhaften Feldzüge des napoleonischen Frankreich, des nationalsozialistischen Deutschland, des zaristischen Rußland und der Sowjetunion sind eine deutliche Erinnerung daran.“

Auch eine Studie der US-Denkfabrik RAND Corporation aus dem Jahr 2019, in welcher ein Regimewechsel in Minsk als ein Mittel zur Schwächung Rußlands in Erwägung gezogen wird, beschäftigt sich mit der geographischen Lage Weißrußlands. Die Autoren der Studie schlagen vor, die Unzufriedenheit eines Teils der Bevölkerung auszunutzen und die Opposition zu unterstützen – mit dem Ziel eines Regimewechsels in Minsk. Denn in einer Welt des Nullsummenspiels sei es ein klarer geopolitischer und ideologischer Gewinn für den Westen, Rußland seinen einzigen echten Verbündeten wegzunehmen. Es würde „Europas letzter Diktatur“, einem langjährigen Ziel der US-Politik, ein Ende setzen. Darüber hinaus würde es Rußlands Versuch untergraben, eine Eurasische Wirtschaftsunion in Konkurrenz zur EU zu schaffen, und jeden russischen Versuch, militärische Gewalt gegen die baltischen Staaten einzusetzen – wofür es allerdings keinerlei objektive Hinweise gibt, weshalb dieser Vorwurf nur dem propagandistischen Schüren der „Russenangst“ dient.

Und schließlich soll mit einem Regimewechsel in Weißrußland die im nördlichen Teil des ehemaligen Ostpreußen gelegene russische Exklave Kaliningrad/Königsberg weiter isoliert werden. Die Königsberger Oblast, die zu Sowjetzeiten militärisches Sperrgebiet war, ist für Rußland als westlichster Außenposten von außerordentlicher strategischer Bedeutung. In diesem Gebiet befindet sich der einzige ganzjährig eisfreie russische Hafen in der Ostsee, weshalb hier auch die Baltische Flotte stationiert ist. Außerdem sind in dieser Oblast, wie die russische Regierung 2018 bestätigte, atomwaffenfähige „Iskander-M“-Raketen stationiert, die eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern haben. Nicht zuletzt wegen der strategischen Bedeutung von Kaliningrad/Königsberg für Rußland rechnet die Studie damit, daß jeder Versuch, den Charakter oder die geopolitische Ausrichtung der Regierung in Minsk zu ändern, wahrscheinlich auf eine starke und gegebenenfalls gewaltsame russische Reaktion stoßen würde. Zumindest würde Rußland, so die Annahme, wahrscheinlich politischen und wirtschaftlichen Druck ausüben, um das Regime im Amt zu halten.

 

Fahne von Weißrußland.

Minsk blickt nach Osten

Umgekehrt bietet die geographische Lage Weißrußlands den Widersachern des Westens gute Gelegenheiten für Störmanöver. So beispielsweise im Herbst 2021, als Migranten auf der weißrussischen Seite den Grenzzaun zerstörten, um illegal in die EU zu gelangen. In Weißrußland warteten damals mehrere tausend Migranten, die meisten aus Afghanistan, dem Irak und Syrien, auf eine günstige Gelegenheit für einen illegalen Grenzübertritt, um dann über Polen ins gelobte Land Deutschland zu gelangen. Lukaschenko holte mutmaßlich die Migranten nach Weißrußland, um sie als Migrationswaffe gegen die EU einzusetzen und sich so an Brüssel für die nach der umstrittenen Präsidentenwahl 2020 verhängten Sanktionen zu rächen. „The Times“ zitierte bereits im Juli Lukaschenko mit folgenden Worten: „Wir haben Drogen und Migranten gestoppt. Jetzt werdet ihr sie essen und sie selbst fangen.“

Aber bei dieser Krise ging es nicht nur um Weißrußland, sondern auch um dessen mächtigen Verbündeten Rußland. Denn EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte damals nach einem Treffen mit US-Präsident Biden, es gehe darum, „unsere Demokratien vor zynischer hybrider Kriegsführung zu schützen“, wobei sie Weißrußland bezichtigte, die Migrationswaffe zur Destabilisierung der EU einzusetzen. Zwar nannte von der Leyen Rußland nicht beim Namen, jedoch ließen ihre Aussagen keinen Zweifel daran, daß Moskau im Zusammenspiel mit Minsk durch Förderung der illegalen Einwanderung nach Polen, Litauen und Lettland geopolitische Spannungen herbeiführen wolle.

Auf dem Gipfel der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) Anfang Juli 2024 wurde Weißrußland als neues Mitglied aufgenommen. Auch dieser Schritt erfolgte nicht ohne geopolitisches Kalkül. Denn mit Weißrußland kann die SOZ, die einerseits die Integration Eurasiens vorantreiben und andererseits den Einfluß Washingtons in der Region reduzieren will, einen Keil zwischen das Baltikum und die Ukraine und damit in die US-Hegemonialsphäre treiben. Der SOZ-Beitritt Weißrußlands war den westlichen Medien bestenfalls eine Randnotiz wert, was ein großer Fehler war. So schrieb Henry Kamens im Onlinemagazin „New Eastern Outlook“: „Was für den Westen besonders bedrohlich ist, die die Möglichkeit, daß sich die SOZ zu einem militärischen Gegengewicht zu den Aktivitäten der USA und der NATO und parallel dazu zu einem wirtschaftlichen Rivalen der EU entwickelt. Eines ist sicher: Es handelt sich um eine signifikante geopolitische Konsolidierung des wirtschaftlichen und politischen Einflusses, die kurzfristig das Potential hat, geopolitische Themen zu prägen.“

Darüber hinaus wies Kamens darauf hin, daß die Aktivitäten und der wachsende Einfluß der SOZ in Eurasien sowohl direkt aus auch indirekt die strategischen Interessen sowohl der NATO als auch der EU beeinträchtigen könnten. Die weitere Entwicklung hänge jedenfalls weitgehend von der Reaktion des Westens ab. Bezeichnend ist, daß der SOZ-Beitritt Weißrußlands letzten Endes rasch unter Dach und Fach gebracht wurde, nachdem Minsk zuvor eineinhalb Jahrzehnte lang vergeblich auf eine Mitgliedschaft gewartet hatte.

 

Polens Westverschiebung 1945: In der Zwischenkriegszeit gehörten zum Widerstand im Osten des Lands mehrheitlich weißrussisch, litauisch und ukrainisch besiedelte Gebiete. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die deutschen Ostgebiete zum größten Teil Polen zugeschlagen, das seinen eigenen Osten wiederum an die UdSSR abtreten mußte. 2,1 Millionen Polen aus diesen Gebieten zogen nach Westen oder wurden umgesiedelt, 14 Millionen Deutsche werden vertrieben oder ermordet (inklusive der Vertriebenen aus dem nördlichen Ostpreußen, das an die Sowjetunion fiel, dem Sudetenland und Jugoslawien).

Die historischen Wurzeln Weißrußlands

In deutschsprachigen Medien werden immer seltener die Begriffe „Weißrußland“ bzw. „weißrussisch“ verwendet, statt dessen ist von „Belarus“ bzw. „belarussisch“ die Rede. Die „tagesschau“ meint, die Weißrussen bezeichneten ihr Land meist als Belarus und sich selbst als Belarusen, weil sie damit ihre Eigenständigkeit – insbesondere gegenüber dem Nachbarstaat Rußland – betonen wollten. Und seitens der Belarusisch-Deutschen Geschichtskommission heißt es: „Wir empfehlen, auf Deutsch statt Weißrussland als Landesnamen die offizielle Bezeichnung Belarus und als Adjektiv belarusisch zu verwenden. Damit wird deutlich, dass es sich bei der Republik Belarus um einen souveränen Staat handelt, der nicht Teil Russlands ist.“ Präsident dieser Einrichtung ist der ehemalige langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz, den Medien als „überzeugten Transatlantiker“ beschreiben. Somit geht es bei der Debatte „belarussisch oder weißrussisch“ in erster Linie darum, die Weißrussen als ein von den Russen unterschiedliches Volk darzustellen, wie es auch bezüglich des Verhältnisses zwischen Ukrainern und Russen der Fall ist.

Darüber, wie die Weißrussen, deren historische Bezeichnung Weißruthenen lautet, zum „Weiß“ in ihrem Namen gekommen sind, gibt es mehrere Theorien. Eine setzt auf eine ethnisch-religiöse Komponente, wonach der Name verwendet worden sei, um den Teil der alten ruthenischen Länder innerhalb des Großherzogtums Litauen zu beschreiben, der überwiegend von früh christianisierten Slawen bewohnt worden war – im Gegensatz zu Schwarz-Ruthenien, das überwiegend von heidnischen Balten bewohnt wurde. Der ethnische Ursprung der Weißrussischen wird auf altslawische Stämme zurückgeführt, die ab dem 5. Jahrhundert im Dreieck zwischen Pinsk, Turau und Polazk siedelten. Eine andere Erklärung begründet den Namen mit der weißen Kleidung der lokalen slawischen Bevölkerung. Wiederum eine andere Theorie vermutet, daß die Farbe Weiß mit dem Westen assoziiert worden und Weißrußland zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert der Westteil der Kiewer Rus gewesen sei. Die Kiewer Rus war ein altslawisches Großreich, das die heutigen Staaten Rußland, Weißrußland und Ukraine als ihren Vorläufer betrachten. In der Kiewer Rus wurde Altostslawisch – auch Altrussisch genannt – gesprochen, eine Sprache, aus der sich Russisch, Weißrussisch und Ukrainisch entwickelten.

Obwohl die Weißrussen mit rund 85 Prozent die bei weitem größte ethnische Gruppe der rund 9,5 Millionen Einwohner Weißrußland stellen, hat die weißrussische Sprache einen vergleichsweise geringen Stellenwert. Das liegt daran, daß zahlreiche Weißrussen im Alltag lieber Russisch als Weißrussisch sprechen. Nach Angaben des staatlichen Statistikamts aus dem Jahr 2017 haben rund fünf Millionen Einwohner des Lands Weißrussisch als Muttersprache und rund vier Millionen Russisch, daheim sprechen aber nur 2,22 Millionen Weißrussisch und 6,67 Millionen Russisch. Somit überrascht es nicht, daß der US-Politologe Samuel P. Huntington bereits in den 1990er Jahren, also kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion, feststellte, daß Weißrußland kein ausgeprägtes Nationalbewußtsein habe und viele seiner Bewohner sich ebensosehr mit Rußland wie mit ihrem eigenen Land zu identifizieren scheinen. Außerdem verwies der Autor von „Kampf der Kulturen“ auf die engen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen beiden Staaten und kam zu dem Schluß: „Weißrußland ist im Endeffekt bis auf seinen Namen ein Teil Rußlands.“

 

Der Unabhängigkeitsplatz in Minsk, der Hauptstadt von Weißrußland.

Weißrussische Volksrepublik

Peter Scholl-Latour wies darauf hin, daß sich um 1990 zwar nationalistisch orientierte Kreise bildeten, „die im Namen der Freiheit gegen die fest zementierte Nomenklatura der Alt-Kommunisten antraten, aber diese abrupte belarussische Distanzierung von den großrussischen Vettern stieß auf geringen Widerhall“. Und nachdem 1994 Lukaschenko an die Macht kam, sei die überlieferte weißrussische Nationalfahne aus der Zeit der Eigenstaatlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg – die Farbkombination von Weiß-Rot-Weiß – zugunsten des alten Emblems der Sowjetrepublik Weißrußland ersetzt worden.

Scholl-Latour spielte auf die Weißrussische Volksrepublik an. Dabei handelte es sich um ein kurzlebiges staatliches Gebilde, das von 1918 bis 1919 existierte und die erste weißrussische Staatlichkeit darstellte. Denn zuvor gehörte das Gebiet des heutigen Weißrußland zur mittelalterlichen Kiewer Rus, nach deren Ende im Zuge der mongolischen Invasion ab 1223 zum Großfürsten Litauen bzw. zur polnisch-litauischen Republik. Mit der Teilung Polens Ende des 18. Jahrhunderts fiel das heutige Weißrußland an das zaristische Rußland, wo es von Sankt Petersburg aus verwaltet wurde. Ein wichtiger Grund, warum der darauffolgenden Weißrussischen Volksrepublik keine lange Dauer beschieden war, liegt darin, daß sie nur den Rückhalt einer kleinen Elite, nicht aber der breiten Bevölkerung hatte. Das wiederum hängt mit der Russifizierungspolitik zusammen, die das Zarenreich ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Weißrußland betrieb. Umgekehrt betrieb Polen in der Zwischenkriegszeit, nachdem mit dem Frieden von Riga 1921 weite Teile des heutigen westlichen Weißrußland an Polen gefallen waren – die polnisch-weißrussische Grenze verlief unweit von Minsk –, in seinen neugewonnenen „Ostgebieten“ vor allem im Bildungswesen eine Polonisierungspolitik.

Offiziellen Angaben zufolge bekennen sich etwa 70 Prozent der Bevölkerung zur Weißrussisch-Orthodoxen Kirche, die der Russisch-Orthodoxen Kirche untersteht, sowie 15 bis 20 Prozent – vor allem im Gebiet Grodno in der Nähe zu Polen und Litauen – zur katholischen Kirche. Weißrußland hat also durchaus auch eine „westliche“ Seite, und Huntington zufolge verläuft auch durch dieses Land – genauso wie durch die benachbarte Ukraine – die Grenze zwischen dem westlichen und dem orthodoxen Kulturkreis. Daraus ergab sich für den 2008 verstorbenen Politikwissenschaftler die Schlußfolgerung und Forderung, daß eine NATO-Erweiterung auf Länder beschränkt werden sollte, welche historisch Teil der westlichen Christenheit sind. Denn „eine auf westliche Staaten beschränkte Expansion der NATO würde auch die Rolle unterstreichen, die Rußland als Kernstaat seines eigenen, orthodoxen Kulturkreises zu spielen hat, als ein Land also, das für die Ordnung innerhalb und entlang der Grenzen der Orthodoxie verantwortlich wäre und das mit der NATO und den westlichen Kernstaaten auf der Basis der Gleichberechtigung verkehren kann und soll“. Hätten die Entscheidungsträger in Pentagon, Weißem Haus und NATO-Hauptquartier Huntingtons Rat ernst genommen, wäre der Ukraine vermutlich viel Leid erspart geblieben.

 
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