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Jordan Peterson: Ein Prophet redet Tacheles

Jordan B. Peterson
Die Essenz des Seins
Über das Zusammenspiel von Identität und Verantwortung
144 Seiten, HC
Fontis Verlag, 2024

Über sein neues Werk „Essenz des Seins“

Am 13. Februar 2018 schrieb Carolin Wiedemann in der „FAZ“ im Artikel „All die schwachen weißen Männer“: „In Amerika gilt Jordan Peterson als Mann der Stunde. Hier kennt ihn kaum jemand […]. Sie haben noch nie von ihm gehört? Keine Sorge: Auch Journalisten war er bis vor kurzem kein Begriff. Bis Ende 2016 war Peterson ein unbekannter Psychologieprofessor an der Universität von Toronto. Dann führte Kanada ein neues Gesetz ein, gegen die Diskriminierung von Menschen, die sich nicht auf ein Geschlecht festlegen und deshalb mit geschlechtsneutralem Pronomen (nämlich „Xir“ für eher männliche Transgender bzw. „Xe“ für tendenziell weibliche Transgender) angesprochen werden wollen. Professor Peterson sagte vor einer Kamera, er werde sich nicht vorschreiben lassen, wie er spricht – und wenn er in Hungerstreik treten müsste zur Verteidigung der freien Rede gegen die Political Correctness.“

Mag. Erich Körner-Lakatos

Blicken wir zurück: Den ersten Schlag gegen den Zeitgeist führte Botho Strauß. Sein Essay „Anschwellender Bocksgesang“ („Der Spiegel“ 6/1993) verunsicherte so manchen Linksintellektuellen. 1994 kam der Sammelband „Die selbstbewußte Nation“ auf den Markt – mit dem „Bocksgesang“ als prominenter Ouvertüre, dazu Beiträge aus der Feder von Rüdiger Safranski, Peter Gauweiler, Michael Wolffsohn, Ernst Nolte und anderen. Es waren Texte, die von einer gewissen Angriffslust gekennzeichnet waren. Mitherausgeber Ulrich Schacht sprach sogar von der deutschen Gesellschaft als „Blockwart-System“ samt PC-Kommissaren.

Die 68er und ihre Epigonen wehrten sich mit harscher Kritik: Die Autoren des Sammelbands seien Lehrmeister des Hasses, rechte Desperados, die als Gemeinschaftswerk „eine Flut bräunlicher Prosa“ angerührt hätten. In der Folge schlief die Sache ein; in unseren Tagen kennt kaum jemand mehr das Buch der rechten Denker. Strauß zog sich als Einsiedler in die Uckermark zurück, eine abgeschiedene Gegend, die in etwa unserem Waldviertel oder dem südlichen Burgenland entspricht.

Gegen das woke Juste milieu

Aber seit sechs Jahren droht dem Juste milieu der Linken eine Gefahr, die es in sich hat: vom Kulturkritiker Jordan Peterson. Der hagere Psychologieprofessor aus Kanada erreichte in der englischsprachigen Welt binnen kürzester Zeit Kultstatus. Mühelos füllt der Mann riesige Hallen mit jungen Menschen, die an seinen Lippen hängen. Petersons Angebot fasziniert die akademische Jugend. Er offeriert so etwas wie eine Überlebenshilfe gegen das, was er als „kulturellen Marxismus“ bezeichnet. Seine Ideen hat der sich als strenger Lehrmeister gebende universitäre Lehrer in einem Buch mit zwölf Regeln als Gegenmittel gegen das Chaos („12 Rules for Life“, dt. München 2019) gebündelt. Bereits die erste Regel „Steh aufrecht im Leben!“ irritierte viele Studenten, die sich bisher in der Opferrolle suhlten, weil ihnen von Linksdoktrinären eingeredet worden war, sie seien irgendeiner verfolgten Minderheit zugehörig. Jeder müsse lernen, so Peterson, aus dieser bequemen Opferrolle herauszukommen, und die Verantwortung für sein Leben übernehmen.

Unter Petersons zwölf Regeln sticht etwa hervor: „Ordne dein eigenes Haus, bevor du die Welt kritisierst“ (Regel 6). Das erinnert an das spöttische Diktum des Helmut Kohl, wonach die 68er alles bestreiten würden – außer ihren eigenen Unterhalt. Regel Nr. 10 („Sei präzise in deiner Sprache“) beherzigt Peterson in beeindruckender Weise, da er nicht bloß punktgenau formuliert, sondern sich darüber hinaus einer glasklaren Sprache bedient. Seine Darlegungen heben sich in bester angelsächsischer Tradition wohltuend von jenen deutscher Autoren ab, weil sie dem Grundsatz „Keep it simple“ folgen. Die Reinheit seines Denkens widerspiegelt sich somit in der Sprache. Damit folgt Peterson, in der Psychologie ein Schüler von Carl Gustav Jung, dem bekannten Satz Ludwig Wittgensteins im Vorwort zu dessen „Tractatus“: „Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen.“

Sobald die Political correctness, so Peterson, derart absurde Züge annimmt wie im Fall gesetzlich verordneter Anreden wie „Xir“ und „Xe“, wenn sie jede freie Rede abschnürt, Gedankengut zensiert, sich immer weniger Menschen trauen, ihre Meinung frei zu äußern, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren oder gesellschaftlich geächtet zu werden, dann wird auch dem letzten kritischen Denker klar, daß sich in unserer Gesellschaft etwas in die falsche Richtung entwickelt. Es sind vor allem Männer, die sich von Petersons Thesen angezogen fühlen. Er deckt Dinge auf, die die meisten Menschen als Lebenserfahrungen bereits in sich tragen, aber nicht auszudrücken vermögen. Es ist, als ob man klugen, lebenserfahrenen Großeltern zuhörte, deren Weltsicht zwar nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, aber dennoch auf einem festen Grunde steht.

Peterson reicht den Menschen, die in der Welt nicht mehr zurechtkommen, die Hand und fragt: Warum sollte eine Patchworkfamilie besser sein als eine Bindung zwischen Vater, Mutter und Kindern? Warum werden Menschen dazu ermuntert, ihr Geschlecht zu ändern? Warum sollen alte Traditionen verboten werden? Warum soll man sich dem Islam gegenüber öffnen? Warum soll man seine Sprache ändern? Warum sollen Frauen nicht daheim bei ihren Kindern bleiben dürfen? Solche Fragen lassen Menschen ratlos zurück. Doch dann kommt jemand wie Jordan Peterson und zeigt, was man in der heutigen Zeit so vergeblich sucht: den gesunden Menschenverstand, gepaart mit der Weisheit unserer Ahnen. Und nun, im Sommer 2024, holt Peterson zum nächsten Schlag gegen das woke Juste milieu aus. Wir sprechen vom Buch „Essenz des Seins. Über das Zusammenspiel von Identität und Verantwortung“. Essenz – gemeint ist damit das Wesentlichste, der Kern einer Sache, eines Zustands. In dem schmalen, bloß 144 Seiten umfassenden Werk bricht Peterson eine Lanze für die heute von den Woken an die Wand gedrängte traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie. Das Hauptproblem des zeitgenössischen Westens besteht laut dem Autor darin, daß Politik und Kultur ins Zentrum stellen, was bislang an den Rändern war.

Deutlich gemacht wird das anhand der sogenannten LGBT-Community, die sich mit ihren Regenbogenfahnen in den Vordergrund dränge, unter dem Vorwand einer angeblichen Diskriminierung Privilegien genieße, aber den Gefühlen gläubiger Christen, deren Heilige Schrift die Homosexualität unter Strafe stellt, wenig bis gar keinen Respekt entgegenbringe. Peterson im O-Ton: „Pride feiert das absolut autonome und aus der Genusssucht motivierte, sich selbst zersetzende Individuum.“

Die Essenz

Auf Schloß Maxlrain, einem Renaissancebau in der Ortschaft Tuntenhausen [sic!] südlich von München, läßt Peterson im Gespräch mit einem Journalisten der „Neuen Zürcher Zeitung“ seinen Gedanken freien Lauf. Die wichtigsten davon, gleichsam die Essenz, um auf den Titel seines neuen Werks zu rekurrieren, seien hier wiedergegeben:

  • Unsere Gegenwartskultur prämiert Zügellosigkeit und hält sie für einen Ausdruck von Freiheit. Wenn man seine Identität auf sexuellen Präferenzen aufbaut, dann ist es vielleicht ein Fortschritt. Aber es ist kein Freiheitsgewinn darin zu erkennen, sich seinen sexuellen Gelüsten auszuliefern. Man muß sich regulieren. Durch diese Erfahrung der Selbstregulierung muß jeder Zweijährige. Der Kortex seines Gehirns signalisiert ihm, daß seine vitalen Bedürfnisse die wichtigsten sind. Aber er muß das durchbrechen, will er eine reife Persönlichkeit werden. Sonst lebt man nur für das kurzfristige Vergnügen. Langfristige Planung und Bindung ist damit zum Schaden der Betroffenen unvereinbar. Denn wer zügellos lebt, opfert seine Zukunft für die Gegenwart. Mit 20 mag eine solche Lebensweise befriedigen. Mit 50 sicher nicht mehr.
  • Zügelloses Verhalten gibt es natürlich auch im heterosexuellen Bereich – zum Schaden der Frauen. Nehmen wir alleinerziehende Mütter und traditionelle Familien. In den 1960er Jahren hat man begonnen, sie auf dieselbe Stufe zu stellen, und gesagt, beides seien gleichwertige Weisen, Kinder zu erziehen. Das ist aber Unfug. Es mag Mütter geben, die es allein schaffen, ihre Kinder gleich gut oder sogar besser zu erziehen. In den meisten Fällen ist es aber nicht so. Das ist auch kein Wunder. Es muß die Frauen überfordern, Kindererziehung und Beruf allein zu stemmen.
  • Menschen vor dem finalen Absturz zu bewahren, ist etwas anderes, als ihnen ein würdevolles und sinnerfülltes Leben zu ermöglichen. Das ist nicht garantiert, wenn narzißtische, sadistische Männer ihren Samen möglichst breit streuen können, ohne gleichzeitig Verantwortung übernehmen zu müssen. Solchen pathologischen Naturen sind Frauen dann ausgesetzt, wenn man auf Kurzzeit angelegte Paarungsstrategien für der Ehe gleichwertig hält. Neben den Frauen sind aber auch die Kinder die Leidtragenden. Es gibt für Kinder, besonders Jungen, keinen größeren Risikofaktor, Pathologien zu entwickeln, als ohne Vater aufzuwachsen. Wir müssen deshalb das Ideal wieder ins Zentrum stellen, ohne gegenüber den Abweichungen tyrannisch zu sein.
  • Man denke an Alleinerziehende, Schwule, Geschiedene oder Verwitwete. Oder auch Menschen in unglücklichen Ehen, die sich scheiden lassen. Natürlich kann man Verständnis dafür haben. Das Problem der Abweichung lösen wir aber nicht dadurch, daß wir das Ideal – die heteronormative Familie – selbst opfern, denn das führt nur zu einer Normalisierung des Scheiterns. Eine auf Dauer angelegte eheliche Gemeinschaft von Mann und Frau, bei der Kinder im Mittelpunkt stehen, muß die Norm sein.
  • In unserer Kultur wird dieses Ideal seit Jahrzehnten systematisch schlechtgemacht. Das beschädigt dann auch das Ideal und prägt die ganze Kultur. Man muß bedenken, daß es vieler sozialer Voraussetzungen bedarf, damit Menschen ihre unmittelbaren Impulse überwinden und langfristige Verantwortung übernehmen, die über sie hinausweist. Unsere Gegenwartskultur prämiert aber Zügellosigkeit und hält sie für einen Ausdruck von Freiheit. Habe so viele Geschlechtspartner, wie du willst: Das soll genauso gut sein wie die lebenslange Verantwortung, die Mann und Frau in einer Ehe für einander und ihre Kinder übernehmen.
  • Verantwortungsbewußte Individuen, die in Paarbeziehungen und Familien eingebettet ihr Leben leben: Diese Konstellation stellt die Mindestvoraussetzung für ein wirklich funktionsfähiges höheres Gemein- oder Staatswesen dar. Auf hedonistische Zügellosigkeit kann man keine Zivilisation bauen.
  • Die Denker der Aufklärung wußten, daß ihre Freiheitsideen nur in einer Gesellschaft mit einer bestimmenden jüdisch-christlichen Prägung funktionieren würden. Die gibt es nicht mehr. Der Freiheitsbegriff von John Locke und anderen ist deshalb nicht einfach derselbe, den die Organisatoren einer „Gay-Pride“-Parade haben. Er erschöpfte sich nicht in Zügellosigkeit.
  • Der jüdisch-christliche Gott ist für die Menschen im Westen immer weniger relevant. Aber um Gott kommt man nicht herum. Gott ist, was mit einem geht, wenn man der eigenen Sterblichkeit oder einer anderen existentiellen Not bewußt und aktiv begegnet. Die Alternative dazu sind Ängste, Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit.
  • Ein Individuum ohne den Schutz, den die Familie oder die Religion bieten, ist früher oder später einem totalitären Staat ausgeliefert. Dann ist es nur mehr ein kleiner Schritt vom exzessiven Individualismus zum exzessiven totalitären Staat. Die Entwicklung einer totalen staatlichen Kontrolle über jedes noch so kleine Detail des Privatlebens ist nichts anderes als die Kehrseite der Medaille der unendlichen Vielfalt und Differenz.
  • Die Pest, die die westliche Welt befallen hat, ist in erster Linie keine politische. Letztlich ist sie die Konsequenz dessen, was Nietzsche im 19. Jahrhundert verkündet hat, des Todes Gottes. Wenn Gott als einendes Prinzip wegfällt, und das ist gerade heute zu beobachten, wird es nach Petersons Sicht der Dinge brandgefährlich; er meint: Die islamischen Fundamentalisten würden uns überwältigen, falls wir das Christentum verlieren.

 
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