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Am 13. Februar 2018 schrieb Carolin Wiedemann in der „FAZ“ im Artikel „All die schwachen weißen Männer“: „In Amerika gilt Jordan Peterson als Mann der Stunde. Hier kennt ihn kaum jemand […]. Sie haben noch nie von ihm gehört? Keine Sorge: Auch Journalisten war er bis vor kurzem kein Begriff. Bis Ende 2016 war Peterson ein unbekannter Psychologieprofessor an der Universität von Toronto. Dann führte Kanada ein neues Gesetz ein, gegen die Diskriminierung von Menschen, die sich nicht auf ein Geschlecht festlegen und deshalb mit geschlechtsneutralem Pronomen (nämlich „Xir“ für eher männliche Transgender bzw. „Xe“ für tendenziell weibliche Transgender) angesprochen werden wollen. Professor Peterson sagte vor einer Kamera, er werde sich nicht vorschreiben lassen, wie er spricht – und wenn er in Hungerstreik treten müsste zur Verteidigung der freien Rede gegen die Political Correctness.“
Mag. Erich Körner-Lakatos
Blicken wir zurück: Den ersten Schlag gegen den Zeitgeist führte Botho Strauß. Sein Essay „Anschwellender Bocksgesang“ („Der Spiegel“ 6/1993) verunsicherte so manchen Linksintellektuellen. 1994 kam der Sammelband „Die selbstbewußte Nation“ auf den Markt – mit dem „Bocksgesang“ als prominenter Ouvertüre, dazu Beiträge aus der Feder von Rüdiger Safranski, Peter Gauweiler, Michael Wolffsohn, Ernst Nolte und anderen. Es waren Texte, die von einer gewissen Angriffslust gekennzeichnet waren. Mitherausgeber Ulrich Schacht sprach sogar von der deutschen Gesellschaft als „Blockwart-System“ samt PC-Kommissaren.
Die 68er und ihre Epigonen wehrten sich mit harscher Kritik: Die Autoren des Sammelbands seien Lehrmeister des Hasses, rechte Desperados, die als Gemeinschaftswerk „eine Flut bräunlicher Prosa“ angerührt hätten. In der Folge schlief die Sache ein; in unseren Tagen kennt kaum jemand mehr das Buch der rechten Denker. Strauß zog sich als Einsiedler in die Uckermark zurück, eine abgeschiedene Gegend, die in etwa unserem Waldviertel oder dem südlichen Burgenland entspricht.
Aber seit sechs Jahren droht dem Juste milieu der Linken eine Gefahr, die es in sich hat: vom Kulturkritiker Jordan Peterson. Der hagere Psychologieprofessor aus Kanada erreichte in der englischsprachigen Welt binnen kürzester Zeit Kultstatus. Mühelos füllt der Mann riesige Hallen mit jungen Menschen, die an seinen Lippen hängen. Petersons Angebot fasziniert die akademische Jugend. Er offeriert so etwas wie eine Überlebenshilfe gegen das, was er als „kulturellen Marxismus“ bezeichnet. Seine Ideen hat der sich als strenger Lehrmeister gebende universitäre Lehrer in einem Buch mit zwölf Regeln als Gegenmittel gegen das Chaos („12 Rules for Life“, dt. München 2019) gebündelt. Bereits die erste Regel „Steh aufrecht im Leben!“ irritierte viele Studenten, die sich bisher in der Opferrolle suhlten, weil ihnen von Linksdoktrinären eingeredet worden war, sie seien irgendeiner verfolgten Minderheit zugehörig. Jeder müsse lernen, so Peterson, aus dieser bequemen Opferrolle herauszukommen, und die Verantwortung für sein Leben übernehmen.
Unter Petersons zwölf Regeln sticht etwa hervor: „Ordne dein eigenes Haus, bevor du die Welt kritisierst“ (Regel 6). Das erinnert an das spöttische Diktum des Helmut Kohl, wonach die 68er alles bestreiten würden – außer ihren eigenen Unterhalt. Regel Nr. 10 („Sei präzise in deiner Sprache“) beherzigt Peterson in beeindruckender Weise, da er nicht bloß punktgenau formuliert, sondern sich darüber hinaus einer glasklaren Sprache bedient. Seine Darlegungen heben sich in bester angelsächsischer Tradition wohltuend von jenen deutscher Autoren ab, weil sie dem Grundsatz „Keep it simple“ folgen. Die Reinheit seines Denkens widerspiegelt sich somit in der Sprache. Damit folgt Peterson, in der Psychologie ein Schüler von Carl Gustav Jung, dem bekannten Satz Ludwig Wittgensteins im Vorwort zu dessen „Tractatus“: „Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen.“
Sobald die Political correctness, so Peterson, derart absurde Züge annimmt wie im Fall gesetzlich verordneter Anreden wie „Xir“ und „Xe“, wenn sie jede freie Rede abschnürt, Gedankengut zensiert, sich immer weniger Menschen trauen, ihre Meinung frei zu äußern, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren oder gesellschaftlich geächtet zu werden, dann wird auch dem letzten kritischen Denker klar, daß sich in unserer Gesellschaft etwas in die falsche Richtung entwickelt. Es sind vor allem Männer, die sich von Petersons Thesen angezogen fühlen. Er deckt Dinge auf, die die meisten Menschen als Lebenserfahrungen bereits in sich tragen, aber nicht auszudrücken vermögen. Es ist, als ob man klugen, lebenserfahrenen Großeltern zuhörte, deren Weltsicht zwar nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, aber dennoch auf einem festen Grunde steht.
Peterson reicht den Menschen, die in der Welt nicht mehr zurechtkommen, die Hand und fragt: Warum sollte eine Patchworkfamilie besser sein als eine Bindung zwischen Vater, Mutter und Kindern? Warum werden Menschen dazu ermuntert, ihr Geschlecht zu ändern? Warum sollen alte Traditionen verboten werden? Warum soll man sich dem Islam gegenüber öffnen? Warum soll man seine Sprache ändern? Warum sollen Frauen nicht daheim bei ihren Kindern bleiben dürfen? Solche Fragen lassen Menschen ratlos zurück. Doch dann kommt jemand wie Jordan Peterson und zeigt, was man in der heutigen Zeit so vergeblich sucht: den gesunden Menschenverstand, gepaart mit der Weisheit unserer Ahnen. Und nun, im Sommer 2024, holt Peterson zum nächsten Schlag gegen das woke Juste milieu aus. Wir sprechen vom Buch „Essenz des Seins. Über das Zusammenspiel von Identität und Verantwortung“. Essenz – gemeint ist damit das Wesentlichste, der Kern einer Sache, eines Zustands. In dem schmalen, bloß 144 Seiten umfassenden Werk bricht Peterson eine Lanze für die heute von den Woken an die Wand gedrängte traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie. Das Hauptproblem des zeitgenössischen Westens besteht laut dem Autor darin, daß Politik und Kultur ins Zentrum stellen, was bislang an den Rändern war.
Deutlich gemacht wird das anhand der sogenannten LGBT-Community, die sich mit ihren Regenbogenfahnen in den Vordergrund dränge, unter dem Vorwand einer angeblichen Diskriminierung Privilegien genieße, aber den Gefühlen gläubiger Christen, deren Heilige Schrift die Homosexualität unter Strafe stellt, wenig bis gar keinen Respekt entgegenbringe. Peterson im O-Ton: „Pride feiert das absolut autonome und aus der Genusssucht motivierte, sich selbst zersetzende Individuum.“
Auf Schloß Maxlrain, einem Renaissancebau in der Ortschaft Tuntenhausen [sic!] südlich von München, läßt Peterson im Gespräch mit einem Journalisten der „Neuen Zürcher Zeitung“ seinen Gedanken freien Lauf. Die wichtigsten davon, gleichsam die Essenz, um auf den Titel seines neuen Werks zu rekurrieren, seien hier wiedergegeben: