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„Den 21. Juli 1848, vor 06:00 Uhr morgens, verließ ein Streifkommando, die zweite Eskadron von Wallmoden-Kürassieren, Rittmeister Baron Rofrano, mit 107 Reitern das Casino San Alessandro und ritt gegen Mailand.“ Aber diesen Satz kennen wir doch alle? Kennen wir ihn wirklich noch alle? Es ist der Beginn von Hofmannsthals Reitergeschichte. Und von dieser Geschichte haben wir – wenn überhaupt – gelernt oder gelesen, daß sie eine Parodie auf das alte Österreich sei, eine Anklage gegen den Habsburger Unterdrückungsstaat und, versteht sich von selbst, der Ausdruck zeitgeistiger Antikriegsgesinnung. Passend hierzu wird man sich den Autor als einen durch diese repressiv-patriarchalische Gesellschaft deprimierten Schwulen vorstellen.
Von Dr. Ansgar Sonntag
Diese Auffassung findet sich vor allem bei Interpreten, die vom Italienfeldzug Radetzkys des Jahres 1848 nur die sozusagen grobe Vorstellung besitzen, die den heutigen demokratisch-sozialistischen Bildungsidealen entspricht, die Soldaten nur aus pazifistischen Gruselfilmen kennen und noch nie ein Pferd von oben sahen.
Die Wirklichkeit dieser Erzählung und ihres Dichters ist eine ganz andere. Wir kennen den Hofmannsthal eben überhaupt nicht mehr. Man lese den zitierten Satz einmal genau: Eine Eskadron, heute würde man sagen: eine Panzerkompanie reitet Gefechtsaufklärung, bei der man die Begegnung mit dem Feind sucht. Ort, Zeit und Regiment sind fast im Stil eines Kriegstagebuchs genau bestimmt. Die Wallmoden-Kürassiere, also das spätere 6. mährische Dragoner-Regiment? Dieses Regiment befand sich im Juli 1848 nicht vor Mailand. Es handelt sich aber um das Regiment Hofmannsthals, in dem er diente, bis man ihn später als Leutnant zum 8. galizischen Ulanen-Regiment versetzte.
Die folgenden in der Erzählung geschilderten Berührungen mit dem Feind haben etwas Nachlässig-Traumwandlerisches: Man jagt einen Trupp Partisanen aus einem Maisfeld, nimmt in einem Schloßpark eine Gruppe Hobbysoldaten gefangen („kultivierte junge Leute mit weißen Hemden und halblangen Haaren“), greift einen Spion auf, erhält Feuer aus einem Friedhof, dessen Mauer man einfach überspringt, um den Feind niederzuhauen. Was sich als gar nicht notwendig erweist: Er weicht durch die Sakristei aus und flieht in ein nahegelegenes – gewiß anmutiges – Wäldchen.
Wohlgemerkt: Es handelt sich um einen Feind, der für nationale Unabhängigkeit, liberale Demokratie und Bürgerrechte kämpft. Und das alles geschieht in der padanischen Ebene, unter einem strahlenden Sommerhimmel mit Tiepolowolken vor am Horizont eben noch zu ahnenden Alpengipfeln, zwischen Schlössern im Palladiostil und kleinen Barockkirchen. Wir lassen es dahingestellt, ob der damalige Krieg wirklich diesen Charme hatte.
Die Idylle aber ist nicht ganz ungetrübt. Ein Wachtmeister der Eskadron verträgt diesen hell-rauschhaften Erfolg nicht. Er versinkt innerlich in Phantasien materieller und sexueller Gier. Am späten Nachmittag, kurz vor einer erneuten Attacke gegen den Feind, weigert er sich daher, ein von ihm erbeutetes – überaus kostbares – Reitpferd einfach auszulassen. Er verweigert den Befehl angesichts des Feinds und vor der Front. „Der Rittmeister hob mit einer nachlässigen, beinahe gezierten Bewegung den Arm, und indem er die Oberlippe verächtlich heraufziehend bis drei zählte, löste sich schon der Schuß, und der Wachtmeister taumelte, in die Stirn getroffen, zu Boden.“
Der Offizier handelte nach damaliger Auffassung und dem damaligen Militärstrafgesetzbuch konsequent und – wie wir heute sagen würden – „alternativlos“. Auch für Hofmannsthal ist es eine zutiefst sinnvolle, rettende Tat, die Rettung vor Ordnung und Schönheit bedrohenden Mächten der Zersetzung. Für ihn und seine Leser des Jahrs 1898 sagte die Geschichte, damals, vor zwei Generationen, sei alles ja noch einmal gutgegangen. Und solange die eigene internationale (der Rittmeister trägt einen italienischen Namen) Elite entschlossen handele, sei nichts zu befürchten. Eine aus heutiger Sicht fremde Auffassung – für die meisten meinetwegen, doch nicht ohne Instinkt: Man erinnere sich der militärischen Anfänge von Hitler, Mussolini und Tito.
Wir kennen den Hofmannsthal also wohl nicht so wirklich.
Wir kennen ihn nicht so wirklich, und er bleibt uns fremd. Fremd, weswegen? Um es im Stil Heimito von Doderers zu sagen: „Sein Schulsack hängt uns halt einfach zu hoch.“ Hofmannsthals Welt, die Frucht einer – gewiß deutlich herbstlichen – Hochkultur, deren Raffinesse, Nuance und Fülle er wie kaum ein anderer zu spiegeln verstand, bleibt den meisten Zeitgenossen nach Jahrzehnten geistig-seelischer Verarmung nur schwer zugänglich.
Die letzten europäischen Jahre vor dem Ersten Weltkrieg werden gern als eine dem Untergang geweihte Zerfallsepoche gesehen. Was mit der geschichtlichen Wirklichkeit wenig zu tun hat, vielmehr entspringt eine solche Sichtweise marxistisch-eschatologischem Wunschdenken. Verglichen mit heute war es ein Zeitraum, der zu Optimismus und Hoffen mehr als nur Anlaß gab, was auch ganz überwiegend dem damaligen Zeitgeist entsprach. Eine Gesellschaft mit einer jungen und gesunden Struktur, die in sich die Kraft und den Willen trug, die zweifellos notwendigen Veränderungen zu vollziehen, geführt von (verglichen mit heute) geradezu brillanten Eliten – mögen sie den Vergleich mit Joseph I. oder Prinz Eugen auch nicht mehr ganz ausgehalten haben.
Daß es im Juli 1914 so gründlich danebenging, erscheint im nachhinein als gegen jede Wahrscheinlichkeit gerichtet, unglaublich. So wie es heute unglaublich wirkt, daß es angesichts proletarisch-mittelmäßiger Eliten und kranker Gesellschaften noch nicht ganz danebenging. Das heute herrschende linksliterarische Wunschdenken nimmt die schnitzlerschen Romane als Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit am Vorabend des Kriegs.
Wer weiß heute noch, daß es sich um sensationslüsterne Belletristik eines Autors handelte, der vor allem – und das ist legitim – verkaufen wollte? Irgendwie war er auch der Konsalik des alten Wiens. Und ein von Sexualneurosen geplagtes Ehepaar der Wiener Oberschicht, das trotz eines glänzenden äußerlichen Lebensstils sein Leben in den Sand setzt, verkauft sich in Romanen natürlich deutlich besser als ein Paar der Unter- oder Mittelschicht in Knittelfeld, das ohne Sexualneurose mit bescheidenen Mitteln sein Leben dennoch irgendwie auf die Reihe bekommt. Abgesehen davon nimmt man so eine verschwindend kleine hauptstädtische Minderheit für die Beschreibung der Wirklichkeit der Monarchie: Auf dem Land, in Bregenz, in Schwaz, in Mistelbach oder Krakau hatten die Menschen ein weit bodenständigeres, irdischeres Lebensgefühl.
Hofmannsthals Urgroßvater, Isaak Löw Hofmann, stammte aus Prag. 1792 übersiedelte er nach Wien, um als Direktor der dortigen Niederlassung des Großhandelsherrn Joel Baruch Königswart vorzustehen. Isaak Löw Hofmann starb 1849 im Alter von 90 Jahren als Edler von Hofmannsthal; er hatte zuletzt mehr als 1000 Arbeiter beschäftigt sowie mehr als 50.000 Heimarbeitern Lohn und Brot gegeben. Er stand der israelitischen Kultusgemeinde vor und schuf die Seidenindustrie der Monarchie.
Des Dichters Großvater Augustin Emil von Hofmannsthal heiratete in Mailand Petronilla Antonia von Rhò und trat zum katholischen Glauben über. Der Vater Hugo von Hofmannsthals, Hugo August von Hofmannsthal, war Jurist in der Central-Bodencreditanstalt. Die Mutter, eine geborene Frohleitner, entstammte einer aus dem Bauernstand aufgestiegenen bayrisch-sudetendeutschen Juristenfamilie. Also Prag, Wien, jüdische und katholische, deutsche, slawische, italienische, bäuerliche, bürgerliche und aristokratische Wurzeln. Weiter wuchs Hofmannsthal im Wien der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts auf: in Jahren, die einen der Gipfel, wenn nicht überhaupt den Gipfel der abendländisch-europäischen Kultur bilden. Gerade heute können wir solche Gipfel von der Talstation aus gut beurteilen. Um nur ein Beispiel, die Musik, herauszugreifen: Das Wien jener Jahre sah noch Wagner, Bruckner und Brahms sowie schon Richard Strauss und Mahler. Wer in der Gesellschaft zeigen wollte, daß er wirklich Bildung und Geltung besaß, bestellte die Gartenmusik für sein Sommerfest bei Brahms: Nach heutiger Kaufkraft gerechnet, mutmaßlich zum Preis eines Kleinwagens.
Hofmannsthal besuchte eine der Eliteschulen der Monarchie, das Wiener Akademische Gymnasium. Und so war es ihm wohl unverständlich – und im Grunde hat er es sich selbst wohl nie eingestanden –, daß es unter seinen Lesern Menschen gab, die nicht fließend Italienisch, Französisch und Englisch sprachen, die nicht Dante, Corneille und Shakespeare im Original gelesen hatten, leidlich eine Beethovensonate spielen konnten und im Sattel eine gute Figur machten. Eben das erschwert heute den Zugang zu Hofmannsthal. Ein alter Deutschprofessor meinte einmal zum Autor, der Hofmannsthal sei schon wunderbar, den könne man aber selbst vor dem Abitur mit den Schülern nicht mehr machen – „zu schwierig, viel zu schwierig“.
Dieses Bildungsniveau, diese Vertrautheit mit der abendländischen Tradition ließ ihn nicht überheblich werden. Für ihn war all das einfach zu selbstverständlich, um auf den Einfall zu kommen, es möge irgendwo auf der Welt bei irgend jemandem anders sein. Unbewußt setzte er dies also auch bei seinen Lesern voraus. Nur wer selbst seine Sprache, ja seine Gedanken noch in deren höchsten Verfeinerungen mit einer gewissen nachlässigen Virtuosität und Nonchalance sicher zu handhaben versteht, wird wirklich Zugang zu Hofmannsthal finden. Sein Schulsack hängt für uns einfach ziemlich hoch. Irgendwann war der junge Hofmannsthal der Fülle der auf ihn einströmenden Assoziationen, Wahrnehmungen und Eindrücke nicht mehr gewachsen. Er mußte schöpferisch werden und das teils unfertig, teils banal auf ihn Einstürmende selbst in Form bringen. Er begann als Gymnasiast, Gedichte zu schreiben, Gedichte und lyrische Dramen.
„Das Wort, das anderen Scheidemünze ist, mir ist’s der Bildquell.“ „Es läuft der Frühlingswind durch kahle Alleen, seltsame Dinge sind in seinen Wehen – der Duft, den er gebrach, von wo er kommen seit gestern Nacht.“
Gedichte eines 17jährigen Gymnasiasten – Wien horchte auf, Deutschland horchte auf, und Europa nahm zumindest zur Kenntnis. Ein Jahr vor der Matura begegnete Hofmannsthal Stefan George. Das Treffen füllt (zumindest unter dem Gesichtspunkt einer möglicherweise verborgenen Homosexualität Hofmannsthals) Bibliotheken. Wirklich wichtig daran ist jedoch, daß Hofmannsthal sich durch George endgültig in seiner Berufung zum Dichter bestätigt sah. Was Sinnlichkeit und Sexualität betrifft, wird Eleonora Duse bei ihrem Gastspiel in Wien 1892 einen weit tieferen Eindruck hinterlassen haben. Dies ist das Welttheater aus Fleisch und Blut, dem Hofmannsthal als Ideal nachstreben wird: nicht der elitären Selbstbezogenheit eines Stefan George.
Nach der mit Auszeichnung absolvierten Matura belegte Hofmannsthal zuerst vier Semester Jus und bestand die erste Staatsprüfung – überraschenderweise mit mäßiger Begeisterung und durchschnittlichem Erfolg. Er unterbrach sein Studium 1894, um seinen Dienst als Einjährig-Freiwilliger im Dragoner-Regiment Nr. 6 (wir erinnern uns der „Reitergeschichte“) abzuleisten. Freilich paßt die Rolle des Kavallerieoffiziers vollkommen in den Stil des Dandys, den Hofmannsthal in diesen Jahren durchaus auszuleben versuchte. Und wieder geht die Sache etwas tiefer: Hofmannsthal wird zum begeisterten Reiter, zum begeisterten Soldaten. So gar nicht mehr der vermeintlich leicht „angeschwulte“, ästhetisierende Jüngling. Nach dem Militärdienst versuchte er’s statt mit Jus mit Romanistik. Hier gelangte er bis zur Habilitation, die er dann aber zurückzog, um nur noch Dichter zu sein. Ein mutiger Entschluß, denn die Familie hatte ihr Vermögen im Börsenkrach von 1873 verloren. Hofmannsthals Reichtum, der ihm ein Luxusleben ermöglicht habe, ist eine Legende.
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Hofmannsthal erkannte, daß das juvenile Kreisen in den und um die eigenen Befindlichkeiten (und seien sie noch so ästhetisch) ins Nichts führt. Er wandte sich Gemeinschaft und Staat zu, wie er es nannte: „dem Sozialen“. Die Beziehung zwischen Mann und Frau erscheint nicht als nur subjektive Seelenfreundschaft, sie wird konkretes Kunstwerk, wird als Leben in Form, als Ehe verstanden. Ihn fasziniert kaum noch die Tragödie, die überkommene Formen der Gemeinschaft in Frage stellt. Er gibt sein Bestes in der Komödie, die lächelnd metaphysisch das Vorhandene bestätigt und erklärt. „Christinas Heimreise“, „Silvia im Stern“ und schließlich das Meisterwerk „Der Schwierige“. Doch soll dies alles noch geformter, noch konkreter, noch sinnlich erfahrbarer werden. Die Musik tritt hinzu. Es kommt zur Zusammenarbeit mit Richard Strauss: „Elektra“, „Rosenkavalier“, „Ariadne“, „Ägyptische Helena“ und „Arabella“. Hier wird die Kunst zum öffentlichen und sozialen Ereignis, zu einer Art modernem Mysterienspiel.
Sieht man Hofmannsthal heute aus der Distanz eines guten Jahrhunderts als den aristokratischen Dichter der altösterreichischen Gesellschaft, galt er damals, sozusagen von innen und aus der Nähe betrachtet, keinesfalls dafür. Lernet-Holenia meinte, Hofmannsthal habe in seiner größten Komödie, dem „Schwierigen“, die alte Oberschicht gründlich verzeichnet, sie zu sehr von außen gesehen, zu sehr nach seinen ureigenen Vorstellungen geformt auf die Bühne gebracht. So ganz daneben mag Lernet-Holenia damit nicht liegen: Die als Muster der intellektuell-österreichischen Aristokratin gewollte weibliche Hauptfigur, Helene von Altenwyl, hatte ein lebendes Vorbild. Dieses Vorbild stammte sozusagen aus dem Hindenburg-Clan und war damit Preußin. Überhaupt war Hofmannsthals dezidiert herrenmäßiger Lebensstil stets Gegenstand respektvoll-liebenswürdiger Médisance der ihn im Grunde verehrenden Kollegen. Friedrich Torberg bemerkte zu Lernet-Holenia, er habe den Hofmannsthal einmal im Salzkammergut getroffen, „wie er eine Radtour gemacht hätte“. Um dann hinzuzufügen: „Damals, als das noch vornehm war.“ Und Lernet-Holenia erwiderte, auch er habe Hofmannsthal einmal im Winter in einem zu ländlichen Pelz vor dem Burgtheater gesehen, „sehr junkerhaft, denn so hat er sich ja recht gern angezogen“. Überhaupt will man ihn stets als einen Scheiternden, Unglücklichen, Zerrissenen, Schwierigen sehen, als nichtgeouteten Homosexuellen, als die eigene Identität verleugnenden jüdischen Intellektuellen und zwangsangepaßten Außenseiter, als jemanden, dem seine Sprache zerfiel und der keine neue fand. Als ob diese Aufgaben, sich in Liebesdingen, Gesellschaft und Sprache selbst zu finden, nicht einem jeden Menschen zur jeder Zeit gestellt und nicht im Grunde etwas nicht zu Umgehendes, sehr Gewöhnliches wären. Erwähnenswert und persönlich wird erst, wie eine Person, wie ein Mensch diese Aufgaben löst.
Manchen Biographen scheint an Hofmannsthal im Schwerpunkt zu faszinieren, wie schwul oder nicht schwul dieser eigentlich gewesen sei. Näher läge bei einem großen Dichter die Frage, wo sein religiöser Standpunkt lag, welche Dichter ihn selbst am meisten prägten, wie er zu seiner Frau und seinen Kindern stand. Den Akzent auf eine vermeintliche Homosexualität zu legen, sagt mehr über unsere Zeit als über Hugo von Hofmannsthal. Wie man es in sexualibus nun eigentlich genau macht, hätte bei einem Grandseigneur des 18. Jahrhunderts als belanglose Petitesse, für die Zeit Hugo von Hofmannsthals immer noch als ziemliche Banalität gegolten. Unserer Zeit hingegen scheint so etwas wichtig. Aber wie meinte einmal Heimito von Doderer? „Je weniger man hat, desto höher muß man es halten.“
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Im Weltkrieg stand Hofmannsthal als Publizist für die Mittelmächte an vorderster Front. Nicht immer ganz glücklich in dem, was er sagte, wahrte er doch weitestgehend Stil- und Gedankenhöhe. Was für ein Krieg war der Weltkrieg für Hofmannsthal? Für einen Menschen, der sich Frankreich, Italien und England, also der Kultur der Gegner, mindestens ebenso eng verbunden fühlte wie dem deutschen Kulturkreis? Für Hofmannsthal führte man den Krieg auf Seiten der Mittelmächte für eine transzendent verstandene Reichsidee. Gegen Materialismus, Fortschrittsglauben und die Reduktion des Menschen auf ein luxuriös gehaltenes Haustier, wie er es in den westlichen Demokratien verkörpert sah. Nun: Instinkt hat er schon gehabt. Die Niederlage 1918 bedeutete für Hofmannsthal auch eine seelische Katastrophe. Die seelischen Wunden, die der Krieg geschlagen habe, meinte er einmal, seien noch übler als der Rest der Verheerungen. Die Welt bedürfe der Therapie.
Doch sei die Welt nicht moralisch, sondern mystisch geordnet. Gesellschaftspolitisch ließe sich, im Grunde genommen, überhaupt nichts regeln: Nur das existentielle Meistern des Einzelschicksals schaffe für jeden eine Verbesserung und lasse ein Leben gelingen. Europa müsse sich selbst finden, das Abendland wieder zu sich kommen, die Irrwege von Aufklärung, Französischer Revolution und den daraus geborenen Sozialutopien verlassen. Und dies galt ihm als der eigentliche Auftrag der Salzburger Festspiele. Liest man die zahlreichen Briefe und Essays, mit denen Hugo von Hofmannsthal die Gründung und die folgenden Jahre in Salzburg begleitete, so tritt eine glasklare Konzeption hervor. Salzburg war für Hofmannsthal nicht irgendeine verkehrsgünstig gelegene Kulisse. Salzburg, das war der Schnittpunkt von Nord und Süd, von Mediterranem und Mitteleuropa, von Gebirge und Ebene, von Deutschem und Italienischem, von Wasser und Fels, von Slawischem und Ungarischem. Und die souveränen Herren von Salzburg verstanden es, aus all diesen Zutaten statt multikulturellem Brei ein neues Edelmetall zu schaffen.
Es ist kein Zufall, daß Mozart hier geboren wurde. Natürlich war Salzburg für Hofmannsthal und Richard Strauss eine deutsche Stadt. Aber „deutsch“ bedeutete für sie nicht nationale Verengung und Ausgrenzung, „deutsch“, das war die Synthese, das war all das, was aus der abendländischen Kultur seit Aischylos, Sophokles, Plato, dem dorischen Tempel, dem Alten Testament, dem Christen- und Römertum und dem Erbe der germanischen Stämme hervorgegangen war. Liest man, was Hugo von Hofmannsthal unter Theater und Musik des deutschen Kulturkreises verstand, so erscheint auch der multikultigste Kulturpolitiker moderner Provenienz als bornierter Kulturspießer. Für Hofmannsthal zählte ein Sophokles, zählte ein Dante, zählte ein Goldoni, zählte ein Racine, ein Molière, ein Shakespeare, ein Calderon, ein Lope de Vega problemlos und ohne jede Frage zu dem, was deutsche Kultur ausmacht. Und Richard Strauss antwortete in späteren Jahren Minister Goebbels, der ihn aufforderte, „doch deutscher zu komponieren“, dies sei nicht möglich, da Richard Wagner das alles schon gemacht habe.
Weswegen aber finden solche Festspiele gerade in Salzburg statt? Unter allen Stämmen deutscher Sprache war für Hofmannsthal eben der bayerisch-österreichisch-süddeutsche Stamm der Träger der theatralischen Kultur. Nur durch eine Verortung im Gebiet dieses Stammes schien es ihm möglich, etwas wirklich Lebendiges und Fortlebendes zu schaffen. Er betonte wiederholt, daß seine beiden Mitarbeiter, Richard Strauss und Max Reinhard, ebendiesem Volkstume entstammten. Und von seinem „Jedermann“ sagte er, er habe ihn nicht eigentlich geschaffen, sondern diesen Mythos nur wiederauferstehen lassen und dem Volk zurückgegeben. Auch über sein großes Welttheater bemerkte er, er habe nur neu gefaßt, was längst dagewesen sei. Ist Salzburg also für seine Gründer nur ein Ort süddeutsch-katholisch-mediterraner Traditionsstränge gewesen? Eine Art permanenter, pragmatisierter Elfenbeinturm unter tatkräftiger Beteiligung der internationalen Haute Volée? Keineswegs. Hofmannsthal bezeichnete seinen „Jedermann“ als eminent politisches Stück. Er, der „Jedermann“, und das große Salzburger Welttheater sollten unmittelbar philosophisch-politisch wirksam werden und zur Heilung der Leiden der Zeit beitragen.
Hofmannsthal starb im Jahr 1929 57jährig. Stellt man sich einen Hofmannsthal mit 81 vor: Wie wäre sein weiteres Schicksal verlaufen – mit Starhemberg, unter Dollfuß, unter Schuschnigg und nach dem Anschluß? Gewiß, Berlin hätte ihm angeboten, sich trotz in Teilen jüdischer Abstammung und der Ehe mit einer Jüdin zu arrangieren. Das Streben des Regimes, die kulturellen Größen zu halten, um das in diesem Punkte arg angegriffene Ansehen in der Welt zu heben, hätte ideologische Bedenken zur Seite geschoben. Aber Hofmannsthal selbst, hätte er es seelisch ertragen, wäre er fähig gewesen, mit dem Proletarisch-Unanständigen zu leben, oder wäre er doch aus Liebe zu Österreich geblieben, da eine Existenz auf anderem Boden ihm einfach undenkbar erschien? Was hätte die Emigration bedeutet: Edeldrehbuchautor in Hollywood oder Konzernredner für die Propaganda der Alliierten, wie Thomas Mann – hätte er solches ertragen, ertragen wollen, oder hätte er diesen Dingen gegenüber einen gleichermaßen entschiedenen Widerwillen empfunden, wie er ihn bei den Nationalsozialisten gespürt hätte? Wohl nicht zu beurteilen.
Sicher aber wäre er bis zu seinem Tod der erste Nachkriegsintendant der Salzburger Festspiele gewesen. Mit Bertolt Brecht als Chefinspizienten (einem dann gewiß gar nicht so linken Brecht) und Torberg und Lernet-Holenia als Chefdramaturgen – sofern es gelungen wäre, sich mit den Herren hinsichtlich des Pelzes und der Radtour zu verständigen.
Was die Festspiele am Beginn der 1950er Jahre gewiß nochmals im Geist ihrer Gründung geprägt hätte, ihnen ein weniger gesellschaftliches, zugleich mehr provozierendes und auch reaktionäres Aussehen gegeben hätte. Doch: Spürte man heute noch etwas davon?
Den Hofmannsthal kennen wir also alle nicht so wirklich.
Aber steht er uns fern?
Vor fast genau 101 Jahren, am 30. Juli 1923, schrieb er: „Wenn unsere Epoche eine des Untergangs sein soll – wie Vieles ist doch noch da, unverbraucht, in ursprünglicher Reinheit. Es muß gedacht werden, daß auch das untergehende Rom voll solcher intakter Lebenskeime war – und daß es ein Schicksal gibt, ein von außen herantretendes. Mit diesem Gedanken sind wir schon dort, wo man sich über alles erheben kann.“
Der Artikel wurde bereits im „Attersee Report“ 38 (April 2024) abgedruckt. Wir bedanken uns für die Bereitstellung!