Archiv > Jahrgang 2024 > AL II/2024 > Turkmenistan 

Turkmenistan

Turkmenistan schafft es nur sehr selten in die internationalen Schlagzeilen. Die Gründe dafür sind, daß einerseits die rund sieben Millionen Einwohner zählende ehemalige Sowjetrepublik am Ostufer des Kaspischen Meers neben Nordkorea der weltweit wohl am meisten abgeschottete Staat der Welt ist und sich andererseits durch innenpolitische Stabilität auszeichnet und somit nicht für Schlagzeilen taugt. Doch nicht zuletzt aufgrund seiner riesigen Erdgasvorkommen ist das knapp eine halbe Million Quadratkilometer große Land schon sehr früh ins Blickfeld der Welt- und Regionalmächte geraten.

Von Dr. Bernhard Tomaschitz

Turkmenistan zählt sieben Millionen Einwohner und liegt am Ostufer des Kaspischen Meers. Es grenzt an Kasachstan, Usbekistan, den Iran und Afghanistan und verfügt über die viertgrößten Erdgasreserven der Welt. Die Zentralasien-China-Pipeline ist mit einer Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern pro Jahr mit der „Nord-Stream-1“-Pipeline in Europa vergleichbar.

Beispielsweise ist im Bericht der US-Entwicklungshilfebehörde USAID über Auslandsaktivitäten für das Haushaltsjahr 2013 zu lesen: „Turkmenistan beherbergt einen kritischen geographischen Verbindungspunkt, teilt sich lange Grenzen mit Afghanistan und dem Iran und ist eine Transport- und Wirtschaftsverbindung nach Afghanistan und zum südasiatischen Subkontinent.“ Und Zbigniew Brzezi?ski, der Großmeister der US-amerikanischen Machtpolitik, schrieb 1997 über Turkmenistan: „Dank seiner geschützten geographischen Lage ist es relativ weit weg von Rußland. […] Wenn erst einmal Pipelines in die Region führen, verheißen die wahrhaft riesigen Erdgasvorkommen Turkmenistans seiner Bevölkerung eine blühende Zukunft.“

Bisher transportieren Pipelines turkmenisches Erdgas vor allem nach Osten, wobei China der wichtigste Abnehmer des Rohstoffs ist. Laut Wirtschaftskammer Österreich gehen derzeit bis zu 85 Prozent der turkmenischen Erdgasexporte nach China. Überhaupt ist die Wirtschaft dieser zentralasiatischen Republik sehr stark vom Erdgasexport abhängig, der rund 84 Prozent des Gesamtexportvolumens ausmacht. Außerdem verfügt Turkmenistan mit geschätzten 19,5 Billionen Kubikmetern über die viertgrößten Erdgasreserven der Welt.

Besonders hervorzuheben ist die Zentralasien-China-Pipeline, die Erdgas von Turkmenistan über Usbekistan und Kasachstan in die chinesische Provinz Xinjiang transportiert. Mit einer Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern pro Jahr ist sie mit der Pipeline „Nord Stream 1“ in Europa vergleichbar. Die australische Denkfabrik Lowy Institute weist darauf hin, daß die Zentralasien-China-Pipeline Peking geopolitisch helfe, seine Abhängigkeit von der Straße von Malakka in Südostasien zu verringern, indem es die Energieversorgungsrouten diversifiziert und so das Risiko für Unterbrechungen der Energieimporte verringert. Die Pipeline mache China auch zu einem wichtigeren Akteur in einer Region, in der China und Rußland trotz ihrer „grenzenlosen“ Partnerschaft seit langem um Einfluß konkurrieren. Und da Rußlands Aufmerksamkeit durch den Konflikt in der Ukraine abgelenkt sei, scheine Peking engere wirtschaftliche Beziehungen und einen größeren Einfluß in der Region zu gewinnen.

Die transkaspische Pipeline TAPI soll von Turkmenistan über die Kaspische See durch Aserbaidschan und Georgien weiter in die Türkei führen und den russischen Einfluß in der Region zurückdrängen. Verwirklicht wurde sie bis heute nicht.

Transkaspische Pipeline?

Nachdem China bezüglich seiner Erdgasversorgung nicht in Abhängigkeit von Turkmenistan geraten will und zunehmend auf Erdgasimporte aus Rußland setzt, blickt Aschgabat nunmehr nach Westen – was große geopolitische Auswirkungen haben könnte. Am 15. August 2023 berichtete die US-Nachrichtenwebsite Eurasianet, daß sich für die Energieexporte des Kaspischen Beckens eine große Verschiebung anbahne. Denn in einer diplomatischen Kehrtwende habe Turkmenistan seine Bereitschaft signalisiert, eine transkaspische Pipeline zu errichten, die möglicherweise die Erdgaslieferungen in die Europäische Union erhöhen könnte. Zwar werde nicht erwartet, daß die Verschiebung der Exportvorhaben Aschgabats nach Westen die Fähigkeit Turkmenistans beeinträchtigen werde, bestehende Exportverpflichtungen gegenüber China zu erfüllen. Es werde „angenommen, daß der zentralasiatische Staat über mehr als genug Reserven verfügt, um große Mengen Gas nach Osten und Westen zu transportieren. Die turkmenische Ankündigung könnte jedoch möglicherweise Rußlands Anteil am Gasexportkuchen auffressen und dem Kreml Einnahmen entziehen, die er für seine Kriegsanstrengungen in der Ukraine benötigt“.

Planungen für eine transkaspische Pipeline, die von Turkmenistan über Aserbaidschan nach Georgien und weiter in die Türkei führt, reichen bis in die 1990er Jahre zurück und wurden erstmals von den USA ventiliert. Am 19. Februar 1999 gab der US-Anlagenbauer Bechtel bekannt, daß seine Tochter PSG International, ein weltweit tätiges Unternehmen für die Entwicklung von Pipelines, „mit der Regierung Turkmenistans eine Vereinbarung über die Leitung der Entwicklung des 2,5-Milliarden-Dollar-Projekts für die transkaspische Pipeline unterzeichnet hat“. Im Jahr zuvor war die transkaspische Pipeline eines der Gesprächsthemen bei einem Treffen der Präsidenten Clinton und „Turkmenbaschi“ Nijasow in Washington. „Besonderes Augenmerk legten die beiden Präsidenten auf die Stärkung der Ost-West-Routen im eurasischen Verkehrskorridor“, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.

Der Grund, warum die USA die treibende Kraft hinter dem Projekt einer transkaspischen Pipeline sind, ist die damit verbundene Schwächung Rußlands sowie die Vergrößerung des eigenen Einflusses in der Region. Am 12. Juni 2020 schrieb der Atlantic Council, eine eng mit der NATO verbundene Denkfabrik, „jetzt ist es an der Zeit, die transkaspische Pipeline zu bauen“. Diese Rohrleitung könne nicht nur das Wirtschaftswachstum ankurbeln und die regionale Stabilität fördern, sondern zusätzlich sowohl den chinesischen als auch den russischen Einfluß in Zentralasien begrenzen. Weiters betonte der Atlantic Council: „Über Turkmenistan hinaus würden sich die Vorteile auch auf andere zentralasiatische Länder erstrecken. Es gibt Pläne, daß Kasachstan und Usbekistan sich Turkmenistan bei nachfolgenden transkaspischen Energieprojekten anschließen und sie strategisch mit dem Westen verbinden.“ Darüber hinaus sei die transkaspische Pipeline ein strategisches Projekt für die Vereinigten Staaten, Europa sowie die kaspischen und südkaukasischen Staaten. Denn sie werde ein Gegengewicht zu chinesischem und russischem Einfluß in der Region des Kaspischen Meers bilden und verspreche, bis zur Mitte des Jahrhunderts neue Horizonte in der eurokaspischen Energieentwicklung zu eröffnen. Und: „turkmenisches Gas ist die wirtschaftlichste neue Gasquelle für Europa“.

Saparmurat Nijasow nannte sich selbst „Vater aller Turkmenen“ – Turkmenbaschi – und benannte sogar einen Monat nach sich selbst.
Nach Nijasow kam Gurbanguly Berdimuhamedow an die Macht, der die Präsidentschaft an seinen Sohn Serdar weitergab und so eine Familiendynastie nach nordkoreanischem Vorbild begründete. ©WikiMedia Commons / kremlin.ru (CC BY 4.0)
Die Flagge Turkmenistans. – Durch die unter dem Schwarzen Meer verlaufenden Erdgasleitungen „Blue Stream“ und „Turkish Stream“ fließt bereits russisches Gas nach Kleinasien. Die Errichtung der transkaspischen Pipeline könnte die Pläne der Türkei Wirklichkeit werden lassen, das Land zu einer international bedeutenden Energiedrehscheibe zu machen.

Turkmenbaschi

Es ist davon auszugehen, daß Washington und Brüssel aus den genannten Gründen Aschgabat umgarnen werden, obwohl Turkmenistans Bilanz in Sachen Menschenrechte und Demokratie denkbar schlecht ist. Staatsgründer Saparmurat Nijasow schuf nicht nur eines der repressivsten politischen Systeme der Welt, sondern ließ sich von seinen Untertanen als „Turkmenbaschi“ („Vater aller Turkmenen“) verehren, die Geschichtsbücher im ganzen Land durch sein eigenes Buch „Ruhnama“ ersetzen, und dichtete Verse wie: „Ich bin der Geist der Turkmenen und ich werde wiedergeboren / Um euch ein goldenes Zeitalter und Glück zu bringen.“

Doch das zweifelhafte poetische Talent Nijasows war noch das geringste Übel, wie Parag Khanna, ein Berater des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, schrieb: „Seine wahnhafte Selbstgleichsetzung mit dem Staat, die Enthauptung der Opposition, die Säuberungskampagnen gegen Intellektuelle, die Ausplünderung der Volkswirtschaft waren eine Form der Selbstverherrlichung, die auf einer Stufe mit der von Pol Pot oder Kim Jong-Il stand.“ Außerdem schloß er Krankenhäuser und Bibliotheken außerhalb der Hauptstadt Aschgabad, während er Millionen Dollar in protzige Luxusbauten, achtspurige Fernstraßen und Statuen von sich selbst steckte. Eine ist fast 40 Meter hoch und dreht sich mit der Sonne.

Nordkorea 2.0

Nachdem Nijasow Ende 2006 überraschend an Herzversagen gestorben war, übernahm Gurbanguly Berdimuhamedow das Ruder und legte sein Augenmerk auf die Begründung einer Familiendynastie nach nordkoreanischem Vorbild. Wie das „Factbook“ der CIA berichtet, wurde der Stellvertreter Nijasows neuer Präsident des Lands, indem er im Februar 2007 die ersten Präsidentenwahlen in Turkmenistan mit mehreren Kandidaten mit 89 Prozent der Stimmen gewann. Wenig überraschend wurden diese Wahlen als undemokratisch angesehen. 2012 und 2017 ließ Berdimuhamedow diese Wahlfarce wiederholen und erreichte sogar mehr als 97 Prozent der Stimmen. Im Februar 2022 kündigte er seinen Rücktritt vom Präsidentenamt an, und die darauffolgende Präsidentenwahl gewann sein Sohn Serdar Berdimuhamedow mit immerhin 73 Prozent der Stimmen. Gurbanguly Berdimuhamedow ist zwar nicht mehr Staatsoberhaupt, hat aber als Vorsitzender des Halk Maslahaty („Volksrat“) und als nationaler Führer des turkmenischen Volks weiterhin eine einflußreiche Position, die ihm und seiner Familie zusätzliche Privilegien einräumt. Seit Gurbanguly Berdimuhamedow vom Präsidentenamt zurückgetreten ist, trägt Sohn und Nachfolger Serdar den Ehrentitel „Arkadag“, was soviel wie „Beschützer“ bedeutet.

Partner Iran

Ob Turkmenistan die US-Wünsche erfüllen und sich dem Westen anschließen wird, muß sich erst weisen. Denn in der Vergangenheit hat sich Aschgabat Washington gegenüber alles andere als kooperationsbereit gezeigt, zumal das westliche Gerede von Demokratie und Menschenrechten nicht in das autoritäre Konzept von „Turkmenbaschi“ Nijasow und seinen Nachfolgern Vater und Sohn Berdimuhamedow paßte. Hier erwies sich übrigens die Europäische Union als gelehrige Schülerin der Vereinigten Staaten.

Anfang 2010 etwa wurde die Dauletabad-Sarakhs-Khangiran-Gasleitung eröffnet, welche den Nordiran mit dem größten turkmenischen Erdgasfeld verbindet. M.K. Bhadrakumar, ein ehemaliger indischer Karrierediplomat, schrieb dazu 2010 in der „Asia Times“: „Die turkmenisch-iranische Pipeline verspottet die Iran-Politik der USA. Die USA bedrohen den Iran mit neuen Sanktionen und behaupten, Teheran sei ‚zunehmend isoliert‘. Aber Machmud Ahmadinedschads Präsidentenmaschine bahnt sich ihren Weg durch Zentralasien und landet in Aschgabat für einen Empfang mit rotem Teppich durch seinen turkmenischen Amtskollegen Gurbanguly Berdimuhamedow, und eine neue Energieachse taucht auf.“

Überhaupt pflegt Turkmenistan sehr gute Beziehungen zum Iran, mit dem es eine rund 1000 Kilometer lange Grenze teilt, und arbeitet mit dem südlichen Nachbarn insbesondere in den Bereichen Wirtschaft, Verkehr, Infrastruktur und Energie eng zusammen. Zuletzt intensivierten sich die Beziehungen zwischen Aschgabat und Teheran noch weiter, was der „Nachbarn-zuerst“-Politik des am 19. Mai 2024 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommenen iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi geschuldet ist. Edward Wastnidge von der Open University beschrieb gegenüber der Fachzeitschrift „The National Interest“ die iranisch-turkmenischen Beziehungen als „pragmatisch“. Der Iran schätze Turkmenistans außenpolitische Position der Neutralität, insbesondere im Zusammenhang mit dem Bestreben Teherans, Wirtschaftspartner in der Nachbarschaft zu finden, um den Auswirkungen der westlichen Sanktionen entgegenzuwirken. Teheran und Aschgabat haben Wastnidge zufolge „beide mit einem gewissen Grad an strategischer Isolation zu kämpfen, die zum Teil auf ihren gemeinsamen Wunsch zurückzuführen ist, die Unabhängigkeit ihrer Außenpolitik zu wahren“.

Verhältnis zu Rußland

Darüber hinaus haben Turkmenistan und der Iran mit Afghanistan einen gemeinsamen Nachbarn. Die 20jährige US-Besatzung Afghanistans brachte Instabilität in die Region, und auch wenn nach dem US-Abzug die islamisch-fundamentalistischen Taliban die Macht übernommen und ein Abgleiten des Lands ins Chaos verhindert haben, geht mit der Terrorgruppe „Islamischer Staat in der Provinz Khorasan“ von Afghanistan ein potentielles Sicherheitsrisiko sowohl für den Iran als auch für Turkmenistan aus.

Anders verhält es sich mit den turkmenisch-russischen Beziehungen, die in der Vergangenheit nicht immer die besten waren. Staatsgründer Nijasow war darauf bedacht, in nicht zu große Abhängigkeit von Rußland zu geraten. Deshalb stand er dem Ende der 1990er Jahre von Washington zunehmend forcierten TAPI-Projekt durchaus wohlwollend gegenüber. Dabei handelt es sich um die Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Indien-Pipeline, die jedoch wegen des Afghanistankriegs der USA bislang nicht verwirklicht wurde. Rußland stand und steht dem TAPI-Projekt ablehnend gegenüber, weil dieses seine Bedeutung als Transitland für Erdgas verringern würde.

Inzwischen haben sich die Beziehungen zwischen Moskau und Aschgabat schon lange normalisiert, und am 8. April 2024 berichtete die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS, daß Turkmenistan bereit sei, die Zusammenarbeit mit Rußland auszubauen. Dem Bericht zufolge bestätigte der Vorsitzende des Volksrats Turkmenistans, Gurbanguly Berdimuhamedow, während eines Telefongesprächs mit der Sprecherin des Russischen Föderationsrats, Walentina Matwijenko, die Bereitschaft seines Lands, „die umfassende Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern auf der Grundlage der Prinzipien der strategischen Partnerschaft auszubauen, wobei die Beziehungen zwischen den Parlamenten ein wichtiger Teil sind“. Übrigens stellen die Russen mit einem Bevölkerungsanteil von sieben Prozent nach den Usbeken (neun Prozent) die zweitgrößte Minderheit in Turkmenistan.

Während des größten Teils ihrer Geschichte waren die Turkmenen unabhängig und standen außerhalb der Kontrolle großer Staaten. Auch nach ihrer Konversion zum Islam verbanden sie viele Elemente ihrer schamanistischen Religion mit dem neuen Glauben. – Die Akja-Gala-Karawanserei zählt zum UNESCO-Welterbe und war eine der bedeutendsten Karawansereien an der mittelalterlichen Seidenstraße von China nach Europa. © WikiMedia Commons / A.T. Orazow (CC BY-SA 3.0)

TAPI

Was die TAPI-Pipeline betrifft, hielt Washington trotz der immer prekärer werdenden Sicherheitslage in Afghanistan an seinen Plänen fest und suchte die Schuld lieber bei anderen. So erklärte im August 2012 der für Zentralasien zuständige US-Vizeaußenminister Robert Blake: „Einige amerikanische Unternehmen sind an einer Beteiligung interessiert“. Allerdings gebe es einen Störfaktor, und zwar Turkmenistan: „Es gibt eine Menge Risiken für die Beteiligung an dieser Rohrleitung. Teil ihrer [der US-Unternehmen] Überlegungen wird sein, welche Art von Anreizen Turkmenistan machen und internationalen Unternehmen anbieten wird, damit sich diese an dem Projekt beteiligen.“

Allerdings setzen die USA – wie in einigen anderen zentralasiatischen Staaten auch – gegenüber Turkmenistan nicht nur auf Anreize, sondern auch auf Mittel der Subversion. Wichtigste Instrumente dabei sind die Entwicklungshilfebehörde USAID und die halbstaatliche Stiftung National Endowment for Democracy (NED), die auch in Turkmenistan verschiedene Einrichtungen und Gruppen der sogenannten Zivilgesellschaft finanziell unterstützen. 2021 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – investierte das NED eigenen Angaben zufolge z.B. 146.000 US-Dollar in die „Förderung des Zugangs zu unabhängigen Medien“. Über den Förderungszweck heißt es, namentlich nicht genannte Empfänger würden täglich Nachrichten und eingehende Untersuchungen zur turkmenischen Kleptokratie auf ihren Kanälen im Internet veröffentlichen. Außerdem würden die Empfänger „auch gezielte Lobbyarbeit zu wichtigen Menschenrechts- und Kleptokratiethemen betreiben“.

Wie der „New Eastern Outlook“ im Juli 2019 berichtete, sind rund 3000 sogenannte Nichtregierungsorganisationen in Turkmenistan tätig. Und dabei investieren die USA sehr viel Geld: „Vor diesem Hintergrund ist es kaum ein Zufall, daß USAID in den letzten drei Jahrzehnten rund 450 Millionen Dollar für verschiedene Aktivitäten in Turkmenistan ausgegeben hat, davon 23,6 Millionen Dollar im vergangenen Jahr. Die Gesamtausgaben des National Endowment for Democracy überstiegen allein im vergangenen Jahr in diesem zentralasiatischen Staat 350.000 Dollar. Das ist enorm für ein armes Land.“ 2023 betrug das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Turkmenistan trotz der gewaltigen Erdgasvorkommen nur knapp 12.000 US-Dollar, was auf Korruption, Miß- und Vetternwirtschaft zurückzuführen ist. Obwohl das von Washington großzügig investierte Geld aufgrund der offenkundigen Mißstände eigentlich auf fruchtbaren Boden fallen müßte, lassen Erfolge auf sich warten: „Den Vereinigten Staaten ist es jedoch bisher nicht gelungen, in Turkmenistan eine große prowestliche Menge zu mobilisieren, wie sie es bereits im benachbarten Kirgisistan getan haben“, schreibt das Internetmedium.

Turkmenistan zeigt, wie wichtig in einem schwierigen geopolitischen Umfeld eine umsichtige, auf Neutralität bedachte Außenpolitik ist. So ist Turkmenistan nicht Teil der Organisation der Turkstaaten, obwohl es sich selbst zur türkischen Nation rechnet. Auf der anderen Seite stellt das Land auch unter Beweis, wie sehr Korruption und Mißwirtschaft verhindern, daß dem Volk die Früchte des Ressourcenreichtums des eigenen Staats zugute kommen. – Ansicht von Aschgabat, der Hauptstadt Turkmenistans.
© WikiMedia Commons / John Pavelka (CC BY 2.0)

Eine Nation – zwei Staaten

Seit Erlangung seiner Unabhängigkeit 1991 ist das wichtigste außenpolitische Grundprinzip Turkmenistans, eine Abhängigkeit von ausländischen Mächten zu vermeiden, weshalb die Neutralität auch in der Verfassung verankert ist. „Turkmenistan als vollwertiges Subjekt der Weltgemeinschaft verfolgt eine Außenpolitik der ständigen Neutralität, der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder, des Verzichts auf Gewaltanwendung und die Beteiligung an Militärblöcken und -bündnissen, der Förderung friedlicher, freundschaftlicher und gegenseitig vorteilhafter Beziehungen zu Ländern in der Region und Staaten der ganzen Welt“, wird unmißverständlich in Artikel 6 der turkmenischen Verfassung festgehalten. Die Neutralität dieses zentralasiatischen Staats wurde 1995 in einer Resolution der UN-Vollversammlung bestätigt. Sie ist auch der Grund, warum Turkmenistan nicht Mitglied des von Rußland geführten Militärbündnisses Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit oder der Organisation der Turkstaaten (OTS) ist.

Daß Aschgabat der OTS (der außer der Türkei Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan angehören) fernbleibt, zeigt, wie ernst Turkmenistan seine Neutralität nimmt (Turkmenistan hat aber, wie Ungarn und Nordzypern, Beobachterstatus in der OTS). Denn rund drei Viertel der Einwohner des Lands sind Turkmenen, also Angehörige eines Turkvolks, und die Staatssprache Turkmenisch ist mit dem Türkischen und dem Aserbaidschanischen eng verwandt. Im frühen Mittelalter nannten sich die Turkmenen Oghusen, zogen vom Altaigebirge durch die sibirischen Steppen nach Westen und ließen sich in der Region nieder, die heute als Turkmenistan bekannt ist, wobei es zur Konvertierung zum Islam kam. Heute bekennt sich die überwiegende Mehrheit der Turkmenen zum sunnitischen Islam, wobei die turkmenische Verfassung die strikte Trennung von Staat und Religion anordnet.
Mangels schriftlicher Zeugnisse ist die frühe Geschichte der Turkmenen nur schwer zu fassen. Das New Yorker Metropolitan Museum of Art, das eine beträchtliche Sammlung von turkmenischen Textilien und Schmuck besitzt, erklärt deshalb, „die Turkmenen haben eine lange Geschichte in Zentralasien, aber es ist über ihre frühe Geschichte nur wenig bekannt“. Bekannt sei, daß die Turkmenen in der Vergangenheit Hirtennomaden waren, die zum Islam konvertierten und ihn mit Elementen ihres vorislamischen Glaubens, der allgemein als Schamanismus bekannt ist, verbanden. Während des größten Teils ihrer Geschichte waren die Turkmenen unabhängig.

Die große Zäsur für die Turkmenen kam Ende der 1860er Jahre, als das Russische Reich mit der Eroberung Zentralasiens begann. 1881 kam es zur Schlacht von Schlacht von Geok Tepe („Blauer Hügel“), bei welcher der russische General Michail Skobelew in der Wüstenfestung in der Nähe der heutigen Hauptstadt Aschgabat 7000 Turkmenen massakrierte. Weitere 8000 wurden bei dem Versuch, durch die Wüste zu fliehen, getötet. Im selben Jahr erkannte der Iran im Vertrag von Achal das Gebiet des heutigen Turkmenistan als Teil des russischen Zarenreichs an. Die Oktoberrevolution von 1917 brachte abermals große Umwälzungen. Aschgabat wurde zu einem Stützpunkt der Antibolschewisten, und 1918 wurde der kurzlebige, bis 1919 bestehende „Transkaspische Staat“ gegründet. Erst 1920 konnten die Bolschewisten die Kontrolle über das Gebiet erlangen, das zuerst der Turkestanischen ASSR eingegliedert wurde. 1925 kam es dann zur Gründung der Turkmenischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Offenkundig fühlten sich die Turkmenen sehr wohl in der Sowjetunion, denn bei einem ersten Unabhängigkeitsreferendum im März 1991 stimmten 99,8 Prozent der Wähler für den Verbleib in der UdSSR. Wenige Monate später, am 27. Oktober, wurde Turkmenistan aufgrund des Zerfalls der Sowjetunion ein eigener Staat.
Nach am selben Tag erkannte die Türkei als erster Staat der Welt die Unabhängigkeit Turkmenistans an. Sie fühlt sich Turkmenistan aus mehreren Gründen verbunden, wie aus einer Stellungnahme des türkischen Außenministeriums hervorgeht: „Verbunden durch eine gemeinsame Geschichte, Sprache, Religion und Kultur, pflegen die beiden Länder ausgewogene besondere Beziehungen, die auf gegenseitigem Respekt, Zusammenarbeit und dem Prinzip ‚Eine Nation, zwei Staaten‘ beruhen.“ In der Praxis sind die türkisch-turkmenischen Beziehungen hingegen von Pragmatismus und jeweiligen Interessen geleitet. Die Türkei ist an turkmenischem Erdgas interessiert und betrachtet die Republik am Kaspischen Meer als Weg, um in Zentralasien Fuß fassen zu können.

Türkei, Neutralität, Korruption

Ende Oktober 2023 unterzeichneten der türkische Präsident Erdo?an und sein turkmenischer Amtskollege Berdimuhamedow ein umfassendes Kooperationsabkommen. „Wir haben Vereinbarungen in 13 Bereichen getroffen. Turkmenistan gehört zu den größten Ländern der Welt, was die Energieressourcen angeht. Turkmenistans Erdgas hat an strategischem Wert gewonnen. Wir legen Wert auf Schritte zur Energiesicherheit dank Kooperationsmechanismen“, sagte Erdo?an. Die Türkei arbeitet schon seit längerem daran, sich als Verteiler für Erdgas zu etablieren. Durch die durch das Schwarze Meer verlaufenden Erdgasleitungen „Blue Stream“ und „Turkish Stream“ fließt bereits russisches Gas nach Kleinasien, und die Errichtung einer bis in die Türkei reichenden transkaspischen Pipeline könnte die Pläne Ankaras Wirklichkeit werden lassen, das Land zu einer international bedeutsamen Energiedrehscheibe zu machen. Und diese Stellung soll in weiterer Folge die Rolle der Türkei als Regionalmacht stärken.

Turkmenistan zeigt auf der einen Seite, wie wichtig in einem schwierigen geopolitischen Umfeld eine kluge und umsichtige Außenpolitik ist und welchen Wert dabei die Neutralität hat. Aschgabat ist an guten Beziehungen zu allen wichtigen Akteuren interessiert, ohne sich jedoch vereinnahmen zu lassen. Auf der anderen Seite stellt Turkmenistan leider auch unter Beweis, wie sehr Korruption und Mißwirtschaft verhindern, daß dem Volk die Früchte des Ressourcenreichtums des Lands zugute kommen.

 
Neue Ordnung, ARES Verlag, A-8010 Graz, EMail: neue-ordnung@ares-verlag.com