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Echte Menschenwürde gegen falsche Menschenrechte

Ein Interview mit Chantal Delsol

Chantal Delsol ist eine französische Philosophin, Historikerin und Schriftstellerin. In konservativen Kreisen ist sie wohl am besten bekannt für ihre Ansicht, daß der moderne Westen nicht etwa im Abendrot des Christentums lebe, sondern sich vielmehr spätestens seit der Französischen Revolution – langsam, aber sicher – wieder dem Heidentum zugewandt habe. Dies war die Grundannahme ihres 2021 erschienenen Buchs „La Fin de la Chrétienté“ („Das Ende der christlichen Welt“). Als bekannte Intellektuelle im französischen öffentlichen Leben und katholischen Autorenkreisen hat sie noch etliche andere begeistert aufgenommene Bücher geschrieben, darunter „Icarus Fallen. The Search for Meaning in an Uncertain World“ (2003), „The Unlearned Lessons of the Twentieth Century“ (2006) und „Unjust Justice. Against the Tyranny of International Law“ (2008).

Von Alvino-Mario Fantini

Die französische Philosophin, Historikerin und Romanautorin Chantal Delsol (geb. 1947) war Schülerin von Hannah Arendt und Julien Freund. Zum deutschsprachigen Sammelband „Renovatio Europæ. Plädoyer für einen hesperialistischen Neubau Europas“ hat sie den Essay „Immigration: Gastfreundschaft und Allgemeinnutz. Eine alptraumhafte Antinomie“ beigetragen; 2017 zählte sie zu den Unterzeichnern des konservativen Manifests „Ein Europa, an das wir glauben können“ („Pariser Erklärung“), das unter thetrueeurope.eu in allen europäischen Sprachen abrufbar ist. – Delsol 2018 auf der Konferenz „Die Zukunft Europas“ in Budapest. © WikiMedia Commons / Elekes Andor (CC BY-SA 4.0)
Herausgeber Alvino-Mario Fantini ©.
Die US-Schriftstellerin Flannery O’Connor (1925–1964) schrieb 1955 an eine Freundin: „Wer in heutigen Zeiten lebt, der atmet Nihilismus. Ob innerhalb oder außerhalb der Kirche, er ist die Luft, die man atmet.“ Sie erachtete, ebenso wie der deutsch-jüdische Phänomenologe Max Scheler (1874–1928), das „Heilswissen der Religionen“ als liebende Teilhabe am Dasein aller Schöpfung für das höchste menschliche Ziel.

Wie Sie wissen, haben zahlreiche zeitgenössische Denker die Ansicht vertreten, daß das Konzept der „Menschenrechte“ rein intellektuell (und fehlerhaft) konstruiert sei und sich nicht verallgemeinern lasse. Ebensowenig könne (oder solle) es als Grundlage einer real existierenden öffentlichen Ordnung oder einer internationalen Rechtssetzung dienen. Andere sind der Meinung, anstelle der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 hätte eine „Allgemeine Erklärung der Menschenwürde“ verkündet werden sollen. Was ist ihre Auffassung dazu? Wie würden Sie einem Studenten erklären, was Sie zur Frage „Rechte“ vs. „Würde“ denken?

Ich bin tatsächlich nicht der Meinung, daß die Menschenrechte allgemein sind. Aber was bedeutet das? Das Christentum ist eine universalistische Religion, und revolutionäre Ideale neigten in der Vergangenheit dazu, diesen Universalismus aufzugreifen: Am Beginn steht die Prämisse, daß unsere Prinzipien nicht bloß unsere – ausschließlich unsere! – seien, sondern für alle menschlichen Wesen gälten. Daß also die Angehörigen anderer Kulturen, die diese Prinzipien gar nicht kennen, sie am Ende trotzdem begeistert übernehmen würden, weil sie auf einer fundamentalen Ebene auch ihre eigenen seien, denn sie teilen unser grundsätzliches ontologisches Wesen. In jüngeren Jahrzehnten wurde dieser Glaube an den Universalismus unserer Prinzipien durch die Tatsache verstärkt, daß viele Kulturen auf der Welt verwestlicht worden sind – und das nur selten mit Gewalt, sondern infolge von Begehren und Imitation. Man könnte sagen, daß wir an einen Universalismus der Verheißung glauben. Mit anderen Worten: Alle Menschen hoffen in gleicher Weise darauf, respektiert zu werden, frei und emanzipiert zu sein und so weiter, selbst wenn sie es zurzeit ganz und gar nicht sind.
Was also ist im Verlauf ungefähr des letzten halben Jahrhunderts passiert? Die meisten nichtwestlichen Kulturen wehren sich gegen unseren Allgemeinheitsanspruch und wenden ein, daß wir bloß unsere Besonderheiten den anderen aufzwingen wollten. In Wahrheit gibt es mehr als genug Hinweise, die darauf hindeuten, daß die Menschen in nichtwestlichen Kulturen so gut leben wollen, wie wir es getan haben, und daß sie zu diesem Zweck unsere Werte für sich selbst annehmen wollen (was ein Beweis für die Wahrheit des Universalismus wäre). Darauf erwidern unsere Gegner: Eure Werte sind wie eine Droge – sie bringen Begehren und Genuß, aber am Ende zerstören sie, weil sie eine Art Sucht erzeugen (z.B. eine Sucht nach Freiheit), die zur Maßlosigkeit und damit zur Zerstörung führt. Es ist klar, daß wir im Angesicht derartiger Kritik nicht länger behaupten können, allgemeine Erklärungen von Menschenrechten zu verkünden! Wir erleben eine brutale Verweigerungshaltung in der ganzen Welt, die uns aufgrund unserer Besonderheiten ablehnt. Ob es uns nun gefällt oder nicht: Das meiste, was wir mit Menschenrechten meinen, ergibt für uns und nur für uns einen Sinn – und das war’s. Das müssen wir mitbedenken.
Moral hat eine universelle Qualität, die zwangsläufig allgemein ausfällt, aber nichtsdestoweniger wichtig ist: Es geht um das Verständnis des Guten als etwas, das bindet (Liebe, Frieden, Vergebung), und des Bösen als einer Art von Trennung (Haß, Krieg: Diabolos bedeutet „Entzweiung“). Das ist eine Konstante in allen Kulturen, ohne Ausnahmen. Aber jede Kultur definiert Bindung und Trennung auf ihre eigene Weise. Wenn jemand also davon spricht, daß die Menschenwürde die Menschenrechte ersetzen sollte, dann ist die Schwierigkeit damit allein nicht gelöst. Schließlich läßt sich „Würde“ auf viele verschiedene Weisen definieren. Für einen pakistanischen Moslem liegt fraglos Würde darin, daß ein zwölfjähriges Mädchen mit einem viele Jahre älteren Mann verheiratet wird, wohingegen das für uns nichts anderes ist als ritualisierter Kindesmißbrauch, aus unserer Sicht das schlimmste Verbrechen.

Sie arbeiten schon seit vielen Jahren über das Wesen echter menschlicher und politischer Werte. Wie bewerten Sie deren Stand in der heutigen Zeit – und wer oder was ist die größte Bedrohung solcher Werte? Was können wir dagegen tun, wenn wir überhaupt etwas tun können?

Ich habe versucht, die Prinzipien unserer Kultur zu beschreiben – mir ist das Wort „Prinzip“ lieber als „Wert“, weil letzterer Ausdruck schon seit Nietzsche relativistisch besetzt ist. Unsere Prinzipien sind Grundvoraussetzungen, die wir in unseren Wurzeln finden und trotz allen Treibguts der Geschichte mit ihren ständigen Veränderungen in uns tragen. Was die gegenwärtigen Gefahren angeht, so werden unsere Prinzipien auf zwei Weisen bedroht. Erstens durch ihre Maß- und Grenzenlosigkeit. Zweitens durch eine Art Selbsthaß, der sie auf den Kopf zu stellen versucht.
Das Prinzip der Freiheit wird durch seine Maßlosigkeit bedroht, indem es von „Meine Freiheit endet, wo meine Verantwortung beginnt“ mutiert ist zu „Meine Freiheit endet, wo die Freiheit eines anderen beginnt“. Dadurch ist die Freiheit – zumindest im Hinblick auf Individuen, ungeachtet ihrer Verhältnisse zu anderen – heute zu einer Trägheitskraft geworden, ungebremst, gedankenlos, von sich selbst berauscht. Dann ist da noch der Wunsch, die Welt zu verändern, der dem Ideal von Verbesserung und Fortschritt folgt, selbst wenn das bedeutet, die Natur und die Wirklichkeit zu verneinen, und der uns dazu zwingt, im Namen des Strebens nach irgendeinem säkularen Gelobten Land in einer kollektiven Illusion zu leben (denken Sie nur an den aktuellen Transgender-Irrsinn). Darüber hinaus wird eines unserer essentiellsten Prinzipien – die Überzeugung, daß es objektive Wahrheiten gibt und nicht nur kulturell bestimmte Mythen, die uns zur Erfindung der modernen Naturwissenschaften befähigte – durch wachsenden Irrationalismus und Zweifel an den Wissenschaften selbst in Frage gestellt. Selbst unsere Vorstellung von linear verlaufender Zeit, die den Auffassungen aller anderen Kulturen seit der Heraufkunft des Judaismus von einer zyklischen Zeit widerspricht, steht zu Debatte: Westliche Ökologen wenden sich in ihrer Apokalyptik wieder zyklischen Zeitvorstellungen zu.

In Ihren Arbeiten, etwa „Unjust Justice“1, beschreiben Sie, wie das Völkerrecht und dessen Institutionen oftmals als Waffen eingesetzt werden. Vielen Menschen ist dieses Problem heute gar nicht bewußt, obwohl es so weit verbreitet ist. Können Sie das tyrannische Potential derartiger Strukturen kurz erläutern?

Sie werden auf zweierlei Weise als Waffen benutzt. Auf der einen Seite versuchen diese Gesetze, sich anderen Kulturen aufzunötigen, indem sie irgendeine universelle Gültigkeit für sich beanspruchen, während andere Kulturen natürlich viele Dinge oft völlig anders sehen – und den westlichen missionarischen Eifer dementsprechend als unerträgliche Übergriffigkeit ablehnen. Ich habe die Arbeiten kambodschanischer Studenten betreut, denen der Gedanke die Sprache verschlug, wir könnten Tribunale einrichten und über Pol Pot zu Gericht sitzen. Natürlich haßten sie ihn als einen Tyrannen, der ihr Land zerstört hatte, aber sie hätten die Abrechnung lieber dem Karma überlassen, was für viele von ihnen eher in Übereinstimmung mit ihren eigenen kulturellen Werten gewesen wäre.
Dann gibt es da noch wichtige Machtdynamiken, die die Vorstellung von Gerechtigkeit in der Sphäre des Völkerrechts zu einer Farce verkommen lassen. Diese Gerichte könnten sich schließlich angesichts ihres so wahrgenommenen Anspruchs auf Allgemeingültigkeit und ihrer scheinbaren Reichweite selbst als etwas Quasigöttliches begreifen. Doch in der Realität sind sie nur allzu menschlich. Sie sind sehr weltlich, und daraus folgen unweigerlich Unzulänglichkeiten, Fehler und Heucheleien – angesichts unserer Anmaßung oft ohne die Gelegenheit einer Abmilderung. Die Schwächsten werden verurteilt – nämlich diejenigen, die gefaßt werden konnten –, während die Mächtigsten entkommen. Wundert es irgend jemanden, daß sich von all den vielen Übeltätern fast ausschließlich afrikanische Diktatoren auf der Anklagebank wiederfinden? Was würden wir dazu sagen, wenn es in Frankreich ein Gesetz gäbe, das nur solche Kriminellen verurteilt, die langsam laufen, und alle anderen ungestraft ließe?

Was können unsere Leser tun, um dem Unrecht seitens dieser Strukturen widerstehen zu können?

Ich glaube, daß die Missetaten dieser Strukturen innerhalb des vergangenen Jahrzehnts ans Licht gekommen sind. In den ersten Jahren haben diese Gerichte die Angeklagten beispielsweise vorverurteilt. Das war wie in „Alice im Wunderland“ beim Prozeß gegen den armen Herzbuben: erst das Urteil, dann die Verhandlung! Die Richter waren selbstermächtigte Quasiinquisitoren, die glaubten, sie würden eine transzendente Form der Gerechtigkeit durchsetzen; sie sahen sich selbst fast schon wie gnostische Interpretatoren irgendwelcher steinernen Gesetzestafeln aus dem Himmel. So weit haben wir uns zurückentwickelt. Hinzu kommt, daß sich der „Globale Süden“ dieser Form von westlicher Inquisition nicht länger unterwerfen will.
Wir müssen erkennen, daß Europa, das die Durchsetzung der Menschenrechte mit missionarischem Eifer betrieb, sich hier einer veritablen hypnotischen Illusion hingegeben hat. Keine Großmacht in der Welt hielt sich an diese Regeln; so konnte das in Raserei geratene Europa nur gegen kleine, schwache Länder vorgehen.

Einer Ihrer ersten Beiträge zu unserer Zeitschrift war ein Aufsatz über die 1960er Jahre, der mir zu einem besseren und differenzierteren Verständnis einiger Beweggründe der frühren „Jugendbewegungen“ verhalf, aus denen später die gegenkulturelle Revolution wurde. Ich habe den Eindruck, daß im Herzen dieser Bewegungen die Idee der Liebe lag – zum Spirituellen, zur Umwelt, zu unseren Mitmenschen. Würden Sie meiner Interpretation zustimmen, daß der Kern dieses turbulenten Jahrzehnts in Wahrheit ein „Protest für die Liebe“ war? Haben das Phänomen und die Realität der „Liebe“ überhaupt etwas mit jener Zeit und den damaligen Protesten zu tun?

Für die 1960er und 1970er würde ich das nicht sagen. Ich denke, damals war der Beweggrund vor allem, daß man den starren Rahmen der christlichen Moralvorstellung, die mit dem Schwinden von Glauben und Praxis ihre Bedeutung verlor, überwinden wollte. Es war so weit gekommen, daß drakonische moralische Verpflichtungen aus Gewohnheit durchgesetzt wurden, ohne daß noch jemand wußte, warum eigentlich, oder gewillt war, derartige Bräuche als eine Prinzipienfrage zu verteidigen. Daraus ergab sich, daß sie fallen mußten. Es brauchte nur jemanden, der die Frage nach dem „Warum?“ stellte, und das Ganze fiel auseinander. Am Anfang stand das „Verbot des Verbietens“, später kam dann das Bedürfnis, „die Liebe zu lieben“.

Wo stehen wir heute im Vergleich zu den 1960ern? Wie hat sich unser Verständnis von „Liebe“ entwickelt und – vielleicht – auch verzerrt?

Das zuletzt genannte Bedürfnis – „die Liebe zu lieben“ – entwickelte sich zu einer Zeit, als der westliche Mensch, befreit von der alten christlichen Moralvorstellung und den daraus abgeleiteten Verhaltensregeln, unbewußt auf der Suche nach einer neuen Moralvorstellung war. Keine Gesellschaft kommt ohne einen moralischen Kompaß aus, an dem sie sich ausrichten kann, und wir sollten uns daran erinnern, daß aus dem Satz aus Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“: „Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt“, eine Klage und nicht etwa eine Begeisterung spricht. Wir nahmen also die alten biblischen Strukturen, trennten sie hastig von all ihren transzendenten, institutionellen und dogmatischen Wurzeln und bekamen am Ende etwas heraus, das gleichermaßen alt und neu war – ein nur allzu beliebter Kunstgriff in der Geistesgeschichte. Unsere neue, nachbiblische Moralvorstellung nahm ihren Anfang schon ein paar Jahrzehnte vor den 1960ern, sie wurde erstmals bei Autoren wie Max Scheler oder Flannery O’Connor erkennbar, und man taufte sie auf den Namen „Humanitarismus“. Darin sollte die biblische Liebe – frei von allen Prinzipien, Einschränkungen und tatsächlichen Gegebenheiten – das Ein und Alles sein, so als ob wir wirklich Engel wären. Was wir heute als „Inklusion“ bezeichnen, ist ein Beispiel für diese Akzeptanz allem gegenüber, ohne alle Bedingungen oder Einschränkungen. Das Verbot des Vorurteils bedeutet eine Liebe zu allem, ohne Grenzen. Und so weiter. Die menschliche Welt ist endlich, unvollkommen und tragisch – und aus diesen Gründen kann Liebe allein niemals die einzige treibende Kraft sein.

 

Das englischsprachige Originalinterview erschien in der Winterausgabe 2024 des Magazins „The European Conservative“ und wurde von dessen Herausgeber Alvino-Mario Fantini geführt. Wir bedanken uns für die Abdruckmöglichkeit.
Übersetzung, Anmerkung und Bildtexte von Nils Wegner.


1) Die von Fantini in der Einleitung genannten englischsprachigen Schriften Delsols sind eigens für ein amerikanisches Publikum zusammengestellt worden. Sie erschienen im Verlag des einflußreichen liberalkonservativen Akademikernetzwerks Intercollegiate Studies Association, der 2023 vom Großverlag Regnery Publishing übernommen wurde. In deutscher Übersetzung liegen bislang keine Bücher Delsols vor; ihr Essay „Immigration: Gastfreundschaft und Allgemeinnutz. Eine alptraumhafte Antinomie“ findet sich allerdings in dem Sammelband von David Engels (Hg.): Renovatio Europæ. Plädoyer für einen hesperialistischen Neubau Europas, Lüdinghausen 2019. Weiters gehörte Delsol im Oktober 2017 zu den 13 Unterzeichnern des konservativen Manifests „Ein Europa, an das wir glauben können“ („Pariser Erklärung“), das von der Bibliothek des Konservatismus in Berlin mitveröffentlicht wurde und unter thetrueeurope.eu in allen europäischen Sprachen abrufbar ist.

 
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