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„Das war kein Heldenstück, Octavio!“ Dieser aus Friedrich Schillers Drama „Wallensteins Tod“ (III, 9) stammende Ausruf des kaiserlichen Generalissimus Albrecht von Wallenstein gehörte bis vor ca. 40 Jahren noch zum Sprachschatz des deutschen Bildungsbürgers. Er zielte auf Ottavio Piccolomini ab, der seinen Förderer Wallenstein verraten und sich in dessen Machtkampf mit Ferdinand II. auf die Seite des Kaisers aus dem Haus Habsburg gestellt hatte. All das ist im heutigen „besten Deutschland, das es je gab“ so gut wie vergessen, ebenso die Figur Ottavio Piccolomini. Werfen wir deshalb hier einen Blick auf den historischen Ottavio, der ein Verräter und Glücksritter war, aber auch ein in hohem Maße fähiger militärischer Befehlshaber und dazu ein Mäzen der Künste.
Von Dr. Mario Kandil
Der am 11. November 1599 in Florenz geborene Ottavio Piccolomini entstammte altem italienischen Adel und zählte zu seinen Vorfahren Enea Silvio Piccolomini, der als Pius II. Papst war (1458–1464) und sich überdies als Historiker, Schriftsteller, Poet und Gelehrter hervortat. Ein hoher Kleriker war auch Ottavios Bruder Ascanio (ab 1628 Erzbischof von Siena), während der andere Bruder Enea ebenso wie der Vater der drei, Silvio Piccolomini, als Militär tätig war. Silvio bekleidete u.a. das Amt eines Großfeldzeugmeisters des Großherzogs der Toskana, während Ottavios Mutter aus einer Florentiner Patrizierfamilie stammte.
Ab 1636 in erster Ehe mit einer Prinzessin aus dem Hause de Ligne-Barbançon verheiratet, ehelichte Ottavio nach deren Tod (1642) im Jahr 1651 als zweite Gemahlin eine Tochter des Herzogs Julius von Sachsen-Lauenburg. Dieser gehörte zum engsten Umfeld Albrecht von Wallensteins, hielt diesem jedoch im Gegensatz zu Piccolomini am Ende die Treue und wurde hierfür inhaftiert. Erstaunlich mutet es an, daß Ottavio, der nach seinem Aufstieg in hohe Positionen als Mann von Lebensart und Geschmack galt, kinderlos blieb.
Piccolomini gilt als ein Paradebeispiel für den Aufstieg eines Feldherrn im Dreißigjährigen Krieg, an dem er als einer von nur wenigen vom Beginn bis zum Ende teilnahm und den er mitprägte. Seine edle Abkunft ersparte ihm viele Mühen einer sonst als „Ochsentour“ zu bezeichnenden Militärkarriere. Die begann er bereits mit knapp 17 Jahren, als er in der Lombardei in ein Regiment der spanischen Armee eintrat. In der Folgezeit focht er in spanischen und in kaiserlichen Diensten (also stets für das Haus Habsburg) in Oberitalien, in den kaiserlichen Erblanden und Ungarn, vor der niederländischen Stadt Breda und im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.
1619 gehörte Piccolomini dem Florentiner Regiment an, das neben anderen Einheiten Wien vor den dorthin vorgedrungenen böhmischen Rebellen unter Heinrich Matthias von Thurn abschirmte. In der für die katholische Sache so erfolgreichen Schlacht am Weißen Berg (8. November 1620) kämpfte Ottavio unter dem kaiserlichen Feldherrn Graf Bucquoy, der zu seinem ersten Lehrmeister wurde. Im Anschluß an dessen Tod trat er in das Kürassierregiment von Graf Gottfried Heinrich zu Pappenheim, einem bis heute wegen seiner Verwegenheit legendären Reiterführer, ein und zog mit ihm in den Krieg um das Veltlin (1625). Während Pappenheim 1626 zwecks Niederschlagung eines Bauernaufstands in Oberösterreich nach Deutschland zurückkehrte, blieb Piccolomini bei seiner Garnison in Mailand und führte dort das Regiment Pappenheims an dessen Stelle.
1627 kehrte Piccolomini ins Reich zurück und unterstellte die von ihm mitgebrachten 1000 Soldaten dem Kommando des kaiserlichen Generalissimus (seit 1625) Wallenstein, in dessen Dienste er eintrat. Zu dieser Zeit soll der Sienese laut Wallenstein-Biograph Golo Mann „ein schöner Jüngling [gewesen sein], ehe er fett und gemein wurde, ein Reiterführer von Verwegenheit und Können“. Zum Kommandeur von Wallensteins Leibgarde avanciert, wurde er von dem mächtigen Kriegsherrn auch mit diplomatischen Aufträgen betraut.
Im Jahr 1628 bei Wallensteins vergeblicher Belagerung Stralsunds dabei, mußte Piccolomini, der 1629 bereits 5000 Mann Kavallerie befehligte, 1630 unter dem Kommando des Grafen Collalto nach Italien in den Mantuanischen Erbfolgekrieg (1628–1631) ziehen. Infolgedessen befand sich der Sienese bei Wallensteins erster Absetzung durch Kaiser Ferdinand II. nicht in Deutschland, sondern kehrte erst Ende 1631 dorthin zurück, als der durch den Siegeszug von Schwedenkönig Gustav II. Adolf in arge Not geratene Kaiser Wallenstein bekniete, erneut kaiserlicher Oberbefehlshaber zu werden.
Dazu ließ sich der Herzog von Friedland und Mecklenburg letztlich auch erweichen, nachdem ihn Ferdinand mit fast unbeschränkten Vollmachten versehen hatte. In der am Ende unentschiedenen Schlacht bei Lützen (16. November 1632) trat der als Truppenführer überaus fähige Piccolomini noch auf dem Schlachtfeld die Nachfolge des tödlich verwundeten Pappenheim an, sammelte die teilweise fliehende kaiserliche Kavallerie und ritt mit ihr sieben Attacken gegen die Schweden, deren Monarch Gustav II. Adolf fast zur gleichen Zeit wie Pappenheim fiel. Piccolomini, dem fünf Pferde unter dem Leib erschossen worden sein sollen, rettete die Schlacht für die Kaiserlichen und wurde zur Belohnung Ende 1632 zum Generalwachtmeister befördert. Nach einem siegreichen Gefecht bei Steinau an der Oder (11. Oktober 1633) stieg der Reiterführer sogar zum General der Kavallerie auf.
Nach Lützen im Genuß des vollen Vertrauens des sonst höchst argwöhnischen, verschlossenen Wallenstein, stellte sich Ottavio in dessen immer stärker eskalierendem Streit mit Ferdinand II. auf die Seite des Kaisers. Nach außen heuchelte Piccolomini aber Loyalität gegenüber seinem Feldherrn und unterschrieb sogar den 1. Pilsener Revers, in dem 49 Offiziere und Generäle Wallenstein ihre Treue bekundeten (12. Januar 1634). Im Geheimen meldete der intrigante Sienese alles brühwarm nach Wien und bewirkte, daß Wallenstein schließlich als (angeblich) brandgefährlicher Hochverräter, der zum Feind überlaufen wolle, geächtet wurde. Parallel dazu trat Piccolomini zusammen mit den Generälen Matthias Gallas, Johann von Aldringen und Balthasar de Marradas an die Spitze des Komplotts gegen den immer mehr in Isolation geratenden Wallenstein. Nachdem dieser in Eger am 25. Februar 1634 zusammen mit seinen engsten Vertrauten durch kaisertreue Soldaten ermordet worden war, erhielt Piccolomini als Judaslohn nicht bloß aus Wallensteins Ländereien die 215.000 Gulden teure böhmische Herrschaft Nachod, sondern auch Geld und den Orden vom Goldenen Vlies. Frankreichs Kardinal Richelieu urteilte darüber so: „Er [Wallenstein] hatte Piccolomini aus dem Nichts zu hohem militärischen Rang erhoben, ihn überhäuft mit Gütern und Ehren; darum baute er auf ihn und irrte. Denn nicht jene, die wir uns am generösesten verpflichtet haben, sind die Treuen, sondern die Edelgeborenen, die Männer von Ehre und Tugend […].“
Über Wallensteins Leiche auf der Karriereleiter weiter emporkletternd, war Piccolomini in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Kriegs an beinahe allen erfolgreichen Aktionen der Kaiserlichen beteiligt, etwa an deren Sieg bei Nördlingen (5./6. September 1634). Ab 1635 kommandierte er ein Hilfskorps des Kaisers auf seiten der spanischen Habsburger gegen die Franzosen, die Spanien am 19. Mai 1635 den Krieg erklärt hatten. 1636 drang Ottavio gemeinsam mit dem Reitergeneral Johann von Werth in Nordfrankreich ein und bedrohte Paris, doch blieb diese einmalige Gelegenheit, Frankreichs Kapitale einzunehmen, ungenutzt.
Am 17. Juni 1639 errang Ottavio Piccolomini bei Diedenhofen einen glänzenden Sieg über die Franzosen und wurde dafür von Spaniens König Philipp IV. mit dem Herzogtum Amalfi belohnt. Im Herbst 1639 nach Böhmen beordert, um Erzherzog Leopold Wilhelm zu helfen, konnte Piccolomini Anfang 1640 die Schweden unter Johan Banér von dort vertreiben. Überdies schützte er Anfang 1641 den in Regensburg tagenden Reichstag vor einem Überraschungsangriff der Schweden unter Banér. Doch vergaben die Kaiserlichen danach die große Gelegenheit, die schwedische Armee vollständig einzukesseln und gefangenzunehmen, so daß das Gros der Schweden entkommen und den Krieg an der Seite Frankreichs fortsetzen konnte.
1642 zog Piccolomini in Mähren und Schlesien unter Erzherzog Leopold Wilhelm gegen den neuen schwedischen Generalissimus Lennart Torstensson. Dieser brachte der kaiserlichen Armee, die um das sächsische Heer verstärkt worden war, am 2. November 1642 in der Zweiten Schlacht bei Breitenfeld (die Erste hatte am 17. September 1631 stattgefunden) eine schwere Niederlage bei. Als Folge legten erst Leopold Wilhelm und danach Piccolomini das Kommando nieder. Der Italiener fühlte sich u.a. durch gegen ihn erhobene Vorwürfe wegen der Niederlage ungerecht behandelt und wechselte in spanische Dienste (1643).
Im Mai 1644 in Flandern eingetroffen, stand Piccolominis Kommando über die spanischen Armeen in den Niederlanden von Beginn an unter einem ungünstigen Stern. Zum einen hatte er die von ihm gewünschten umfassenden Vollmachten nicht erhalten, und in Anbetracht der Obstruktion der spanischen Autoritäten gegen ihn konnte er die ihm erteilten Befugnisse nicht ausschöpfen. Zum anderen war die spanische Armee ihren Gegnern zahlenmäßig unterlegen und besonders die Infanterie infolge der Niederlage bei Rocroi (19. Mai 1643) heruntergekommen. So konnte es kaum ausbleiben, daß 1644–1646 die Mißerfolge der Spanier überwogen und erst der Feldzug von 1647 wieder günstiger verlief. Als Piccolomini 1647 nach Spanien beordert wurde, folgte er diesem Ruf nicht, sondern suchte Ende des Jahres um seinen Abschied nach. Als Nachfolger des in der Schlacht bei Zusmarshausen am 17. Mai 1648 umgekommenen Feldmarschalls Peter Melander von Holzappel erhielt Piccolomini Ende Mai das von ihm seit langem angestrebte Oberkommando über die kaiserlichen Armeen und wurde zum Generalleutnant befördert. Seinen sehr erfolgreichen letzten Feldzug führte er in Bayern, wo es ihm bis Mitte Oktober gelang, die in das Kurfürstentum eingefallenen Franzosen und Schweden zunächst an Inn und Donau aufzuhalten und dann – bei gleichzeitiger Abordnung einer Verstärkung in das bedrohte Böhmen – zum Rückzug über den Lech zu nötigen.
Der Westfälische Friede (24. Oktober 1648) bedeutete nicht das Ende von Piccolominis Karriere. Seit Anfang der 1620er Jahre oft mit Verhandlungen über politische und militärische Fragen betraut, hatte er seinen Kriegsdienst schon früh mit einer regen diplomatischen Tätigkeit verbunden. Diese erreichte ihren Gipfelpunkt, als er 1649/50 als Gesandter des Kaisers (seit 1637 Ferdinand III.) am Nürnberger Exekutionstag zur Demobilisierung der auf Reichsboden stehenden Söldnerheere teilnahm. Für seine erworbenen Verdienste erhob ihn der Kaiser 1650 in den Reichsfürstenstand und setzte die Aufnahme Piccolominis mit Sitz und Stimme auf dem Reichstag durch.
Seine letzten Lebensjahre verbrachte Ottavio in Nachod, Wien und Prag. Nach Kriegsende ließ er, der bereits früh als Kunstsammler in Aktion getreten war, das Schloß Nachod umbauen und ausstatten – u.a. mit Gemälden, die seine Waffentaten verherrlichten und die er bei dem bekannten Schlachtenmaler Pieter Snayers in Auftrag gegeben hatte. Am 11. August 1656 starb Piccolomini in Wien bei einem Reitunfall. Er wurde in der Servitenkirche beigesetzt. Erbe der Herrschaft Nachod und seines Reichsfürstenstands wurde sein Großneffe Enea Silvio aus der Linie Piccolomini-Pieri, die im Jahr 1757 mit Ottavio Piccolomini (II.) endete.
Der Mann, der an Wallenstein zum Verräter wurde, war ein in hohen Graden tapferer und ausdauernder Soldat. Sein Organisationstalent kam bei der Wiederaufrichtung heruntergekommener oder geschlagener Armeen ganz besonders zum Tragen. Er war einer der fähigsten und verläßlichsten Generäle, auf die das Haus Österreich in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Kriegs zurückgreifen konnte, doch zu den überragenden Feldherren seiner Zeit gehörte er nicht. Für die Entwicklung des Heerwesens war Piccolomini durch sein Plädoyer für ein stehendes Heer von Bedeutung. Bei seinen Zeitgenossen war er umstritten und blieb es auch in der Historiographie noch lange.