Als Sibirien wird der etwa zehn Millionen Quadratkilometer große Teil Asiens bezeichnet, der zwischen dem Uralgebirge, den Bergketten am Ufer des Ochotskischen Meers, dem Nordpolarmeer und den Steppen Kasachstans sowie der Mongolei liegt. Im 18. Jahrhundert wurden jedoch viel größere Gebiete einschließlich des Urals und des Fernen Ostens Sibirien zugerechnet.
Von Wolfgang Akunow
![]() |
Für dieses weite Land, das eineinhalbmal so groß wie Europa ist, sind sowohl rauhes Klima als auch eine erstaunliche Vielfalt der Naturbedingungen kennzeichnend. Den nördlichen Teil Sibiriens bilden öde, unbewaldete Tundragebiete. Südlicher, im Zentralteil Sibiriens, erstrecken sich tausende Kilometer weit unendliche Urwälder, die sagenhafte Taiga, die im Laufe der Zeit zum eindrucksvollen und zugleich bedrohlichen Sinnbild dieser Region geworden ist. Im Süden Westsibiriens (zum Teil auch Ostsibiriens) gehen die Urwälder allmählich in trockene, von Bergketten und hügeligen Hochländern umrahmte Steppengebiete über.
Bei Westsibirien handelt es sich größtenteils um stark versumpfte Niederungen. Ostsibirien hingegen ist vornehmlich ein gebirgiges Land mit zahlreichen durch Felsgestein gebildeten Bergkuppen. Daher wurden die an Flachlandlebensbedingungen gewöhnten russischen Umsiedler besonders stark von Ostsibirien beeindruckt. Dieser gesamte, hinsichtlich seiner Landschaften und Lebensbedingungen recht unterschiedliche Großraum zwischen dem Uralgebirge und dem Stillen Ozean erschreckte die Neusiedler durch seine wilde Schönheit, beeindruckte sie durch seine majestätische Weite und lockte sie mit seinen Reichtümern. Die nach Sibirien gelangten russischen Pioniere fanden dort von teuren Pelztieren volle Wälder, fischreiche Flüsse und Seen sowie weite, brachliegende, doch fruchtbare Landflächen, die sich vortrefflich für Viehzucht und Ackerbau eigneten.
Was bedeutet eigentlich „Sibirien“? Darüber streiten sich Sprachwissenschaftler seit je. Manche Philologen leiten den Landesnamen aus dem mongolischen Schibir („Walddickicht“) ab, andere verbinden ihn mit dem Volk der Sabiren oder Sawiren, das möglicherweise im Altertum das wald- und steppenreiche Einzugsgebiet des Flusses Irtysch bewohnte. Jedenfalls war die Ausdehnung des Namens „Sibirien“ auf das gesamte nordasiatische Gebiet mit der russischen Landnahme jenseits des Uralgebirges ab Ende des 16. Jahrhunderts verbunden.
Nach dem Uralübergang gerieten russische Pioniere in ein zwar dünnbesiedeltes, jedoch seit alters her bewohntes Land. An der Schwelle des 16. und 17. Jahrhunderts lebten in Sibirien 200.000–220.000 Menschen. Die Bevölkerungsdichte war in Südsibirien höher als im äußerst dünnbesiedelten Nordsibirien. Nichtdestotrotz besaßen alle zahlenmäßig schwachen, weit über Waldsteppen, Taiga und Tundra verstreuten Völker und Stämme Sibiriens eine uralte und abwechslungsreiche Geschichte, obwohl sie sich sprachlich, wirtschaftlich und in der sozialen Entwicklung stark voneinander unterschieden.
Die meisten sibirischen Stämme lebten hauptsächlich von Jagd und Fischfang (denen übrigens auch höher entwickelte Völker als Nebengewerbe nachgingen). Einen besonders bedeutenden Platz nahm im Wirtschaftsleben der sibirischen Völker die Pelztierjagd ein, vor allem auf Zobel. Mit Rauchwaren wurde gehandelt und Naturaltribut bezahlt, und nur in ganz weit entlegenen Gebieten wurden Pelze ausschließlich zur Herstellung von Kleidung verwendet. Obwohl sich die eingeborenen sibirischen Völker sozial stark voneinander unterschieden, waren sie alle wirtschaftlich und kulturell den Völkern sowohl europäischer als auch der meisten südlicher liegenden asiatischen Länder stark unterlegen. Ackerbau und Viehzucht waren ihnen so gut wie unbekannt. Die Vorfahren einiger Völker Sibiriens hatten zwar in ferner Vergangenheit höhere Kulturformen hervorgebracht, diese verfielen jedoch infolge der verheerenden, die einheimische Bevölkerung dezimierenden fremdländischen Invasionen, innerer Zwistigkeiten sowie des Fehlens nachhaltiger Beziehungen zu den damaligen Zentren der Weltkultur.
![]() |
Die einzelnen Stämme Sibiriens wechselten ständig ihre Wohnsitze. Im äußeren und inneren Kampf geschwächte Stämme und Sippen nahmen die Sprachen, Sitten und Bräuche ihrer stärkeren Nachbarn an, vermischten sich mit ihnen und gingen häufig – unter Verlust der eigenen Identität – sogar in ihnen auf. Eine solche Assimilation war sowohl im vorrussischen als auch im russischen Sibirien weit verbreitet. Schwächere sibirische Stämme und Völker wurden durch stärkere nicht nur assimiliert und verdrängt, sondern auch tributpflichtig gemacht und zum Teil sogar versklavt. Fast alle Völker Sibiriens besaßen Sklaven, die bei bewaffneten Auseinandersetzungen mit Nachbarstämmen gefangengenommen worden waren. Solche Konflikte um Jagd- und Fischereigründe sowie für Kriegsbeute waren an der Tagesordnung.
Blutige interne Zwistigkeiten zwischen einzelnen Sippen innerhalb sibirischer Stämme, opferreiche Kriege zwischen einzelnen Stämmen, Plünderungen, die Verdrängung Unterlegener in öde Gebiete, Völkerunterjochung und -assimilation waren für das Leben in Sibirien typisch, und zwar seit je. Die nach Sibirien gelangten Russen konnten nicht sofort in den dortigen Handel und Wandel eingreifen und die dortigen Erscheinungen und Entwicklungen jäh verändern. Der russische Staat avancierte jedoch in Sibirien zu einer neuen, aktiven und wirksamen Macht. Bereits im 17. Jahrhundert zeigte er sich in der Lage, auf den gesamten historischen Entwicklungsverlauf der Völker Sibiriens entscheidend einzuwirken.
Es ist noch zu betonen, daß der Anschluß Sibiriens nicht nur Rußlands Hoheitsgebiet bedeutend erweitert, sondern auch Rußlands politischen Status entscheidend verändert hat. An der Schwelle des 17. Jahrhunderts wurde Rußland tatsächlich zu einem multinationalen Staat.
Die ersten russischen Pioniere gelangten möglicherweise bereits an der Schwelle des 12. Jahrhunderts nach Sibirien, in das „Land jenseits des Steins“ (wobei unter dem „Stein“ das Uralgebirge verstanden wurde), jedoch ohne nennenswerte Folgen. Erst die Expedition der Freischar von Wolgakosaken unter dem Donkosakenataman (Hauptmann) Jermak nach Sibirien im Jahr 1563 leitete Sibiriens regelrechte Erschließung durch die Russen ein. Den Kosaken schlossen sich zahlreiche ihren Feudalherren entlaufene hörige Bauern an, die sich jenseits des „Steins“ ein neues Leben ohne Fron und Not erhofften. Jermaks Sibirienexpedition war nur ein Markstein im langwierigen Prozeß der russischen Landnahme im Osten. Wo aber lagen die Gründe für den beharrlichen russischen „Drang nach Osten“?
Der Beginn der Erschließung Sibiriens durch die Russen ausgerechnet am Ende des 16. Jahrhunderts war kein Zufall. Ursprünglich erhielt der russische Staat besonders wertvolle (vor allem Zobel-)Pelze größtenteils aus den nordeuropäischen Perm- und Petschoragebieten, deren Pelzreichtümer jedoch mit der Zeit erschöpft wurden, während die Nachfrage nach kostbaren Rauchwaren (vor allem im Ausland) ständig zunahm. Russische Zobelpelze waren seit alters in vielen Ländern Europas und Asiens eine begehrte Luxusware. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts nahmen Rußlands Möglichkeiten auf dem Gebiet der recht profitablen Rauchwarenausfuhr jäh zu, weil sich das Moskowiterreich nunmehr direkter Handelsbeziehungen mit Westeuropa über das Weiße Meer und (nach der Einverleibung der wolgatatarischen Khanate Kasan und Astrachan) auch der Kontrolle über die gesamte Wolga-Wasserstraße erfreute und somit die Möglichkeit erhielt, russische Rauch- sowie andere Waren direkt in die europäischen Länder auszuführen.
Im Lichte dieser für Rußland äußerst günstigen Konstellation geriet Sibirien mit seinen scheinbar unerschöpflichen Pelzreichtümern wie nie zuvor in den Blickpunkt. Sibirische „Zobelgebiete“ lockten immer mehr private Händler an. Anderseits war auch der russische Staat an den sibirischen Pelzreichtümern interessiert. Die erstarkende Staatsmacht hatte ihren Preis. Je rascher die Staatsausgaben wuchsen, desto schwieriger wurde es, den schwindenden Staatsschatz wieder aufzufüllen. Daher eröffnete Sibirien mit seinen einmaligen Ressourcen dem russischen Staat großartige Wirtschaftsperspektiven. Eine weitere wichtige Voraussetzung der Erschließung Sibiriens durch die Russen war dessen Nähe zu China und Indien. Der russische Fiskus versprach sich vom chinesischen und indischen Handel sagenhafte Profite.
Hinzu kam die Hoffnung, „jenseits des Steins“ reiche Gold- und Silbervorkommen zu erkunden (was sich später auch bewahrheitete). Rußland hatte keine eigenen Vorräte dieser Edelmetalle, brauchte jedoch immer größere Mengen davon. Deshalb war das russische Staatsprogramm der Erschließung Sibiriens darauf ausgerichtet, festen Fuß in diesem weiten Land zu fassen. Zu diesem Zweck wurden in Sibirien neue Städte gegründet und Ackerbauern sowie im Staatsauftrag tätige Handwerker angesiedelt. Parallel zu Sibiriens wirtschaftspolitischer Erschließung war der russische Staat auch darum bemüht, allerlei unruhige, politisch unzuverlässige Bevölkerungselemente loszuwerden und diese zumindest aus Mittelrußland zu entfernen. Daher wurden Straftäter und Teilnehmer an Volksaufständen immer häufiger nach Sibirien verbannt. Sie bildeten einen beachtlichen Teil der Neusiedler jenseits des Uralgebirges, vor allem in wohnlich weniger günstigen Gebieten. Davon wird später noch die Rede sein.
![]() |
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts überwand das Moskowiterreich die letzten Folgen der feudalstaatlichen Zersplitterung und verwandelte sich in einen straff zentralisierten Obrigkeitsstaat. Weit in die Vergangenheit zurückreichende Beziehungen mit der Bevölkerung jenseits des Uralgebirges sowie die durch russische Gewerbetreibende und Händler ostwärts gebahnten Wege bereiteten den Anschluß der sibirischen Region an den russischen Staat vor. Zu Beginn des Anschlusses von Westsibirien befanden sich die Eingeborenen auf der Entwicklungsstufe der Stammes- und Sippenordnung, die in einem stärkeren oder schwächeren Maße im Verfall begriffen war. Nur die sogenannten Toboltataren hatten diese Ordnung bereits überwunden und besaßen ein als das Sibirische Khanat bekanntes primitives Staatsgebilde. 1563 wurde das Gebiet des Sibirischen Khanats durch den Dschingisiden (einen fernen Nachkommen des großen mongolischen Eroberers Dschingis-Khan) Kutschum erobert. Die Regierung des russischen Zaren Iwan IV. des Gestrengen versuchte zunächst, die Beziehungen zu Kutschum auf diplomatischem Verhandlungswege zu regeln, beauftragte jedoch vorsichtshalber die steinreichen Salzproduzenten und -händler aus dem Geschlecht der Stroganows, deren Hauptlandbesitz im grenznahen Gebiet Perm lag, mit der Verteidigung der russischen Ostgrenze.
Im Sommer 1573 fielen Khan Kutschums sibirische Tataren in die Ländereien der Stroganows ein. Gegen diese Gefahr stellten die Stroganows unter Nutzung des vom Zaren erhaltenen Privilegs, Truppen anzuheuern, ein Kosakenheer mit dem Donkosaken Jermak an der Spitze auf. Ataman Jermak fuhr den Fluß Tschussowaja hinauf, überwand das Uralgebirge und setzte seinen Kriegszug flußabwärts jenseits der Ostural-Bergabhänge weiter fort. Überall besiegten seine mit Feuerwaffen bewaffneten Kosaken Kutschums Tataren (die nur mit Pfeil, Bogen, Speer und Säbel bewaffnet waren) und eroberten immer weitere sibirische Gebiete. Der Kriegszug dieser Kosakenfreischar spielte eine bedeutende Rolle in der Vorbereitung des Anschlusses des Transuralgebiets an den russischen Staat. Er schuf die Möglichkeit einer weitgehenden wirtschaftlichen Erschließung Sibiriens durch die Russen. Jermaks Kosakengefolgschaft versetzte Kutschums Herrschaft über das Sibirische Khanat den Todesstoß. Kutschum konnte zwar in die Steppe entkommen, von wo aus er die Russen noch einige Jahre lang bekriegte, das Sibirische Khanat jedoch existierte nicht mehr. Das Gros der westsibirischen Tataren akzeptierte Rußlands Oberherrschaft. Die zuvor durch Kutschum unterjochten Baschkiren, Mansis und Chanten, die in den Einzugsgebieten der Flüsse Tura, Tawda, Tobol und Irtysch lebten, unterwarfen sich ebenfalls Rußlands Oberhoheit. Auch die chantische und mansische Bevölkerung auf dem linken Ufer des Flusses Ob in seinem Unterlauf wurde endgültig Rußland angeschlossen.
![]() |
Es sei betont, daß nicht etwa russische Regierungstruppen, sondern freie und wehrhafte Söhne eines freiheitsliebenden Volks die einheimische Bevölkerung Sibiriens vom Joch des landfremden Dschingisiden Kutschum befreiten und am Anfang der Eingemeindung und Erschließung Sibiriens standen. Nachdem Jermaks Kosaken die „Hauptstadt“ des Sibirischen Khanats, Isker, erobert und Kutschums Heer endgültig geschlagen hatten, mußten sie sich zwangsläufig über die Verwaltung des eroberten Riesengebiets Gedanken machen. Den siegreichen Ataman Jermak hinderte nichts daran, in Sibirien einen eigenen freien Kosakenstaat zu gründen. Statt dessen zog es der Kosakenataman vor, Sibirien im Namen des fernen Zaren zu verwalten, die örtliche Bevölkerung auf den Zaren zu vereidigen und den Sibirjaken die staatliche Steuer – Jassak – aufzubürden.
Jermak und seine Unteratamane ließen sich von rein militärischen Überlegungen leiten. Sie sahen die Unmöglichkeit ein, Sibirien ohne direkte Unterstützung der Streitkräfte des russischen Staats nachhaltig zu beherrschen. Nach ihrer Entscheidung, Sibirien Rußland anzuschließen, beschlossen sie, von Moskau militärische Hilfe zu erbitten. Dieses Hilfsgesuch an Zar Iwan IV. prägte alle weiteren Handlungen der Eroberer Sibiriens. Ataman Jermak und seine nächsten Vertrauten hatten jahrelang im Zarenheer gedient. Die Entscheidung, ihren Wehrdienst wiederaufzunehmen, schien ihnen der beste Ausweg aus der entstandenen Lage zu sein. Indessen bestand mehr als die Hälfte von Jermaks Freischar nicht aus ehemaligen Zarendienstmannen, sondern aus „räuberischen Kosaken“, die per Zaren-Ukas (Erlaß) in Rußland als vogelfrei galten. Diesen vogelfreien Kosaken fiel die Entscheidung, sich an den Zaren zu wenden, alles andere als leicht.
Der Geist des Sozialprotests wich nie aus dem Gemüt des freien Kosakentums und aller der feudalistischen Fron Entlaufenen, die in den der zaristischen Verwaltungsmacht unzugänglichen fernen Randgebieten Zuflucht suchten. Die Besonderheit ihrer Vorstellungswelt bestand jedoch darin, daß sie die Schuld an ihrer Not nicht dem über alles Irdische erhabenen und fast gottgleichen orthodoxen Väterchen Zar, sondern dessen Ratgebern, den Bojaren, Adeligen und Beamten als den eigentlichen Schindern des gemeinen Volks zuschoben. Diese zaristischen Illusionen waren den ausgebeuteten Volksmassen sowohl in den Zeiten außenpolitischer Erfolge des Zaren Iwan des Gestrengen als auch in den Zeiten der schweren Not eigen, die Rußland in der Schlußphase des Livländischen Kriegs heimsuchte. Iwan IV. hat wahre Ströme von Blut seiner Untertanen vergossen. Dafür war er beim russischen Bojarenhochadel verhaßt. Beim gemeinen Volk blieb er jedoch stets beliebt, und diese in den Jahren der Eroberung der Wolgatatarenreiche Kasan und Astrachan erworbene Beliebtheit blieb trotz Massenhinrichtungen und Niederlagen in Iwans Kampf gegen die Krimtataren und im Livländischen Krieg gegen den Deutschen Orden, Schweden und Polen-Litauen bestehen.
Auch die Entscheidung von Jermaks Kosaken, den Zaren um Beistand zu ersuchen, zeugte von Iwans IV. Beliebtheit sowohl unter seinen ehemaligen Kosakendienstmannen als auch, wenngleich mit gewissen Vorbehalten, unter den „räuberischen“ Kosaken. Einige von der Zarenregierung für vogelfrei erklärte Kosakenatamane hofften, ihre früheren Vergehen durch die Eroberung Sibiriens zu sühnen. Im Frühjahr 1583 sandte der Kosakenkrug (Thing) als oberstes Gremium (Ataman Jermak war kein Alleinherrscher) Boten mit der Kunde von der Unterwerfung Sibiriens nach Moskau. Der im Westen hart bedrängte Zar Iwan wußte die Nachricht gebührend einzuschätzen und hielt es für ratsam, seinen Wojewoden (Heerführer) Balchowskij an der Spitze eines starken Truppenkontingents zu Jermaks Unterstützung nach Sibirien abzukommandieren. Im Frühjahr 1584 brachen jedoch nach Iwans IV. plötzlichem Tod in Moskau Volksunruhen aus, und die geplante Sibirienexpedition geriet im allgemeinen Wirrwarr eine Zeit lang in Vergessenheit.
Erst nach fast zwei Jahren erhielten Jermaks freie Kosaken Hilfe von Moskau. Es fragt sich, wie sie sich trotz ihrer geringen Mannstärke und ihrer begrenzten Ressourcen so lange in Sibirien zu halten vermochten. Der wohl wichtigste Grund für Jermaks Erfolg bestand in folgendem: Die freien Kosaken hatten während ihrer langen Kriege gegen die Steppentataren im sogenannten Wilden Feld (dem damals öden und erst später urbar gemachten „Neurußland“ bzw. „Noworossien“) reiche Erfahrungen gesammelt. Die Kosaken pflegten, ihre befestigten Siedlungen hunderte Kilometer von den russischen Staatsgrenzen entfernt zu gründen. Diese Kosakenstanizen waren von allen Seiten durch Tatarenhorden umringt. Die Kosaken hatten es erlernt, diese trotz deren zahlenmäßiger Überlegenheit erfolgreich zu bekämpfen. Unter anderem durch den Gebrauch von Feuerwaffen, die sie samt Munition in russischen Grenzfestungen erwarben.
Nicht minder wichtig für Jermaks Erfolg war die innere Instabilität des Sibirischen Khanats. Seitdem Khan Kutschum den sibirischen Khan Ediger ermordet und dessen Khanat unter die eigene Botmäßigkeit gebracht hatte, mußte er jahrelang ununterbrochen blutige Kriege gegen seine aufsässigen Untertanen führen. Sowohl durch militärische Gewalt als auch durch List und Tücke vermochte er es schließlich, die rebellischen tatarischen Fürsten (Mursas) zu besiegen und die chantisch-mansischen Eingeborenenstämme tributpflichtig zu machen. So konnte er sich, von seiner aus landfremden Nogajern und Kirgisen bestehenden Garde umgeben, schließlich als oberster Herrscher Sibiriens behaupten. Die Kutschum durch Jermaks Kosaken zugefügten militärischen Niederlagen hatten jedoch einen neuen Ausbruch von Fehden innerhalb der herrschenden tatarischen Oberschicht zur Folge. Der tatarische Adel begann, Kutschums Hof zu verlassen.
Nicht nur tatarische Mursas, sondern auch immer mehr eingeborene mansische und chantische Kleinfürsten und Stammesälteste weigerten sich, weiterhin Kutschums Herrschaft anzuerkennen. Manche von ihnen versorgten sogar die Kosakenschar mit Nahrungsmitteln. Dies half den Kosaken, nicht nur zu überleben, sondern auch wehrhaft zu bleiben. Selbst Jermaks sagenumwobener Tod in einem Scharmützel mit versprengten Tataren änderte so gut wie nichts an dieser Tatsache. Eine weitere Beschreibung der militärischen Auseinandersetzungen würde weit über den Rahmen dieses Artikels gehen. Es genügt, festzustellen, daß zahlreiche russische Handelshäuser im Zuge der Landnahme eine rege Tätigkeit in den neuerschlossenen Gebieten entfalteten. Die wirtschaftlichen Vorteile, die die örtliche Bevölkerung aus den Handelskontakten mit diesen „friedlichen“ Russen zog, waren der Hauptfaktor, der Sibiriens Anschluß an Rußland beschleunigte. Bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde ganz Sibirien bis zum Stillen Ozean ein fester Bestandteil Rußlands mit zahlreichen russischen Verwaltungszentren in Form von Städten und Ostrogen (Stützpunkten). Viele von ihnen wurden zu Zentren neugebildeter Ujesde (Distrikte) des russischen Staats.
Der Anschluß Sibiriens an Rußland war mehr als ein rein machtpolitischer Akt. Eine viel wesentlichere Rolle bei Sibiriens Einverleibung spielten die wirtschaftliche Erschließung der Gebiete durch das russische Volk, die Entwicklung der Produktivkräfte und die Entfaltung der Produktionsmöglichkeiten dieser hinsichtlich ihrer Bodenschätze und Naturreichtümer einmaligen Region. Da die Suche nach reichen Pelztierjagdgebieten mit zu den Hauptstimuli der russischen Erschließung Sibiriens zumindest in deren Anfangsphase gehörte, drangen die Russen vor allem in sibirische Taiga- und Tundragebiete vor, die besonders reich an Pelztieren waren. Dieses Vordringen wurde durch die außerordentlich dünne Besiedelung von Taiga und Tundra infolge der verheerenden Raubzüge der mongol- und turksprachigen Nomaden erleichtert, die lange Zeit beinahe ungehindert die Steppen- und Waldsteppengebiete Südsibiriens heimsuchen konnten und diese fast entvölkerten.
![]() |
Die wichtigste Besonderheit der Besiedlung Sibiriens bestand darin, daß diese direkt vom russischen Staat organisiert wurde. Die Erschließung Amerikas durch England verlief hingegen anders. In England vertrieben die Großgrundbesitzer die freie Landbevölkerung von deren Schollen, die in Weideplätze für Schafe zur Wollproduktion verwandelt wurden. Die landlos gewordenen Bauern mußten zwangsläufig zu Manufakturarbeitern, Erwerbslosen oder zu Kolonisten „jenseits des Großen Teichs“ werden. Der russische Staat erfreute sich keiner so hohen Bevölkerungsdichte wie England und andere westeuropäische Staaten. Daher war die Bevölkerungswanderung nach Sibirien im 16. bis 19. Jahrhundert weniger eine Folge von Übervölkerung und Landmangel als vielmehr eine Folge der staatlichen Mobilmachung der Bevölkerung.
Die erste Etappe der Erschließung Sibiriens bestand im raschen Vordringen russischer Pioniere zum Stillen Ozean und im Bau von Stützpunkten. Das Zarenreich war an mobilen, wehrhaften und freiheitsliebenden Elementen reich, die sich jenseits des Uralgebirges ein neues, besseres und freieres Leben erhofften. Außer den bereits erwähnten Kosaken, die allmählich ihr freies Leben gegen den harten staatlichen Wehrdienst eintauschen mußten, spielten auch die traditionell mit dem Ural verbundenen pelzgewerbetreibenden freien Städter und Bauern des russischen Nordens (des ehemaligen Gebiets der Nowgoroder Republik) eine aktive Rolle bei der Erschließung Sibiriens. Später kamen immer mehr Umsiedler aus dem Wolgagebiet, West- und Südrußland hinzu. Allmählich, besonders seit dem Machtantritt Zar Peters des Großen, der mit harter Hand regierte, ging die Erschließung Sibiriens durch freie Umsiedler aber stark zurück.
![]() |
Es sei jedoch betont, daß selbst die ersten, freien Pioniere nicht so schnell hätten vordringen und Sibiriens erschließen können, wenn hinter ihnen nicht der russische Staat gestanden wäre. Es war das Menschen- und Materialpotential des Zarenreichs, das den schnellen Sprung zum Stillen Ozean gewährleistete. Die russischen Ostrog-Garnisonen und die umliegenden Siedlungen wurden durch Zarendienstmannen und angeworbene Neusiedler aufgefüllt. Die als erste Umsiedler gekommenen Strelizen, Kanoniere und andere Wehrmänner wurden per Ukas dorthin entsandt. Ihnen folgten ebenfalls per Dekret angeworbene und entsandte Zimmermänner, Schmiede, Handwerker jeder Art, Geistliche usw.
Einen weiteren Teil der Neusiedler bildeten nach Sibirien Verbannte. Bereits unter dem letzten Herrscher aus dem Geschlecht der Rurikiden, Feodor, einem Sohn Iwans des Gestrengen, wurden 1593 mehrere rebellische Bürger der russischen Wolgastadt Uglitsch in die jenseits des Uralgebirges gelegene Stadt Pelym verbannt. Seitdem wurde Sibirien zum Siedlungsort für Verbannte aller Art – Verbrecher und Aufständische. Aufsässige Don- und Dnjeprkosaken wurden ebenso nach Sibirien verbannt wie in russische Kriegsgefangenschaft geratene bzw. wegen Rebellion bestrafte Untertanen der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Auch für den Heeresdienst rekrutierte russische Städter und Bauern wurden nach Sibirien geschickt. All das führte schon ab den 1640er Jahren zu einem Bevölkerungszuwachs. Viele russische Soldaten und Siedler heirateten eingeborene Frauen und sorgten so für Nachwuchs.
Der Zar brauchte in Sibirien, das auf die Dauer nicht mit allem Notwendigen aus Rußland versorgt werden konnte, aber nicht nur Soldaten, sondern auch Landwirte zwecks Schaffung einer eigenen Nahrungsmittelbasis sowie Gewerbetreibende. Ein typisches Merkmal der russischen Erschließung Sibiriens im Unterschied zur Erschließung Amerikas durch die Briten bildete die den Umsiedlern staatlicherseits erwiesene, beachtliche materielle Unterstützung. Sowohl Wehrmänner als auch Bauern wurden auf Staatskosten umgesiedelt. Die Höhe der materiellen Hilfe schwankte zwischen 25 und 135 Rubel. Den vom Staat nach Sibirien umgesiedelten Bauern wurden etwa die Umzugskosten erstattet. So erhielten z.B. die jenseits des Ural umgesiedelten Bauern des Ussolje-Distrikts pro Familie 25 Rubel von den staatlichen Zentral- sowie weitere 110 Rubel von den Lokalbehörden. Die umgesiedelten Bauern wurden für acht Jahre von der Steuerabgabe an den Staat befreit und von den örtlichen Behörden mit Lebensmitteln, Werkzeugen, Vieh, Saatgut usw. versorgt. Alle Darlehen waren kostenlos. Manchmal wurde sogar der den Umsiedlern durch Brand, Unwetter, Kriegshandlungen und Nomadenüberfälle zugefügte Sachschaden staatlicherseits entschädigt. Dadurch konnte der russische Staat in Sibirien, das nie die Leibeigenschaft kannte, innerhalb einer – historisch gesehen – kurzen Frist einen selbständigen Stand freier sibirischer Bauern und Städter formieren.
Der sibirische Bauernstand wurde auch durch russische Altgläubige ergänzt, die die durch den Patriarchen Nikon und den Zaren Alexius durchgeführte Kirchenreform nicht anerkannten und dafür im europäischen Rußland verfolgt wurden. Im Prinzip gab es drei Entstehungsquellen des freien sibirischen Bauernstands:
Es ist ferner zu betonen, daß sich die Verbannten in der Anfangsphase von Sibiriens Erschließung beachtlich von den „sprichwörtlichen“ Verbannten des 19. und erst recht des 20. Jahrhunderts unterschieden. Diese „frühzeitlichen“ Verbannten versahen dort gleich Zarendienstmannen und Kosaken eine Art Staatsdienst und erhielten dafür von den Behörden Land, Geld und Nahrungsmittel. Eine derart milde Behandlung resultierte aus dem damals akuten Mangel an menschlichen Ressourcen sowie aus der schwachen materiellen Basis der Lokalbehörden. Daher gab es im damaligen Sibirien nur wenige Strafgefangene, die als „überflüssige Esser“ in Haft gehalten wurden. Im 18. Jahrhundert verringerte sich der Zustrom freier Umsiedler nach Sibirien infolge der jäh verschärften Staatskontrolle. So gut wie alle Wege der illegalen Umsiedlung wurden durch die Polizeibehörden gesperrt. Die Straßen wurden scharf kontrolliert, die Autonomie der sibirischen Lokalbehörden bedeutend eingeschränkt.
Fortan erfolgte die Besiedlung Sibiriens größtenteils aus den ersten beiden „offiziellen“ Quellen. Per Zarenerlaß wurden hörige Bauernrekruten statt für den Heeresdienst (der zehn Jahre dauerte) zur Besiedlung Sibiriens verwendet, u.a. zwecks Post- und Straßendienst, vor allem nach dem Bau der ganz Sibirien durchquerenden großen Moskauer bzw. Sibirischen Straße, aber auch als Arbeiter in den sich mehrenden Industriebetrieben. Gleichzeitig wurde Sibirien, insbesondere die Transbaikalregion, auch durch angeworbene freiwillige Umsiedler einschließlich zahlreicher Altgläubiger bevölkert. Der natürliche Bevölkerungszuwachs kam hinzu. Auch die Anzahl der nach Sibirien Verbannten nahm beachtlich zu. 1753 wurde die Todesstrafe durch die Verbannung nach Sibirien ersetzt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts betrug der Verbanntenanteil mehr als vier Prozent, 1833 mehr als zehneinhalb Prozent der gesamten Bevölkerung Sibiriens.
Ab 1760 wurden immer mehr ursprünglich für den Wehrdienst bestimmte Bauern nach Sibirien umgesiedelt, für die Dauer von drei Jahren von allen Steuern und Abgaben befreit und danach rechtlich den staatlichen Bauern gleichgesetzt. Am 8. April 1843 erließ der begabte Staatsmann Graf Kisseljow ein Dekret über die Umsiedlung von Staatsbauern der europäischen Gouvernements jenseits des Ural. Zu den früheren Vergünstigungen kam noch eine weitere hinzu: Den Umsiedlern wurden die von ihnen am früheren Wohnort nicht bezahlten Steuerschulden erlassen. Am neuen sibirischen Wohnort erhielten sie 15 Dessjatinen (rund 16,5 Hektar) Land pro Kopf und wurden für drei Truppenaushebungsperioden vom Rekrutendienst befreit. 1845 bis 1855 kamen auf diese Weise 90.600 Bauern nach Sibirien. Ab diesem Zeitpunkt begann der Anteil von Verbannten an der Gesamtbevölkerung Sibiriens zu sinken.
![]() |
![]() |
![]() |
Einen neuen Meilenstein der Erschließung Sibiriens bildete der Bau der großen Transsibirischen Eisenbahn 1891–1916. Diese ohne ihre als Ostchinesische Eisenbahn bekannte Abzweigung rund 7000 Kilometer lange (und somit weltlängste) Eisenbahn zwischen dem sibirischen Tscheljabinsk und dem pazifischen Wladiwostok verband den europäischen Teil Rußlands mit den größten ostsibirischen und fernöstlichen Industriestädten. Ihr Bau ermöglichte ab 1905 den direkten Eisenbahnverkehr zwischen dem Atlantik (Westeuropa) und dem Pazifik (Wladiwostok).
Die Regierung des energischen Reformers Stolypin verabschiedete eine ganze Reihe neuer Gesetze über die Umsiedlung von Bauern in die Randgebiete Rußlands. Per Dekret vom 10. März 1906 wurde allen Interessenten das uneingeschränkte Recht gewährt, in die Randgebiete umzusiedeln. Im Gesetz vom 14. Juni 1910 wurden die Regeln des Austritts der Bauern aus der Bauerngemeinde (Mir) festgelegt. Die Regierung stellte Finanzmittel für den Straßenbau, die wohnliche Umsiedlereinrichtung am neuen Wohnort, ärztliche Betreuung usw. bereit. Jeder Umsiedler erhielt ein kostenloses Darlehen in Höhe von 150 Rubel. In Sibirien und im Fernen Osten wurden spezielle Umsiedlungsgebiete und -behörden eingerichtet, die für die Landvermessung, Agronomie, Bewässerung, Straßenbau usw. zuständig waren. Nicht nur Russen, sondern auch Ukrainer, Weißrussen, Letten, Esten, Deutsche, Juden, Mordwinen und andere siedelten in Sibirien. Sie alle wurden allmählich zu Sibirjaken, indem sie durch das alles in allem recht harte Leben in ihrer neuen Heimat gestählt wurden und eine eigene sibirische Mentalität entwickelten. An die Stelle des Gemeindeeigentums an Grund und Boden trat das Privateigentum. Dieser Prozeß der Bauernverselbständigung wurde von der Regierung Stolypin allseitig gefördert, die die Herausbildung eines wirtschaftlich starken Großbauernstands anstrebte.
Die Ergebnisse der im Zuge des Transsib-Baus erfolgten Umsiedlungskampagne waren beeindruckend. 1907–1914 siedelten 2,44 Millionen Bauern nach Sibirien um, dessen Bevölkerung sich infolgedessen um 153 Prozent vermehrte. In diesem Zeitabschnitt wurde der wirtschaftlichen Entwicklung der Ostgebiete Rußlands ein mächtiger Schub gegeben. In den Jahren von 1906 bis 1913 wurde die gesamte von freien Bauern bewirtschaftete Saatfläche in Sibirien um 80 Prozent vergrößert, während sie im europäischen Rußland infolge des ineffizienten Wirtschaftens des dort vorherrschenden adeligen Großgrundbesitzes um nur 6,2 Prozent erweitert werden konnte. Auch auf dem Gebiet der Viehzucht war die Entwicklung in Sibirien dem europäischen Teil Rußlands weit voraus. Stolypins Saat ging üppig auf. Zum Zeitpunkt der Revolution von 1917 war Sibirien eine vornehmlich landwirtschaftliche Region Rußlands. Nur 13 Prozent der Bevölkerung lebten in Städten. Das Fehlen starker sozialer Unterschiede führte zur Vereinigung verschiedener politischer Parteien unter der Idee des sibirischen Regionalismus, die jedoch nach der Machtübernahme durch den großrussisch denkenden Admiral Koltschak unterdrückt wurde.
Infolgedessen mißlang der Versuch der antibolschewistischen Kräfte, Sibirien zur „weißen Ordnungszelle“ auszubauen. Während Koltschaks Feldzug ins bolschewistisch besetzte europäische Rußland versuchten seine sibirischen Gegner (Sozialrevolutionäre und Menschewisten) mit den Bolschewisten in der Hoffnung zu paktieren, diese würden Sibiriens Unabhängigkeit oder zumindest Autonomie akzeptieren. Die in Sibirien präsenten Truppen der Entente verhielten sich praktisch neutral, abgesehen von den Japanern, die jedoch von den Amerikanern in Schach gehalten wurden. Nach mehreren im europäischen Rußland erlittenen Niederlagen zogen sich Koltschaks Truppen nach Sibirien zurück, wo sie durch Bauernaufstände und sozialrevolutionäre Umtriebe weiter geschwächt wurden. Die Alliierten übergaben schließlich Koltschak den Sozialrevolutionären, die ihn an seine bolschewistischen Henker auslieferten.
Zu Beginn der 1920er Jahre befand sich die Landwirtschaft Sibiriens in einer tiefen Krise. Wegen der hohen Anzahl von Umsiedlern wurde der Boden sehr intensiv genutzt, was schließlich zu dessen Erschöpfung und zu häufigen Mißernten führte. Die Landwirtschaft als solche wurde durch den Bürgerkrieg zwar beeinträchtigt, jedoch nicht zerstört, aber der Zusammenbruch des Exports zerstörte die Nahrungsmittelindustrie und senkte das allgemeine Bauerneinkommen. Die durch die Sowjetmacht praktizierte Requirierung fast des gesamten Getreides (häufig inklusive Saatgut) und die hohe Nahrungsmittelsteuer führten zu zahlreichen antikommunistischen Bauernaufständen, an denen nicht nur Kulaken (Großbauern) und ehemalige „weiße“ Kosaken, sondern auch Kleinbauern und ehemalige „rote“ Partisanen, die im Bürgerkrieg gegen Koltschak gekämpft hatten, aktiv beteiligt waren. Bei der Niederschlagung eines solchen Aufstands in Burjatien 1929 kamen 35.000 Burjaten ums Leben.
In den 1930er Jahren begann die Sowjetmacht landesweit mit der Zwangskollektivierung und gleichzeitigen „Entkulakisierung“, wobei zahlreiche lange in Sibirien ansässige, wohlhabende Bauernfamilien als Kulaken zu „Volksfeinden“ erklärt wurden und Repressalien zum Opfer fielen. Auch weniger wohlhabende, jedoch unwillige Bauern wurden als Kulaken verteufelt. Zahlreiche Kulakenfamilien aus Mittelrußland wurden in dünnbesiedelte, bewaldete oder versumpfte Gegenden Sibiriens verbannt. In Sibirien ansässige Kulaken mußten sich jedoch entweder über die Grenze in Sicherheit bringen oder in sibirische Nordgebiete in Verbannung gehen. Die Kollektivierung bzw. „Entbäuerung“ vernichtete in Sibirien die dortige traditionelle und besonders effiziente Schicht des freien Bauerntums und unterband dessen natürliche Entwicklung.
Nach dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn avancierte Omsk zur größten Stad Sibiriens, wo auch Admiral Koltschak seinen Hauptsitz hatte. Später gab die Sowjetmacht Nowosibirsk den Vorzug. In den 1930er Jahren erfolgte der Bau der ersten Kohlebergwerke und Hüttenwerke im Kusnezker Becken sowie der Betriebe zur Förderung von Nickel und seltenen Erdmetallen in Norilsk. Der nördliche Seeweg erhielt eine wichtige Bedeutung für den Frachtverkehr. Gleichzeitig entstand in Sibirien im Zuge des Wachstums der Strafgefangenenzahl ein weitverzweigtes Netz von Arbeitslagern im Rahmen des GULag-Systems.
1941 wurden zahlreiche sowjetische Industriebetriebe mit den dazugehörigen Arbeitskräften aus kriegsbedrohten Gebieten des europäischen Rußland per Schiene in sibirische Städte evakuiert, wo sie fast sofort ihre frühere Produktion wiederaufnahmen. Nachdem klargeworden war, daß Japan im Krieg gegen die Sowjetunion neutral bleiben würde, wurden zahlreiche sibirische Truppen ins europäische Rußland verlegt, wo sie sich u.a. während der Moskauer Winterschlacht 1941 bewährten.
Die meisten nach Sibirien evakuierten Industriebetriebe blieben auch nach Kriegsende an ihren neuen Standorten. Sie trugen beachtlich zur Entwicklung der sibirischen Industrieproduktion bei und prägten fortan das Bild vieler Städte. Die östlichste dieser Städte war Ulan Ude, weil das noch östlichere Tschita in gefährlicher Nähe zu China lag. Am 28. August 1941 erließ der Oberste Sowjet der UdSSR seinen berüchtigten Erlaß „Über die Umsiedlung der Wolgadeutschen“, wonach diese in entfernte Landgebiete Sibiriens und Kasachstans deportiert wurden. Kurz vor Kriegsende wurden auch zahlreiche deutsche und japanische Kriegsgefangene zu mehreren Jahren Arbeitslager in so gut wie allen Regionen Sibiriens verurteilt. Das Spektrum der von den Kriegsgefangenen verrichteten Zwangsarbeiten variierte vom Gemüseanbau bis hin zum Bau der Baikal-Amur-Eisenbahn.
Im 20. Jahrhundert wurden in Sibirien neue Mineral- und Wasserenergieressourcen erkundet und erschlossen. Viele dieser Vorhaben wurden infolge des Zweiten Weltkriegs und der ständig wechselnden Meinungen führender sowjetischer Politiker abgebrochen bzw. verschoben.
Das wohl bekannteste dieser Vorhaben war das Projekt der Baikal-Amur-Eisenbahnmagistrale (BAM). Sie wurde gleichzeitig mit der Transsibirischen Eisenbahn geplant, doch ihr Bau wurde durch den Ersten Weltkrieg und den Bürgerkrieg verhindert, dann kurz vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen, während des Kriegs gestoppt und erst danach wieder aufgenommen. Nach Stalins Tod wurde der BAM-Bau wieder für lange Jahre unterbrochen und erst unter Breschnew fortgesetzt. Während die BAM unter Stalin durch Häftlinge gebaut worden war, waren es unter Breschnew zahlreiche Freiwillige aus der ganzen Sowjetunion. Viele von ihnen fanden einen neuen Wohnort im Einzugsgebiet der BAM.
Später erlebten Erdöl- und Erdgasförderung einen raschen Aufschwung. In den 1960er und 1970er Jahren wurde eine ganze Kaskade von Wasserkraftwerken am Fluß Angara erbaut. Dadurch konnten große Industriebetriebe mit billigem Strom versorgt werden. All diese industriellen Großprojekte führten jedoch zu erheblichen Umweltschäden. Die vielen Staudämme an der Angara etwa zogen eine erhöhte Feuchtigkeit des Umlands nach sich, was die ohnedies rauhen Klimabedingungen verschlimmerte. Daher mußte auch die bereits begonnene Errichtung eines riesigen Kraftwerks am Fluß Katun im Gebiet Berg-Altai in den 1980er Jahren aufgrund öffentlicher Proteste abgebrochen werden.
Ähnliches geschah auch mit dem wahnwitzigen Projekt der Umkehrung der vier größten Ströme Sibiriens in südliche Richtung zwecks Bewässerung der an immer stärkeren Dürreerscheinungen leidenden riesigen Baumwollanbaugebiete in den sowjetischen Republiken Mittelasiens. Zahlreiche sibirische Städte, die um einen großen Industriebetrieb als einzigen Arbeitgeber entstanden (sogenannte Monostädte), galten als „geschlossene Städte“, weil dort für die Rüstungsindustrie produziert wurde. Aber auch in „offenen“ Städten wie Omsk und Nowosibirsk entfielen gegen Ende der 1980er Jahre bis zu 40 Prozent der Gesamtproduktion auf militärische Güter. Der Zusammenbruch der staatlich finanzierten militärischen Aufträge nach dem Zerfall der Sowjetunion leitete eine akute Wirtschaftskrise ein. Besonders schwer traf es die „stadtbildenden“ Großbetriebe und deren Einzugsgebiete.
Die sibirische Filiale der Russischen Akademie der Wissenschaften umfaßt eine Vielzahl wissenschaftlicher Forschungsinstitute in den größten Städten Sibiriens, unter denen das kernphysische Budker-Institut im Akademischen Städtchen unweit von Nowosibirsk das größte und wichtigste ist. Weitere von Wissenschaftlern bewohnte Städte oder aus Forschungseinrichtungen bestehende Stadtteile, die ebenfalls als „Akademische Städtchen“ bekannt sind, befinden sich in Tomsk, Krasnojarsk und Irkutsk. Dort ist auch die junge sibirische IT-Industrie beheimatet, vor allem in Tomsk und in Nowosibirsk (letzteres ist als „Silicon Taiga“ bekannt). Trotzdem wandern zahlreiche Russen aus wirtschaftlichen Gründen von Sibirien ins europäische Rußland aus. Um den Bevölkerungs- und dementsprechend auch Arbeitskräfteschwund auszugleichen, werben sibirische Stadtbehörden Arbeiter aus den mittelasiatischen Republiken der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und aus China an. Dies führte zur Entstehung der Behauptung von angeblich im russischen Fernen Osten und im Transbaikalgebiet lebenden und arbeitenden Hunderttausenden oder sogar Millionen Chinesen, wobei es sich jedoch um maßlose Übertreibungen handelt.
![]() |
Die Großtat russischer Pioniere bei der Erschließung der unermeßlichen Weiten des rauhen sibirischen Großraums läßt sich nicht hoch genug einschätzen. Die positiven Auswirkungen des Anschlusses Sibiriens mit all seinen Völkern an Rußland sind über jeden Zweifel erhaben. Die gegenseitige Ergänzung, Durchdringung und Befruchtung der Wirtschaften, Kulturen und Religionen der Völker Mittelrußlands und Sibiriens ermöglichten die Herausbildung von Rußlands einzigartigem Flair, während der Heldenmut, die Geistesstärke, die physische Kraft und Ausdauer des durch die Erschließung Sibiriens mehrfach gestählten russischen Volks den Mythos über die rätselhafte russische Volksseele entstehen ließen. In Rußland ist aber die „sibirische Gesundheit“ sprichwörtlich geworden, so daß sich selbst „Mittelrussen“ halb im Ernst, halb zum Scherz „sibirische Gesundheit“ wünschen.
Abschließend sei noch auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen den Begriffen „Kolonisation“ und „Erschließung“ hingewiesen. „Kolonisation“ bedeutet Eroberung eines fremden Gebiets zwecks Ausbeutung von dessen Ressourcen und Bevölkerung mit dem Zweck, den nationalen Reichtum der Kolonisatoren zu mehren. „Erschließung“ bedeutet Eroberung eines fremden Gebiets unter Beibehaltung des Rechts der dortigen eingeborenen Bevölkerung auf eigene autonome Entwicklung, Identität und Gleichberechtigung im Rahmen des Gesamtstaats. Gerade letzteres trifft auf das durch Rußland erschlossene (und nicht kolonisierte) Sibirien voll und ganz zu. Ohne Sibirien wäre Rußland kein Rußland mehr, und umgekehrt.
Wolfgang Akunow (Jg. 1955) ist Schriftsteller und Journalist und war Übersetzer und Dolmetscher Deutsch-Russisch. Er lebt und arbeitet in Moskau und schreibt regelmäßig für das „Abendland“.